PATER PIO — Der Ordensmann

Sant´Elia a Pianisi

Frater Pio verließ drei Tage später am Montag, dem 25. Januar 1904 in Begleitung seines Freundes Giovanni, der jetzt den Namen Fra Anastasio trug, das Kloster von Morcone, um sich in das von Sant´Elia a Pianisi in der Provinz von Campobasso zu begeben. Dort sollten sie ihr Studium der Rhetorik beginnen und das Mittelschulstudium abschließen. Pater Provinzial Pio da Benevento begleitete sie. Es herrschte eine Hundekälte und es fiel ein wenig Schnee, als sie gegen Ende des Nachmittags an ihrem Bestimmungsort ankamen.

Auf dem Dorfplatz erwartete sie Bruder Fedele da Sant´Elia a Pianisi. Gar rasch führte er sie ins Kloster. Sie konnten sich ein wenig am Gemeinschaftsfeuer wärmen. Das ist ein Gemeinschaftsraum mit einem großen offenen Kamin, wo im Winter ein wackeres Holzfeuer knistert. Es befand sich dort ein ganz junger Kapuzineraspirant, etwa 15-jährig, der später Pater Raffaele da Sant´Elia a Pianisi werden soll. Zum ersten Mal wird er also Frater Pio begegnen und später wird er darüber schreiben: „Von dieser ersten Begegnung an rief Frater Pio in mir auf eine ganz eigene Art die Empfindung einer tiefen Bewunderung wegen seines vorbildlichen Betragens hervor … Jung wie ich war, kannte ich weiter nichts an Tugend, aber ich bemerkte an ihm etwas, das ihn von den übrigen Scholastikern unterschied.“ Und er fügte hinzu, wenn er Frater Pio auf den Gängen, im Chor, in der Kirche oder in der Sakristei begegnet sei, „war dieser immer abgetötet, gesammelt und still. Er wagte es nicht ein Wort zu reden ohne Notwendigkeit …“

Selbst dem Volk, das gewöhnlich die Klosterkirche besuchte, entging dieser junge Student nicht, der „sich von den übrigen durch seine Bescheidenheit, Abtötung, Demut und große Frömmigkeit unterschied.“

Das Klima war hier besser. Damit besserte sich auch der Gesundheitszustand Frater Pios. Der junge Bruder Raffaele erklärte noch dazu: „In Sant´Elia stellte sich Frater Pio wieder recht gut her und er sah sehr schön aus nach einigen Monaten des Aufenthalts im Kloster seiner neuen Niederlassung.

Selbst für meine Kinderaugen, fährt er fort, schien Frater Pio als einer ein wenig von den anderen Verschiedener: er war liebenswürdiger, er verstand es, uns Knaben einige Worte zu sagen; ganz unaufdringlich legte er uns einige Ratschläge nahe und wir hörten gern auf ihn. Für mich hob er sich irgendwie ab, auch wenn ich nichts Außerordentliches an ihm feststellte.“

Ein anderer 15-jähriger Aspirant, der spätere Pater Agatangelo, wird sagen: „Mit den anderen Studenten konnte man nicht reden, mit Frater Pio jedoch sehr wohl …“ – „Seien es nun die Bewerber, oder die Leute, die gewöhnlich unsere Kirche besuchten, alle hatten an ihm ein anderes Betragen festgestellt: er war immer zurückhaltend und in Gott versunken, obwohl er dabei nicht mit sich beschäftigt war“.

„Während der Zeit seines Studiums in Sant´Elia a Pianisi bezeugt Pater Leone da San Giovanni Rotondo, ein damaliger Mitstudent, hat der (Frater Pio) immer den Geist des Noviziats bewahrt. Oft wenn ich ihn auf seiner Zelle rufen ging, fand ich ihn vor seinem Bette kniend oder das Gesicht in den Händen über seine Bücher gebeugt …“ Denn das Studium war für Frater Pio die Grundlage und die Grundnahrung seiner Beschauung.

„Einmal war Frater Pio nicht zum mitternächtlichen Chorgebet erschienen, fährt Pater Leone fort. Ich bin hingegangen, um ihn zu benachrichtigen und ich fand ihn vor seinem Bette kniend mit einer Decke über den Schultern ins Gebet versunken. Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je über die einfache Nahrung beklagt hätte, selbst wenn die Lebensbedingungen des Klosters etwas mehr hätten erlauben können. Nie hat er beanstandet, was die Obern taten. Wenn die andern dies taten, dann wies er sie zurecht, oder er entfernte sich. Auch nie eine Klage wegen der wirklich beißenden Kälte, noch wegen des geringen Vorrats an Decken! …“

Für ihn war die Gabe der Tränen, wie wir schon wissen, alltäglich, so dass er infolge seines Weinens sehr an den Augen litt. Diesbezüglich erinnert sich Pater Antonio da San Giovanni, ein Professor des Klosters, dass Frater Pio in Sant´Elia a Pianisi „zur Zeit der Betrachtung und besonders nach der heiligen Kommunion eine so große Menge von Tränen vergoss, dass sich ein kleines Bächlein auf dem Steinpflaster bildete. Als man ihn nach dem Grunde fragte, wich der kleine Bruder immer aus und sagte nichts. Schließlich, da ich ja sein geistlicher Vater war, verpflichtete ich ihn zu reden. „Ich weine, sagte er, über meine Sünden und über die Sünden aller Menschen.“

Frater Pio war nämlich wirklich ein Jünger des kleinen Armen von Assisi, der auf den Bergen und in den Wäldern Umbriens weinte und vor den Menschen, die ihm begegneten, ausrief: „die gekreuzigte Liebe wird nicht geliebt!“

 

Ein eigenartiges Ereignis

Es war ebenfalls während seines Aufenthalts in Sant´Elia a Pianisi, dass Frater Pio jenen berüchtigten Angriff des Teufels erlebte, der jetzt sehr wohl bekannt ist. Es geschah im Laufe des Sommers 1905 in einer Nacht, als die Hitze besonders erstickend war. Die Türe und das Fenster bei Frater Pio standen weit offen, um ein wenig Luft hereinzulassen. Er war am Beten, obwohl es schon spät war. Nebenan war die Zelle von Frater Anastasio, so nahe bei der Seinen, dass man sich durch das Fenster mühelos die Hand reichen konnte. Damals war aber Frater Anastasio gerade abwesend, Piuccio jedoch wusste es nicht. Er hörte jedoch, wie unablässig hin und her geschritten wurde. Dieses Geräusch ging auf die Nerven. Frater Anastasio kann offenbar auch nicht schlafen, dachte Frater Pio und indem er sich leise dem Fenster seines Freundes näherte, rief er ihn leise: „Fra Anastasio!“ Aber der Laut blieb ihm in der Kehle stecken, denn er befand sich vor einem riesigen, schwarzen Hund, der mit drohender Gebärde seine Glutaugen auf ihn heftete. Er schien aus der Nachbarzelle zu kommen. Er floh bald mit einem fantastischen Sprung aufs Nachbardach und verschwand. Verstört wäre Frater Pio fast in eine Ohnmacht gefallen – für uns würde wahrscheinlich schon weniger genügen – und er legte sich aufs Bett. Aber wie groß war nicht sein Erstaunen, als er am nächsten Tag vernahm, dass die Nachbarzelle seit mehr als einem Monat nicht besetzt war, denn Anastasio war anderswohin versetzt worden … Aber wie groß war nicht auch das Entsetzen seiner Mitbrüder, als Frater Pio ganz unschuldig fragte, woher denn wohl der große schwarze Hund gekommen sein könnte!

 

San Marco la Catola

In der zweiten Hälfte des Monats Oktober 1905, nachdem er seine Mittelschulstudien abgeschlossen und seine Philosophieprüfungen bestanden hatte, zog Frater Pio immer zusammen mit Frater Anastasio nach San Marco la Catola. Wichtige Reparaturarbeiten am Chorgewölbe und an der Kirche von Sant´Elia a Pianisi waren notwendig geworden und man musste außerdem das Klosterdach vollständig erneuern.

Das Kloster San Marco la Catola ist eines der einsamen der Klosterprovinz Foggia. Es wurde abseits des kleinen Marktflecken, verborgen in einer wundervoll wilden Landschaft, inmitten verlassener Felder erbaut. Während in Morcone der Pflanzenwuchs sehr üppig war und man das Plätschern der Wildbäche und das Singen der Vögel hörte, gab es hingegen in San Marco nur das Klagelied des Windes … Und das war sehr angetan, um in Frater Pio die ersten Aufschwünge in die reinste Mystik hervorzurufen … Diese so freie Natur bot sich als vortreffliches Sprungbrett dazu an, sich zu Gott emporzuschwingen.

In San Marco la Catola, Provinz Foggia, begegnete Piuccio zum ersten Mal dem Pater Benedetto da San Marco in Lamis, der bis 1922 sein geistlicher Vater werden sollte. Er beendete in diesem Kloster sein Schuljahr und im April 1906 kam er nach Sant´Elia a Pianisi zurück, um dort sein Philosophiestudium fortzusetzen.

Dort feierte er am Sonntag, dem 27. Januar 1907, seine feierliche Ordensprofess. Er legte die ewigen Gelübde in die Hände des Paters Raffaele da San Giovanni Rotondo, des dortigen Klosterobern ab. Im Professformular wird er mit eigener Hand in voller Freiheit erklären, „dass er sich von nun an für immer durch die Ordensgelübde der Kapuziner unter der Regel des seraphischen Vaters, des heiligen Franz von Assisi, gebunden weiß und das mit dem einzigen und alleinigen Zweck, das Heil seiner Seele zu erstreben und sich ganz dem Dienst für Gott zu weihen.“ Indem er das Dokument mit seinem Namen unterzeichnete, setzte Frater Pio seine Unterschrift unter seinen Geburtsschein als Franziskaner. Er war damals neunzehn Jahre und acht Monate alt.

Eine Photographie aus dieser Zeit zeigt uns einen Frater Pio mit einem länglichen, schmalen, abgezehrten, von einem entstehenden Bart umrahmten Gesicht. Die Augen sind dunkel und unergründlich, fast etwas verängstigt. Es war die Zeit der Vorbereitung und der inneren Leiden, der Kämpfe und der aufreibenden, seelischen Prüfungen … Damals hatte er noch nicht das ruhige und heitere Gesicht des reifen Pater Pio, der sich von nun an seiner außerordentlichen, ihm von Gott anvertrauten Sendung voll bewusst sein wird.

 

Serracapriola

Sein Theologiestudium setzte er in Serracapriola bei Pater Agostino da San Marco in Lamis, seinem ersten Beichtvater fort, sowie im Kloster von Montefusco. Bald wird er von einer geheimnisvollen Krankheit befallen sein, die ihm sehr heftige Schmerzen verursachte. Er war zugleich vom Fieber und von der Liebe zu Gott verzehrt … Übermäßige Schweißausbrüche, ein herzzerreißender Husten verbanden sich mit geistlichen Qualen: er wurde von Gewissensängsten überfallen.

„Dieses Martyrium, schreibt Pater Pio selber in einem Brief vom 17. Oktober 1915, war recht schmerzhaft für meine arme Seele, sowohl durch die Heftigkeit, wie durch die Dauer. Das hat angefangen, wenn ich mich genau erinnere, im Alter von 18 Jahren und dauerte bis zum vollendeten 21. Lebensjahr. Während der ersten zwei Jahre jedoch wurde es fast unerträglich. Als meine Seele das durchlitt, befand ich mich in Sant Elia, dann in San Marco und auch anderswo …“

 Das waren ganz deutlich Anfechtungen des Teufels, der gegen Frater Pio losgelassen war. Der Feind war fest entschlossen, den jungen Ordensmann zu entmutigen, ihn, der sich mit so viel Großmut ganz Gott geweiht hatte. Auf diese Weise begann Piuccio alle Stufen des mystischen Lebens, eine nach der anderen, zu ersteigen. Aber es begann mit der furchtbaren Nacht der Sinne, wie sie der heilige Johannes vom Kreuz so treffend beschrieben hat.

Und diese Prüfung dauerte Jahre hindurch!

*

Während seines zweiten Theologiejahres empfing Frater Pio die niederen Weihen. Es war am 19. Dezember 1908. Er wurde damals, wie es vor der liturgischen Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils üblich war, Pförtner, Vorleser, Exorzist und Akolyth. Zwei Tage später wurde er in der Kathedrale von Benevent zum Subdiakon geweiht. Aber seine Abtötung, seine Fasten und seine langen Gebete waren stärker als seine Gesundheit und er musste den Fortgang seiner Studien unterbrechen. Die Ärzte und seine Obern hofften, eine Luftveränderung würde ihm heilsam sein. So beschlossen sie, ihn für einige Zeit nach Pietrelcina zurückzuschicken. Abgesehen von einigen Unterbrechungen, wird er dort bis zum 17. Februar 1916 bleiben, somit während einer langen Periode von sieben Jahren. Das war für den jungen Kapuziner eine Zeit intensiven geistlichen Lebens, andauernder Bußübungen und Gelegenheit für ein sehr rasches Fortschreiten auf den Pfaden der Heiligkeit.

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

Papst Franziskus an Delegation der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn

Ansprache von Papst Franziskus
an die Delegation der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn

Saal der Päpste
Samstag, 6. April 2019

Multimedia

Liebe Freunde,

gerne heiße ich euch willkommen, die ihr anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Missionszentrale der Franziskaner nach Rom gepilgert seid. Ich danke Pater Matthias Maier für seine freundlichen Worte. Es ist schön, wie ihr als Gemeinschaft von Ordensbrüdern und engagierten Laien euch an alle Menschen guten Willens wendet, um sie zu motivieren, den Armen, den Bedürftigen und an den Rand Gedrängten auf der ganzen Welt zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. So wird das Wort Jesu immer wieder neu konkret verwirklicht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt25,40).

Eure Initiative ging aus der Pfarreiarbeit in Bonn-Bad Godesberg hervor. Besonderer Dank gilt hier vor allem dem ersten langjährigen Leiter Pater Andreas Müller, der heute in unserer Mitte ist, wofür wir Gott danken. Stets war euch der heilige Franziskus ein Vorbild, der als Armer leben wollte und sich von der Armut der Menschen berühren ließ. So fand er den Frieden Christi und wurde selbst zu einem von der Vorsehung Beschenkten. Aus diesem Geiste heraus konnte mit eurer Missionszentrale aus bescheidenen Anfängen ein weltweites Netzwerk der Nächstenliebe, der Solidarität und der Brüderlichkeit aufgebaut werden.

Der Heilige aus Assisi vernahm die Bitte Jesu: „Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist“ (2 Cel VI,10,4). Trotz aller Grenzerfahrung mit der Kirche damals hat er sich auf den Weg gemacht, das Evangelium authentisch zu leben. Auch heute leiden wir öfters an den Grenzen der Kirche. Die Worte des Gekreuzigten sind ein Ruf an uns alle. Eine Erneuerung geschieht nur, wenn wir auf den Herrn hören, uns von ihm verwandeln lassen und mit ihm weiterhin das Gute tun. Gerade angesichts der Herausforderungen unserer Zeit wollen wir uns verstärkt für eine gute Zukunft aller einsetzen. Und dazu kann eure Missionszentrale einen wertvollen Beitrag leisten – vor allem durch euer Lebens- und Glaubenszeugnis!

Ich wünsche euch zu eurem Jubiläum eine echte franziskanische Freude und Zuversicht. Fahrt beharrlich darin fort, für das Wohl aller Menschen und für die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Der barmherzige Gott segne euch alle, eure Ordensgemeinschaft in Bonn und eure Familien und bewahre euch in seiner Liebe!

_______

Quelle