Weiße Blumen um das Herz des Herrn

Montmartre, Tympanon / Pixabay CC0 – DEZALB, Public Domain

Impuls zum Herz-Jesu-Fest im Lesejahr A — 23. Juni 2017

PETER VON STEINITZKOMMENTAR ZU SONNTAGSLESUNGEN IM JAHRESKREIS

Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die Herz-Jesu-Verehrung in der Kirche schon bessere Zeiten gekannt hat. Die Älteren erinnern sich noch an die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Herz-Jesu-Messen und –Andachten, die mit großer Anteilnahme des Volkes gefeiert wurden. Leider ging mit der echten Verehrung manchmal auch manch unechtes Bildwerk Hand in Hand, das man ruhig Kitsch nennen kann, und das vielen die Herz-Jesu-Verehrung verleidete.

Eigentlich aber sollte die Verehrung des Herzens Jesu, also das Aufmerken auf die barmherzige Liebe eines Gottes, der ein menschliches Herz hat, gerade den Menschen unserer ziemlich herzlosen Zeit entgegen kommen. Man muss ja nur manche Kinder oder älteren Leute beobachten, um zu sehen, wie vielen Menschen das fehlt, was wir heute Zuwendung nennen, und was nichts anderes ist als Liebe.

Die Offenbarung der barmherzigen Liebe Gottes geht klar aus dem Evangelium hervor, dennoch war es wohl wegen unserer Hartherzigkeit nötig, dass Gott außerdem sein Herz mehrfach einigen Personen besonders offenbarte, von denen er wusste, dass sie diese Erkenntnis unter die Leute bringen würden. Das sind im Mittelalter die großen Mystiker Albert der Große und die Frauen Mechthild von Hackeborn, Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg – wirklich ein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte. All die Zartheit dieser Liebesbeziehung zwischen Christus und der Seele ging in den Stürmen der Reformation, wie so manches andere, zu Bruch.

Im 16. und 17. Jahrhundert hatte die katholische Kirche alle Hände voll zu tun, den in seinen Grundlagen erschütterten Glauben neu zu formulieren. Die Offenbarungen des Heiligsten Herzens verließen das Land der Reformation: Jesus erschien der Ordensschwester Margarethe Maria Alacoque (+ 1690) in Frankreich und sagte ihr, der König solle für den Bau einer Kirche in Paris zu Ehren des Heiligsten Herzens Jesu Sorge tragen. Sie fand einen Weg, diesen Wunsch dem König zu übermitteln.

Ludwig XIV., der einen ausgeprägten Sinn für die eigene Ehre hatte, aber sehr viel weniger interessiert war an der Ehre Gottes, ging nicht darauf ein. Zwei Generationen später war das glanzvolle französische Königtum am Ende. Es sollte noch einmal zwei Generationen dauern, bis die Franzosen den Gedanken wieder aufgriffen und es nun als nationales Anliegen ansahen, diese Kirche zu errichten. So kam es zum Bau der berühmten Kirche Sacré Coeur auf dem Montmartre in Paris.

Demjenigen, der die Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung kennt, bedeutet diese Kirche, die bewusst als Sühnetempel konzipiert ist, viel. Das Allerheiligste ist dort ständig ausgesetzt. Die meisten Menschen aber, vor allem die Maler und die Touristen, sehen in dem neo-byzantinischen Kuppelbau lediglich ein malerisches Paris-Motiv und gehen damit auch wieder am Wesentlichen vorbei.

Immer wieder muss Gott mit uns Menschen diese Erfahrung machen: Er beschenkt uns mit zahllosen Wohltaten, aber es gelingt uns doch immer wieder, zu all dem nein zu sagen oder wenigstens wegzugucken.

So ist es wohl auch zu verstehen, dass die anfangs so innige und unbeschwerte mittelalterliche Herz-Jesu-Verehrung sich in der Neuzeit immer mehr mit dem Sühnegedanken verbunden hat. Sühne dafür, dass wir immer dann, wenn wir gegen die Liebe verstoßen, Gott selbst mitten ins Herz treffen.

Im Jubiläumsjahr der Erscheinungen von Fatima liegt es nahe, das, was dort gesprochen worden ist, mit den Fragen unserer Zeit zu konfrontieren. Maria hat zu den unschuldigen Kindern, durch sie aber auch zu uns gesagt: „Die Menschen sollen Gott nicht mehr beleidigen, der schon zu sehr beleidigt worden ist!“ Und sie fordert besonders zur Sühne auf.

Im heutigen Leben der Kirche sind viele Anregungen aus Fatima in Vergessenheit geraten. Maria sagte dort, dass der Himmlische Vater die besondere Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens wünsche, als Sühne für die Sünden der Menschen. Unser Unglück ist, dass man von Sünde überhaupt nicht mehr reden mag. Man muss sie natürlich nicht hochstilisieren, aber es ist doch auch unrealistisch so zutun, als gäbe es sie nicht mehr (was sich praktisch im Verschwinden des Beichtsakraments niederschlägt).

Der hl. Josefmaria betete:

„Cor Mariae Dulcissimum, iter para tutum!“ und

„Cor Iesu Sacratissimum dona nobis pacem!“

Die Kuppel der Kirche Sacré Coeur in Paris trägt die lateinische Inschrift: „Cordi Jesu Sacratissimo Gallia poenitens et devota” – Dem Heiligsten Herzen Jesu das fromme, büßende Frankreich.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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Quelle

Katechese für die Haupt- und Ehrenamtlichen im Dienst der Barmherzigkeit

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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Petersplatz
3. September 2016

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Wir haben das Hohelied der Liebe gehört, das der Apostel Paulus für die Gemeinde in Korinth geschrieben hat und das eine der schönsten und anspruchsvollsten Seiten für das Zeugnis unseres Glaubens darstellt (1 Kor 13,1-13). Wie oft hat der heilige Paulus in seinen Schriften über die Liebe und den Glauben gesprochen; in diesem Text jedoch wird uns etwas außerordentlich Großes und Einzigartiges vorgelegt. Die Liebe, im Unterschied zum Glauben und zur Hoffnung, »hört niemals auf« (V. 8), sagt er, sie bleibt für immer. Diese Lehre muss für uns eine unerschütterliche Gewissheit bilden; die Liebe Gottes wird in unserem Leben und in der Geschichte der Welt niemals aufhören. Es ist eine Liebe, die immer jung, tätig und dynamisch ist und auf unvergleichliche Weise an sich zieht. Es ist eine treue Liebe, die nicht betrügt, trotz unserer Widersprüche. Es ist eine fruchtbare Liebe, die wirkt und über unsere Faulheit hinausgeht. Wir sind Zeugen dieser Liebe. Denn die Liebe Gottes kommt uns entgegen; sie ist wie ein stark Wasser führender Fluss, der uns fortreißt, aber ohne uns zu bezwingen; sie ist vielmehr Bedingung des Lebens: „Hätte [ich] aber die Liebe nicht, wäre ich nichts“, sagt der heilige Paulus (V. 2). Umso mehr wir uns von dieser Liebe ergreifen lassen, desto mehr wird unser Leben neu geboren. Wir könnten wahrlichen mit all unser Kraft sagen: Ich bin geliebt, daher lebe ich!

Die Liebe, von der der Apostel spricht, ist nicht etwas Abstraktes oder Unbestimmtes; sie ist vielmehr eine Liebe, die man persönlichsieht, berührt und erfährt. Die größte und ausdruckstärkste Form dieser Liebe ist Jesus. Seine ganze Person und sein ganzes Leben sind nichts anderes als ein konkreter Ausdruck der Liebe des Vaters und gipfeln in diesem Moment: »Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). Das ist Liebe! Es sind nicht Worte, es ist Liebe. Vom Berg Kalvaria, wo das Leiden des Gottessohns seinen Höhepunkt erreicht, entspringt der Quell der Liebe, der jede Sünde tilgt und alles zu einem neuen Leben erschafft. Auf unauslöschliche Weise tragen wir immer diese Gewissheit des Glaubens mit uns: Christus hat »mich geliebt und sich für mich hingegeben« (Gal 2,20). Dies ist die große Gewissheit: Christus hat mich geliebt, und er hat sich selbst hingegeben für mich, für dich und für dich und für dich, für alle, für einen jeden von uns! Nichts und niemand kann uns von der Liebe Gottes scheiden (vgl. Röm 8,35-39). Die Liebe ist also der höchste Ausdruck des ganzen Lebens und macht es uns möglich zu leben!

Angesichts dieses so wesentlichen Inhalts des Glaubens kann die Kirche es sich niemals erlauben, so zu handeln, wie es der Priester und der Levit gegenüber dem halbtot am Boden liegen gelassenen Mann getan haben (vgl. Lk 10,25-36). Man kann nicht den Blick abwenden und auf die andere Seite gehen, um die vielen Formen der Armut, die nach Barmherzigkeit verlangen, nicht zu sehen. Und dieses Auf-die-andere-Seite-Gehen, um nicht den Hunger, die Krankheiten, die ausgebeuteten Menschen zu sehen … – das ist eine schwere Sünde! Es ist auch eine moderne Sünde, eine Sünde von heute! Wir Christen dürfen uns dies nicht erlauben. Es wäre weder der Kirche noch eines Christen würdig, „weiterzugehen“ und vermeintlich ein gutes Gewissen zu haben, nur weil wir gebetet haben oder weil ich am Sonntag zur Messe gegangen bin. Nein! Der Berg Kalvaria ist stets aktuell; er ist weder verschwunden, noch bleibt er ein schönes Gemälde in unseren Kirchen. Dieser Gipfel des Mit-leidens, von dem die Liebe Gottes gegenüber unserem menschlichen Elend entspringt, spricht auch in unseren Tagen zu uns und drängt uns, immer neue Zeichen der Barmherzigkeit zu setzen. Ich werde nie müde werden zu sagen, dass die Barmherzigkeit Gottes keine schöne Idee ist, sondern eine konkrete Aktion. Barmherzigkeit ist immer konkret. Die Barmherzigkeit ist nicht ein „beiläufiges“ Tun; es ist dort ergriffen sein, wo das Böse, wo die Krankheit, wo der Hunger, wo menschliche Ausbeutung ist. Und auch die menschliche Barmherzigkeit ist keine Barmherzigkeit – d. h. menschlich und Barmherzigkeit –, solange sie nicht im täglichen Handeln konkret geworden ist. Die Mahnung des Apostels Johannes bleibt stets gültig: »Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit« (1 Joh 3,18). Denn die Wahrheit der Barmherzigkeit stellt man in unseren täglichen Taten fest, die das Handeln Gottes in unserer Mitte sichtbar machen.

Brüder und Schwestern, ihr vertretet hier die große und bunte Welt der ehrenamtlichen Dienste. Gerade ihr gehört zu den wertvollsten Realitäten der Kirche. Jeden Tag, oft im Stillen und Verborgenen, gebt ihr der Barmherzigkeit Gestalt und macht sie sichtbar. Ihr seid Baumeister der Barmherzigkeit: mit euren Händen, mit euren Augen, mit euren Ohren, mit eurer Nähe, mit eurer Liebenswürdigkeit… Baumeister! Ihr bringt einen der schönsten Wünsche des menschlichen Herzens zum Ausdruck, nämlich den, dass ein Mensch, der leidet, sich geliebt fühlt. In den verschiedenen Bedürfnissen und Notsituationen vieler Menschen stellt eure Anwesenheit die ausgestreckte Hand Christi dar, die alle erreicht. Ihr seid die ausgestreckte Hand Christi. Habt ihr daran gedacht? Die Glaubwürdigkeit der Kirche geht auf überzeugende Weise auch über euren Dienst zugunsten von verlassenen Kindern, von Kranken, von Armen ohne Essen und Arbeit, von Alten, Obdachlosen, Gefangenen, Flüchtlingen und Immigranten, von Opfern von Naturkatastrophen … Wo immer also Bedarf an Hilfe besteht, da gelangt euer aktives und uneigennütziges Zeugnis hin. Ihr macht das Gesetz Christi sichtbar, dass nämlich einer des anderen Last tragen soll (vgl. Gal 6,2; Joh 13,34). Liebe Brüder und Schwestern, ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Vergesst das nicht. Ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Seid in eurer Solidarität stets verfügbar, schenkt großzügig eure Nähe, seid voll Eifer, Freude zu wecken, und seid überzeugend im Trösten. Die Welt braucht konkrete Zeichen der Solidarität, vor allem gegenüber der Versuchung der Gleichgültigkeit. Sie verlangt nach Menschen, die fähig sind, mit ihrem Leben dem Individualismus und dem Geist, nur an sich zu denken und sich nicht mehr um die Brüder und Schwestern in Not zu kümmern, entgegenzuwirken. Seid immer zufrieden und voller Freude wegen eures Dienstes, aber macht daraus nie einen Grund zur Überheblichkeit, die dazu führt, sich besser als die anderen zu fühlen. Euer Werk der Barmherzigkeit sei hingegen die demütige und beredte Weiterführung Jesu Christi, der sich weiter zu den Leidenden hinunterbeugt und sich ihrer annimmt. Denn die Liebe »baut auf« (1 Kor 8,1) und macht es unseren Gemeinden Tag für Tag möglich, Zeichen geschwisterlicher Gemeinschaft zu sein.

Sprecht zu Christus über diese Dinge. Ruft zu ihm. Macht es wie Sister Preyma, wie uns die Schwester erzählt hat: Sie hat an den Tabernakel geklopft. So mutig! Der Herr erhört uns. Ruft zu ihm! Herr, schau da… Schau, so viel Armut, so viel Gleichgültigkeit, so viel Auf-die-andere-Seite-Schauen: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Sprecht darüber mit dem Herrn: „Herr, warum? Herr, warum? Warum bin ich so schwach und du hast mich gerufen, diesen Dienst zu tun? Hilf mir und gib mir Kraft und gib mir Demut!“ Der Kern der Barmherzigkeit ist dieser Dialog mit dem barmherzigen Herzen Jesu.

Morgen werden wir mit Freude sehen, dass Mutter Teresa heiliggesprochen wird. Dieses Zeugnis der Barmherzigkeit unserer Zeit kommt zur unzähligen Schar von Männern und Frauen hinzu, die mit ihrer Heiligkeit die Liebe Christi sichtbar gemacht haben. Ahmen auch wir ihr Beispiel nach und bitten wir darum, demütige Werkzeuge in der Hand Gottes zu sein, um das Leid der Welt zu lindern und die Freude und Hoffnung der Auferstehung zu schenken. Danke.

Und bevor ich euch den Segen gebe, lade ich euch ein, schweigend für die vielen, vielen Menschen zu beten, die leiden. Für so viel Leid, für so viele, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Betet auch für die vielen freiwilligen Helfer wie euch, dass sie zur Begegnung mit dem Fleisch Christi kommen, um es zu berühren, es zu umsorgen, um seine Nähe zu spüren. Und betet auch für so viele, viele, die angesichts so vielen Elends auf die andere Seite schauen und in ihrem Herzen eine Stimme hören, die ihnen sagt: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Beten wir schweigend.

[silenzio]

Beten wir auch zur Madonna: Gegrüßet seist Du Maria …

[Segen]

Von morgen 11. bis 15. April 2016 bin ich auf Wallfahrt in Paray-le-Monial

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Siehe dazu den ausführlichen Artikel über Marguerite-Marie Alacoque in KATHPEDIA!

und zusätzlich den französischen Artikel in WIKIPEDIA.

Ich werde hier zusammen mit einem Priester-Freund auch für alle meine Leser beten!

 

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Erscheinungs-Kapelle

 

PAPST BENEDIKT XVI., Predigt zum Abschluss des Priesterjahres (11. Juni 2010).

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

liebe Brüder und Schwestern!

 

Das Priesterjahr, das wir 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Pfarrers von Ars, dem Vorbild priesterlichen Dienens in unserer Welt, begangen haben, geht zu Ende. Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen. Der Priester ist nicht einfach ein Amtsträger wie ihn jede Gesellschaft braucht, damit gewisse Funktionen in ihr erfüllt werden können. Er tut vielmehr etwas, das kein Mensch aus sich heraus kann: Er spricht in Christi Namen das Wort der Vergebung für unsere Sünden und ändert so von Gott her den Zustand unseres Lebens. Er spricht über die Gaben von Brot und Wein die Dankesworte Christi, die Wandlungsworte sind – ihn selbst, den Auferstandenen, sein Fleisch und sein Blut gegenwärtig werden lassen und so die Elemente der Welt verändern: die Welt auf Gott hin aufreißen und mit ihm zusammenfügen. So ist Priestertum nicht einfach „Amt“, sondern Sakrament: Gott bedient sich eines armseligen Menschen, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort Priestertum verbirgt. Daß Gott uns dies zutraut, daß er Menschen so in seinen Dienst ruft und so sich ihnen von innen her verbindet, das wollten wir in diesem Jahr neu bedenken und verstehen. Wir wollten die Freude neu aufleben lassen, daß Gott uns so nahe ist und die Dankbarkeit dafür, daß er sich unserer Schwachheit anvertraut. Daß er uns führt und hält, Tag um Tag. So wollten wir auch jungen Menschen wieder zeigen, daß es diese Berufung, diese Dienstgemeinschaft für Gott und mit Gott gibt – ja, daß Gott auf unser Ja wartet. Mit der Kirche wollten wir wieder darauf hinweisen, daß wir Gott um diese Berufung bitten müssen. Wir bitten um Arbeiter in der Ernte Gottes, und dieser Ruf an Gott ist zugleich ein Anklopfen Gottes ans Herz junger Menschen, die sich zutrauen, was Gott ihnen zutraut. Es war zu erwarten, daß dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, daß gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Mißbrauch der Kleinen, in dem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, daß wir alles tun wollen, um solchen Mißbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen; daß wir bei der Zulassung zum priesterlichen Dienst und bei der Formung auf dem Weg dahin alles tun werden, was wir können, um die Rechtheit der Berufung zu prüfen, und daß wir die Priester mehr noch auf ihrem Weg begleiten wollen, damit der Herr sie in Bedrängnissen und Gefahren des Lebens schütze und behüte. Wenn das Priesterjahr eine Rühmung unserer eigenen menschlichen Leistung hätte sein sollen, dann wäre es durch diese Vorgänge zerstört worden. Aber es ging uns gerade um das Gegenteil: Das Dankbar-Werden für die Gabe Gottes, die sich „in irdenen Gefäßen“ birgt und die immer wieder durch alle menschliche Schwachheit hindurch seine Liebe in dieser Welt praktisch werden läßt. So sehen wir das Geschehene als Auftrag zur Reinigung an, der uns in die Zukunft begleitet und der uns erst recht die große Gabe Gottes erkennen und lieben läßt. So wird sie zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten. Das Wort Christi, das wir in der Liturgie als Eröffnungsvers gesungen haben, kann uns in dieser Stunde sagen, was es heißt, Priester zu werden und zu sein: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11, 29).

Wir feiern das Herz-Jesu-Fest und schauen mit der Liturgie der Kirche gleichsam in das Herz Jesu hinein, das im Tod von der Lanze des römischen Soldaten geöffnet wurde. Ja, sein Herz ist offen für uns und vor uns – und damit das Herz Gottes selbst. Die Liturgie legt uns die Sprache des Herzens Jesu aus, die vor allem von Gott als dem Hirten der Menschen spricht und uns damit das Priestertum Jesu zeigt, das im Innersten seines Herzens verankert ist und den immerwährenden Grund wie den gültigen Maßstab alles priesterlichen Dienstes zeigt, der immer im Herzen Jesu verankert sein und von daher gelebt werden muß. Ich möchte heute vor allem die Texte auslegen, mit denen die betende Kirche auf das in den Lesungen ausgebreitete Wort Gottes antwortet. In diesen Gesängen gehen Wort und Antwort ineinander über. Sie sind einerseits selbst aus Gottes Wort genommen, sind aber zugleich schon Antwort des Menschen darauf, in der das Wort sich mitteilt und in unser Leben eintritt. Am wichtigsten unter diesen Texten ist in der Liturgie von heute der Psalm 23 (22): „Der Herr ist mein Hirte“, in dem das betende Israel die Selbstoffenbarung Gottes als Hirten aufgenommen und zur Wegweisung im eigenen Leben gemacht hat. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ – in diesem ersten Vers spricht sich Freude und Dankbarkeit dafür aus, daß Gott da ist und sich um uns sorgt. Die Lesung aus Ezechiel beginnt mit dem gleichen Motiv: „Ich will mich selber um meine Schafe kümmern“ (Ez 34, 11). Gott kümmert sich persönlich um mich, um uns, um die Menschheit. Ich bin nicht allein gelassen, nicht verloren im Weltall und in einer immer verwirrender werdenden Gesellschaft. ER kümmert sich um mich. Er ist kein ferner Gott, dem mein Leben zu unwichtig wäre. Die Religionen der Welt haben, soweit wir sehen können, immer gewußt, daß es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen mußte man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen. Er herrschte nicht. In der Aufklärung ist merkwürdigerweise dieser Gedanke zurückgekehrt. Man verstand noch, daß die Welt einen Schöpfer voraussetzt. Aber dieser Gott hatte die Welt gebaut und sich offensichtlich von ihr zurückgezogen. Nun hatte sie ihre Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie ablief, in die Gott nicht eingriff, nicht eingreifen konnte. Gott war nur ein ferner Anfang. Viele wollten vielleicht auch gar nicht, daß Gott sich um sie kümmere. Sie wollten nicht gestört sein durch Gott. Wo aber Gottes Sorge und Liebe als Störung empfunden wird, da ist der Mensch verkehrt. Es ist schön und tröstlich zu wissen, daß ein Mensch mir gut ist und sich um mich kümmert. Aber noch viel entscheidender ist, daß es den Gott gibt, der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,14), betet die Kirche vor dem Evangelium mit einem Wort des Herrn. Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet: Gott will, daß wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsorgende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen. Und mit dem Herrn sollte der Priester für seinen ihm anvertrauten Bereich sagen können: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ „Kennen“ ist im Sinne der Heiligen Schrift nie bloß ein äußeres Wissen, wie man die Telefonnummer eines Menschen kennt. „Kennen“ heißt: dem anderen innerlich nah sein. Ihm gut sein. Wir sollten versuchen, die Menschen von Gott her und auf Gott hin zu „kennen“, mit ihnen den Weg der Freundschaft Gottes zu gehen.

Kehren wir zu unserem Psalm zurück. Da heißt es: „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil – denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“ (23 [22], 3f). Der Hirte zeigt den ihm Anvertrauten den rechten Weg. Er geht voraus und führt sie. Sagen wir es anders: Der Herr zeigt uns, wie man das Menschsein richtig macht. Er zeigt uns die Kunst, ein Mensch zu sein. Was muß ich tun, damit ich nicht abstürze, im Sinnlosen mein Leben vertue? Das ist doch die Frage, die sich jeder Mensch stellen muß und die zu allen Zeiten des Lebens gilt. Und wieviel Dunkel gibt es zu dieser Frage in unserer Zeit! Immer wieder kommt uns das Wort Jesu in den Sinn, der Mitleid mit den Menschen hatte, weil sie wie Schafe ohne Hirten waren. Herr, hab Mitleid auch mit uns! Zeige uns den Weg! Aus dem Evangelium wissen wir es: Er selbst ist der Weg. Mit Christus leben, ihm nachgehen – das heißt: den richtigen Weg finden, damit unser Leben sinnvoll wird und damit wir einmal sagen können: Ja, es war gut zu leben. Israel war und ist Gott dankbar, daß er in den Geboten den Weg des Lebens gezeigt hat. Der große Psalm 119 (118) ist ein einziger Ausdruck der Freude darüber: Wir tappen nicht im Dunkeln. Gott hat uns gezeigt, was der Weg ist, wie wir recht gehen können. Was die Gebote sagen, ist im Leben Jesu zusammengefaßt und zu lebendiger Gestalt geworden. So erkennen wir, daß diese Weisungen Gottes nicht Fesseln sind, sondern Weg, den er uns zeigt. Wir dürfen ihrer froh sein, und wir dürfen uns freuen, daß sie in Christus als gelebte Wirklichkeit vor uns stehen. Er selbst hat uns froh gemacht. Im Mitgehen mit Christus geht uns die Freude der Offenbarung auf, und als Priester sollen wir den Menschen die Freude darüber schenken, daß uns der rechte Lebensweg gezeigt ist.

Da ist dann das Wort von der „finsteren Schlucht“, durch die der Herr den Menschen geleitet. Unser aller Weg führt uns einmal in die finstere Schlucht des Todes, in der uns niemand begleiten kann. Und ER ist da. Christus ist selbst in die finstere Nacht des Todes hinabgestiegen. Auch dort verläßt er uns nicht. Auch dort führt er uns. „Bette ich mich in der Unterwelt, du bist zugegen“, sagt der Psalm 139 (138). Ja, du bist zugegen auch in der letzten Not, und so kann unser Antwort-Psalm sagen: Auch dort, in finsterer Schlucht, fürchte ich kein Unheil. Bei der Rede von der finsteren Schlucht können wir aber auch an die dunklen Täler der Versuchung, der Mutlosigkeit, der Prüfung denken, die jeder Mensch durchschreiten muß. Auch in diesen finsteren Tälern des Lebens ist ER da. Ja, Herr, zeige mir in den Dunkelheiten der Versuchung, in den Stunden der Verfinsterung, in denen alle Lichter zu erlöschen scheinen, daß du da bist. Hilf uns Priestern, daß wir den uns anvertrauten Menschen in diesen dunklen Nächten beistehen können. Ihnen dein Licht zeigen dürfen.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“: Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muß den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, daß es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern läßt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muß der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.

Am Ende des Psalms ist die Rede vom gedeckten Tisch, vom Öl, mit dem das Haupt gesalbt wird, vom übervollen Becher, vom Wohnen-Dürfen beim Herrn. Im Psalm ist das zunächst Ausblick auf die Festesfreude, mit Gott im Tempel zu sein, von ihm selbst bewirtet zu werden, bei ihm wohnen zu dürfen. Für uns, die wir den Psalm mit Christus und mit seinem Leib, der Kirche, beten, hat dieser Blick der Hoffnung noch eine größere Weite und Tiefe gewonnen. Wir sehen in diesen Worten gleichsam einen prophetischen Vorgriff auf das Geheimnis der Eucharistie, in der Gott selbst uns bewirtet und sich selbst als Speise für uns gibt – als jenes Brot und als jenen köstlichen Wein, der allein die letzte Antwort auf den innersten Hunger und Durst des Menschen sein kann. Wie sollten wir uns da nicht darüber freuen, daß wir täglich zu Gast an Gottes eigenem Tisch sein, bei ihm wohnen dürfen. Wie sollten wir uns nicht freuen, daß er uns aufgetragen hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Daß er uns schenkt, Gottes Tisch den Menschen zu decken; ihnen seinen Leib und sein Blut zu reichen, ihnen das kostbare Geschenk seiner eigenen Gegenwart zu geben. Ja, wir können mit ganzem Herzen die Wort des Psalms mitbeten: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang“ (23 [22], 6).

Am Ende werfen wir noch einen kurzen Blick auf die beiden Kommunionlieder, die uns die Kirche heute in ihrer Liturgie vorschlägt. Da ist zunächst das Wort, mit dem der heilige Johannes den Bericht von der Kreuzigung Jesu abschließt: „Ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus“ (Joh 19, 34). Das Herz Jesu wird von der Lanze durchbohrt. Es wird geöffnet, und es wird zur Quelle: Blut und Wasser, die herausströmen, verweisen auf die beiden Grundsakramente, von denen die Kirche lebt: Taufe und Eucharistie. Aus der geöffneten Seite des Herrn, aus seinem geöffneten Herzen entspringt der lebendige Quell, der die Jahrhunderte hindurch strömt und die Kirche schafft. Das offene Herz ist Quell eines neuen Lebensstroms; Johannes hat dabei gewiß auch an die Prophezeiung des Ezechiel gedacht, der aus dem neuen Tempel einen Strom hervorkommen sieht, der Fruchtbarkeit und Leben schenkt (Ez 47): Jesus selbst ist der neue Tempel, und sein offenes Herz ist die Quelle, aus der ein Strom neuen Lebens kommt, das sich uns in der Taufe und in der Eucharistie mitteilt.

Die Liturgie des Herz-Jesu-Festes sieht aber auch ein anderes verwandtes Wort aus dem Johannes-Evangelium als Kommunionvers vor: Wer Durst hat, komme zu mir. Es trinke, wer an mich glaubt. Die Schrift sagt: „Aus seinem Innern werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7, 37f). Im Glauben trinken wir gleichsam aus dem lebendigen Wasser von Gottes Wort. Der Glaubende wird so selbst zu einer Quelle, schenkt dem dürstenden Land der Geschichte lebendiges Wasser. Wir sehen es an den Heiligen. Wir sehen es an Maria, die als die große Glaubende und Liebende alle Jahrhunderte hindurch zur Quelle von Glaube, Liebe und Leben geworden ist. Jeder Christ und jeder Priester sollten von Christus her Quelle werden, die anderen Leben mitteilt. Wir sollten einer dürstenden Welt Wasser des Lebens schenken. Herr, wir danken dir, daß du dein Herz für uns aufgetan hast. Daß du in deinem Tod und in deiner Auferstehung Quelle des Lebens wurdest. Laß uns lebende Menschen sein, von deiner Quelle lebend, und schenke uns, daß auch wir Quellen sein dürfen, die dieser unserer Zeit Wasser des Lebens zu schenken vermögen. Wir danken dir für die Gnade des priesterlichen Dienstes. Herr, segne uns und segne alle dürstenden und suchenden Menschen dieser Zeit. Amen.

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Quelle: Congregatio pro clericis – Weltgebetstag zur Heiligung der Priester