DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Generalaudienz von Papst Franziskus: „Gott will alle retten“

„Gott will, dass seine Kinder alle Absonderung überwinden und sich der Universalität des Heils öffnen.“ Das sagte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz an diesem Mittwoch auf dem Petersplatz.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Gott wolle „alle retten“, sagte Franziskus eindringlich. Der Heilige Geist begleite das Evangelium „auf seiner Reise durch die Welt“, und wir sollten uns seiner „Kreativität“ dabei nicht in den Weg stellen.

Der Papst kommentiert in diesen Wochen bei seinen Generalaudienzen Bibelstellen aus der Apostelgeschichte. Diesmal war eine Vision des hl. Petrus aus dem 10. Kapitel dran: Sie lässt den Apostelfürsten verstehen, „dass nicht die Kategorien rein und unrein zählen, sondern der Mensch und die Absicht seines Herzens“. „Denn das, was den Menschen unrein macht, kommt nicht von außen, sondern von innen – das hat Jesus klar gesagt.“

“ Das erste Mal, dass so etwas passiert ”

Franziskus referierte, wie Petrus, durch seine Vision ermuntert, den Heiden Cornelius tauft – ein entscheidender Schritt des Christentums von seinen jüdischen Ursprüngen hin zur Universalität.

„In diesem Haus eines Heiden predigt Petrus den gekreuzigten und auferstandenen Christus und die Vergebung der Sünden für alle, die an ihn glauben. Und während er spricht, kommt der Heilige Geist auf Cornelius und seine Familie herab. Daraufhin tauft Petrus sie im Namen Jesu Christi. Ein außerordentlicher Schritt – es ist das erste Mal, dass so etwas geschieht!“

Petrus hat dazugelernt

Kein Wunder, dass die Gemeinde von Jerusalem dem Petrus daraufhin Vorhaltungen gemacht habe. „Also so etwas! Petrus hat etwas getan, das über das Übliche, über das Gesetz hinausging! Das werfen sie ihm vor. Petrus selbst aber ist nach seiner Begegnung mit Cornelius freier von sich selbst und noch stärker mit Gott und den anderen verbunden. Er hat im Wirken des Heiligen Geistes den Willen Gottes erfahren.“

Der Apostel, als dessen Nachfolger sich die Päpste begreifen, habe damals verstanden, dass Israel durch seine Auserwählung Vermittler des Segens Gottes unter den Völkern sein solle.

“ Sich von den Überraschungen Gottes verzaubern lassen ”

„Liebe Brüder und Schwestern, vom Apostelfürsten lernen wir, dass jemand, der das Evangelium verbreitet, sich dem kreativen Wirken Gottes nicht in den Weg stellen darf, sondern die Begegnung der Herzen mit dem Herrn fördern sollte. Und wir – wie verhalten wir uns denn unseren Schwestern und Brüdern gegenüber? Vor allem den nichtchristlichen gegenüber? Sind wir ein Hindernis für die Begegnung mit Gott? Behindern wir ihre Begegnung mit dem Vater, oder erleichtern wir sie ihnen?

Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden“, zitierte Papst Franziskus aus dem 1. Brief des Paulus an Timotheus (2,4). „Bitten wir heute um die Gnade, uns von den Überraschungen Gottes verzaubern zu lassen und seine Kreativität nicht zu behindern, sondern die immer neuen Wege zu erkennen und zu fördern, durch die der Auferstandene seinen Geist über der Welt ausgießt und sich als ,der Herr aller‘ (Apg 10,36) zu erkennen gibt!“

(vatican news)

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