„Anpassungsschlau: Stromlinienform statt prophetische Kraft“

31 Januar 2019, 09:20

„Weltweit befindet sich das Christentum zwischen fundamentalistischen und gewaltbereiten ‚Religionen‘ und totalitären Ideologien des dechristianisierten Westens, die uns vor Wahl Anpassung oder Marginalisierung stellen.“ Von Gerhard Kardinal Müller

Köln (kath.net) kath.net dokumentiert das (nach wie vor aktuelle) Kurzreferat bei der Diskussion über Christenverfolgung bei „Kirche in Not“ in Mariä Einsiedeln/Schweiz am 26.5.2018 in voller Länge und dankt S.E. für die freundliche Erlaubnis, den Text veröffentlichen zu dürfen:

In der Abschiedsrede vor seinem Tod am Kreuz, aus dem das Leben der Welt entspringt, sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten.“ (Joh 15,20). Das entspricht der 8. Seligpreisung in der Bergpredigt: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt. Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ (Mt 5,11).

1)
In der Gegenwart wird der Kampf gegen den Glauben an Christus generalstabsmäßig organisiert und international durchgeführt in dem von einzelnen Staaten und NGO’s finanzierten Programm der Ent-Christianisierung der vom christlichen Glauben geprägten Kulturen. Der Glaube an Gott als Ursprung und Ziel allen Seins und jeder Person soll ausgelöscht und ersetzt werden durch eine materialistische Konsumhaltung, in der die Befriedigung des sinnlichen Genusses sich als das heimliche Heiligtum dieser Ersatzreligion enthüllt. Der Materialismus ist ein philosophischer Aberglaube.

Das Projekt der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, das letztlich auf einen „Humanismus ohne Gott“ (Henri de Lubac) abzielte, scheint aktuell im Programm der vollständigen De-Christianisierung der europäischen Kultur und Zivilisation ihrem Ziel ganz nahe gekommen zu sein. Ich erinnere an den Anfang dieses antichristlichen Tsunami, der die europäische Kultur verwüstet hat, mit den Jakobinern der französischen Revolution. In seinem Kampfblatt “ Le Père Duchesne“ hatte Jacques-René Hébert, der dann aber am 24. März 1794 selbst auf der Guillotine endete, die radikale Auslöschung aller Erinnerungszeichen an die christliche Geschichte Frankreichs verlangt. Die erste Nummer des extrem antiklerikalen Blattes erschien unter dem Titel „Runter mit den Glocken“. Christliche Symbole, Feste und Namen sollten aus der Öffentlichkeit verschwinden nach dem Motto „aus den Augen und aus dem Sinn“. Anstelle des Glaubens an Gott, trat der „Kult der Vernunft, des Fortschritts und der Wissenschaft“. Das sind die Götzen der sogenannten „Moderne, auf deren Altären Millionen Menschenopfer dahin geschlachtet worden sind. Die Jakobiner waren die nur willigen Vollstrecker der Religionskritik der Aufklärung. Aber jede Revolution bringt solche Ungeheuer hervor. Wir Deutsche haben auch so eine schauerliche Symbolfigur gehabt in dem antichristlichen und antisemitischen Nazi-Demagogen Julius Streicher mit seiner Hetzschrift „Der Stürmer“. Auch er endete unrühmlich in Nürnberg am 16. Oktober 1946 am Galgen.

Ähnlich brutal stellte der militante Atheismus in der Sowjetunion sich das Ziel einer totalen Vernichtung des Christentums. Leo Trotzki, den sein Genosse Stalin am 21. August 1940 in Mexiko hatte ermorden lassen, schrieb in einem Artikel in der Regierungszeitung Iswestija (13. Oktober 1922, Nr. 231,s): „Die Religion ist Gift, insbesondere in einer revolutionären Epoche.., weil es die Frage ist, ob ein Mensch, dem man eine jenseitige Welt verspricht, ein Reich ohne Ende, noch sein Blut und das seiner Mitmenschen vergießt, um ein Reich auf dieser Erde aufzubauen Wir müssen ins Volk gehen mit der Propaganda des Atheismus, weil eine solche Propaganda den Platz des Menschen im Weltganzen bestimmt und ihm den Bereich seiner bewussten Tätigkeiten hier auf der Erde umreißt.“ (Georg Siegmund, Der Kampf um Gott. Zugleich eine Geschichte des Atheismus, Buxheim/Allgäu 1976, 396)

Dies ist ja die typische Denkfigur des neuzeitlichen Atheismus mit seiner primitiven Gegenüberstellung von Jenseits und Diesseits. In Wirklichkeit bedingen sich gerade die umfassende Gottorientierung und konkrete Weltverantwortung wechselseitig. Eine grundlegendere Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus, der mit dem Kommunismus im Wurzelgrund des Materialismus verwandt ist, als die katholische Soziallehre, gibt es nicht. Ihre unerschütterliche Basis ist Gottebenbildlichkeit des Menschen. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße… Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde.“ (Ps 8,5-10).

Das ist das Leitwort der Kultur des Lebens, die der Antikultur des Todes so weit überlegen ist wie Gott dem Teufel. Wir verteidigen das von Gott jedem Menschen gegebene Recht des Lebens und seiner positiven persönlichen Entfaltung gegen die Unkultur des Todes. Der Mensch hat seine unverlierbaren Würde vom ersten Augenblick seines Lebens an in der Zeugung bis zu seinem letzen Atemzug.

Ich komme gerade zurück von einem Besuch in der größten Pfarrei der Welt in Sibirien mit 1 Million Quadratkilometern und 500 Katholiken. Wir besuchten auch ein Gulag-Gefängnis, wo während der Stalinistischen Säuberungen jede Nacht 300 Menschen auf das brutalste gefoltert und dann erschossen wurden. Auch die Enkelin eines Opfers war da. Und wir beteten für ihre ermordete Großmutter vor den Gedenktafeln mit all den Namen der unzähligen Opfer. Allein in der Sowjetunion wurden von 1917 bis zu ihrem unrühmlichen Ende im Namen des sozialistischen Fortschritts und des wissenschaftlichen Atheismus 80.000 Priester und Ordensleute brutal ermordet. Das Schwarzbuch des Kommunismus kommt auf über 100 Millionen Gewaltopfer dieser Gegenreligion. Aber trotz der Spuren der totalitären Ideologie überall im Land und der Mentalität, sind Frühlingszeichen eines neu aufbrechenden Glaubens an Christus nicht zu übersehen; sowohl in den tiefgläubigen Menschen wie auch im Landschaftsbild mit den neu errichteten Kirchen und Klöstern

Während man in den politischen Atheismen den sicher erwarteten Tod der Religion durch die Ausrottung ihrer Anhänger beschleunigen will, wird in den liberalen Kreisen der natürliche Tod der Religion in Kürze erwartet. Mit der Heraufkunft von Wissenschaft und Technik habe der irreversible Prozess der „Entzauberung der Welt“ begonnen, wie der große Soziologe Max Weber formulierte, der die Religion zum Aussterben verurteilt. In einer von Wissenschaft und Technik bestimmten Welt habe der Glaube keine Chance von einem aufgeklärten Menschen als wahr angenommen zu werden. Allerdings ist in neuerer Zeit angesichts der gegenteiligen Faktenlage, die Plausibilität der Säkularisierungsthese in Frage gestellt worden. Denken wir an das Buch von Charles Taylor „A Secular Age“ (2007). Einen großen Wurf in Auseinandersetzung mit Max Weber ist Hans Joas gelungen mit seinem Buch: „Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte der Entzauberung“ (2014). Ich möchte nicht den Versuch einer Neubegründung der rationalen Theologie bei Volker Gerhardt in seinem Buch: „Der Sinn des Seins. Versuch über das Göttliche“ (2015) nicht vergessen.

2)
Eine ganz andere Herausforderung besteht in den Ländern mit einer totalitären Interpretation der Religion im militanten Islamismus, aber auch in Teilen des Hinduismus und Buddhismus. Wenn Religion, die eine Konstante am Geistvollzug des Menschen ist, wesentlich Verehrung Gottes und Dankbarkeit für das empfangene Leben bedeutet, dann ist es mit dem Glauben an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, völlig unvereinbar, den Urheber des Lebens zum Auftraggeber seiner Vernichtung in Anspruch zu nehmen.

Religiös begründeter Terrorismus ist ein Widerspruch in sich selbst. Entweder ist jemand religiös, dann ist er kein Terrorist, oder ist Terrorist, und dann ist er nicht religiös. Der Offenbarungsbegriff ist im Islam einerseits und im Judentum und Christentum andererseits wesensverscheiden. Das hat seine Konsequenzen für die Auslegung einzelner Stellen in ihren heiligen Schriften, an denen von destruktiver Gewalt im Zusammenhang mit Gott die Rede ist. Die Bibel des Alten und Neuen Testaments enthält nicht übergeschichtliche Informationen und Befehle Gottes, die von einem Religionsstifter übermittelt werden und in blindem Buchstabengehorsam auszuführen wären.

Vielmehr haben es zu tun mit dem Zeugnis der geschichtlichen Selbstmitteilung Gottes. Das Wesen dessen, der sich in seinem Namen „Ich bin, der Ich bin“ (Ex 3, 14) offenbart, bewirkt es auch, dass seine Erkenntnis im Glaubensbekenntnis des Gottesvolkes durch die dichten Nebel und Blindheiten der Menschen durchbricht und dass er am Ende erkannt wird als der Gott der dreifaltigen Liebe. „Das Wort das im Anfang bei Gott war und Gott ist, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,14.18). Offenbarung ist hier Selbstmitteilung Gottes als Wahrheit und Leben. Rückwirkend wird die Offenbarungsgeschichte und ihr Zeugnis im Alten Testament im Lichte Christi interpretiert. Gott hat alle destruktive Gewalt der Welt überwunden, die aus der Sünde herkommt, und sogar die Gewalt aufgrund des Missbrauchs oder Missverständnisses seines Namens im Leiden und Tod seines Sohnes am Kreuz überwunden. Wenn uns Christen einige Gewaltszenen im Alten Testament anklagend unter die Nase gehalten werden, weisen wir zum Verhältnis von Gott und Macht auf den gekreuzigten Herrn: „Jesus war Gott gleich, er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich… er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht…“ (Phil 2,6-11)

Das Geheimnis des Kreuzes müssen wir als Christen im Auge behalten. Es reicht nicht, dass wir als Priester und Laien in einigen Ländern relativ sicher leben und uns die Religionsfreiheit garantiert wird. Wir sehen uns in brüderlicher Gemeinschaft mit all den Millionen Christen, die weltweit verfolgt werden und ihre Treue zu Christus mit dem Leben bezahlen, „die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten“ (Offb 6,9). Jedes Jahr geben auch viele Priester ihr Leben hin im Zeugnis für Christus, in dem das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und das Priestertum der geweihten Amtsträger ihre einzige Wurzel haben.

3)
Im weltweiten Maßstab befindet sich also das Christentum in der Zange zwischen fundamentalistischen und gewaltbereiten „Religionen“ und den totalitären Ideologien des dechristianisierten Westens, die uns vor die Wahl der Anpassung oder Marginalisierung stellen. Unter diesem enormen Druck bietet sich die Selbstsäkularisierung der Kirche an als bequemer Ausweg an. Man rechtfertigt die Existenz der Kirche als Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes nicht mit ihrer Stiftung durch Gott, der ihr verheißen hat, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen, sondern mit ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft. Statt auf prophetische Kraft setzt man anpassungsschlau auf die Stromlinienform. Paulus warnte aber die Römer vor einer Angleichung an die Welt und fordert sie zur „Reform ihres Denkens auf, damit sie erkennen, was der Wille Gottes ist“ (Röm 12, 2). Wenn die Kirche sich verweltlicht, ist es wie mit dem Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Es wird von den Menschen zertreten. Wozu dient es noch und was soll ein Leuchter unter dem Scheffel? „Die Kirche muss die Stadt auf dem Berge bleiben, die nicht verborgen bleiben kann“, denn die Jünger Christi sind „Licht der Welt.“ (Mt 5,13-16).

Die Kirche ist weder eins mit der Welt noch der Gegenentwurf zu ihr. Aber sie ist von Christus gestiftet als Zeichen und Werkzeug seines universalen Heilswillens, die Welt von Leiden und Gewalt, und die Menschen von Entwürdigung und Ausbeutung zu befreien und von Sünde, Tod und Teufel zu erlösen.

Das II. Vatikanum beschreibt den irdischen Pilgerweg der Kirche im Hinblick auf Christus so: „Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen.“
Und das Konzil nimmt Bezug auf ein Wort des hl. Augustinus in seiner großen Geschichtstheologie, in der Civitas Dei (18,51,2) und fährt fort: „Die Kirche ’schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.“ (LG 8).

Die Kirche hat sich immer auf die verschiedenen Sprachen, Mentalitäten und Kulturen eingestellt und in ihnen auch authentische Formen ihres Ausdrucks in Liturgie und Theologie gefunden. Das ist sie ihrer pfingstlichen Entstehung schuldig. Aber gerade deshalb ist sie in allen Völkern das eine und selbe Volk Gottes auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel der Menschheit. Sie verkündet „Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Und so vereint sie die Menschen in dem einen Glauben an Jesus den Sohn Gottes, weil in keinem andern Namen das Heil zu finden ist.“ (Apg 4, 12 ).

Christliche Mission ist das Gegenteil von Propaganda, die nur auf die Manipulation der Gewissen zielt und Anhänger für eine Ideologie rekrutiert. „Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ (1 Kor 2,4f). So wie Jesus vom Vater gesandt war als Retter der Welt, so ist die Kirche gesandt, um in seinem Auftrag die Menschen zum Glauben zu führen. Denn durch den Glauben haben wir das Leben Gottes in uns und damit sind wir für die Ewigkeit prädestiniert. Im Glauben gibt sich ein Mensch ganz Gott hin und tritt als Sohn und Tochter Gottes ein in die Sohnesbeziehung Jesu zum Vater; und im Geist des Vaters und des Sohnes werden wir Freunde Gottes. Da der Glaube aber in seinem innersten Wesen Liebe ist, die uns mit dem Gott der dreifaltigen Liebe verbindet, darum kann er nur in der äußeren und -noch wichtiger- in der inneren Freiheit vollzogen werden. Wir sind nur die äußeren Lehrer und Vermittler. Das ist missionarische Dienst der ganzen Kirche und in spezifischer Weise der Bischöfe und Priester als Amtsnachfolger der Apostel. Aber der innere Lehrer, der die Herzen bewegt, ist allein Christus. Der Heilige Geist gießt, wenn wir uns freiwillig vorbereiten und öffnen, in unsere Herzen die göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe ein, durch die wir Gott erkennen und ihm danken können.

Als Petrus und Johannes das bedrohliche Verhör vor dem Hohen Rat überstanden hatten, beteten sie mit der versammelten Urkirche von Jerusalem: „Herr du hast Himmel und Erde und das Meer geschaffen und alles, was sie erfüllt. Du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: Warum toben die Heiden, warum machen die Nationen nichtige Pläne. Die Könige der Erde standen auf und ihre Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus… Doch jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden! Streck deine Hand aus, damit Heilungen, Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,24-30).

Und um alle Christen, die nach ihnen kommen, zu erbauen und ihnen jede Menschenfrucht zu nehmen, schließt der Evangelist Lukas seinen Bericht in der Apostelgeschichte folgendermaßen ab: „Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.“ (Apg 4,21).

Kardinal Gerhard Müller vor dem Petersdom


Foto Kardinal Müller (c) Paul Badde

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Gerhard Kardinal Müller — Predigt beim Begegnungstag im Gedenken an Pater Werenfried van Straaten am 26. Januar 2019 im Hohen Dom zu Köln

Timotheus (= Furcht Gottes) [Bischof und Märtyrer] war bereits Christ und stand wegen seiner Frömmigkeit in hohem Ansehen, als der heilige Apostel Paulus nach Lystra in Kleinasien kam.

(Gedenktag der heiligen Timotheus und Titus)

Nur für den privaten Gebrauch! Es gilt das gesprochene Wort.

Die Kirche gedenkt heute zweier bedeutender Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, die eng mit dem missionarischen Wirken des Völkerapostels verbunden sind. Für alle Zukunft stellen sie exemplarisch die universale Sendung der Kirche Christi dar -sowohl ihrer Hirten als auch aller Gläubigen.

In den beiden Briefen des hl. Paulus an die Thessalonicher und in seinem Zweiten Brief an die Korinther, in den Briefen an die Philipper, die Kolosser und Philemon firmiert Timotheus als Mitverfasser auf der Augenhöhe des Apostels. Er ist Teilhaber an seiner apostolischen Vollmacht und Sendung.

Der Heidenchrist Titus begleitete Paulus zum Apostelkonzil in Jerusalem (Gal 2,-10) und wurde von ihm als einer seiner engsten Mitarbeiter oft zu wichtigen Aufgaben herangezogen.

An diese beiden Mit-Apostel und Hirten der Kirche sind die drei Pastoralbriefe des Apostels gerichtet, die unseren Blick aber schon lenken in die Zeit nach der apostolischen Gründung der Kirche. Es ist die Zeit der Kirche, die bis zur Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten dauern wird.

In der Phase der Gründung der Kirche vor und nach Ostern treffen wir  zunächst auf die  Zwölf Jünger, die vom irdischen Jesus erwählt und vom auferstandenen Herrn zu Seinen bevollmächtigten Zeugen berufen wurden. Er hatte  sie  zu  Seinen  Boten  gemacht,  damit sie in Seiner Autorität das Evangelium verkünden und im Namen des  Vaters  und  des Sohnes und des Heiligen Geistes die zum Glauben Gekommenen taufen und ihnen die Sakramente des Heils reichen. Dazu kommen noch die andere beauftragte 72 Jünger. An Wirksamkeit überragt alle der vom  auferstandenen  Christus  unmittelbar  autorisierte Apostel Paulus, der mit den Zwölf  Aposteln in einer Reihe steht und der mit Petrus das    Duo der Apostelfürsten darstellt.

Aber die Zeit der apostolischen Gründung der jungen Kirche ging mit dem Tod der ersten Apostel zu Ende. Doch der Auftrag Jesus bleibt: allen Menschen die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkünden und ihnen Anteil zu geben an der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott in Gnade und Wahrheit.

Denn es ist der heilige Wille Gottes, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1Tim 2,4), wie Paulus im 1. Brief an Timotheus schreibt. Und dieser universale Heilswille Gottes wird historisch-konkret und auf menschliche Weise mit Worten und Zeichen-Handlungen verwirklicht durch den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich Christus Jesus, seinen Sohn Jesus, der unser Menschsein angenommen hat (1Tim 2,5). Die Kirche mit ihren Hirten und allen Gläubigen ist nicht selbst Mittlerin wie Christus, aber sie wird von Christus, dem Licht der Völker, in den Dienst seiner Heilsvermittlung genommen. Sie „ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott, wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ (Lumen gentium 1).

Dazu bedarf es aber weiterhin der Mitarbeit von Menschen, denen Jesus Anteil an seiner messianischen Weihe und Sendung gibt. „Jene göttliche Sendung, die Christus seinen Aposteln anvertraut hat, wird bis zum Ende der Welt dauern… Aus diesem Grunde trugen die Apostel in dieser hierarchisch geordneten Gesellschaft Sorge für die Bestellung von Nachfolgern.“ (Lumen gentium 20).

Nach dem Tod der ersten Apostel sind dies ihre langjährigen Mitarbeiter, die wiederum andere geeignete Kandidaten durch das Weihegebet  und  die  sakramentale Handauflegung (1Tim 1, 6) zu „Arbeitern im Weinberg des Herrn“ (Lk 10,2) bestellen. Es sind dies die uns bekannten Bischöfe, Presbyter und Diakone, deren Amt im Prinzip und in ersten Umrissen erkennbar wird und zwar an der Schwelle zur Zeit nach den Aposteln.

Diesen Prozess der Ausgestaltung und Profilbildung des geistlichen Amtes können wir nachverfolgen in der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas, aber auch in den Briefen an die Apostelschüler Timotheus und Titus und in anderen Schriften des Neuen Testaments.

Wie können wir denn Wesen und Auftrag dieses apostolischen Amtes in der Kirche richtig erfassen? Gewiss wären wir auf dem falschen Gleis und Bahnhof, wollten wir hier an bürokratischen Kategorien und politischen Mustern anknüpfen. Der persönliche Gesandte Jesu ist kein Funktionär oder -biblisch gesprochen- der Mietling, dem an den Schafen nichts liegt, der sich schnell in Sicherheit bringt, bevor der Wolf auch sein Leben bedroht. Er darf auch nicht der faule Knecht sein, dem die Bequemlichkeit näherliegt, als mit den anvertrauten Talenten zu arbeiten.

Unser Maßstab ist Christis. Jesus ist gekommen, um mit seinem Leben als Lösegeld uns aus der Sklaverei der Gottverlassenheit und der Menschenverachtung freizukaufen. Und so wie er liebevoll sich um uns kümmert wie der gute Hirte sich seiner Schafe annimmt, so sollen sich die Apostel und ihre Nachfolger sich selbst als „Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes betrachten“ (1 Kor 4,1). Paulus und Timotheus können von sich sagen: „Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ (2 Kor 5,20).

Wenn wir Christen heute nicht mehr in der Zeit der Apostel leben, so bleibt doch die Kirche selbst apostolisch und missionarisch.

Das ist aber nicht politisch gemeint als Expansion irgendeines Machtanspruches oder als Zwangsbeglückung durch elitäre Ideologen, die immer besser wissen, was für das Volk gut ist als die Menschen selbst.

Wenn wir Zeugnis geben von der Frohen Botschaft der Liebe Gottes zu allen Menschen und wenn wir in jedem Armen, Verfolgten, Verachteten, Unterdrückten Christus selbst erkennen und ihm in unseren Brüdern und Schwestern dienen, dann sind wir missionarisch und apostolische Kirche. Wir gehen unseren Weg in der Nachfolge Jesu, des gekreuzigten und auferstanden Herrn.

Zum Zeugnis für Christus und zum Leiden mit ihm sind alle Christen aufgerufen. Jeder Getaufte ist gemäß seiner Stellung in der Kirche und seinen besonderen Charismen und natürlichen Fähigkeiten berufen und befähigt im Heiligen Geist, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten.

Ein leuchtendes und motivierendes Beispiel hat uns P. Werenfried von Straaten gegeben.

In Wort und vor allem in der Tat war er ein Mitarbeiter Gottes, der Sein Reich der Wahrheit und Liebe in dieser Welt ausbreiten will.

Dabei können wir uns nicht allein auf die Sendung Christi berufen, sondern wir müssen auch unsere natürliche Intelligenz einsetzen. So wenig ein Christ die Hände in den Schoß legen darf, so wenig darf er auch die Gottesgabe des Verstandes einrosten lassen.

P. Werenfried verdiente sich den Ehrennamen des „Speckpaters“, als er für die 14 Millionen heimatlos gewordenen Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland nicht Geld sammelte, für das man nichts kaufen konnte, sondern -wegen der Haltbarkeit- Speck und ähnliche Lebensmittel. Das ist praktische Intelligenz. Und so ging er immer vor im Dienst des Reiches Gottes. Wenn die heimatvertreiben Katholiken in der Diaspora keine Kirche hatten, um sich zu versammeln, brachte er die Kirche zu ihnen. Auf dem Deck eines Lastwagens oder in Zelten konnte man die Heilige Messe feiern, predigen, bei dieser Gelegenheit die Beichte hören und Seelsorgsgespräche führen mit allen, die Trost, Hilfe und Zuspruch brauchten.

Die Kirche ist in Not, wo Christen verfolgt und benachteiligt werden wie damals und heute in kommunistischen Ländern oder auch in nicht wenigen Staaten, die eine traditionelle Religion oder eine modische Ideologie zum alleinigen Kriterium erheben und als Mittel einer absoluten Herrschaft von Menschen über Menschen missbrauchen. So wird das fundamentale Menschenrecht auf Religions- und Gewissensfreiheit mit den Füßen getreten.

Und die Kirche ist in Not, wenn Christen ihren Brüdern und Schwestern nicht zu Hilfe kommen und sich für sie schämen.

Hier ist das Zeugnis für Christus und zugleich die praktische Intelligenz unserer konkreten Hilfe gefragt.

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (1 Tim 1,6)

Was der Völkerapostel seinem Schüler Timotheus zuruft, ist sein Vermächtnis bis heute an jeden Bischof und Priester, an die Ordensleute Religionslehrer, Caritasmitarbeiter, an die Eltern und an alle Gläubigen jeglichen Berufes und Standes: „Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen!“ (1Tim 1,7f).

Und so es sagte schon Paulus von sich selbst, wenn an die Christen in Rom schreibt:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt.“ (Röm 1,16).

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„Back to the Roots“: Irakische Christen kehren nach Ninive zurück

Karakosch / © Jaco Klamer Für KiN – KIRCHE IN NOT

KiN unterstützt den Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene

Etwa 500 christliche Familien – knapp 2.500 Menschen – feierten die langersehnte Rückkehr in ihre früheren Städte und Dörfer in der Nineve-Ebene und setzten ein Zeichen für den Neubeginn.

In Karakosch (Baghdeda), der größten christlichen Stadt in Ninive, hielten Priester und Gläubige bei einer Prozession Olivenzweige in den Händen und sangen in der Sprache Jesu aramäische Gesänge. Im Schutz von Sicherheitskräften in gepanzerten Fahrzeugen wurde die Prozession von Priestern angeführt, die Kreuze hochhielten. In der syrisch-katholischen Kirche der Unbefleckten Empfängnis fand ein Gottesdienst statt. Diese Kirche im Stadtzentrum war von Kämpfern des IS entweiht und angezündet worden. Während der Zeremonie rief der Projektbeauftragte für den Nahen Osten von „Kirche in Not“ (ACN), Pater Andrzej Halemba, die Menschen dazu auf, denen zu vergeben, die sie aus ihren Häusern vertrieben und ihre Städte und Dörfer angegriffen haben.

Pater Halemba sagte den Heimkehrern: „Natürlich weinen wir angesichts der Gewalt, die ausgeübt wurde, doch wir sollten die Wut aus unseren Herzen entfernen. Es sollte kein Hass in unseren Herzen sein. Wir sollten uns mit unserem Nachbarn versöhnen.“ Mindestens 2.000 Familien – 10.000 Personen – kehrten Berichten zufolge nach Karakosch zurück. Weitere  500 Familien – 2.500 Personen – werden in den nächsten Monaten erwartet.

„Kirche in Not“ (ACN) beteiligt sich am Wiederaufbau zahlreicher Wohnungen in einigen mehrheitlich christlichen Städten und Dörfern in Ninive, die vor und nach der Besetzung der Region durch den IS, von August 2014 bis Oktober 2016, zerstört wurden. Das Hilfswerk engagiert sich auch beim Wiederaufbau von Kirchen in beiden Städten sowie in Telskuf, wo die Renovierung der Kirche St. Georg bereits fortgeschritten ist.

Der Kardinalstaatssekretär im Vatikan, Pietro Parolin, nahm an einer vom Päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in Rom veranstalteten Konferenz teil, um die Rückkehr der irakischen Christen in ihre Heimat in der Ninive-Ebene zu unterstützen. Der Kardinalstaatssekretär dankte für „die Unterstützung zahlreicher christlicher Familien durch das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in den drei Jahren nach der Invasion durch den selbsternannten Islamischen Staat, damit sie in die Lage versetzt werden, dieser Situation in Würde zu begegnen. Es ist viel getan worden, aber es ist noch viel zu tun.”

Der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad,  Louis Raphael I. Sako, nannte fünf Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht: die Bildung unterstützen, politische Unterstützung anbieten, die befreiten Gegenden sichern und stabilisieren, und zuletzt den Fundamentalismus und den Terrorismus besiegen.

Herbert Rechberger, der Nationaldirektor von „Kirche in Not“ – Österreich, bittet alle Wohltäter und  Freunde des Werkes, und alle Menschen guten Willens, den Christen im Irak jetzt zu helfen,  die Dörfer wieder aufzubauen und die Rechte der Christen abzusichern: “Wir sind uns dessen bewusst, dass sich der Irak weiterhin in einer schwierigen Lage befindet. Wir wissen aber auch: Wenn wir den Christen jetzt nicht helfen,wird ein Ursprungsland des Christentums einmal christenfrei sein und dann brauchen wir morgen nicht mehr darüber zu sprechen.“

Die Webseite www.irak-wiederaufbau.at  informiert über diese große und wichtige Initiative  mit neuesten Nachrichten, Fotos und Videos.

Um das Überleben der christlichen Minderheit in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu erhalten, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter www.kircheinnot.at oder auf das Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Wiederaufbau Irak

(Quelle: KiN Österreich)

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„Einen Fürsprecher auf Erden verloren, aber einen im Himmel gewonnen”

Kardinal Meisner, Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2015 / © ACN

Nachruf von Karin Maria Fenbert,
Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland,
zum Tod von Joachim Kardinal Meisner

Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ hat der Tod Joachim Kardinal Meisners tief getroffen. Wir trauern um einen hochgeschätzten Freund unseres Werkes.

Kardinal Meisner verband eine lebenslange und intensive Freundschaft mit dem Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten OPraem. Beiden war die Sorge um die verfolgte und notleidende Kirche hinter dem Eisernen Vorhang und weltweit ein Herzensanliegen. Beide verband die Treue und Liebe zum Papst, insbesondere zum heiligen Johannes Paul II. Mit ihm arbeiteten sie intensiv zusammen – verschieden in der Position, geeint in der Mission. Beide verband die Liebe zur Wahrheit des Evangeliums und zum klaren, eindeutigen Wort. Daran nahmen die einen Anstoß, den anderen gab es Orientierung im Meer der Meinungen und Parolen. Auch deshalb wird uns Kardinal Meisner sehr fehlen, gerade jetzt.

Als gebürtiger Schlesier teilte Kardinal Meisner das Los von Millionen heimatvertriebenen Deutschen. Ein Los, das unseren Gründer Pater Werenfried vor genau 70 Jahren bewog, mit einer gigantischen Hilfsaktion den leiblichen wie geistlichen Hunger der Entwurzelten zu stillen. Einer von ihnen war Joachim Meisner, wie er selbst wiederholt erzählte: Als 14-Jähriger hörte er in der thüringischen Diaspora zum ersten Mal vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten. Die Unterstützung eines Niederländers für die ehemaligen deutschen Feinde nach dem noch nicht vernarbten Krieg rührte ihn derart, dass er das Foto des Gründers von „Kirche in Not“ ausschnitt und an die Wand seines kärglichen Mansardenzimmers hing, neben das der Bischöfe Alojzije Stepinac und József Mindszenty – beide Märtyrer der kommunistischen Kirchenverfolgung hinter dem Eisernen Vorhang. In der Rückschau bekannte Meisner einmal: „Das großartige Werk ,Kirche in Not‘ ist nicht zuerst unter die großen Hilfswerke der katholischen Kirche in Europa zu zählen, sondern es gehört zu den geistlichen Bewegungen, die in der Kirche nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges aufgebrochen sind.“

Als aus dem jungen Heimatvertrieben Meisner ein Priester und Bischof in der Diktatur der DDR geworden war, sind er und der „Speckpater“ sich häufig begegnet. Gemeinsam versuchten sie der verfolgten Kirche im Kommunismus und in vielen anderen Regionen der Welt zu helfen – so diskret wie möglich, aber so konkret wie nötig.

Als Mauer und Stacheldraht fielen, war Kardinal Meisner bereits Erzbischof von Köln. Über die Freude an der wiedergewonnenen Freiheit mischte sich die Sorge um Gottesvergessenheit, moralische Beliebigkeit und einen menschenvergessenen Materialismus. Diese Einsicht, zusammen mit der Sorge um die Neuevangelisierung Europas, war ein weiteres einigendes Band zwischen Kardinal Meisner, Papst Johannes Paul II. und dem Gründer unseres Werkes. Dieses Band übersteht den Tod. Als Pater Werenfried im Jahr 2003 starb, war es Kardinal Meisner, der unserem Werk wertvolle Impulse gab, um das Charisma des Ursprungs weiterzutragen.

So zelebrierte der Erzbischof in seiner Kölner Kathedrale Jahr für Jahr bis zu seiner Emeritierung 2014 einen Gedenkgottesdienst für den Gründer von „Kirche in Not“ und erinnerte die anwesenden Wohltäter in mitreißenden Predigten an das Erbe Pater Werenfrieds. In einer dieser Predigten sagte er: „Gottes Werkzeuge sind oft arm und verachtet. Kaum jemand kennt ihren Namen. Aber sie wirken große Dinge, wenn sie glauben. Wir sind mit der Gnade Gottes einem solchen Giganten des Reiches Gottes in Pater Werenfried auf die Spur gekommen.“ Nun dürfen wir auch von Kardinal Meisner sagen: Ein ganz Großer der Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus ist heimgekehrt in das Vaterhaus.

Ein gern gesehener, regelmäßiger Teilnehmer war Kardinal Meisner auch bei den Kongressen „Treffpunkt Weltkirche“, die „Kirche in Not“ seit 2004 veranstaltet. Seine klare Analyse der Zeichen der Zeit, seine unverkürzte, lehramtstreue Verkündigung und seine zugewandte, offene Art haben ihn dort wie auch bei anderen Gelegenheiten die Herzen vieler Menschen gewinnen lassen.

2016 war Kardinal Meisner zum letzten Mal bei „Kirche in Not“ zu Gast. Auf einem Begegnungstag in Köln sprach er über die Bedeutung der Marienerscheinungen von Fatima für den Fall der Mauer – auch dies ein Thema, dass ihn als ehemaligen Bischof des geteilten Berlin mit dem Papst aus Polen und dem „Speckpater“ aus den Niederlanden verband. Dass er jetzt im Fatima-Jahr verstorben ist, sei ihm persönliche Erfüllung der Verheißung, der er ein Leben lang geglaubt hat.

Joachim Kardinal Meisner hatte sich nach dem Tode unseres Gründers einen Kugelschreiber als „Erbstück“ erbeten. Mit ihm hatte er „Kirche in Not“ ins Stammbuch geschrieben: „Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. … Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung.“

Diesem Erbe wissen wir uns verpflichtet. Mit Joachim Kardinal Meisner haben wir einen großen irdischen Fürsprecher verloren, aber einen Fürsprecher im Himmel gewonnen. Wir werden seiner im Gebet und bei der Feier der heiligen Messe gedenken. Der „treue Knecht“ (vgl. Mt 25,23) möge teilhaben an der nie endenden Freude Seines Herrn!

(Quelle: KiN)

„Ein Leuchtturm des Glaubens“

Miloslav Kardinal Vlk (Photo: 2003) / © KiN – KIRCHE IN NOT

„Kirche in Not“ trauert um Miloslav Kardinal Vlk

Die internationale Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ trauert um den früheren Prager Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk, der am 18. März im Alter von 84 Jahren verstorben ist. „Kardinal Vlk war ein Leuchtturm des Glaubens in einem Land, das unter dem Kommunismus schwer zu leiden hatte“, sagte der Geistliche Assistent des Werkes, Pater Martin Barta. Vlk habe viele Menschen durch sein treues priesterliches Zeugnis entscheidend geprägt und sei nach der politischen Wende zu einer „Symbolfigur des Glaubens in einer Gesellschaft geworden, die den Weg zu Gott neu entdecken musste“, so Barta.

Eine langjährige Freundschaft verband Vlk mit „Kirche in Not“. „Diese Verbundenheit ist uns ein kostbares Vermächtnis, das wir im Herzen tragen“, sagte Barta. Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von „Kirche in Not“, hatte seit den fünfziger Jahren immer wieder das Schicksal der Priester hinter dem Eisernen Vorhang zum Thema seiner Predigten gemacht. Vielen von ihnen war durch die kommunistischen Machthaber die Ausübung ihres Dienstes untersagt. Zu ihnen gehörte auch Vlk: Von 1978 bis zur Wende durfte er nicht in der Pfarrseelsorge wirken. In dieser Zeit arbeitete er unter anderem als Fensterputzer.

Als Vlk 1990 Bischof von Budweis und nur ein Jahr später Erzbischof von Prag wurde, unterstütze ihn „Kirche in Not“ beim Wiederaufbau seiner Diözese. Dazu zählten neben der Instandsetzung verfallener Kirchen vor allem die pastorale Erneuerung – zum Beispiel durch die Neuansiedlung von Ordensgemeinschaften oder die Förderung der Priesterausbildung. „Die Hilfe, die wir im zuteilwerden ließen“, sagte Barta, „hat er in einer anderen Währung erwidert: der des Gebetes. Das hat er immer wieder zum Ausdruck gebracht.“

In einem Gespräch mit „Kirche in Not“ aus Anlass seines 75. Geburtstages im Jahr 2007 sprach der Kardinal über seine Erfahrungen und die Lehren aus der Erfahrung der kommunistischen Diktatur: „Die Verfolgung hat uns geholfen, Gott treuer zu sein. … Nur Gott war unser Licht. In der Verfolgung gab es keine Literatur, keine Mittel. Man konnte nur Gott wählen und suchen. Dies war für mich eine große Gnade.“

Mit Sorge sah Vlk aber auch einen Verfall der Grundwerte in der europäischen Gesellschaft: einen mangelnden Respekt vor der menschlichen Würde, vor dem Leben, einen sich ausbreitenden Egoismus. „Eine Gesellschaft kann nicht auf Egoismus aufgebaut sein“, betonte er. „Die Kirche muss vor allem Zeugnis ablegen, denn das gelebte Zeugnis findet Beachtung und löst in den menschlichen Herzen einen Widerhall aus.“

„Kirche in Not“ werde Kardinal Vlk als großen Zeugen, des Glaubens in Erinnerung behalten, sagte Barta. „Wir hoffen und beten, dass sein Beispiel auch über seinen Tod hinaus Menschen dazu bewegen möge, den Glauben zu finden, der durch den Kommunismus radikal verwüstet wurde und der nun wieder zu einer zarten Blüte kommt.“

Waren im Jahr 1950 auf dem Territorium der heutigen Tschechischen Republik noch über drei Viertel der Einwohner katholisch, so sind es heute nur 10,4 Prozent. Weitere elf Prozent gehören einer anderen christlichen Konfession an. Mit 34 Prozent Konfessionslosen sowie weiteren 44 Prozent, die keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit machen, ist die Tschechische Republik das am stärksten atheistisch geprägte Land Europas. Zu kommunistischer Zeit war die damalige Tschechoslowakei eines der Länder, in denen die katholische Kirche am stärksten verfolgt wurde.

Das Hilfswerk „Kirche in Not“, das 1947 vom niederländischen Prämonstratenser Werenfried van Straaten als „Ostpriesterhilfe“ gegründet wurde, stand dieser „Kirche des Schweigens“ intensiv bei. Auch heute gehört die Unterstützung der katholischen Christen Osteuropas zu den Schwerpunkten des Werks.

(Quelle: KiN)

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Quelle

Der Westen muss die verfolgten Christen retten

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Zerstörte Kirche / © KiN – KIRCHE IN NOT

Der weltliche, egalitäre Westen
leugnet seine christliche Vergangenheit und sein Erbe

Christen sind seit den Anfängen ihres Glaubens verfolgt worden und dies wird sich wohl so fortsetzen. Aber so paradox dies auch klingen mag: Das Christentum hat sich auch durch das Zeugnis der Märtyrer verbreitet. Obgleich sie in diesen Tagen nicht mehr den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, erfahren einige harte Strafen für den Besitz einer Bibel, etwa in Saudi-Arabien; in Nordkorea werden sie deswegen sogar hingerichtet. Oder sie werden durch den Islamischen Staat in Syrien und im Irak gekreuzigt. Ihre Geschichten verdienen es, erzählt zu werden.

Es ist schwer zu schätzen, wie viele Christen in den früheren Jahrhunderten für ihren Glauben gestorben sind, aber die absoluten Zahlen sind in unserer Zeit gewiss höher. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. erklärte im Jahr 2010 zu Recht, dass die Christen aktuell die am meisten verfolgte Glaubensgruppe sind, und auch Papst Franziskus erwähnt diese Tatsache häufig.

Dies ist kein neues Phänomen. Im Jahre 1860 griffen Muslime Christen in Damaskus an und töteten Zehntausende von Zivilisten und zerstörten Hunderte von christlichen Dörfern und Kirchen. Der Kirchenstaat und westlichen Konsulate begannen sofort mit Maßnahmen zur Rettung des Christentums in der Levante. Allmählich intervenierten vor allem die westlichen Mächte Frankreich und Großbritannien, aber auch Russland, und drohten dem osmanischen Sultan mit Sanktionen, wenn er nicht sofort die Massaker aufhöre. Kriegsschiffe schossen im östlichen Mittelmeer und die Massaker stoppten innerhalb einer Woche.

Im Gegensatz dazu, als 21 koptische Christen in Libyen voriges Jahr enthauptet wurden, war die Reaktion des Westens beschämend, was jedoch nicht überraschte. Das Weiße Haus und der Élyséepalast verurteilten die Gewalt und die Verbrechen gegen Unschuldige. Aber in den Erklärungen wurde weder explizit erwähnt, dass die Mörder islamistische Extremisten waren, noch dass die Opfer, einfache Arbeiter, schlicht nur getötet wurden, weil sie Christen waren. Die Islamisten haben selbst ein Video herausgegeben, in dem sie unverblümt ihre Gefangenen als koptisch-orthodox identifizierten.

Nach dem Massaker verhängte die ägyptische Regierung drei Tage Staatstrauer und bombardierte die Positionen der Terrorgruppe in Libyen. Ägyptens Präsident versprach, dass eine Kirche in Erinnerung an die Märtyrer im Gouvernement Minya, der Heimat der Opfer, gebaut werden würde.

In Frankreich marschierten 3,5 Millionen Menschen, darunter rund 50 Staatsoberhäupter, aus Solidarität mit den Opfern von Charlie Hebdo, währenddessen kein Massenlauf wegen der libyschen Märtyrer organisiert wurde. Sogar nur wenige politische oder religiöse Führer drückten ihre Solidarität mit den verfolgten Christen aus.

Der weltliche, egalitäre Westen leugnet seine christliche Vergangenheit und sein Erbe und spielt sich selbst vor, dass Freiheit die Freiheit von christlichen Elementen bedeute. Die Zeichen der Entchristlichung sind im Alltag offensichtlich, indem christliche Stimmen aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen und – im Namen der Toleranz – sogar als Hassreden bezeichnet werden. Das kann nicht so weitergehen, wenn der Westen keinen Selbstmord begehen will.Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Wohlstand in Westeuropa, was zu einem Rückgang der Geburtenraten und einem wachsenden Bedarf an billigen Arbeitskräften führte. Die konsequente Liberalisierung der Einwanderungspolitik und die Bemühungen um die Wiedervereinigung der Familien führten zu einem starken Anstieg der Zahl der muslimischen Zuwanderer in Westeuropa – weit mehr als in Nordamerika. Die aktuelle demographische Entwicklung zeigt, dass Muslime in vielen europäischen Städten innerhalb einiger Jahrzehnte zur Mehrheit der Jugendlichen werden können.

Ölreiche arabische Monarchien liefern die Mittel, um den Einfluss islamischer Interessengruppen in der Bildung und in der Innen- und Außenpolitik der EU-Mitgliedstaaten zu erhöhen. Die Identitätskrise und die Säkularisierung der Christen machen das Thema noch schwieriger.

Europäische Christen reagieren nicht, auch wenn die Wahrheit auf ihrer Seite ist. Wann haben Sie etwa das letzte Mal von den vielen historischen Angriffen der Muslime gegen den Westen gehört?

Dies sind nur einige der vielen Gründe, warum einige der Muslime mit Migrationsgeschichte in der zweiten Generation durch extremistische muslimische Prediger radikalisiert wurden, die – Gegensatz zu Christen – wirklich Hass predigen. Der Westen sollte mehr über die Opfer christenfeindlicher Diktaturen (Nationalsozialismus, Kommunismus) reden, um dem säkularen Narrativ zu begegnen. Gerade christliche Medien sollten beständig die zahlreichen Menschen rund um den Erdkreis in den Fokus rücken, die mit alltäglichen Schwierigkeiten konfrontiert oder mit dem Tode bedroht sind, weil sie Christen bleiben wollen.

Vom Westen, post-christlich wie er hofft zu sein, kann aktuell nicht wirklich gesagt werden, dass er Menschenrechte schütze, wenn er nicht sicherstellt, dass Menschen ihren Glauben frei ausüben können. Wir, die wir in Europa leben, versagen in dieser Hinsicht und auch Staaten in den USA erweisen sich als unfähig, das Recht auf Gewissensfreiheit zu verteidigen. Die Alte und die Neue Welt, beide sollten aufwachen, da Islamisten Enthauptungen wie die in Libyen in den Strassen von London und Paris oder sogar in Nordamerika wiederholen könnten. Wer wird dann übrig sein, um zu den verfolgten Christen im Westen zu stehen?

Youssef Fakhouri (29) ist Ungar, dessen Großeltern aus dem Libanon nach Europa kamen. ZENIT hat den Beitrag, erstmals erschienen in „The Catholic Thing“, aus dem Englischen übersetzt und gekürzt.

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Bericht sieht religiösen Hass in „nie dagewesenem Ausmaß“

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Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Studie warnt vor Eliminierung religiöser Vielfalt durch „islamistischen Hyper-Extremismus“.

Religiöser Hass in nie dagewesenem Ausmaß bedroht zunehmend den Weltfrieden. Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag, 15. November 2016 in München veröffentlichte Studie des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Zu den zentralen Merkmalen dieser neuen Dimension von Extremismus gehörten systematische Versuche, andersdenkende Gruppen zu verjagen, heißt es in der Mitteilung. Dazu kämen beispiellose Grausamkeit, ein globales Agieren und der effiziente Einsatz der sozialen Medien. Diese würden häufig zur Gewaltverherrlichung genutzt. In den vergangenen zwei Jahren hat es laut Studie in jedem fünften Land der Welt Anschläge gegeben, die mit Hyper-Extremismus in Verbindung zu bringen seien. Betroffen gewesen seien Länder von Australien bis Schweden sowie 17 afrikanische Staaten.

 

Verfolgung durch IS als Völkermord einstufen

Die Autoren verlangen, die Verfolgungen religiöser Minderheiten durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Völkermord einzustufen. Zugleich warnen sie vor einem breit angelegten Versuch, Pluralismus durch eine religiöse Monokultur zu ersetzen. Die Studie über die Beachtung der Religionsfreiheit in 196 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass der islamistische Hyper-Extremismus in Teilen des Nahen Ostens alle Formen religiöser Vielfalt eliminiere. Die Gefahr sei groß, dass dies auch in Teilen Afrikas und Asiens geschehe.

Der alle zwei Jahre veröffentlichte Bericht stützt sich nach den Angaben von „Kirche in Not“ auf Untersuchungen von Journalisten, Wissenschaftlern und Seelsorgern. Entgegen der weitläufig vertretenen Ansicht liege die Schuld für die Verfolgung religiöser Minderheiten nicht nur bei den Regierungen, hieß es. Stattdessen seien in zwölf der 23 am stärksten betroffenen Ländern zunehmend nicht-staatlich militante Gruppen verantwortlich.

Die Religionsfreiheit wird laut Studie aber auch durch ein „erneutes hartes Durchgreifen“ gegen religiöse Gruppen in Ländern wie China und Turkmenistan bedroht. Dazu komme eine fortwährende Missachtung der Menschenrechte für Gläubige in Nordkorea und Eritrea. Erfreuliches sei indes aus Bhutan, Ägypten und Katar zu berichten. Dort hätten religiöse Minderheiten zuletzt bessere Möglichkeiten bekommen, ihren Glauben zu praktizieren.

 

erstellt von: red/kap