BRIEF VON JOHANNES PAUL II. AN DIE KINDER IM JAHR DER FAMILIE

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Liebe Kinder!

Jesus wird geboren

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten, das von allen Kindern in jeder Familie herbeigesehnte Fest. In diesem Jahr wird dies noch mehr der Fall sein, denn es ist das Jahr der Familie. Bevor dieses Jahr zu Ende geht, möchte ich mich an euch Kinder auf der ganzen Welt wenden, um mit euch die Freude dieses stimmungsvollen Festtages zu teilen.

Weihnachten ist das Fest eines Kindes, eines Neugeborenen. Es ist daher euer Fest! Ihr erwartet es voll Ungeduld und bereitet euch mit Freude darauf vor, während ihr die Tage, ja beinahe die Stunden zählt, die noch bis zur heiligen Nacht von Betlehem fehlen.

Ich meine euch vor mir zu sehen: zu Hause, in der Pfarrei, in jedem Winkel der Welt baut ihr die Krippe auf und versucht die Atmosphäre und Umgebung wiederzugeben, in welcher der Heiland geboren wurde. In der Tat! In der Weihnachtszeit nimmt der Stall mit der Krippe in der Kirche den zentralen Platz ein. Und alle machen sich eilends auf die geistliche Pilgerschaft dorthin, wie die Hirten in der Nacht der Geburt Jesu. Später werden die Magier aus dem fernen Osten, die dem Stern folgen, an den Ort kommen, wohin der Erlöser der Welt gelegt wurde.

Und auch ihr besucht in den Weihnachtstagen die Krippen, wo ihr innehaltet, um das auf Stroh gelegte Kind anzuschauen. Ihr seht seine Mutter und den hl. Josef, den Hüter des Erlösers. Während ihr die Heilige Familie betrachtet, denkt ihr an eure eigene Familie, in der ihr auf die Welt gekommen seid. Ihr denkt an eure Mutter, die euch das Licht der Welt erblicken lieb, und an euren Vater. Sie kümmern sich um den Unterhalt der Familie und um eure Erziehung. Denn die Aufgabe der Eltern besteht nicht nur darin, die Kinder zu zeugen, sondern sie auch von ihrer Geburt an zu erziehen.

Liebe Kinder, während ich an euch schreibe, denke ich an die Zeit vor vielen Jahren, als auch ich ein Kind war wie ihr. Damals erlebte auch ich die frohe Atmosphäre von Weihnachten, und wenn der Stern von Betlehem erstrahlte, eilte ich zusammen mit meinen Altersgenossen zur Krippe, um wieder zu erleben, was sich vor zweitausend Jahren in Palästina ereignet hatte. Wir Kinder gaben unserer Freude vor allem durch den Gesang Ausdruck. Wie schön und ergreifend sind die Weihnachtslieder, die sich in der Tradition jedes Volkes um die Krippe ranken! Welch tiefe Gedanken sind darin enthalten und vor allem welche Freude und Zärtlichkeit drücken sie für das göttliche Kind aus, das in der Heiligen Nacht zur Welt gekommen ist!

Auch die auf die Geburt Jesu folgenden Tage sind Festtage: so wird acht Tage danach daran erinnert, daß dem Kind ein Name gegeben wurde, wie es die Tradition des Alten Testamentes wollte: es wurde Jesus genannt. Vierzig Tage darauf wird der für jeden erstgeborenen Sohn Israels üblichen Darstellung im Tempel gedacht. Bei jener Gelegenheit kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung: als die Muttergottes mit dem Kind im Tempel eintraf, kam ihr der alte Simeon entgegen, der den kleinen Jesus in die Arme nahm und die folgenden Worte sprach: »Nun läbt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel« (Lk 2, 29-32). Dann sagte er zu Maria, seiner Mutter: »Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen« (Lk 2, 34-35). So also ist bereits in den ersten Lebenstagen Jesu die Ankündigung des Leidens zu vernehmen, an dem eines Tages auch die Mutter Maria teilnehmen wird: am Karfreitag wird sie schweigend unter dem Kreuz des Sohnes stehen. Übrigens sollte sich der kleine Jesus gar nicht lange nach seiner Geburt bereits einer ernsten Gefahr ausgesetzt sehen: der grausame König Herodes wird anordnen, alle Kinder unter zwei Jahren zu töten; darum wird Jesus mit seinen Eltern zur Flucht nach Ägypten gezwungen sein.

Ihr kennt ja sicherlich diese Ereignisse im Zusammenhang mit der Geburt Jesu. Sie werden euch von euren Eltern, den Priestern, den Religionslehrern, den Katecheten erzählt, und jedes Jahr erlebt ihr sie zur Zeit des Weihnachtsfestes zusammen mit der ganzen Kirche wieder: ihr wißt also Bescheid um die dramatischen Aspekte der Kindheit Jesu.

Liebe Freunde! In dem Geschehen um das Kind von Betlehem könnt ihr das Schicksal der Kinder der ganzen Welt erkennen. Wenn es stimmt, daß ein Kind nicht nur die Freude der Eltern, sondern der Kirche und der ganzen Gesellschaft verkörpert, so stimmt es leider auch, dab in unserer Zeit viele Kinder in verschiedenen Teilen der Welt leiden und bedroht sind: sie erdulden Hunger und Elend, sie sterben an Krankheiten und Unterernährung, sie werden zu Opfern von Kriegen, sie werden von den Eltern verlassen und sehen sich zur Obdachlosigkeit verurteilt, sie erleiden von seiten der Erwachsenen viele Formen von Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Wie kann man angesichts des Leidens so vieler Kinder gleichgültig bleiben, besonders wenn es irgendwie von den Erwachsenen verursacht wird?

Jesus vermittelt die Wahrheit

Das Kind, das wir zu Weihnachten in der Krippe betrachten, wuchs im Laufe der Jahre heran. Mit zwölf Jahren zog Jesus, wie ihr wißt, anläßlich des Paschafestes zum ersten Mal mit Maria und Josef von Nazaret hinauf nach Jerusalem. Dort trennte er sich im Gedränge der Pilger von den Eltern und hörte zusammen mit anderen seiner Altersgenossen im Tempel, gleichsam zum »Katechismus-Unterricht«, den Schriftgelehrten zu. Die Feste waren in der Tat passende Anlässe zur Weitergabe des Glaubens an die Kinder, die ungefähr in Jesu Alter waren. Im Verlauf dieser Begegnung geschah es jedoch, daß der außergewöhnliche Heranwachsende aus Nazaret nicht nur sehr kluge Fragen stellte, sondern selbst begann, denen, die ihn eigentlich belehren sollten, tiefgründige Antworten zu geben. Die Fragen und noch mehr die Antworten verblüfften die Schriftgelehrten des Tempels. Es war dasselbe Erstaunen, das später das öffentliche Auftreten Jesu begleiten würde: die Episode im Tempel von Jerusalem war nur der Anfang und so etwas wie die Vorankündigung dessen, was sich einige Jahre später ereignen würde.

Liebe Jungen und Mädchen, Altersgenossen des zwölfjährigen Jesus, fallen euch an dieser Stelle nicht die Religionsstunden ein, die in Pfarrei und Schule abgehalten werden und an denen teilzunehmen ihr eingeladen seid? Ich möchte euch nun einige Fragen stellen: Welche Einstellung habt ihr gegenüber dem Religionsunterricht? Laßt ihr euch so mitreißen wie der zwölfjährige Jesus im Tempel? Besucht ihr eifrig die Religionsstunden in Schule und Pfarrei? Helfen euch dabei eure Eltern?

Der zwölfjährige Jesus war von jener Katechese im Tempel von Jerusalem so ergriffen, daß er in gewisser Hinsicht sogar seine eigenen Eltern vergab. Maria und Josef, die sich mit anderen Pilgern auf dem Rückweg nach Nazaret befanden, bemerkten sehr bald, dab er nicht dabei war. Lange suchten sie ihn. Sie kehrten um, und erst am dritten Tag gelang es ihnen, ihn in Jerusalem im Tempel zu finden. »Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht« (Lk 2, 48). Wie seltsam ist die Antwort Jesu und wie nachdenklich macht sie uns! »Warum habt ihr mich gesucht? – fragte er – Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Das war eine Antwort, die nur schwer hingenommen werden konnte. Der Evangelist Lukas fügt lediglich hinzu, daß Maria »alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte« (2, 51). Es war in der Tat eine Antwort, die erst viel später verständlich werden sollte, wenn der inzwischen erwachsene Jesus zu predigen beginnen und erklären würde, dab er bereit war, für seinen himmlischen Vater jedes Leiden und sogar den Tod am Kreuz auf sich zu nehmen.

Von Jerusalem kehrte Jesus mit Maria und Josef nach Nazaret zurück, wo er im Gehorsam ihnen gegenüber lebte (vgl. Lk 2, 51). Über diese Zeit vor dem Beginn seines öffentlichen Auftretens berichtet das Evangelium nur, daß er »heranwuchs, und seine Weisheit zunahm, und er Gefallen fand bei Gott und den Menschen« (Lk 2, 52).

Liebe Kinder, in dem Kind, das ihr in der Krippe bewundert, könnt ihr bereits den zwölfjährigen Jungen sehen, der im Tempel von Jerusalem mit den Schriftgelehrten redet. Es ist derselbe erwachsene Mann, der später als Dreißigjähriger mit der Verkündigung des Wortes Gottes beginnen und sich die zwölf Apostel aussuchen wird und dem die nach Wahrheit dürstende Menschenmenge folgen wird. Er wird auf Schritt und Tritt seine außergewöhnliche Lehrtätigkeit durch Zeichen göttlicher Macht bestätigen: er wird Blinden das Augenlicht wiedergeben, Kranke heilen, sogar Tote auferwecken. Und unter den Toten, die von ihm ins Leben zurückgerufen werden, wird sich die zwölfjährige Tochter des Jaïrus befinden; auch der Sohn der Witwe von Naïn, den er der weinenden Mutter lebend zurückgibt, wird dazugehören.

Genau so ist es: dieses Kind, gerade erst geboren, wird, sobald es grob geworden ist, als Lehrer der göttlichen Wahrheit eine ausserordentliche Liebe für die Kinder an den Tag legen. Er wird zu den Aposteln sagen: »Labt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!«, und er wird hinzufügen: »Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes« (Mk 10, 14). Ein anderes Mal wird er vor die Apostel, die darüber stritten, wer der Größte sei, ein Kind stellen und zu ihnen sagen: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt 18, 3). Bei jener Gelegenheit wird er auch sehr strenge, warnende Worte sprechen: »Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde« (Mt 18,6).

Wie wichtig ist in den Augen Jesu das Kind! Man könnte geradezu sagen, das Evangelium ist tief durchdrungen von der Wahrheit über das Kind. Ja, man könnte es sogar in seiner Ganzheit als das »Evangelium des Kindes« lesen.

Was heißt denn: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen?« Stellt Jesus nicht vielleicht das Kind als Vorbild auch für die Erwachsenen hin? Im Kind gibt es etwas, das in einem, der in das Himmelreich kommen will, nie fehlen darf. Für den Himmel sind alle bestimmt, die einfältig sind wie die Kinder, alle, die wie sie von vertrauensvoller Hingabe erfüllt, voller Güte und Reinheit sind. Sie allein können in Gott einen Vater finden und ihrerseits durch Jesus zu Kindern Gottes werden.

Ist das nicht die wesentliche Botschaft von Weihnachten? Beim hl. Johannes lesen wir: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (1, 14); und weiter: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden« (1, 12). Kinder Gottes! Ihr, liebe Kinder, seid Söhne und Töchter eurer Eltern. Doch Gott will, daß wir alle durch die Gnade seine Adoptivkinder sind. Hier liegt die wahre Quelle der Weihnachtsfreude, von der ich euch nun am Ende des Jahres der Familie schreibe. Freut euch über dieses »Evangelium der Gotteskindschaft!« In dieser Freude möge das kommende Weihnachtsfest im Jahr der Familie reiche Früchte tragen.

Jesus schenkt sich selbst

Liebe Freunde, eine unvergeßliche Begegnung mit Jesus ist gewiß die Erstkommunion, ein Tag, der als einer der schönsten des Lebens in Erinnerung bleiben soll. Die von Christus beim Letzten Abendmahl am Vorabend seines Leidens und Sterbens eingesetzte Eucharistie ist ein Sakrament des Neuen Bundes, ja das großartigste der Sakramente. In ihm wird der Herr in den Gestalten von Brot und Wein zur Speise der Seelen. Die Kinder empfangen es feierlich zum ersten Mal – eben bei der Erstkommunion – und sind eingeladen, es in der Folge möglichst oft zu empfangen, um in inniger Freundschaft mit Jesus zu bleiben.

Um die heilige Kommunion zu empfangen, muß man, wie ihr wißt, die Taufe empfangen haben: sie ist das erste und für das Heil notwendigste Sakrament. Die Taufe ist ein grobes Ereignis! In den ersten Jahrhunderten der Kirche, wo vor allem die Erwachsenen die Taufe empfingen, endete der Ritus mit der Teilnahme an der Eucharistie und mit der Feierlichkeit, die heute die Erstkommunion begleitet. Als man nach und nach dazu überging, vor allem den Neugeborenen die Taufe zu spenden – das trifft auch auf viele von euch zu, liebe Kinder, die ihr euch in der Tat nicht an den Tag eurer Taufe erinnern könnt -, wurde das feierlichere Fest mehr auf den Tag der Erstkommunion verlegt. Jeder Junge und jedes Mädchen aus katholischer Familie kennt sehr wohl diesen Brauch: die Erstkommunion wird als ein grobes Familienfest erlebt. An jenem Tag empfangen gewöhnlich zusammen mit dem Gefeierten die Eltern, die Geschwister, die Verwandten, die Paten, manchmal auch die Lehrer und Erzieher die Eucharistie.

Der Tag der Erstkommunion ist außerdem ein grobes Fest in der Pfarrei. Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an den Tag, als ich zusammen mit meinen Altersgenossen in der Pfarrkirche meines Dorfes zum ersten Mal die Eucharistie empfangen habe. Man pflegte dieses Ereignis auf Familienphotos festzuhalten, damit es nicht vergessen werde. Solche Momentaufnahmen begleiten den Menschen gewöhnlich für den Rest seines Lebens. Von Zeit zu Zeit wird beim Durchblättern der Photo-Alben die Atmosphäre jener Augenblicke wieder lebendig; man kehrt zurück zu der Reinheit und Freude, die man in der Begegnung mit Jesus erlebt hat, der aus Liebe zum Erlöser des Menschen geworden ist.

Für wie viele Kinder in der Geschichte der Kirche ist die Eucharistie Quelle geistlicher, manchmal geradezu heroischer Kraft gewesen! Wie könnte man zum Beispiel heilige Jungen und Mädchen unerwähnt lassen, die in den ersten Jahrhunderten gelebt haben und noch heute bekannt sind und in der ganzen Kirche verehrt werden? Die hl. Agnes, die in Rom lebte; die hl. Agatha, die in Sizilien das Martyrium erlitten hat; der hl. Tarcisius, der zu Recht Märtyrer der Eucharistie genannt wird, weil er lieber starb als Jesus aufzugeben, den er in Gestalt des Brotes mit sich trug.

Und so sind die Jahrhunderte hindurch bis herauf in unsere Tage unter den Heiligen und Seligen der Kirche immer auch Kinder zu finden. Wie im Evangelium Jesus besonderes Vertrauen in die Kinder bekundet, so hat es seine Mutter Maria nicht unterlassen, den Kleinen im Laufe der Geschichte ihre mütterliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Denkt an die hl. Bernadette von Lourdes, an die Kinder von La Salette und in unserem Jahrhundert an Lucia, Francisco und Jacinta von Fatima.

Ich sprach vorhin vom »Evangelium des Kindes«: hat es nicht in unserer Zeit in der Spiritualität der hl. Theresia vom Kinde Jesu einen besonderen Ausdruck gefunden? Es stimmt wirklich: Jesus und seine Mutter wählen oft die Kinder aus, um ihnen Aufgaben anzuvertrauen, die von grober Bedeutung für das Leben der Kirche und der Menschheit sind. Ich habe nur einige weltweit bekannte genannt, aber wie viele andere, weniger bekannte gibt es! Der Erlöser der Menschheit scheint mit ihnen die Sorge für die anderen zu teilen: für die Eltern, für die Schulfreunde und Spielgefährten. Er erwartet so sehr ihr Gebet. Was für eine enorme Macht hat das Gebet der Kinder! Es wird zu einem Vorbild selbst für die Erwachsenen: mit schlichtem und restlosem Vertrauen beten heißt beten, wie die Kinder zu beten verstehen.

Und da komme ich an einen wichtigen Punkt meines Briefes: am Ende des Jahres der Familie möchte ich eurem Gebet, liebe kleine Freunde, die Probleme eurer und aller Familien der Welt anvertrauen. Und nicht nur das: ich habe euch noch andere Absichten anzuvertrauen. Der Papst zählt sehr auf euer Gebet. Wir müssen miteinander und viel beten, damit die Menschheit, die aus mehreren Milliarden von einzelnen Menschen besteht, immer mehr zur Familie Gottes wird und in Frieden leben kann. Ich habe am Anfang an die unsäglichen Leiden erinnert, die so viele Kinder in diesem Jahrhundert erfahren haben, und an jene, die viele von ihnen noch immer erdulden, auch in diesem Augenblick. Wie viele fallen auch in diesen Tagen dem Hab zum Opfer, der in verschiedenen Zonen der Erde wütet: zum Beispiel auf dem Balkan und in einigen Ländern Afrikas. Als ich über diese Geschehnisse nachdachte, die unsere Herzen mit Schmerz erfüllen, habe ich beschlossen, euch, liebe Kinder, zu bitten, das Gebet für den Frieden zu eurem besonderen Anliegen zu machen. Wie ihr wohl wißt: Liebe und Eintracht bauen den Frieden auf, Hab und Gewalt zerstören ihn. Ihr schreckt instinktiv vor dem Hab zurück und werdet von der Liebe angezogen: deshalb ist der Papst sicher, daß ihr seine Bitte nicht zurückweisen werdet, sondern euch seinem Gebet für den Frieden in der Welt mit demselben Schwung anschließen werdet, mit dem ihr für den Frieden und die Eintracht in euren Familien betet.

Lobt den Namen des Herrn!

Labt mich euch, liebe Jungen und Mädchen, am Ende dieses Briefes an die Worte eines Psalms erinnern, die mich immer ergriffen haben: Laudate pueri Dominum! Lobt, Kinder, den Herrn, lobt den Namen des Herrn. Der Name des Herrn sei gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt (vgl. Ps 113, 1-3). Während ich über die Worte dieses Psalms nachdenke, ziehen vor meinen Augen die Gesichter der Kinder der ganzen Welt vorüber: vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden. Euch, kleine Freunde, sage ich ohne Unterschied von Sprache, Rasse oder Nationalität: Lobt den Namen des Herrn!

Und da der Mensch Gott vor allen Dingen mit dem Leben loben soll, vergebt nicht, was der zwölfjährige Jesus im Tempel von Jerusalem zu seiner Mutter und zu Josef sagte: »Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Der Mensch lobt Gott, wenn er der Stimme der eigenen Berufung folgt. Gott ruft jeden Menschen, und seine Stimme läßt sich schon in der Seele des Kindes vernehmen: Er beruft zu einem Leben in der Ehe oder aber dazu, Priester zu werden; er beruft zu einem gottgeweihten Leben oder vielleicht zur Arbeit in den Missionen… Wer weiß? Betet, liebe Jungen und Mädchen, um eure Berufung herauszufinden und ihr dann großherzig zu folgen.

Lobt den Namen des Herrn! In der Nacht von Betlehem blicken die Kinder aller Kontinente gläubig auf das neugeborene Kind und erleben die grobe Freude des Weihnachtsfestes. Mit Liedern und Gesängen in ihren Sprachen loben sie den Namen des Herrn. So verbreiten sich die eindrucksvollen Weihnachtsweisen über die ganze Erde. Es sind zarte, ergreifende Worte, die da in allen menschlichen Sprachen erklingen; wie ein Jubelgesang, der von der ganzen Erde aufsteigt, um sich mit jenem der Engel zu vereinen, die über dem Stall von Betlehem Gottes Herrlichkeit verkünden: »Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade« (Lk 2, 14). Der von Gott geliebte Sohn kommt als neugeborenes Kind zu uns; in seiner Nähe fühlen die Kinder jeder Nation der Erde auf sich den liebevollen Blick des himmlischen Vaters und freuen sich, weil Gott sie liebt. Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er ist aufgerufen, Gott und den Nächsten zu lieben, um aber wirklich zu lieben, muß er die Gewißheit haben, daß Gott ihn lieb hat.

Gott liebt euch, liebe Kinder! Das will ich euch am Ende des Jahres der Familie und anläßlich dieses Weihnachtsfestes sagen, das in besonderer Weise euer Fest ist.

Ich wünsche euch, daß es ein Fest voller Freude und Fröhlichkeit sein möge; ich wünsche euch, dab ihr dabei ganz intensiv die Liebe eurer Eltern, eurer Geschwister und der anderen Familienmitglieder erfahrt. Diese Liebe möge sich dann eben durch euch, liebe Kinder, auf eure ganze Umgebung, ja auf die ganze Welt ausweiten. So wird die Liebe alle erreichen, die sie besonders nötig haben, im besonderen die Leidenden und Verlassenen. Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die von der Liebe ausgelöst wird? Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die du, Jesus, zu Weihnachten in das Herz der Menschen und besonders der Kinder trägst?

Hebe dein Händchen, göttliches Kind,
und segne diese deine kleinen Freunde,
segne die Kinder der ganzen Erde!

Aus dem Vatikan, am 13. Dezember 1994.

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Quelle

Bischof Hanke unterstützt Bürgerinitiative zum Schutz von Ehe und Familie

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Die europäische Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ unterstützt der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke. Das teilt der Pressedienst der Diözese mit.

Mit seiner Unterschrift schließe sich der Bischof der Forderung nach einer EU-Verordnung an, mit der Ehe und Familie geschützt werden sollen.

Bischof Hanke betonte, dass auf dem christlichen Menschenbild auch ein entsprechendes Verständnis von Ehe und Familie aufgebaut ist:

„Heute wird in der Europäischen Union viel über die Förderung von Ehe und Familie geredet, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter und Kind“ möchte Ehe und Familie europaweit so definieren, dass sie mit dem christlichen Menschenbild übereinstimmt: Ehe als Lebensbund von Mann und Frau, Familie als Gemeinschaft, die auf der Ehe basiert. Ich hoffe, dass viele Gläubige diese wichtige europäische Initiative unterstützen“.

Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ lädt europaweit ein, sich in Unterschriftenlisten einzutragen und so für den Schutz der Ehe und Familie einzutreten.

Neben anderen Bischöfen gehört auch Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, zu den Unterstützern. Die Initative wirbt auch in den Sozialen Medien für Unterschriften und Unterstützung.

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Das internationale Hilfswerk Kirche in Not hat einen Video-Aufruf zur Initiative veröffentlicht:

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EICHSTÄTT , 26 October, 2016 / 5:53 PM (CNA Deutsch).-

Das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder (II)

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Foto: Arguez

In diesem Artikel wird dargelegt, dass neben der Familie auch der Staat und die Kirche unersetzliche Pflichten im Bereich der Erziehung haben.

Der vorausgehende Artikel behandelte die natürliche Begründung des Rechts der Eltern auf Erziehung ihrer eigenen Kinder sowie den universellen und unverzichtbaren Charakter dieses Rechtes.

Geht man von dieser Überlegung aus, fällt es sicher leicht die Schule als eine Ergänzung der Bildungsarbeit zu verstehen, die zuhause erfolgen muss. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Eltern gesetzlich für Fragen zuständig sind, die mit der Erziehung zu tun haben. Der Staat und auch die Kirche haben aus anderen Gründen in diesem Bereich unentbehrliche Pflichten.

Die Aufgabe des Staates auf dem Gebiet der Erziehung

Es gibt mehrfache Gründe, die das Interesse der Behörden an der Erziehung rechtfertigen. Vom Erfahrungsstandpunkt aus ist es international nachgewiesen, dass das tatsächliche Wachstum der Freiheit und des sozioökonomischen Fortschritts der Gesellschaften auf der Notwendigkeit beruht, dass die staatlichen Behörden ein gewisses kulturelles Niveau der Bevölkerung sicherstellen. Eine verflochtene Gesellschaft kann nämlich nur dann richtig funktionieren, wenn es eine angemessene Verbreitung der Informationen und der entsprechenden Kenntnisse für deren richtige Verarbeitung gibt, wie auch ein ausreichendes Verständnis für die Tugenden und die Verhaltensregeln, die das Zusammenleben der Bürger ermöglichen und die eigenen und die gemeinsamen Verhaltensweisen prägen.

Man braucht zum Beispiel nur an die Bedeutung der Bekämpfung des Analphabetismus zur Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit zu denken, um zu verstehen, dass der Staat unaufgebbare Befugnisse und Rechte bezüglich der Förderung und Verbreitung der Erziehung besitzt, auf die jeder Mensch ein unveräußerliches Recht hat i.

Als konkrete Forderung des Gemeinwohls ist es zulässig, dass die staatliche Gesetzgebung bestimmte Bildungsstufen festlegt, deren erfolgreicher Abschluss die rechtliche Voraussetzung für den Zugang zu bestimmten Universitätsstudien und anderen Arten beruflicher Tätigkeiten sein kann.

In diesem Zusammenhang kann die Frage aufkommen, ob die Zuständigkeiten der Eltern und die des Staates nicht im Widerspruch stehen oder sogar unvereinbar sind, oder ob sie im Gegenteil eine gegenseitige Ergänzung sein können. Jedenfalls wird es gut sein sich zu fragen wie sie sich aufeinander abstimmen lassen. Wie weit kann kann der Staat rechtlich eingreifen ohne das Recht der Eltern untergraben, oder wann darf er eingreifen, um die Rechte der Kinder gegenüber den Eltern sicherzustellen?

In Wirklichkeit geht es dabei um Fragen, die an sich die Rolle des Staates bezüglich der Erziehung nicht berühren. Im Gegensatz zu dem, was wünschenswert wäre, zeigt sich bei den Behörden in vielen Ländern – zumindest seit dem 18. Jahrhundert – eine Neigung, die Erziehungsaufgaben zunehmend ausschließlich an sich zu ziehen, so dass fallweise eine fast vollständiges Schulmonopol erreicht wird.

Hinter diesem Interesse steckt die Absicht, allen Menschen eine einheitliche Ethik vorzuschreiben, die einer bürgerlichen Moral entsprechen sollte, deren Inhalt aus einigen allgemein gültigen und von allen anerkannten ethischen Minimalgrundsätzen besteht; und die in besonders übertriebenen Fällen zu einer beinahe totalitären Weltanschauung verkommen ist, weil sie versucht, dem Bürger die Verantwortung zu nehmen, ein eigenes Sitten- und Gewissensurteil zu haben, und weil sie ihm Lebensentwürfe oder Lebensstile verbietet, die anders sind als jene, die von der öffentlichen Meinung verbreitet werden, die der Staat geschaffen und unterstützt hat.

Das Mittel zur Verfolgung dieser Ziele ist die hartnäckige Verteidigung des wertneutralen Unterrichtes in der so genannten öffentlichen Schule gewesen, das An-den-Rand-Drängen oder die wirtschaftliche Aushungerung der Bildungsinitiativen, die im Schoß der Zivilgesellschaft entstanden sind, oder indirekt das Einführen von amtlichen Genehmigungsbedingungen oder allgemeine Programme durch staatliche Verordnungen, die dermaßen einschränkend und erschöpfend sind, dass sie in Wirklichkeit die Möglichkeit der Spezialangebote gesellschaftlicher Alternativen beseitigen. Das führt über den Weg der vollendeten Tatsachen zu einem Erziehungsmonopol oder zu einem rein äußerlichen Vorhandensein der schulischen Vielfalt.

In diesem Zusammenhang kann man sagen, dass die angebliche Vorurteilslosigkeit der staatlichen Bildungsprogramme nur scheinbar besteht, weil sie eine ganz eindeutige ideologische Einstellung enthalten. Im Westen lässt sich darüber hinaus feststellen, dass diese Art von Initiativen üblicherweise mit dem Bestreben verbunden ist, die menschliche Kultur von jeder Art religiöser Anschauung zu befreien, oder mit der Absicht, sittliche Grundwerte als nicht so wichtig anzusehen, wie etwa den Sinn der Gemütsregungen und der Liebe, der Mutterschaft, des Rechts auf Leben vom Augenblick der Zeugung an bis zu einem natürlichen Tod …

Diese Einstellung hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt, weil auf die Schulen Grundsätze angewendet wurden, die eher für den Universitätsbetrieb geeignet sind, wie die Lehr- und Meinungsfreiheit derer, die sich der Lehre widmen. So gesehen ist die Bildungsfreiheit eingeschränkt auf die vermeintliche Freiheit, die der Lehrer als ein vom Staat gewährtes Zugeständnis besitzen soll, um seine Ideen zu äußern und seine Schüler nach seinem Gutdünken zu bilden.

Hinter dieser Art, die Freiheit zu verstehen, lässt sich ein tiefer Pessimismus erkennen hinsichtlich der Fähigkeiten des Menschen und der Eignung der Eltern sowie der Gesellschaft im allgemeinen, den Kindern eine Ausbildung in der Tugend und der bürgerlichen Verantwortung sicherzustellen.

Diese Schwierigkeiten werden überwunden, wenn man bedenkt, dass die Schule eine Vertretungsaufgabe in Bezug auf die Eltern durchführt. «Die Behörden haben die Pflicht, dieses Elternrecht zu gewährleisten und dafür zu sorgen, dass es auch wirklich ausgeübt werden kann» ii, das heißt, sie haben sich an das Subsidiaritätsprinzip zu halten.

DIE LEHRFREIHEIT

Die Verteidigung des Elternrechts auf Erziehung ihrer Kinder im Schulbereich, sei es in Hinblick auf die Überschreitung der Zuständigkeit der Behörden, sei es in Bezug auf die weltanschaulichen Auffassungen des Lehrers, bezeichnet man gewöhnlich als Lehrfreiheit oder auch Freiheit der Erziehung. Es ist dasselbe natürliche Recht der Eltern vom Standpunkt der Beziehungen mit dem Staat und mit den anderen Erziehungsbeauftragten her gesehen.

Die Lehrfreiheit ist deshalb ein Menschenrecht, das den Familieneltern zukommt, damit sie ihre Kinder entsprechend ihren Vorstellungen erziehen, die ganz unterschiedlich sein können iii: angefangen von Fragen, die den Lebenslauf angehen (die Wahl der Sprachen oder der Sportarten, die sie ausüben), bis zu den Unterrichtsmethoden oder den Erziehungsmodellen (dazu gehören beispielsweise der getrennte Unterricht oder andere eher disziplinäre Dinge).

Verständlicherweise gehört die religiöse Ausrichtung zu diesem Bereich: es ist normal, dass die Eltern ihre Kinder im selben Glauben erziehen wollen, den sie bekennen und ausüben. Es geht also nicht um eine konfessionelle oder ideologische Frage, sondern um das natürliche Recht der Eltern.

Diese Freiheit stellt sicher, dass sie es sind, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern, sei es selber, sei es durch die Wahl der Schulen oder anderer Hilfsmittel, die sie dafür geeignet oder notwendig halten, oder auch durch die Errichtung eigener Erziehungszentren. Dem Staat kommen zweifellos Aufgaben in der Förderung, der Kontrolle und Beaufsichtigung des Schulwesens zu. Aber das verlangt Chancengleichheit zwischen den staatlichen Unternehmungen und privaten Initiativen. Beaufsichtigen bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu machen und die Freiheit zu behindern oder einzuschränken iv.

Jedenfalls ist dieses Recht nicht auf den häuslichen Bereich beschränkt, sondern es betrifft gerade die Bildung, die der von den Behörden rechtmäßig angeordneten Schulpflicht nachkommt, damit die Minderjährigen eine Mindestausbildung erhalten. Das heißt es gilt für die gesamte Zeit, in der sich die Kinder unter der Vormundschaft ihrer Eltern befinden.

Folglich geht es bei der Lehrfreiheit nicht um jede beliebige Art der Bildung, sondern um die Ausbildungsmaßnahmen, die eine allgemeine gesellschaftliche Bedeutung haben, damit die von einem Minderjährigen erhaltene Bildung rechtlich gültig ist. Die Lehrfreiheit setzt voraus anzuerkennen, dass nicht nur die staatliche Schule fähig ist, die Erfüllung der von den Behörden rechtmäßig festgesetzten Verpflichtung zur Mindestschulbildung nachzuweisen.

In dieser Zeit der Minderjährigkeit wird die Tätigkeit der Lehrer weder von der freien Wissenvermittlung noch von der für die Universität geltenden Forschungsfreiheit und deren Aufgabe bestimmt. Die Lehrer sind vor allem als Beauftragte der Eltern tätig. Sie stellen ihre beruflichen Fähigkeiten zur Verfügung, um mit ihnen gemeinsam die Kinder so zu erziehen, wie die Eltern es haben wollen.

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Foto: Medellin.Digital

Im Bereich der Schule ist die Lehrtätigkeit des Lehrers eine Arbeit, die sich als “väterlich” bezeichnen lässt; sie sollte niemals ideologisch sein. Die Lehrfreiheit lehnt sich gegen den Wertewandel auf, der die Beseitigung des Grundsatzes mit enthält, die Schule habe im Auftrag der Eltern zu handeln, und ihn durch jenen anderen ersetzt, der behauptet, die Schule sei als ideologisch-administrativer Vertreter der staatlichen Behörden tätig.

DIE VERPFLICHTUNG ZUM EINGREIFEN IM ÖFFENTLICHEN BEREICH BEI ERZIEHUNGSFRAGEN

Alle Bürger, insbesondere die Eltern, können und sollen einzeln oder in Vereinen im öffentlichen Bereich Stellung nehmen, wenn es um die Erziehung geht, die eine ganz wichtige Angelegenheit des Gemeinwohls ist.Im Leben der Völker gibt es zwei Bereiche, die von entscheidender Bedeutung sind: die Gesetze über Ehe und Familie und die über die Erziehung. Hier müssen die Kinder Gottes – aus Liebe zu allen Menschen – feste Grundsätze vertreten und sich selbstlos einsetzen v.

Diese Festigkeit, die besonders wichtig für eine auf der Ehe beruhenden Familie ist, stützt sich auf eine angeborene Berechtigung, die weder vom Staat noch von der Gesellschaft gewährt wird, sondern schon vor diesen besteht, weil sie in der Natur des Menschen ihre Grundlage hat. Daher muss sie bestrebt sein, dass das den Eltern zustehende Recht anerkannt wird, die eigenen Kinder selbst zu erziehen oder diese Tätigkeit jenen zu übertragen, denen sie vertrauen. Es ist also ein Ausdruck der gesellschaftlichen Eigenständigkeit der Familie und deren Umfangs der Selbstbestimmung anderen Gewalten gegenüber, die beabsichtigen sich auf diesem Gebiet einzumischen. So eine Haltung verlangt von den Eltern allerdings ein hohes Maß an Verantwortungssinn und Eigeninitiative.

J.A. Araña, C.J. Errázuriz

i Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der UNESCO , 2.6.1980; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis conscientia , Nr. 92.

ii Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2229.

iii Vgl. ebd.

iv Hl. Josefmaria, Gespräche mit Mons. Escrivá de Balaguer, Nr. 79.

v Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede , Nr. 104.

Das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder (I) – Ausdruck der Liebe –

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Auch wenn sie sich an andere Mitwirkende wenden können, sind die Eltern immer die Hauptverantwortlichen für die Erziehung der Kinder, wie in diesem Artikel näher erläutert wird.

Die heute geltende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte legt im Artikel 26 das Recht der Eltern fest, die Erziehung zu wählen, die sie für ihre Kinder bevorzugen i, und noch erwähnenswerter ist die Tatsache, dass die Unterzeichner diese Grundregel zu den Grundgesetzen zählen, die ein Staat weder verweigern noch gezielt verändern darf.

Es gehört zur menschlichen Natur, ein von seiner inneren Art her gesellschaftliches und abhängiges Lebewesen sein. Die Abhängigkeit zeigt sich am deutlichsten in den Kindesjahren. Zum menschlichen Wesen gehört, dass wir alle eine Erziehung erhalten, in die Gesellschaft hineinwachsen, sich eine Kultur und einige Kenntnisse aneignen müssen.

Genau genommen ist ein Kind nicht nur ein in die Welt hineingestelltes Geschöpf: im Menschen gibt es eine enge Verbindung zwischen Zeugung und Erziehung, die so weit geht, dass letztere als Fortsetzung oder Vervollständigung des Zeugungsaktes angesehen wird. Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung, das notwendig ist, um seine Fähigkeiten entfalten zu können; und diesem Recht der Kinder entspricht das Recht und die Verpflichtung der Eltern sie zu erziehen.

AUSDRUCK DER LIEBE GOTTES

Das lässt sich gut an der lateinischen Bezeichnung für Erziehung “educatio” erkennen. Das Wort educare bedeutet vor allem die Handlung und die Folge der Versorgung oder des Aufziehens der Nachkommenschaft. Es ist klar, dass diese Versorgung nicht nur materiell zu verstehen ist, sondern auch die Entfaltung der geistigen Fähigkeiten der Kinder umfasst, der intellektuellen wie der sittlichen, zu denen auch die Tugenden und Höflichkeitsformen gehören.

Sohn und Vater, Tochter und Mutter sind, jeweils im Bezug auf den anderen, die natürlichen Zöglinge und Erzieher, und jede andere Art der Erziehung ist es nur in sinngemäßer Weise: die Erziehung betrifft den Menschen insofern er Sohn oder Tochter ist, das heißt, insofern er von seinen Eltern abhängt.

Daher liegt der Grund des Rechts auf Erziehung in der menschlichen Natur, und seine Wurzeln liegen in wirklichen Dingen, die für alle Menschen ähnlich sind und die letztlich die Gesellschaft selbst begründen. Darum hängen die Rechte zur Erziehung und zum Erzogen-werden nicht davon ab, ob sie durch ein positives Gesetz festgelegt worden sind oder nicht; sie sind auch nicht einZugeständnis der Gesellschaft oder des Staates. Es handelt sich um Grundrechte im strengsten Sinn, den dieses Wort enthält.

Das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder ist also bezogen auf jenes der Kinder, eine ihrer Menschenwürde und ihren Bedürfnissen entsprechende Erziehung zu erhalten; dieses letztere ist der Grund für das erste. Die Angriffe gegen das Recht der Eltern sind letztlich nichts anderes als ein Angriff gegen das Recht der Kinder, das aus Gerechtigkeit von der Gesellschaft anerkannt und gefördert werden muss.

Die Tatsache, dass das Recht der Kinder erzogen zu werden grundlegender ist, bedeutet jedoch nicht, dass die Eltern darauf verzichten könnten, Erzieher zu sein, etwa unter dem Vorwand, dass andere Personen oder Institutionen sie besser erziehen können. Das Kind ist vor allem Kind; und für sein Heranwachsen und Reifen ist es ganz wichtig, dass es als solches im Schoß der Familie aufgenommen wird.

Die Familie ist der natürliche Ort, an dem die Beziehungen der Liebe, des Dienstes, der gegenseitigen Hingabe, die zum innersten Bereich des Menschen gehören, erfahren, erachtet und erlernt werden. Daher sollte jeder Mensch, außer in den unmöglichen Fällen, im Schoß einer Familie von seinen Eltern erzogen werden. Dabei können andere Personen – jeder in seiner verschiedenen Rolle – mitwirken: Geschwister, Großeltern, Tanten, Onkel …

Vom Glauben erhellt erhalten die Zeugung und die Erziehung einen neuen Sinn: das Kind ist zur Vereinigung mit Gott berufen und ist für die Eltern so etwas wie ein Geschenk, das zugleich Ausdruck ihrer ehelichen Liebe ist.

Wenn neuerlich ein Kind geboren wird, bekommen die Eltern eine neue göttliche Berufung: der Herr erwartet von ihnen, dass sie das Kind in der Freiheit und in der Liebe erziehen. Sie sollen es nach und nach zu Ihm hinführen. Er erwartet, dass der Sohn oder die Tochter in der ihm oder ihr von den Eltern erwiesenen Liebe und Zuwendung ein Spiegelbild der Liebe und Aufmerksamkeit bemerkt, die Gott selbst ihnen zuwendet. Daher sind für christliche Eltern das Recht und die Pflicht zur Erziehung eines Kindes aus Gründen unverzichtbar, die weit über einen natürlichen Verantwortungssinn hinausgehen. Sie sind auch unverzichtbar, weil sie zu ihrer Hochachtung gegenüber der göttlichen Berufung gehören, die sie mit der Taufe erhalten haben.

Auch wenn die Erziehung vor allem eine Tätigkeit des Vaters und der Mutter ist, tut es jeder andere Erzieher, weil er von den Eltern dazu beauftragt wurde und ihnen unterstellt ist. «Die Eltern sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher der eigenen Kinder und haben auch in diesem Bereich grundliegende Zuständigkeit: Sie sind Erzieher, weil sie Eltern sind. Sie teilen ihren Erziehungsauftrag mit anderen Personen und Institutionen wie der Kirche und dem Staat; dies muss jedoch immer in korrekter Anwendung des Prinzips der Subsidiarität geschehen»ii.

Es ist natürlich gestattet, dass die Eltern Hilfen suchen, um ihre Kinder zu erziehen. Die Aneignung kultureller oder technischer Fertigkeiten, die Beziehung zu Personen über den Kreis der Familie hinaus, usw. sind notwendige Teilbereiche für ein richtiges Heranwachsen des Menschen, die die Eltern auf sich allein gestellt nicht in angemessener Weise abdecken können. Das heißt, «jeder andere Mitwirkende am Erziehungsprozess kann nur im Namen der Eltern, auf Grund ihrer Zustimmung, und in einem gewissen Maße sogar in ihrem Auftrag tätig werden» iii: solche Hilfestellungen werden von den Eltern gesucht, die niemals das aus dem Blick verlieren, was sie von ihnen erwarten, und die aufmerksam sind, damit sie ihren Absichten und Erwartungen entsprechen.

ELTERN UND SCHULEN

Die Schule ist in diesem Zusammenhang als eine Einrichtung zu verstehen, die dazu ausersehen ist, mit den Eltern bei deren Erziehungsarbeit zusammenzuarbeiten. Es ist umso dringender sich dieser Tatsache bewusst zu sein, wenn wir daran denken, dass es heute viele Gründe gibt, die die Eltern – oft ohne sich dessen ganz bewusst zu sein – dazu bringen können, die große Bedeutung der ihnen zukommenden wunderbaren Arbeit nicht zu verstehen und in Wirklichkeit auf ihre Rolle als vollverantwortliche Erzieher zu verzichten.

Der von Papst Benedikt XVI. mehrmals angesprochene Erziehungsnotstand hat seinen Grund in dieser Verwirrung: Die Erziehung wurde verkürzt auf«die Weitergabe bestimmter Fähigkeiten oder Fertigkeiten (…). Den Wunsch der jungen Generationen, glücklich zu sein, versucht man dadurch zu kompensieren, dass man sie mit Konsumprodukten überhäuft und ihnen kurzlebige Freuden verschafft» iv, und auf diese Weise bleiben die Jugendlichen «letztlich allein gelassen angesichts der großen Fragen, die unweigerlich in ihnen aufbrechen» v, und einer Gesellschaft und Kultur ausgeliefert, die sich den Relativismus zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht hat.

Angesichts dieser möglichen Schwierigkeiten und wegen ihres von Natur aus gegebenen Rechts müssen die Eltern spüren, dass die Schule in gewisser Weise eine Erweiterung ihres Zuhauses ist. Sie ist ein Mittel ihrer eigenen Aufgabe als Eltern und nicht nur ein Ort, an dem den Kindern eine Reihe von Kenntnissen vermittelt wird.

Als erste Bedingung muss der Staat die Freiheit der Familien sicherstellen, so dass es ihnen möglich ist die Schule oder die Bildungszentren wohlüberlegt auszuwählen, die ihnen für die Erziehung ihrer Kinder am besten geeignet erscheinen. Sicherlich besitzt der Staat im Rahmen seiner Aufgabe das Gemeinwohl zu schützen, einige Rechte und Pflichten im Erziehungsbereich. Auf sie werden wir in einem der nächsten Artikel zurückkommen. Dieses Eingreifen darf aber nicht dem berechtigten Bestreben der Eltern entgegenstehen, ihre eigenen Kinder in Übereinstimmung mit den Werten zu erziehen, die von ihnen für wichtig gehalten und vorgelebt werden, und die sie als wertvoll für ihre Nachkommen ansehen.

Wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, muss der Staat – auch wenn es nur eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit wäre – die Mittel und die günstigen Voraussetzungen bereitstellen, denn die Eltern «müssen in der Wahl der Schule wirklich frei sein, (…) für ihre Kinder die Schulen nach ihrem Gewissen wirklich frei wählen können» vi. Daher ist es wichtig, dass sich jene, die in den Bereichen der Politik und der Öffentlichen Meinung tätig sind, darum bemühen, dass dieses Recht gewahrt bleibt und so weit wie möglich gefördert wird.

Das Interesse der Eltern an der Erziehung ihrer Kinder zeigt sich in tausend Details. Unabhängig von der Einrichtung, in der die Kinder studieren, ist es ganz normal sich über das dort herrschende Klima und die vermittelten Inhalte zu erkundigen.

Auf diese Weise schützt man die Freiheit der Schüler ; das Recht, dass ihre Persönlichkeit nicht verbildet wird und ihre Fähigkeiten nicht übergangen werden; den rechtmäßigen Anspruch auf eine gesunde Bildung, ohne dass man ihre ganz natürliche Lernbereitschaft missbraucht, um ihnen Auffassungen und menschliche Teilansichten aufzudrängen. So wird es ermöglicht und gefördert, dass die Kinder einen gesunden kritischen Geist entwickeln, und gleichzeitig zeigt man ihnen, dass auf diesem Gebiet das Interesse der Eltern über die Schulergebnisse hinausgeht.

Genau so wichtig wie dieser Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern ist jener der Eltern mit den Lehrern. Eine klare Folge davon, die Schule als ein weiteres Hilfsmittel der eigenen Erziehungsarbeit anzusehen, ist aktiv bei den Initiativen oder beim Festlegen der Grundeinstellungen der Schule mitzuarbeiten.

Insofern ist es wichtig, bei ihren Tätigkeiten mitzumachen: Erfreulicherweise hat es sich immer mehr eingebürgert, dass die staatlichen wie die privaten Schulen von Zeit zu Zeit Tage der offenen Tür, Sporttage oder Informationsrunden mit eher akademischer Ausrichtung veranstalten. Besonders bei den zuletzt genannten Zusammenkünften ist eine Teilnahme – wenn möglich – beider Eltern anzustreben, auch wenn das einigen Aufwand an Zeit oder Organisation erfordert. Auf diese Weise wird den Kindern, ohne viel sagen zu müssen, vermittelt, dass beide Eltern die Schule als einen bedeutenden Teil im Familienleben ansehen.

In diesem Zusammenhang eröffnen sich durch das Mitwirken in Elternvereinen – indem man bei der Planung von Veranstaltungen mitmacht, gute Vorschläge einbringt oder sich sogar an den Leitungsgremien beteiligt – eine Reihe von neuen erzieherischen Möglichkeiten. Ohne Zweifel bedarf es einer aufopferungsbereiten Einstellung: man muss sich Zeit nehmen, um mit anderen Familien zu sprechen, um die Professoren kennen zu lernen, an Sitzungen teilzunehmen usw. …

Diese Schwierigkeiten werden jedoch – vor allem für jemanden, der Gott liebt und den anderen dienen will – reichlich aufgewogen durch das Eröffnen eines apostolischen Betätigungsfeldes, das unermesslich groß ist. Selbst wenn die Schulordnung es nicht zulässt bei der Ausrichtung einiger Ausbildungsprogramme unmittelbar mitzuwirken, besteht die Möglichkeit, die Professoren und die Schulleitung dazu zu bringen und zu bewegen, dass im Unterricht die Tugenden, das Gute und das Schöne vermittelt werden.

Die anderen Eltern sind die ersten, die für so einen Einsatz dankbar sind. Für sie wird ein bei der Arbeit der Schule mitwirkender Vater – egal ob er diesen Auftrag erhalten hat oder ob er aus Eigeninitiative seine Sorge um das Klima in der Klasse zeigt, usw. – zu einer Bezugsperson: er ist jemand, auf dessen Erfahrung man sich stützt, oder den man bei der Erziehung der eigenen Kinder um Rat bittet.

Auf diese Weise öffnet sich der Weg zur persönlichen Freundschaft und mit ihr zu einem Apostolat, das letztlich allen Menschen im Erziehungsumfeld, in dem sich die Kinder entfalten, zugute kommt. Hier trifft voll zu, was der heilige Josefmaria im Buch Der Weg über die Fruchtbarkeit des persönlichen Apostolats geschrieben hat: Du bist für deine Umgebung, Apostel, ein Stein der in den See fällt. – Löse du mit deinem Beispiel und Wort einen Kreis aus. Dieser erzeugt einen neuen, dieser wieder einen und wieder einen . . . Jeder wird größer als der vorhergehende. Begreifst du jetzt die Größe deiner Sendung? vii

J.A. Araña – J.C. Errázuriz

i Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 10.12.1948, Nr. 26.

ii Johannes Paul II., Brief an die Familien, 2.2.1994, Nr. 16.

iii Ebd.

iv Benedikt XVI., Ansprache bei der Eröffnung der Pastoraltagung der Diözese Rom, 11.6. 2007.

v Benedikt XVI,. Ansprache vor der Ital. Bischofskonferenz, 28.5.2008.

vi II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die christliche Erziehung Gravissimum educationis, Nr. 6.

vii Hl. Josefmaria. Der Weg, Nr. 831.

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Quelle