Vatikan: Welche Aufgaben hat Kardinal Burke bei Gericht?

Die drei Kirchengerichte der Weltkirche sind im Palazzo della Cancelleria untergebracht

Die Berufung von Kardinal Raymond L. Burke an die Apostolische Signatur hat die Frage aufgeworfen, worin die Arbeit der Mitglieder dieses höchsten Kirchengerichts besteht. Der US-amerikanische Kardinal, dem auch Kritiker hohe Kompetenz im Kirchenrecht bescheinigen, hatte bis 2014 als Präfekt der Signatur gewirkt, ehe Papst Franziskus ihn zum Kardinalpatron des Malteserordens bestimmte. Nun holte Franziskus den Kardinal zurück an das Gericht, allerdings nicht als Leiter, sondern als Mitglied. Burke gilt als traditionsverbunden. Zusammen mit drei weiteren Kardinälen hatte er dem Papst in einem Brief seine Zweifel – „dubia“ – über den von Franziskus eingeschlagenen Kurs in moraltheologischen Fragen unterbreitet; Franziskus hat dieses Schreiben der vier Kardinäle nicht beantwortet.

Die Apostolische Signatur steht an der Spitze der Gerichtsbarkeit in der katholischen Weltkirche. Die Mitglieder – etwa 18 an der Zahl – sind zugleich Richter. Franziskus ernannte zusammen mit Burke noch vier weitere neue Mitglieder des Gerichts.

Geleitet wird die Apostolische Signatur vom Präfekten, der jeweils ein Kardinal ist und das ganze Jahr über anwesend sein muss. Anders die Mitglieder: Sie sind Kardinäle oder Bischöfe aus der ganzen Weltkirche, die drei- bis viermal pro Jahr zu Richterkollegien am Sitz des Tribunals in Rom zusammenkommen und dabei gemeinsam Urteile fällen. Außerdem treffen sich alle Angehörigen der Signatur zur Vollversammlung, wenn Grundsatzfragen zur kirchlichen Rechtspflege auf Weltebene zu klären sind. Dies ist nicht oft der Fall: Die letzte Vollversammlung an der Signatur war im Februar 2011 und erörterte die Rolle des Ehebandverteidigers im Ehenichtigkeitsprozess.

Wie arbeiten die Richter der Signatur?

Die Richter der Signatur erhalten die Akten der einzelnen Fälle nach Hause zugestellt, wo sie sie studieren und sich ihre Meinung bilden. Das Urteil fällen die Richter gemeinsam im Kollegium, normalerweise zu fünft. Die verhandelten Streitsachen betreffen beispielsweise Nichtigkeitsbeschwerden gegen Urteile oder endgültige Dekrete der Römischen Rota, des päpstlichen Berufungsgerichts für die gesamte Weltkirche. Darüber hinaus fungiert die Signatur als Verwaltungsgerichtshof, die Richter entscheiden also über Beschwerden gegen Verwaltungsakte im Bereich des Heiligen Stuhls. Ebenfalls zuständig ist die Signatur für die Errichtung und Aufhebung von Kirchengerichten.

Nicht befasst ist die Signatur mit Einzelverfahren zur Ehenichtigkeit. Die Frage nach dem Umgang mit Gläubigen, die nach gescheiterten, aber gültigen katholischen Ehen ein zweites Mal zivil heiraten, berührt einen sensiblen Punkt in der katholischen Kirche. Papst Franziskus hatte in seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ die Möglichkeit eröffnet, solche Menschen im Einzelfall nach einer gewissenhaften Prüfung wieder zum Empfang der Kommunion zuzulassen. Konservative Kräfte, unter ihnen Kardinal Burke, verwerfen eine solche Möglichkeit mit Verweis auf die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe. Unbenommen bleibt aber die Möglichkeit, die Gültigkeit der Ehe zu prüfen.

Verfahren zur Ehenichtigkeit sind Aufgabe der Rota, nicht der Signatur

Wenn eine sakramental geschlossene katholische Ehe scheitert, haben die Partner ein Anrecht darauf, die Gültigkeit ihrer Ehe gerichtlich prüfen zu lassen. Sollte sich dabei herausstellen, dass die Ehe von Anfang an nicht gültig zustande kam, gilt sie als nichtig, das heißt, sie hat nach katholischer Auffassung vor Gott nie bestanden. In einem solchen Fall können der Mann und die Frau mit anderen Partnern eine neue kirchliche Ehe eingehen und sind in einer regulären Situation.

Anders verhält es sich mit katholischen Gläubigen, deren erste Ehe scheitert und zivil geschieden wird, kirchlich aber gültig ist. Eine zweite Heirat kann dann nur standesamtlich erfolgen und gilt nicht vor der Kirche. Dieser Gruppe von Gläubigen, den sogenannten „wiederverheirateten Geschiedenen“, galt ein beträchtlicher Teil der Arbeit bei den beiden Familien-Bischofssynoden. Die Ergebnisse dieser weltkirchlichen Beratungen flossen in das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ ein.

Ehenichtigkeitsprozesse beginnen am jeweils zuständigen diözesanen oder interdiözesanen Gericht. Gegen das dort gefällte Urteil können die Eheleute Berufung einlegen, und zwar am örtlichen Berufungsgericht oder an der Römischen Rota. Sollte das zweite Urteil nicht gleichlautend mit dem ersten sein, besteht noch die Möglichkeit der Berufung an der Römischen Rota, die dann in dritter Instanz entscheidet.

(rv 05.10.2017 gs)

Ehepastoral: Priester sollen Diener des Friedens und des Trostes sein

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Papst Franziskus, Audienz Seminar „Rota Romana“, 25. Februar 2017

Papstansprache an die Teilnehmer eines Weiterbildungsseminars
der „Römischen Rota“

‪„‪‪‪Ihr seid berufen Wegbegleiter jeder Person und jeder Situation zu sein, um Zeugnis zu geben und zu unterstützen“, sowie ‪„Diener des Friedens und des Trostes“. Dies hat Papst Franziskus am Samstag gegenüber den Teilnehmern eines von der „Römischen Rota“ für Pfarrer der ganzen Welt organisierten Weiterbildungsseminars betont.

Thema des am Mittwoch im ‪„Palazzo della Cancelleria“ im römischen Stadtzentrum begonnenen Seminars waren die von Franziskus mit den beiden Motu proprio „Mitis Iudex“ und „Misericors Jesus“ eingeführten Vereinfachungen im Verfahren für eine Nichtigkeitserklärung einer kirchlich geschlossenen Ehe.

Franziskus rief die Pfarrer insbesondere auf, den nicht kirchlich verheirateten und zusammenlebenden jungen Paaren nahe zu sein, weil „‪‪‪in geistlicher und moralischer Hinsicht  ‪gehören sie ‪‪‪zu den Armen und Kleinen“. Pfarrer und Priester sollen diese Paare mit einem ‪„‪‪‪Blick der Zärtlichkeit und des Mitgefühls“ betrachten, denn auch sie seien ‪„vom Herzen Christi geliebt“.

Die Sorge um die Geringsten, genau weil sie direkt aus dem Evangelium komme, sei deshalb ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit zur Förderung und Verteidigung des Ehesakraments, unterstrich Franziskus.

Der Papst erinnerte daran, dass die Pfarrer nicht nur in den meisten Fällen ‪„die ersten Ansprechpartner“ für junge Leute seien, die eine neue Familie gründen und mit dem Ehesakrament heiraten wollen, sondern auch für jene Eheleute, die in Krise sind und den Glauben neu beleben und die Gnade des Sakraments wiederentdecken müssen.

Statt ‪als „‪‪‪Experten für bürokratische Abläufe oder Rechtsnormen“ sollen Pfarrer und Priester auf Eheleute in Krise als ‪„‪‪‪Brüder“ und „mit einer Haltung des Hörens und Verstehens“ eingehen.

‪‪„‪‪‪Niemand kennt besser als ihr und ist in Kontakt mit der Realität des sozialen Gewebes auf dem Gebiet und erfährt deren vielfältige Komplexität: in Christus geschlossenen Ehen, nichtehelichen Lebensgemeinschaften, zivilrechtlichen Partnerschaften, gescheiterten Ehen, glücklichen und unglücklichen Familien und Jugendlichen“, betonte der Papst.

Deswegen solle es die Sorge eines Pfarrers sein, die Gnade des Ehesakraments zu bezeugen und  auch das grundlegende Wohl der Familie, lebendige Zelle der Kirche und der Gesellschaft, durch die Verkündigung, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau Zeichen der ehelichen Verbindung zwischen Christus und seiner Kirche ist.

Die Ehe sei ‪„‪‪‪Ikone Gottes, von ihm für uns geschaffen, die vollkommene Kommunion der drei Personen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, erinnerte Franziskus, der für ‪„ein wahres Katechumenat für das Ehesakrament“ plädierte. Wieviele Jugendliche, die an den Ehevorbereitungskursen teilnehmen, hätten wirklich die Bedeutung der christlichen Ehe verstanden, so fragte er.

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Quelle

Papst über Ehevorbereitung: „Neues Katechumenat“

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Feierliche Eröffnung des Gerichtsjahres: Papst und Vatikan-Richter der Rota Romana

Der Papst wünscht sich eine bessere und systematischere Begleitung von Eheleuten. In einer Rede an Richter des zweithöchsten Vatikangerichtshofes, der „Rota Romana“, sprach sich Franziskus an diesem Samstag im Vatikan dafür aus, die Ehevorbereitung in Form eines „neuen Katechumenats“ fester in das Ehesakrament einzubinden. Zudem müsse man die Paare auch nach der Hochzeit pastoral besser unterstützen. Die „Rota Romana“ ist unter anderem mit Ehenichtigkeitsverfahren befasst.

Paare, die sich für die katholische Ehe entschieden hätten, lebten oft in ganz unterschiedlichen Glaubenssituationen, hielt Papst Franziskus in seiner Rede fest: „Einige nehmen aktiv am Gemeindeleben teil, andere nähern sich ihm zum ersten Mal, einige haben ein intensives Gebetsleben, andere wiederum sind durch ein allgemeines religiöses Empfinden geleitet, und manchmal hat man es mit glaubensfernen oder glaubenslosen Menschen zu tun.“

Auch für die Ehe gelte: Je mehr sich der Mensch vom Glauben entferne, desto größer sei die Gefahr des Irrtums, so Franziskus mit Verweis auf Ausführungen des heiligen Johannes Paul II. zum Thema. Glaubensferne führe zu einem „tiefen Ungleichgewicht in allen menschlichen Beziehungen, inklusive der Ehe“, zitierte er weiter Papst Benedikt XVI.

„Neues Katechumenat“ für Paare in Ehe-Vorbereitung 

Eine gute Ehevorbereitung sei vor diesem Hintergrund das geeignete Mittel, um die Bedeutung und Tiefe des Sakramentes zu garantieren und neu zu entdecken, so Franziskus. Paare, die sich auf das Ehesakrament vorbereiten, sollten hierbei, vergleichbar mit dem Katechumenat beim Taufsakrament, innerhalb der sakramentalen Ordnung einen eigenen Stand erhalten, plädierte er: „In diesem Geiste möchte ich hier die Notwendigkeit eines ,neuen Katechumenates‘ in Vorbereitung auf die Ehe unterstreichen.“ Vorstöße in diese Richtung habe es im nachsynodalen Schreiben Johannes Paul II. von 1981 und auf der letzten Synode zu Ehe und Familie im Vatikan gegeben, referierte er.

Die Ehevorbereitung sei „heute mehr denn je eine echte Gelegenheit zur Evangelisierung Erwachsener und oft der sogenannten kirchenfernen Menschen“, hielt der Papst weiter fest. „Es gibt in der Tat viele junge Leute, für die die sich nähernde Hochzeit eine Gelegenheit ist, ihren Glauben neu zu entdecken, den sie lange Zeit an den Rand ihres Lebens gedrängt haben.“ Die Zeit der Eheschließung sei durch besondere Offenheit und die Bereitschaft der Paare geprägt, eigene Lebensweisen zu überdenken.

„Konkrete Nähe“ der Kirche

Damit die Ehevorbereitung gelingen kann, sei eine gute „Synergie“ der Priester im Verhältnis zu den Paaren und eine gute Ausbildung der kirchlichen Mitarbeiter nötig, so Franziskus. Überhaupt könne es hilfreich sein, wenn erwachsene Laien den Priester bei der Aufgabe der Ehebegleitung unterstützten, fügte Franziskus an, der in diesem Kontext dazu anregte, im Kontakt mit den Paaren einen nur auf Gesetze und Formfragen fixierten Ansatz hinter sich zu lassen. Angesichts der Flüchtigkeit und Vorläufigkeit der heutigen Kultur erfordere es „großen Mut“ zu heiraten, erinnerte der Papst: „Und diejenigen, die die Kraft und Freude an den Tag legen, diesen wichtigen Schritt zu tun, müssen an ihrer Seite die Zuneigung und konkrete Nähe der Kirche spüren.“

Darüber hinaus bräuchten die jungen Eheleute auch nach der Hochzeit Unterstützung. Es brauche Ausbildungsprojekte und Initiativen, die sich gerade an diese Gruppe richteten, und die mit „Mut und Kreativität“ Wege suchten, zu einem „wachsenden Bewusstsein um das empfangene Sakrament“ beizutragen. Der Papst rief hier dazu auf, auf die Paare zuzugehen, vor allem wenn diese durch ihre Lebenslage sehr in Anspruch genommen seien: „oft werden junge Eheleute sich selbst überlassen, vielleicht einfach weil sie sich weniger in der Kirche sehen lassen. Das passiert vor allem mit den Geburt der Kinder. Aber es ist gerade in diesen ersten Momenten des Familienlebens, in denen größere Nähe und starke geistliche Unterstützung garantiert sein muss, auch mit Blick auf die Erziehung der Kinder.“

Eröffnung des neuen Gerichtsjahres der Rota Romana

Die Audienz markierte zugleich die Eröffnung des neuen Gerichtsjahres der Rota. Die anwesenden Richter, darunter der Dekan der Römischen Rota Pio Vito Pinto, begingen den Festakt nach der Audienz gemeinsam in der Sala Clementina im Vatikan.

(rv 21.01.2017 pr)

Der Papst und die ‚konservativste’ Rota-Ansprache der letzten Jahre

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Franziskus:
die Ehe in ihren wesentlichen Elementen
– Nachkommen, Wohl der Ehegatten, Einheit, Unauflöslichkeit, Sakramentaliltät –
ist kein Ideal für Wenige, sondern eine Wirklichkeit für alle Getauften.

Von Armin Schwibach
23. Januar 2016

Rom (kath.net/as) Am 22. Januar eröffnete Papst Franziskus mit einer Ansprache an das Gericht der Römischen Rota das Gerichtsjahr. Nach zwei Jahren, in denen sich die Kirche im Rahmen einer außerordentlichen und einer ordentlichen Bischofssynode der Problematik von Ehe und Familie in der modernen Welt zugewandt hatte, wurde diese Ansprache vor allem unter zwei Aspekten erwartet: unter dem Aspekt des Scheiterns der Ehe und der wiederverheirateten Geschiedenen sowie dem Aspekt dessen, was in Deutschland unter dem Begriff „Ehe für alle“ bekannt und in Italien im Moment aktuell ist, da im Parlament ein Gesetz zur zivilrechtlichen Anerkennung von alternativen (auch homosexuellen) Lebensgemeinschaften zur Abstimmung ansteht.

Der vor allem in säkularen Medien gepflegten Legende nach ist Papst Franziskus ja ein „revolutionärer“ Papst, der für viele nicht zögern würde, auch Grundfeste der Lehre zur Abstimmung zu stellen, sie im Horizont von neuen „Lebenswirklichkeiten“ zu beurteilen, die Lehre hinter individuelle Gewissensentscheidungen zu stellen, die Ergebnis einer besonderen Unterscheidung der Geister sein sollten. Wer dem Duktus des Denkens und Handelns des Papstes dagegen aufmerksam folgt, kann weder revolutionäre Umbrüche noch liberale Aufbrüche erkennen. Vielmehr könnte eine bei Päpsten ungewohnte Zweideutigkeit festgestellt werden, woraus sich oft die Notwendigkeit einer konstanten Interpretation von Papstworten ergibt. Dies stellt Anforderungen, die es umso mehr verbieten, plakative Revolutionsparolen zu schwenken oder, wie dies sogar ein Kardinal gewagt hat, von „Krieg“ zu sprechen, sollte diesem angeblich „Neuen“ nicht entsprochen werden.

Nun hat gerade dieser „revolutionäre“ Papst die „konservativste“ Rota-Ansprache der letzten Jahrzehnte gehalten und auch nicht gezögert, problematische Elemente des jüngsten Motu proprio „Mitis iudex Dominus Iesus“ über die Reform des kanonischen Verfahrens für Ehenichtigkeitserklärungen im Codex des kanonischen Rechtes (15. August 2015) zu korrigieren. Aber der Reihe nach.

Zunächst nahm Franziskus die Definition der Sacra Rota Romana auf, mit der sein Vorgänger Pius XII. ihren Aufgabenbereich umschrieben hatte. Dieses Gericht war für den ehrwürdigen Diener Gottes „Gericht der Familie“, damit die Kirche, die untrennbar mit der Familie verbunden sei, fortfahre „den Plan des Schöpfergottes und Erlösers für die Heiligkeit und Schönheit der Einrichtung der Familie zu verkünden.

Dieser Wesensbestimmung des Gerichts der Sacra Rota fügte Franziskus, über Pius XII. hinausgehend, eine weitere komplementäre hinzu. Das Gericht dürfe nicht vergessen, dass es „Gericht der Wahrheit“ sei. Der Papst unterstrich: „die Kirche kann die vollkommene und unfehlbar barmherzige Liebe Gottes gegenüber den Familien zeigen, besonders gegenüber den durch die Sünde und die Prüfungen des Lebens verletzten, und gleichzeitig die unverzichtbare Wahrheit der Ehe nach dem Plan Gottes verkünden“.

Der zweijährige Synodenprozess habe eine vertiefte Unterscheidung gestattet, dank derer „die Kirche der Welt gezeigt hat , dass es keine Verwirrung zwischen der von Gott gewollten Familie und jeder anderen Art von Verbindung geben darf“.

Der Papst zitierte Papst Pius XI. Dieser hatte in „Casti connubii“ unterstrichen, dass die auf der unauflöslichen Ehe gegründete, eine und auf Fortpflanzung ausgerichtete Familie zum „Traum“ Gottes und seiner Kirche für das Heil der Menschheit gehöre.

Die Familie und die Kirche trügen auf verschiedenen Ebenen dazu bei, den Menschen zum Ziel seines Daseins zu begleiten. Gerade weil die Kirche „mater et magistra“ sei, wisse sie, dass einige unter den Christen einen starken, von der Liebe geformten Glauben hätten, „der von einer guten Katechese gestärkt und vom Gebet und sakramentalen Leben genährt wird, während andere einen schwachen Glauben haben, der vernachlässigt und nicht geformt wurde, wenig erzogen oder vergessen worden ist“.

An dieser Stelle korrigierte der Papst eine missverständliche und von vielen Theologen und Kanonisten kritisierte Aussage in seinem Motu proprio zur Reform der Ehenichtigkeitsprozesse, wo es hieß: „Zu den sachlichen und persönlichen Umständen, welche die Behandlung der Ehenichtigkeitssache auf dem Weg des kürzeren Prozesses gemäß cann. 1683 – 1687 nahelegen, werden als Beispiele angeführt: jener Mangel an Glauben, der die Simulation des Konsenses oder den willensbestimmenden Irrtum hervorbringen kann;…“ (Art. 14, §1).

Jetzt unterstrich Franziskus dagegen: „Es ist gut, eindeutig zu bekräftigen, dass die Qualität des Glaubens nicht die wesentliche Bedingung für den Ehekonsens ist, der entsprechend der immerwährenden Lehre nur auf natürlicher Ebene unterminiert werden kann (CIC, can. 1055 § 1 und 2).

Und weiter: „Der ‚habitus fidei’ wird im Augenblick der Taufe eingegossen und fährt fort, seinen geheimnisvollen Einfluss auf die Seele zu haben, auch wenn der Glaube nicht entwickelt ist und psychologisch abwesend zu sein scheint“. Verfehlungen in der Bildung des Glaubens und auch der Irrtum hinsichtlich der Einheit, der Unauflöslichkeit und sakramentalen Würde der Ehe „verderben den Ehekonsens nur, wenn sie den Willen bestimmen (vgl. CIC can. 1099). Gerade aus diesem Grund müssen die Irrtümer, die die Sakramentalität der Ehe betreffen, sehr sorgfältig gewertet werden“.

Abschließend hob der Papst hervor, dass die Kirche mit erneuertem Sinn für Verantwortung die Ehe in ihren wesentlichen Elementen – „Nachkommen, Wohl der Ehegatten, Einheit, Unauflöslichkeit Sakramentaliltät“ – nicht als Ideal für wenige vorschlage, sondern als Wirklichkeit, die dank der Gnade Christi von allen getauften Gläubigen gelebt werden könne. Franziskus betonte in diesem Zusammenhang die pastorale Dringlichkeit einer Art von „Ehevorbereitungs-Katechumenat“, die alle Strukturen der Kirche einbegreifen solle, wie dies auch von einigen Synodenvätern angeregt worden sei.

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Quelle


DISCORSO DEL SANTO PADRE FRANCESCO
IN OCCASIONE DELL’INAUGURAZIONE DELL’ANNO GIUDIZIARIO
DEL TRIBUNALE DELLA ROTA ROMANA

Sala Clementina
Venerdì, 22 gennaio 2016

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Cari fratelli,

vi do il mio cordiale benvenuto, e ringrazio il Decano per le parole con cui ha introdotto il nostro incontro.

Il ministero del Tribunale Apostolico della Rota Romana è da sempre ausilio al Successore di Pietro, affinché la Chiesa, inscindibilmente connessa con la famiglia, continui a proclamare il disegno di Dio Creatore e Redentore sulla sacralità e bellezza dell’istituto familiare. Una missione sempre attuale, ma che acquista particolare rilevanza nel nostro tempo.

Accanto alla definizione della Rota Romana quale Tribunale della famiglia[1], vorrei porre in risalto l’altra prerogativa, che cioè essa è il Tribunale della verità del vincolo sacro. E questi due aspetti sono complementari.

La Chiesa, infatti, può mostrare l’indefettibile amore misericordioso di Dio verso le famiglie, in particolare quelle ferite dal peccato e dalle prove della vita, e insieme proclamare l’irrinunciabile verità del matrimonio secondo il disegno di Dio. Questo servizio è affidato primariamente al Papa e ai Vescovi.

Nel percorso sinodale sul tema della famiglia, che il Signore ci ha concesso di realizzare nei due anni scorsi, abbiamo potuto compiere, in spirito e stile di effettiva collegialità, un approfondito discernimento sapienziale, grazie al quale la Chiesa ha – tra l’altro – indicato al mondo che non può esserci confusione tra la famiglia voluta da Dio e ogni altro tipo di unione.

Con questo stesso atteggiamento spirituale e pastorale, la vostra attività, sia nel giudicare sia nel contribuire alla formazione permanente, assiste e promuove l’opus veritatis. Quando la Chiesa, tramite il vostro servizio, si propone di dichiarare la verità sul matrimonio nel caso concreto, per il bene dei fedeli, al tempo stesso tiene sempre presente che quanti, per libera scelta o per infelici circostanze della vita,[2] vivono in uno stato oggettivo di errore, continuano ad essere oggetto dell’amore misericordioso di Cristo e perciò della Chiesa stessa.

La famiglia, fondata sul matrimonio indissolubile, unitivo e procreativo, appartiene al “sogno” di Dio e della sua Chiesa per la salvezza dell’umanità.[3]

Come affermò il beato Paolo VI, la Chiesa ha sempre rivolto «uno sguardo particolare, pieno di sollecitudine e di amore, alla famiglia ed ai suoi problemi. Per mezzo del matrimonio e della famiglia Iddio ha sapientemente unite due tra le maggiori realtà umane: la missione di trasmettere la vita e l’amore vicendevole e legittimo dell’uomo e della donna, per il quale essi sono chiamati a completarsi vicendevolmente in una donazione reciproca non soltanto fisica, ma soprattutto spirituale. O per meglio dire: Dio ha voluto rendere partecipi gli sposi del suo amore: dell’amore personale che Egli ha per ciascuno di essi e per il quale li chiama ad aiutarsi e a donarsi vicendevolmente per raggiungere la pienezza della loro vita personale; e dell’amore che Egli porta all’umanità e a tutti i suoi figli, e per il quale desidera moltiplicare i figli degli uomini per renderli partecipi della sua vita e della sua felicità eterna».[4]

La famiglia e la Chiesa, su piani diversi, concorrono ad accompagnare l’essere umano verso il fine della sua esistenza. E lo fanno certamente con gli insegnamenti che trasmettono, ma anche con la loro stessa natura di comunità di amore e di vita. Infatti, se la famiglia si può ben dire “chiesa domestica”, alla Chiesa si applica giustamente il titolo di famiglia di Dio. Pertanto «lo “spirito famigliare” è una carta costituzionale per la Chiesa: così il cristianesimo deve apparire, e così deve essere. È scritto a chiare lettere: “Voi che un tempo eravate lontani – dice san Paolo – […] non siete più stranieri né ospiti, ma concittadini dei santi e familiari di Dio” (Ef 2,19). La Chiesa è e deve essere la famiglia di Dio».[5]

E proprio perché è madre e maestra, la Chiesa sa che, tra i cristiani, alcuni hanno una fede forte, formata dalla carità, rafforzata dalla buona catechesi e nutrita dalla preghiera e dalla vita sacramentale, mentre altri hanno una fede debole, trascurata, non formata, poco educata, o dimenticata.

È bene ribadire con chiarezza che la qualità della fede non è condizione essenziale del consenso matrimoniale, che, secondo la dottrina di sempre, può essere minato solo a livello naturale (cfr CIC, can. 1055 § 1 e 2). Infatti, l’habitus fidei è infuso nel momento del Battesimo e continua ad avere influsso misterioso nell’anima, anche quando la fede non è stata sviluppata e psicologicamente sembra essere assente. Non è raro che i nubendi, spinti al vero matrimonio dall’instinctus naturae, nel momento della celebrazione abbiano una coscienza limitata della pienezza del progetto di Dio, e solamente dopo, nella vita di famiglia, scoprano tutto ciò che Dio Creatore e Redentore ha stabilito per loro. Le mancanze della formazione nella fede e anche l’errore circa l’unità, l’indissolubilità e la dignità sacramentale del matrimonio viziano il consenso matrimoniale soltanto se determinano la volontà (cfr CIC, can. 1099). Proprio per questo gli errori che riguardano la sacramentalità del matrimonio devono essere valutati molto attentamente.

La Chiesa, dunque, con rinnovato senso di responsabilità continua a proporre il matrimonio, nei suoi elementi essenziali – prole, bene dei coniugi, unità, indissolubilità, sacramentalità [6] –, non come un ideale per pochi, nonostante i moderni modelli centrati sull’effimero e sul transitorio, ma come una realtà che, nella grazia di Cristo, può essere vissuta da tutti i fedeli battezzati. E perciò, a maggior ragione, l’urgenza pastorale, che coinvolge tutte le strutture della Chiesa, spinge a convergere verso un comune intento ordinato alla preparazione adeguata al matrimonio, in una sorta di nuovo catecumenato – sottolineo questo: in una sorta di nuovo catecumenato – tanto auspicato da alcuni Padri Sinodali.[7]

Cari fratelli, il tempo che viviamo è molto impegnativo sia per le famiglie, sia per noi pastori che siamo chiamati ad accompagnarle. Con questa consapevolezza vi auguro buon lavoro per il nuovo anno che il Signore ci dona. Vi assicuro la mia preghiera e conto anch’io sulla vostra. La Madonna e san Giuseppe ottengano alla Chiesa di crescere nello spirito di famiglia e alle famiglie di sentirsi sempre più parte viva e attiva del popolo di Dio. Grazie.

 


[1] Pio XII, Allocuzione alla Rota Romana del 1° ottobre 1940: L’Osservatore Romano, 2 ottobre 1940, p. 1.[2] «Forse tutto questo flagello ha un nome estremamente generico, ma in questo caso tragicamente vero, ed è egoismo. Se l’egoismo governa il regno dell’amore umano, ch’è appunto la famiglia, lo avvilisce, lo intristisce, lo dissolve. L’arte di amare non è così facile come comunemente si crede. A insegnarla l’istinto non basta. La passione ancor meno. Il piacere neppure» (G.B. Montini, Lettera pastorale all’arcidiocesi ambrosiana all’inizio della Quaresima del 1960).

[3] Cfr Pio XI, Litt. enc. Casti connubii, 31 dicembre 1930:  AAS 22 (1930), 541.

[4] Paolo VI, Discorso alle partecipanti al XIII Congresso Nazionale del Centro Italiano Femminile, 12 febbraio 1966: AAS 58 (1966), 219. San Giovanni Paolo II nella Lettera alle famiglie affermava che la famiglia è via della Chiesa: «la prima e la più importante» (Gratissimam sane, 2 febbraio 1994, 2: AAS 86 [1994], 868).

[5] Catechesi nell’Udienza generale del 7 ottobre 2015.

[6] Cfr Augustinus, De bono coniugali, 24, 32; De Genesi ad litteram, 9, 7, 12.

[7] «Questa preparazione al matrimonio, noi pensiamo, sarà agevolata, se la formazione d’una famiglia sarà presentata alla gioventù, e se sarà compresa da chi intende fondare un proprio focolare come una vocazione, come una missione, come un grande dovere, che dà alla vita un altissimo scopo, e la riempie dei suoi doni e delle sue virtù. Né questa presentazione deforma o esagera la realtà» (G. B. Montini, Lettera pastorale all’arcidiocesi ambrosiana, cit.).


ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
ZUR ERÖFFNUNG DES GERICHTSJAHRS DER RÖMISCHEN ROTA

Clementina-Saal
Freitag, 23. Januar 2015

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Liebe Richter, Beamte, Anwälte und
Mitarbeiter des Apostolischen Gerichtshofes der Römischen Rota!

Ich begrüße euch herzlich, angefangen beim Kollegium der Prälaten-Auditoren und dem Dekan, Msgr. Pio Vito Pinto, dem ich für die Worte danke, mit denen er unsere Begegnung eingeleitet hat. Ich wünsche euch allen alles Gute für das Gerichtsjahr, das wir heute eröffnen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich über den menschlichen und kulturellen Kontext nachdenken, in dem der Ehewille gebildet wird.

Die Wertekrise in der Gesellschaft ist gewiss kein neues Phänomen. Der selige Paul VI. prangerte bereits vor 40 Jahren, ebenfalls in einer Ansprache an die Römische Rota, die Krankheiten des modernen Menschen an, der »zuweilen verwundet von einem systematischen Relativismus sich den einfacheren Entscheidungen der Situation, der Demagogie, der Mode, der Leidenschaft, des Hedonismus, des Egoismus beugt und so äußerlich versucht, die ›Majestät des Gesetzes‹ in die Hand zu nehmen, und innerlich fast ohne es zu bemerken das Gebot des moralischen Gewissens durch die Laune des psychologischen Gewissens ersetzt« (Ansprache an den Gerichtshof der Römischen Rota, 31. Januar 1974: AAS 66 [1974], S. 87). In der Tat mündet das Aufgeben einer Glaubensperspektive unweigerlich in eine falsche Erkenntnis von der Ehe ein, die beim Heranreifen des Ehewillens nicht ohne Folgen bleibt.

Gewiss gewährt der Herr in seiner Güte der Kirche die Freude über unzählige Familien, die, von einem aufrichtigen Glauben gestützt und genährt, die Güter der Ehe, die im Augenblick der Eheschließung aufrichtig angenommen und mit Treue und Beharrlichkeit verfolgt werden, in den Mühen und Freuden des Alltags verwirklichen. Die Kirche kennt jedoch auch das Leid vieler Familien, die sich auflösen und affektive Beziehungen, Pläne, gemeinsame Erwartungen in Trümmern hinterlassen. Der Richter ist aufgerufen, eine gerichtliche Untersuchung vorzunehmen, wenn Zweifel an der Gültigkeit der Ehe bestehen, um zu prüfen, ob ein anfänglicher Konsensmangel vorliegt, sei es unmittelbar aufgrund des Nichtvorhandenseins eines gültigen Ehewillens, sei es aufgrund eines schweren Irrtums über das Verständnis der Ehe selbst, der den Willen bestimmt (vgl. Can. 1099). Denn die Ehekrise ist nicht selten in ihrer Wurzel eine Krise der vom Glauben, also von der Treue zu Gott und zu seinem in Jesus Christus verwirklichten Liebesplan, erleuchteten Erkenntnis.

Die pastorale Erfahrung lehrt uns, dass heute eine große Zahl von Gläubigen in irregulären Situationen lebt, wobei die weit verbreitete weltliche Mentalität einen starken Einfluss auf ihre Geschichte hatte. Denn es gibt eine Art spirituelle  Weltlichkeit, »die sich hinter dem Anschein der Religiosität und sogar der Liebe zur Kirche verbirgt« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 93) und die dazu führt, statt der Herrlichkeit des Herrn das persönliche Wohlergehen zu suchen. Eine der Früchte dieser Haltung ist das Vorhandensein »eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt« (ebd., 94). Ganz offensichtlich verliert für den, der sich dieser Haltung beugt, der Glaube seinen richtungweisenden und normativen Wert und lässt freien Raum für Kompromisse mit dem eigenen Egoismus und mit dem Druck der gängigen Mentalität, die durch die Massenmedien vorherrschend geworden ist. Daher muss der Richter, wenn er die Gültigkeit des zum Ausdruck gebrachten Konsens abwägt, den Kontext der Werte und des Glaubens – beziehungsweise ihres Mangels oder ihres Nichtvorhandenseins –, in dem der Ehewille sich gebildet hat, berücksichtigen.

Denn die Unkenntnis über die Glaubensinhalte könnte zu dem führen, was der Codex als einen »den Willen bestimmenden Irrtum« bezeichnet (vgl. Can. 1099). Anders als in der Vergangenheit darf diese Möglichkeit in Anbetracht des häufigen Vorrangs des weltlichen Denkens über das Lehramt der Kirche nicht mehr als Ausnahme betrachtet werden. Dieser Irrtum bedroht nicht nur die Stabilität, die Ausschließlichkeit und die Fruchtbarkeit der Ehe, sondern auch die Hinordnung der Ehe auf das Wohl des anderen, die eheliche Liebe als »Lebensprinzip« des Konsens, die gegenseitige Hingabe zur Bildung einer Gemeinschaft für das ganze Leben. »Die Ehe wird tendenziell als eine bloße Form affektiver Befriedigung gesehen, die in beliebiger Weise gegründet und entsprechend der Sensibilität eines jeden verändert werden kann« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 66), was die Brautleute zu einem mentalen Vorbehalt gegenüber der Dauerhaftigkeit der Verbindung oder ihrer Ausschließlichkeit führt: Diese würden verschwinden, wenn die geliebte Person die eigenen Erwartungen in Bezug auf das affektive Wohlergehen nicht mehr erfüllt.

Ich möchte euch daher zu einem immer größeren und immer leidenschaftlicheren Bemühen in eurem Dienst zum Schutz der Einheit der Rechtsprechung in der Kirche auffordern. Wie viel Pastoralarbeit zum Wohl vieler Ehepaare, vieler Kinder, die oft Opfer dieser Vorgänge sind! Auch hier bedarf es einer pastoralen Neuausrichtung der kirchlichen Strukturen (vgl. ebd., 27), um allen, die sich an die Kirche wenden, um Licht in ihre eigene Ehesituation zu bringen, das »opus iustitiae« anzubieten. Das ist eure schwierige Sendung, ebenso wie die aller Richter in den Diözesen: das Heil der Menschen nicht in den engen Wegen des Legalismus zu verschließen. Die Funktion des Rechts ist auf die »salus animarum« ausgerichtet, unter der Voraussetzung, dass es Sophismen vermeidet, die dem lebendigen Fleisch der in Schwierigkeiten befindlichen Menschen fernstehen, und dazu beiträgt, die Wahrheit im Augenblick der Konsenserklärung zu bestimmen: ob sie also Christus oder der trügerischen weltlichen Mentalität treu war. In diesem Zusammenhang sagte der selige Paul VI.: »Wenn die Kirche ein göttlicher Plan ist – ›Ecclesia de Trinitate‹ –, dann müssen ihre Institutionen, auch wenn sie verbesserungsfähig sind, auf das Ziel ausgerichtet sein, die göttliche Gnade zu vermitteln, und den Gaben und der Sendung eines jeden entsprechend das Wohl der Gläubigen fördern, das der wesentliche Zweck der Kirche ist. Dieses gesellschaftliche Ziel, das Seelenheil, die ›salus animarum‹ [das Heil der Seelen], ist und bleibt das höchste Ziel der Institutionen, des Rechts, der Gesetze« (Ansprache an die Teilnehmer des 2. Internationalen Kongresses über das Kirchenrecht, 17. September 1973: Communicationes 5 [1973], S. 126).

Es ist nützlich, in Erinnerung zu rufen, was die Instruktion Dignitas connubii unter Nr. 113 vorschreibt, in Übereinstimmung mit Can. 1490 des Codex des Kanonischen Rechtes, über die Notwendigkeit der Anwesenheit an jedem kirchlichen Gericht von zuständigen Personen, die rasch einen Rat bezüglich der Möglichkeit und der Verfahrensweise zur eventuellen Einleitung eines Ehenichtigkeitsverfahrens erteilen können, während ebenso vom Gericht entlohnte Parteibestände fest bestellt werden sollen, die den Dienst eines Anwalts ausüben. In dem Wunsch, dass diese Personen an jedem Gericht anwesend seien, um einen wirklichen Zugang aller Gläubigen zur Rechtsprechung der Kirche zu fördern, möchte ich betonen, dass eine erhebliche Zahl von Verfahren an der Römischen Rota dem unentgeltlichen Rechtsschutz zugunsten von Parteien unterliegen, die aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse, in denen sie sich befinden, nicht in der Lage sind, sich einen Anwalt zu beschaffen. Und diesen Punkt möchte ich betonen: Die Sakramente sind unentgeltlich. Die Sakramente schenken uns die Gnade. Und ein Eheverfahren betrifft das Sakrament der Ehe. Wie sehr möchte ich, dass alle Verfahren unentgeltlich wären!

Liebe Brüder, ich bringe erneut einem jeden meine Dankbarkeit zum Ausdruck für das Gute, das ihr dem Gottesvolk tut, indem ihr der Gerechtigkeit dient. Ich rufe den göttlichen Beistand auf eure Arbeit herab und erteile euch von Herzen den Apostolischen Segen.

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Quelle

Ehenichtigkeitsverfahren: Hoffnung und keine Ängste

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Interview mit dem Dekan des Gerichts der Römischen Rota, Prälat Pio Vito Pinto

Sitzung der Römischen Rota, Miniatur aus einem Kodex im vatikanischen Geheimarchiv.

Die Neuordnung der Ehenichtigkeitsverfahren mit dem Motu proprio vom vergangenen 8. September, der Zusammenhang mit den beiden Synoden über Ehe und Familie, die von Bischöfen aus der ganzen Welt gewünschte Verkürzung und Vereinfachung des Verfahrens, die zentrale Rolle des Bischofs als Richter, die Aufwertung des Rechtes des Metropoliten: Über diese Themen sprach der Dekan des Gerichts der Römischen Rota, Prälat Pio Vito Pinto, einen Monat nach der Promulgation der beiden Dokumente, die am 8. Dezember in Kraft treten werden, mit dem Direktor des »Osservatore Romano«, Prof. Giovanni Maria Vian.

Es handele sich um eine tiefgreifende Reform, die bereits in den ersten beiden Tagen der Synodenarbeiten als klare Regelung begrüßt worden sei, unterstreicht der Prälat. Sie solle auf die Notlagen der Gläubigen antworten, und der Papst erwarte sich, dass von ihr Hoffnung ausgehe und sie keine Ängste verbreite.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen den beiden päpstlichen Dokumenten und der Synode?

Die beiden Motu propri sind eine Frucht des synodalen Weges und authentischer Ausdruck der bischöflichen Kollegialität. Bekanntermaßen gab es bereits vor den beiden Synodenversammlungen sehr weit reichende Konsultationen. Die Dokumente gehen demnach aus einer sehr umfassenden kollegialen Erfahrung hervor, wie sie aus den an alle Bischofskonferenzen versandten Fragebögen ersichtlich wurde. Das Resultat war eine sehr weit reichende Konvergenz hinsichtlich der Notwendigkeit, die Ehenichtigkeitsverfahren zu beschleunigen und zu vereinfachen, wie es in Nummer 115 des Instrumentum laboris unterstrichen wird und wie die Kardinäle Baldisseri und Erdö in ihrer jeweiligen Eröffnungsansprache zur Synode gesagt haben.

Die Prozesse beschleunigen und vereinfachen: Was bedeutet das konkret?

Wie es Pius X. bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügt hatte, wollte der Papst die Ausübung der richterlichen Gewalt ganz dem Diözesanbischof und dem Metropoliten zurückgeben, das heißt dem Erzbischof als Oberhaupt einer Kirchenprovinz. Die Absicht des Papstes ist es, auf diese Weise eine größere Nähe der kirchlichen Strukturen zu den Gläubigen zu schaffen.

Was sind die Kernpunkte dieser neuen Gesetze?

Die Reform von Papst Franziskus vertraut jedem Diözesanbischof zwei Arten von Prozessen an: das abgekürzte Verfahren und den ordentlichen Prozess. Im ersten Fall spricht der Bischof persönlich das Urteil, wenn die Beweise der Nichtigkeit vollkommen eindeutig sind. In diesem Fall erreicht er nach einer kurzen Beweiserhebung moralische Gewissheit und unterzeichnet das Urteil. Dennoch ist die Untersuchung der Ehesachen nicht Aufgabe des Bischofs, sondern seiner Mitarbeiter: des Gerichtsvikars oder eines anderen Untersuchungsrichters. Sollte es allerdings keine unmittelbare Evidenz der Beweise geben, wird der Fall auf den ordentlichen Verfahrensweg verwiesen. Dafür muss jeder Bischof ein Diözesangericht für die Ehenichtigkeitsverfahren errichten: es sollte kollegial sein; sollte dies nicht möglich sein, ist aber auch ein Einzelrichter zugelassen. In der Praxis ist jeder Antrag auf Nichtig­erklärung beim diözesanen Gerichtsvikar einzureichen, der entscheidet, auf welche der beiden Verfahrensarten der Fall gelöst werden muss. Der kürzere Eheprozess sieht im Gegensatz zum ordentlichen Verfahren die Möglichkeit der Anwesenheit der Parteien vor und der Fall muss in einem Zeitraum von zwei Wochen bis zu einem Monat gelöst werden. Diese Aspekte zeigen die große Neuheit dieses Verfahrensweges, der nicht ohne Grund vom Nachfolger Petri dem Bischof persönlich anvertraut wird, damit er nicht zum Schaden der Wahrheit des Ehebandes miss­braucht wird: im Fall des Missbrauchs würde der Bischof nicht den Papst verraten, sondern Christus selbst. Und für beide Verfahren wird die von den Motu propri gewünschte Kostenfreiheit ganz klar die pastorale Sorge zum Ausdruck bringen, die allein auf das Wohl der Gläubigen ausgerichtet ist. Und diese verstehen unmittelbar den Geist der Armut, von dem die Kirche inspiriert sein muss.

Gelten die Gesetze rückwirkend?

Wie bekannt tritt das neue Prozessrecht am kommenden 8. Dezember in Kraft und wird keine rückwirkenden Rechtsfolgen haben. Dennoch sind im Fall eines laufenden Verfahrens, dessen Nichtigkeitserklärung nach dem 8. Dezember datiert ist und bekanntgegeben wird, die Wirkungen der Reform anzuwenden, so wird das rechtskräftige Urteil hinsichtlich der Nichtigkeit definitiv sein.

Was wird mit den regionalen Kirchengerichten geschehen?

Dieses Gesetz bedeutet eine vollkommene Neuordnung – ex integro – des Eheprozesses und gibt dem Bischof das Recht, für seine Diözese ein Diözesangericht für die Ehenichtigkeitsverfahren einzurichten. Das Gesetz, das regionale Kirchengerichte vorsieht, wird damit hinfällig, die es im Übrigen nur in einigen Ländern gab. Innerhalb der einzelnen Kirchenprovinzen haben die Bischöfe dagegen die Möglichkeit, wenn sie dies für nützlich halten, ein interdiözesanes Gericht einzurichten, von dem aus Berufung an das Metropolitangericht ergeht, wobei weiterhin die Möglichkeit besteht, gemäß Rechtsnorm ein interdiözesanes Gericht für mehrere Kirchenprovinzen einzurichten.

Wie kann man zum Ausdruck bringen, was es bedeutet, dass der Bischof selbst Richter ist?

Ich möchte mit einem Beispiel antworten. In einigen besonderen Situationen könnte der Bischof – als Hirte und Richter seiner Herde – den betroffenen Parteien das Urteil der Nichtigkeits­erklärung persönlich übermitteln. Es wäre ein Zeichen der dem Evangelium entsprechenden Nähe zu den Gläubigen, die in vielen Fällen die Wunden leidvoller Jahre tragen. Denn die Kirche ist ein Glaubensgeheimnis, ein Mysterium, und der Bischof ist derjenige, der die Gläubigen begleitet, gleichsam an der Hand führt: in diesem Sinne ist er Mystagoge, wie es Basilius und Johannes Chrysostomus im Osten, Ambrosius und Augustinus im Westen waren.

(Orig. ital. in O.R. 8.10.2015)

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Quelle: Osservatore Romano 42/2015

„Annullierungs-Reform ist Frucht der Synode“

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Der Papst mit der Rota, Januar 2015

Die Vereinfachungen der Prozesse von Ehe-Annullierungen durch Papst Franziskus „sind eine Frucht des synodalen Wegs und ein echter Ausdruck der bischöflichen Kollegialität“. Das sagte der Dekan der Römischen Rota, Pio Vito Pinto, im Gespräch mit der Vatikanzeitung Osservatore Romano. „Es gab vor den zwei Synoden eine sehr breite Konsultation“, so der Geistliche in der Donnerstags-Ausgabe des Blattes. Die Entscheidungen des Papstes stützten sich auf die vom Vatikan an die Bischofskonferenzen in aller Welt verschickten Fragebögen zu Ehe und Familie. Bei den Antworten habe sich „eine ausgesprochen breite Übereinstimmung gezeigt, dass die Eheprozesse beschleunigt und vereinfacht werden sollten“, sagte der Dekan.

Wenn Papst Franziskus „die Ausübung der vollen Urteils-Amtsgewalt dem Diözesanbischof und dem Metropoliten zurückgibt“, bedeute das „eine größere Nähe der kirchlichen Strukturen zu den Gläubigen“, bemerkt Pio Vito Pinto. Gläubige, die eine Annullierung ihrer Ehe wollten, sollten sich an ihr Bistum wenden; dieses entscheide dann darüber, ob der Fall eindeutig genug sei für ein beschleunigtes Verfahren unter persönlichem Vorsitz des Bischofs. „Wenn die Beweise dagegen nicht unmittelbar einsichtig sind, wird der Fall in einem ordentlichen Prozess entschieden.“

Anders als beim ordentlichen Prozess sieht der beschleunigte Prozess nach Angaben des Dekans der Römischen Rota „eine mögliche Anwesenheit der beiden Partner“ vor; ein beschleunigtes Verfahren lasse sich in einem Zeitraum „zwischen zwei Wochen und einem Monat“ abschließen.

Die Römische Rota ist das Tribunal des Heiligen Stuhls; sie geht auf das 14. Jahrhundert zurück. „Dieses Gericht, das gewöhnlich als höhere Instanz im Fall der Berufung an den Apostolischen Stuhl tätig wird, um die Rechte der Kirche zu schützen, sorgt für die Einheitlichkeit der Rechtsprechung und hilft durch die eigenen Urteile den untergeordneten Gerichten“, heißt es in der Apostolischen Konstitution „Pastor Bonus“; dieser Text von 1988 ist das Grundgesetz des Vatikans.

(O.R. 07.10.2015 sk)