DER PRIESTER, LEHRER DES WORTES, DIENER DER SAKRAMENTE UND LEITER DER GEMEINDE FÜR DAS DRITTE CHRISTLICHE JAHRTAUSEND

Aus dem Vatikan, 19. März 1999 Fest des hl. Josef, Patron der Universalkirche

An die Hochwürdigsten Ordinarien

Eminenz, Exzellenz,

Die ganze Kirche bereitet sich in bußfertiger Gesinnung auf den nahenden Eintritt in das dritte Jahrtausend seit der Menschwerdung des Wortes vor und wird durch die ständigen Bemühungen des Nachfolgers Petri zu einem immer lebendigeren Andenken an den Willen ihres göttlichen Gründers angeregt.

In inniger Verbundenheit mit diesem Anliegen hat die Kongregation für den Klerus auf ihrer vom 13. — 15. Oktober 1998 abgehaltenen Plenarversammlung entschieden, den einzelnen Ordinarien dieses Rundschreiben zuzuleiten, das durch sie an alle Priester gerichtet ist. Der Heilige Vater sagte in der bei dieser Gelegenheit vorgetragenen Ansprache: „Die Perspektive der Neu-Evangelisierung findet im Einsatz für das große Jubiläum einen starken Ausdruck. Hier kreuzen einander providentiell die Wege des Apostolischen Schreibens Tertio Millennio adveniente und jene, die von den Direktorien für die Priester und die Ständigen Diakone sowie von der Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester und vom Ergebnis der gegenwärtigen Plenarversammlung aufgezeigt wurden. Dank der allgemeinen und überzeugten Anwendung dieser Dokumente wird sich der inzwischen gewohnte Ausdruck Neu-Evangelisierung noch viel effizienter in wirksame Realität umsetzen lassen“.

Es handelt sich um ein Hilfsmittel, das im Blick auf die gegenwärtigen Umstände bei den einzelnen Priestern und Presbyterien eine Gewissenserforschung anregen soll im Bewußtsein, daß der Name der Liebe – in der Zeit – Treue ist. Im Text werden die konziliaren und päpstlichen Lehren bekräftigt und die anderen Dokumente des Papstes in Erinnerung gerufen. Es sind dies wahrhaft grundlegende Dokumente, um den authentischen Anforderungen der Zeiten zu entsprechen und sich nicht vergeblich in der Evangelisierungsaufgabe abzumühen.

Die Anregungen zum Nachdenken am Ende der einzelnen Kapitel verlangen keine Antwort an die Kongregation; vielmehr bilden sie eine Hilfestellung für jene, die im Licht der genannten Dokumente ihre Alltgswirklichkeit hinterfragen wollen.

Die Adressaten können sich ihrer in der von ihnen am günstigsten erachteten Art und Weise bedienen.

Im Bewußtsein, daß kein missionarisches Vorhaben ohne den motivierten und begeisterten Einsatz der Priester realistischerweise gelingen kann, die ja die ersten und wertvollsten Mitarbeiter der Bischöfe sind, soll dieses Rundschreiben u.a. auch eine Hilfe anbieten für Priestertage, Einkehrtage, Exerzitien und Priestertreffen, die in den einzelnen Kirchengebieten in dieser Vorbereitungszeit auf das große Jubiläum und vor allem während seiner Durchführung abgehalten werden.

Mit dem Wunsch, daß die Königin der Apostel als leuchtender Stern die Schritte ihrer geliebten Priester, Söhne in ihrem Sohn, auf den Pfaden der wirksamen Gemeinschaft, der Treue, der großmütigen und umfassenden Ausübung ihres unersetzlichen Dienstes geleiten möge, wünsche ich alles erdenklich Gute im Herrn und entbiete herzliche Grüße in kollegialer Verbundenheit!

DARÍO Kard. CASTRILLÓN HOYOS

Präfekt

CSABA TERNYÁK
Titular-Erzbischof von Eminenziana
Sekretär

EINLEITUNG

Die auf dem fruchtbaren Boden der großen katholischen Tradition entstandene und gewachsene Lehre, die den Priester als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der ihm anvertrauten christlichen Gemeinde beschreibt, stellt einen Weg nachdenklicher Reflexion über seine Identität und seine Sendung in der Kirche dar. Über diese Lehre, die immer dieselbe und doch immer neu ist, muss heute wieder mit Glaube und Hoffnung nachgedacht werden im Blick auf die Neu-Evangelisierung, zu welcher der Heilige Geist durch die Person und Autorität des Heiligen Vaters alle Gläubigen aufruft.

Es braucht einen wachsenden, persönlichen und zugleich gemeinsamen, neuen und großzügigen apostolischen Einsatz aller in der Kirche. Hirten und Gläubige müssen, besonders durch das persönliche Zeugnis und die einleuchtende Lehre Johannes Pauls II. in besonderer Weise ermutigt, immer gründlicher begreifen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den Schritt zu beschleunigen, mit leidenschaftlichem apostolischem Geist nach vorne zu schauen und sich darauf vorzubereiten, die Schwelle des 21. Jahrhunderts in einer Haltung zu überschreiten, deren Bestreben es ist, die Tore der Geschichte weit aufzumachen für Jesus Christus, unseren Gott und einzigen Erlöser. Hirten und Gläubige müssen sich aufgerufen fühlen, dafür zu sorgen, dass im Jahr 2000 mit neuer Kraft wieder die Verkündigung der Wahrheit erschalle: „Ecce natus est nobis Salvator mundi“ (1).

„In den Ländern mit alter christlicher Tradition, aber manchmal auch in jüngeren Kirchen haben ganze Gruppen von Getauften den lebendigen Sinn des Glaubens verloren oder erkennen sich gar nicht mehr als Mitglieder der Kirche, da sie sich in ihrem Leben von Christus und vom Evangelium entfernt haben. In diesem Fall braucht es eine ,,Neu-Evangelisierung“ oder eine ,,Wieder-Evangelisierung““ (2) Die Neu-Evangelisierung stellt also zuallererst eine mütterliche Reaktion der Kirche auf die Schwächung des Glaubens und die Trübung der moralischen Forderungen des christlichen Lebens im Bewusstsein so vieler ihrer Söhne und Töchter dar. Es gibt in der Tat viele Getaufte, die als Bürger einer in religiöser Hinsicht gleichgültigen Welt zwar einen gewissen Glauben beibehalten, sich aber praktisch vom Wort und von den Sakramenten, den wesentlichen Quellen christlichen Lebens, entfernt haben und im religiösen und moralischen Indifferentismus leben. Aber es gibt viele andere Menschen, die von christlichen Eltern geboren und vielleicht auch getauft worden sind, aber die Glaubensgrundlagen nicht erhalten haben und praktisch ein Dasein ohne Gott führen. Auf alle diese Menschen blickt die Kirche voll Liebe, während sie es ganz besonders ihnen gegenüber als dringende Pflicht empfindet, sie an die kirchliche Gemeinschaft heranzuziehen, wo sie durch die Gnade des Heiligen Geistes Jesus Christus und den Vater wiederfinden sollen.

Zusammen mit dieser Verpflichtung zur Neu-Evangelisierung, die im Bewusstsein vieler Christen wieder das Licht des Glaubens entzünden und in der Gesellschaft die Frohe Botschaft vom Heil wieder erklingen lassen soll, empfindet die Kirche stark die Verantwortung für ihre ständige Sendung ad gentes, das heißt das Recht und die Pflicht, allen Menschen, die Christus noch nicht kennen und nicht an seinen Heilsgaben teilhaben, das Evangelium zu bringen. Für die Kirche, Mutter und Lehrerin, sind die Sendung ad gentes und die Neu-Evangelisierung, heute mehr denn je untrennbare Aspekte des Auftrags, zu lehren, zu heiligen und alle Menschen zum Vater zu führen. Auch leidenschaftliche Christen, von denen es viele gibt, bedürfen einer liebevollen, ständigen Ermutigung dazu, nach ihrer Heiligkeit zu streben, zu der sie von Gott und von der Kirche berufen sind und die den eigentlichen Motor der Neu-Evangelisierung darstellt.

Jeder gläubige Christ, jeder Sohn/jede Tochter der Kirche sollte sich in diese gemeinsame dringende Verantwortung hineingenommen fühlen, ganz besonders aber gilt das für die Priester, die im besonderen erwählt, geweiht und gesandt sind, um die Gegenwart Christi, dessen authentische Repräsentanten und Boten sie werden, offenkundig zu machen.(3) Es erscheint daher notwendig, allen Welt — und Ordenspriestern zu helfen, „die vorrangige pastorale Aufgabe der Neu-Evangelisierung“ (4) persönlich auf sich zu nehmen und im Lichte dieser Aufgabe die von Gott an sie ergangene Berufung wiederzuentdecken, nämlich dem ihnen anvertrauten Teil des Gottesvolkes als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Hirten der Herde zu dienen.

I. Kapitel

IM DIENST DER NEU-EVANGELISIERUNG

„Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht“ (Joh 15,16)

1. Die Neu-Evangelisierung, Aufgabe der ganzen Kirche

Die Berufung und die Entsendung durch den Herrn sind immer aktuell, gewinnen aber unter den heutigen historischen Gegebenheiten eine besondere Bedeutung. Denn das Ende des 20. Jahrhunderts weist vom religiösen Standpunkt her gegensätzliche Erscheinungen auf. Während man einerseits den hohen Säkularisierungsgrad einer Gesellschaft feststellt, die sich von Gott abwendet und sich jedem transzendenten Bezug verschließt, zeigt sich andererseits zunehmend eine Religiosität, welche die im Herzen aller Menschen vorhandene, angeborene Sehnsucht nach Gott zu stillen versucht, der es aber nicht immer gelingt, zu einem befriedigenden Ausgang zu gelangen. „Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt und dass wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen“.(5) Die Verwirklichung dieser dringenden missionarischen Verpflichtung entfaltet sich heute in großem Maße im Rahmen der Neu-Evangelisierung vieler Länder alter christlicher Tradition, wo der christliche Lebenssinn jedoch, wie es scheint, großenteils im Verfallen begriffen ist. Sie erfolgt aber auch im weiteren Bereich der gesamten Menschheit überall dort, wo die Menschen die von Christus gebrachte Heilsbotschaft noch nicht gehört oder noch nicht richtig verstanden haben.

Eine schmerzliche Realität ist an vielen Orten und in vielen Kreisen das Vorhandensein von Personen, die von Jesus Christus reden gehört haben, aber seine Lehre eher als einen Komplex allgemeiner sittlicher Werte denn als verpflichtende Aufgaben des konkreten Lebens kennenzulernen und anzunehmen scheinen. Zugenommen hat die Zahl von Getauften, die sich von der Nachfolge Christi entfernen und einem vom Relativismus gekennzeichneten Lebensstil folgen. Die Rolle des christlichen Glaubens reduziert sich in vielen Fällen auf die eines reinen Kulturfaktors, der häufig auf eine rein private Dimension, ohne jede Bedeutung im sozialen Leben der Menschen und Völker, verengt wird.(6)

Nicht wenige und keineswegs kleine Bereiche sind nach zwei Jahrtausenden Christentum offen für die apostolische Sendung. Alle Christen müssen sich kraft des ihnen durch die Taufe gewährten Priestertums (Vgl. 1 Petr 2,4-5.9; Offb 1,5-6. 9-10; 20,6) dazu aufgerufen wissen, je nach ihren persönlichen Lebensumständen an dem neuen Sendungsauftrag zur Evangelisierung mitzuwirken, der als gemeinsame kirchliche Verantwortung Gestalt annimmt.(7) Die Verantwortung für die Missionstätigkeit „liegt vor allem auf dem Kollegium der Bischöfe mit dem Nachfolger Petri an deren Spitze“.(8) „Als Mitarbeiter des Bischofs sind die Priester kraft des Weihesakramentes aufgerufen, die Sorge für die Mission mit ihm zu teilen“ .(9) Man kann also sagen, dass in einem gewissen Sinn die Priester „die ersten Verantwortlichen dieser Neu-Evangelisierung des dritten Millenniums“ sind.(10)

Die moderne Gesellschaft hat, durch die vielen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften ermutigt, ein tiefes Bewusstsein kritischer Unabhängigkeit gegenüber jeder Art von weltlicher wie religiöser Autorität oder Lehre entwickelt. Das erfordert, dass die christliche Heilsbotschaft, die immer geheimnisvoll bleibt, gründlich erklärt und mit der Liebenswürdigkeit, Kraft und Anziehungsfähigkeit vorgestellt wird, die sie bei der ersten Evangelisierung besaß, wobei man sich klugerweise aller geeigneten, von der modernen Technik angebotenen Mittel bedienen sollte, ohne jedoch zu vergessen, dass die technischen Kommunikationsmittel niemals das unmittelbare Zeugnis eines heiligmäßigen Lebens werden ersetzen können. Die Kirche braucht echte Zeugen, Kommunikatoren des Evangeliums in allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Daraus ergibt sich, dass die Christen im allgemeinen und die Priester im besonderen eine ebenso profunde wie korrekte philosophische und theologische Ausbildung erwerben sollen,(11) die es ihnen erlaubt, von ihrem Glauben und ihrer Hoffnung Rechenschaft zu geben und die dringliche Notwendigkeit zu spüren, sie mit einer persönlichen verständnisvollen Gesprächshaltung auf stets konstruktive Weise darzustellen. Die Verkündigung des Evangeliums darf sich jedoch keinesfalls im Gespräch erschöpfen; der Mut zur Wahrheit ist in der Tat eine unausweichliche Herausforderung vor der Versuchung des Konformismus, der Suche nach müheloser Popularität oder nach der eigenen Ruhe!

Bei der Realisierung der Evangelisierungsarbeit darf auch nicht vergessen werden, dass manche Begriffe und Worte, mit denen sie traditionsgemäß durchgeführt wurde, für den größten Teil der modernen Kulturen nahezu unverständlich geworden sind. Begriffe wie Ursünde mit ihren Folgen, Erlösung, Kreuz, Notwendigkeit des Gebetes, freiwilliges Opfer, Keuschheit, Enthaltsamkeit, Gehorsam, Demut, Buße, Armut usw. haben in so manchem Kontext ihre ursprüngliche positive christliche Bedeutung verloren. Deshalb muss die Neu-Evangelisierung durch äußerste Treue zu der von der Kirche ständig gelehrten Glaubenslehre und durch ein starkes Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem christlichen Fachvokabular imstande sein, auch heutzutage geeignete Ausdrucksweisen zu finden, um mit deren Hilfe den tiefen Sinn für diese menschlichen und christlichen Grundwirklichkeiten wiederzugewinnen, ohne deshalb auf die in zusammenfassender Form im Glaubensbekenntnis enthaltenen, feststehenden und bereits angenommenen Formulierungen des Glaubens zu verzichten.(12)

2. Die notwendige und unersetzbare Rolle der Priester

Obwohl die Hirten „wissen, dass sie von Christus nicht bestellt sind, um die ganze Heilsmission der Kirche an der Welt allein auf sich zu nehmen“,(13) üben sie bei der Evangelisierung eine absolut unersetzliche Rolle aus. Die Forderung nach einer Neu-Evangelisierung macht es daher dringend notwendig, einen wirklich mit der heutigen Situation übereinstimmenden Ansatz für die Ausübung des Priesteramtes zu finden, der ihr Wirksamkeit verleiht und sie tauglich macht, auf die Umstände, unter denen sie erfolgen soll, entsprechend einzugehen. Das muss jedoch unter ständiger Hinwendung zu Christus, unserem einzigen Vorbild, geschehen, ohne dass die heute herrschenden Verhältnisse unseren Blick vom Endziel ablenken. Nicht nur die sozio-kulturellen Gegebenheiten sollen uns nämlich zu einer gültigen pastoralen Erneuerung anspornen, sondern vor allem die brennende Liebe zu Christus und zu seiner Kirche.

Das Ziel unserer Anstrengungen ist die endgültige Herrschaft Christi und die Wiederherstellung der gesamten Schöpfung in ihm. Dieses Ziel wird erst am Ende der Zeiten voll erreicht werden, ist aber schon jetzt gegenwärtig durch den lebendigmachenden Heiligen Geist, durch den Jesus Christus seinen Leib, die Kirche, als allumfassendes Heilssakrament eingesetzt hat.(14)

Christus, Haupt der Kirche und Herr der gesamten Schöpfung, setzt sein Heilswirken unter den Menschen fort, und genau innerhalb dieses Wirkungsrahmens findet das Amtspriestertum seinen richtigen Platz. Christus will, wenn er alle zu sich zieht (Vgl. Joh 12,32), in besonderer Weise seine Priester mit einbeziehen. Wir stehen hier vor einem göttlichen Plan (dem Willen Gottes, die Kirche mit ihren Amtsträgern in das Erlösungswerk hineinzunehmen), der, obwohl er sich vom Standpunkt der Glaubenslehre und der Theologie aus klar bestätigen lässt, dennoch beträchtliche Schwierigkeiten aufweist, um von seiten der Menschen unserer Zeit akzeptiert zu werden. Denn die sakramentale Vermittlung und die hierarchische Struktur der Kirche wird heute von vielen angefochten; man fragt sich, worin ihre Notwendigkeit, ihre Motivation bestehe.

Wie das Leben Christi, so muss auch dasjenige des Priesters ein Leben sein, das in Christi Namen der maßgeblichen Verkündigung des liebevollen Willens des Vaters geweiht ist (Vgl. Joh 17,4; Hebr 10,7-10). Das war die Haltung des Messias: Die Jahre seines öffentlichen Wirkens waren dem Vollbringen (Apg 1,1) von Taten und dem Lehren gewidmet, wobei er „wie einer lehrte, der (göttliche) Vollmacht hat“ (Mt 7,29). Diese Vollmacht gab ihm sicherlich an erster Stelle seine göttliche Herkunft, aber in den Augen der Menschen auch sein aufrichtiges, heiligmäßiges, vollkommenes Handeln. In gleicher Weise muß der Priester mit der objektiven geistlichen Autorität, die er kraft seiner Weihe besitzt,(15) die subjektive Autorität verbinden, die aus seinem aufrichtigen und heiligmäßigen Leben,(16) aus seiner pastoralen Liebe, Ausdruck der Liebe Christi,(17) stammt. Die Mahnung, die der hl. Gregor der Große an die Priester richtete, hat nichts von ihrer Aktualität verloren: „Er [der Hirt] muss in seinem Denken lauter, im Handeln vorbildlich, in seinem Schweigen diskret, durch sein Wort hilfreich sein; er muss durch sein Mitleiden jedem nahe sein und sich mehr als alle der Kontemplation widmen; er muß ein demütiger Verbündeter dessen sein, der das Gute tut, aber wegen seines eifrigen Bemühens um Gerechtigkeit muss er den Lastern der Sünder gegenüber unbeugsam sein; er darf weder bei den äußeren Tätigkeiten die Sorge um das innere Leben vernachlässigen noch es verabsäumen, sich der äußeren Bedürfnisse durch die Sorge um das innere Wohl anzunehmen“ .(18)

Wie zu allen Zeiten werden in unseren Tagen in der Kirche „Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger — sagte der Heilige Vater unter konkreter Bezugnahme auf die Rechristianisierung Europas mit Worten, die jedoch universale Gültigkeit besitzen —. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten, dass er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige sende, um die Welt von heute zu evangelisieren“. .(19) Man muss bedenken, daß nicht wenige Zeitgenossen sich zuallererst durch die geweihten Diener Gottes eine Vorstellung von Christus und von der Kirche machen; ihr authentisch evangelisches Zeugnis als „lebendiges und transparentes Abbild des Priesters Christus“ (20) wird daher noch dringender.

Im Rahmen des Heilswirkens Christi können wir zwei untrennbare Ziele ausmachen. Einerseits eine Zielsetzung, die wir als intellektuell bezeichnen könnten: die Menge der Menschen, die wie Schafe waren, die keinen Hirten haben (Vgl. Mt 9,36), lehren, unterweisen, sie über den Verstand zur Umkehr veranlassen (Vgl. Mt 4,17). Der andere Aspekt war darauf ausgerichtet, die Herzen derer, die ihn hörten, aufzurütteln für die Reue und Buße wegen ihrer Sünden und ihnen den Weg zum Empfang der göttlichen Vergebung zu eröffnen. Und so ist es heute noch: „Der Aufruf zur Neu-Evangelisierung ist vor allem ein Aufruf zur Umkehr“,(21) und wenn das Wort Gottes den Verstand des Menschen unterwiesen und seinen Willen dadurch angeregt hat, dass es ihn von der Sünde abbrachte, dann erreicht die Evangelisierungstätigkeit ihren Höhepunkt in der fruchtbringenden Teilnahme an den Sakramenten, vor allem an der Feier der Eucharistie. „Die Aufgabe der Evangelisierung besteht — wie Paul VI. lehrte — eben darin, den Glauben so zu lehren, dass jeder Christ dahingeführt wird, die Sakramente, statt sie passiv zu empfangen oder über sich ergehen zu lassen, als wahrhafte Gnadenmittel des Glaubens zu leben“ (22)

Die Evangelisierung umfasst: Verkündigung, Zeugnis, Dialog und Dienst und fußt auf der Verbindung der drei untrennbaren Elemente: Verkündigung des Wortes, Dienst der Sakramente und Leitung der Gläubigen.(23) Eine Verkündigung, die sich nicht die ständige Formung der Gläubigen zum Ziel setzte und nicht in die sakramentale Praktik einmündete, hätte ebenso wenig Sinn wie eine Teilnahme an den Sakramenten, die von der vollen Annahme des Glaubens und der Moralprinzipien abgetrennt wäre oder bei der sich keine ehrliche Umkehr des Herzens einstellte. Wenn aus pastoraler Sicht der Aktion nach der erste Platz logischerweise der Verkündigungsaufgabe zusteht,(24) muss der Intention oder Zielsetzung nach der erste Platz der Feier der Sakramente, insbesondere des Bußsakramentes und der Eucharistie, zugewiesen werden.(25) In der harmonischen Verbindung beider Funktionen ist die Integrität des Hirtenamtes des Priesters im Dienst an der Neu-Evangelisierung gegeben.

Ein Aspekt der Neu-Evangelisierung, der immer größere Bedeutung gewinnt, ist die ökumenische Bildung der Gläubigen. Das II. Vatikanische Konzil mahnte alle katholischen Gläubigen, dass sie „mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen“ und „die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden“ .(26) Gleichzeitig gilt es auch zu beachten, dass „nichts dem ökumenischen Geist so fern ist wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“ .(27) Die Priester werden infolgedessen wachsam sein müssen, damit der Ökumenismus unter treuer Respektierung der vom Lehramt der Kirche angegebenen Prinzipien geführt wird und nicht Brüche, sondern harmonische Kontinuität erfährt.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL I

1. Wird in unseren Kirchengemeinden und besonders unter unseren Priestern die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Neu-Evangelisierung wirklich empfunden?

2. Ist sie bei der Verkündigung präsent? Ist sie bei den Zusammenkünften des Presbyteriums, in den Pastoralprogrammen, in den Maßnahmen zur ständigen Weiterbildung vorhanden?

3. Engagieren sich die Priester besonders in der Förderung einer Sendung wie der Neu-Evangelisierung „in ihrem Eifer, in ihren Methoden, in ihrer Ausdruckskraft“ (28) — ad intra und ad extra der Kirche?

4. Betrachten die Gläubigen das Priestertum als ein Gottesgeschenk sowohl für den, der es empfängt, wie für die Gemeinde selbst, oder sehen sie es unter einem rein funktionalen und organisatorischen Aspekt? Wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, dafür zu beten, dass der Herr Priesterberufe wecke und dass es nicht an der notwendigen Hochherzigkeit fehle, darauf zustimmend zu antworten?

5. Wird in der Verkündigung des Wortes Gottes und in der Katechese das gebührende Gleichmaß zwischen dem Aspekt der Glaubensunterweisung und dem der Sakramentenspendung aufrechterhalten? Ist die Evangelisierungstätigkeit der Priester gekennzeichnet von der Komplementarität zwischen Verkündigung und sakramentaler Heiligung, „munus docendi“ und „munus sanctificandi“?

II. Kapitel

LEHRER DES WORTES

„Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15)

1. Die Priester, Lehrer des Wortes „nomine Christi et nomine Ecclesiae“

Ein angemessener Ausgangspunkt für das richtige Verständnis des Hirtendienstes am Wort ist die Betrachtung der Offenbarung Gottes an sich. „In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“.(29) In der Heiligen Schrift spricht die Verkündigung des Gottesreiches nicht nur von der Herrlichkeit Gottes, sondern lässt sie aus eben dieser Verkündigung hervorgehen. Das in der Kirche verkündete Evangelium ist nicht nur Botschaft, sondern eine göttliche Heilshandlung, die von denen, die glauben, die die Botschaft hören, ihr folgen und sie annehmen, erfahren wird.

Die Offenbarung beschränkt sich daher nicht darauf, uns über die Natur jenes Gottes, der in einem unerreichbaren Licht lebt, zu unterweisen, sondern sie unterrichtet uns zugleich darüber, was Gott in seiner Gnade für uns tut. Das geoffenbarte Wort, das „in“ der und „durch“ die Kirche gegenwärtig gemacht und aktualisiert wird, ist ein Werkzeug, durch das Christus mit seinem Geist in uns tätig ist. Es ist zugleich Gericht und Gnade. Beim Hören des Wortes interpelliert die aktuelle Gegenüberstellung mit Gott das Herz der Menschen und verlangt eine Entscheidung, die mit Verstandeswissen allein nicht zu erreichen ist, sondern die Umkehr des Herzens erfordert.

„Die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe [ist es], allen die Frohe Botschaft Gottes zu verkünden, um so […] das Gottesvolk zu begründen und zu mehren“.(30) Da die Verkündigung des Wortes nicht rein intellektuelle Weitergabe einer Botschaft ist, sondern eine ein für allemal in Christus verwirklichte „Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (Röm 1,16), verlangt ihre Verkündigung in der Kirche bei den Verkündigern ein übernatürliches Fundament, das ihre Authentizität und Wirksamkeit gewährleistet. Die Verkündigung des Wortes durch die geweihten Diener hat gewissermaßen teil am Heilscharakter des Wortes selbst, und zwar nicht einfach deshalb, weil sie von Christus reden, sondern weil sie ihren Zuhörern das Evangelium mit der Kraft verkünden, die aus ihrer Teilnahme an der Konsekration und Sendung des fleischgewordenen Gotteswortes stammt. Den Amtsträgern klingen noch die Worte des Herrn in den Ohren: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10,16), und mit Paulus können sie sagen: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten“ (1 Kor 2,12-13).

Die Verkündigung gleicht einem Dienst, der dem Weihesakrament entspringt und sich durch die Vollmacht Christi entfaltet. Die Kraft des Heiligen Geistes garantiert jedoch nicht in derselben Weise alle Handlungen der Amtsträger. Während bei der Verwaltung der Sakramente diese Garantie gegeben ist, so dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann, gibt es viele andere Handlungen, bei denen das menschliche Gepräge des Amtsträgers eine beträchtliche Bedeutung gewinnt. Dieses Gepräge kann der apostolischen Fruchtbarkeit der Kirche nützen, ihr aber auch schaden.(31) Wenngleich das gesamte munus pastorale vom Dienstcharakter erfüllt sein soll, so ist das im Verkündigungsdienst besonders notwendig, denn je mehr der Amtsträger tatsächlich zum Diener des Wortes wird und sich nicht zum Herrn desselben macht, um so mehr kann das Wort seine heilbringende Wirksamkeit spenden.

Dieser Dienst verlangt die persönliche Hingabe des Amtsträgers an das verkündete Wort, eine Hingabe, die letzten Endes an Gott selbst gerichtet ist, an jenen „Gott, den ich im Dienst des Evangeliums von seinem Sohn mit ganzem Herzen ehre“ (Röm 1,9). Der Priester darf ihm kein Hindernis in den Weg legen, weder durch Verfolgung von Zielen, die nicht zu seiner Sendung gehören, noch dadurch, dass er sich auf die Weisheit der Menschen oder auf subjektive Erfahrungen stützt, die das Evangelium selbst vernebeln könnten. Das Wort Gottes wird sich also niemals instrumentalisieren lassen! Der verkündende Priester muss hingegen „zuallererst selber eine große persönliche Vertrautheit mit dem Wort Gottes entwickeln […]. Der Priester muss der erste ,,Glaubende“ des Wortes sein in dem Bewusstsein, dass die Worte seines Dienstes nicht ,,seine“, sondern die Worte dessen sind, der ihn ausgesandt hat“ .(32)

Es besteht also eine wesentliche Beziehung zwischen persönlichem Gebet und Verkündigung. Aus der Betrachtung des Gotteswortes im persönlichen Gebet soll auch spontan „der Vorrang des gelebten Zeugnisses, das die Macht der Liebe Gottes entdecken läßt und sein Wort überzeugend macht“,(33) entspringen. Frucht des persönlichen Gebetes ist auch eine Predigt, die sich den Gläubigen nicht in erster Linie wegen ihrer logischen Abstraktheit einprägt, sondern weil sie in einem lauteren, betenden Herzen entstanden ist, das darum weiß, daß es nicht Aufgabe des Priesters ist, „seine eigene Weisheit vorzutragen, sondern immer das Wort Gottes zu lehren und alle nachdrücklich zur Umkehr und zur Heiligung einzuladen“.(34) Die Predigt der Diener Christi muss also, damit sie wirksam sei, fest auf deren kindlichen Gebetsgeist gegründet sein: „sit orator, antequam dictor“ .(35)

Im persönlichen Gebetsleben des Priesters findet das Bewusstsein vom Dienstcharakter seiner Sendung, der in der Berufung liegende Sinn seines Lebens und sein lebendiger und apostolischer Glaube Stütze und Anregung. Hier schöpft er auch Tag für Tag den Eifer für die Evangelisierung. Zur persönlichen Überzeugung geworden, wird sie in überzeugende, konsequente Verkündigung umgesetzt. In diesem Sinn betrifft der Vollzug des Stundengebetes nicht allein die persönliche Frömmigkeit, noch erschöpft er sich als öffentliches Gebet der Kirche; das Stundengebet erweist auch seinen großen pastoralen Nutzen,(36) da es eine bevorzugte Gelegenheit zu wachsender Vertrautheit mit der Lehre der Bibel, der Kirchenväter, der Theologie und des Lehramtes bietet, die zunächst verinnerlicht und dann in der Verkündigung auf das Volk Gottes übertragen wird.

2. Für eine wirksame Verkündigung des Wortes

In der Perspektive der Neu-Evangelisierung müsste unbedingt die Wichtigkeit unterstrichen werden, in den Gläubigen die Bedeutung der aus der Taufe herrührenden Berufung reifen zu lassen, das heißt, das Bewusstsein, von Gott aufgerufen worden zu sein, Christus aus der Nähe zu folgen und persönlich an der Sendung der Kirche mitzuarbeiten. „Die Weitergabe des Glaubens ist Aufdecken, Verkünden und Vertiefen der christlichen Berufung; das heißt, der Ruf Gottes ergeht an jeden Menschen, dem das Heilsgeheimnis gezeigt wird.. „.(37) Die Aufgabe der Verkündigung besteht also darin, Christus den Menschen vorzustellen, weil nur er, „der neue Adam, eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht und ihm seine höchste Berufung erschließt“

Neu-Evangelisierung und der von Berufung bestimmte Sinn des christlichen Daseins gehören zusammen. Und das ist die „gute Botschaft“, die den Gläubigen verkündet werden muss, ohne Abstriche, sowohl was ihr Gutsein, als auch die Anforderung, um es zu erreichen, betrifft, während gleichzeitig daran erinnert wird, dass „auf dem Christen ganz gewiss die Notwendigkeit und auch die Pflicht liegen, gegen das Böse durch viele Anfechtungen hindurch anzukämpfen und auch den Tod zu ertragen; aber dem österlichen Geheimnis verbunden und dem Tod Christi gleichgestaltet, geht er, durch Hoffnung gestärkt, der Auferstehung entgegen“ .(39)

Die Neu-Evangelisierung erfordert einen vollständigen und wohlbegründeten, leidenschaftlichen Dienst am Wort mit klarem theologischem, spirituellem, liturgischem und moralischem Inhalt, der auf die konkreten Bedürfnisse der Menschen, die erreicht werden sollen, achtet. Es geht offensichtlich nicht darum, in die Versuchungen eines Intellektualismus zu geraten, der ja das christliche Denkvermögen trüben könnte, statt es zu erleuchten, sondern durch die ständige, geduldige Katechese über die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens und der katholischen Moral und über ihren Einfluß im geistlichen Leben eine echte „geistige Liebe“ zu entwickeln. Die christliche Unterweisung ragt unter den geistlichen Werken der Barmherzigkeit hervor: Die Rettung erfolgt im Kennenlernen Christi, denn „es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4,12).

Diese katechetische Verkündigung kann nicht ohne das Mittel der heilen Theologie erfolgen, da es ja nicht nur darum geht, die geoffenbarte Lehre zu wiederholen, sondern mit Hilfe der geoffenbarten Lehre Verstand und Gewissen der Gläubigen zu formen, damit sie die Ansprüche der durch die Taufe empfangenen Berufung konsequent leben können. Die Neu-Evangelisierung wird sich in dem Maße verwirklichen lassen, in dem nicht nur die Kirche als ganze oder ihre einzelnen Institutionen, sondern jeder Christ in die Lage versetzt wird, den Glauben zu leben und durch sein Leben einen lebendigen Grund für Glaubwürdigkeit und eine glaubhafte Verteidigung des Glaubens abzugeben.

Evangelisieren heißt nämlich, mit allen zur Verfügung stehenden ehrlichen und geeigneten Mitteln die Inhalte der geoffenbarten Wahrheiten (den trinitarischen und christologischen Glauben, die Bedeutung der Schöpfungslehre, die eschatologischen Wahrheiten, die Lehre über die Kirche, über den Menschen, das Glaubenswissen über die Sakramente und über die anderen Heilsmittel usw.) zu verkünden und zu verbreiten. Und es heißt zugleich auch, durch die moralische und geistliche Bildung diese Wahrheiten ins konkrete Leben, in Zeugnis und missionarischen Einsatz umzusetzen.

Die notwendige Aufgabe der theologischen und geistlichen Bildung (Bemühen um die ständige Weiterbildung der Priester und Diakone, Bemühen um die Bildung aller Gläubigen) stellt eine unausweichliche und zugleich enorme Verpflichtung dar. Es ist daher unbedingt notwendig, dass die Ausübung des Dienstes am Wort und vor allem die Träger dieses Dienstes den Umständen gewachsen sind. Die Wirksamkeit wird davon abhängen, dass diese Ausübung, die ganz wesentlich auf die Hilfe Gottes gegründet ist, auch mit der größtmöglichen menschlichen Vollkommenheit erfolgt. Die neue lehrhafte, theologische und spirituelle Verkündigung der christlichen Botschaft — eine Verkündigung, die in erster Linie das Gewissen der Getauften anfeuern und läutern soll — darf nicht aus Trägheit oder Verantwortungslosigkeit improvisiert werden. Noch weniger dürfen die Priester ihre Verantwortlichkeit, die Aufgabe der Verkündigung persönlich wahrzunehmen, vernachlässigen, im besonderen was das Predigtamt betrifft, das weder jemandem übertragen werden darf, der nicht geweiht ist, (40) noch leichtfertig an jemanden abgegeben werden darf, der nicht gut vorbereitet ist.

Im Zusammenhang mit der Verkündigung durch den Priester muss man, wie das übrigens immer der Fall War, unbedingt auf die Wichtigkeit der entfernten Vorbereitung hinweisen, die zum Beispiel dadurch konkretisiert werden kann, dass die Lektüre und sogar die Interessen entsprechend auf Aspekte ausgerichtet werden, die die Vorbereitung der geweihten Amtsträger verbessern können. Das seelsorgerische Einfühlungsvermögen der Prediger muss ständig wachsam sein, um die Probleme, die den Menschen unserer Zeit Sorge bereiten, und mögliche Lösungen festzustellen. „Um auf die von den heutigen Menschen erörterten Fragen die rechte Antwort zu geben, sollen die Priester ferner die Dokumente des kirchlichen Lehramtes und besonders die der Konzilien und der Päpste gut kennen sowie die besten und anerkannten theologischen Schriftsteller zu Rat ziehen“, (41) ohne zu vergessen, den Katechismus der Katholischen Kirche zu konsultieren. In diesem Sinn läge es nahe, wieder auf die Wichtigkeit der unermüdlichen Sorge um die ständige Weiterbildung des Klerus zurückzukommen, wobei als inhaltlicher Bezug das Direktorium für Dienst und Leben der Priester dient.(42) Jede Anstrengung auf diesem Gebiet wird durch reiche Früchte belohnt werden. Wichtig ist, zusammen mit allem bisher Gesagten, auch eine unmittelbare Vorbereitung auf die Verkündigung des Gotteswortes. Abgesehen von Ausnahmefällen, wo es nicht anders möglich gewesen ist, sollen Demut und Fleiß den Priester zum Beispiel veranlassen, sorgfältig wenigstens einen Entwurf dessen vorzubereiten, was gesagt werden soll.

Die Hauptquelle der Verkündigung muss logischerweise die Heilige Schrift sein, mit der sich der Priester durch die Betrachtung im persönlichen Gebet und durch das Studium und die Lektüre geeigneter Bücher vertraut machen soll.(43) Die pastorale Erfahrung lehrt, dass die Kraft und Beredtheit des Bibeltextes die Zuhörer tief bewegen. Die Schriften der Kirchenväter und anderer großer Autoren der Tradition lehren, den Sinn des geoffenbarten Wortes zu durchdringen und ihn anderen zu erschließen, (44) fernab von jeder Form eines „biblischen Fundamentalismus“ oder einer Verstümmelung der göttlichen Botschaft. Die Pädagogik, mit der die Liturgie der Kirche in den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres das Wort Gottes liest, interpretiert und anwendet, sollte ebenfalls einen Bezugspunkt für die Vorbereitung der Verkündigung darstellen. Darüberhinaus hat die Betrachtung des Lebens der Heiligen — mit ihren Kämpfen und heroischen Taten — zu allen Zeiten in den Herzen der Christen reiche Frucht hervorgebracht. Auch heute haben die Gläubigen, die durch Gelegenheiten zu falschem Verhalten und durch fragwürdige Lehren gefährdet sind, das Beispiel dieser Heiligenviten, die in heroischem Geist der Liebe Gottes und durch Gott den anderen Menschen hingegeben worden sind, dringend nötig. Ebenso nützlich wie das alles ist es für die Evangelisierung auch, in den Gläubigen aus Gottesliebe den Sinn für Solidarität mit den anderen, den Geist des Dienens, die hochherzige Hingabe an die anderen zu fördern. Das christliche Bewußtsein reift ja gerade durch eine immer engere Beziehung zur Liebe.

Als sehr wichtig für den Priester erweist sich auch die Berücksichtigung der formalen Aspekte der Verkündigung. Wir leben im Zeitalter der Information und raschen Kommunikation, wo wir uns alle daran gewöhnt haben, anerkannte Fernseh- und Rundfunkfachleute zu sehen und zu hören. Mit ihnen tritt der Priester, der ebenfalls ein, freilich besonderer, sozialer Kommunikator ist, gewissermaßen in friedliche Konkurrenz gegenüber den Gläubigen, wenn er eine Botschaft vermittelt, die auf ausgesprochen anziehende Art und Weise vorgestellt werden soll. Der Priester muss nicht nur die „neuen Kanzeln“, also die Massenmedien, mit Kompetenz und apostolischem Geist zu nutzen wissen, sondern er muss vor allem dafür sorgen, dass seine Botschaft dem Wort, das er verkündet, ebenbürtig ist. Die im Bereich der audiovisuellen Medien tätigen Fachleute bereiten sich gut auf die Durchführung ihrer Aufgabe vor; es wäre gewiß keine übertriebene Forderung, dass die Lehrer des Wortes sich durch intelligentes und geduldiges Studium um die Verbesserung der „professionellen“ Qualität dieses Aspektes des Dienstes bemühen sollten. Zum Beispiel kehrt heute in verschiedenen Universitäts- und Kulturbereichen das Interesse an der Rhetorik zurück; es sollte auch bei den Priestern wieder geweckt werden, zusammen mit der bescheidenen und vornehm würdevollen Art des Auftretens.

Die Verkündigung durch den Priester muss, wie die Verkündigung Christi, auf positive und anregende Weise erfolgen, damit sie die Menschen mitreißt und zur Güte, Schönheit und Wahrheit Gottes hinzieht. Die Christen müssen „erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4,6) und sie müssen die empfangene Wahrheit auf interessante Weise darlegen. Ist nicht oftmals der verlockende Charakter des starken und zugleich ruhigen Anspruchs der christlichen Existenz festzustellen? Man braucht sich also nicht zu fürchten. „Seit dem Ostertag, wo sie [die Kirche] die letzte Wahrheit über das Leben des Menschen als Geschenk empfangen hat, ist sie zur Pilgerin auf den Straßen der Welt geworden, um zu verkünden, dass Jesus Christus ,,der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6). Unter den verschiedenen Diensten, die sie der Welt anzubieten hat, gibt es einen, der ihre Verantwortung in ganz besonderer Weise herausstellt: den Dienst an der Wahrheit“.(45)

Als nützlich erweist sich logischerweise in der Verkündigung auch der Gebrauch einer korrekten, erlesenen Sprache, die für unsere Zeitgenossen aus allen Schichten verständlich ist und Banalitäten und Gleichgültigkeit vermeidet.(46) Der Priester muss aus einer echten Sicht des Glaubens sprechen, aber mit Worten, die in den verschiedenen Milieus verständlich sind, und nie in einem Fachjargon und auch nicht mit Zugeständnissen an den Geist der Welt. Das menschliche „Geheimnis“ einer fruchtbaren Verkündigung des Wortes besteht in erheblichem Ausmaß in der „Professionalität“ des Priesters, der weiß, was er sagen und wie er es sagen will, und der über eine ernsthafte, sowohl entfernte wie unmittelbare, Vorbereitung verfügt und keine dilettantischen Improvisationen inszeniert. Es wäre schädlicher Irenismus, die Kraft der ganzen Wahrheit zu verbergen. Daher gilt es, sorgfältig auf den Inhalt der Worte, auf den Redestil und die Ausdrucksweise zu achten; es gilt gut zu überlegen, was stärker betont werden soll, und es sollte, möglichst ohne übertriebenes Gehabe, auf die Gefälligkeit der Stimme geachtet werden. Der Priester muss wissen, wohin er gelangen will, und die existentielle und kulturelle Situation seiner üblichen Zuhörer gut kennen: Er darf keine abstrakten Theorien oder Verallgemeinerungen von sich geben und muss deshalb seine Herde kennen. Angebracht ist ein liebenswürdiger, positiver Sprachstil, der weiß, die Menschen nicht zu verletzen, selbst wenn er die Gewissen „verletzt“…, ohne Angst, die Dinge beim Namen zu nennen.

Sehr nützlich ist es, wenn die Priester, die in den verschiedenen Seelsorgsaufgaben zusammenarbeiten, sich durch brüderliche Ratschläge über diese und andere Aspekte des Dienstes am Wort gegenseitig helfen. Zum Beispiel über die Inhalte der Predigt, über die theologische und sprachliche Qualität, über den Stil, über die Dauer — die Predigt sollte keinesfalls zu lang sein —, über die Art zu spechen und an den Ambo zu treten, über den Tonfall der Stimme, der normal sein, wenn auch in den verschiedenen Augenblicken der Predigt wechseln soll, ohne gekünstelt zu sein, usw. Noch einmal ist für den Priester Demut unverzichtbar, damit er sich von seinen Brüdern und auch, wenngleich indirekt, von den Gläubigen, die an seinen pastoralen Aktivitäten teilnehmen, helfen lässt.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL II

6 Haben wir Hilfsmittel, um die tatsächliche Auswirkung des Verkündigungsdienstes auf das Leben unserer Gemeinden einzuschätzen? Bemüht man sich darum, von diesem für die Evangelisierung wesentlichen Mittel mit der größtmöglichen menschlichen Professionalität Gebrauch zu machen?

7. Lässt man in den Fortbildungskursen für den Klerus der Vervollkommnung der Verkündigung des Wortes in ihren verschiedenen Formen die ihr zustehende Beachtung zuteil werden?

8. Werden die Priester dazu ermutigt, dem Studium der Theologie, dem Lesen der Kirchenväter, der Kirchenlehrer und der Heiligen Zeit zu widmen? Zeigt sich ein positiver Einsatz dafür, die großen Meister der Spiritualität kennenzulernen und bekannt zu machen?

9. Wird mit praktischem Sinn und einer gesunden wissenschaftlichen Perspektive die Einrichtung Bibliotheken für Priester gefördert?

10. Gibt es und kennt man in diesem Sinn örtliche Möglichkeiten der Verbindung mit Bibliotheken im Internet, einschließlich der begonnenen elektronischen Bibliotheken auf der Internetseite der Kongregation für den Klerus (www.clerus.org.)?

11. Werden die Priester ermutigt, von der Katechese des Heiligen Vaters und der verschiedenen Dokumente des Heiligen Stuhls Gebrauch zu machen?

12. Ist man sich der Bedeutung der beruflichen Ausbildung von Personen (Priestern, ständigen Diakonen, Ordensleuten, Laien) bewusst, die fähig sind, diesen wichtigen Aspekt der Evangelisierung der modernen Kultur, den die Kommunikation darstellt, auf einem hohen Niveau zu realisieren?

III. Kapitel

DIENER DER SAKRAMENTE

„Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1)

1. „In persona Christi Capitis“

„Die Sendung der Kirche kommt nicht zu der Sendung Christi und des Heiligen Geistes hinzu, sondern ist deren Sakrament. Ihrem ganzen Wesen nach und in allen ihren Gliedern ist die Kirche gesandt, das Mysterium der Gemeinschaft der heiligsten Dreifaltigkeit zu verkünden und zu bezeugen, zu vergegenwärtigen und immer mehr auszubreiten“ (47) Diese sakramentale Dimension der Sendung der Kirche insgesamt entspringt ihrem eigentlichen Wesen als einer Wirklichkeit, die zugleich „menschlich und göttlich, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs“ (48) ist. In diesem Kontext der Kirche als „allumfassendem Sakrament des Heils“,(49) in dem Christus „das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht“,(50) stehen die Sakramente als bevorzugte Gelegenheiten der Mitteilung des göttlichen Lebens an den Menschen im Zentrum des Dienstes der Priester. Diese sind sich wohl bewusst, lebendige Werkzeuge Christi des Priesters zu sein. Sie haben die Funktion von Männern, die durch den sakramentalen Charakter dazu berechtigt sind, das Handeln Gottes durch Wirksamkeit der beteiligten Mittel zu unterstützen.

Die Konfiguration [Gleichgestaltung] mit Christus durch die sakramentale Weihe gibt dem Priester innerhalb des Gottesvolkes seinen Platz und lässt ihn auf seine eigene Weise und in Übereinstimmung mit der organischen Struktur der kirchlichen Gemeinschaft am dreifachen munus Christi teilhaben. Indem der Priester in persona Christi Capitis handelt, leitet er das Volk Gottes und führt es zur Heiligkeit.(5l) Daraus ergibt sich „für den Priester die Notwendigkeit, dass er in seinem ganzen Leben, vor allem aber in der Art und Weise, wie er die Sakramente achtet und feiert, Zeugnis vom Glauben gibt“.(52) Hier gilt es, an die klassische, vom II. Vatikanischen Konzil wieder aufgenommene Lehre zu erinnern: „Denn obwohl die Gnade Gottes auch durch unwürdige Priester das Heilswerk durchführen kann, so will Gott doch seine Heilswunder für gewöhnlich lieber durch diejenigen kundtun, die sich dem Antrieb und der Führung des Heiligen Geistes mehr geöffnet haben und darum wegen ihrer innigen Verbundenheit mit Christus und wegen eines heiligmäßigen Lebens mit dem Apostel sprechen können:

,,Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20)“.(53)

Die Feiern der Sakramente, bei denen die Priester als Diener Christi handeln und in besonderer Weise durch seinen Geist an seinem Priestertum teilhaben,(54) stellen im Hinblick auf die Neu-Evangelisierung kultische Ereignisse von einzigartiger Bedeutung dar. Man bedenke auch, dass für alle Gläubigen, vor allem aber für jene, die der praktischen Religionsausübung gewöhnlich fernstehen, jedoch anlässlich familiärer oder gesellschaftlicher Ereignisse (Taufen, Firmungen, Hochzeiten, Priesterweihen, Begräbnisse usw.) recht häufig an Gottesdiensten teilnehmen, diese Anlässe inzwischen zur einzigen Gelegenheit für die Weitergabe der Glaubensinhalte geworden sind. Die Glaubenshaltung des Amtsträgers wird daher „mit einer unter liturgischem und zerimoniellem Aspekt hervorragenden Qualität der Zelebration“ verbunden sein müssen: (55) Sie darf natürlich nicht als Spektakel ausgerichtet werden, sondern muss darauf achten, dass dabei wirklich das „Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen“.(56)

2. Diener der Eucharistie: „Der eigentliche Mittelpunkt des priesterlichen Dienstes“

„Jesus nennt die Apostel ,,Freunde“. So will er auch uns nennen, die wir dank des Weihesakraments an seinem Priestertum teilhaben. (…) Hätte Jesus uns seine Freundschaft noch deutlicher zum Ausdruck bringen können als in der Weise, dass er uns als Priester des neuen Bundes erlaubt, an seiner Statt, in persona Christi Capitis, zu handeln? Gerade das geschieht in unserem ganzen priesterlichen Dienst, wenn wir die Sakramente spenden und besonders wenn wir die Eucharistie feiern. Wir wiederholen die Worte, die er über das Brot und den Wein sprach, und kraft unseres Amtes vollzieht sich dieselbe Wandlung, die er vollzog. Gibt es einen vollendeteren Ausdruck von Freundschaft als diesen? Er ist die Mitte unseres priesterlichen Dienstes“ .(57)

Die Neu-Evangelisierung muss für die Gläubigen auch eine neue Klarheit über die zentrale Stellung des Sakraments der Eucharistie bedeuten, das der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist.(58) Einerseits, weil „eine christliche Gemeinde nur auferbaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat“, (59) aber auch, weil „alle übrigen Sakramente, ebenso wie alle kirchlichen Dienste und Apostolatswerke in engem Zusammenhang mit der Eucharistie stehen und auf sie hingeordnet sind. Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle“.(60)

Im Seelsorgsdienst ist die Eucharistie auch ein Ziel. Die Gläubigen müssen vorbereitet werden, daraus Nutzen zu ziehen. Wenn man bei ihnen einerseits die „würdige, aufmerksame und fruchtbare“ Teilnahme an der Liturgie fördert, so erweist es sich andererseits als unbedingt notwendig, ihnen bewusst zu machen, dass „sie auf diese Weise (von Christus) eingeladen und veranlasst werden, sich selbst, ihre Arbeiten und die ganze Schöpfung mit ihm darzubringen. Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation“, (61) eine Wahrheit, aus der sich eine ganze Reihe pastoraler Konsequenzen ergeben.

Es kommt grundlegend darauf an, den Gläubigen bleibend zu vermitteln, worin das Wesen des heiligen Altaropfers besteht, und ihre fruchtbringende Teilnahme an der Eucharistie zu fördern.(62) Notwendig ist auch, unermüdlich und furchtlos auf der Verpflichtung zur Erfüllung des Sonntagsgebotes (63) und auf der Angemessenheit einer häufigen, wenn möglich auch täglichen, Teilnahme an der Feier der hl. Messe und dem Empfang der eucharistischen Kommunion bestehen. Es gilt auch an die ernste Verpflichtung der Gläubigen zu erinnern, den Leib Christi mit der gebotenen geistigen und leiblichen Verfassung zu empfangen, das heißt, wenn sich jemand bewusst ist, nicht im Stande der Gnade zu sein, muss er vor dem Empfang der Eucharistie die sakramentale Lossprechung empfangen haben. In jeder Teilkirche und in jeder Pfarrgemeinde hängt ein blühendes christliches Leben großenteils von der in einem Geist des Glaubens und der Anbetung gelungenen Wiederentdeckung des großen Geschenkes der Eucharistie ab. Wenn es nicht gelingt, in der theoretischen Lehre, in der Verkündigung und im Leben den Zusammenhang zwischen täglichem Leben und Eucharistie zum Ausdruck zu bringen, wird am Ende der häufige Empfang der Eucharistie unterlassen.

Auch in dieser Hinsicht ist die Vorbildlichkeit des zelebrierenden Priesters äußerst wichtig: „Gut zelebrieren bildet eine erste wichtige Katechese über das heilige Opfer“ .(64) Auch wenn es offensichtlich nicht die Absicht des Priesters sein wird, ist es doch wichtig, dass die Gläubigen sehen, wie er sich innerlich gesammelt auf die Feier des heiligen Opfers vorbereitet, dass sie Zeugen der Liebe und Hingabe sind, die er in die Zelebration hineinlegt, und dass sie von ihm lernen können, nach der Kommunion als Zeichen der Dankbarkeit eine gewisse Zeit innezuhalten.

Wenn ein wesentlicher Teil des Evangelisierungswerkes der Kirche darin besteht, die Menschen beten zu lehren zum Vater durch Christus im Heiligen Geist, schließt die Neu-Evangelisierung die Gewinnung und Stärkung pastoraler Praktiken ein, die den Glauben an die wirkliche Gegenwart (Realpräsenz) des Herrn unter den eucharistischen Gestalten deutlich machen. „Der Priester hat die Aufgabe, die Verehrung der Gegenwart Christi in der Eucharistie auch außerhalb der Messfeier dadurch zu fördern, dass er seine Kirche zu einem christlichen ,,Haus des Gebets“ macht“ .(65) Notwendig ist zunächst, dass die Gläubigen gründlich Bescheid wissen um die unumgänglichen Bedingungen für den gültigen Empfang der Kommunion. Ebenso wichtig ist es, ihre Verehrung für Christus, der sie liebevoll im Tabernakel erwartet, zu fördern. Eine einfache und wirksame Art eucharistischer Katechese ist gerade auch die sorgfältige Wartung und Pflege von allem, was den Kirchenraum und insbesondere den Altar und den Tabernakel betrifft:

Sauberkeit und Anstand, Erhabenheit der Paramente und der heiligen Gefäße, Sorgfalt bei der Feier der Gottesdienste, (66) Festhalten an der Praxis der Kniebeugung usw. Besonders wichtig ist außerdem, einer jahrhundertealten Tradition in der Kirche entsprechend in der Kapelle des Allerheiligsten für eine Atmosphäre der Stille zu sorgen, um die heilige Ruhe zu gewährleisten, die das liebevolle Gespräch mit dem Herrn erleichtert. Jene Kapelle bzw. jener Ort, wo der im Sakrament gegenwärtige Christus aufbewahrt und angebetet wird, ist sicher das Herz unserer Gotteshäuser, und als solches müssen wir den Zutritt zu ihm kenntlich zu machen und durch tägliche Öffnung für eine möglichst lange Zeitspanne zu unterstützen trachten und den Ort mit echter Liebe gebührend schmücken.

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Bekundungen — die nicht Formen eines nebulösen „Spiritualismus“ angehören, sondern eine theologisch fundierte Frömmigkeit enthüllen — nur unter der Voraussetzung möglich sein werden, dass der Priester wirklich ein Mann des Gebets und von glaubwürdiger Leidenschaft für die Eucharistie ist. Nur ein Priester, der betet, wird beten lehren können, während er auch die Gnade Gottes auf diejenigen hinzuziehen weiß, die von seinem pastoralen Dienst abhängig sind, um auf diese Weise Bekehrungen, Vorsätze für ein intensiveres geistliches Leben, Priester- und Ordensberufe zu fördern. Schließlich wird nur der Priester, der täglich die Erfahrung mit der „conversatio in coelis“ macht, die die Freundschaft mit Christus zu seinem Lebensinhalt werden lässt, in der Lage sein, einer wirklichen Neu-Evangelisierung echten Auftrieb zu verleihen.

3. Diener der Versöhnung mit Gott und mit der Kirche

In einer Welt, in der das Spendenbewusstsein in breitem Maße geschwunden ist, (67) gilt es nachdrücklich daran zu erinnern, dass eben der Mangel an Gottesliebe verhindert, die Realität der Sünde in ihrer ganzen Bosheit wahrzunehmen. Die Bekehrung nicht nur als vorübergehender innerer Akt, sondern als ständige Haltung kommt durch die wahre Kenntnis der barmherzigen Liebe Gottes in Schwung. „Denn wer Gott auf diese Weise kennenlernt, ihn so ,,sieht“, kann nicht anders als in fortwährender Bekehrung zu ihm leben. Er lebt also im ,,Zustand der Bekehrung““.(68) Die Buße gehört somit zum festen Erbe im kirchlichen Leben der Getauften; sie ist jedoch gekennzeichnet von der Hoffnung auf Vergebung: „Einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden“ (1 Petr 2,10).

Die Neu-Evangelisierung erfordert also — und das ist eine absolut unausweichliche pastorale Forderung — eine neue Anstrengung, um den Gläubigen das Sakrament der Buße oder Versöhnung näherzubringen, (69) „das den Weg zu jedem Menschen selbst dann ebnet, wenn er mit schwerer Schuld beladen ist. In diesem Sakrament kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde.(70) Wir brauchen keine Angst davor zu haben, mit Eifer zu dieser sakramentalen Praxis dadurch zu ermutigen, dass wir auf intelligente Weise langlebige und heilsame christliche Traditionen erneuern und wiederbeleben. In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Gläubigen mit Hilfe des Heiligen Geistes zu einer tiefgehenden Umkehr anzuhalten, die eine aufrichtige und bußfertige Anerkennung der im Leben jedes Menschen vorhandenen moralischen Unordnung hervorruft; sodann wird es notwendig sein, den Gläubigen die Bedeutung der häufigen Einzelbeichte beizubringen, bis es möglich ist, mit einer echten persönlichen Seelenführung zu beginnen.

Ohne die Spendung des Sakraments mit dem Angebot der Seelenführung zu verwechseln, sollen die Priester von der Feier des Sakraments an die Gelegenheit wahrnehmen und das Gespräch der Seelenführung beginnen. „Die Wiederentdeckung und Verbreitung dieser Praxis, auch zu anderen als zu den für die Beichte vorgesehenen Zeiten, ist eine große Wohltat für die Kirche in der gegenwärtigen Zeit“.(71) Auf diese Weise wird der Priester mithelfen, Sinn und Wirksamkeit des Bußsakramentes wiederzuentdecken, und damit die Voraussetzungen für die Überwindung der Krise dieses Sakraments schaffen. Die persönliche Seelenführung ermöglicht es, wahre Apostel auszubilden, die imstande sind, die Neu-Evangelisierung in der weltlichen Gesellschaft zu verbreiten. Um bei der Aufgabe der Wiederevangelisierung vieler Getaufter, die sich von der Kirche entfernt haben, voranzukommen, ist es notwendig, diejenigen, die ihr nahe stehen, sehr gut auszubilden.

Die Neu-Evangelisierung verlangt, dass man sich auf eine entsprechende Anzahl von Priestern verlassen kann: Die jahrhundertelange Erfahrung lehrt, dass ein Großteil der positiven Antworten auf Berufungen außer dem Lebensbeispiel der Priester, die ihrer Identität innerlich und äußerlich treu sind, auch der Seelenführung zu verdanken sind. „Jeder Priester wird sich besonders der Förderung von Berufungen widmen, ohne zu versäumen, […] in geeigneten Initiativen durch persönlichen Kontakt darauf zu achten, dass Talente entdeckt werden und dass der Wille Gottes zu einer mutigen Entscheidung für die Nachfolge Christi erkannt wird. […] Es ist ein unaufhebbares Erfordernis der pastoralen Liebe, dass jeder Priester — die Gnade des Heiligen Geistes unterstützend — sich mit sorgsamem Eifer darum bemüht, wenigstens einen Nachfolger im priesterlichen Dienst zu finden“.(72)

Allen Gläubigen die tatsächliche Möglichkeit zur Beichte zu geben, erfordert zweifellos eine große Hingabe an Zeit.(73) Es wird dringend empfohlen, verbindliche Zeiten für die Anwesenheit in den Beichtstühlen festzulegen, die allen bekannt sind, und sich nicht auf eine theoretische Verfügbarkeit zu beschränken. Manchmal genügt nämlich die Tatsache, dass sich ein Gläubiger gezwungen sieht, erst auf die Suche nach einem Beichtvater zu gehen, ihn von seiner Absicht zu beichten abzubringen, während die Gläubigen „gern dort dieses Sakrament empfangen, wo sie wissen, dass Priester für diesen Dienst zur Verfügung stehen“.(74) Die Pfarreien und allgemein die für den Gottesdienst bestimmten Kirchen sollten einen festen, großzügigen und günstigen Zeiplan für Beichten haben, und die zuverlässige Einhaltung dieses Zeitplanes ist Aufgabe der Priester. Entsprechend diesem Bemühen, das den Gläubigen den Empfang des Sakraments der Versöhnung nach Möglichkeit erleichtern soll, muss auch in richtiger Weise für die Aufstellung und Wartung der Beichstühle gesorgt werden: ihre Sauberhaltung, ihre Sichtbarkeit, die Möglichkeit des Gebrauchs des Gitters und der Wahrung der Anonymität (75) usw.

Es ist nicht immer leicht, diese Seelsorgspraktiken einzuhalten und zu verteidigen, doch darf deshalb nicht verschwiegen werden, dass sie wirksam sind und es daher angebracht ist, sie dort, wo sie außer Gebrauch gekommen sind, wieder aufzunehmen. Wie die Hilfe zwischen Weltpriestern und Ordenspriestern für diese pastoral wichtigste Bereitschaft gefördert werden muss, ist auch der tägliche Dienst im Beichtstuhl voll Hochachtung anzuerkennen, der von so vielen alten Priestern, echten geistlichen Lehrern der verschiedenen christlichen Gemeinden, in bewundernswürdiger Weise geleistet wird.

Dieser ganze Dienst an der Kirche wird wesentlich leichter sein, wenn die Priester selber die ersten sind, die regelmäßig zur Beichte gehen.(76) Unerläßliche Voraussetzung für einen hochherzigen Dienst der Versöhnung ist nämlich, dass der Priester persönlich als Pönitent das Sakrament empfängt. „Die ganze priesterliche Existenz würde unweigerlich schweren Schaden nehmen, wenn man es aus Nachlässigkeit oder anderen Gründen unterließe, regelmäßig und mit echtem Glauben und tiefer Frömmigkeit das Bußsakrament zu empfangen. Wenn ein Priester nicht mehr zur Beichte geht oder nicht gut beichtet, so schlägt sich das sehr schnell in seinem priesterlichen Leben und Wirken nieder, und auch die Gemeinde, deren Hirt er ist, wird dessen bald gewahr“ .(77)

„Der Dienst der Priester ist vor allem verantwortungsvolle und notwendige Verbundenheit und Mitarbeit am Dienst des Bischofs in der Sorge um die Universalkirche und um die einzelnen Teilkirchen; für den Dienst an ihnen bilden sie zusammen mit dem Bischof ein einziges Presbyterium“.(78) Auch die Brüder im Priesteramt müssen bevorzugtes Ziel der pastoralen Liebe des Priesters sein. Es geht darum, ihnen geistlich und materiell zu helfen, ihnen auf einfühlsame Weise die Beichte und die Seelenführung zu erleichtern, ihnen den Weg des Dienstes liebenswert zu machen, ihnen in jeder Not beizustehen, sie in allen Schwierigkeiten, in Alter und Krankheit mit brüderlicher Sorge zu begleiten… Also ein wahrhaft wertvolles Feld für die praktische Übung der priesterlichen Tugenden.

Unter den Tugenden, die für eine fruchtbare Erfüllung des Dienstes der Versöhnung notwendig sind, ist die pastorale Besonnenheit von grundlegender Bedeutung. Wie bei der Erteilung der Absolution der Amtsträger mit funktionaler Wirkkraft an der sakramentalen Handlung teilnimmt, so besteht auch bei den anderen Akten des Bußritus seine Aufgabe darin, den Pönitenten Christus gegenüberzustellen, indem er mit äußerster Behutsamkeit die Begegnung mit dem Erbarmen unterstützt. Dazu gehört, dass allgemeine Reden, welche die Realität der Sünde außer Betracht ließen, vermieden werden; als notwendig erweist sich daher beim Beichtvater das angemessene Wissen.(79) Aber zugleich ist das Bußgespräch immer von jenem Verständnis erfüllt, das die Seelen schrittweise den Weg der Umkehr entlangzuführen vermag, ohne irgendeinem Zugeständnis an die sogenannte „Abstufung der moralischen Normen“ zu erliegen.

Da die Beichtpraxis — zum großen Schaden für das moralische Leben und das gute Gewissen der Gläubigen — vielerorts zurückgegangen ist, zeigt sich die reale Gefahr einer Abnahme der theologischen und seelsorgerischen Substanz in der Art und Weise, wie der Beichtvater seine Aufgabe wahrnimmt. Der Beichtvater muss den Paraklet, den Tröster-Geist, um die Fähigkeit bitten, diesen Heilsvorgang mit übernatürlicher Sinnhaftigkeit zu erfüllen (80) und ihn in eine echte Begegnung des Sünders mit Jesus, der ihm vergibt, zu verwandeln. Gleichzeitig muss er die Gelegenheit der Beichte dazu nützen, das Gewissen des Pönitenten richtig zu bilden — eine äußerst wichtige Aufgabe —, indem er ihm mit aller Behutsamkeit die notwendigen Fragen stellt, um die Integrität der Beichte und die Gültigkeit des Sakraments zu gewährleisten; indem er ihm hilft, Gott für sein Erbarmen ihm gegenüber aus tiefstem Herzen zu danken und einen festen Vorsatz zur Berichtigung seines moralischen Verhaltens auszusprechen, und es nicht verabsäumt, ihm einige passende Worte der Ermutigung und des Trostes zu sagen und ihn zur Erfüllung von Bußwerken anzuspornen, die ihm, abgesehen von der Wiedergutmachung für seine Sünden, helfen sollen, in den Tugenden zu wachsen.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN UBER KAPITEL III

13. Wesen und Heilsbedeutung der Sakramente sind unveränderlich. Wie lässt sich, von diesen sicheren Voraussetzungen ausgehend, die Pastoral der Sakramente erneuern und in den Dienst der Neu-Evangelisierung stellen?

14. Sind unsere Gemeinden eine „Kirche der Eucharistie und der Buße“? Wird dort die eucharistische Frömmigkeit in allen ihren Formen gefördert? Wird die Praxis der Einzelbeichte motiviert und unterstützt?

15. Wird üblicherweise auf die Realpräsenz des Herrn im Tabernakel hingewiesen, zum Beispiel durch Ermunterung zur fruchtbaren Praxis des Besuches beim Allerheiligsten? Sind die Akte eucharistischer Verehrung häufig? Verfügen unsere Kirchen über einen gesegneten Raum, der das Gebet vor dem Allerheiligsten begünstigt?

16. Kümmert man sich in pastoraler Gesinnung besonders um geziemende Ausstattung der Kirchen? Kleiden sich die Priester in der Regel den kanonischen Vorschriften gemäß (vgl. CIC, cann. 284 n. 669; Direktorium Nr. 66) und tragen sie bei der Feier des Gottesdienstes motivierter Weise alle vorgeschriebenen Paramente (vgl. can. 929)?

17. Beichten die Priester regelmäßig und stellen sie sich für diesen grundlegenden Dienst zur Verfügung?

18. Gibt es geeignete Initiativen, um dem Klerus eine ständige Weiterbildung zur Vervollkommnung des Dienstes als Beichtvater zu ermöglichen? Fördert man bei den Pfarrern die für die heutige Zeit gemäße Fortbildung („Aggiornamento“) in diesem unersetzlichen Dienst?

19. Werden angesichts der großen Bedeutung die eine echte Wiederbelebung der Einzelbeichtpraxis für die Neu-Evangelisierung hat, die kirchenrechtlichen Vorschriften über die Generalabsolution eingehalten? Werden in allen Pfarreien und Kirchen die Bußgottesdienste mit pastoraler Behutsamkeit und Liebe gehalten?

20. Welche Initiativen werden konkret durchgeführt, damit die Gläubigen das Sonntagsgebot in motivierter Weise erfüllen?

IV. Kapitel

LIEBENDE HIRTEN DER IHNEN ANVERTRAUTEN HERDE

„Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11)

1. Mit Christus, um das Erbarmen des Vaters darzustellen und zu verbreiten

„Die Kirche lebt ein authentisches Leben, wenn sie das Erbarmen bekennt und verkündet — das am meisten überraschende Attribut des Schöpfers und des Erlösers — und wenn sie die Menschen zu den Quellen des Erbarmens des Heilands führt, die sie hütet und aus denen sie austeilt“.(81) Diese Wirklichkeit unterscheidet die Kirche wesentlich von allen anderen Institutionen zu Gunsten der Menschen, die zwar eine große, vielleicht auch von religiösem Geist erfüllte Rolle im Hinblick auf Solidarität und Menschenliebe spielen mögen, jedoch niemals von selbst als tatsächliche Spender des Erbarmens Gottes auftreten könnten. Gegenüber dem säkularisierten Begriff des Erbarmens, der das Innere des Menschen nicht zu verwandeln vermag, erscheint das in der Kirche angebotene Erbarmen Gottes sowohl als Vergebung wie als Heilmittel; für seine Wirksamkeit auf den Menschen ist die Annahme der ganzen Wahrheit über sein Dasein, über sein Handeln und über seine Schuld gefordert. Daraus leitet sich die Notwendigkeit der Reue ab, und das macht es auch dringend notwendig, die Verkündigung des Erbarmens mit der Fülle der Wahrheit zu verbinden. Es gibt Aussagen von großer Wichtigkeit in Bezug auf die Priester, die durch eine einzigartige Berufung in der Kirche und von der Kirche dazu aufgerufen sind, das Geheimnis der Liebe des Vaters zu enthüllen und gleichzeitig durch ihren Dienst, der „sich von der Liebe geleitet an die Wahrheit hält“ (Eph 4,15) und den Eingebungen des Heiligen Geistes folgt, zu verwirklichen.

Die Begegnung mit dem Erbarmen Gottes erfolgt in Christus als Offenbarung der väterlichen Liebe Gottes. Als Christus den Menschen seine messianische Rolle offenbart (Vgl. Lk 4,18), stellt er sich als Erbarmen des Vaters gegenüber allen Bedürftigen hin, besonders gegenüber den Sündern, die Vergebung und inneren Frieden nötig haben. „Vor allem für die Letztgenannten wird der Messias ein besonders verstehbares Zeichen Gottes, der Liebe ist, ein Zeichen des Vaters. In diesem sichtbaren Zeichen können die Menschen von heute ebenso wie die Menschen von damals den Vater sehen“ .(82) Gott, der „die Liebe ist“ (1 Joh 4,16.), kann sich nicht anders denn als Erbarmen offenbaren.(83) Der Vater hat sich aus Liebe durch das Opfer seines Sohnes auf das Drama der Rettung der Menschen eingelassen.

Wenn schon in der Verkündigung Christi das Erbarmen eindrucksvolle Züge annimmt, die — wie aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn hervorgeht (Vgl. Lk 15,11-32) — über jede menschliche Realisierung hinausgehen, so tritt es in besonderer Weise in seinem Selbstopfer am Kreuz in Erscheinung. Der gekreuzigte Christus ist die radikale Offenbarung des Erbarmens des Vaters, „das heißt der Liebe, die gegen die Wurzel allen Übels in der Geschichte des Menschen angeht: gegen Sünde und Tod“ .(84) Die christlichspirituelle Überlieferung hat im Heiligsten Herzen Jesu, das die Priesterherzen an sich zieht, eine tiefgründige und geheimnisvolle Synthese des unendlichen Erbarmens des Vaters gesehen.

Die soteriologische Dimension des ganzen munus pastorale der Priester konzentriert sich also auf die Erinnerung an die von Jesus dargebrachte Opfergabe des Lebens, das heißt auf das eucharistische Opfer. „Es gibt nämlich einen innigen Zusammenhang zwischen der Zentralität der Eucharistie, der pastoralen Liebe und der Einheit des Lebens des Priesters […]. Wenn der Priester durch den eigenen Dienst Christus, dem ewigen Hohenpriester, Intelligenz, Willen, Stimme und Hände anbietet, damit er dem Vater das sakramentale Opfer der Erlösung darbringen kann, soll er sich die innere Einstellung des Meisters zu eigen machen und wie Er als Geschenk für seine eigenen Brüder leben müssen. Deshalb muss er lernen, sich mit der Opfergabe innig zu vereinen, indem er auf dem Opferaltar sein ganzes Leben als sichtbares Zeichen der freien und zuvorkommenden Liebe Gottes darbringt“.(85) Im Dauergeschenk des eucharistischen Opfers, Erinnerung an Jesu Tod und Auferstehung, haben die Priester sakramental die einzige und einzigartige Fähigkeit empfangen, den Menschen als Diener das Zeugnis der unerschöpflichen Liebe Gottes zu bringen, die sich aus der weiteren Perspektive der Heilsgeschichte als mächtiger als die Sünde bestätigen wird. Der österliche Christus ist die endgültige Inkarnation des Erbarmens, dessen lebendiges, heilsgeschichtliches und zugleich endzeitliches Zeichen.(86) Das Priestertum, sagt der hl. Pfarrer von Ars, „ist die Liebe des Herzens Jesu“ .(87) Mit ihm sind auch die Priester dank ihrer Weihe und ihres Dienstes ein lebendiges und wirksames Zeichen dieser großen Liebe, jenes „amoris officium“, von dem der hl. Augustinus sprach.(88)

2. „Sacerdos et hostia“

Wesentlich für das echte Erbarmen ist sein Geschenkcharakter. Es muss als unverdientes Geschenk angenommen werden, das ungeschuldet angeboten wird, also nicht aus eigenem Verdienst stammt. Diese Freigebigkeit fügt sich in den Heilsplan des Vaters ein, denn „nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (1 Joh 4,10). Und genau in diesem Kontext findet das geweihte Amt seine Daseinsbrechtigung. Keiner kann sich selbst die Gnade verleihen: sie muss geschenkt und empfangen werden. Das aber setzt voraus, dass es von Christus ermächtigte und befähigte Diener der Gnade gibt. Dieses geweihte Amt, durch das die von Christus Gesandten aus Gottes Gnade das tun und geben, was sie nicht von sich aus tun und geben können, nennt die Überlieferung der Kirche „Sakrament“ .(89)

Die Priester müssen sich daher als lebendige Zeichen und Träger des Erbarmens betrachten, das sie nicht als ihr Eigentum, sondern als Geschenk Gottes anbieten. Ja, sie sind Diener der Liebe Gottes zu den Menschen, Diener des Erbarmens. Der Wille zum Dienst gehört als wesentliches Element zur Ausübung des Priesteramtes, was wiederum beim einzelnen auch die entsprechende moralische Disposition erfordert. Der Priester weist die Menschen auf Jesus hin, auf den Hirten, der „nicht gekommen [ist], um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28). Der Priester dient in erster Linie Christus, aber so, dass er notwendigerweise den hoch-herzigen Dienst an der Kirche und ihrer Sendung durchmacht.

„Er liebt uns und hat sein Blut vergossen, um unsere Sünden hinwegzunehmen: Pontifex qui dilexisti nos et lavisti nos a peccatis in sanguine tuo. Er hat sich selbst für uns hingegeben: tradidisti temetipsum Deo oblationem et hostiam. Christus führt gerade das Opfer seiner selbst, das der Preis unserer Erlösung ist, in das ewige Heiligtum ein. Die Opfergabe, das heißt das Opfer, ist vom Priester nicht zu trennen“ .(90) Obwohl nur Christus gleichzeitig Sacerdos et Hostia ist, ist sein in die missionarische Dynamik der Kirche eingebundener Diener kraft des Sakraments sacerdos, aber mit der ständigen Ermahnung, auch hostia zu werden, „so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5). Von dieser untrennbaren Einheit zwischen Priester und Opfer, (91) zwischen Priestertum und Eucharistie hängt die Wirkung jeder Evangelisierungstätigkeit ab. Von der festen Einheit —im Heiligen Geist — zwischen Christus und seinem Diener — ohne dass letzterer sich anmaßen würde, Ihn zu ersetzen, sondern sich auf Ihn stützt und Ihn in sich und durch sich handeln lässt — hängt auch heute das eindrucksvolle Wirken des göttlichen Erbarmens ab, das im Wort und in den Sakramenten enthalten ist. Auch auf diese Verbundenheit des Priesters mit Jesus bei der Ausübung des Dienstes erstreckt sich die Bedeutung der Worte: „Ich bin der wahre Weinstock… Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,1.4).

Die Ermahnung, zusammen mit Jesus hostia zu werden, liegt auch dem Zusammenhang zwischen der Zölibatsverpflichtung um der Kirche willen und dem Priesteramt zugrunde. Es geht um die Einverleibung des Priesters zu dem Opfer, „in dem Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie […] heilig zu machen“ (Eph 5,25-26). Der Priester ist berufen, „lebendiges Abbild Jesu Christi, des Bräutigams der Kirche“, (92) zu sein, indem er ihr sein ganzes Leben darbringt. „Der priesterliche Zölibat ist also Selbsthingabe in und mit Christus an seine Kirche und Ausdruck des priesterlichen Dienstes an der Kirche in und mit dem Herrn“.(93)

3. Die pastorale Sorge der Priester: Dienen durch Leitung in Liebe und Stärke

„Die Priester üben entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht das Amt Christi, des Hauptes und Hirten, aus. Sie versammeln im Namen des Bischofs die Familie Gottes, die als Gemeinschaft von Brüdern nach Einheit verlangt, und führen sie durch Christus im Geist zu Gott dem Vater“ .(94) Die unerlässliche Ausübung des munus regendi des Priesters, die nichts mit einer rein soziologischen Auffassung von Organisationsfähigkeit zu tun hat, geht gleichfalls aus dem sakramentalen Priestertum hervor: „Kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters (vgl. Hebr 5,1-10; 7,24; 9,11-28), sind sie [die Priester] zur Verkündigung der Frohbotschaft, zum Hirtendienst an den Gläubigen und zur Feier des Gottesdienstes geweiht und so wirkliche Priester des Neuen Bundes“.(95)

Entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht Christi verfügen die Priester über eine beachtliche Autorität gegenüber den Gläubigen. Sie wissen jedoch, dass die Gegenwart Christi im Amtsträger „nicht so zu verstehen ist, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre: gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen Sünde“.(96) Das Wort und die Leitung der Amtsträger sind daher, je nach ihren natürlichen oder erworbenen Verstandes —und Willensgaben, ihrem Charakter und ihrer Reife, von größerer oder geringerer Wirkfähigkeit. Dieses Bewusstsein, verbunden mit der Kenntnis der sakramentalen Wurzeln des Hirtenamtes, veranlasst sie zur Nachahmung des Guten Hirten Jesus und macht die pastorale Liebe zu einer für die erfolgreiche Durchführung ihres Dienstes unerläßlichen Tugend.

„Hauptziel ihrer Hirtentätigkeit und der ihnen übertragenen Vollmacht ist es, die ihnen anvertraute Gemeinde zur vollen Entfaltung ihres geistlichen und kirchlichen Lebens zu führen“.(97) Dennoch „darf die Gemeinschaftsdimension der Seelsorge (…) nicht die Bedürfnisse der einzelnen Gläubigen vernachlässigen (…). Man kann sagen, dass Jesus selbst, der Gute Hirt, der ,,seine Schafe, die seine Stimme kennen, einzeln beim Namen ruft“ (Job 10, 3-4), durch sein Beispiel die erste Regel der individuellen Seelsorge festgelegt hat: die Menschen kennen und freundschaftliche Beziehung zu ihnen unterhalten“.(98) In der Kirche muss die Gemeinschaftsdimension und die persönlich-inividuelle Sicht aufeinander abgestimmt werden; mehr noch, bei der Auferbauung der Kirche gelangt der Priester, ausgehend von der Dimension des einzelnen, zu jener der Gemeinschaft. Im Verhältnis zu den einzelnen Personen und zur Gemeinde soll der Priester allen „eximia humanitate“ (mit echter Menschlichkeit) begegnen, (99) niemals aber irgendeiner Ideologie oder einer menschlichen Parteiung zu Diensten sein (100) und sich den Menschen gegenüber nicht „nach Menschengefallen verhalten, sondern so, wie es die Lehre und das christliche Leben verlangt“ .(101)

Trotzdem erweist es sich heute mehr denn je als besonders notwendig, den Stil des pastoralen Wirkens dem Zustand jener Gesellschaften anzupassen, die zwar eine christliche Vergangenheit haben, jetzt aber weitgehend säkularisiert sind. Die Betrachtung des munus regendi in seinem authentischen missionarischen Verständnis, das nicht mit einer bürokratisch-organisatorischen Aufgabe verwechselt werden darf, gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Das verlangt von seiten der Priester ein Ausüben der Stärke mit Liebe, dessen Vorbild in dem Verhalten des Hirten Jesus Christus entdeckt werden muss. Wie wir den Evangelien entnehmen können, scheut er niemals die Verantwortung, die ihm aus seiner messianischen Vollmacht erwächst, sondern übt sie mit Liebe und Stärke aus. Deshalb bedeutet seine Autorität nie unterdrückende Herrschaft, sondern Disponibilität und Gesinnung zum Dienst. Dieser Doppelaspekt — Autorität und Dienst — bildet das Bezugssystem, in welches das munus regendi des Priesters einzuordnen ist: Er muss sich immer bemühen, seinen Anteil an der Stellung Christi als Haupt und Hirt der Herde konsequent umzusetzen.(102)

Der Priester, der mit und unter dem Bischof auch Hirt der ihm anvertrauten Gemeinde und somit von der pastoralen Liebe beseelt ist, darf sich nicht scheuen, seine Autorität in den Bereichen auszuüben, wo er zu ihrer Ausübung verpflichtet ist, da er eben dafür mit Autorität ausgestattet worden ist; der Priester soll daran denken, dass auch dann, wenn diese Autorität mit der gebührenden Stärke ausgeübt wird, versucht werden muß, dabei „non tam praeesse quam prodesse“, nicht in erster Linie zu befehlen, sondern zu dienen.(103) Vielmehr muss sich der, der die Autorität ausüben soll, vor der Versuchung hüten, sich dieser Verantwortung zu entziehen; wenn er sie nicht ausübt, entzieht er sich dem Dienst. In enger Gemeinschaft mit dem Bischof und mit allen Gläubigen soll er vermeiden, in sein Hirtenamt Formen eines Stegreifautoritarismus oder „demokratistische“ Führungsbedingungen einzuführen, die der tieferen Wirklichkeit des Dienstamtes fremd sind und als Folge zur Säkularisierung des Priesters und zur Klerikalisierung der Laien führen.(104) Nicht selten kann sich hinter derartigen Verhaltensweisen die Angst davor verbergen, Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu machen, nicht willkommen zu sein, sich unpopulär zu machen, das Kreuz auf sich zu nehmen, usw.: Im Grunde handelt es sich um eine vernebelnde Trübung, welche die authentische Wurzel der priesterlichen Identität betrifft: die Gleichgestaltung mit Christus, dem Hirten und Haupt.

In diesem Sinne verlangt die Neu-Evangelisierung auch, dass der Priester seine tatsächliche Präsenz offen zu erkennen gibt. Man muss die Diener Jesu Christi unter den Menschen gegenwärtig und bereit sehen können. Daher ist auch ihre freundschaftliche und brüderliche Einbindung in die Gemeinde so wichtig. Und in diesem Zusammenhang ist die pastorale Bedeutung der Disziplin bezüglich der kirchlichen Kleidung zu verstehen, über die er nicht hinweggehen darf, weil sie dazu dient, seine zeitlich und räumlich uneingeschränkte Hingabe an den Dienst für Christus, für die Brüder und für alle Menschen in der Öffentlichkeit kundzutun.(105) Je mehr eine Gesellschaft die Zeichen der Säkularisierung an sich trägt, um so mehr braucht sie Zeichen.

Der Priester muss darauf achten, nicht in die widersprüchliche Haltung zu verfallen, auf Grund welcher er sich der Ausübung der Autorität in seinen direkten Zuständigkeitsbereichen entziehen könnte, um sich dann jedoch auf weltliche Fragen wie die der sozialen und politischen Ordnung einzulassen, (106) die Gott den Menschen zur freien Verfügung überlassen hat.

Der Priester muss, wenngleich er sich bei den Gläubigen und, zumindest mancherorts, auch bei den weltlichen Aurotiräten eines beachtlichen Ansehens erfreuen kann, unbedingt daran denken, dass dieses Ansehen mit Demut gelebt werden muss, indem er es korrekterweise dazu benutzt, tatkräftig mitzuwirken an der „salus animarum“, am Heil der Seelen, und sich bewusst bleibt, dass allein Christus das wahre Haupt des Gottesvolkes ist: zu ihm müssen die Menschen hingeführt werden, und es gilt zu vermeiden, dass sie sich an die Person eines einzelnen Priesters anklammern. Die Seelen gehören einzig und allein Christus, denn nur er hat sie zur Ehre Gottes um den Preis seines kostbaren Blutes erlöst. Und genauso ist nur er Herr der übernatürlichen Güter und der Meister, der mit eigener, ihm von Anbeginn zustehender Autorität lehrt. Der Priester ist im Auftrag Christi und im Heiligen Geist nur ein Verwalter der Gaben, die die Kirche ihm anvertraut hat, und hat als solcher nicht das Recht, diese Gaben nach eigenem Belieben zu reduzieren, zu vermehren oder zu verändern.(107) So hat er zum Beispiel nicht die Vollmacht erhalten, die ihm anvertrauten Gläubigen nur einige Wahrheiten des christlichen Glaubens zu lehren, während er andere übergeht, weil er sie für schwerer zu befolgen oder für „weniger aktuell“ hält.(108)

Was die Neu-Evangelisierung und die notwendige pastorale Leitung der Priester betrifft, so muss man mit Engagement allen dabei helfen, einen sorgfältigen und ehrlichen Unterscheidungsprozess vorzunehmen. Hinter der Haltung des „Sich-nicht-aufdrängenWollens“ usw. könnte sich eine Verkennung des theologischen Wesens des Hirtenamtes oder vielleicht auch eine Charakterschwäche verbergen, die die Verantwortung scheut. Nicht unterschätzt werden dürfen auch die etwaige unrechtmäßige Anhänglichkeit zu Personen oder die unzulässige Übernahme von Dienstaufträgen oder das unverhohlene Verlangen nach Popularität und das Fehlen einer redlichen Absicht. Ohne Demut ist die pastorale Liebe gar nichts. Manchmal kann sich hinter einer scheinbar motivierten Auflehnung des Priesters, hinter seinem Widerstand gegen eine vom Bischof angemahnte Änderung seines pastoralen Arbeitsstils — sei es seine exzentrische Art zu predigen oder den Gottesdienst zu feiern, sei es, dass er die vorgeschriebene kirchliche Kleidung nicht trägt oder nach Belieben verändert — Eigenliebe und der, freilich unbewusste, Wunsch verbergen, auf sich aufmerksam zu machen.

Die Neu-Evangelisierung verlangt vom Priester auch eine neue Bereitschaft, seinen Hirtendienst dort auszuüben, wo es am notwendigsten ist. „Wie das Konzil unterstreicht, ,,rüstet die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung bis an die Grenzen der Erde, denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat“.(l09) Der in einigen Ländern zu verzeichnende Priestermangel, zusammen mit der für die moderne Welt charakteristischen Dynamik, macht es besonders notwendig, auf Priester zählen zu können, die bereit sind, nicht nur einen pastoralen Auftrag, sondern, je nach den verschiedenen Erfordernissen, auch die Stadt, die Region oder das Land zu wechseln und die unbedingt notwendige Sendung zu erfüllen, wobei sie aus Liebe zu Gott die eigenen Neigungen und persönlichen Pläne hintansetzen. „Auf Grund des Wesens ihres Dienstes sollen sie daher von einem tiefen missionarischen Geist und ,,von jener wahrhaft katholischen Geisteshaltung“ durchdrungen und beseelt sein, die sie dazu befähigt, ,,über die Grenzen der eigenen Diözese, der Nation oder des Ritus zu blicken und für die Bedürfnisse der ganzen Kirche einzustehen, stets bereit, das Evangelium überall zu verkünden““ .(110) Die richtige Bedeutung der Teilkirche, auch im Hinblick auf die ständige Weiterbildung, darf niemals die Bedeutung der Universalkirche im geringsten verdunkeln, sondern muss harmonisch auf sie abgestimmt werden.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL IV

21. Wie lässt sich gegenüber den Notleidenden durch unsere Gemeinden und in besonderer Weise durch die Priester das Erbarmen Gottes am lebendigsten offenkundig machen? Besteht man ausreichend zum Beispiel auf der geistlichen und leiblichen Übung der Werke der Barmherzigkeit als Weg christlicher Reifung und Evangelisierung?

22. Ist die pastorale Liebe in allen ihren Dimensionen wirklich „Seele und Kraft der ständigen Weiterbildung“ unserer Priester?

23. Werden die Priester wirklich ermuntert, sich mit aufrichtig brüderlichem Geist um alle anderen Mitbrüder, insbesondere um die kranken und alten, zu kümmern? Bestehen Formen gemeinschaftlichen Lebens oder ähnliche Erfahrungen?

24. Verstehen und akzeptieren unsere Priester ihre besondere Aufgabe der geistlichen Führung der ihnen anvertrauten Gemeinden? Wie üben sie diese konkret aus?

25. Legt man bei der geistlichen Ausbildung der Priester genügend Gewicht auf die missionarische Dimension des priesterlichen Dienstes und auf die universale Dimension der Kirche?

26. Gibt es Glaubenswahrheiten oder moralische Grundsätze, die in der Verkündigung gewöhnlich übergangen werden, weil sie als schwer annehmbar für die Gläubigen gelten?

27. Eine der Aufgaben des Hirtenamtes besteht darin, die Kräfte für den Dienst am Evangelisierungsauftrag zu vereinen. Gibt es Anregungen zu allen Berufungen innerhalb der Kirche unter Beachtung des besonderen Charismas jeder einzelnen?

NACHWORT

„Die Neu-Evangelisierung braucht neue Verkünder, und das sind die Priester, die sich verpflichten, ihr Priestertum als besonderen Weg zur Heiligkeit zu leben“ .(111) Damit das eintritt, ist es von fundamentaler Wichtigkeit, dass jeder Priester täglich die absolute Notwendigkeit seiner persönlichen Heiligkeit wiederentdeckt. „Zuerst muss man selbst rein sein, erst dann die anderen reinigen; zuerst sich belehren lassen, um dann die anderen belehren zu können; zuerst Licht werden, erst dann leuchten; zuerst zu Gott treten, erst dann andere zu ihm führen; zuerst sich heiligen, erst dann andere heiligen“. (112) Diese Verpflichtung nimmt konkrete Gestalt an in der Suche nach einer tiefen Einheit des Lebens, die den Priester dazu anhält, zu versuchen, in allen Lebenssituationen gleichsam wie ein zweiter Christus zu sein und zu leben.

Die Gläubigen der Pfarre bzw. diejenigen, die an den verschiedenen pastoralen Aktivitäten teilnehmen, sehen — beobachten! — und vernehmen — hören! — nicht nur dann, wenn das Wort Gottes verkündet wird, sondern auch, wenn die verschiedenen liturgischen Handlungen, insbesondere die hl. Messe, gefeiert werden; wenn sie im Pfarramt empfangen werden, wo man sie gastfreundlich und liebenswürdig aufnimmt; (113) wenn sie sehen, wie der Priester isst oder sich ausruht, und durch sein Beispiel der Enthaltsamkeit und Mäßigkeit erbaut werden; wenn sie ihn zu Hause aufsuchen und erfreut sind über die priesterliche Einfachheit und Armut, in der er lebt; (114) wenn sie sehen, dass er richtig, ordentlich und vollständig den Vorschriften gemäß gekleidet ist; wenn sie mit ihm auch über ganz allgemeine Themen sprechen und sich aufgerichtet fühlen durch die Bestätigung seiner übernatürlichen Sicht, seiner Behutsamkeit und seines menschlichen Stils, auf Grund dessen er auch die einfachsten Menschen mit echter, priesterlicher Vornehmheit behandelt. „So breitet sich die Gnade und die Liebe des Altars auf den Ambo, den Beichtstuhl, das Pfarrarchiv, auf die Schule, das Oratorium, auf die Häuser und Straßen, auf die Spitäler, auf die Transportmittel und die sozialen Kommunikationsmittel aus, wo immer der Priester die Möglichkeit hat, seine Hirtenaufgabe zu erfüllen: Es ist auf jeden Fall seine Messe, die sich ausbreitet, es ist seine geistige Verbundenheit mit Christus, sacerdos et hostia, die ihn — wie der hl. Ignatius von Antiochien sagte — ,,Weizenkorn Gottes sein lässt, um zum reinen Brot Christi zu werden“ (vgl. Epist. ad Romanos, IV, 1), zum Wohl der Brüder“.(115)

Auf diese Weise wird es der Priester des dritten Jahrtausends ermöglichen, daß sich in unseren Tagen aufs neue die Reaktion der Emmausjünger wiederholt, die, nachdem sie dem göttlichen Meister Jesus, der ihnen die Schrift erklärte, zugehört hatten, nicht umhin können, sich erstaunt zu fragen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß? (Lk 24,32).

Der Königin und Mutter der Kirche müssen wir Hirten uns anvertrauen, damit wir in gesinnungsmäßiger Einheit mit dem Stellvertreter Christi die Methoden zu entdecken vermögen, um in allen Priestern der Kirche einen aufrichtigen Wunsch nach Erneuerung in ihrer Aufgabe als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde aufbrechen zu lassen. Wir bitten die Königin der Evangelisierung, dass die heutige Kirche die Wege wiederentdecken möge, die das Erbarmen des Vaters in Christus durch den Heiligen Geist von Ewigkeit an bereitet hat, um auch die Menschen unserer Zeit zur Gemeinschaft mit ihm zu führen.

Rom, aus dem Gebäude der Kongregationen, am 19. März 1999, dem Fest des hl. Josef, des Patrons der Gesamtkirche.

DARÍO Kard. CASTRILLÓN HOYOS

Präfekt

CSABA TERNYÁK
Titular-Erzbischof von Eminenziana
Sekretär

GEBET ZU MARIA

MARIA,

Stern der Neu-Evangelisierung,

Du hast von Anfang an die Apostel und ihre Mitarbeiter bei der Verbreitung des Evangeliums aufgerichtet und ermutigt: vermehre zu Beginn des dritten Jahrtausends in den Priestern das Bewusstsein dafür, dass sie als Erste für die Neu-Evangelisierung verantwortlich sind.

MARIA,

als Erste evangelisiert und erste Verkünderin,

hast Du mit einzigartigem Glauben, Hoffnung und Liebe auf die Verkündigung des Engels geantwortet: bringe Deine Fürsprache für diejenigen ein, die Deinem Sohn, Christus dem Hohenpriester, gleichgestaltet werden, damit auch sie mit demselben Geist auf den dringenden Aufruf antworten, den der Heilige Vater im Namen Gottes anlässlich des Großen Jubiläums an sie richtet.

MARIA,

Lehrmeisterin des gelebten Glaubens,

Du hast das göttliche Wort mit voller Bereitschaft gehört: lehre die

Priester, sich durch das Gebet mit jenem Wort vertraut zu machen und sich voll Demut und Leidenschaft in seinen Dienst zu stellen, so dass es seine ganze Heilskraft im dritten Jahrtausend der Erlösung weiter ausübt.

MARIA,

Voll der Gnade und Mutter der Gnade,

nimm Dich Deiner Söhne, der Priester, an, die wie Du dazu berufen

sind, Mitwirkende des Heiligen Geistes zu sein, der Jesus im Herzen der Gläubigen wieder zur Welt kommen lässt. Lehre sie am Jahrestag der Geburt Deines Sohnes, getreue Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein: damit sie mit Deiner Hilfe vielen Seelen den Weg der Versöhnung erschließen und die Eucharistie zur Quelle und zum Höhepunkt ihres eigenen und des Lebens der ihnen anvertrauten Gläubigen machen.

MARIA,

Stern am Beginn des dritten Jahrtausends,

geleite weiterhin die Priester Jesu Christi, damit sie, dem Beispiel

Deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten folgend, echte Hirten seien und die Schritte aller zu Deinem Sohn, dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet (vgl. Joh 1,9), hinlenken können. Mögen die Priester und durch sie das ganze Volk Gottes die liebevolle und dringliche Aufforderung hören, die Du an der Schwelle des neuen Jahrtausends der Heilsgeschichte an sie richtest: „Was er euch sagt, das tut!“ (Vgl. Job 2,5). „Im Jahr 2000 — so der Stellvertreter Christi

— wird mit neuer Kraft die Verkündigung der Wahrheit wieder erschallen müssen: ,,Ecce natus est nobis Salvator mundi““ (Tertio millennio adveniente, Nr. 38).

Anmerkungen

(1) JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente, 10. November 1994: AAS 87 (1995) 5-41; Nr. 38.

(2) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, 7. Dezember 1990: AAS 8 (1991) 249-340; Nr. 33.

(3) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1994, Nr. 7.

(4) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, 25. März 1992, Nr. 18: AAS 84 (1992) 685.

(5) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 1.

(6) „Der christliche Glaube läuft nicht selten Gefahr, als eine Religion unter vielen betrachtet und auf eine bloße Sozialethik im Dienst des Menschen verkürzt zu werden. So wird seine umwälzende Neuartigkeir in der Geschichte nicht immer sichtbar: Er ist ,,Geheimnis“, er ist das Heilsgeschehen vorn Sohn Gottes, der Mensch wird und allen, die ihn aufnehmen, ,,Macht gibt, Kinder Gottes zu werden“ (Job 1,12)“ (JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 46).

(7) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 1, 3, 6; Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen betreffend die Mitarbeit gläubiger Laien am Dienst der Priester, Vorwort.

(8) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 63.

(9) Ebd., Nr. 67.

(10) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Einleitung. Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 2 u. 14.

(11) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Eides et ratio, 14. September 1998, Nr. 62.

(12) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 171.

(13) II. VAT. KONZIL, Dogmar. Konstitution Lumen getium, Nr. 30.

(14) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konstitution Lumen gentium, Nr. 48b.

(15) Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 21.

(16) Vgl. II. VAT. KONZIL, DEKRET Presbyterorum ordinis, Nr. 12; JOHANNES PAUL II.,

Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 25.

(17) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 43.

(18) HL. GREGOR DER GROSSE, Liber regulae pastoralis, II, 1.

(19) JOHANNES PAUL II., Ansprache an das VI. Symposion der europäischen Bischöfe, 11. Oktober 1985, Nr. 13: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VIII, 2 (1985), 918-919.

(20) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 12.

(21) JOHANNES PAUL II., Ansprache zur Eröffnung der IV. Vollversammlung des CELAM, 12. Dezember 1992, Nr. 24: AAS 85 (1993) 826; vgl. Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconcdiatio et paenitentia, 2. Dezember 1984, Nr. 13: AAS 77 (1985) 208-211.

(22) PAUL VI., Apostol. Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 47.

(23) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konst. Lumen gentium, Nr. 28.

(24) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Aposol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26.

(25) Vgl. II. VAT. Konzil Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 5, 13, 14; JOHANNES PAUL II.,

Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 23, 26, 48; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 48.

(26) VAT. KONZIL, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4.

(27) Ebd., Nr. 11.

(28) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Bischöfe des CELAM, 9. März 1983: Insegnamenti, VI, 1 (1983), 698; Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18.

(29) II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konst. Dei Verbum, Nr. 2.

(30) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4.

(31) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1550.

(32) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26.

(33) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(34) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4.

(35) HL. AUGUSTINUS, De doctrina christiana, 4,15,32: PL 34,100.

(36) Vgl. PAUL VI., Apostol. Konstitution Laudis canticum, 1.11.1970, Nr. 8.

(37) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(38) II. VAT. KONZIL, Pastoraikonstitution Gaudium et spes, Nr. 22.

(39) Ebd.

(40) Vgl. Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen zur Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester, 15. August 1997, Artikel 3.

(41) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 19.

(42) Vgl. ebd.; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis Nr. 70 ff.; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 69 ff.

(43) Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26 u. 47; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 46.

(44) KONGREGATION FÜR DAS KATHOLISCHE ERZIEHUNGSWESEN, Instruktion über das Studium der Kirchenväter in der Priesterausbildung, Vatikanstadt 1989.

(45) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Fides et ratio, 14. September 1998 Nr. 2.

(46) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 46.

(47) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 738.

(48) II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium‘ Nr. 2.

(49) II. VAT. KONZIL, Dogm. Konstitution Lumen Gentium, Nr. 45.

(50) II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 45.

(51) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 7b-c.

(52) JOHANNES PAUL II., Generalaudienz vom 5. Mai 1993: Insegnamenti XVI, 1 (1993)1061.

(53) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 12c.

(54) Vgl. ebd., Nr. 5.

(55) JOHANNES PAUL II., Generalaudienz vom 12. Mai 1993: lnsegnamenti XVI, 1 (1993)1197.

(56) II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 2.

(57) JOHANNES PAUL II., Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag 1997, Nr. 5.

(58) Vgl. II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 2 n. 10.

(59) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(60) Ebd., Nr. 5.

(61) Ebd.

(62) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 40.

(63) Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Dies Domini, 31. Mai 1998, Nr. 46.

(64) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 49.

(65) JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 40.

(66) Vgl. ebd.; II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 112, 114, 116, 120, 122-124, 128.

(67) Vgl. Pius XII., Rundfunkbotschaft an den Nationalen Katechetischen Kongreß der Vereinigten Staaten, 26. Oktober 1946: Discorsi e Radiomessaggi VIII (1946) 288; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 18.

(68) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(69) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprachen an Priester und Diakone, 5. 108.

(70) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(71) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 54. Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31.

(72) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 32.

(73) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(74) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(75) Vgl. PÄPSTL. RAT FÜR DIE INTERPRETATION DER GESETZESTEXTE, Erklärung zu C.LC. can. 964 § 2, 16. Juni 1998 (vom Iii. Vater approbiert am 7. Juli 1998), in: Communicationes, 30 (1998).

(76) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 18; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26, 48; Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 50; Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitenia, Nr. 31; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(77) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31, VI.

(78) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 17.

(79) Was das betrifft, so wird eine solide Vorbereitung bezüglich jener Themen verlangt, die am häufigsten vorkommen. Als sehr hilfreich erweist sich dafür das Vademecum für Beichtväter zu einigen das Eheleben betreffenden Moralthemen (PÄPSTLICHER RAT FUR DIE FAMILIEN, 12. Februar 1997).

(80) Ebd.

(81) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, 30. November 1980, Nr. 13c: AAS 72 (1980) 1183.

(82) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 3.

(83) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(84) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 8.

(85) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 48.

(86) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 8.

(87) Vgl. Jean-Marie Vianney , curé d‘Ars: sa pensée, son coeur, présentés par Bernard Nodet, Le Puy 1960, 5. 100.

(88) HL. AUGUSTINUS, In Johannis evangelium tractatus, 123,5: CCL 36, 678.

(89) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 875.

(90) JOHANNES PAUL II., Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag 1997, Nr. 4.

(91) Vgl. HL. THOMAS VON AQUIN, Summa Theol. III, q. 83, a. 1, ad 3.

(92) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 22.

(93) Ebd., Nr. 29.

(94) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(95) II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 28.

(96) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1550.

(97) JOHANNES PAUL II., Ansprache bei Generalaudienz vom 19. Mai 1993: Insegnamenti XVI, 1 (1993) 1254.

(98) Ebd., 1255-56.

(99) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(100) Vgl. ebd., Nr. 6.

(101) Ebd., Nr. 6.

(102) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 17.

(103) HL. AUGUSTINUS, Ep. 134,1: CSEL 44, 85.

(104) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr.19; vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an das Symposium über die „Teilnahme der Laien am priesterlichen Dienst“ (22. April 1994), Nr. 4: „Sacrum Ministerium“ 1 (1995) 64; vgl. Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen zur Mitarbeit gläubiger Laien am priesterlichen Dienst, 15. August 1997, Einleitung.

(105) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 66.

(106) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2442; C.I.C., can. 227; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 33.

(107) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 22; CI. C., can. 846; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 49 und 64.

(108) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26; Ansprachen an die Priester und Diakone, Libreria Editrice Vaticana 1995, S. 27; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(109) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18; vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 10.

(110) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18; vgl. II. VAT. KONZIL., Dekret Optatam totius, Nr. 20.

(111) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 82.

(112) HL. GREGOR VON NAZIANZ, Orationes, 2,71: PG 35, 480.

(113) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 82.

(114) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 17; GIG., can. 282; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 30; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 67.

(115) JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, S. 72.

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Quelle

Franziskus an Bischöfe: Seid Väter und keine Fürsten

Der Papst hat rund hundert Bischöfe aus Missionsgebieten getroffen, die seit vergangenem Montag an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Franziskus empfing sie in Audienz in der Sala Clementina und erinnerte daran, dass ein Bischof „ein Mann des Gebets, der Verkündigung und der Gemeinschaft sein muss, der auf Klerikalismus und Weltlichkeit verzichtet“.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Sorgsame Väter sind keine Fürsten, die über andere herrschen und dabei Abstand halten. Bischöfe seien deshalb berufen, Jesus unter das Volk zu bringen, wie es der Gute Hirte tun würde und auf diese Weise das Evangelium zu verkünden. Immer müsse man bereit sein, auch eigene Opfer zu vollbringen. Mit anderen Worten, ein Bischof müsse „standhaft und voller Liebe zur Kirche sein“, so Papst Franziskus an diesem Samstagmittag zu den kürzlich ernannten Bischöfen der Missionsgebiete, die an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Die Rede des Papstes war eine Zusammenfassung über das Amt des Bischofs, die mit der Frage beginne, wer ein Bischof eigentlich sei.

Zunächst erinnert Franziskus daran, dass ein Bischof die Eigenschaften des Guten Hirten haben muss, das heißt, dass er „nicht für sich selbst lebt“, sondern Mitgefühl für die anderen haben muss , besonders für diejenigen, die verworfen werden, also diejenigen, die am dringendsten „die Liebe des Herrn“ spüren müssen.

Der Bischof als Mann des Gebets

Der Bischof müsse „ein Mann des Gebets“ sein, der das Gebet nicht als einer seiner vielen Verpflichtungen betrachtet, sondern dies als eine „Notwendigkeit“ sieht. „Ich möchte jedem Bischof die Frage stellen: ,Wie viele Stunden am Tag betest du?´“, fragte der Papst. In der Tat müsse ein Bischof jeden Tag Menschen und Situationen vor den Herrn darbringen und „auf dem Herrn bestehen“ sowie den Mut aufzeigen, „mit Gott über seine Herde zu sprechen“. „Ein Gebet ohne Parrhesien ist kein Gebet“, betonte Franziskus. Unter Parrhesien versteht er, die Offenlegung aller Sünden und Gedanken vor Gott.

Der Bischof werde somit zum „Mann der Verkündigung“. Und das könne er nicht im Sitzen tun, mahnte der Papst, sondern „auf dem Weg“. Ein Bischof setzt nicht auf Komfort, „fühlt sich nicht wie ein Prinz“, sondern „arbeitet für andere“:

„Der Bischof lebt nicht im Büro, als Unternehmensleiter, sondern ist unter den Menschen, auf den Straßen der Welt, wie Jesus. Er bringt seinen Herrn dorthin, wo er nicht bekannt ist, wo er entstellt und verfolgt wird. Und wenn der Bischof aus sich herauskommt, dann findet er sich wieder.“

Der Papst sei sich bewusst, dass „die Verkündigung des Evangeliums unter den Versuchungen der Macht“ und der „Weltlichkeit“ leide. Es bestehe die Gefahr, „Schauspieler statt Zeugen“ zu werden und „ein Evangelium ohne gekreuzigten und auferstandenen Jesus“ vorzuschlagen, doch Verkündigung bedeute, „sein Leben ohne halbe Maßnahmen hinzugeben, bereit zu sein, auch das Opfer seiner selbst anzunehmen“.

Der Bischof als Mann der Gemeinschaft

Ein Bischof müsse somit „ein Mann der Gemeinschaft“ sein, „das Charisma des Zusammenseins“ haben, die Gemeinschaft festigen, die die Kirche brauche. Er sei Bischof für seine Gläubigen und sei ein Christ „mit seinen Gläubigen“:

„Er macht keine Schlagzeilen, er sucht nicht die Zustimmung der Welt, er ist nicht daran interessiert, seinen guten Namen zu schützen, aber er liebt es, die Gemeinschaft zu fördern, indem er sich als erste Person einbringt und mit all seinen Möglichkeiten handelt. Er leidet nicht unter einem Mangel an Protagonismus, sondern lebt verwurzelt im Territorium und lehnt die Versuchung ab, sich häufig von der Diözese zu entfernen, also jener Versuchung des sogenannten ,Flughafenbischofs´, um sich auf diese Weise auf die Suche nach eigenen Ruhm zu gelangen.“

Er dürfe kein Karrieretyp oder ehrgeiziger Mann sein, sondern müsse als Hirte seine Herde weiden.

Bischöfe sollten sich vor „Klerikalismus“ hüten, warnte der Papst. Es sei in der Tat eine „falsche Art und Weise, Autorität in der Kirche zu verstehen, die in vielen Gemeinschaften sehr verbreitet ist, in denen es Verhaltensweisen von Missbrauch, Macht, Gewissen und Sexualität gegeben hat“. „Nein zu sagen zu Missbrauch – ob Macht, Gewissen oder Übergriffe – bedeutet ein Nein zu jeder Form von Klerikalismus“, bekräftigte er und verwies auf seinen Brief an das Volk Gottes vom vergangenen 20. August:

„Möge das Volk Gottes, für das ihr geweiht seid, das Gefühl haben, dass ihr Väter seid, nicht Fürsten; fürsorgliche Väter: Niemand sollte euch gegenüber eine Haltung der Unterwerfung aufzeigen. In dieser Zeit scheinen bestimmte Tendenzen des ,Volksanführertums´ in verschiedenen Teilen verstärkt zu werden. Sich als starke Männer zu zeigen, die Abstand halten und über andere herrschen, mag bequem und fesselnd erscheinen, aber es entspricht nicht dem Evangelium.“

Eine negative Haltung könne „der Herde, für die Christus sein Leben mit Liebe gegeben hat, oft irreparablen Schaden“ zufügen. Bischöfe müssten stattdessen „arm an Gütern und reich an Beziehungen“ sein, „nie hart und mürrisch, sondern freundlich“.

Familien, Jugendliche, Seminare und Arme: Das seine jene Bereiche, die den Bischöfen in besonderer Weise am Herzen liegen müssten. Familien würden heutzutage durch eine Kultur benachteiligt, „die die Logik des Unsteten vermittelt“. Es sei deshalb wichtig, Wege der Vorbereitung auf die Ehe und der Begleitung für sie zu fördern, es sei auch notwendig, „das Leben vom Beginn der Zeugung bis zum Schutz für ältere Menschen“ zu verteidigen.

Der Bischof als Priesterausbilder

Was die Seminare betrifft, so bat der Papst darum, dass sie „von fähigen und reifen Menschen Gottes geleitet werden“, die die Bildung gesunder menschlicher Priester garantieren, und dass die Unterscheidungskraft Vorrang eingeräumt wird, „um die Stimme Gottes unter den vielen zu erkennen, die in den Ohren und im Herzen ertönen“.

Franziskus bat dann, die Wünsche und Zweifel der Jugendlichen, denen die nächste Synode im Oktober gewidmet ist, wahrzunehmen: Auch wenn etliche Jugendliche vom Konsumismus und Hedonismus „infiziert“ seien, sei es wichtig, sie nicht „in Quarantäne zu stellen“, sondern sie aufzusuchen. „Sie sind die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft: Eine bessere Welt hängt von ihnen ab“, erinnerte der Papst.

Der Bischof als Armutsbekämpfer

Sein drittes Anliegen waren die Armen: „Sie zu lieben“, bekräftigt er, „ist der Kampf gegen alle Formen der Armut, sei es geistiger oder materieller Art“. Mit anderen Worten: man muss die existentiellen Peripherien erreichen, ohne Angst davor zu haben, sich die Hände schmutzig zu machen, wiederholte der Papst einer seiner mittlerweile bekannten Konzepte.

Abschließend fasste der Papst seinen Appell an die Bischöfe zusammen:

„Liebe Brüder, bitte achtet auf die Lauheit, die zu Mittelmäßigkeit und Herbheit führt, diesen ,Démon de midi´ – Torschlusspanik. Seid vorsichtig damit. Seid vorsichtig mit der Ruhe, die Opfer vermeidet; mit der pastoralen Eile, die zu Intoleranz führt; mit der Fülle an Gütern, die das Evangelium entstellt. Vergesst nicht, der Teufel kommt durch die Geldbörse rein. Ich wünsche euch stattdessen eine heilige Unruhe um das Evangelium zu verkünden, eine Unruhe, die Frieden gibt.“

Den Einführungskurs der Missionskongregation vom 3. bis 15. September absolvieren neugeweihte Bischöfe aus 34 Ländern. Unter den 74 Teilnehmern sind nach Vatikanangaben 17 afrikanische Nationen, acht asiatische, sechs ozeanische und drei lateinamerikanische vertreten. In vielen ehemaligen Missionsgebieten ist aus historischen Gründen die „Kongregation für die Evangelisierung der Völker“ statt der Bischofskongregation für das Leitungspersonal der Ortskirchen zuständig.

(vatican news/kna)

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Papst Paul VI. über den priesterlichen Zölibat

Sacerdotalis caelibatus

Rundschreiben Papst Pauls VI. über den priesterlichen Zölibat

An die Bischöfe, die Priester und Gläubigen der gesamten katholischen Welt
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne!

Gruß und apostolischen Segen!

1. Der priesterliche Zölibat, den die Kirche wie einen strahlenden Edelstein in ihrer Krone hütet, steht auch in unserer Zeit in hohem, ehrenvollem Ansehen, mögen sich auch Mentalität und Lebensbedingungen der Menschen tiefgehend gewandelt haben.

Doch offenbarte sich im Aufbruch gewisser neuer Geistesrichtungen zugleich der Wunsch, richtiger gesagt, der ausdrückliche Wille, die Kirche Christi zu drängen, daß sie diese ihr wesensgemäße Einrichtung überprüfe. Die Beibehaltung des Zölibates, so meinen sie, sei in unserer Zeit und bei der heutigen Lebensauffassung schwierig, ja unmöglich.

2. Diese Lage der Dinge, die das Gewissen mancher Priester und Priesterkandidaten beunruhigt und verwirrt und viele Gläubige bestürzt, drängt Uns, nicht länger mit der Erfüllung des Versprechens zu zögern, das Wir den Konzilsvätern gemacht haben. Wir hatten ihnen ja unser Vorhaben angekündigt, dem priesterlichen Zölibat unter Berücksichtigung unserer Zeit neue Würde und Festigkeit zu verleihen. In der Zwischenzeit haben Wir nicht nur lange und inständig den Beistand des Heiligen Geistes um die notwendige Erleuchtung und Hilfe herabgerufen, sondern auch die Bedeutung und das Gewicht der Vorschläge und dringenden Bitten vor Gott erwogen, die von allen Seiten, vor allem aber von vielen Oberhirten der Kirche Gottes zu Uns gelangt sind.

3. Wir gestehen, daß Uns die bedeutsame Frage des priesterlichen Zölibats in der Kirche lange ihrer Tragweite und Wichtigkeit nach innerlich beschäftigt hat. Sollen auch heute noch—so fragten Wir Uns — die Kandidaten, die nach dem Empfang der höheren Weihen streben, zu jenem strengen und hohen Gelöbnis verpflichtet werden? Ist die Befolgung dieser Verpflichtung heute noch möglich, ist sie angebracht? Sollte die Zeit gekommen sein, in der Kirche die enge Verbindung von Priestertum und Zölibat zu lösen? Warum sollte es nicht jedem freistehen, dieses schwere Gesetz zu beobachten? Würde das nicht für das priesterliche Amt fruchtbar werden und den Nichtkatholiken dadurch der Zugang zu uns erleichtern? Wenn aber das Zölibatsgesetz auch in Zukunft beobachtet werden soll: mit welchen Begründungen können Wir es als heilig und angemessen nachweisen?

Und weiter, wie soll man dieses Gesetz halten, und wie soll es aus einer Bürde zu einer Hilfe für das priesterliche Leben werden?

4. Als Wir dies alles überdachten, drängten sich Uns besonders die verschiedenen Einwände auf, die gegen die Beibehaltung des Zölibats vorgebracht worden sind und werden. Bei einem so ernsten und verwickelten Gegenstand sehen Wir Uns um Unseres Apostolischen Amtes willen geradezu gezwungen, sowohl die Sache selbst als auch die einschlägigen Fragen gewissenhaft zu erwägen und, wie es die Uns auferlegte Pflicht und das Uns anvertraute Amt fordern, sie mit dem Lichte Christi zu beleuchten. Dabei sind Wir bestrebt, nicht nur den Willen dessen treu zu befolgen, der Uns dieses Amt übertragen hat, sondern Uns auch wahrhaft als das zu erweisen, was Wir der Kirche gelten: Diener der Diener Gottes.

Einwände gegen den priesterlichen Zölibat

5. Wir müssen anerkennen, daß die Frage des kirchlichen Zölibats zu keiner früheren Zeit gründlicher und ausführlicher untersucht worden ist als heute: unter dem Gesichtspunkt der Glaubenslehre, der Geschichte, der Soziologie, der Psychologie und Pastoral. Das geschah durchweg in ehrlicher Absicht, wenn auch gelegentlich im Ausdruck verfehlt.

Betrachten wir also wohlwollend die hauptsächlichsten Einwände, die gegen das mit dem Priestertum verbundene Gebot des Zölibats gemacht werden.

Der erste Einwand scheint sich aus der Heiligen Schrift zu ergeben und besagt: Das Neue Testament, das doch zunächst die Lehre Christi und der Apostel enthält, fordere nicht geradezu den Zölibat für die Diener Gottes, sondern empfehle ihn nur als eine frei gegebene Antwort auf eine besondere göttliche Berufung oder ein Charisma Gottes. Zudem habe Christus Jesus die Wahl der Apostel nicht vom Zölibat abhängig gemacht, noch seien von den Aposteln nur Unvermählte zu Vorstehern der ersten christlichen Gemeinden bestellt worden.

6. Die enge Beziehung — so sagen einige —, die in vergangenen Zeiten die Kirchenväter und -schriftsteller zwischen der Berufung zum Priestertum und der gottgeweihten Jungfräulichkeit aufstellten, entspringt teils Vorstellungen, teils geschichtlichen Gegebenheiten, die von denen unserer Zeit sehr verschieden sind. In ihren Werken lesen wir oft, daß die Väter den Priestern mehr dazu raten, die eheliche Enthaltsamkeit zu üben, als am Zölibat festzuhalten. Überdies scheinen die Gründe, die die Kirchenväter für die vollkommene Keuschheit der Diener des Heiligtums anführen, zuweilen von einer zu negativen Beurteilung der menschlichen Situation hinsichtlich der natürlichen Lust inspiriert zu sein, oder man erachtet, in einem zu persönlichen Vorurteil befangen, die Reinheit als erforderlich für die, welche die geweihten Gegenstände berühren dürfen. Zudem meinen manche auch, die von den alten Schriftstellern beigebrachten Argumente paßten nicht mehr zu den sozialen Verhältnissen, der Mentalität und den Prinzipien der Menschen, unter denen die Kirche durch ihre Priester in unserer Zeit wirken muß.

7. Andere meinen, hinsichtlich des Zölibats entstehe eine Schwierigkeit insofern, als nach dem geltenden Gesetz das Charisma der göttlichen Berufung zum Priestertum faktisch gleichgesetzt wird mit dem Charisma der vollkommenen Keuschheit, die mit dem Stand der Diener Gottes verbunden ist. Diese fragen deshalb, ob es recht ist, denen den Weg zum Priestertum zu verwehren, die zwar nicht die Neigung zum ehelosen Leben verspüren, wohl aber sich zum priesterlichen Amt hingezogen fühlen.

8. Wieder andere behaupten, daß die Beibehaltung des Zölibats in der Kirche dort großen Schaden anrichtet, wo der vom Zweiten ökumenischen Vatikanischen Konzil festgestellte und bedauerte Priestermangel beklagenswerte Verhältnisse schafft, weil er den Heilsplänen Gottes entgegen steht, und zuweilen sogar ein Hindernis für die erste Verkündigung Christi Jesu bei manchen Menschen bilden kann. Denn einige meinen, der große Priestermangel entstehe aus der Belastung, die die Beobachtung des Zölibats mit sich bringe.

9. Es fehlt auch nicht an solchen, die die Überzeugung hegen, durch Heirat werde den Priestern die Gelegenheit zur Untreue, Verwirrung und beklagenswertem Abfall genommen, Dinge, die der Kirche schmerzliche Wunden zufügen; und die Diener Christi gewännen daraus eher die Fähigkeit, die christlichen Gebote im Bereich der eigenen Familie zu beobachten, was ihr gegenwärtiger Lebensstand ausschließt.

10. Es wird weiter mit Nachdruck behauptet, der Priester befinde sich physisch und psychisch in einer Lage, die nicht nur der Natur widerspreche, sondern auch das innere Gleichgewicht und die Reifung seiner menschlichen Persönlichkeit beeinträchtige. So könne es geschehen, daß der Priester oft innerlich austrockne und nach und nach die Herzenswärme verliere, die ihn zur Teilnahme an der Lebens und Schicksalsgemeinschaft mit den anderen Menschen fähig macht. Er werde zu einem vereinsamten Leben gezwungen, der Ursache so vieler Verbitterung und Niedergeschlagenheit.

Zeigt das nicht — sagen sie —, daß der unverheiratete Priester sich selbst unberechtigte Gewalt antut und die seelischen Werte mißachtet, die Gott der Schöpfer gegeben und Christus der Erlöser übernatürlich erhöht hat?

11. Überblickt man endlich den Weg, der heute den Priesterkandidaten zur Annahme der schweren Last des Zölibats führt, so wenden manche ein, daß er nach einer derartigen Vorbereitung nichts anderes tun kann, als diese Last in Geduld zu tragen. Die überlieferte Ausbildung sei eben nicht zureichend und lasse der rechtmäßigen Freiheit des Menschen nicht genügend Raum. Daraus ergebe sich, daß die jungen Männer, die den Zölibat auf sich nehmen, nicht mit echter, freier Entscheidung handeln; denn ihre persönliche Einsicht, ihre Entscheidungskraft und ihre seelische und körperliche Reife seien der Last des Zölibats mit seinen Schwierigkeiten und seiner Dauer nicht hinreichend gewachsen.

12. Es ist Uns keineswegs unbekannt, daß noch andere Einwände gegen den Zölibat angeführt werden könnten; denn es handelt sich um eine höchst vielschichtige Angelegenheit, die zudem an den Nerv der allgemeinen Lebensauffassung rührt, diese aber auch mit dem Licht der göttlichen Offenbarung erhellt und erfüllt. Eine endlose Reihe von Schwierigkeiten kann sich für die ergeben, die „es nicht fassen können “ und „die Gabe Gottes “ nicht kennen oder vergessen und nicht begreifen, welche überragende Erkenntnis, welche wunderbare Wirkkraft und reiche Fruchtbarkeit dieser Lebensauffassung innewohnt.

13. Ferner scheinen die Einwände in ihrer Gesamtheit nicht allein die alten und erhabenen Zeugnisse der kirchlichen Oberhirten sowie der Lehrer des geistlichen Lebens zu übergehen; sie wollen auch die lebendigen uns vor Augen stehenden Beispiele einer unzähligen Schar heiliger und treuer Diener Gottes übersehen, die dartun, daß diesen der gottgeweihte Zölibat Quelle und Zeichen für ihre freudige Ganzhingabe an das Christusmysterium gewesen ist. Diese auserlesenen Beispiele sind in unserer Zeit nicht geringer an Zahl als in der Vergangenheit, und ihre Stimme klingt auch heute noch laut und klar. Da Wir Unsere Aufmerksamkeit stets auf die aktuellen Gegebenheiten richten, können Wir die Augen vor einer überraschenden und wunderbaren Tatsache nicht verschließen; auch heute noch leben in lauterer und unversehrter Befolgung des freiwillig übernommenen gottgeweihten Zölibats unzählige Diener des Heiligtums — Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe und das überall in der Welt, wo die Kirche ihre Gotteshäuser errichtet hat. Mit ihnen müssen Wir die fast unendlich große Schar der gottgeweihten Männer und Jungfrauen, darunter auch junger Menschen und Laien nennen, die das Versprechen vollkommener Keuschheit treu halten. Und das geschieht nicht etwa aus Geringschätzung der göttlichen Gabe des Lebens, sondern weil sie sich aus übernatürlicher Liebe dem neuen Leben weihen, das aus dem Pascha-Mysterium Christi strömt. Sie leben den Zölibat lauter und unversehrt vor, starkmütig und in sittlicher Strenge, doch in geistlicher Freude, sogar mit einer gewissen Leichtigkeit. Dieses erhabene Schauspiel bezeugt durch sein einzigartiges Dasein, daß das Reich Gottes dem innersten Wesen der menschlichen Gesellschaft gleichsam eingewurzelt ist, der es demütig den wohltätigen Dienst leistet, daß es sich als „Licht der Welt“ und „Salz der Erde “ erweist. Wir sind voller Bewunderung für dieses Schauspiel der keuschen Menschen, in dem sicherlich der Geist Christi weht.

14. Wir meinen daher, daß das bestehende Gebot des Zölibats auch jetzt noch mit dem priesterlichen Amt verbunden sein muß; es muß dem Priester eine Stütze sein bei seinem Entschluß, sich ganz, für immer, einzig und allein der Liebe Christi zu weihen und sein ganzes Wirken der Gottesverehrung und dem Wohl der Kirche zu schenken. Die Zölibatsverpflichtung muß kennzeichnendes Merkmal für den Stand und die Stellung des Priesters sein, und zwar sowohl in der Gemeinde der Gläubigen als auch in der weltlichen Gemeinschaft.

15. Sicher ist das Charisma des göttlichen Rufes zum Priestertum mit seiner Ausrichtung auf den Gottesdienst und den seelsorglichen Dienst am christlichen Volk zu unterscheiden von dem Charisma, das zur Ehelosigkeit als einer gottgeweihten Lebensform anregt. Aber mit diesem göttlichen Ruf zum Priestertum ist noch nichts Endgültiges geschehen: der kirchliche Amtsträger, bei dem Verantwortung und Vollmacht für den Dienst am Volke Gottes liegen, muß ihn prüfen und anerkennen. Deshalb fällt es dem Urteil der kirchlichen Autorität zu, je nach den örtlichen zeitlichen Verhältnissen zu bestimmen, wie sich die Männer, denen das Wohl der Seelen und der Kirche anvertraut werden soll, durch Ansehen und Charakter auszeichnen müssen.

16. Vom Geist des Glaubens gedrängt, ergreifen Wir deshalb gern die von der Vorsehung Gottes gebotene Gelegenheit, um nochmals die berechtigten und ernsten Gründe für die Beobachtung des Zölibats in einer Weise zu erläutern, die der Geisteshaltung der Menschen unserer Zeit entspricht; denn können die Einwände gegen den Glauben zu einer gründlicheren und tieferen Erkenntnis desselben anregen, so gilt das ebenso für die kirchlichen Gesetze, die das Leben der Christen regeln.

Dazu bewegt Uns auch die Freude, den Reichtum an Tugend und die Schönheiten der Kirche Christi staunend zu betrachten, die zuweilen den Augen der Menschen nicht unmittelbar sichtbar sind, weil sie der Liebe des göttlichen Stifters der Kirche entstammen und weil sie sich in jener vollkommenen Heiligkeiten offenbaren, die den menschlichen Geist mit Bewunderung erfüllt und deren Wesen zu verstehen menschliche Kräfte nicht ausreichen.

Erster Teil

1. Begründung des Zölibats

17. Tatsächlich ist nach der Lehre des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils die Jungfräulichkeit „nicht vom Wesen des Priestertums gefordert, wie die Praxis der frühesten Kirche und die Tradition der Ostkirchen zeigt“; aber dasselbe Konzil hat keinen Zweifel gehegt, das bestehende alte, heilige und so wertvolle Gebot des priesterlichen Zölibats in feierlicher Form zu bestätigen; gleichzeitig legte es die Gründe dar, die dafür sprechen, wenn man glaubensreifrig und hochherzig die göttlichen Gnadengaben würdigt.

18. Nicht erst heute untersucht man die „vielfältige Angemessenheit! “ des Zölibats für die Priester; wohl waren die angeführten Gründe verschieden gemäß der verschiedenen Geisteshaltung und den verschiedenen Lebensbedingungen; immer aber beruhten sie auf echt christlichen Gedanken, die konsequent durchgedacht, zu noch tieferen Gesichtspunkten führten. Diese können in noch helleres Licht treten durch die Erfahrung, die im Laufe der Zeit aus einer tieferen Erkenntnis der geistigen Dinge erwachsen ist; das geschieht unter der Einwirkung des Heiligen Geistes, den Christus den Seinen verheißen hat zur Erkenntnis des Zukünftigen und zum deutlichen Verstehen des Mysteriums Christi und der Kirche im Volke Gottes.

Christologische Bedeutung des Zölibats

19. Das christliche Priestertum, das etwas Neues ist, kann nur verstanden werden im Lichte der Neuheit Christi, des Ewigen Hohenpriesters, der das Priesteramt eingesetzt hat, damit seine Diener wahrhaft an seinem, dem einzigen Priestertum teilhaben. Der Diener Christi und Verwalter der Mysterien Gottes hat daher in ihm auch das unmittelbare Urbild und höchste Ideal seines Lebens. Denn der Herr Jesus, der eingeborene Sohn Gottes, den der Vater in die Welt gesandt hat, ist Mensch geworden, damit das der Sünde und dem Tode verfallene Menschengeschlecht wiedergeboren werde und durch die neue Geburt in das Himmelreich eingehe. Diese Neuschöpfung vollendete Jesus in der Ganzhingabe an den Willen des Vaters durch das Paschamysterium. So führte er in die Zeit und indie Welt ein neues, erhabenes und göttliches Leben ein, das auch den Zustand der Menschheit übernatürlich gewandelt hat.

20. Auch die Ehe, die nach dem Willen Gottes das Werk der ersten Schöpfung fortsetzt, erhält, eingefügt in den allgemeinen Heilsplan, neue Bedeutung und neuen Wert. Denn Jesus hat ihre ursprüngliche Würde wiederhergestellt, hat sie geehrt und hat sie zu einem Sakrament und zum geheimnisvollen Zeichen der Einheit erhoben, mit der er selbst der Kirche verbunden ist. So schreiten die christlichen Eheleute in gegenseitiger Liebe, in der Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben und dem eifrigen Streben nach der ihnen eigenen Heiligkeit gemeinsam dem himmlischen Vaterland zu. Aber Christus, der Mittler des erhabenen Bundes, hat noch einen neuen Weg aufgetan. Auf diesem Weg macht der Mensch, der rüdthaltlos Gott anhängt und nur um Gott und seine Sache besorgt ist, deutlich und umfassend die zutiefst erneuernde Kraft sichtbar, die das wesentliche Kennzeichen des Neuen Testamentes ist.

21. Christus, der eingeborene Sohn des Vaters, ist auf Grund seiner Menschwerdung zum Mittler zwischen Himmel und Erde und zwischen dem Vater und dem Menschengeschlecht bestellt. In vollem Einklang mit diesem Auftrag verharrte Christus sein ganzes Leben hindurch im Stand der Jungfräulichkeit; diese Tatsache kennzeichnet seine Ganzhingabe an den Dienst für Gott und die Menschen. Diese so enge Verbindung von Jungfräulichkeit und Priestertum, die in Christus besteht, geht auch auf die über, denen es gegeben ist, an der Würde und dem Auftrag des Mittlers und ewigen Priesters teilzuhaben. Diese Teilhabe ist um so vollkommener, je freier der Diener des Heiligtums von den Bindungen an Fleisch und Blut ist.

22. Jesus wollte, daß die ersten von ihm erwählten Diener des Heiles nicht nur „die Geheimnisse des Himmelreiches kennen „: sie sollten auch, ausgestattet mit einzigartiger Vollmacht, Gehilfen Gottes sein und an seiner Statt „des Amtes walten „: er nannte sie Freunde und Brüder; für sie hat er sich geheiligt, damit sie in Wahrheit geheiligt seien; er verhieß überreichen Lohn allen, die um des Gottesreiches willen Haus, Familie, Frau und Kinder verlassen würden. Ja er empfahl mit geheimnisvollen und Erwartung wedtenden Worten noch eine vollkommenere Lebensweise, wo sich der Mensch auf Grund eines besonderen Charismas dem Himmelreiche weiht durch die Jungfräulichkeit. Das Himmelreich ist der Grund, weshalb jemand dieser Gnadengabe Folge leistet. Ebenso ruft Jesus um des Himmelreiches, des Evangeliums und des Namens Christi willen die Apostel dazu auf, harte Mühen auf sich zu nehmen. Im Ertragen so vieler Widerwärtigkeiten mit ihm vereint, sollten sie inniger an seinem Schicksal teilhaben.

23. Wer so von Jesus berufen ist, den drängt zur Erwählung der Jungfräulichkeit als einer erstrebenswerten Lebensform das Mysterium des neuen Lebens in Christus; es ist das Mysterium, das offenbar macht, was Christus dem Wesen nach ist und welche Würde ihm eignet; es ist die Zusammenfassung aller Ideale des Evangeliums und des Reiches Gottes, ein besonderes Zeichen der Gnade, die aus dem Paschamysterium des göttlichen Erlösers strömt. Die dieser Anregung folgen, tun das nicht allein, um an dem priesterlichen Amt Christi teilzuhaben, sondern auch, um sich zu der gleichen Lebensweise zu verpflichten.

24. Wer dem Ruf Gottes folgt, antwortet in Liebe der Liebe, die uns Christus in unaussprechlicher Weise erwiesen hat. Diese Antwort verbirgt sich geheimnisvoll in der besonderen Liebe Christi zu den Menschen, die er mit erhabenen Worten zu seiner Nachfolge berufen hat. Die Gnade vermehrt mit göttlicher Kraft das Drängen der Liebe, die, wenn sie echt ist, alles mit Liebe umfängt, fest und beständig ist und unwiderstehlich zu heldenmütigem Einsatz entflammt. Deshalb ist der frei erwählte Zölibat immer „als Zeichen und Antrieb für die Liebe “ geachtet worden: Zeichen einer Liebe ohne jeden Vorbehalt, und Antrieb zu einer Liebe, die für alle offensteht. Kann man wohl in einem Leben, das sich aus den angeführten Motiven heraus ganz den anderen hingibt, Zeichen von geistiger Enge und Egoismus erblicken, da es doch ein seltenes und überaus bezeichnendes Beispiel eines Lebens ist und sein muß, dessen Triebkraft und Nahrung die Liebe ist, durch die der Mensch seine erhabene Größe offenbar macht? Kann man wohl an der moralischen und geistigen Vollendung eines solchen Lebens zweifeln, das in so hohem Grade nicht einem beliebigen, wenn auch noch so hohen Ideal geweiht ist, sondern Christus und seinem Werk, das der Erneuerung des Menschengeschlechtes an allen Orten und zu allen Zeiten gilt?

25. In dieser biblischen und theologischen Sicht verbindet sich unser Priestertum als das seiner Diener mit dem Priestertum Christi; und aus dem Leben dessen, der sich klar und ausschließlich seinem Heilswerk hingegeben hat, nehmen wir Beispiel und Beweggrund für unsere Angleichung an die Form der Liebe und des Opfers Christi, des Erlösers. Diese Sicht scheint Uns so tief und fruchtbar an theoretischen und praktischen Wahrheiten zu sein, daß Wir nicht nur euch, ehrwürdige Brüder, und alle, die sich dem Studium der christlichen Lehre widmen, sondern auch die Lehrer des geistlichen Lebens und alle Priester, die fähig sind, ihr Amt in übernatürlichem Licht zu sehen, auffordern, weiterhin diese Sicht sorgfältig zu überdenken und ihre verborgenen und fruchtbaren Wirklichkeiten tiefer zu ergründen. In dieser klaren Schau wird sodann das Band zwischen Priestertum und Zölibat mehr und mehr sichtbar werden, das ebenso das Zeichen eines starken Geistes ist, wie es eine Liebe fordert, die einzig und ausschließlich auf Christus und seine Kirche gerichtet ist.

Ekklesiologische Bedeutung des Zölibats

26. „Ergriffen von Christus< und zur Ganzhingabe an ihn geführt, wird der Priester Christus auch durch jene Liebe ähnlicher, mit der der Ewige Priester seinen Leib, die Kirche, geliebt und sich ganz für sie hingegeben hat, um sie sich als herrliche, heilige und makellose Braut zu bereiten. Die gottgeweihte Jungfräulichkeit der Priester macht in der Tat die jungfräuliche Liebe Christi zu seiner Kirche und zugleich die übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes sichtbar, kraft deren die Kinder Gottes „nicht aus dem Blute und nicht aus dem Wollen des Fleisches “ geboren sind.

27. Indem sich der Priester in voller, durch die Ganzhingabe leichter erlangter Freiheit dem Dienste Christi und seines Mystischen Leibes weiht, verwirklicht er in vollkommener Weise die innere Einheit und Harmonie seines Priesterlebens. Es wächst in ihm die Fähigkeit zum Hören des Wortes Gottes und zu innigem Gebet. Denn das von der Kirche gehütete Wort Gottes erweckt im Priester, der es täglich betrachtet, durch sein Leben anschaulich macht und den Gläubigen verkündet, einen sehr starken und tiefgehenden Widerhall.

28. Wie Christus erhält auch sein Diener, allein auf die Sache Gottes und der Kirche bedacht und den Hohenpriester nachahmend, der immerdar lebt, um bei Gott Fürsprache für uns einzulegen, aus der aufmerksamen und frommen Verrichtung des göttlichen Offiziums, in dem er seine Stimme der Kirche leiht, die zusammen mit Christus betet, beständige Freude und Anregung; ebenso erkennt er die Notwendigkeit des ununterbrochenen Gebetes, das überhaupt eine dem Priester eigene Aufgabe ist.

29. Daraus empfängt auch das ganze übrige Leben des Priesters einen machtvollen Drang zur Heiligkeit. Deshalb erhält der Priester für die Aufgabe der Selbstheiligung, zu der er sich verpflichten muß, Anregung durch den Dienst an der Gnade und der Eucharistie, die „das gesamte geistliche Gut der Kirche enthält „. Der Priester, der ja in der Person Christi handelt, wird inniger mit der dargebrachten Opfergabe verbunden, indem er sein ganzes Leben, das die Zeichen des Versöhnungsopfers an sich trägt, auf dem Altar darbringt.

30. Was könnten Wir noch anführen über das Wachsen des Priesters an innerem Vermögen im Dienst, in der Liebe und eifervollen Hingabe an das ganze Volk Gottes? Christus hat von sich gesagt:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht „; und der Apostel Paulus zauderte nicht, sich täglich dem Tode auszusetzen, um durch die Gläubigen seinen Ruhm zu besitzen in Christus Jesus. So erlangt der Priester, weil er täglich sich selbst stirbt und auf die an sich berechtigte Liebe zu Gattin und Kind um Christi und seines Reiches willen verzichtet, die Herrlichkeit eines in Christus ganz erfüllten und fruchtbaren Lebens, weil er ja wie Christus und in Christus alle Kinder Gottes liebt und sich für sie weiht.

31. Da aber der Priester in der Gemeinde der ihm anvertrauten Gläubigen Christus darstellt, muß er unbedingt in seinem inneren Leben und in seinem priesterlichen Dienst in allem Christi Bild ausprägen und Christi Beispiel nachahmen. Denn der Priester ist seinen Kindern in Christus Zeichen und Unterpfand der erhabenen und neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes, deren Verwalter er ist und die er in besonderer Weise besitzt. Zudem nährt der Priester den Glauben und die Hoffnung aller Christen, die als solche verpflichtet sind, das Gebot der Keuschheit je nach ihrem besonderen Stand zu beobachten.

32. Da außerdem der Priester im Zölibat durch einen neuen und erhabenen Titel Christus geweiht ist, vermag er, wie leicht einzusehen ist, auch im praktischen Leben mit höchster Wirksamkeit und bester Befähigung Denken und Streben der Seele anzuregen. So kann er beständig jene vollkommene Liebe üben, durch die er sich umfassender und eingehender allen zu widmen vermag und durch die er ganz offensichtlich in größerer Freiheit und Verfügbarkeit sein Amt ausüben und voll Liebe und Eifer in der Welt stehen kann, in die ihn Christus gesandt hat, damit er allen Kindern Gottes seine Schuldigkeit, mit der er ihnen verpflichtet ist, gleichsam auf Heller und Pfennig einlöse.

Eschatologische Bedeutung des Zölibats

33. Das Reich Gottes, das „nicht von dieser Welt ist „, ist hier auf Erden im Mysterium verhüllt gegenwärtig und wird seine Vollendung erst bei der triumphalen Wiederkunft des Herrn Jesus erlangen. Keim und Anfang dieses Reiches aber ist die Kirche, die Schritt für Schritt und unbehindert dem vollendeten Reich zustrebt und mit allen Kräften nach der Vereinigung mit ihrem König in der Herrlichkeit verlangt.

Denn das Volk Gottes wandert als Pilger durch die Geschichte seinem himmlischen Vaterland zu, wo nicht nur die göttliche Kindschaft der Erlösten in vollem Licht sich offenbaren, sondern auch die verklärte Schönheit der Braut des göttlichen Lammes ewig erstrahlen wird.

34. Unser Herr und Meister hat gesagt: „Bei der Auferstehung heiraten sie nicht noch werden sie verheiratet, sie werden vielmehr sein wie die Engel im Himmel.“ In der menschlichen Gesellschaft, die zum großen Teil ganz von irdischen Sorgen beansprucht und allzu oft durch fleischliche Begierden verwirrt wird, ist die kostbare und beinahe göttliche Gabe der vollkommenen Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen wahrhaft „ein besonderes Zeichen der himmlischen Güter „. Sie kündigt ja die Gegenwart der letzten Heilszeit auf Erden mit der Entstehung einer neuen Welt an; sie nimmt gewissermaßen die Vollendung des Reiches voraus, dessen Güter, die einst in allen Gotteskindern aufleuchten werden, sie bekräftigt. Diese Gabe ist deshalb ein klares Zeugnis für die unentwegte Anstrengung, mit der das Volk Gottes dem letzten Ziel seiner irdischen Pilgerschaft zustrebt, und allen ein Ansporn, mit Eifer den Blick auf das Himmlische zu richten, „wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“ und wo auch „unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist“, bis es „mit ihm in der Herrlichkeit“ offenbar werden wird.

II. Der Zölibat im Leben der Kirche

35. Es wäre zu weitläufig, wenngleich sehr lehrreich, die Schriften zu studieren, die im Laufe der Jahrhunderte über den kirchlichen Zölibat erschienen sind. So genüge folgender kurzer Hinweis. Im christlichen Altertum bezeugen die Väter und Kirchenschriftsteller, daß die Diener des Heiligtums im Morgen- und Abendland allenthalben den Zölibat aus eigenem Antrieb beobachtet haben, und zwar in der Überzeugung, daß er ihrem gefaßten Entschluß, sich Christus und der Kirche zu weihen, durchaus entspricht.

36. Diese Lebensform hat die abendländische Kirche seit dem Beginn des 4. Jahrhunderts durch verschiedene Provinzialsynoden und durch die Päpste bekräftigt, erweitert und bestätigt. Vor allem durch das Wirken dieser Hirten und Lehrer der Kirche, der Hüter und Deuter des kostbaren Glaubensschatzes und der christlichen Sittenordnung, wurde die Übung des Zölibats in den folgenden Jahrhunderten gefördert, verteidigt und erneuert, und das auch in solchen Zeiten, wo der Priesterstand selbst und der Verfall der Sitten für Tugend und Heroismus nicht günstig waren. Die Verpflichtung zum Zölibat wurde dann von dem Ökumenischen Konzil von Trient feierlich aufgestellt und schließlich in das Gesetzbuch des Kanonischen Rechtes aufgenommen.

37. Gerade die letzten Päpste setzten ihren glühenden Eifer und ihre vorzügliche Lehrweisheit ein, um die Priester über den Zölibat zu unterweisen und sie zu seiner Befolgung anzuspornen. Hier möchten Wir einen besonderen Erweis der Pietät Unserem unmittelbaren Vorgänger gegenüber bekunden, der in den Herzen der Menschen noch weiterlebt.

Er hat auf der Römischen Diözesansynode vor den versammelten Vertretern der Stadt Rom und unter deren Beifall erklärt: „Vor allem betrübt es Uns, daß … manche irrtümlich wähnen, die katholische Kirche habe vor oder halte es für angebracht, das Gesetz des kirchlichen Zölibats abzuschaffen, das Jahrhunderte hindurch der herrliche und strahlende Schmuck des Priestertums war und ist. Das Gesetz des Zölibats und die Sorge um seine treue Beobachtung erinnern immer wieder an die denkwürdigen und berühmten Auseinandersetzungen jener Zeit, in denen die Kirche Gottes hart zu kämpfen hatte und einen dreifachen Sieg davontrug: denn es ist das Kennzeichen für den Sieg der Kirche Christi, alle Kräfte aufzubieten, um frei, rein und katholisch zu sein.“

38. Wenn in der Ostkirche andere Gesetze bezüglich der Übung des Zölibats in Kraft sind, die das Trullanum im Jahre 692 bestätigt und neuerdings das Zweite Vatikanische Konzil öffentlich anerkannt hat, so ist das gewiß anderen sachlichen und örtlichen Gegebenheiten zuzuschreiben, die auf diesen erlesenen Teil der katholischen Kirche Einfluß hatten; und Wir sind fest davon überzeugt, daß in dieser geschichtlichen Entwicklung die Vorsehung und übernatürliche Mitwirkung des Heiligen Geistes gewaltet hat.

Gern wollen wir diese Gelegenheit benutzen, dem gesamten Klerus der orientalischen Kirche Unsere Wertschätzung und Hochachtung auszudrücken und in ihm die Beispiele der Treue und des Hirteneifers anzuerkennen, die ihn aufrichtiger Verehrung würdig machen.

39. Gleichwohl ermutigt und drängt Uns der Lobpreis, den die orientalischen Väter der Jungfräulichkeit zollen, auf der Beobachtung des Zölibats zu beharren. In Unserem Herzen klingt — um nur ein Beispiel anzuführen — das Wort des heiligen Gregor von Nyssa wider, das Uns daran erinnert, daß „das jungfräuliche Leben das Bild jener Glückseligkeit ist, die uns in der zukünftigen Welt erwartet „. Und nicht weniger erbaut und stärkt Uns das Loblied, das der heilige Johannes Chrysostomus dem Priestertum widmet und das Wir heute noch in unablässiger Betrachtung überdenken; denn es geht klar daraus hervor, wie sehr zwischen dem privaten Leben des Dieners des Altares und der auszeichnenden Würde, die ihm zur Erfüllung seiner heiligen Aufgaben verliehen ist, vollkommene Übereinstimmung herrschen muß: “ … es ziemt sich, daß derjenige, der zum Priestertum aufsteigt, so rein ist, als lebte er im Himmel.“

40. Außerdem ist es nicht überflüssig zu beachten, daß auch im Osten nur unverheiratete Priester zu Bischöfen geweiht werden und daß es den Priestern nach ihrer Weihe verwehrt ist, eine Ehe einzugehen. Das macht doch deutlich, daß auch diese verehrungswürdigen Kirchen einen gewissen Raum lassen für den Gedanken einer Verbindung von Priestertum und Zölibat oder doch seine Angemessenheit für das christliche Priestertum, dessen höchste Stufe und Vollendung die Bischöfe besitzen.

41. Wie dem auch sei: Die abendländische Kirche kann nicht wanken in der Treue zu ihrer alten Überlieferung; und es ist undenkbar, daß sie durch so viele Jahrhunderte einem Weg gefolgt wäre, auf dem sie irgendwie die größere Heiligkeit und Tugend der einzelnen Seelen und des Volkes Gottes eher beeinträchtigt als gefördert hätte, oder daß sie durch übertriebene und allzu strenge Gesetze die freie Entfaltung der verborgenen Güter der Natur und Gnade gehemmt hätte. 42. Kraft der grundlegenden Norm, die Wir oben für die Leitung der katholischen Kirche angegeben haben, müssen hier zwei Dinge festgestellt werden: Einerseits bleibt das Gesetz, das denen, die zu den heiligen Weihen zugelassen werden, auferlegt, den Zölibat aus freier Entscheidung und auf Lebensdauer zu erwählen, in seiner Rechtskraft unverändert; andererseits ist es erlaubt, die besondere Situation der verheirateten Diener des Heiligtums zu beachten, die Kirchen oder christlichen Gemeinschaften angehören, welche noch von der katholischen Einheit getrennt sind, wenn diese nach der vollen Teilhabe an dieser Einheit und nach dem priesterlichen Dienst streben und nun zur Ausübung des Priesteramtes bestellt werden sollen; aber auch das muß in einer Weise geschehen, daß dadurch der festgelegten Einrichtung des Zölibats kein Schaden entsteht.

Daß übrigens die Oberhirten der Kirche durchaus bereit sind, eine solche Vollmacht anzuwenden, davon zeugt die Anordnung des letzten t5kumenischen Konzils, daß der Diakonat auch Männern reifen Alters, die in der Ehe leben, übertragen werden kann.

43. Aber das alles bedeutet nicht eine Lockerung dieser Disziplin, die schon so lange besteht, und darf auch nicht als Vorspiel für ihre Abschaffung verstanden werden. Deshalb darf man keiner Meinung folgen, die in den Seelen die Liebeskraft schwächt, aus der dem Zölibat Festigkeit und Freude erwächst, und die sogar die rechte Lehre verdunkelt, die den Zölibat begründet und verherrlicht; vielmehr sollte man solche wissenschaftlichen Untersuchungen fördern, die den erhabenen Begriff und die sittliche Kraft der Jungfräulichkeit und des Zölibats vor jeder Verkennung bewahren.

44. Denn die Jungfräulichkeit muß als eine besondere Gnadengabe anerkannt werden. Aber die gesamte Kirche unserer Zeit, rechtmäßig gegenwärtig in allen ihrer heiligen Pflicht bewußten Hirten, hat, bei allem Festhalten an der Gewohnheit der orientalischen Kirchen —wovon Wir schon sprachen —, ihr festes Vertrauen im Heiligen Geist ausgesprochen, „daß der Vater die Berufung zum ehelosen Leben, das ja dem neutestamentlichen Priestertum so angemessen ist, mi Heiligen Geist freigebig verbleiben wird, wenn nur diejenigen, die durch das Sakrament der Weihe am Priestertum Christi teilhaben, zusammen mit der ganzen Kirche demütig und inständig darum bitten „.

45. Im Blick auf das ganze Volk Gottes rufen wir es dazu auf, in Erfüllung seiner Pflicht, möglichst viele Seelen für das Priestertum zu gewinnen, den Vater aller, den göttlichen Bräutigam der Kirche und den Heiligen Geist, die Seele der Kirche, inständig anzuflehen, daß auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Christi und Mutter der Kirche, gerade in unserer Zeit diese göttliche Gabe, die der Vater bestimmt keinem Bittenden verweigert, in Fülle

ausgegossen werde und daß sich die Seelen durch einen tiefen Glauben und eine hochherzige Liebe dafür bereitmachen. Und so mögen die Priester in unserer heutigen Welt, die der Herrlichkeit Gottes bedarf, durch ihre Lebensweise von Tag zu Tag immer mehr dem Bilde des einzigen Hohenpriesters gleichgestaltet werden und als strahlendes Licht der Ruhm Christi sein; durch sie möge „die Herrlichkeit der Gnade Gottes“ auf der ganzen Welt glorreich offenbar werden.

46. Ja, ehrwürdige und geliebte Brüder im Priestertum, die Wir euch alle „innigst in Jesus Christus“ lieben, unsere heutige Welt, die zwar infolge des technischen Fortschritts und der Wandlung der Lebensverhältnisse von einer schweren Krise erschüttert wird, aber dennoch mit Recht stolz sein kann auf namhafte Erfolge des menschlichen Fleißes, bedarf unbedingt des Zeugnisses derer, die sich ganz den heiligen und höchsten Idealen hingeben, damit auch unsere Zeit nicht des wunderbaren, ja göttlichen Lichtes für den menschlichen Geist entbehrt, der nach dem Höchsten strebt.

47. Unser Herr Jesus Christus zögerte nicht, die übermenschliche Aufgabe, überall das Evangelium zu verkünden, einigen wenigen Männern anzuvertrauen, von denen niemand angenommen hätte, daß sie ihrer Zahl und Fähigkeit nach der Sache gewachsen gewesen wären. Doch er gebot der so kleinen Herde, sich nicht zu fürchten, da sie mit ihm und durch ihn, das heißt mit seinem immer gegenwärtigen Beistand, den Sieg über die Welt erringen würde. Außerdem hat uns Jesus darauf hingewiesen, daß das Reich Gottes durch seine innere und verborgene Kraft fähig ist, zu wachsen und zu reifen, ohne daß der Mensch es weiß. Dieses Reiches „Ernte ist zwar groß, der Arbeiter aber sind — jetzt wie am Anfang — wenige“, ja sie sind niemals so zahlreich gewesen, daß ihre Zahl nach menschlichem Urteil ausreichend erschienen wäre. Aber der himmlische König fordert unser Gebet, daß „der Herr der Ernte Arbeiter in seine Ernte sende“. In diesem Anliegen darf man die Überlegungen menschlicher Klugheit nicht über die geheimnisvolle Weisheit Christi stellen, der in seinem Heilswerk immer die Weisheit und Macht des Menschen durch seine Torheit und Schwachheit zunichte gemacht hat.

48. Daher bringen wir, gestützt auf die Kraft des Glaubens, nun die Überzeugung der Kirche zum Ausdruck: Wenn sie mit freudigem Eifer und größerer Beständigkeit der göttlichen Gnade Folge leistet, wenn sie aufgeschlossener und stärker auf deren geheimnisvolle und unbesiegbare Macht vertraut, wenn sie endlich vor aller Welt und ohne Vorbehalt für das Christusmysterium Zeugnis gibt, hat sie die Sicherheit, daß sie stets ihr erhabenstes Amt, der ganzen Welt das Heil zu bringen, allen menschlichen Berechnungen und falschen Vorstellungen zum Trotz erfüllen wird. Jeder muß wissen, daß er alles in dem vermag, der allein den Seelen die Kraft und seiner Kirche das Wachstum gibt.

49. Aber Wir lassen Uns nicht leicht überzeugen, daß mit der Aufhebung des kirchlichen Zölibats von selbst die Zahl der Priesterberufe sogleich sehr wachsen würde. In unserer Zeit scheint die Erfahrung der Kirchen und anderer religiöser Gemeinschaften, die ihren Amtsträgern die Ehe erlauben, für das Gegenteil zu sprechen. Die Gründe für die Abnahme der Priesterberufe sind vielmehr anderswo zu suchen. Denn sie liegen, um einige Beispiele anzuführen, darin, daß in den einzelnen Menschen und in den Familien der Sinn für das Göttliche und Heilige verloren, fast erloschen ist, sie liegen auch in der Geringschätzung und Mißachtung der Kirche, die doch kraft ihres Amtes durch Glaube und Sakramente für das Heil der Menschen Sorge trägt. Darum muß dieses Problem in seiner Wurzel untersucht werden.

III. Der Zölibat und die menschlichen Werte

50. Wie Wir bereits angeführt haben, weiß die Kirche sehr wohl, daß die Wahl der Ehelosigkeit große Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt, da sie ja viele Verzichte auferlegt, die den Menschen zutiefst berühren; vor allem der heutige Mensch wird von diesen Schwierigkeiten beunruhigt. Es könnte nämlich scheinen, daß der Zölibat nicht im Einklang stehe mit der großartigen Anerkennung, die die Kirche während des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils den menschlichen Werten bekundet hat. Aber bei aufmerksamer Betrachtung wird klar, daß die Priester, die um der Liebe Christi willen auf die menschliche Liebe verzichten, die die Eheleute in ihrer Familie genießen, in Wahrheit viel zur Würde dieser Liebe beitragen. Es ist ja allgemein anerkannt, daß zu allen Zeiten die Menschen Gott solche Opfer dargebracht haben, die des Gebers wie des Empfängers würdig waren.

51. Im übrigen kann und darf die Kirche nicht vergessen, daß der junge Mann bei der Wahl des Zölibats — sofern er sie mit der Klugheit und dem Pflichtgefühl, die ihm als Mensch und als Christ eigen sein müssen, tätigt, von der göttlichen Gnade geleitet wird, die die Natur nicht zerstört und ihr nicht Gewalt antut, sondern sie vielmehr vollendet und ihr übernatürliche Fähigkeiten und Kräfte verleiht. Denn da Gott als Schöpfer und Erlöser um die den Menschen auferlegte Bürde weiß, bietet er ihm die notwendige Hilfe, damit der Mensch verwirklichen kann, was sein Schöpfer und Erlöser von ihm verlangt. Denn, so sagt der heilige Augustinus, der die menschliche Natur aus eigener Erfahrung gründlich und schmerzlich kennengelernt hat: „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst.“

52. Es ist für den Priester sehr nützlich, ja notwendig, die tatsächlichen Schwierigkeiten des Zölibats in ehrlichem Urteil zur Kenntnis zu nehmen und sich so der Forderungen, die damit an ihn herantreten, klar bewußt zu werden, damit der Zölibat wirklich eine Kraftquelle und für ihn selbst und die anderen Menschen nützlich sein kann. Andererseits ist die gleiche ehrliche Überlegung notwendig, um diesen Schwierigkeiten nicht mehr Bedeutung und Gewicht beizumessen als den menschlichen und religiösen Verhältnissen, in denen die Priester normalerweise leben, und sie nicht als unlösbar zu betrachten.

53. Nach allem, was die Wissenschaftler heute festgestellt haben, ist es ungerecht, weiterhin zu behaupten, der Zölibat sei gegen die Natur, als stehe er im Gegensatz zu den berechtigten physischen, psychischen und affektiven Bedürfnissen, deren Befriedigung notwendig sei, um den Menschen in jeder Beziehung zur vollen Entfaltung zu bringen. Der nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffene Mensch ist nicht nur Fleisch, und der Geschlechtstrieb ist nicht das Vorherrschende in ihm; der Mensch ist auch, ja vor allem, Vernunft, Wille und Freiheit; kraft dieser Fähigkeiten ist er das Haupt des Alls und muß sich selbst als solches betrachten; denn gerade durch diese Fähigkeiten hat der Mensch gelernt, die physischen, psychischen und affektiven Begierden zu zügeln.

54. Der wahre und tiefere Beweggrund für den Zölibat beruht — wie Wir bereits gesagt haben — darauf, daß der Priesterkandidat sich zum Nutzen der gesamten Menschheit dem Mysterium Christi und der Kirche enger und rückhaltloser verpflichtend verbinden will. Zweifellos können bei dieser Wahl die erhabensten menschlichen Werte voll und ganz entfaltet werden.

55. Deshalb fordert die Wahl des Zölibats keineswegs eine Nichtbeachtung oder Geringschätzung des Geschlechtstriebes und des Gefühlslebens — was sicher dem physischen und psychischen Gleichgewicht zum Schaden wäre —, sie erfordert vielmehr eine klare Einsicht, eine aufmerksame Selbstzucht und eine weise Erhebung der Seele zu einem höheren Ideal. Auf diese Weise trägt der Zölibat, da er den Menschen zu einer wunderbaren Würde erhöht, wahrhaft zur Vollendung des Menschseins und zur höchsten Entfaltung des Tugendlebens bei.

56. Zugegeben, daß das natürliche und rechtmäßige Verlangen des Mannes nach Frau und Kindern von dem, der an das Zölibatsgesetz gebunden ist, hintangesetzt wird: Es ist aber entschieden abzulehnen, daß Ehe und Familie die einzige und notwendige Lebensform zur Erlangung der vollen menschlichen Reife sind. Im Herzen des Priesters wird die Liebe nicht ausgelöscht. Denn die aus der reinsten Quelle gespeiste Liebe, die in der Nachahmung Gottes und Christi bewahrt wird, fordert — ganz wie jede echte Liebe — vieles vom Priester und drängt ihn zum Werk. Dazu dehnt die Liebe ihr Betätigungsfeld ins Grenzenlose aus; sie vertieft und verstärkt — das klare Zeichen eines reifen Charakters — das Verantwortungsbewußtsein dem übernommenen Amt gegenüber; sie bildet im Priester die starken und zarten Gefühle aus, die Zeichen einer höheren und fruchtbareren Vaterschaft sind und ihn in überströmendem Maße bereichern.

57. Das ganze Volk Gottes muß Zeugnis geben für das Mysterium Christi und sein Reich; aber die Art des Zeugnisses ist unterschiedlich. Den verheirateten Laien trägt die Kirche auf, in einem des christlichen Namens würdigen Ehe- und Familienleben treu und vorbehaltlos Zeugnis abzulegen; von den Priestern verlangt sie das Zeugnis eines Lebens, das ganz auf der Betrachtung des kommenden Gottesreiches und seiner Freuden und auf der Sorge für dieses Reich beruht.

Wenn der Priester den Ehestand auch nicht aus unmittelbarer und persönlicher Erfahrung kennenlernt, kann er dennoch auf Grund seiner Bildung, seines priesterlichen Amtes und der von Gott seinem Stand verheißenen Gnade einen sogar noch tieferen Einblick in die ganze menschliche Natur haben. So vermag er nicht nur alle diese Probleme genau zu durchschauen und ihren Ursprung zu erkennen; er kann auch den Eheleuten und christlichen Familien mit seinem Rat tatkräftig beistehen. Denn der Priester, der hochherzig nach dem Gesetz des Zölibates lebt, wird für die christlichen Eheleute ein klarer Beweis dafür sein, daß die menschliche Liebe, die dieses Namens würdig ist, reich ist an kraftvollen geistlichen Werten; darüber hinaus wird er durch sein persönliches Opfer den christlichen Eheleuten die Gnade einer wahrhaft inneren Verbundenheit verdienen.

58. Wir leugnen zwar nicht, daß der Priester durch den Zölibat ein einsamer Mensch ist. Aber seine Einsamkeit darf nicht für öde und leer gehalten werden, denn sie ist von Gott und dem unermeßlichen Reichtum seines himmlischen Reiches erfüllt. Überdies hat sich der Priester darauf vorbereitet, diese Einsamkeit, die innerlich und äußerlich von der Liebe erfüllt sein muß, zu ertragen, wenn er sie mit Bedacht erwählt hat, und zwar nicht etwa, um sich hochmütig von den anderen Menschen fernzuhalten; nicht, um sich schweren allgemeinen Verpflichtungen zu entziehen; nicht, um sich von seinen Brüdern abzusondern, oder weil er die Welt verachtet. Denn, ausgesondert aus der Welt, ist der Priester dennoch keineswegs vom Volke Gottes getrennt, er ist ja „für die Menschen bestell, gänzlich der Übung der Liebte geweiht und „dem Werk, zu dem ihn Gott erwählt hat“.

59. Bisweilen kann die Einsamkeit schwer auf dem Priester lasten; aber er wird deshalb keineswegs bereuen, diese Lebensweise hochherzig erwählt zu haben. Selbst Christus war in den schwersten Augenblicken seines Lebens allein und von denen verlassen, die er als Zeugen und Gefährten seines Lebens erwählt und „bis zum Ende“ geliebt hatte; dennoch sprach er: “ Ich bin nicht allein, denn der Vater ist mit mir. Wer sich in freier Wahl ganz Christus hingegeben hat, wird in der Vertrautheit mit ihm und in seiner Gnade vor allem die Kraft finden, alle Traurigkeit zu vertreiben und jede Niedergeschlagenheit und Entmutigung zu überwinden; auch wird ihm nicht der liebevolle Schutz der jungfräulichen Gottesmutter und die mütterliche Sorge der Kirche fehlen, der er sich geweiht hat, noch die Fürsorge seines Bischofs, der ihm in der Gnade Christi Vater ist; ebenso wird ihm nicht das innige Band treuer Freundschaft mit den Mitbrüdern im Priesteramt noch die an Trost so reiche Liebe des ganzen Volkes Gottes mangeln. Und wenn Abneigung, Argwohn und Feindseligkeit dem Priester bisweilen das Leben in Einsamkeit bis zum Überdruß schwer machen, so wird er wissen, daß er dadurch in eindrucksvollster Wirklichkeit an dem Schicksal Jesu Christi teilhat; wie der wahre Apostel, der nicht “ größer als der, der ihn gesandt hat „, sein kann, und der Freund, dem der göttliche Freund die geheimsten, von Schmerz und Freude erfüllten Tiefen seines Herzens geoffenbart hat; von ihm ist er ja auserwählt, geheimnisvolle Früchte des Lebens zu bringen, während er ein Leben führt, das das Bild des Todes an sich trägt.

Zweiter Teil

1. Priesterausbildung

60. Aus den Gedanken, die Wir über die Schönheit, die Würde und die innere Angemessenheit der Jungfräulichkeit für die Diener Christi und der Kirche dargelegt haben, erwächst denen, die das Amt des Lehrers und Hirten bekleiden, die überaus schwere Pflicht, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß die Jungfräulichkeit schon von der Zeit der Vorbereitung auf den Empfang dieser herrlichen Gnadengabe an wirklich gepflegt wird.

Die Schwierigkeiten und Belastungen, die einigen Priestern die Beobachtung des Zölibats schwer oder geradezu unmöglich machen, entspringen nicht selten einer Priesterausbildung, die angesichts der Wandlungen der Verhältnisse ganz unzureichend ist, um einen „Mann Gottes“ würdig heranzubilden.

61. Deshalb haben die Väter des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils bereits weise Richtlinien und Vorschriften angegeben, die mit dem Fortschritt der Psychologie und Pädagogik im Einklang stehen und auch auf die in unserer Zeit stark veränderten Lebensbedingungen des einzelnen Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft abgestimmt sind. Es ist darüber hinaus Unser Wille, daß baldmöglichst gesetzliche Normen geschaffen werden, in denen dieses Thema unter Heranziehung von Fachleuten in angemessener Ausführlichkeit behandelt wird, um denen, die in der Kirche die schwere Aufgabe übernommen haben, die Priesterkandidaten auszubilden, alsbald eine geeignete Hilfe zu bieten.

62. Das Priestertum ist ein Amt, das von Christus Jesus zum Dienst an seinem mystischen Leib, der Kirche, eingesetzt ist. Deshalb ist es auch Aufgabe der kirchlichen Obern, nur diejenigen zum Priestertum zuzulassen, die sich nach ihrem Urteil dafür eignen, nämlich solche, denen Gott neben den anderen Zeichen der Berufung zum heiligen Dienst auch das Charisma des Zölibats gewährt hat.

Kraft dieser Gnadengabe, die vom Kanonischen Recht bestätigt wird, wird der Mensch aufgerufen, aus freiem Willen und mit seiner Ganzhingabe dem Rufe Gottes Folge zu leisten und der göttlichen Autorität Geist und Gewissen zu unterwerfen. Gott beruft tatsächlich nur eine Persönlichkeit, die im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten ist, deren Freiheit die himmlische Gnade keineswegs aufhebt. In den Priesterkandidaten also muß die Bereitschaft gepflegt werden, die göttliche Gnadengabe mit gelehrigem Herzen in sich aufzunehmen, für den Ruf Gottes sich bereit zu halten und in erster Linie auf die übernatürlichen Gnadenhilfen zu vertrauen.

63. Aber man muß auch dem physischen und psychischen Zustand des Kandidaten Rechnung tragen, um ihn in angemessener Weise zu dem Ideal des Priestertums hinführen und anleiten zu können. Damit die Erziehung des Kandidaten, dessen wirkliche geistige Anlagen und Fähigkeiten bereits voll und ganz erkannt worden sind, ihr Ziel tatsächlich erreicht, muß deshalb das Wachstum der göttlichen Gnade mit dem der Natur harmonisch zusammengehen. Die geistigen Anlagen müssen mit größter Gewissenhaftigkeit geprüft werden, sobald sich Anzeichen der Berufung zum Priestertum zeigen. Dabei darf sich niemand auf ein voreiliges und oberflächliches Urteil verlassen; deshalb soll auch ein Arzt, oder, um das griechische Wort zu gebrauchen, ein Psychologe herangezogen werden, um bei dieser Prüfung mitzuwirken. Man wird auch nicht auf eine genaue anamnetische Nachforschung verzichten dürfen, um die Eignung des Kandidaten für das Priestertum auch unter der sehr wichtigen Berücksichtigung der Erbfaktoren zu prüfen.

64. Denen aber, die in körperlicher, geistiger und moralischer Hinsicht wenig geeignet erscheinen, muß man sofort vom priesterlichen Beruf abraten. Die Erzieher müssen sich in diesem Punkt ihrer ernsten Pflicht bewußt sein. Sie sollen keine eitle Hoffnung und gefährliche Zuversicht hegen noch in irgendeiner Weise zulassen, daß die Alumnen zum großen Schaden für sich und die Kirche solche Hoffnungen nähren. Denn da die Lebensweise des ehelosen Priesters innerlich und äußerlich einen so vollständigen Einsatz für den Dienst Gottes und eine so große Klugheit erfordert, schließt sie einen Kandidaten, dessen Gaben in physischer, psychischer und moralischer Hinsicht nicht genügen, aus; und man darf nicht erwarten, daß in diesen Dingen die göttliche Gnade ersetzen wird, was der Natur fehlt.

65. Sobald die Eignung des Kandidaten feststeht und man ihm den Weg zum Priestertum freigegeben hat, wird man eifrig dafür sorgen müssen, daß er durch eine entsprechende leibliche, geistige und sittliche Erziehung nach und nach die vollkommene Entfaltung seiner Persönlichkeit bis zu dem Grade erreicht, daß er die natürlichen Anlagen, die Gefühle und Triebe in Schranken zu halten und zu beherrschen vermag.

66. Diese angemessene Erziehung erhält ihre Bestätigung durch die Seelenstärke, mit der jemand aus freien Stücken die persönliche und gemeinschaftliche Lebensordnung, die ein Erfordernis des Priesterlebens ist, annimmt. Man muß bedauern, wenn eine solche Lebensordnung fehlt oder unzureichend ist, was große Gefahren mit sich bringt; sie darf nicht wie eine von außen auferlegte Last getragen werden, sondern muß als notwendiger Bestandteil des geistlichen Lebens in die innere Haltung aufgenommen und eingefügt werden.

67. Die ganze Erziehung muß darauf ausgehen, die jungen Menschen zur Aufrichtigkeit, einer wesentlich evangelischen Tugendi, und zu selbständigem Handeln anzuregen. Das wird geschehen, wenn sie jede gute Initiative fördert, die dazu geeignet ist, daß der junge Mensch sich selbst kennen und seine Kräfte richtig einschätzen lernt; daß er lernt, seine Bürde bewußt auf sich zu nehmen und jene Selbstbeherrschung zu erwerben, die in der Priesterbildung von größter Bedeutung ist.

68. Die Autorität, deren Hauptgrundsätze immer zu bewahren sind, soll in weiser Maßhaltung, seelsorglichem Geist und dialogisch vorgehen. Sie soll auch die Alumnen allmählich praktisch einüben, so daß der Erzieher den Geist des jungen Menschen durchschauen kann und die Erziehung selbst durch das ihr wesentliche Merkmal, der Selbständigkeit, bestimmt ist, und damit ebenso der Kandidat angeregt wird, selbstverantwortlich zu handeln.

69. Die gesamte vollständige Ausbildung des Priesterkandidaten muß auf eine ruhige, bewußte und freie Wahl der schweren Aufgaben zielen, die er einmal mit größter Gewissenhaftigkeit vor Gott und der Kirche übernehmen muß.

Begeisterung und Hochherzigkeit sind bewundernswerte Vorzüge der Jugend; wenn sie richtig ausgebildet und befestigt werden, gewinnen sie ihr nicht nur den himmlischen Schutz, sondern auch die Bewunderung und das Vertrauen der Kirche, ja aller Menschen. Den jungen Menschen, die diese Lebensform erwählen, soll man keine der wirklichen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten, die sie später aus Erfahrung kennenlernen werden, verhehlen, damit ihre Begeisterung nicht flüchtig und oberflächlich dahinschwindet. Aber es wird angebracht sein, zugleich mit den Schwierigkeiten auch den erhabenen Vorzug des erwählten Lebens ebenso ehrlich und deutlich in seinem Lichte darzustellen. Schafft dieses Leben körperlich und geistig auch eine gewisse Leere im Menschen, so schenkt es ihm nichtsdestoweniger eine geistliche Fülle, so groß, daß sie fähig ist, das Leben des Priesters ganz und gar zu ergreifen und zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit emporzuführen.

70. Die jungen Leute sollen überzeugt sein, daß sie diesen steilen Weg nicht zu gehen vermögen ohne eine besondere Aszese, die den Anwärtern für das Priestertum eigen ist und die allgemeinen aszetischen Verpflichtungen aller übrigen Christgläubigen übertrifft.

Wir meinen eine zwar strenge, aber nicht niederdrückende Aszese, die im Zusammenhang mit der bewußten und beharrlichen Übung jener Tugenden stehen soll, durch die sich der Priester von den anderen Menschen unterscheiden muß, nämlich: vollkommene Ganzhingabe — eine notwendige Bedingung für die Nachfolge Christii; Demut und Gehorsam, Zeichen innerer Wahrhaftigkeit und richtig gelenkter Freiheit; Klugheit und Gerechtigkeit, Stärke und Maß-haltung, ohne die ein echt religiöses und beispielhaftes Leben nicht möglich ist; ein ausgeprägtes Verantwortungsbewußtsein; Treue und Redlichkeit in der Führung der Amtspflichten; Harmonie zwischen dem tätigen und beschaulichen Leben; innere Freiheit vom Irdischen und Liebe zur Armut, die der evangelischen Freiheit Kraft und inneren Wert verleiht; mit unausgesetzter Bemühung in schöner Harmonie mit allen anderen natürlichen und übernatürlichen Tugenden errungene Keuschheit; Heiterkeit des Geistes und Sicherheit im Verkehr mit den Menschen, um derentwillen sich der Priesterkandidat dereinst Christus und seinem Reiche weihen will.

Auf diesem Wege wird sich der Priesterkandidat mit der Gnade Gottes zu einer ausgeglichenen, starken und reifen Persönlichkeit entwickeln; seine natürlichen Kräfte werden mit den erworbenen Tugenden im Einklang stehen, und alle Fähigkeiten werden sich wunderbar verbinden im Lichte des Glaubens und in der Einheit mit Christus, der ihn für seinen Dienst und den Dienst für das Heil des Menschengeschlechtes erwählt hat.

71. Aber um größere Sicherheit bezüglich der Eignung eines jungen Mannes für das Priestertum und um Beweise zu erhalten, daß er zu menschlicher und übernatürlicher Reife gelangt ist — „denn in der Seelsorge ist es wegen der äußeren Gefahren noch schwerer, einen vollkommenen Lebenswandel zu führen “ —, muß die Beobachtung des Zölibats von Zeit zu Zeit erprobt werden, bevor sie durch die Priesterweihe fest und endgültig wird.

72. Ist nach Kräften der Erweis erbracht, daß die Reife des Priesterkandidaten genügend gefestigt ist, dann wird er es wirklich vermögen, die schwere und doch sanfte Last der priesterlichen Keuschheit als Ganzhingabe an Christus und seine Kirche auf sich zu nehmen.

So wird der Alumnen, angeregt von der göttlichen Gnade, das Gesetz des Zölibats, das nach dem Willen der Kirche tatsächlich mit der Priesterweihe verbunden ist, mit voller Bewußtheit und innerer Freiheit auf sich nehmen, selbstverständlich nicht ohne den klugen und weisen Rat bewährter Lehrer des geistlichen Lebens, denen es obliegt, die wichtige und freie Wahl nicht als Last aufzuerlegen, sondern bewußter zu machen. Und in dem feierlichen Augenblick, der über sein ganzes künftiges Leben entscheidet, wird der Kandidat dann nicht die Schwere einer von außen auferlegten Last empfinden, sondern vielmehr aus der um die Liebe zu Christus willen getroffenen Wahl große Freude schöpfen.

II. Das Priesterleben

73. Der Priester darf durchaus nicht meinen, die Priesterweihe mache ihm alles leicht und schütze ihn für immer vor jeder Versuchung oder Gefahr. Die Keuschheit erwirbt man nicht ein für allemal, sondern sie ist eine Tugend, die in großer Mühe und täglicher Übung errungen wird. Unsere Zeit unterstreicht stark den positiven Wert der Liebe in ihrer Beziehung zwischen den Geschlechtern, hat aber leider auch die Schwierigkeiten und Gefahren auf diesem Gebiet vervielfältigt. Um das Gut der Keuschheit mit aller Sorgfalt zu hüten und die erhabene Würde dieser Tugend ohne Rückhalt zu bezeugen, muß der Priester seine Situation klar und ruhig erwägen, das heißt er muß wissen, daß er dem geistlichen Kampf gegen die Verlockungen der Begierden in sich selbst und in der Welt ausgesetzt ist; er muß außerdem unablässig den Vorsatz erneuern, mehr und mehr seine unwiderrufliche Selbsthingabe, die ihn zu vollkommener und aufrichtiger Treue verpflichtet, zu verwirklichen.

74. Neue Kraft und neue Freude wird dem Priester daraus erwachsen, daß er täglich in Gebet und Betrachtung die Beweggründe zu seiner Hingabe immer wieder erforscht und Tag für Tag tiefer davon überzeugt ist, daß er den besten Teil erwählt hat. Deshalb wird der Priester demütig und beharrlich um die Gnade der Treue beten, die denen niemals fehlen wird, die sie aufrichtigen Herzens erflehen; gleichzeitig wird er sich der natürlichen und übernatürlichen Mittel bedienen, die ihm zur Verfügung stehen. Vor allem wird er eifrig die aszetischen Anweisungen beachten, die in der Kirche durch Erfahrung anerkannt und die in der heutigen Welt nicht weniger notwendig sind als in vergangener Zeit.

75. Der Priester bemühe sich vor allem mit der ganzen ihm von der göttlichen Gnade geschenkten Liebe um ein inniges Verhältnis zu Christus und um die Ergründung seines unausschöpflichen und beseligenden Mysteriums. Er bemühe sich außerdem, das Mysterium der Kirche immer klarer zu erkennen; losgelöst von diesem, besteht die Gefahr, daß ihm sein priesterliches Leben inhaltlos und sinnlos erscheint.

Nährt sich aber die priesterliche Frömmigkeit an der lauteren Quelle des göttlichen Wortes und der heiligen Eucharistie, lebt sie aus der Feier der Liturgie und stützt sie sich dazu noch auf eine zarte und vertraute Verehrung der heiligsten Jungfrau, der Mutter des Ewigen Hohenpriesters und Königin der Aposteln, dann wird der Priester zu den sprudelnden Quellen eines echten geistlichen Lebens gelangen. Dieses allein ist imstande, der Jungfräulichkeit das stärkste Fundament zu verleihen.

76. Mit der Gnade und dem Frieden im Herzen wird der Priester die Kraft haben, mit Starkmut die vielfältigen Aufgaben seines Lebens und seines Dienstes wahrzunehmen; wenn er sie nur mit Treue und religiösem Eifer angeht, findet er nämlich neue Gelegenheiten, zu bezeugen, daß er ganz Christus und seinem mystischen Leib angehört, um sich und die anderen Menschen zu heiligen. Die Liebe Christi, die ihn drängt, wird ihm helfen, die vorzüglichsten Kräfte seiner Seele nicht in sich zu verbergen, sondern sie im Geist der Ganzhingabe zu veredeln und zu vertiefen, wie der Hohepriester Christus, den die innigste Lebensgemeinschaft mit den Menschen verband, der sie geliebt und für sie gelitten hat, wie auch der Apostel Paulus, der die Sorgen aller mittrug, um in der Welt Zeugnis zu geben von dem Licht und der Kraft der Frohbotschaft von der Gnade Gottes.

77. Mit ängstlicher Sorge auf die Ganzhingabe an Christus bedacht, soll sich der Priester vor Gefühlserregungen hüten, die einen Zustand auslösen, der vom Geist nicht mehr genügend erleuchtet und geleitet wird, und er soll solche wirklich gefährliche Neigungen des Herzens nicht unter dem Vorwand geistlicher und seelsorglicher Verpflichtungen rechtfertigen.

78. Das Priestertum fordert die intensive Pflege einer echten und aufrichtigen Frömmigkeit; aus ihrer Kraft sollen die Diener des Heiligtums im Geiste leben und im Geiste wandeln; es fordert eine wahrhaft mannhafte innere und äußere Aszese, wie sie denen ziemt, die auf besondere Weise Christus dienen und in ihm und um seinetwillen „ihr Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben“; so sollen sie mutig einen harten und langwierigen Kampf auf sich nehmen. Hat er ihn bestanden, dann kann der Diener Christi der Welt klarer die Früchte des Geistes aufweisen, nämlich „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Milde, Treue, Mäßigung, Enthaltsamkeit und Keuschheit.

79. Die Keuschheit des Priesters wird gestärkt, behütet und bewahrt auch durch eine Lebensweise, durch menschliche Beziehungen und Betätigungen, wie sie den Dienern Gottes entsprechen. Darum ist es nötig, jene „innige, sakramentale Brüderlichkeit“ zu pflegen, deren sich alle Priester kraft der heiligen Weihe erfreuen. Unser Herr Jesus hat gelehrt, daß das neue Gebot der Liebe drängt, er hat sie durch sein bewunderungswürdiges Beispiel bezeugt, vor allem als er die Sakramente der hochheiligen Eucharistie und des katholischen Priestertums einsetzte und seinen himmlischen Vater bat, daß die Liebe, mit der der Vater ihn von Ewigkeit geliebt hat, in ihnen sei.

80. Die geistige Verbundenheit unter den Priestern soll also vollkommen sein, und häufiges gemeinsames Gebet, lautere Freundschaft und jederlei gegenseitige Hilfeleistung sollen gepflegt werden. Nie genug kann den Priestern eine gewisse Form des gemeinsamen Lebens empfohlen werden, die das priesterliche Amt stärker mit Frömmigkeit erfüllt; ebenso häufige Zusammenkünfte zu brüderlichem Gedanken und Erfahrungsaustausch und mitbrüderlicher Ermunterung; und schließlich die Förderung von Vereinigungen, die Anregungen zur priesterlichen Heiligung bieten.

81. Die Priester sollen eifrigst die Mahnung des Zweiten Vatikanischen Konzils erwägen, die sie dazu ermuntert, den Gemeinschaftssinn untereinander zu pflegen, damit sie sich voll und ganz für die priesterlichen Mitbrüder verantwortlich fühlen, die von Schwierigkeiten bedrängt werden und deren heiliger Beruf ernstlich gefährdet ist. Sie sollen eine glühende Liebe zu denen hegen, die mehr Liebe als die anderen, mehr Nachsicht, mehr Gebet und mehr verständnisvolle und wirksame Hilfe benötigen und die mit Recht auf die unerschöpfliche Liebe derer bauen, die vor allen anderen im wahrsten Sinne ihre Freunde sind und sein müssen.

82. Schließlich möchten Wir gleichsam zur Ergänzung und Erinnerung dieses brieflichen Gesprächs mit euch, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, und mit euch, Priester und Diener des Altares, anregen, daß sich jeder von euch vornehme, alljährlich am Jahrestag seiner Weihe oder auch alle im Geiste vereint am Gründonnerstag, dem hoch heiligen Tage der Einsetzung des Priestertums, die vertrauensvolle Ganzhingabe an Christus den Herrn zu erneuern, das Bewußtsein der Erwählung zum heiligen Dienst wieder zu wecken, und mit Demut und Starkmut Christus aufs neue das Versprechen beständiger Treue zu seiner unvergleichlichen Liebe und eurer reinsten Hingabe zu geben.

III. Beklagenswerte Untreue

83. Nun aber wendet sich Unser Denken mit väterlicher Liebe, mit großem Bangen und Schmerz jenen unglücklichen, aber stets über alles geliebten Mitbrüdern im Priesteramt zu, die das ihrer Seele eingeprägte heilige Zeichen des Weihesakramentes in sich tragen, und doch so bedauerlich ihren Pflichten, die sie bei der Priesterweihe übernommen haben, untreu geworden sind.

Von ihrem beklagenswerten Zustand und dem daraus erwachsenden öffentlichen und persönlichen Schaden veranlaßt, fragen manche, ob nicht gerade der Zölibat an solchen unglückseligen Vorfällen und Ärgernissen für das Volk Gottes schuld sei. Nein, im Gegenteil, der Zölibat ist nicht schuld daran. In Wirklichkeit liegt die Ursache immer darin, daß die Veranlagung eines Priesterkandidaten nicht immer rechtzeitig zuverlässig und klug beurteilt wurde oder daß die Lebensführung solcher Diener des Heiligtums mit den Verpflichtungen eines Lebens der Ganzhingabe an Gott nicht ganz übereinstimmte.

84. Die Kirche ist in größter Sorge um das traurige Los dieser ihrer Söhne und hält es für ihre Pflicht, alles zu tun, um die Wunden, die ihr durch ihren Abfall zugefügt werden, zu verhüten oder zu heilen. Dem Beispiel Unserer letzten Vorgänger folgend haben Wir angeordnet, daß bei Prozessen bezüglich der Priesterweihe die Untersuchungen auf andere wichtige Fälle und Gründe ausgedehnt werden, die im geltenden Kanonischen Recht nicht vorgesehen sind. Es handelt sich dabei um solche Fälle und Gründe, die zu wirklich ernstem Zweifel berechtigen bezüglich der vollen Freiheit und Verantwortlichkeit der Priesterkandidaten bei der Übernahme ihrer Verpflichtungen und bezüglich ihrer Eignung zum priesterlichen Leben. Das alles geschieht zu dem Zweck, um alle die von ihren Verpflichtungen zu befreien, die in einem gehörigen Prozeß tatsächlich als ungeeignet erklärt worden sind.

85. Diese sogenannten Dispensen, die gegebenenfalls in dieser Hinsicht erteilt werden — es sind in Wirklichkeit nur sehr wenige im Vergleich zu der großen Zahl seelisch gesunder und würdiger Priester —, wollen aus Gerechtigkeit das geistliche Wohl der einzelnen sicherstellen. Zugleich zeigen sie die große Sorge der Kirche um die Weitergeltung des Zölibatsgesetzes und seine unverminderte und treue Beobachtung von seiten aller Diener des Heiligtums.

Wenn die Kirche so handelt, so tut sie es immer mit großem Schmerz, vor allem wenn besonders bedauerliche Fälle vorkommen, wenn nämlich die Weigerung, das sanfte Joch Christi würdig zu tragen, auf eine Glaubenskrise oder auf sittliches Versagen zurückzuführen ist und daher oft wissentlich und für das christliche Volk ärgerniserregend ist.

86. Wenn diese Priester wüßten, wieviel Unruhe, wieviel Schande und wieviel Verwirrung sie der heiligen Kirche Gottes zufügen, wenn sie die Würde und den Vorzug der übernommenen Verpflichtungen bedächten und einsähen, welchen Gefahren sie sich in diesem und im zukünftigen Leben aussetzen, dann würden sie gewiß vorsichtiger und überlegter in ihren Entschlüssen sein, bereiter zum Gebet und gründlicher und tatkräftiger einem derartigen geistlichen und moralischen Versagen vorbeugen.

87. Aber mit ganz besonderer Aufmerksamkeit wendet sich die Mutter Kirche dem Fall zu, daß noch junge Priester zwar mit hoher Begeisterung und großem Eifer dem heiligen Dienst nachgekommen sind, später aber im Gedränge ihrer priesterlichen Aufgaben in eine Art Verzweiflung, Unsicherheit, Leidenschaft und seelischer Verwirrung geraten sind. Deshalb ist die Kirche der Ansicht, daß in einer solchen Situation nichts unversucht bleiben darf, um den wankenden und abgleitenden Mitbruder durch Zureden zur inneren Ruhe, zum Vertrauen, zur Reue und zu seinem ersten freudigen Eifer zurückzuführen. Nur wenn offenkundig geworden ist, daß bei einem Priester auf diese Weise keine Besserung erwartet werden kann, soll der unglückliche Diener Gottes des ihm anvertrauten Amtes enthoben werden.

88. Soweit jemand im Einzelfall für das Priesteramt nicht zurückgewonnen werden kann, aber doch den aufrichtigen und guten Willen zeigt, als Laie ein christliches Leben zu führen, gewährt der Apostolische Stuhl, die Liebe über den Schmerz stellend, nach gewissenhaftester Abwägung aller Umstände und gemeinsamer Beratung mit dem Ordinarius oder dem Ordensobern bisweilen die erbetene Dispens. Dabei werden einige Werke der Frömmigkeit und der Sühne auferlegt, damit in dem unglücklichen und doch immer geliebten Sohn ein heilsames Zeichen des mütterlichen Schmerzes der Kirche und eine lebendige Erinnerung daran verbleibe, daß alle der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen.

89. Dieses strenge und zugleich doch barmherzige Vorgehen, das immer von der Gerechtigkeit und Wahrheit, von höchster Klugheit und Behutsamkeit bestimmt ist, wird ohne Zweifel dazu beitragen, die guten Priester in ihrem Vorsatz zu bestärken, lauter und heilig zu leben; ebenso wird es für die Priesterkandidaten eine Mahnung sein, unter der weisen Führung ihrer Erzieher und Lehrer zum Altar zu schreiten, in vollem Bewußtsein der Verpflichtung, die sie zu übernehmen haben, mit größter Uneigennützigkeit und vom Eifer entflammt, den Anregungen der göttlichen Gnade und dem Willen Christi und seiner Kirche zu gehorchen.

90. Wir wollen schließlich nicht versäumen, Gott mit überaus großer Freude dafür zu danken, daß Wir beobachten können, wie manche von denen, die für einige Zeit untreu geworden sind, sich so eifrig aller geeigneten Hilfsmittel bedient haben — vor allem des demütigen Gebetes, der Übung in der Demut, des zähen geistigen Kampfes und des häufigen Empfanges des Bußsakramentes —, daß sie mit der Gnade des Hohenpriesters auf den rechten Weg zurückgekehrt und zur Freude aller wieder seine vorbildlichen Diener geworden sind.

IV. Geistliche Vaterschaft des Bischofs

91. Damit sich aber Unsere vielgeliebten Priester der übernommenen Pflichten leichter und freudiger annehmen können, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, haben sie das Recht und zugleich die Pflicht, eure tatkräftige und notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn ihr habt sie unter die Alumnen aufgenommen, ihr habt sie für das Priesteramt bestimmt, ihr habt ihnen die Hände aufgelegt, euch sind sie auf das engste verbunden auf Grund der Würde des Priestertums und kraft des Weihesakramentes, an eurer Stelle stehen sie in den ihnen anvertrauten Gemeinden der Gläubigen. Darum sind sie hoch-gesinnt und starkmutig mit euch verbunden, da sie, jeder nach seiner Stellung, eure Pflichten und – Sorgen mit euch teilen. Indem sie den Zölibat erwählten, folgten sie dem seit alten Zeiten wirksamen Beispiel der Bischöfe des Ostens und Westens. Das führt notwendig zu einem weiteren Band zwischen Bischof und Priester, das sich auf Leben und Werk überträgt.

92. Wie Jesus seine zarte Liebe zu seinen Jüngern am deutlichsten zeigte, als er sie zu Dienern seines wahren und des mystischen Leibes machte‘38, so wißt auch ihr, „in denen der Herr Jesus Christus, der Hohepriester, inmitten der Gläubigen gegenwärtig ist „, sehr wohl, daß es eure Pflicht ist, eure vorzügliche Liebe und Sorge den Priestern und den jungen Priesterkandidaten zuzuwenden. Ihr könnt in der Tat diese eure feste Überzeugung niemals besser bekunden, als wenn ihr im Bewußtsein eurer Pflicht und in aufrichtiger und unerschütterlicher Liebe euch eifrig um die Erziehung der Alumnen bemüht und nach Kräften den Priestern helft, ihrer göttlichen Berufung und ihren Verpflichtungen treu zu bleiben.

93. Die menschliche Einsamkeit des Priesters, nicht selten Anlaß zur Entmutigung und Versuchung, soll besonders durch eure brüderliche und freundschaftliche Gegenwart erleichtert werden. Anstatt Vorsteher und Richter seid euren Priestern lieber Lehrer, Väter, Freunde und Brüder, bereit zur Güte, zur Barmherzigkeit, zur Nachsicht, zum Verzeihen und zur Hilfe. Ermutigt überdies die euch anvertrauten Priester zur Freundschaft und zum vollen Vertrauen zu euch, so jedoch, daß das rechtliche Gehorsamsverhältnis dadurch nicht nur nicht aufhört, sondern durch die Hirtenliebe nur noch fester und der Gehorsam selbst williger, aufrichtiger und sicherer wird. Diese dienstbereite Freundschaft und ein kindliches Verhältnis zu euch werden den Priestern ohne Zweifel leicht möglich machen, euch rechtzeitig ihr Herz zu öffnen und ihre Schwierigkeiten zu offenbaren; ermutigt in der Hoffnung, daß ihr immer für sie da sein werdet, werden sie euch gegebenenfalls Verirrungen anvertrauen ohne knechtische Furcht vor der Strafe, sondern — wie es sich Söhnen ziemt —in Erwartung einer väterlichen Mahnung, der Verzeihung und der Hilfe, die sie anregt, mit neuem Vertrauen den begonnenen Weg weiterzugehen.

94. Ihr seid sicherlich überzeugt davon, ehrwürdige Brüder, daß ihr eine dringende und vornehme Aufgabe erfüllt, die unermeßlich vielen Seelen Nutzen bringt, wenn ihr einem Priester die Freude und Begeisterung für seinen Beruf, den inneren Frieden und die Heilszuversicht wiedergebt. Selbst wenn ihr einmal eure Autorität gebrauchen und heilsame Strenge anwenden müßt gegen die wenigen, die eure Güte zurückweisen und durch ihr schlechtes Beispiel dem Volke Gottes schaden, so sorgt doch dafür, daß ihr bei den notwendigen Maßnahmen gegen sie ihre Besserung vor Augen habt. In der Nachfolge des Herrn Jesus, des Hirten und Bischofs eurer Seelen, sollt ihr das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Wie Jesus heilt die Wunden, rettet, was verloren war, sucht mit sorgender Liebe das verlorene Schaf, um es in die wärmende Geborgenheit der Hürde zurückzubringen, und seid wie Christus bis zum äußersten bemüht, den ungetreuen Freund zurückzugewinnen.

95. Wir sind sicher, ehrwürdige Brüder, daß ihr in eurer Hirtensorge nichts unversucht lassen werdet, euren Priestern in weiser Belehrung das Ideal des gottgeweihten Zölibats unablässig vor Augen zu stellen, und daß ihr niemals die Sorge für diejenigen Priester aufgeben werdet, die das Haus Gottes, das auch ihr Vaterhaus ist, verlassen haben; welches auch immer das Ende ihres traurigen Abfalls sein mag: sie bleiben für alle Zeiten eure Söhne.

V. Die Aufgabe der Gläubigen

96. Da aber die Tugend der Priester ein Gut der ganzen Kirche ist, ein besonderer Schatz und eine Zierde, die dem ganzen Volke Gottes als Vorbild dient und zum Besten gereicht, wollen Wir an alle Gläubigen, unsere Söhne und Töchter in Christus, die liebevolle und dringende Ermahnung richten, sich für die Tugend ihrer Brüder verantwortlich zu fühlen, welche die Aufgabe übernommen haben, ihnen als Priester zu dienen, damit sie das Heil erlangen. Alle sollen daher beten; sie sollen bestrebt sein, denen zu helfen, die von Gott zum Priestertum berufen sind; sie sollen ihren Priestern gefällig und in kindlicher Liebe behilflich sein; sie sollen ihnen in verständnisvoller Mitarbeit beistehen, in der Absicht, durch bereitwilliges Aufnehmen ihrer seelsorglichen Bemühungen ihnen Trost zu schenken. Außerdem sollen sie diese ihre Väter in Christus ermutigen, die Schwierigkeiten jeder Art zu überwinden, die ihnen bei der treuen Erfüllung ihrer anvertrauten Aufgaben begegnen, damit sie für alle Menschen das beste Vorbild seien. Alle sollen in lebendigem Glauben und christlicher Liebe den Priestern gegenüber eine tiefe Ehrfurcht und taktvolle Zurückhaltung bekunden, in dem Wissen, daß es sich um Menschen handelt, die ganz Gott und der Kirche geweiht sind.

97. Unsere Aufforderung richtet sich vor allem an jene Laien, die eifriger und inniger als andere Gott suchen und nach einem vollkommenen christlichen Leben inmitten der profanen Welt streben. Durch ihre ehrerbietige und aufrichtige Freundschaft können sie den Priestern eine große Hilfe bedeuten. Die Laien, die trotz ihrer Inanspruchnahme durch die irdischen Geschäfte dieses Lebens sich bemühen, ihrem Taufgelöbnis Genüge zu leisten, können dem Priester manchmal Licht und Kraft geben, damit er im Dienste Christi und der Kirche nicht unter Umständen durch den verkehrten und verwirrenden Weltgeist Schaden leide an der Unversehrtheit seiner göttlichen Berufung. Daraus ergibt sich ohne Zweifel, daß das ganze Volk Gottes den Herrn Jesus selbst ehrt in denen, die seine Stelle vertreten und von denen er sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Er hat ja auch denen reichen Lohn versprochen, die den Boten des Evangeliums irgendwie in Liebe dienen.

Schluß

98. Bevor Wir Unser Schreiben beenden, ermahnen Wir, gedrängt von der Liebe Christi, euch, Unsere ehrwürdigen Brüder, Hirten der

Herde Gottes in allen Teilen der Welt, und euch, geliebte Priester, Unsere Brüder und Söhne, mit neuer Zuversicht und neuer Hoffnung in kindlichem Vertrauen Augen und Herz auf die liebreiche Mutter Jesu Christi und Mutter der Kirche zu richten und ihre mächtige mütterliche Fürbitte für das katholische Priestertum zu erflehen. Sie verehrt ja das Volk Gottes voll Bewunderung als das Urbild und Vorbild der Kirche Christi wegen ihres Glaubens, ihrer Liebe und ihrer vollkommenen Vereinigung mit Christus. Möge darum die jungfräuliche Mutter Maria der Kirche, die ebenfalls als Jungfrau und Mutter gepriesen wird, erflehen, sich beständig in Demut rühmen zu können, daß ihre Priester die erhabene Gnadengabe der Jungfräulichkeit unversehrt bewahren, und zu erleben, wie der Zölibat mehr und mehr blühe und täglich an Wertschätzung gewinne in allen Kreisen der Menschen, so daß von Tag zu Tag die Zahl derer wachse, die dem göttlichen „Lamme folgen, wohin es geht<.

99. So schaut die Kirche im Vertrauen auf Christus voller Hoffnung empor. Wenn sie sich auch wegen des Priestermangels angesichts der religiösen Bedürfnisse aller Völker große Sorge macht, so erwartet sie doch zuversichtlich im Vertrauen auf die unendlichen und geheimnisvollen Quellen der göttlichen Gnade, daß eine vorbildliche religiöse Haltung der Diener des Heiligtums auch die Zahl der Priesterberufe erhöhen wird, „denn bei Gott ist alles möglich „.

In dieser Überzeugung und festen Hoffnung erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, und den euch anvertrauten Priestern und Gläubigen als Unterpfand der göttlichen Gnade und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Fest des h. Johannes des Täufers, dem 24. Juni 1967, im fünften Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PAUL VI.

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Quelle — [ EN  – ES  – FR  – IT  – LA  – PT ]

Papst Franziskus an die Regenten der deutschsprachigen Priesterseminare

Papst an deutschsprachige Regenten: Priesterseminare stärken – Vatican News

GRUSSWORT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE REGENTEN DER
DEUTSCHSPRACHIGEN PRIESTERSEMINARE

Konsistoriensaal
Donnerstag, 8. März 2018

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Liebe Mitbrüder,

ich grüße euch herzlich und bedanke mich für dieses brüderliche Miteinander, das uns auf dem Weg der neuen Evangelisierung dieses Kontinents Europa stärkt. Regens Niehues danke ich für seine freundlichen Worte.

Als Menschen und Priester vertrauen wir auf den Schatz unserer Erfahrungen. Doch zugleich erkennen wir, dass heute neue und unterschiedliche Kulturformen entstehen, die sich nicht an unsere üblichen Modelle anpassen. Manches Gewohnte müssen wir ablegen und uns auf Fremdes einlassen. Aber immer dürfen wir dabei auf Jesus blicken, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. Wir dürfen in seinen Wunden, wie auch in den Wunden dieser Welt die Zeichen der Auferstehung sehen. Diese Gewissheit lässt uns immer wieder aufbrechen als Zeugen der Hoffnung.

Liebe Mitbrüder, Berufungen können wir nicht machen. Aber wir dürfen Zeugen sein für den an uns gerichteten Ruf des barmherzigen Gottes. Er ruft uns, dass wir aus dem „Ich“ herausgehen und uns dem „Du“ zuwenden. Dieses „Du“ ist der konkrete Mensch, der bedürftig ist, der die Nähe der Menschen und die Nähe Gottes braucht. Dafür wollen wir auch die jungen Männer sensibilisieren, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten. Zugleich sind wir stets auch in eine größere Gemeinschaft, die kyriakoí, die zum Herrn Gehörigen, berufen. Diese Gemeinschaft trägt uns, um auf den Ruf Gottes mit ganzem Herzen zu antworten.

Der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, empfehle ich euch und die Priesteramtskandidaten in den Ländern deutscher Sprache an. Zugleich bitte ich euch, auch für mich zu beten. Von Herzen erteile ich euch und euren Seminargemeinschaften den Apostolischen Segen.

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Quelle

 

Papstansprache vor Priestern und Ordensleuten

Papst Franziskus beim Gebetratreffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen

Ansprache von Papst Franziskus
beim Gebet mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen.
(rv)

Seligkeiten,
liebe Brüder und Schwestern,
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen uns über ihn freuen. Christus hat den Tod für immer besiegt, wir wollen uns über ihn freuen!“ (vgl.Ps 118,24).

Ich freue mich, bei euch an diesem Ort zu sein, an dem die Priester ausgebildet werden und der das Herz der katholischen Kirche in Ägypten bildet. Ich freue mich, in euch, den Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen der kleinen katholischen Herde in Ägypten, den „Sauerteig“ zu grüßen, den Gott für dieses gesegnete Land bereitet, damit in ihm – in Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern – sein Reich wachse (vgl. Mt 13,13).

Ich möchte euch vor allem für euer Zeugnis und für all das Gute danken, das ihr jeden Tag mit eurer Tätigkeit inmitten vieler Herausforderungen und oft unter geringem Trost vollbringt. Ich möchte euch auch ermutigen! Habt keine Angst vor der Last des Alltags, vor der Last der schwierigen Umstände, die einige von euch ertragen müssen. Wir verehren das heilige Kreuz, Werkzeug und Zeichen unserer Erlösung. Wer vor dem Kreuz wegläuft, läuft vor der Auferstehung weg.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32).

So geht es darum, zu glauben, die Wahrheit zu bezeugen, auszusäen und zu pflegen, ohne auf die Ernte zu spekulieren. Wir sammeln nämlich die Früchte einer Reihe von anderen Gottgeweihten und Laien, die großmütig im Weinberg des Herrn gearbeitet haben: Eure Geschichte ist voll davon!

Und inmitten vieler Gründe zur Entmutigung, inmitten vieler Propheten der Zerstörung und der Verdammung, inmitten vieler negativer und verzweifelter Stimmen sollt ihr eine positive Kraft, sollt ihr Licht und Salz dieser Gesellschaft sein; seid ihr die Lokomotive, die einen Zug vorwärts zieht, geradeaus, dem Ziel entgegen; seid ihr Aussäer der Hoffnung, Brückenbauer und Arbeiter des Dialogs und der Eintracht.

Dies ist möglich, wenn die Gottgeweihten den Versuchungen, denen sie tagtäglich auf ihrem Weg begegnen, nicht nachgeben. Ich will einige unter den bedeutsamsten hervorheben.

1. Die Versuchung, sich mitreißen zu lassen und nicht zu führen. Der Gute Hirt hat die Pflicht, die Herde zu leiten (vgl. Joh 10,3-4), sie auf die saftige Weide und zu den Wasserquellen zu führen (vgl. Ps 23). Er darf sich nicht von der Enttäuschung und vom Pessimismus mitreißen lassen: „Was kann ich schon tun?“ Er ist immer voller Entschlossenheit und Tatkraft, wie eine Quelle, die sprudelt, selbst wenn sie ausgetrocknet ist; er besitzt immer die Herzlichkeit zu trösten, selbst wenn sein Herz niedergeschlagen ist; er ist ein Vater, wenn ihn seine Kinder dankbar behandeln, aber vor allem auch, wenn sie ihm keine Anerkennung erweisen (vgl. Lk 15,11-32). Unsere Treue dem Herrn gegenüber darf nie von menschlicher Dankbarkeit abhängen. „Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6,4.6.18).

2. Die Versuchung, sich immerfort zu beklagen. Es ist leicht, stets die anderen anzuklagen – wegen der Versäumnisse der Vorgesetzten, wegen der kirchlichen und gesellschaftlichen Zustände, wegen des Mangels an Möglichkeiten… Die Gottgeweihten aber sind jene, die mit der Salbung des Heiligen Geistes jedes Hindernis in eine Gelegenheit verwandeln und nicht jede Schwierigkeit in eine Entschuldigung! Wer sich ständig beklagt, ist in Wirklichkeit einer, der nicht arbeiten will. Daher wandte sich der Herr an die Hirten mit den Worten: „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark“ (Hebr 12,12; vgl. Jes 35,3).

3. Die Versuchung der Geschwätzigkeit und des Neids. Die Gefahr ist ernst, wenn sich die Gottgeweihten vom Neid beherrschen lassen und zu solchen werden, die die anderen mit Geschwätz verletzen, anstatt den Kleinen behilflich zu sein zu wachsen und sich über die Erfolge der Brüder und Schwestern zu freuen. Wenn sie anfangen, jene zu niederzumachen, die gerade wachsen, anstatt sich selbst um das Wachstum zu bemühen; anstatt den guten Beispielen zu folgen, verurteilen sie diese und bringen ihnen Geringschätzung entgegen. Der Neid ist ein Krebsgeschwür, der in kurzer Zeit jeden Körper zerstört: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben“ (Mk 3,24-25). In der Tat, „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2,24). Und das Geschwätz ist dabei das Mittel und die Waffe.

4. Die Versuchung, sich mit den anderen zu vergleichen. Der Reichtum besteht in der Verschiedenheit und der Einzigartigkeit eines jeden von uns. Das Vergleichen mit jenen, denen es besser geht, führt uns oft dazu, in Groll zu verfallen; das Vergleichen mit jenen, denen es schlechter geht, führt uns oft dazu, in Hochmut und Faulheit zu verfallen. Wer dazu neigt, sich immer mit den anderen zu vergleichen, lähmt sich am Ende selbst. Lernen wir vom heiligen Petrus und vom heiligen Paulus, die Verschiedenheit der Charaktere, der Charismen und der Meinungen im Hinhören und in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zu leben.

5. Die Versuchung des „Pharaonismus“, das heißt das Herz zu verhärten und sich gegenüber dem Herrn sowie den Brüdern und Schwestern zu verschließen. Es ist die Versuchung zu denken, über den anderen zu stehen und sie sich so aus Geltungsbedürfnis unterzuordnen; die Überheblichkeit zu besitzen, sich bedienen zu lassen, statt zu dienen. Von Anfang an ist das eine allgemeine Versuchung unter den Jüngern, die – so sagt es das Evangelium – „auf dem Weg miteinander darüber gesprochen hatten, wer der Größte sei“ (Mk 9,34). Das Gegenmittel für dieses Gift ist: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35).

6. Die Versuchung des Individualismus. Wie ein bekanntes ägyptisches Sprichwort sagt: „Ich, und nach mir die Sintflut“. Es ist die Versuchung der Egoisten, die auf dem Weg ihr Ziel verlieren und anstelle der anderen an sich selbst denken und dabei keinerlei Scham empfinden, ja vielmehr sich selbst rechtfertigen. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, der Leib Christi, in dem die Rettung eines Gliedes mit der Heiligkeit aller verknüpft ist (vgl. 1 Kor 12,12-27; Lumen gentium, 7). Der Individualist hingegen gibt Grund zum Ärgernis und zum Konflikt.

7. Die Versuchung, ohne Kompass und ohne Ziel zu laufen. Die Gottgeweihten verlieren ihre Identität und beginnen „weder Fisch, noch Fleisch“ zu sein. Sie leben mit einem zwischen Gott und der Weltlichkeit geteiltem Herzen. Sie vergessen ihre erste Liebe (vgl. Offb 2,4). Ohne eine klare und feste Identität zu haben, laufen diese Gottgeweihten in Wirklichkeit ohne Orientierung und zerstreuen die anderen, anstatt sie zu führen. Eure Identität als Söhne und Töchter der Kirche ist jene, Kopten zu sein – das heißt, in euren ehrwürdigen und alten Wurzeln verankert zu sein – und Katholiken zu sein – das heißt, Teil der einen und universalen Kirche zu sein: wie ein Baum – je tiefer er in der Erde verwurzelt ist, desto höher ragt er in den Himmel!

 

Liebe Gottgeweihte, diesen Versuchungen zu widerstehen, ist nicht einfach, aber es ist möglich, wenn wir in Jesus eingepfropft sind: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Je mehr wir in Christus verwurzelt sind, desto lebendiger und fruchtbarer sind wir! Nur so können die Gottgeweihten das Wunder, die Leidenschaft der ersten Begegnung bewahren, die Attraktivität und die Dankbarkeit in ihrem Leben mit Gott und in ihrer Mission. Von der Qualität unseres geistlichen Lebens hängt jene unserer Weihe ab.

Ägypten hat die Kirche mit dem unvergleichlichen Schatz des monastischen Lebens bereichert. Ich ermahne euch deshalb, euch ein Beispiel am heiligen Eremiten Paulus zu nehmen, am heiligen Antonius, an den heiligen Wüstenvätern, den zahlreichen Mönchen, die mit ihrem Leben und ihrem Beispiel die Tore des Himmels für viele Brüder und Schwestern geöffnet haben; und so könnt auch ihr Licht und Salz sein, das heißt Ursache des Heiles für euch selbst und für alle anderen, gläubig und nichtgläubig, insbesondere für die Geringsten, die Notleidenden, die Verlassenen und die Ausgegrenzten.

Die Heilige Familie beschütze und segne euch alle, euer Land und alle seine Bewohner. Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich einem jeden von euch alles Gute und durch euch grüße ich alle Gläubigen, die Gott eurer Sorge anvertraut hat. Der Herr gewähre euch die Früchte seines Heiligen Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22-23).

Ihr werdet in meinem Herzen und in meinem Gebet immer gegenwärtig sein. Nur Mut und weiter mit dem Heiligen Geist! „Dies ist der Tag den der Herr gemacht hat, wir wollen uns an ihm freuen“ (Ps 118,24) Und vergesst bitte nicht, für mich zu beten!

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Priesterausbildung: Das persönliche Zeugnis des Einzelnen

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Priesterweihe im Petersdom 2015

Die Priesterausbildung ist in der Krise: es gibt so wenige Kandidaten wie nie zuvor in Deutschland, weswegen sich die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in der kommenden Woche dieses Themas an einem Studientag annehmen wollen. Die Tagung findet statt, nachdem der Vatikan im Dezember eine neue Rahmenordnung für die Ausbildung vorgelegt hatte, sie müsse „belebt, erneuert und neu zentriert“ werden, sagte damals Kardinal Beniamino Stella, der Leiter der Kleruskongregation, die für die Ausbildung zuständig ist.

In der Öffentlichkeit angekommen ist aber vor allem die erneuerte Aussage, dass Männer, die „tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben“ oder eine sogenannte ‚homosexuelle Kultur’ unterstützen, nicht Priester werden können.

Was diese Rahmenordnung genau für den deutschsprachigen Raum bedeutet, darüber hat Radio Vatikan mit dem Bischof von Münster, Felix Genn, gesprochen. Er ist für das Thema Priesterausbildung in der deutschen Bischofskonferenz verantwortlich.

 

RV: Der Vatikan hat eine neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung vorgelegt. Was ist aus Ihrer Sicht das positive Neue an diesen Vorgaben?

Genn: Das eine ist: Dieses Dokument hatte einen Vorlauf, die Bischofskonferenzen wurden nach ihrer Meinung zu dem Entwurf gefragt und wir wurden gehört und konnten unsere Bedenken einbringen, so dass das Dokument, so wie es nun vorliegt, wirklich auch en Zeichen dafür ist, dass die Kongregation und die Kurie das Gespräch mit den Bischöfen vor Ort gesucht hat. Dafür sind wir außerordentlich dankbar.

Zweitens: Das Dokument ist gut und greift noch mal alle Verlautbarungen  des Lehramtes und des apostolischen Stuhles auf, die seit der Rahmenordnung von 1970, die bisher galt und jetzt aufgehoben ist, für die Priesterausbildung formuliert wurden. Das heißt: Wir haben hier einen Text und ein Dokument, in dem das, was sich in den letzten vierzig Jahren nach dem Konzil ereignet hat, aufgenommen ist und zudem bringt diese Dokument auch Aussagen, die eindeutig dem Geist von Papst Franziskus und seiner Vorstellung vom priesterlichen Hirtendienst entsprechen.

RV: Erziehung zur Innerlichkeit und zur Gemeinschaft: Der Priester braucht eine solide Bildung und innere Reife. Nicht eine bloße Verkleidung tugendhaften Verhaltens. Er muss mit großer innerer Freiheit handeln können. Ist das ein neuer Ton in einem Dokument zur Priesterausbildung?

Genn: Ob das ein neuer Ton ist, weiß ich nicht zu sagen. Ich kann sagen, dass immer schon – ich habe schließlich 21 Jahre in der Priesterausbildung gearbeitet – auch auf diese Formulierungen und diesen Akzent wert gelegt wurde. Aber freilich ist es von Bedeutung, dass die ratio fundamentalis, so wie sie jetzt vorliegt, also die Rahmenordnung, die Dimensionen von menschlicher Reifung und geistlicher Bildung, theologischer, intellektueller Bildung und pastoraler Befähigung aufgreift. Diese beiden Pole menschliche und geistliche Reifung waren bisher in den Dokumenten, auch in unserer deutschen Rahmenordnung, zusammengefügt. Jetzt sind sie auseinander genommen. Das bedeutet, die Rahmenordnung, so wie sie uns jetzt vorliegt, legt größten Wert darauf, dass die menschliche Bildung gefördert wird, so dass wirklich reife Persönlichkeiten als Priester genommen werden. Und das ist sicherlich eine Akzentuierung, die nicht klein zu schreiben ist.

RV: Bei der Priesterausbildung muss der Frage nach dem Schutz Minderjähriger „größte Aufmerksamkeit“ geschenkt werden. Es muss Sensibilisierung für Fragen von Gewalt und Ausbeutung von Minderjährigen stattfinden. Gibt das Dokument da neue Vorgaben, die in Deutschland nicht schon berücksichtigt würden?

Genn: Nein, das gibt es nicht. Wir berücksichtigen das in Deutschland, aber es ist gut zu wissen, wenn wir in unserer Priesterausbildung dieses römische Dokument im Rücken haben, so dass wir in der Linie, die wir jetzt angegangen sind, fortfahren können.

RV: Viele Priesteramtskandidaten in europäischen Ländern sind heute sogenannte Spätberufene, ihnen widmet das Dokument eine Passage. Die Ortskirche solle prüfen, ob eine Altersgrenze sinnvoll ist. Ist sie das?

Genn: Da muss man drüber diskutieren. Ich war ja Regens eines Spätberufenenseminars und kann sagen, man muss da von Fall zu Fall entscheiden. Es ist gut, dass das Dokument überhaupt diese Gruppe in den Blick nimmt. Aber wir werden bei der Umsetzung dieses Grundsatzpapiers in unsere deutsche Rahmenordnung genau zuschauen müssen, wie wir mit solchen Spätberufenen in eine gute Formation zum Priestertum hinein begeben. Es wird nämlich Kandidaten geben, die haben ihr Theologiestudium abgeschlossen oder stecken mitten drin. Und die können gar nicht den Weg so gehen, wie das Dokument ihn idealtypisch vorsieht. Deswegen wird man im konkreten Fall genau schauen müssen, wie wir die geistlichen und menschlichen Elemente gut verbinden. Da liegen noch Aufgaben, wo das Grundsatzdokument noch mal mit den deutschen Verhältnissen abgeglichen werden muss.

RV: Homosexuelle Männer, die „tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte ‚homosexuelle Kultur’ unterstützen“ können nicht ins Seminar oder zu den Weihen zugelassen werden. Das ist nicht neu. Wie sind die Verantwortlichen in der Priesterausbildung bisher mit dieser Weisung umgegangen?

Genn: In Deutschland haben wir großen Wert darauf gelegt, genau diese beiden Aspekte in den Kontext der evangelischen Räte des Gehorsams und der Armut zu stellen. Das war vor dem Konzil noch gar nicht in dieser Weise der Fall. Da hat man nur den Zölibat gesehen. Aber jetzt spricht das Dokument ganz ausdrücklich aus, dass die Berufung zum Priestertum, die als Geschenk angesehen wird, eingefügt ist in die subjektive Form, mit der diese objektive Gestalt gefüllt werden soll, nämlich die Gestalt und Form der evangelischen Räte. Und das ist hervorragend.

RV: Das Nein zu homosexuellen Priesteramtskandidaten ist nicht neu, schürt aber jedes Mal, wenn es wieder vorgelegt wird, aufs Neue Unbehagen, denn damit ist ausgesagt, homosexuelle Männer sind ungeeignet als Priester. Warum ist das so aus katholischer Sicht?

Genn: Hier sehen Sie die Herausforderungen durch die gesellschaftlichen Umstände und die moderne  Kultur und Zivilisation, die ja in vielen Fällen auch durchaus als sexualisiert bezeichnet werden muss. Und dass darauf wertgelegt wird, zeigt das Dokument will Priesterausbildung in den Kontext des Heute stellen. Und das halte ich für sehr, sehr gut, auch wenn das manche Herausforderung beinhaltet.

Freilich, das muss man hinzufügen, wird diese Erziehung auf die Lebensform hin nicht gehen ohne die Leitworte, die sonst in dem Dokument die Linie bestimmt, nämlich: Jüngerberufung und Gleichgestaltung mit Christus. Und das ist eine Lebensaufgabe, die in der Ausbildung begonnen wird, bei der man auch schon mal bestimmte Etappen überprüfen kann. Denn ohne die Beziehung zu Christus ist Zölibat nicht zu leben.

RV: Nicht wenige katholische Gläubige, weit über die Gruppe der Homosexuellen hinaus, empfinden das als ungerechtfertigte Diskriminierung. Was sagen Sie ihnen?

Genn: Es ist ja bezeichnend, dass nach der Publikation der ratio fundamentalis die Presseorgane sich wesentlich auf diese neuralgischen Punkte und hier natürlich besonders auf den Punkt Homosexualität gestürzt haben. Da sind auch viele Aussagen gemacht worden, die man sehr kritisch bedenken muss und die dem Text und dem Anliegen, um das es geht, nicht gerecht werden.

Deswegen ist es wichtig, dass hier gut geprüft wird, weiter auf der Linie zu bleiben, die die Verantwortlichen in der Priesterausbildung, soweit ich das überschauen kann, bisher wahrgenommen haben. Es ist auch eine Frage der Reifung des Einzelnen und hier muss man von Person zu Person – das sind ja keine Massen  – schauen, wie damit umgegangen wird. Mehr möchte ich dazu jetzt eigentlich gar nicht sagen, weil es immer um das persönliche Zeugnis des einzelnen geht.

RV: Die katholische Weltkirche entwickelt sich ja fortwährend weiter, in den verschiedenen Teilen der Welt auf unterschiedliche Weise, da gibt es Vielfalt in Einheit, es gibt auch theologische Entwicklungen. Wenn es jemals zu einer eine Neubewertung von Homosexualität in der Kirche und in der Folge auch im priesterlichen Dienst kommt, Auf welcher Seite müsste diese Neubewertung ansetzen?

Genn: Für die Priesterausbildung ist es wichtig, was das kirchliche Lehramt in dieser Frage sagt und das ist zunächst einmal maßgebend. Denn es handelt sich hier ja um einen Beruf, der priesterliche Dienst gehört zur Ämterstruktur der Kirche. Deswegen kann hier nicht irgendwie subjektiv von einzelnen theologischen Meinungen her geurteilt werden, sondern es muss geschaut werden, dass man dem, was die Kirche fordert – und das ist in diesem Dokument grundgelegt – auch Folge leistet.

Wie eine Neubewertung dieses Phänomens zu sehen ist, ist zunächst einmal auch eine Frage der theologischen Auseinandersetzungen und die besteht ja, aber da gibt es noch keinen Konsens.

RV: Bei der Ausbildung von Priestern sollen in Zukunft mehr Frauen lehrend tätig werden. In diesem Punkt greift das Dokument einen vielfach geäußerten Wunsch auf. Wie steht es eigentlich damit heute in den Seminaren im deutschen Sprachraum?

Genn: Das kann ich jetzt nicht so überschauen. Ich kann sagen, dass es bei uns und auch in Essen und soweit ich weiß auch in anderen Seminaren der Fall ist, das muss auch verstärkt werden. Das ist eine ganz große Hilfe.

RV: Warum ist es vernünftig, mehr Frauen in die Priesterausbildung zu bringen?

Genn: Es gibt eben zwei Geschlechter: Männer und Frauen. Und die sind nachher in der Gemeinde auch diejenigen, mit denen man arbeiten muss. Es wäre doch falsch, wenn man jetzt nur von Männern ausgebildet wäre, vor allem wo Frauen auch in den pastoralen Berufen viel Engagement in die Kirche einbringen.

RV: Besonders bei der Frage nach der Eignung sollen ausdrücklich auch Frauen gefragt werden. Warum?

Genn: Ich halte das für sinnvoll, gerade auch weil Frauen noch eine eigene Sensibilität und einen eigenen Blick haben. Also wir machen das. Ich habe jetzt diese Woche noch einen Kandidaten geprüft und da wurde mir das Dokument aus einer Pfarrgemeinde von einer Pfarreiratsvorsitzenden vorgelegt. Das war ausgezeichnet.

RV: Der Papst hat ja oft gesagt, was er unter einem guten Priester versteht, das soll kein Manager sein, sondern ein Hirte, und vieles mehr. Das Dokument stammt aus der Kleruskongregation, die erst seit 2013 für die Ausbildung von Priestern zuständig ist, zuvor war das an der Bildungskongregation angesiedelt. Inwiefern trägt das Dokument die Handschrift von Papst Franziskus?

Genn: Zunächst einmal sehen wir das konkret, wenn Sie Anmerkungen sehen und die Zitate. Da kann man das ganz konkret deutlich werden lassen.

Zweitens: Er möchte, dass wir Priester haben, die durchaus einen ganz tiefen pastoralen Geist in sich tragen. Das heißt, die nicht für sich Priester werden, sondern für die Gemeinde. Die auch geprägt sind davon nicht einfach ihre Macht – sei es jetzt in Sachen des Geldes, sei es in Sachen ihrer Macht, also ihres Befehlens – zum Ausdruck bringen, sondern Dienende sind. Und das muss man lernen. Man muss das lernen, vor allem, so lange der priesterliche Beruf auch eine gesellschaftliche Stellung, die ihn etwas heraushebt, bedeutet hat. Das ist auch ein geistlicher Prozess, auf den sehr geachtet werden muss.

RV: Fehlt Ihnen etwas an dem Dokument?

Genn: Ich würde kritisch erstens sagen: Wir hätten uns eine bessere Kommunikation zur Publikation gewünscht. Wir haben das relativ spät erfahren. Das habe ich aber auch gegenüber dem Präfekten schon geäußert. Da kann man noch nachbessern.

Zweitens werden wir im Einzelnen natürlich schauen müssen, wie wir vor allem diese gesamten Anliegen der menschlichen, geistlichen und pastoralen Ausbildung und Bildung zusammenbinden mit der intellektuellen und theologischen Bildung.

Hier werden wir angesichts unserer bestimmten deutschen Verhältnisse des Zusammenspiels von Seminaren und theologischen Fakultäten, die zu einem größten Teil an staatlichen Universitäten sind nachbessern müssen. Und das Ganze ist ja auch noch mal verbunden mit dem Bologna-Prozess. Da kommen die Dinge noch nicht so gut ineinander, da besteht noch harte Arbeit, aber ich muss auch hier hinzufügen, dass Kardinal Stella als der verantwortliche Präfekt in einem Gespräch mit uns deutschen Bischöfen klar gesagt hat: ‚Da müssen Sie dann schauen, wie Sie das auf Ihre deutschen Verhältnisse übertragen’ Und dazu gibt es Freiraum.

(rv 05.03.2017 gs)