Benedikt XVI. – Der stille Anti-Populist

Benedikt XVI. sei die falsche Wahl gewesen, heißt es oft.
Sein Biograf meint: Er war das Beste, was der katholischen Kirche
nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte

Von Peter Seewald

Mit Joseph Ratzinger verbindet sich eine atemberaubende Geschichte, eine Jahrhundertbiografie. Ein Junge aus bescheidenen Verhältnissen, ein Bub aus einem bayerischen Dorf am Rande der Alpen wird das Oberhaupt der größten und ältesten und geheimnisvollsten Institution der Welt, der katholischen Kirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern! Mehr noch: Ein Deutscher wird Pontifex, und das nur 60 Jahre nach dem grausamen Weltschlachten, das dieses Volk über die Erde gebracht hat. Noch dazu war da jemand, der als Schreckgespenst galt, als Totengräber der Kirche. Ich habe heute noch den Aufschrei seiner Gegner im Ohr, die über diese Wahl verzweifelt waren. Und auch nach seinem Rücktritt bietet man eine Formel des Grauens an: Ratzinger sei die falsche Wahl gewesen, heißt es, seine größte Tat war der Amtsverzicht. Nichts wird bleiben von ihm.

Nichts wird bleiben? Stimmt das? Haben die Kardinäle sich blenden lassen und auf einen bösen Geist gehört, als sie Joseph Ratzinger mit großer Mehrheit in einem der kürzesten Konklave der Geschichte zu ihrem Oberhirten machten? Ich möchte hier eine Gegenthese aufstellen: Ratzinger war das Beste, was der katholischen Kirche nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte. Kein anderer hatte die Erfahrung, die Qualität, die Kapazität, die Autorität, das Geschick, die Noblesse, den Kopf, das Herz und nicht zuletzt den starken Glauben und die notwendige Demut, um das Erbe eines Jahrhundertpapstes wie Karol Wojtyla fortsetzen zu können. Beide waren das Dream-Team, das über den Tod des Polen hinaus in einer Art Doppelpontifikat dafür Sorge trug, dass im Sturm der Zeit das Schiff Kirche auf Kurs blieb. Und ich denke, der Tag ist nicht mehr allzu fern, an dem man vom deutschen Papst nicht nur als einem bedeutenden Gelehrten sprechen wird, einem Vor-Denker, als den vermutlich größten Theologen, der jemals auf dem Stuhl Petri saß, sondern vom Kirchenlehrer der Moderne schlechthin, der nicht nur mit seiner Weisheit überzeugte, sondern durch die Authentizität eines Lebens, mit dem er versuchte, der Welt die Nachfolge Christi zu zeigen.

Was prägte Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als Mensch, als Theologe, als Papst? Da ist zunächst die Herkunft aus einem im Glauben besonders festen katholischen Elternhaus. Für seine Entscheidung zum Priesterberuf, so bekannte Ratzinger, sei auch „die kraftvolle, entschieden religiös ausgerichtete Persönlichkeit unseres Vaters ausschlaggebend“ gewesen. Eines Mannes, der anders dachte, „als man damals denken sollte, und das mit einer souveränen Überlegenheit“. Da ist die Verwurzelung in der liberalen und sinnhaften Religiosität des bayerischen Katholizismus und die Faszination eines Kindes für die Geheimnisse des katholischen Kultes. Da ist die Erfahrung einer antichristlichen, atheistischen Diktatur, die das jüdische Volk ausrotten und anstelle der Kirche ein „deutsches Christentum“ nach Nazi-Vorstellungen setzen will; einer Zeit, in der nicht nur Bekennermut gefragt ist, sondern auch die Notwendigkeit, seine christliche Überzeugung erklären zu können. Es geht dabei auch um die Frage, ob die Wahrheit ein objektives Element der Schöpfung ist, oder ob sie verhandlungsfähig ist, je nach Zeitgeschmack und der Abstimmung durch die Mehrheit der oft so verführbaren Massen.

Und was die Kirche betrifft, so schreibt sich dem Jungen damals eine Grunderfahrung ein, dass nämlich „die bloße institutionelle Garantie nichts nützt, wenn nicht die Menschen da sind, die sie aus innerer Überzeugung heraus tragen“. Da ist nach dem Kriegsende von 1945 die Stunde Null mit all der Hoffnung und einer Stimmung des Aufbruchs. Man spricht vom „katholischen Frühling“, der der jungen Bundesrepublik dann tatsächlich auch ihre Gestalt und Verfassung gibt. Eine neue Gesellschaft, ein Europa mit Zukunft, so der breite gesellschaftliche Konsens nach der tödlichen Erfahrung des Atheismus, könne nur auf der Basis der abendländischen Wurzeln und der christlichen Weltanschauung gebaut werden. Da ist der junge Professor als neuer Stern am Himmel der Theologie. Er will Neues wagen, heraus aus alten Schemen. Als 35-jähriger Konzilsberater gibt Ratzinger dem Zweiten Vatikanum wesentliche Impulse und lässt einen Johannes XXIII. sagen, dass jener junge Deutsche mit seinem Konzept genau das zum Ausdruck gebracht habe, was er beabsichtigt habe, es so aber nicht formulieren konnte.

Da ist dann aber auch der frühe Kritiker einer kirchlichen Entwicklung, die in Teilen in eine Richtung geht, die von den Vätern des Konzils so nicht gewollt war. Und nicht nur er, auch andere maßgebliche progressive Theologen des Konzils, ob ein Ives Congar oder ein Henry de Lubac, kommen zu dieser Überzeugung. Denn Progressivität wurde anders verstanden. Als Erneuerung aus den Wurzeln, und nicht als ein billiger, selbstgebastelter Neubau, den man anstelle des alten setzt – und in dem am Ende nichts mehr zueinanderpasst. Man hat Ratzinger vorgehalten, er habe sich nach dem Umbruch der 60er Jahre und der Studentenrebellion völlig gewandelt. Er habe in Tübingen ein Trauma erlebt und dann die Richtung geändert. Sein Haupt- und Dauergegner Hans Küng wurde nicht müde, bei jedem Interview noch hinzuzufügen, Ratzinger habe Karriere machen wollen. Er habe ein Amt angestrebt und die damit verbundene Macht.

Bis heute lässt sich allerdings kein triftiger Beleg für diese Thesen finden. Weder gibt es das Trauma Ratzingers aus 1968 – wohl die bittere Erfahrung eines Massendrucks, die ihn an das Tabula rasa aus der Nazizeit erinnerte –, noch gab es eine Flucht. Und auch keine Änderung der Linie oder gar den Versuch, möglichst schnell auf der Karriereleiter der Kirche nach oben zu klettern. Wer sich nur ein klein wenig mit der Biografie und vor allem mit der Theologie Ratzingers beschäftigt, sieht, dass es bei ihm eine fast schon unfassbare Kontinuität gibt. Seine Haltung und seine einmal gefundene Theologie können, oft fast wortgleich, zurückverfolgt werden bis hin zu den ersten Probe-Predigten, die er noch als Student hielt. Und dass Ratzinger aus dem Lebensweg als Professor, den er sich erträumt hatte und den er als seine ureigenste Aufgabe ansah, herausgerissen wurde und zum Erzbischof von München und dann zum Präfekten der Glaubenskongregation bestimmt wurde, gehört ganz gewiss nicht zu den persönlichen Sternstunden, sondern zum persönlichen Drama des Joseph Ratzinger. Denn von nun an beginnt die Geschichte eines Dieners, von dem der große Theologe Eugen Biser sagte, dieser habe mehr von seinem Lebensglück geopfert, als die meisten Menschen es sich überhaupt vorstellen könnten.

Es kam der 19. April 2005. Ratzinger sagt, an diesem Tag habe er ein „Fallbeil“ auf sich niedersausen sehen. Dass er als neugewählter Pontifex nur ein sehr kurzes Pontifikat leiten würde, war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hatte seine Kräfte nicht sehr hoch eingeschätzt. In zwei, drei Jahren, so sein Gedanke, werde ihn der Herr zu sich holen. So gesehen hat er all das zuerst angepackt, was ihm angesichts der gewaltigen Glaubenskrise, dem Niedergang des Christentums, der sich über den gesamten Westen ausbreitete, als das Dringlichste erschien, nämlich die Erneuerung und Festigung dieses Glaubens. Organisatorische Dinge stellte er hinten an. Für leere Gesten oder reine Effekthascherei war er ohnehin nie zu haben. Als der „kleine Papst“, der einem großen folge, stellte er sich in die Tradition der Vorgänger. Und wurde damit zum Scharnier zwischen der Welt von Gestern und der Welt von Morgen, ein echter Brückenbauer also in Zeiten des Umbruchs, wo es vor allem auch darauf ankommt, nicht die Orientierung und den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Benedikt XVI. zeigte sich als der Anti-Populist schlechthin. Nicht um das, was die Mode der Zeit und was die Medien wollen ging es ihm, sondern um das, was Gott will. Vor allem eines wollte Benedikt XVI.: Die Menschen in einer Zeit der Gottesferne, ja, der „Gottesfinsternis“, wie manche schon formulieren, wieder mit Jesus Christus bekannt machen, sie zu Ihm führen, zu seiner Gnade, seiner Barmherzigkeit, aber sie auch an seine Mahnungen erinnern, den Vorgaben der Gebote Gottes, wie sie im Dekalog überliefert sind. Kennzeichnend dafür ist alleine schon seine erste Enzyklika, die wie ein Programm auch den Akzent seines Pontifikates zum Ausdruck bringen wollte: Deus caritas est, Gott ist Liebe. Viele der Reformen, die Papst Franziskus nun weiterführen kann, wurden von Benedikt ins Werk gesetzt. Gleich zu Beginn nahm er die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, Zeichen auch für die weltliche Macht des Amtes. Er führte erstmals Bischofssynoden ein, die kollegial auf Dialog angelegt wurden. Er nahm die Reinigung des vatikanischen Finanzwesens in Angriff, ermunterte die Ortskirchen zu mehr Selbstständigkeit, begründete Themenjahre wie das „Priesterjahr“ und das „Jahr des Glaubens“, und berief, auch dies ein Novum, einen Protestanten zum Vorsitzenden des päpstlichen Rates der Wissenschaften. Benedikt arbeitete im Stillen, auch an Dingen, die bei seinem Vorgänger liegengeblieben waren. Er wusch den Gefangenen die Füße und las den Mächtigen die Leviten. Aufsehen erregten seine Anklagen gegen einen Turbokapitalismus, der auf gnadenlose Profitmaximierung setzt. Die Würde des Menschen ist unantastbar, erklärte er, das Leben heilig, und zwar an seinem Beginn genauso wie an seinem Ende.

Er war der „erste grüne Papst“, wie man ihn nannte. Es genügt nicht, fordere er dabei, es bei den üblichen Umweltthemen zu belassen, es gebe auch eine Ökologie des Menschen, die im Einklang mit den Evidenzen des Weltalls, im Einklang mit der Schöpfung stehen müsse. Ein historischer Akt ohnegleichen, dass mit Papst Benedikt erstmals ein katholisches Kirchenoberhaupt die Wirkstätte Luthers besuchte. Im interreligiösen Dialog verteidigte er den Islam gegen jene Kräfte, die die Religion für eigene Zwecke instrumentalisieren. Für die jüdische Welt verkündeten hochrangige Repräsentanten, nie sei die Beziehung zwischen dem Judentum und der katholischen Kirche besser gewesen als unter Benedikt XVI. Joseph Ratzinger habe bereits als Glaubenspräfekt die theologischen Grundlagen gelegt für die Aussöhnung zwischen Altem und Neuem Testament. Und noch eines – Stichwort „Regensburger Rede“: Dieser Papst hat gezeigt, dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, keine Gegensätze sein dürfen. Dass gerade auch die Vernunft der Garant dafür ist, die Religion vor dem Abgleiten in irre Phantasien und in gewalttätigen Fanatismus zu schützen.

Gewiss, Benedikt XVI. hat nicht alles richtig gemacht. Seine Umsetzung etwa der liturgischen „Reform der Reform“ war zögerlich und ohne den nötigen Schwung. Was besonders unverständlich war bei jemandem, der erklärt hatte, die Frage der Liturgie sei für die Kirche gewissermaßen eine Frage von Leben und Tod. Im Kampf gegen den Relativismus blieben die Waffen eher stumpf. Der Aufruf zur „Entweltlichung“ von Kirche und Glauben, ein Thema, das Ratzinger bereits in den 50er Jahren genau so formuliert hatte wie er es als Papst tat, wurde von den eigenen Leuten überhört oder bewusst missverstanden. Beim Nachfolger Franziskus versteht man den Begriff anscheinend plötzlich – oder man getraut sich nicht mehr, wegzuhören.

Als die ersten Nachrichten über die furchtbaren Missbrauchsskandale anzeigten, dass sich hier eine Lawine entwickelt, mochte man die Reaktionen Benedikts zunächst als zu wenig deutlich und zögerlich beurteilen. Im Nachhinein anerkannten selbst seine Kritiker, dass es dem zupackenden und kompromisslosen Management dieses Papstes zu verdanken war, dass sich eine der größten Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche nicht auch zu einem Fanal des Untergangs entwickeln konnte. Seine Fehler gesteht Benedikt unumwunden ein. Keiner hat sich je so demütig und selbstkritisch über sein Pontifikat geäußert wie er. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich dann aber sogenannte „Skandale“ wie Vatileaks eher als laues Lüftchen, denn als schwerwiegendes Versagen. Man sieht dies gerade auch bei seinem Nachfolger, wo Dinge wie Vatileaks 2 in der medialen Beobachtung kaum eine Rolle spielen.

Papst Benedikt XVI. hat das Amt in einer einzigartigen Noblesse ausgeübt und damit über viele Jahre hinweg, bis zur Williamson-Affäre, einen „Benedetto-Effekt“ ausgelöst, den niemand für möglich hielt. Mit den Millionen von Menschen, die seine Plätze füllten. Mit den Enzykliken und Büchern, die Auflagen in astronomischer Höhe erreichten. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündete, vielleicht unbequem oder manchmal nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, aber verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht. Dass alles, was er sagt und tut, der Lehrmeinung der Kirche, der Kontinuität mit den Vätern und den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils entspricht. Weil dieser Papst obendrein ein sehr musischer Mensch ist, ein Poet, ein Künstler, waren die Begegnung mit ihm häufig wie eine musikalische Meditation, schön und erfüllend. Wie er es allerdings schaffte, in seinem hohen Alter zusätzlich zu seinem Mega-Amt und angesichts vieler gesundheitlicher Handicaps auch noch eine dreiteilige Christologie schreiben zu können, um damit gewissermaßen den Kreis seines Lebenswerkes abzuschließen, weiß nur der Heilige Geist.

Ist Ratzinger „lediglich“ der große Theologe? Jemand, den die Welt als einen bedeutenden Intellektuellen würdigt, dessen kluge Analysen unverzichtbare Orientierungshilfen gaben? Nein. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Die schönste Zeit seines beruflichen Lebens, sagt Ratzinger, war seine Zeit als Kaplan in München-Bogenhausen, der Pfarrgemeinde des Widerstandskämpfers Alfred Delp. Denn dieser Mensch ist eben auch und zuvorderst ein Priester. Und ein Priester war er auch als Bischof von Rom. Er habe sich, so bekennt er in unserem Interview-Buch „Letzte Gespräche“, in erster Linie als Hirte gesehen. Gemäß dem Auftrag Jesu: „Weide meine Schafe“. Und tatsächlich kommt diese Präferenz bereits in seiner Namenswahl zum Ausdruck: Benedictus, das heißt: der Gesegnete und zugleich der, der auch selber segnet.

Joseph Ratzinger hat dabei nie eine eigene Lehre entwickelt. Seine Theologie ist ganz von der Schrift und von den Vätern geprägt, im Gegensatz etwa zur eher spekulativen Theologie eines Karl Rahner. Den Begriff der Offenbarung Gottes wollte er dabei nicht nur auf die Bibel begrenzt sehen. Für ihn ist sie gleichwohl auch in der Tradition, der Überlieferung, den Inspirationen der Väter und Heiligen, im lebendigen Glauben gegeben. Benedikt, der sich bei seinem Amtsantritt als „einfacher Arbeiter im Weinberg“ des Herrn vorstellte, erwies sich als der „stille Papst“. Zwischen seinem lauten Vorgänger und seinem lauten Nachfolger war er ein Mann der leisen Töne. Er bestach durch seine noble Art, seinen hohen Geist, die Redlichkeit der Analyse und die Tiefe und Schönheit seiner Katechese. Nicht eine kühle Professoren-Religion wollte er anbieten.

Als Bub aus der Provinz hat er nie vergessen, woher er kam, und wie bei seinem großen Meister Augustinus, mit dem ihm nicht nur die Suche nach der Wahrheit verband, ging es ihm als einem Theologen des Volkes um die Einfachheit im Glauben, der den Menschen hilft, Gott und damit auch sich selbst zu erkennen. Er habe stets versucht, so erklärte er, mitzudenken mit den bedeutenden Lehrern des Christentums und dennoch „nicht Halt zu machen in der alten Kirche, sondern die großen Höhepunkte des Denkens festzuhalten“. „Mein Grundimpuls war“, sagt er, „unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen und diesem Kern Kraft und Dynamik zu geben. Dieser Impuls ist die Konstante meines Lebens.“

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Quelle

Ein Kirchenlehrer der Moderne

Der Autor des Papst-Buches „Licht der Welt“, Peter Seewald, am 15. November 2010 in seiner Wohnung in München.

Peter Seewald führt seit 25 Jahren immer wieder lange Gespräche mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Der Publizist findet, dass der emeritierte Papst in seiner Heimat noch nicht genug gewürdigt wird. Im Interview spricht Seewald über die zwei Bilder, die es von dem bald 90-Jährigen gibt.

Benedikt XVI. | Bonn – 12.04.2017

Frage: Herr Seewald, haben Sie Benedikt XVI. seit dem Erscheinen Ihres letzten gemeinsamen Interviewbuchs im September 2016 getroffen?

Seewald: Ja, ich habe ihn im Dezember besucht und werde nochmal im Mai hinfahren, wenn der Trubel um seinen 90. Geburtstag vorbei ist. Diese Treffen dauern rund eine Stunde und ich habe immer Fragen im Gepäck, denn die Menschen wissen immer noch viel zu wenig über Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. So kommt es eigentlich nie zu einem klassischen Plausch. Jede Begegnung ist auch immer ein Arbeitstreffen. Wir sind ja keine Freunde geworden. Für meine journalistische Arbeit ist die kritische Distanz unerlässlich; Hofberichterstattung hat keinen Wert.

Frage: Wie geht es dem emeritierten Papst? Was treibt ihn rum?

Seewald: Er antwortet auf die Frage immer mit einem „wie es einem alten Mann halt so geht“. Man sieht natürlich, dass er gebrechlicher geworden ist. Er ist bei Begegnungen geistig ganz da, spricht aber inzwischen etwas langsamer und hat natürlich nicht mehr ganz das Elefantengedächtnis, das ihm früher zur Verfügung stand. Wenn man ihn trifft, spürt man die Aura seines unvergleichlichen Lebenswegs und seiner Demut und Milde.

Frage: Sie haben für insgesamt vier Bücher lange Interviews mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. geführt – in einem Zeitrahmen von 20 Jahren. Was hat sich an der Person in der Zeit geändert?

Seewald: Unsere erste Begegnung für ein Porträt fand 1992 statt. Also darf ich ihn sogar schon ein Vierteljahrhundert journalistisch begleiten. In so einer langen Zeit konnte ich viele kritische Dinge nachprüfen, etwa das Bild des „Panzerkardinals“: Keiner, der ihn kennt, würde dieses Bild bestätigen.

An seiner Person hat sich immer nur das Alter geändert – und die neuen Aufgabenstellungen etwa als Erzbischof, Kardinal in der Glaubenskongregation und als Papst. Ratzingers Leben ist von einer unglaublichen Konstanz geprägt. Die ersten Predigten, die er als Student schrieb, beinhalten schon das, was er in den folgenden Jahrzehnten auch verkündet hat. Ich habe keine großen Brüche festgestellt und halte die Theorie von zwei Ratzingers, einem früheren modernen, der später konservativ und reaktionär wurde, für eine Legende. Außer Hans Küng würde wohl niemand unterstreichen, dass es einen theologischen Bruch gab. Es gibt allerdings einen Ratzinger, wie ihn die Medien zeichnen und einen anderen, der er wirklich ist. Die Papstwahl und das Amt konnten das der Welt eindrucksvoll vor Augen führen.

Frage: Was hat er der Welt mitgegeben?

Seewald: Im Gegensatz zu fast allen anderen Päpsten, gibt es bei Ratzinger eine Bedeutung, die er nicht nur aus seiner Amtszeit bezieht. Sein Werk war bereits vor dem Pontifikat wegweisend. Zu seinem Vermächtnis gehört, dass er die Menschen in einer Zeit der Gottferne wieder zur Barmherzigkeit Jesu Christi führen wollte – ohne dabei die biblischen Mahnungen und Gebote zu unterschlagen. Benedikt hat das Pontifikat in dem Bewusstsein angepackt, dass ihm nur wenige Jahre bleiben und dass er beim Dringendsten anfangen muss. Angesichts des Niedergangs des Christentums in der westlichen Welt war ihm die Erneuerung und Festigung des Glaubens am wichtigsten. Er sagt, sein Grundimpuls sei, unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen. Organisatorische Dinge hat er hintenan gestellt und für leere Gesten und Effekthascherei war Ratzinger ohnehin nie zu haben.

Frage: Was ist für Sie das größte Vermächtnis von Benedikt XVI.?

Seewald: Sein Vermächtnis ist die Erneuerung des Glaubens, dass er uns den ganzen Jesus gezeigt hat – den historischen und den Jesus des Glaubens. Ratzinger ist ein bedeutender Intellektueller, ein großer Vordenker unserer Zeit und ich kann mir vorstellen, dass er in Zukunft als der „Kirchenlehrer der Moderne“ bezeichnet werden wird. Er überzeugt nicht nur mit seiner Weisheit, sondern auch mit seiner Authentizität und dem persönlichen Beispiel seines Lebens. Und in der heutigen Zeit muss man betonen, dass Ratzinger der Antipopulist schlechthin ist. Ihm ging es nie darum, was gerade die Mode oder die Medien wollten, sondern darum, was Gott will. Wo es heute nur um Show und Emotion geht und Fakten nichts zählen, haben wir in Ratzinger einen Mann, der sich zuallererst der Wahrheit und der Botschaft des Evangeliums verpflichtet sah.

Frage: In den letzten Jahren sind unter den Titeln Ihrer Interview-Bände „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ eher die historischen Romane von Daniel Wolf bekannt. Wurmt Sie das?

Seewald: Nein, es kann ja jeder schreiben, was er will. Die Nachfrage nach diesen Büchern zeigt, dass es ein ungebrochenes Interesse an der katholischen Kirche gibt, die immer auch geheimnisvoll ist. So etwas stößt mir nur auf, wenn historische Romane durch eine ideologische Brille geprägt sind und Fakten manipuliert werden. Außerdem muss man über Deutschland hinaus schauen: Meine vier Interviewbücher mit Ratzinger/Benedikt sind in über 30 Sprachen übersetzt worden, haben weltweit Millionenauflagen. Man muss sich von der Vorstellung trennen, als würde sich niemand für ihn interessieren oder als hätte er keine Anhänger. Die „Letzten Gespräche“ mit ihm landeten sofort auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Da kann ich nicht meckern.

Kurienerzbischof Georg Gänswein und Autor Peter Seewald haben das neue Interviewbuch „Letzte Gespräche“ mit Benedikt XVI. vorgestellt. Katholisch.de war live dabei. Eine Dokumentation.

 katholisch.de

Frage: An dem von Ihnen erwähnten Interviewband „Letzte Gespräche“, das im September 2016 erschienen ist, gab es auch Kritik: An Benedikt und daran, ob das Buch nicht Geschichtsschreibung betreiben wolle. Was entgegnen Sie darauf?

Seewald: Das muss man differenziert sehen. Zuerst sollte man – gerade in Deutschland – zuhören, was der emeritierte Papst uns zu sagen hat. Zum anderen kann ich nachvollziehen, dass es Bedenken gab, warum er nochmal in die Öffentlichkeit tritt, aber das habe ich im Vorwort des Buches erklärt: Die Interviews waren zunächst nicht für ein eigenständiges Buch gedacht, sondern als Information für die Arbeit an einer Biografie. Ich konnte Benedikt aber überzeugen, den Text zu veröffentlichen, weil die Spekulationen und Verschwörungstheorien über seinen Rücktritt noch immer gewaltig waren. Ich fand es wichtig, dass ein solch historischer Schritt noch einmal erklärt wird, und zwar von der Person, die ihn vollzogen hat.

Ich finde auch, dass die Kritik von einigen genutzt wurde, um den deutschen Papst noch einmal einen vor den Karren zu fahren. Da wurde sogar behauptet, der emeritierte Papst würde selbstgefällig sein. Dabei ist das ganze Buch ein Ausdruck seiner Demut und Selbstkritik. Noch nie hat ein Papst sich so selbstkritisch über seine Arbeit geäußert. Es ist ein wichtiges Buch und eine große Chance, auf eine Jahrhundertbiografie des ersten deutschen Papstes seit 500 Jahren zurückzublicken.

Frage: Beim Stichwort Demut fragen Theologen immer wieder an, warum ein emeritierter Papst weiterhin mit „Heiliger Vater“ angeredet werden soll und weiße Papstgewänder trägt

Seewald: Also, wenn man nichts Besseres zu tun hat… Das ist eine typisch deutsche Meckerei und Besserwisserei. Ich verstehe nicht, warum man sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzt und ob er nicht vielleicht mit einigen Aussagen Recht hat. Wer dem emeritierten Papst vorschreiben möchte, wie er sich nennen lassen und anziehen soll, sollte sich Gedenken machen, ob ein Joseph Ratzinger nicht vielleicht über das Wesen des Papsttums besser Bescheid weiß, als man selbst und niemand anderer besser geeignet wäre, hier die richtigen Maßstäbe zu setzen. Es ist ja ein Novum und es gibt kein Beispiel, wie ein emeritierter Papst weiterzuleben hat.

Frage: Was wünschen Sie Benedikt zum 90. Geburtstag?

Seewald:  Der emeritierte Papst ist kein Rentner, der jetzt Rosen züchtet, sondern ist weiter für die Kirche da und trägt ihre Sorgen durch das Gebet mit. Mit seiner umfangreichen Korrespondenz und den vielen Besuchen hat er für einen 90-Jährigen leider ein noch straffes Programm. Ich wünsche ihm noch ganz, ganz viele sonnige Tage bei guter Gesundheit und dann eine gute Sterbestunde. Vor allem wünsche ich ihm viele Nachahmer, die sich von seinem Werk, seiner Botschaft, seiner Gottes- und Menschenliebe, seiner Poesie, und von seinem authentischen Leben in der Nachfolge Christi inspirieren lassen und auf diese Weise ihren ganz eigenen Weg zu Gott finden. Ich schließe mich da Papst Franziskus an, der sagte, Benedikt XVI. sei ein großer Papst gewesen, dessen Geist von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten wird. Hoffen wir, dass seine Arbeit auch in seiner Heimat so gewürdigt und wertgeschätzt wird, wie sie es verdient. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündet – auch wenn es unbequem oder nicht zeitgemäß erscheinen mag –, immer verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht und in Kontinuität zur Lehre der Kirchenväter und der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils steht. Diese Verlässlichkeit ist in einer Zeit des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit von unschätzbarem Wert.

Von Agathe Lukassek

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