Papst Franziskus: Barmherzigkeit ist Gottes Herzschlag selbst

Schweizergardist bewacht die Heilige Messe zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit mit Papst Franziskus (AFP or licensors)

Papst Franziskus hat am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit eine große Messe auf dem Petersplatz mit 550 Missionaren der Barmherzigkeit aus aller Welt gefeiert. Dabei benannte er „drei verschlossene Türen“, die uns von der Gnade der Barmherzigkeit trennen – die sich aber öffnen lassen.

Zur Beichte zu gehen, sei freilich nicht immer einfach, räumte der Papst ein. Angst und Scham führten oft genug dazu, dass man sich lieber „hinter verschlossenen Türen“ verschanze wie die Jünger im Evangelium. Franziskus riet zu einer Neubewertung der Scham:  Man solle „sie nicht als eine verschlossene Tür sehen, sondern als den ersten Schritt der Begegnung. Wenn wir Scham verspüren, müssen wir dankbar sein: Es bedeutet nämlich, dass wir das Böse nicht annehmen, und das ist gut. Die Scham ist eine versteckte Einladung der Seele, die den Herrn braucht, um das Böse zu besiegen. Das Drama ist, wenn man sich für nichts mehr schämt. Haben wir keine Angst, Scham zu empfinden! Und gehen wir von der Scham zur Vergebung über!“

Als zweite „verschlossene Tür für die Vergebung  des Herrn“ benannte der  Papst die Resignation, das Aufgeben aller Hoffnung aus Enttäuschung. Für die Jünger schien mit Ostern zunächst alles zu Ende, das „Kapitel Jesu“ vorbei, es hatte sich nichts verändert. In ähnlicher Haltung denken viele Christen heute: „Es ändert sich nicht, ich begehe doch immer die gleichen Sünden“. Dann, so Franziskus „verzichten wir verzagt auf die Barmherzigkeit“. Die Erfahrung der Beichte aber zeige: „Es ist nicht wahr, dass alles beim Alten bleibt. Bei jeder Vergebung werden wir bestärkt, ermutigt, weil wir uns mit jedem Mal geliebter fühlen. Und wenn wir als Geliebte erneut fallen, empfinden wir mehr Schmerz als vorher. Es ist ein wohltuender Schmerz, der uns allmählich von der Sünde trennt. Wir entdecken dann, dass die Kraft des Lebens darin liegt, die Vergebung Gottes zu empfangen und weiter zu gehen, von Vergebung zu Vergebung.“

Die dritte „verschlossene Tür“ sei die Sünde – eine große Sünde, die der betreffende Mensch sich vielleicht selber nicht vergeben kann – und warum sollte sie dann Gott vergeben? „Diese Tür aber ist nur von einer Seite verschlossen, von unserer; für Gott ist sie nie unüberwindlich“, sagte Franziskus. „Wenn wir beichten, geschieht das Unerhörte: Wir entdecken, dass gerade diese Sünde, die uns vom Herrn fernhielt, zum Ort der Begegnung mit ihm wird.“

Am Ende seiner Messe auf dem Petersplatz gratulierte Papst Franziskus den Kirchen des Ostens zu ihrem Osterfest. Er wandte er sich an die weltweit rund 350 Millionen orthodoxen und altorientalischen Gläubigen, die das höchste christliche Fest nach dem Julianischen Kalender begehen. Der auferstandene Christus möge sie „mit Licht und Frieden erfüllen“ und die Gemeinschaften in schwierigen Situationen stärken, sagte Franziskus.

Der unterschiedliche Ostertermin für Katholiken und Orthodoxe geht auf verschiedene Berechnungsarten zurück. So bestimmen die Ostkirchen den Ostertermin nach dem alten Julianischen Kalender und nach einer anderen Methode als die Westkirchen, die dem Gregorianischen Kalender folgen.

(Vatican News – gs)

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DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. ZUM BARMHERZIGKEITSSONNTAG

HEILIGSPRECHUNG VON MARIA FAUSTYNA KOWALSKA
PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.
Sonntag, 30. April 2000

1. »Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig« (Ps 118,1). So betet die Kirche in der Osteroktav, indem sie diese Worte des Psalms geradezu von den Lippen Christi abliest; von den Lippen des auferstandenen Christus, der im Abendmahlssaal die große Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit überbringt und der die Apostel mit dem Auftrag betraut: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch […] Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20,21–23).

Bevor Jesus diese Worte ausspricht, zeigt er seine Hände und seine Seite. Er verweist also auf die Wundmale seines Leidens, insbesondere die Wunde seines Herzens. Es ist die Quelle, aus der die große Woge der Barmherzigkeit entspringt, die sich über die Menschheit ergießt. Aus diesem Herzen wird Schwester Faustyna Kowalska, die wir von nun an »Heilige« nennen, zwei Lichtstrahlen ausgehen sehen, die die Welt erleuchten: »Die beiden Strahlen – so erklärte ihr eines Tages Jesus selbst – bedeuten Blut und Wasser« (Tagebuch der Schwester Maria Faustyna Kowalska, Hauteville/Schweiz, 1990, S. 119).

2. Blut und Wasser! Unsere Gedanken richten sich auf das Zeugnis des Evangelisten Johannes: er sah, als auf dem Kalvarienberg einer der Soldaten mit der Lanze in die Seite Christi stieß, »Blut und Wasser« herausfließen (vgl. Joh 19,34). Und wenn das Blut an das Kreuzesopfer und das Geschenk der Eucharistie denken läßt, so erinnert das Wasser in der Symbolik des Johannes nicht nur an die Taufe, sondern auch an die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Joh 3,5; 4,14; 7,37–39).

Die göttliche Barmherzigkeit erreicht die Menschen durch das Herz des gekreuzigten Christus: »Sage, Meine Tochter, daß Ich ganz Liebe und Barmherzigkeit bin«, so wird Jesus Schwester Faustyna bitten (Tagebuch, a.a.O., S. 337). Diese Barmherzigkeit gießt Christus über die Menschheit durch die Sendung des Heiligen Geistes aus, der in der Dreifaltigkeit die »Person der Liebe« darstellt. Und ist denn nicht die Barmherzigkeit ein »anderer Name« für die Liebe (Dives in misericordia, 7), verstanden im Hinblick auf ihre tiefste und zärtlichste Seite, auf ihre Eigenschaft, sich um jedwede Not zu sorgen, und insbesondere in ihrer grenzenlosen Fähigkeit zur Vergebung?

Meine Freude ist fürwahr groß, der ganzen Kirche heute das Lebenszeugnis von Schwester Faustyna Kowalska gewissermaßen als Geschenk Gottes an unsere Zeit vorzustellen. Die göttliche Vorsehung hat das Leben dieser demütigen Tochter Polens ganz und gar mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden, das wir gerade hinter uns gelassen haben. So hat ihr Christus zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg seine Botschaft der Barmherzigkeit anvertraut. Diejenigen, die sich daran erinnern, weil sie Zeugen der Ereignisse jener Jahre waren und das schreckliche Leid von Millionen von Menschen miterlebten, wissen nur zu gut, wie notwendig die Botschaft von der Barmherzigkeit war.

Jesus sagte zu Schwester Faustyna: »Die Menschheit wird keinen Frieden finden, solange sie sich nicht mit Vertrauen an Meine Barmherzigkeit wendet« (Tagebuch, a.a.O., S. 119). Durch das Werk der polnischen Ordensfrau verband sich diese Botschaft für immer mit dem zwanzigsten Jahrhundert, dem letzten des zweiten Jahrtausends und der Brücke hin zum dritten Jahrtausend. Diese Botschaft ist nicht neu, obgleich sie als ein Geschenk besonderer Erleuchtung angesehen werden kann, die uns hilft, die österliche Frohbotschaft erneut intensiv zu erleben, um sie den Männern und Frauen unserer Zeit wie einen Lichtstrahl anzubieten.

3. Was werden die vor uns liegenden Jahre mit sich bringen? Wie wird die Zukunft des Menschen hier auf Erden aussehen? Dies zu wissen ist uns nicht gegeben. Dennoch ist gewiß, daß neben neuen Fortschritten auch schmerzliche Erfahrungen nicht ausbleiben werden. Doch das Licht der göttlichen Barmherzigkeit, das der Herr durch das Charisma von Schwester Faustyna der Welt gleichsam zurückgeben wollte, wird den Weg der Menschen des dritten Jahrtausends erhellen.

Es ist notwendig, daß – so wie seinerzeit die Apostel – auch die Menschheit von heute im Abendmahlssaal der Geschichte den auferstandenen Christus aufnimmt, der die Wundmale seiner Kreuzigung zeigt und wiederholt: Friede sei mit euch! Die Menschheit muß sich vom Geist, den der auferstandene Christus ihr schenkt, erreichen und durchdringen lassen. Es ist der Geist, der die Wunden des Herzens heilt, der die Schranken niederreißt, die uns von Gott entfernen und die uns untereinander trennen, und der die Freude über die Liebe des Vaters und über die brüderliche Einheit zurückschenkt.

4. Daher ist es wichtig, daß wir am heutigen zweiten Sonntag in der Osterzeit, der von nun an in der ganzen Kirche den Namen »Barmherzigkeitssonntag« haben wird, die Botschaft des Wortes Gottes in ihrer Gesamtheit erfassen. In den verschiedenen Lesungen scheint die Liturgie den Weg der Barmherzigkeit nachzuzeichnen: Indem sie diese Beziehung eines jeden zu Gott wiederherstellt, er weckt sie auch unter den Menschen ein neues Verhältnis brüderlicher Solidarität. Christus hat uns gelehrt, daß »der Mensch das Erbarmen Gottes nicht nur empfängt und erfährt, sondern auch berufen ist, an seinen Mitmenschen ›Erbarmen zu üben‹: ›Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden‹ (Mt 5,7)« (Dives in misericordia, 14). Sodann hat er uns die vielfältigen Wege der Barmherzigkeit aufgezeigt, die nicht nur Sünden vergibt, sondern die auch allen Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt. Jesus hat sich zu jedem menschlichen Elend hinabgebeugt, sei es materieller oder geistlicher Natur.

Seine Botschaft der Barmherzigkeit erreicht uns weiterhin durch die Geste seiner zum leidenden Menschen hin ausgestreckten Hände. So hat ihn Schwester Faustyna gesehen und ihn den Menschen aller Kontinente verkündet. Im Konvent von Lagiewniki, in Krakau, machte sie ihr Dasein zu einem Lobgesang auf die Barmherzigkeit: »Misericordias Domini in aeternum cantabo«. [Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen] (Ps 88 [89], 2.)

5. Die Heiligsprechung von Schwester Faustyna ist außerordentlich bedeutsam: durch diese Geste möchte ich heute dem neuen Jahrtausend diese Botschaft übermitteln. Ich übergebe sie allen, damit sie lernen, immer besser das wahre Antlitz Gottes und das wahre Antlitz der Brüder zu erkennen.

Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Brüdern sind nämlich untrennbar miteinander verbunden, wie uns der erste Brief des Johannes ins Gedächtnis gerufen hat: »Wir erkennen, daß wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote er füllen« (5,2). Der Apostel erinnert uns hier an die Wahrheit der Liebe, indem er uns die Befolgung der Gebote als deren Maß und Richtschnur aufzeigt.

Es ist nämlich nicht leicht, mit einer tiefen Liebe zu lieben, die in der wahrhaftigen Gabe der eigenen Person besteht. Diese Liebe erlernt man allein in der Schule Gottes, durch die Wärme seiner Liebe. Indem wir unseren Blick zu ihm hinwenden und uns auf sein Vaterherz hin ausrichten, werden wir befähigt, mit anderen Augen auf die Brüder zu schauen, in einer Haltung der Selbstlosigkeit und der Anteilnahme, der Großherzigkeit und Vergebung. All dies ist Barmherzigkeit!

Je nachdem wie die Menschheit es verstehen wird, das Geheimnis dieses barmherzigen Blickes zu erfahren, wird sich das idealisierte, in der ersten Lesung vorgestellte Bild als eine realisierbare Perspektive herausstellen: »Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam« (Apg 4,32). Hier wurde die Barmherzigkeit des Herzens auch zum Stil der Beziehungen untereinander, zum Projekt der Gemeinschaft und zur gemeinsamen Teilhabe an den Gütern. Hier sind die »Werke der Barmherzigkeit« geistiger und leiblicher Art aufgeblüht. Hier hat sich die Barmherzigkeit konkret zum »Nächsten« gegenüber den notleidenden Brüdern gemacht.

6. Schwester Faustyna Kowalska hat in ihrem Tagebuch geschrieben: »Ich empfinde furchtbaren Schmerz, wenn ich auf die Leiden meiner Nächsten schaue. Alle Leiden meiner Nächsten finden in meinem Herzen einen Widerschein. Ihre Qualen trage ich dermaßen im Herzen, daß ich sogar physisch ausgemergelt bin. Ich wünschte, daß alle Qualen über mich kämen, um meinen Nächsten dadurch Linderung zu verschaffen« (Tagebuch, a.a.O., S. 329). Hier wird deutlich, bis zu welchem Grad der Anteilnahme die Liebe führt, wenn sie sich an der Liebe Gottes mißt!

Von dieser Liebe muß sich die Menschheit von heute inspirieren lassen, um die Sinnkrise in Angriff zu nehmen, die Herausforderungen, die sich durch verschiedene Bedürfnisse stellen, besonders durch den Anspruch, die Würde einer jeden menschlichen Person zu wahren. Die Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit stellt somit implizit auch eine Botschaft vom Wert eines jeden Menschen dar. Jede Person ist in den Augen Gottes wertvoll, für jeden einzelnen hat Christus sein Leben hingegeben, jedem macht der Vater seinen Geist zum Geschenk und bietet Zugang in sein Innerstes.

7. Diese trostreiche Botschaft wendet sich vor allem an denjenigen, der – von harten Prüfungen gequält oder von der Last der begangenen Sünden erdrückt – jedes Vertrauen in das Leben verloren hat oder der versucht ist, zu verzweifeln. Ihm stellt sich das sanfte Antlitz Christi vor, über ihn kommen die Strahlen, die aus seinem Herzen hervorgehen, und sie erhellen, erwärmen, weisen den Weg und flößen Hoffnung ein. Wie viele Seelen hat die Anrufung »Jesus, ich vertraue auf dich«, die ihnen die Vorsehung durch Schwester Faustyna nahegelegt hat, bereits getröstet. Dieser schlichte Akt der Hingabe an Jesus reißt die dichtesten Wolken auf und läßt einen Lichtstrahl auf das Leben eines jeden herabkommen.

8. »Misericordia Domini in aeternum cantabo.« [Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen] (Ps 88 [89], 2.) Mit der Stimme der allerseligsten Maria, der »Mutter der Barmherzigkeit«, mit der Stimme dieser neuen Heiligen, die im himmlischen Jerusalem gemeinsam mit allen Freunden Gottes die Barmherzigkeit besingt, vereinen auch wir, die pilgernde Kirche, unsere Stimme.

Und du, Faustyna, Geschenk Gottes an unsere Zeit, Geschenk Polens an die ganze Kirche, hilf uns, die Tiefe der göttlichen Barmherzigkeit zu erfassen, von ihr eine lebendige Erfahrung zu machen und diese vor unseren Brüdern zu bezeugen. Deine Botschaft des Lichtes und der Hoffnung verbreite sich in der ganzen Welt, sie führe die Sünder zur Umkehr, sie besänftige die Rivalitäten und den Haß und öffne die Menschen für eine gelebte Brüderlichkeit. Indem wir mit dir den Blick auf das Antlitz des auferstandenen Christus richten, machen wir uns dein Gebet der vertrauensvollen Hingabe zu eigen und sprechen mit fester Hoffnung: »Jesus, ich vertraue auf dich!«

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Quelle

Andachtsübungen zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit – mit Ablässen

APOSTOLISCHE PÖNITENTIARIE

DEKRET

Andachtsübungen zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit
mit Ablässen verbunden 



»Großer Gott, dein Erbarmen und deine Güte sind unerschöpflich …« (Gebet nach dem Te deum), und »Großer Gott, du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen . . .« (Tagesgebet vom 26. Sonntag im Jahreskreis), singt die Heilige Mutter Kirche in Demut und Treue. Gottes unermeßliche Zuwendung sowohl dem gesamten Menschengeschlecht als auch dem einzelnen Menschen gegenüber leuchtet vor allem dann auf, wenn Sünden und moralische Fehler vom allmächtigen Gott vergeben und die Schuldigen wieder in väterlicher Liebe zur Freundschaft mit ihm zugelassen werden, die sie verdientermaßen verloren hatten.

Die Gläubigen werden dadurch in ihrem Herzinnersten zum Gedächtnis und zur andächtigen Feier der Geheimnisse der göttlichen Vergebung bewogen. Sie erfassen auch sehr gut die hohe Angemessenheit, ja Pflichtschuldigkeit, daß das Volk Gottes die Göttliche Barmherzigkeit durch besondere Gebetstexte lobpreist und daß es gleichzeitig, nachdem es die erforderlichen Werke dankbaren Herzens vollbracht und die notwendigen Bedingungen erfüllt hat, geistlichen Gewinn aus dem Schatz der Kirche ziehen kann. »Das Paschamysterium ist der Gipfelpunkt der Offenbarung und Verwirklichung des Erbarmens, das den Menschen zu rechtfertigen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen vermag im Sinne der Heilsordnung, die Gott vom Anbeginn her im Menschen und durch ihn in der Welt wollte« (Enzyklika Dives in Misericordia, 7).

Die Göttliche Barmherzigkeit weiß tatsächlich auch die schwersten Sünden zu vergeben, aber während sie es tut, bewegt sie die Gläubigen dazu, einen übernatürlichen, nicht nur psychologischen Schmerz über die eigenen Sünden zu verspüren, damit die Gläubigen, immer mit Hilfe der göttlichen Gnade, den festen Vorsatz fassen, nicht mehr zu sündigen. Mit einer solchen inneren Haltung erlangt der Gläubige wirklich die Vergebung der Todsünden, wenn er das Bußsakrament fruchtbringend empfängt oder sie in einem Akt vollkommenen Schmerzes und vollkommener Liebe bereut mit dem Vorsatz, baldmöglichst das Bußsakrament zu empfangen. Denn unser Herr Jesus Christus lehrt uns im Gleichnis des verlorenen Sohnes, daß der Sünder sein Elend vor Gott mit den Worten »Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein« (Lk 15, 18–19) bekennen und auch spüren muß, daß es Gottes Werk ist: Er »war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden« (Lk 15, 32).

Unter dem Antrieb der Liebe des Barmherzigen Vaters und mit vorausschauender pastoraler Einfühlsamkeit wollte Papst Johannes Paul II. diese Gebote und Lehren des christlichen Glaubens tief in die Herzen der Gläubigen einsenken. Deshalb hat er den zweiten Sonntag der Osterzeit dazu bestimmt, dieser Gnadengaben mit besonderer Verehrung zu gedenken, und ihn mit der Bezeichnung »Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit« versehen (Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Dekret Misericors et miserator, 5. Mai 2000).

Im Evangelium vom zweiten Sonntag der Osterzeit wird von den Wundertaten erzählt, die unser Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung in der ersten öffentlichen Erscheinung vollbracht hat: »Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 19–23).

Damit die Gläubigen diese Feier mit ganzem Herzen begehen, hat der Papst festgelegt, daß der vorgenannte Sonntag – wie in der Folge noch näher erklärt wird – mit dem vollkommenen Ablaß ausgestattet wird. Das hat den Zweck, daß die Gläubigen das Geschenk des Trostes des Heiligen Geistes in höherem Maß empfangen und so eine wachsende Liebe zu Gott und zum Nächsten entfalten können und, nachdem sie selbst die Vergebung Gottes empfangen haben, ihrerseits angeregt werden, sogleich den Brüdern und Schwestern zu vergeben.

Die Gläubigen werden dann den Geist des Evangeliums vollkommener beobachten, indem sie ihr Innerstes erneuern, entsprechend den Worten und der Einführung des II. Ökumenischen Vatikanischen Konzils: »Die Christen können, eingedenk des Wortes des Herrn: ›Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt‹ (Joh13, 35), nichts sehnlicher wünschen, als den Menschen unserer Zeit immer großherziger und wirksamer zu dienen … Der Vater will, daß wir in allen Menschen Christus als Bruder sehen und lieben in Wort und Tat« (Pastoralkonst. Gaudium et spes, 93).

Mit dem brennenden Wunsch, im christlichen Volk diese Verehrung der Göttlichen Barmherzigkeit auf Grund der von ihr zu erhoffenden reichen geistlichen Früchte zu fördern, hat der Papst in der Audienz am 13. Juni 2002 sich gewürdigt, den unterzeichneten Seiten der Apostolischen Pönitentiarie die Ablässe unter folgenden Bedingungen zu gewähren:

Der vollkommene Ablaß wird unter den gewohnten Bedingungen (Empfang des Bußsakraments, der heiligen Eucharistie und Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters) dem Gläubigen gewährt, der mit reinem, jeder, auch der läßlichen Sünde abgewandtem Herzen am zweiten Sonntag der Osterzeit, das heißt, dem »der Göttlichen Barmherzigkeit«, in einer Kirche oder einem Oratorium an den zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit durchgeführten Andachtsübungen teilnimmt oder wenigstens vor dem Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie – öffentlich ausgesetzt oder im Tabernakel aufbewahrt – das »Vater unser« und das »Credo« betet mit dem Zusatz einer kurzen Anrufung des Barmherzigen Herrn Jesus (z.B. »Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich!«)

Ein Teilablaß wird dem Gläubigen gewährt, wenn er mit reuigem Herzen an den Barmherzigen Herrn Jesus eine der rechtmäßig genehmigten Anrufungen richtet.

Die Seefahrer, die ihre Pflicht im weiten Meer tun; die zahllosen Brüder und Schwestern, die durch das Unheil des Krieges, die politischen Wirrnisse, die Unbarmherzigkeit der Orte und aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen haben; die Kranken und ihre Pfleger und alle, die aus berechtigten Gründen nicht außer Haus gehen können oder zugunsten der Gemeinschaft eine unaufschiebbare Tätigkeit ausüben, können den vollkommenen Ablaß am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit gewinnen, wenn sie unter vollständiger Abkehr von jeder Sünde, wie zuvor gesagt, und mit dem Vorsatz, baldmöglichst die drei gewohnten Bedingungen zu erfüllen, vor dem Bild Unseres Barmherzigen Herrn Jesus das »Vater unser« und das Glaubensbekenntnis beten und eine Anrufung an den Barmherzigen Herrn Jesus hinzufügen (z.B. »Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich«).

Sollte den Gläubigen auch das nicht möglich sein, können an demselben Tag den vollkommenen Ablaß erlangen, die sich in der Absicht und Gesinnung des Herzens geistig mit denen vereinen, die in ordentlicher Weise das für den Ablaß vorgeschriebene Werk erfüllen und dem Barmherzigen Gott ein Gebet und die Leiden, die Krankheit und die Beschwerlichkeiten ihres Lebens aufopfern, wobei auch sie den Vorsatz haben, baldmöglichst die für die Gewinnung des vollkommenen Ablasses vorgeschriebenen drei Bedingungen zu erfüllen.

Die Priester, die den pastoralen Dienst versehen, vor allem die Pfarrer, sollen ihre Gläubigen in der angemessensten Weise von dieser heilsamen Verfügung der Kirche unterrichten; sie sollen selbstlos und hilfsbereit deren Beichte hören und am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit nach der Feier der heiligen Messe oder der Vesper oder während einer Andacht zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit die vorgenannten Gebete mit der dem Ritus entsprechenden Würde leiten; sie sollen, gemäß dem Wort des Herrn: »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5, 7), die Gläubigen in der Katechese behutsam dazu drängen, so häufig wie möglich Werke der Barmherzigkeit zu tun und dem Beispiel und Auftrag Jesu Christi folgen, wie es in der zweiten allgemeinen Gewährung des Enchiridion Indulgentiarum angegeben ist.

Das vorliegende Dekret bleibt immer in Kraft, ungeachtet jeglicher gegenteilig lautenden Vorschrift. 

Rom, beim Sitz der Apostolischen Pönitentiarie, am 29. Juni 2002, am Hochfest der hll. Apostel Petrus und Paulus 2002. 

LUIGI DE MAGISTRIS
Titularerzbischof von Nova
Pro-Großpönitentiar 

GIANFRANCO GIROTTI, O. F. M. Conv. 
Regent

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„WIE VIELE GESICHTER HAT DIE BARMHERZIGKEIT GOTTES!“

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Papstpredigt bei der Vigil zum Barmherzigkeitssontag — Volltext

Am Samstagabend, dem 2. April, fand auf dem Petersplatz in Rom die Gebetsvigil zum Barmherzigkeitssontag statt. Papst Franziskus hielt dabei eine Predigt, die wir hier in der offiziellen Übersetzung dokumentieren.

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Voll Freude und Dankbarkeit halten wir gemeinsam diesen Moment des Gebets, der uns in den Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit einführt. Dieser Tag war der große Wunsch des heiligen Johannes Paul II. – vor elf Jahren wie heute, im Jahr 2005 ist er von uns gegangen; er wollte diesen Tag, um damit eine Bitte der heiligen Faustyna zu erfüllen. Die Zeugnisse, die vorgetragen wurden – und für die wir danken –, und die Lesungen, die wir gehört haben, sind ein Licht- und Hoffnungsstrahl, um in den großen Ozean der Barmherzigkeit Gottes einzutreten. Wie viele Gesichter hat seine Barmherzigkeit, mit denen er uns entgegenkommt? Es sind wirklich sehr viele; es ist unmöglich, sie alle zu beschreiben, denn die Barmherzigkeit Gottes wächst beständig. Gott wird nie müde, sie zum Ausdruck zu bringen, und wir sollten uns nie daran gewöhnen, sie zu empfangen, zu suchen und zu ersehnen. Sie ist etwas stets Neues, das Staunen und Verwunderung hervorruft, wenn wir den großen schöpferischen Erfindungsreichtum Gottes sehen, wenn er uns mit seiner Liebe entgegenkommt.

Gott hat sich geoffenbart und mehrmals seinen Namen kundgetan, und dieser Name ist „Barmherzigkeit“ (vgl. Ex 34,6). So groß und unendlich wie das Wesen Gottes, so groß und unendlich ist seine Barmherzigkeit, derart, dass es ein schwieriges Unterfangen scheint, sie in allen ihren Aspekten zu beschreiben. Wenn wir die Seiten der Heiligen Schrift durchgehen, sehen wir, dass die Barmherzigkeit zuallererst die Nähe Gottes zu seinem Volk ist. Eine Nähe, die sich vor allem als Hilfe und Schutz ausdrückt und zeigt. Es ist die Nähe eines Vaters und einer Mutter, die sich im schönen Bild des Propheten Hosea widerspiegelt. Er sagt so: „Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen“ (11,4). Die Umarmung eines Vaters und einer Mutter mit ihrem Kind. Dieses Bild ist sehr ausdrucksstark: Gott nimmt einen jeden von uns und hebt uns an seine Wange. Wie viel Zärtlichkeit steckt in diesem Bild, wie viel Liebe drückt es aus! Zärtlichkeit: ein fast vergessenes Wert – und die Welt von heute, wir alle, brauchen sie. Ich habe an dieses Wort des Propheten gedacht, als ich das Logo des Heiligen Jahres sah. Jesus trägt auf seinen Schultern nicht nur die Menschheit, sondern seine Wange liegt so eng an der Wange Adams, dass die beiden Gesichter scheinbar zu einem verschmelzen.

Wir haben keinen Gott, der uns nicht verstehen und nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche (vgl. Hebr 4,15). Im Gegenteil! Gerade kraft seiner Barmherzigkeit ist Gott einer von uns geworden: „Der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. Mit Menschenhänden hat er gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht, mit einem menschlichen Willen hat er gehandelt, mit einem menschlichen Herzen geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde“ (Gaudium et spes, 22). In Jesus können wir daher die Barmherzigkeit des Vaters nicht nur mit Händen greifen, sondern wir sind angespornt, selbst ein Werkzeug der Barmherzigkeit zu werden. Es kann leicht sein, über Barmherzigkeit zu reden, während es viel anstrengender ist, sie konkret zu bezeugen. Dies ist ein Weg, der das ganze Leben dauert und keinen Stillstand kennen darf. Jesus hat uns gesagt, dass wir „barmherzig wie der Vater“ (vgl. Lk 6,36) sein müssen. Und dies beansprucht das ganze Leben.

Wie viele Gesichter hat also die Barmherzigkeit Gottes! Sie wird uns kundgetan als Nähe und Zärtlichkeit, aber kraft dessen auch als Mitleid und Teilhabe, als Trost und Vergebung. Je mehr einer sie empfängt, umso mehr ist er aufgerufen, sie anzubieten, mitzuteilen; man kann sie nicht versteckt halten, noch sie nur für sich selbst behalten. Sie ist etwas, das das Herz durchglüht und Liebe hervorruft, wenn wir das Antlitz Jesu Christi vor allem in dem erkennen, der weiter weg, schwächer, einsamer, besorgter und ausgegrenzter ist. Die Barmherzigkeit steht nicht still: sie macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf, und wenn sie es wiederfindet, zeigt sie eine ansteckende Freude. Die Barmherzigkeit versteht es, jeder Person in die Augen zu sehen; jeder Mensch ist für sie wertvoll, weil jeder einzigartig ist. Wie viel Schmerz spüren wir im Herzen, wenn wir sagen hören: „Diese Leute… diese Leute, diese armen Kerle, stoßen wir sie hinaus, lassen wir sie auf der Straße schlafen…“ Kommt dies von Jesus?

Liebe Brüder und Schwestern, die Barmherzigkeit darf uns nie unbewegt lassen. Die Liebe Christi „beunruhigt“ uns, solange wir nicht das Ziel erreicht haben; sie drängt uns, alle, die der Barmherzigkeit bedürfen, zu umarmen und an uns zu drücken, sie teilhaben zu lassen, um zu ermöglichen, dass alle mit dem Vater versöhnt werden (vgl. 2 Kor 5,14-20). Wir dürfen keine Angst haben. Sie ist eine Liebe, die uns erreicht und soweit teilhaben lässt, dass wir aus uns herausgehen, um uns zu erlauben, sein Antlitz in dem der Brüder und Schwestern zu erkennen. Lassen wir uns von dieser Liebe folgsam führen, und wir werden barmherzig wie der Vater.

Wir haben das Evangelium gehört: Thomas war ein Dickkopf. Er hat nicht geglaubt. Und er kam zum Glauben gerade, als er die Wunden des Herrn berührte. Ein Glaube, der sich nicht in die Wunden des Herrn legen kann, ist kein Glaube! Ein Glaube, der nicht barmherzig sein kann, wie die Wunden des Herrn ein Zeichen der Barmherzigkeit sind, ist kein Glaube: er ist eine Idee, eine Ideologie. Unser Glaube ist Fleisch geworden in einem Gott, der Fleisch geworden ist, der zur Sünde geworden ist, der für uns verwundet wurde. Aber wenn wir ernsthaft glauben wollen und Glauben haben wollen, müssen wir näher kommen und jene Wunde berühren, wir müssen jene Wunde streicheln und auch das Haupt beugen und zulassen, dass die anderen unsere Wunden streicheln.

Es ist also gut, dass der Heilige Geist unsere Schritte lenkt: Er ist die Liebe, Er ist die Barmherzigkeit, die sich in unsere Herzen hinein mitteilt. Setzen wir seinem lebenspendenden Handeln keine Hindernisse, sondern folgen wir ihm fügsam auf seinen Wegen, die Er uns zeigt. Halten wir unser Herz offen, damit der Geist es verwandeln kann; und so werden wir nach unserer eigenen Vergebung und Versöhnung, wenn wir hineingetaucht sind in die Wunden des Herrn, zu Zeugen der Freude, die aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn hervorgeht, der unter uns lebt.

[Segen]

Als ich neulich mit den Leitern einer karitativen Hilfsorganisation sprach, kam es zu folgender Idee, und ich dachte: „Diese erwähne ich am Samstag auf dem Petersplatz“. Wie schön wäre es, wenn es gleichsam als Erinnerung, sagen wir als „Denkmal“ des Jahres der Barmherzigkeit, in jeder Diözese ein Bauwerk der Barmherzigkeit gäbe: ein Krankenhaus, ein Seniorenheim, ein Kinderheim, eine Schule, wo es noch keine gab, ein Haus, um Drogenabhängige wieder einzugliedern… Man kann viele Dinge tun… Es wäre schön, wenn jede Diözese darüber nachdenken würde: Was kann ich als lebendige Erinnerung, als Werk der lebendigen Barmherzigkeit, als Wunde des lebendigen Jesus für dieses Jahr der Barmherzigkeit hinterlassen? Denken wir darüber nach und sprechen wir darüber mit den Bischöfen. Danke.

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Quelle

„Das Evangelium der Barmherzigkeit bleibt ein offenes Buch“

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© PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstpredigt am Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit — Volltext

Am heutigen Sonntag der „Göttlichen Barmherzigkeit“, feierte Papst Franziskus die Heilige Messe auf dem Petersplatz. Wir übernehmen im Wortlaut die offizielle Übersetzung der Papstpredigt.

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„Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan“ (Joh 20,30). Das Evangelium ist das Buch der Barmherzigkeit Gottes, das gelesen und wieder gelesen werden muss. Denn alles, was Jesus gesagt und getan hat, ist Ausdruck der Barmherzigkeit des Vaters. Aber nicht alles ist aufgeschrieben: Das Evangelium der Barmherzigkeit bleibt ein offenes Buch, in dem die Zeichen der Jünger Christi – konkrete Taten der Liebe als das beste Zeugnis der Barmherzigkeit – weiter aufzuschreiben sind. Wir alle sind berufen, lebendige Schreiber des Evangeliums, Überbringer der Guten Nachricht für alle Männer und Frauen von heute zu werden. Wir können dies tun, indem wir die Werke der leiblichen und der geistigen Barmherzigkeit vollbringen. Sie sind die Grundhaltung des christlichen Lebens. Durch diese einfachen und doch großen, mitunter selbst kaum sichtbaren Taten können wir alle, die in Not sind, aufsuchen und ihnen die Zärtlichkeit und den Trost Gottes bringen. So wird das weitergeführt, was Jesus am Ostertag getan hat, als er in die Herzen der verängstigten Jünger die Barmherzigkeit des Vaters, über sie den Heiligen Geist, der die Sünden vergibt und die Freude schenkt, ausgegossen hat.

Im Bericht, den wir gehört haben, taucht jedoch ein offenkundiger Gegensatz auf: Da ist die Furcht der Jünger, die die Tür des Hauses verschließen; anderseits gibt es die Sendung durch Jesus, der die Jünger in die Welt sendet, die Botschaft von der Vergebung zu bringen. Auch in uns mag dieser Gegensatz vorhanden sein, ein innerer Kampf zwischen dem Verschließen des Herzens und des Rufs der Liebe, die verschlossenen Türen zu öffnen und aus uns hinauszugehen. Christus, der aus Liebe durch die verschlossenen Türen der Sünde, des Todes und der Unterwelt eingetreten ist, möchte auch bei jedem eintreten, um die verschlossen Türen des Herzens aufzureißen. Durch die Auferstehung hat er die Angst und die Furcht überwunden, die uns gefangen halten; er will unsere verschlossen Türen aufreißen und uns senden. Der Weg, den uns der auferstandene Meister zeigt, ist eine Einbahnstraße und verläuft in eine einzige Richtung: aus uns selbst herausgehen, herausgehen, um die heilende Kraft der Liebe, von der wir ergriffen worden sind, zu bezeugen. Vor uns sehen wir eine oft verwundete und ängstliche Menschheit, welche die Narben des Schmerzes und der Unsicherheit trägt. Angesichts des leidenden Rufs nach Barmherzigkeit und Frieden hören wir, wie heute Jesus an jeden von uns die zuversichtliche Aufforderung richtet: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (V. 21).

Jede Krankheit kann in der Barmherzigkeit Gottes eine wirksame Hilfe finden. Seine Barmherzigkeit bleibt nämlich nicht auf Distanz: Sie möchte allen Armseligkeiten entgegenkommen und uns von den vielen Formen der Sklaverei, die unsere Welt plagen, befreien. Sie möchte die Wunden eines jeden erreichen, um sie zu behandeln. Apostel der Barmherzigkeit zu sein bedeutet, seine Wunden zu berühren und zu streicheln, die auch heute am Leib und an der Seele vieler seiner Brüder und Schwestern vorhanden sind. Indem wir diese Wunden versorgen, bekennen wir Jesus, machen wir ihn gegenwärtig und lebendig; wir ermöglichen es anderen, die so seine Barmherzigkeit mit Händen greifen, ihn als „Herrn und Gott“ (vgl. V. 28) zu erkennen, wie es der Apostel Thomas getan hat. Das ist die Sendung, die uns anvertraut wird. Viele Menschen bitten darum, gehört und verstandenzu werden. Das Evangelium der Barmherzigkeit, das durch das Leben verkündet und geschrieben werden muss, sucht Menschen mit einem geduldigen und offenen Herzen, „gute Samariter“, die mitleiden und schweigen können vor dem Geheimnis des Bruders und der Schwester; es verlangt großherzige und freudige Diener, die unentgeltlich lieben, ohne etwas dafür zu verlangen.

„Friede sei mit euch!“ (V. 21): Es ist der Gruß, den Jesus seinen Jüngern entbietet; es ist der gleiche Friede, auf den die Menschen unserer Zeit warten. Es ist kein ausgehandelter Friede, es heißt nicht, etwas aufzuheben, was nicht geht: Es ist sein Friede, der Friede, der vom Herzen des Auferstandenen kommt, der Friede, der die Sünde, den Tod und die Angst überwunden hat. Es ist der Friede, der nicht trennt, sondern eint; der Friede, der nicht allein lässt, sondern uns spüren lässt, dass wir angenommen und geliebt sind. Wie am Ostertag entspringt dieser Friede immer und immer neu der Vergebung Gottes, der die Unruhe vom Herzen wegnimmt. Überbringerin seines Friedens zu sein – das ist die Sendung, die der Kirche am Ostertag aufgetragen wird. In Christus wurden wir als Werkzeuge der Versöhnung geboren, um allen die Vergebung des Vaters zu bringen, um sein Antlitz der bloßen Liebe in den Zeichen der Barmherzigkeit zu offenbaren.

Im Antwortpsalm wurde verkündet: „Denn seine Huld währt ewig“ (Ps 118,2). Es stimmt, seine Barmherzigkeit ist ewig; sie hat kein Ende, sie erschöpft sich nicht, sie gibt gegenüber der Verschlossenheit nicht auf und wird nie müde. In diesem „ewig“ finden wir Halt in den Momenten der Prüfung und der Schwäche, weil wir dessen gewiss sind, dass Gott uns nicht verlässt: Er bleibt ewig bei uns. Danken wir für seine so große Liebe, die wir unmöglich begreifen können: sie ist riesengroß! Bitten wir um die Gnade, nie müde zu werden, von der Barmherzigkeit des Vater zu schöpfen und sie in die Welt zu bringen: Bitten wir darum, dass wir selbst barmherzig sind, um überall die Kraft des Evangeliums zu verbreiten, um jene Seiten des Evangeliums zu schreiben, die der Apostel Johannes nicht geschrieben hat.

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ECHTE UND FALSCHE BARMHERZIGKEIT

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Impuls zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit,
Jahreskreis C — 3. April 2016

Seit Jahren tobt in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens ein unbarmherziger und zugleich sinnloser Krieg, der in der letzten Zeit sich nach und nach auf Europa ausdehnt. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

In diesem Jahr hat die Kirche, hat der Hl. Vater immer wieder die Barmherzigkeit Gottes beschworen, die unsere einzige Rettung ist. Es ist nämlich nicht unmöglich, dass die Menschen den Spieß umdrehen und das Wort Jesu befolgen: „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ (Lk 6,36)

Wie recht hatte doch der hl. Johannes Paul II., als er kurz vor seinem Tod den so genannten Barmherzigkeitssonntag einführte, der am Sonntag nach Ostern in der ganzen Kirche begangen wird. Für unsere unbarmherzige Welt in der Tat bitter notwendig.

Barmherzigkeit (im Lateinischen Misericordia: darin steckt das Wort miser = elend und cor = Herz) ist gewissermaßen eine der Haupteigenschaften Gottes – auch die Muslime sprechen von „Gott, dem Allerbarmer“ – und schon im Alten Testament zeigt der allmächtige Gott, wie sehr er die Menschen liebt, die ihn so oft enttäuschen, und wie er immer wieder Barmherzigkeit zu üben bereit ist.

In ergreifender Weise spricht Gott durch den Propheten Hosea davon, wie seine Barmherzigkeit gewissermaßen im Streit liegt mit seiner Gerechtigkeit, und wie die Barmherzigkeit trotz aller Undankbarkeit der Menschen obsiegt.

„Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. Sie opferten den Baalen und brachten den Götterbildern Rauchopfer dar. Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war für sie wie die (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen. Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? Wie könnte ich dich preisgeben wie Adma, dich behandeln wie Zebojim? Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte…“ (Hos 11,1-4.7-9)

So aktuell wie der Barmherzigkeitssonntag, so aktuell ist auch das, was Gott durch den Propheten Hosea uns Menschen zum Vorwurf machen kann. Auch heute bringen wir den Götterbildern Rauchopfer dar. Für die Götzen Geld, Sex und Gewalt ist uns kein Opfer zu groß. Und auch wir opfern den Baalen. In der alten Zeit warfen die Menschen ihre Kinder in den Feuerofen des Baal und des Moloch.

Heute werden sie – allerdings in viel größerer Zahl – in den Abtreibungskliniken getötet, in sauberen Kitteln und ganz aseptisch. Eine unglaubliche Zahl von Kindern, jeden Tag etwa 10 Klassenzimmer, sagte einmal Kardinal Meisner. Der  Kölner Erzbischof fährt fort, die Liberalisierung des Paragraphen 218 im Jahr 1995 habe eine de-facto-Freigabe der Abtreibung gebracht. „Damit haben wir die Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche, in die Barbarei geführt.“

Wir brauchen also den Blick gar nicht so weit gehen zu lassen. In Syrien wird die Gewalt irgendwann enden, aber bei uns ist kein Ende abzusehen. Ja, schlimmer: das Übel nimmt zu.

Ohne dem Kultur-Pessimismus das Wort reden zu wollen, muss man leider feststellen, dass sich im Laufe der letzten 50 Jahre eine stetige Abwärtsentwicklung erkennen lässt.

In der Aufbruchszeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs, und nachdem die menschenverachtende Herrschaft der Nazis zu Ende gegangen war, hatte man in Deutschland in der Öffentlichkeit ein vergleichsweise hohes moralisches Niveau. Abtreibung oder gar Euthanasie waren undenkbar – das machten ja die Nazis.

Aber hier zeigte sich bald die Macht des Geldes. Mit diesen Dingen, Abtreibung und neuerdings auch PID u.a., lässt sich unendlich viel Geld verdienen. Die moralische Hemmschwelle musste also beseitigt werden. Wie machte man das? Wie hat man die Auffassungen der Bürger verändert? Man appellierte nicht an die Vernunft, denn es ist unvernünftig, Kinder im Mutterschoß zu töten.

Es wurde das Gefühl angesprochen, das sich ja, wenn es sehr stark gereizt wird, über den Verstand und den Willen hinwegsetzt. Die Methode war infam: man sprach das Mitgefühl der Menschen an. Es wurden einzelne Fälle vorgeführt (im Fernsehen und in den Printmedien), aus denen hervorging, dass es für eine junge Frau, die ungewollt Mutter wurde, sehr schwer, ja unzumutbar war, das Kind auszutragen. Anfangs sprach man noch von Schwangerschaftsunterbrechung, so als ob man die Schwangerschaft wieder aufnehmen könnte, wenn die Probleme überwunden sind.

Viele brave Zeitgenossen ließen sich tatsächlich von falschem Mitleid rühren („das arme Mädchen, seine ganze Zukunft ist verbaut!“) und stimmten zu. Was umso leichter war, als man ja den barbarischen Vorgang der Kindestötung nicht sah (im Fernsehen wurde der Film „Der stumme Schrei“, der eine Abtreibung zeigt, aus dem Programm entfernt).

Inzwischen sind mehr als fünfzig Jahre verstrichen. Die Saat ist aufgegangen. „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären“ (Friedrich Schiller, Die Piccolomini, V, 1). Es war denn doch noch ein langer Weg von der anfänglich zurückhaltend und mit Einschränkungen zugelassenen Abtreibung bis zur heutigen, auch von vielen Christen akzeptierten Einstellung, die Frau habe ein Recht auf Abtreibung.

Ähnlich wie am Anfang des Lebens sollte es den Menschen an ihrem Lebensende ergehen. Zunächst wurde ganz vorsichtig argumentiert, wieder mit extremen Einzelfällen (schmerzvolle unheilbare Krankheit, keine Lebensqualität etc.). Das Gefühl des Mitleids wurde heftig angesprochen. Auch gutwillige Leute meinten nach entsprechenden Fernseh-Dokumentationen, dass es unbarmherzig sei, jemanden so leiden zu lassen (in der Wellness-Zivilisation hat Leid keinen Platz, es muss entfernt werden, wenn es sein muss, der Leidende selbst, denn er beeinträchtigt ja auch das Wohlbefinden der Gesunden).

War die Gesetzgebung erst einmal durch, ging die Entwicklung rasch weiter. Man blieb nicht bei extremen Einzelfällen. Inzwischen ist es in Holland und Belgien ganz leicht, ein Team zur Selbsttötung zu bestellen.

Und der nächste Schritt ist schon eingeleitet: alten Menschen wird nahegelegt, auch ohne schwerwiegenden Grund der Selbsttötung zuzustimmen, und in vielen Fällen geht es dann auch ohne diese Zustimmung (wohlgemerkt kein Horrorszenarium, sondern Wirklichkeit).

Wenn man die Menschen soweit hat, braucht man das Mitleid nicht mehr zu bemühen.

Aber was für ein Triumph für den Widersacher Gottes, dass es ihm gelingt, ausgerechnet eine der edelsten Herzensregungen, nämlich die Barmherzigkeit, für seine Zwecke zu missbrauchen. Indem er dafür sorgt, dass aufgrund eines pervertierten Mitleids massenhaft menschliches Leben vernichtet wird, trifft er mitten hinein ins Herz Gottes, aus dem alles Leben stammt. Das menschliche Herz Gottes, das uns trotz allem oder vielleicht gerade deswegen in unserer Zeit seine Barmherzigkeit noch deutlicher zeigt als je zuvor.

In der westlichen Welt empören wir uns wegen der Greueltaten islamistischer Gruppen, die Christen in einigen Ländern das Leben kosten. Was uns aber gar nicht einleuchtet und nie thematisiert wird, ist, dass sich die gläubigen Muslime dort über die moralische Dekadenz in unseren „entwickelten“, angeblich christlichen Ländern entsetzen. Das Wort „Recht auf Abtreibung“ empfinden sie als schockierend. Sie lassen ihre Kinder am Leben. Euthanasie ist für sie das Ende einer Zivilisation.

Wenden wir uns dennoch, oder besser gerade deswegen, an das menschliche Herz Gottes, das seine Barmherzigkeit heute in überreichem Maße anbietet.

Es ist höchste Zeit!

„Künde der Welt meine große, unergründliche Barmherzigkeit! Bereite die Welt vor auf meine zweite Ankunft! Bevor ich als Richter komme, öffne ich noch ganz weit die Tore meiner Barmherzigkeit“, sagte der Herr in einem inneren Wort der heiligen Faustyna Kowalska (Krakau 1935).

Peter von Steinitz  |  01/04/16

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

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