Die Familie ist das »Ja« Gottes

Brief von Papst Franziskus zur Vorbereitung auf
das Weltfamilientreffen in Dublin im August 2018

An den verehrten Bruder Kardinal Kevin Farrell,
Präfekt des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben

Zum Abschluss des VIII. Weltfamilientreffens, das im September 2015 in Philadelphia stattgefunden hat, habe ich angekündigt, dass das nächste Treffen mit den katholischen Familien der ganzen Welt in Dublin stattfinden soll. Da nun die Vorbereitungen beginnen, freue ich mich zu bestätigen, dass die Begegnung vom 21. bis 26. August 2018 stattfinden wird und das Thema haben soll: »Das Evangelium von der Familie: Freude für die Welt«. Hinsichtlich des Themas und seiner Behandlung möchte ich einige präzisere Hinweise geben. Denn es ist mein Wunsch, dass die Familien die Möglichkeit haben, Reflexion und Austausch über die Inhalte des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris laetitia zu vertiefen.

Man könnte sich die Frage stellen: Ist das Evangelium weiterhin Freude für die Welt? Und weiter: Ist die Familie weiterhin eine gute Nachricht für die Welt von heute?

Ich bin sicher, dass dem so ist! Und dieses »Ja« ist fest gegründet auf den Plan Gottes. Die Liebe Gottes ist sein »Ja« zur ganzen Schöpfung und zum Herzen dieser Schöpfung, dem Menschen. Es ist das »Ja« Gottes zur Verbindung zwischen Mann und Frau, die für das Leben in allen seinen Phasen offen ist und die bereit ist, ihm zu dienen. Es ist das »Ja« und der Einsatz Gottes für eine Menschheit, die häufig verletzt, misshandelt und von einem Mangel an Liebe beherrscht wird. Die Familie ist das »Ja« Gottes, der Liebe ist. Nur von der Liebe ausgehend kann die Familie die Liebe Gottes in der Welt bezeugen, verbreiten und neugebären. Ohne Liebe kann man nicht als Kinder Gottes, als Ehepartner, als Eltern und Geschwister leben.

Ich möchte unterstreichen, wie wichtig es ist, dass die Familien sich häufig fragen, ob sie ausgehend von der Liebe, für die Liebe und in der Liebe leben. Konkret bedeutet das: sich verschenken, einander verzeihen, nicht ungeduldig werden, dem anderen zuvorkommen, einander achten. Wie viel besser wäre das Familienleben, wenn jeden Tag die drei einfachen Worte »bitte«, »danke«, »Entschuldigung« gelebt würden. Jeden Tag erleben wir Zerbrechlichkeit und Schwäche, und daher brauchen wir alle, die Familien und die Hirten, eine erneuerte Demut, die den Wunsch weckt, uns selbst zu bilden und zu formen, zu erziehen und erzogen zu werden, zu helfen und uns helfen zu lassen, zu begleiten, zu unterscheiden und alle Menschen guten Willens zu integrieren. Ich träume von einer Kirche, die hinausgeht, nicht selbstreferentiell ist, von einer Kirche, die nicht distanziert an den Wunden des Menschen vorbeigeht, von einer barmherzigen Kirche, die das Herz der Offenbarung Gottes verkündet, der Liebe und Barmherzigkeit ist. Diese Barmherzigkeit ist es, die uns in der Liebe erneuert. Und wir wissen, wie sehr die christlichen Familien Orte der Barmherzigkeit und Zeugen der Barmherzigkeit sind. Nach dem außerordentlichen Jubiläum sind sie dies noch mehr und das Treffen von Dublin wird dafür konkrete Zeichen bieten können.

Daher lade ich die ganze Kirche ein, diese Hinweise in der pastoralen Vorbereitung auf das kommende Welttreffen zu berücksichtigen.

Ihnen, lieber Bruder, und Ihren Mitarbeitern stellt sich die Aufgabe, insbesondere die Lehre von Amoris laetitia zu veranschaulichen, denn die Kirche möchte, dass die Familien immer mit dieser Lehre auf dem Weg sind in jener inneren Pilgerschaft, die Zeichen eines authentischen Lebens ist. Mein Gedanke gilt besonders der Erzdiözese Dublin und der ganzen geliebten irischen Nation für die großherzige Aufnahme und für den Einsatz, den es mit sich bringt, Gastgeber eines Ereignisses dieser Tragweite zu sein. Der Herr vergelte es euch schon jetzt mit reichen himmlischen Gaben.

Die Heilige Familie von Nazaret leite, begleite und segne euren Dienst und alle Familien, die an der Vorbereitung des großen Welttreffens von Dublin beteiligt sind.

Aus dem Vatikan, 25. März 2017 (Orig. ital. in O.R. 31.3.2017)

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS MUTTER

Die Ehe ist nicht Selbstzweck, sondern von Gott einge­setzt für die Nachkommenschaft. So ist also die Krönung der Ehe für die Frau die Mutterschaft. Zahllos sind die Worte, die der Papst den Frauen darüber zu sagen hat. Er verlangt für dieses Amt eine besonders sorgfältige Vorbe­reitung, wie er es ausdrücklich in seiner großen Ansprache vom 26. Oktober 1941 vor den italienischen Frauen der Katholischen Aktion am Christkönigsfest zum Ausdruck bringt. „Aber es genügt nicht, daß man von einer Pflicht weiß und den Willen hat, sie zu erfüllen; man muß sich auch die Fähigkeit aneignen, sie gut zu erfüllen. Nun seht ihr etwas Seltsames, das auch Pius XI. in seiner En­zyklika (,Divini illius Magistri‘) vom 31. Dezember 1929 (über die christliche Erziehung der Jugend) beklagte: Während es niemand in den Sinn kommen würde, plötz­lich und auf einmal, ohne Lehrzeit und Vorbereitung, Handwerker oder Techniker, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden, verheiraten und vereinigen sich alle Tage nicht wenige junge Männer und junge Frauen, ohne auch nur einen Augenblick daran gedacht zu haben, sich auf die schwierigen Pflichten vorzubereiten, die sie bei der Erzie­hung ihrer Kinder erwarten.“ 1

Was der Papst hier in einer Schulung der italienischen Frauen ausführt, ist grundlegend auch für seine späteren

1 A. A. S. vol. 33 (1941) p. 450-458.— „Gerechtigkeit schafft Frie­den.“ Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII. Herausgegeben von W. Jussen S. J., Hansa Verlag, Hamburg 1947. S. 237 f. (zit. als „Jussen“).

Reden über diesen Pflichtenkreis. Die Ansprache vom Oktober 1941 über die Pflichten der Mutter in der Erziehung der Kinder ist an Bedeutung der späteren großen Rede „Über die Pflichten der Frau im sozialen und politi­schen Leben“ vom Oktober 1945 gleichzustellen; grund­legende Fragen in beiden Hauptberufszweigen der Frauen werden richtunggebend beantwortet. Daß die ersten Reden des Papstes bis 1945 sich an Italienerinnen wen­den, ergibt sich aus der Kriegslage, die es den Frauen anderer Nationen damals noch unmöglich machte, nach Rom zu kommen. Aber der Inhalt seiner Ansprachen ist an alle Frauen gerichtet, auch an diejenigen, die vorerst noch nicht anwesend sein konnten. Da in den Jahren des Nationalsozialismus die Papstreden in Deutschland und einigen anderen Ländern nicht verbreitet werden durften, ist uns eine Reihe der bedeutendsten Ansprachen und Enzykliken aus jener Zeit durch P. Wilhelm Jussen S. J. im Jahre 1946 in Übersetzung vorgelegt worden. In die­ser Ausgabe sind auch zwei Reden an Frauen enthalten: die Osteransprache 1939 an die Internationale Frauen­liga über das Katholische Apostolat und diese Schulungs­rede für Mütter. Den Familienmüttern und Erzieherin­nen, denen er am Christkönigs-Tag Audienz gewährte, sagt er zu Beginn: „Während Wir sonst Unser Wort an alle richten, auch wenn Wir zu den Neuvermählten spre­chen, so betrachten Wir dieses als eine ausgezeichnete Ge­legenheit, um Uns besonders an euch zu wenden, geliebte Töchter, weil Wir in den Familienmüttern — zusammen mit den frommen und erfahrenen Personen, die ihnen helfen — die ersten und vertrautesten Erzieherinnen der Kleinen zum Wachstum in der Frömmigkeit und in der Tugend sehen.“ 2

Die erste Sorge des Papstes, die er ausspricht, gilt dem Ausbau von Einrichtungen, „die wie die ‚Mütter­woche‘ sich wirksam dafür einsetzen, daß in jedem Stande

Jusssen. S. 237.

und gesellschaftlichem Rang Erzieherinnen herangebildet werden, die die Größe ihrer Sendung spüren, die in der Gesinnung und in der Haltung auf der Hut sind gegen­über dem Bösen, fest und voll Sorge gegenüber dem Guten…“

„Ein besonders günstiges Licht verbreitet eure Vereini­gung der Katholischen Aktion durch die Organisation des ,Apostolates der Wiege‘ und der ‚Mater parvulorum‘, durch die ihr Sorge tragt, die jungen Frauen schon vor der Geburt ihrer Kinder und dann während der ersten Kindheit zu bilden und ihnen zu helfen.“ 3 Bei den ge­nannten Organisationen hat der Papst italienische Ver­hältnisse im Auge. In Deutschland hatten wir bereits nach dem ersten Weltkriege Mütterschulen und Mütter­kurse, wie zum Beispiel die des Katholischen Frauenbun­des. Dazu kam die kirchliche Betreuung durch die Katho­lischen Müttervereine. Da diese Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus vom Staat abgelöst wurden, ging man nach der Beendigung des Krieges sofort daran, ein neues katholisches Mütterbildungswerk aufzubauen. In Nachmittags- oder Abendkursen werden die jungen Frauen dort alles lernen können, was ihnen für die Pflege und Erziehung der Kleinen an Wissen und Erfahrung noch fehlt.

Daß die Erziehung der Kinder nicht früh genug einsetzen kann, ist die nächste Mahnung des Papstes. „Sorget schon vor der Geburt des Kindes für die Reinheit der Atmosphäre in der Familie, in der seine Augen und seine Seele sich dem Licht und dem Leben öffnen: der Atmosphäre, die alle Schritte seines sittlichen Fortschrittes mit dem Wohlgeruch Christi umgibt. Ihr Mütter liebt, da ihr gefühlvoller seid, auch umso zärtlicher! Ihr wer­det euren Kleinen während der Kindheit in jedem Augen­blick mit eurem wachsamen Blick folgen und über ihr

3 Ebendas. S. 238 f.

Wachstum und die Gesundheit ihres kleinen Körpers wachen müssen … Bedenkt, daß diese Kinder durch die Taufe zu angenommenen Kindern Gottes geworden, die Lieblinge Christi sind, deren Engel immer das Antlitz des himmlischen Vaters schauen. Auch ihr müßt als gute Engel sie hüten, fördern und erziehen und in eurer Sorge und Wachsamkeit immer zum Himmel schauen. Von der Wiege an habt ihr nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Erziehung zu beginnen; denn, wenn ihr sie nicht erzieht, werden sie sich selber erziehen, gut oder schlecht. Denkt daran, daß nicht wenige, auch moralische Züge, die ihr im heranwachsenden, im reifen Menschen seht, tatsächlich ihren Ursprung haben in den Formen und in den Umständen des ersten leiblichen Wachstums der Kindheit; rein organische Gewohnheiten von klein auf an­geeignet, werden später vielleicht eine schwere Störung für das geistige Leben einer Seele werden. Ihr werdet da­her allen Eifer darauf verwenden, daß die euren Kleinen gewidmete Sorge in Übereinstimmung stehe mit den For­derungen einer vollkommenen Gesundheitspflege. So sollt ihr in ihnen für den Augenblick, wo sie zum Gebrauch der Vernunft gelangen, körperliche Fähigkeiten und ge­sunde Organe ohne die Anlage zu verkehrten Neigungen bereiten und festigen. Gerade aus diesem Grunde ist es so sehr zu wünschen, daß, abgesehen vom Fall der Un­möglichkeit, die Mutter selbst das Kind ihres Schoßes nährt. Wer kann die geheimnisvollen Einflüsse ergrün­den, die auf das Wachstum dieses kleinen Wesens die Ernährerin ausübt, von der es in seiner Entwicklung ganz und gar abhängt? Habt ihr nie diese offenen, fragenden, unruhigen Äuglein beobachtet, die über tausend Gegen­stände hingleiten und bald bei diesem, bald bei jenem verweilen, die einer Bewegung oder einer Geste folgen, die schon Freude und den Schmerz, den Zorn und die Starrköpfigkeit und die Anzeichen von kleinen Leiden­schaften offenbaren, die sich in dem menschlichen Herzen einnisten, noch bevor die kleinen Lippen gelernt haben, ein Wort auszusprechen? Wundert euch nicht darüber. Man wird nicht geboren — wie es philosophische Schulen gelehrt haben — mit den Begriffen eines angeborenen Wissens, noch auch mit den Träumen einer schon erlebten Vergangenheit. Der Geist eines Kindes ist ein Blatt, auf das bei der Geburt noch nichts geschrieben ist; seine Augen und die anderen Sinne, die durch sein ganzes Le­ben ihm das Leben der Welt vermitteln, werden darauf die Bilder und die Begriffe der Dinge schreiben, inmitten derer es sich befinden wird, von Stunde zu Stunde, von der Wiege bis zum Grabe. Daher hebt ein unwidersteh­licher Trieb zum Wahren und Guten ,die junge Seele, die nichts weiß und sinnt‘ (Dante, Fegefeuer XVI, 88) über die sinnlich wahrnehmbaren Dinge hinweg. Alle diese Sinnesfähigkeiten, alle diese kindlichen Empfindungen, durch die der Verstand und der Wille sich langsam offen­baren und wach werden, brauchen unbedingt eine wach­same und richtungweisende Erziehung und Unterweisung, damit das normale Erwachen und die richtige Entwicklung so edler geistiger Fähigkeiten nicht gefährdet oder ent­stellt werden. Schon jetzt wird das Kind durch einen liebevollen Blick, durch ein leitendes Wort lernen müs­sen, nicht jedem Eindruck nachzugeben; mit dem Wach­sen seiner erwachenden Vernunft richtig zu unterscheiden, den Wechsel seiner Empfindungen zu beherrschen; kurz, unter der mütterlichen Leitung und Ermahnung den Weg und das Werk seiner Erziehung zu beginnen.

Studiert das Kind im zarten Alter! Nur wenn ihr es gut kennt, werdet ihr es gut erziehen. Ihr werdet seine Natur nicht falsch und schief auffassen; ihr werdet es verstehen können, nicht zur Unzeit nachzugeben. Nicht alle Men­schenkinder haben eine gute Anlage!

Bildet den Verstand eurer Kinder! Gebt ihnen keine fal­schen Begriffe oder Erklärungen der Dinge. Antwortet nicht auf ihre Fragen, wie sie auch sein mögen, mit Scher­zen oder mit unwahren Behauptungen, auf die ihr Geist so leicht eingeht, sondern benutzt sie, um mit Geduld und Liebe ihren Verstand zu leiten und zu stützen, der nichts anderes verlangt, als sich dem Besitz der Wahrheit zu er­öffnen und zu lernen, sie mit den unbefangenen Schritten des ersten Denkens und Überlegens zu erobern. Wer wird je sagen können, was so viele herrliche Menschengeister diesem langen und vertrauensvollen Fragen und Antwor­ten verdanken, die in der Kindheit am häuslichen Herd gewechselt wurden?

Bildet den Charakter eurer Kinder! Schwächt oder verbes­sert die Fehler. Lasset wachsen und pflegt die guten Eigenschaften und richtet sie aus auf die Festigkeit, die der Stärke des Willens im Laufe des Lebens den Weg be­reitet. Wenn die Kleinen, die älter werden, zu der Zeit, wo sie allmählich anfangen zu denken und zu wollen, einen guten, von Heftigkeit und Zorn freien, beständigen und starken, nicht zu Schwächen und Launen geneigten väterlichen und mütterlichen Willen über sich fühlen, werden sie mit der Zeit lernen, darin den Dolmetsch eines höheren Willens zu sehen, nämlich des göttlichen Willens. Auf diese Weise werden sie ihrem Geist jene mächtigen ersten Gewohnheiten einpflanzen und einwurzeln lassen, die einen Charakter bilden und stützen, der bereit ist, sich in den verschiedensten Schwierigkeiten und Widerständen zu beherrschen, fest entschlossen, nicht zurückzuweichen vor dem Kampf oder vor dem Opfer, durchdrungen von einem tiefen christlichen Pflichtbewußtsein.

Bildet das Herz! Welche Schicksale, welche Kämpfe, welche Gefahren bereiten nur zu oft den Herzen der her­anwachsenden Kleinen die glückseligen Bewunderungen und Lobsprüche, die unvorsichtige Besorgtheit, die weich­liche Nachgiebigkeit der Eltern, die von einer unverstän­digen Liebe verblendet sind und diese flatterhaften klei­nen Herzen daran gewöhnen zu sehen, wie sich alles um sie bewegt und dreht, wie sich alles vor ihrem Willen und vor ihren Launen beugt. Gerade dadurch pflanzen sie ihren Herzen die Wurzeln eines zügellosen Egoismus ein, dessen erste Opfer später die Eltern selbst sein werden.

Das ist eine ebenso häufige wie gerechte Strafe jener egoi­stischen Überlegungen, aus denen man einem einzigen Sohn die Freude kleiner Brüder versagt, die mit ihm die mütterliche Liebe teilten und ihm abgewöhnt hätten, nur an sich selbst zu denken. Eine wie tiefe und starke Kraft der Liebe, der Güte und der Hingabe schläft im Herzen der Kinder! Ihr Mütter werdet sie wecken, sie pflegen, sie leiten, sie erheben zu dem, der sie heiligen muß, zu Jesus, zu Maria. Die himmlische Mutter wird dieses Herz der Frömmigkeit öffnen, wird es mit dem Gebet lehren, dem göttlichen Kinderfreund seine reinen Opfer und seine unschuldigen Siege darzubieten, auch eine barm­herzige Hand dem Armen und Elenden zu zeigen. O glück­licher Frühling der Kindheit ohne Stürme und Winde! Es wird aber der Tag kommen, an dem dieses Kinderherz neue Triebe, neue Neigungen in sich erwachen fühlt, die den heiteren Himmel des Kindesalters trüben. In dieser gefährlichen Zeit, ihr Mütter, denkt daran, daß das Herz erziehen auch bedeutet, den Willen erziehen gegenüber den Nachstellungen des Bösen und der Tücke der Leiden­schaften. In diesem Übergang von der unbewußten Rein­heit der Kindheit zur bewußten und siegreichen Reinheit der Jugendzeit wird eure Aufgabe von höchster Bedeu­tung sein. Bei euch steht es, eure Söhne und eure Töchter vorzubereiten, daß sie frei, wie einer, der über Schlangen schreitet, durch diese Zeit der Krisis und der körper­lichen Umbildung hindurchgehen, ohne etwas zu verlie­ren von dem unschuldigen Frohsinn. Ihr sollt jenes natür­liche und einzigartige Schamgefühl hüten, womit die Vorsehung sie wie mit einem Zaun gegenüber den Leiden­schaften, die nur zu leicht auf Abwege führen, umgeben hat. Ihr werdet dafür Sorge tragen, daß dieses Scham­gefühl, der liebliche Bruder des religiösen Gefühls, in seiner unwillkürlichen Ehrfurcht, an die man heutzutage so wenig denkt, in ihnen nicht verletzt werde durch Klei­dung, durch Putz, durch unziemliche Vertraulichkeiten, in unsittlichen Schauspielen und Darstellungen. Ihr werdet es vielmehr immer zarter und wachsamer, reiner und echter gestalten. Ihr werdet mit offenen Augen über ihre Schritte wachen, ihr werdet nicht zulassen, daß die Rein­heit ihrer Seele befleckt und vernichtet wird durch die Gesellschaft mit schon verdorbenen Kameraden und Ver­führern; ihr werdet ihnen Hochachtung und tiefe Liebe zur Reinheit einflößen, indem ihr ihnen als treue Wäch­terin den mütterlichen Schutz der Unbefleckten Jungfrau gebt. Mit eurem Scharfblick als Mutter und Erzieherin und dank der vertrauensvollen Offenherzigkeit, die ihr euren Kindern eingepflanzt habt, werdet ihr nicht verfehlen, die Gelegenheit und den Augenblick zu beachten und zu erkennen, in dem gewisse heimliche Fragen in ihrem Geiste aufgetaucht sind und in ihren Empfindungen be­sondere Störungen hervorgerufen haben. Dann wird es eure Sache sein, für eure Töchter, die des Vaters für eure Söhne — soweit es notwendig erscheint — in vorsichtiger zarter Weise den Schleier der Wahrheit zu lüften und ihnen auf diese Fragen und diese Unruhen kluge, richtige und christliche Antwort zu geben. Wenn sie diese Beleh­rung über die geheimnisvollen und wunderbaren Lebens­gesetze aus eurem Mund, aus dem Mund christlicher Eltern, zur geeigneten Stunde und mit aller notwendigen Vorsicht empfangen, dann werden sie diese mit ehrfürch­tiger Dankbarkeit annehmen, und die Aufklärung wird mit viel weniger Gefahr für ihre Seele verbunden sein, als wenn sie diese auf gut Glück erfahren hätten durch trübe Erlebnisse, durch geheime Unterredungen, durch Belehrung von unzuverlässigen und schon allzu erfahrenen Kameraden, durch geheime Lektüre, die um so gefähr­licher und verderblicher ist, als das Geheimnis die Phan­tasie entzündet und die Sinne erregt. Eure Worte können, wenn sie angemessen und taktvoll sind, eine Schutzwehr und eine Warnung inmitten der Versuchungen einer ver­dorbenen Umwelt sein; denn … ,vorausgeschaut, scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen‘. (Dante, Paradies XVII, 27. )

Ihr seht aber auch ein, daß in diesem herrlichen Werk der christlichen Erziehung eurer Söhne und eurer Töchter die häusliche Bildung, so weise und tief sie auch sein mag, nicht genügt, sondern vollendet und vervollkommnet wer­den muß durch die machtvolle Hilfe der Religion. Neben dem Priester, dessen väterliche, geistliche und seelsorg­liche Autorität über eure Kinder vom Taufbrunnen an sich an eure Seite stellt, müßt ihr selbst seine Mitarbeiter sein bei den Anfangsgründen der Frömmigkeit und der kate­chetischen Unterweisung, die das Fundament jeder soliden Erziehung sind und wovon auch ihr als die ersten Lehrer eurer Kinder hinreichende und sichere Kenntnis haben müßt. Wie könnt ihr lehren, was ihr selbst nicht wißt? Lehrt sie Gott, Jesus Christus, die Kirche, unsere Mutter und die Hirten der Kirche, die euch leiten, lieben. Liebet den Katechismus und macht, daß eure Kinder ihn lieben. Er ist das große Buch von der Liebe und der Furcht Got­tes, von der christlichen Weisheit und vom ewigen Leben. Bei eurer vielseitigen Erziehungsarbeit werdet ihr außer­dem das Bedürfnis und die Verpflichtung fühlen, andere als Helfer heranzuziehen. Wählet dafür Christen aus, wie ihr es seid, und zwar mit der ganzen Sorgfalt, die der kostbare Schatz verdient, den ihr ihnen anvertraut: der Glaube, die Reinheit und die Frömmigkeit eurer Kinder. Aber wenn ihr sie auch ausgewählt habt, so haltet euch darum doch nicht selbst für frei und ledig eurer Pflichten und eurer Wachsamkeit, vielmehr müßt ihr mit ihnen zu­sammenarbeiten. Mögen auch jene Lehrer und Lehrerin­nen ganz ausgezeichnete Erzieher sein, sie werden wenig ausrichten in der Erziehung eurer Kinder, wenn ihr nicht mit ihrer Tätigkeit die eure verbindet. Was würde dann eintreten, wenn eure Tätigkeit, statt die ihrige zu unter­stützen und zu stärken, sie geradezu durchkreuzen und ihr entgegenarbeiten würde; wenn eure Schwächen, wenn eure, aus einer Liebe, die in Wirklichkeit ein versteckter, erbärmlicher Egoismus ist, hervorgehenden Maßnahmen zu Hause das zerstören würden, was in der Schule, in der Katechese, in den katholischen Vereinen grundgelegt wurde, um den Charakter eurer Kinder zu zügeln und ihre Frömmigkeit zu fördern?

Vielleicht wird manche Mutter sagen, die Kinder von heute sind so schwer zu leiten, mit meinem Sohn, mit mei­ner Tochter ist nichts anzufangen, kann man nichts errei­chen! — Ja, es ist wahr, mit zwölf oder fünfzehn Jahren sind nicht wenige Knaben und Mädchen schwer zu be­handeln. Aber warum? Weil ihnen mit zwei oder drei Jahren alles gewährt und erlaubt, alles gutgeheißen wurde. Es ist wahr, es gibt undankbare und widerspenstige Tem­peramente; aber hört denn dieser verschlossene, starrköp­fige, gefühllose Kleine infolge dieser Fehler auf, euer Sohn zu sein? Würdet ihr ihn weniger lieben als seine Geschwister, wenn er kränklich oder ein Krüppel wäre? Gott hat auch ihn euch anvertraut; hütet euch, daß ihr ihn nicht zum Stiefkind in der Familie werden laßt! Keiner ist so wild, daß er nicht gesänftigt werden könnte durch Sorge, durch Geduld, durch Liebe. Meist wird es euch gelingen, auf diesem steinigen und mit Unkraut bewach­senen Boden manche Blume des Gehorsams und der Tu­gend ans Wachsen zu bringen, wenn ihr nicht durch par­teiische und unvernünftige Strenge euch der Gefahr aus­setzt, in diesem Kleinen den im Grund der Seele verbor­genen guten Willen zu entmutigen. Ihr würdet die ganze Erziehung eurer Kinder verderben, wenn sie je in euch ­Gott weiß, daß sie ein gutes Auge dafür haben — eine Vorliebe für einzelne Kinder, Bevorzugung oder Abnei­gung gegen das eine oder andere Kind entdeckten. Zu eurem und der Familie Wohl ist es notwendig, daß alle in eurer wohlüberlegten Strenge wie in euren gütigen Er­mahnungen und in euren Liebkosungen eine gleiche Liebe sehen und fühlen, die keinen Unterschied macht zwischen ihnen, außer wenn es sich darum handelt, das Böse zu verbessern und das Gute zu fördern. Habt ihr sie nicht alle in gleicher Weise von Gott empfangen?

An euch, christliche Mütter, war Unser Wort besonders gerichtet, aber zusammen mit euch sehen Wir heute um Uns einen Kranz von Ordensschwestern, von Lehrerinnen, von Beauftragten, von Apostolinnen, von Helferinnen, die der Erziehung und der Fürsorge der Kinder all ihre Mühen und Arbeiten widmen. Sie sind nicht Mütter dem Blute nach, aber durch ihre Liebe zur Jugend, die von Christus und seiner Braut, der Kirche, so sehr geliebt wird. Ja, auch ihr, die ihr als Erzieherinnen an der Seite der christlichen Mütter wirkt, seid Mütter, denn ihr habt ein Mutterherz und in ihm brennt die Flamme der Liebe, die der Heilige Geist in eure Herzen ausgießt. In dieser Liebe, der Liebe Christi, die euch zum Guten drängt, findet ihr euer Licht, euren Trost und eure Lebensaufgabe. Diese bringt euch den Müttern, den Vätern und den Kindern nahe und aus so lebendigen Sprößlingen der menschlichen Gesellschaft, der Hoffnung der Eltern und der Kirche, macht ihr eine große Familie von zwanzig, von hundert, ja von tausend und abertausend Kleinen und Kindern, deren Verstand, Charakter und Herz ihr in höherer Weise erzieht, indem ihr sie in die geistliche und sittliche Atmo­sphäre erhebt, wo mit dem Frohsinn der Unschuld der Glaube an Gott und die Ehrfurcht gegen heilige Dinge, die Liebe zu den Eltern und zum Vaterland leuchten. Mit der Anerkennung für die Mütter verbindet sich Unser Lob und Unser Dank. Erzieherinnen wie sie, eifert ihr ihnen nach und geht ihnen voraus in euren Schulen, in euren Asylen und Heimen, in euren Vereinen, als Schwestern in geistiger Mutterschaft, geschmückt mit einem Lilienkranz.

Welch unvergleichliche Aufgabe ist es, deren Schönheit Wir soeben in einigen Punkten gestreift haben! Eine Aufgabe in unserer Zeit voll von schweren Hindernissen und Gefahren, der ihr euch widmet, christliche Mütter und geliebte Töchter, indem ihr euch so sehr abmüht, die wachsenden Zweige der Ölbäume, welche die Familien sind, zu pflegen. Wie groß ist in Unseren Augen eine Mutter im häuslichen Kreise, von Gott an eine Wiege gesetzt als Ernährerin und als Erzieherin ihrer Kinder! Staunet über ihre mühevolle Tätigkeit, mit der sie den­noch nicht, so könnte man zu glauben versucht sein, ihrer Aufgabe genügen würde, wenn ihr nicht die allmächtige Gnade Gottes zur Seite stünde, um sie zu erleuchten, zu leiten, zu stützen in der täglichen Sorge und Mühe; wenn die Gnade nicht andere Erzieherinnen mit einem Herzen und einem Eifer, der aus gleicher mütterlicher Liebe stammt, anregte und beriefe, mit ihr mitzuwirken an der Bildung dieser jungen Seelen …“ 4

Während es möglich war, nahezu den vollen Wortlaut der Ansprache vom Oktober 1941 im Zusammen­hang zu geben, sollen zur Ergänzung kostbare Worte über die Mutterschaft der Frau aus den Reden an Neuvermählte hinzugefügt werden.

„Und wenn der Herr in seiner Güte der Gattin die Mutterwürde schenkt und sie an der Wiege steht, so wird das Wimmern des neugeborenen Kindes das Glück des Heimes weder schmälern noch stören; es wird im Gegenteil es in jene göttliche Höhe erheben, wo die Engel des Himmels erglänzen und von wo ein Strahl des Lebens herniedersteigt, der die Natur überragt und die Menschen­kinder zu Gottes-Kindern macht. Seht die Heiligkeit des Ehegemachs! Seht die Würde der christlichen Mutter­schaft! . .. Eine Wiege heiligt die Mutter der Familie, und mehr Wiegen heiligen und verklären sie vor dem Manne und den Kindern. Törichte, ihr eigenes Wesen verleugnende und unglückliche Frauen sind jene Mütter, die jammern, wenn ein neues Kind sich an ihre Brust schmiegt und Nahrung verlangt am Quell des Schoßes! Ein Feind des häuslichen Glückes ist das Jammern wegen des Segens Gottes, der es umhegt und stärkt.“ 5

„Je reiner eure Augen sind, ihr jungen Mütter von morgen, desto mehr werdet ihr in den teuren, kleinen

4 vgl. Jussen, a. a. 0. S. 239 – 249.

5 Rede vom 25. Februar 1942 (Z. S. 162 f. — vgl. Eheleben, S. 34 f.).

Wesen, die eurer Sorge anvertraut sind, die Seelen sehen, die mit euch bestimmt sind zur Verherrlichung des einzigen Gegenstandes, der aller Ehre und Herrlichkeit würdig ist. Anstatt wie so viele andere euch in ehrgeizigen Träumen an der Wiege eines Neugeborenen zu verlieren, werdet ihr dann frommen Sinnes euch beugen über das gebrechliche Herz, das zu schlagen beginnt, und werdet ohne über­flüssige Unruhe an die Geheimnisse seiner Zukunft denken, die ihr der zarten Liebe der Jungfrau vom Rosenkranz anvertrauen werdet, die noch mütterlicher und mächtiger ist als eure eigene Liebe.“ 6„Die Frau ist nicht nur die Sonne, sondern auch das Allerheiligste der Familie, wohin die Kleinen sich in ihrem Schmerz flüchten, die, welche die Schritte der Heran­wachsenden lenkt, sie in ihrem Leid stärkt, ihre Zweifel beruhigt, der sie ihre Zukunft anvertrauen. Sie, die Herrin der Sanftmut, ist auch die Herrin des Hauses. Die Achtung, die ihr Familienhäupter ihr entgegenbringt, sollen die Kinder und Angestellten des Hauses merken, spüren und sehen an eurem Blick, an eurem Benehmen, an euren Mie­nen, an euren Lippen, an eurem Wort, an eurem Gruß.“ 7 „Das Mutteramt mit seinen Sorgen, seinen Leiden und seinen Gefahren fordert und verlangt Mut: die Frau muß auf dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht nicht weniger heldenhaft sein und sich zeigen als der Mann auf dem Ehrenfeld der Bürgerpflicht, wo er dem Vaterland das Geschenk seines Lebens macht.“ 8 Für die Erziehung der Kinder ist die Autorität in der Familie äußerst wichtig. Dafür ist die Ansprache vom 24. September 1941 besonders aufklärend und wert­voll. „Die Väter und Mütter in unseren Tagen führen oft Klage darüber, daß es ihnen nicht mehr gelingt, ihre Kinder zum Gehorsam zu bringen. Es seien launische

6 Rede vom 16. Oktober 194o (Z. S. 92 f. — vgl. Ideal, S. tot f.).

7 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 146. — vgl. Eheleben, S. 8z).

8 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 167. — vgl. Eheleben, S. 212).

Kinder, die auf keinen hören, Jungen, die jede Führung ablehnen, Jungmänner und Mädchen, die jeden Rat ver­schmähen, taub sind gegen jede Ermahnung, voll Ver­langen, bei Spielen und Wettkämpfen zu glänzen, die alles nach ihrem eigenen Kopf tun wollen, weil sie meinen, sie verständen wohl allein die Notwendigkeiten des modernen Lebens. Kurz, das neue Geschlecht ist gewöhn­lich (es gibt gewiß so viele schöne und herrliche Ausnahmen!) nicht geneigt, sich vor der Autorität von Vater und Mutter zu beugen.

Und was ist der Grund für diese unbelehrbare Haltung? Gewöhnlich pflegt man dafür anzugeben, daß heute die Kinder wohl oft keinen Sinn mehr haben für Gehorsam, für die Achtung, die sie ihren Eltern und ihrem Wort schuldig sind: in der Atmosphäre starken jugendlichen Selbstbewußtseins, in der sie leben, arbeitet alles darauf hin, daß sie sich frei machen von jeder Abhängigkeit von den Eltern und sie überflüssig machen; alles, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören, steigert, begeistert und verhärtet schließlich ihr Wesen und zügelt nicht ihren Hang nach Unabhängigkeit, ihre Verachtung vor der Vergangenheit und ihre Sbrigens nach der Zu­kunft .. . Die reibungslose Ausübung der Autorität hängt nicht nur von denen ab, die gehorchen müssen, sondern auch, und zwar in weitem Maße, von jenen, die zu befehlen haben. Ganz deutlich gesagt: etwas anderes ist das Recht auf den Besitz der Autorität, das Recht, Befehle zu geben, und etwas anderes ist jenes moralische Übergewicht, das die erfolgreiche, tätige und wirksame Autorität begründet und ziert, der es gelingt, bei anderen sich Achtung zu verschaffen und wirklich Gehorsam zu erreichen. Das erste Recht wird von Gott übertragen mit dem Augenblick, der euch zu Vater und Mutter macht. Das zweite Vorrecht muß man erwerben und bewahren; denn es kann verloren­gehen, wie es auch gesteigert werden kann. Nun wird das Recht, euren Kindern zu befehlen, ziemlich wenig bei ihnen erreichen, wenn es nicht begleitet ist von jener Macht und jenem persönlichen Einfluß auf sie, die euch erst den wirklichen Gehorsam sichern. Wie und auf welche kluge Art werdet ihr denn eine solche moralische Macht erobern, erhalten und steigern können?

Gott gewährt einigen die natürliche Gabe zu befehlen, die Gabe, bei anderen ihren Willen durchsetzen zu können. Das ist ein kostbares Geschenk; ob es ganz im Geistigen ruht oder zum Teil in der äußeren Persönlichkeit, in der Haltung, im Wort, im Blick, in der Miene, das ist oft schwer zu sagen, aber es ist gleichzeitig ein Geschenk, das man fürchten muß. Mißbraucht es nicht, wenn ihr es besitzt, bei der Erziehung eurer Kinder, ihr möchtet sonst ihre Seelen in der Furcht einschließen und erhalten und aus ihnen Sklaven und nicht liebenswürdige Kinder machen. Mildert diese Macht durch die Weitherzigkeit der Liebe, die ihrer Liebe entgegenkommt, durch freund­liche, geduldige, eifrige und ermunternde Güte! .. . Denkt daran, ihr Eltern, daß Strenge nur dann zu Recht besteht, wenn das Herz gütig ist! .. .

Die Milde und die Autorität verbinden, heißt siegen und triumphieren in jenem Kampf, zu dem euch eure elterliche Stellung verpflichtet. Übrigens ist für alle jene, die zu gebieten haben, die Grundvoraussetzung einer wohltätigen Herrschaft über den Willen anderer die Herrschaft über sich selbst, über die eigenen Leidenschaften und Sinne . Wenn die Befehle, die ihr euren Kindern gebt, wenn die Vorwürfe, die ihr ihnen macht, aus den Eingebungen des Augenblicks stammen, aus Ausbrüchen der Ungeduld, aus falschen Voraussetzungen oder aus blinden oder schlecht beherrschten Gefühlen, dann kann es meistens nicht anders sein, als daß sie ihnen willkürlich, zusammenhanglos, vielleicht auch ungerecht und unangebracht vorkommen. Heute seid ihr gegen diese armen Kleinen unvernünftig in eurer Forderung, von einer unerbittlichen Strenge, morgen laßt ihr alles durchgehen. Ihr beginnt damit, ihnen eine Kleinigkeit abzuschlagen, die ihr einen Augenblick nachher, müde von ihrem Weinen oder ihrem Trotz, ihnen gewährt, um zu verhüten, daß die Sache dann mit einer Szene endet, die euch auf die Nerven geht. Warum versteht ihr denn nicht, Herr zu sein über die Stimmungen eures Herzens, eure Phantasie zu zügeln, euch selbst zu beherrschen, da ihr doch die Absicht und die Sorge habt, eure Kinder zu regieren? Wenn es euch bisweilen scheint, daß ihr nicht ganz Herr seid über euch selbst, dann verschiebt auf später, auf eine gelegenere Stunde, den Tadel, den ihr anbringen wollt, die Strafe, die ihr glaubt verhängen zu müssen. In der versöhnlichen und ruhigen Festigkeit eures Geistes werden euer Wort und eure Strafe eine ganz andere Wirkung, eine mehr erzieherische und gebieterische Kraft haben als beim Ausbruch einer unbeherrschten Leidenschaft.

Vergeßt nicht, daß die Kinder, auch sehr kleine, ganz Ohr sind im Aufpassen und Beobachten und unverzüglich den Wechsel eurer Stimmung bemerken. Von der Wiege an, kaum daß sie so weit sind, die Mutter von jeder anderen Frau unterscheiden zu können, werden sie schnell merken, welche Gewalt über schwache Eltern ein Eigen­sinn oder ein Tränenausbruch hat, und sie werden sich in ihrer kindlichen Boshaftigkeit nicht scheuen, sie zu miß­brauchen. Hütet euch darum vor allem, was eure Autori­tät bei ihnen mindern könnte! Hütet euch davor, diese Autorität zu zerstören durch die Spielereien ständiger, unausgesetzter Ermahnungen und Zurechtweisungen, die ihnen schließlich lästig fallen; sie werden sie anhören, aber nicht ernst nehmen. Hütet euch davor, eure Kinder zu täuschen oder zu hintergehen mit Gründen oder Erklä­rungen, die auf schwachen Füßen stehen oder unwahr sind und leichthin abgegeben werden, um euch aus der Verlegenheit zu ziehen und lästige Fragen abzuwehren. Wenn es euch nicht gut scheint, ihnen die wirklichen Gründe einer Anordnung oder einer Tatsache auseinander­zusetzen, dann wird es heilsamer sein, euch auf ihr Ver­trauen zu euch, auf ihre Liebe zu euch zu berufen. Fälscht die Wahrheit nicht, allenfalls verschweigt sie ihnen. Ihr ahnt vielleicht gar nicht, welche Verwirrungen und welche Krisen eines Tages in jenen jungen Seelen entstehen, wenn sie merken, daß man ihre natürliche Gutgläubigkeit miß­braucht hat. Hütet euch davor, durchblicken zu lassen, daß ihr nicht eins seid untereinander und verschieden denkt über die Art, eure Kinder erzieherisch zu behandeln: sie würden dann recht bald darauf ausgehen, die Autorität der Mutter gegen die des Vaters oder die des Vaters gegen die der Mutter auszuspielen, und sie würden nur schwer der Versuchung widerstehen, eine solche Uneinigkeit auszunutzen für die Befriedigung all ihrer Einfälle. Hütet euch endlich davor, darauf zu warten, daß eure Kinder heranwachsen, um über sie gut und ruhig, zugleich aber fest und kraftvoll eure Autorität auszuüben, die vor keinem Tränenstrom oder keiner Trotzszene zurückweicht! Schon von klein auf, von der Wiege an, mit dem Auf­dämmern ihrer kindlichen Vernunft, sollen sie liebevolle und zarte, aber auch weise und kluge Hände über sich erfahren und spüren.

Autorität ohne Schwäche sei die eure, aber eine Autorität, die aus der Liebe kommt und ganz von der Liebe durch­drungen und getragen ist. Ihr sollt die ersten Lehrer und die ersten Freunde eurer Kinder sein. Wenn wirklich Vater- und Mutterliebe — das heißt eine in jeder Hinsicht christliche und nicht eine mehr oder weniger selbstsüchtige Liebe — eure Befehle lenken, dann werden eure Kinder davon berührt und ihnen nachkommen aus tiefstem Her­zen, ohne daß es vieler Worte bedarf; denn die Sprache der Liebe ist beredter in schweigendem Tun als im Laut der Lippen. Tausend kleine unmerkliche Zeichen, ein Wechsel im Ton, eine unauffällige Geste, ein flüchtiger Ausdruck im Gesicht, ein Zeichen der Zustimmung offenbaren ihnen besser als alle Beteuerungen, wieviel Liebe hinter einem Verbot steht, das sie betrübt, wieviel Wohlwollen sich verbirgt in einer Ermahnung, die ihnen lästig vorkommt, und so wird das Wort der elterlichen Autorität ihnen nicht wie ein lastendes Gewicht oder wie ein verhaßtes Joch erscheinen, das man möglichst bald abschütteln muß, sondern als die höchste Offenbarung eurer Liebe. Und wird mit der Liebe nicht das Beispiel zusammengehen? Wie sollen die Kleinen, die von Natur aus bereitwillige Nachahmer sind, gehorchen lernen, wenn sie sehen, daß in allem die Mutter tut, was den Anord­nungen des Vaters entgegen ist, ja sogar über ihn sich beklagt; wenn sie innerhalb der häuslichen Wände ständig ehrfurchtlose Kritiken über jede Autorität hören; wenn sie merken, daß ihre Eltern die ersten sind, die das nicht tun, was Gott und die Kirche gebieten? Wenn sie aber einen Vater und eine Mutter vor Augen haben, die in ihrer Art zu sprechen und zu handeln das Beispiel der Achtung vor den rechtmäßigen Obrigkeiten und der ständigen Pflichttreue geben; von einem so erbaulichen Bild werden sie mit größerem Erfolg als von einer ein­studierten Ermahnung lernen, was wahrer christlicher Gehorsam ist und wie sie selbst ihn gegen ihre Eltern betätigen können. Seid überzeugt, … daß das gute Bei­spiel das kostbarste Erbe ist, das ihr euren Kindern schenken und hinterlassen könnt! Es ist der unvergäng­liche Anblick eines Schatzes von Werken und Taten, von Worten und Ratschlägen, von frommen Betätigungen und tugendhaften Schritten, der stets lebendig haften wird in ihrem Gedächtnis als eine der eindrucksvollsten und teuersten Erinnerungen, die eure Person in ihnen lebendig machen wird, in den Stunden des Zweifels und Schwan­kens zwischen Gut und Bös, zwischen Gefahr und Sieg. In trüben Augenblicken, wenn der Himmel sich ver­dunkelt, werdet ihr ihnen wieder in einem Licht erscheinen, das ihren Weg erhellen und leiten wird in Erinnerung an jenen Weg, den ihr schon gegangen seid und der angefüllt ist mit jener Arbeit und Mühe, die das Unterpfand des irdischen und himmlischen Glückes sind. Ist das vielleicht ein Traum? Nein, das Leben, das ihr mit eurer Familie beginnt, ist kein Traum, es ist ein Weg, den ihr geht, umkleidet mit einer Würde und Autorität, die eine Schule und Lehrzeit sein soll für die Nachkommen, die eures Blutes sind.

Möge der himmlische Vater, der euch berufen hat zur Teilnahme an der Größe seiner Vaterschaft und auch seine Autorität euch übertragen hat, euch die Gnade geben, sie in seiner Nachahmung weise und liebevoll auszuüben.“ 9

9 Rede vom 24. September 1941 (Z. S. 228 ff. — vgl. Ideal, S. 201 ff.).

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

BRIEF VON JOHANNES PAUL II. AN DIE KINDER IM JAHR DER FAMILIE

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Liebe Kinder!

Jesus wird geboren

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten, das von allen Kindern in jeder Familie herbeigesehnte Fest. In diesem Jahr wird dies noch mehr der Fall sein, denn es ist das Jahr der Familie. Bevor dieses Jahr zu Ende geht, möchte ich mich an euch Kinder auf der ganzen Welt wenden, um mit euch die Freude dieses stimmungsvollen Festtages zu teilen.

Weihnachten ist das Fest eines Kindes, eines Neugeborenen. Es ist daher euer Fest! Ihr erwartet es voll Ungeduld und bereitet euch mit Freude darauf vor, während ihr die Tage, ja beinahe die Stunden zählt, die noch bis zur heiligen Nacht von Betlehem fehlen.

Ich meine euch vor mir zu sehen: zu Hause, in der Pfarrei, in jedem Winkel der Welt baut ihr die Krippe auf und versucht die Atmosphäre und Umgebung wiederzugeben, in welcher der Heiland geboren wurde. In der Tat! In der Weihnachtszeit nimmt der Stall mit der Krippe in der Kirche den zentralen Platz ein. Und alle machen sich eilends auf die geistliche Pilgerschaft dorthin, wie die Hirten in der Nacht der Geburt Jesu. Später werden die Magier aus dem fernen Osten, die dem Stern folgen, an den Ort kommen, wohin der Erlöser der Welt gelegt wurde.

Und auch ihr besucht in den Weihnachtstagen die Krippen, wo ihr innehaltet, um das auf Stroh gelegte Kind anzuschauen. Ihr seht seine Mutter und den hl. Josef, den Hüter des Erlösers. Während ihr die Heilige Familie betrachtet, denkt ihr an eure eigene Familie, in der ihr auf die Welt gekommen seid. Ihr denkt an eure Mutter, die euch das Licht der Welt erblicken lieb, und an euren Vater. Sie kümmern sich um den Unterhalt der Familie und um eure Erziehung. Denn die Aufgabe der Eltern besteht nicht nur darin, die Kinder zu zeugen, sondern sie auch von ihrer Geburt an zu erziehen.

Liebe Kinder, während ich an euch schreibe, denke ich an die Zeit vor vielen Jahren, als auch ich ein Kind war wie ihr. Damals erlebte auch ich die frohe Atmosphäre von Weihnachten, und wenn der Stern von Betlehem erstrahlte, eilte ich zusammen mit meinen Altersgenossen zur Krippe, um wieder zu erleben, was sich vor zweitausend Jahren in Palästina ereignet hatte. Wir Kinder gaben unserer Freude vor allem durch den Gesang Ausdruck. Wie schön und ergreifend sind die Weihnachtslieder, die sich in der Tradition jedes Volkes um die Krippe ranken! Welch tiefe Gedanken sind darin enthalten und vor allem welche Freude und Zärtlichkeit drücken sie für das göttliche Kind aus, das in der Heiligen Nacht zur Welt gekommen ist!

Auch die auf die Geburt Jesu folgenden Tage sind Festtage: so wird acht Tage danach daran erinnert, daß dem Kind ein Name gegeben wurde, wie es die Tradition des Alten Testamentes wollte: es wurde Jesus genannt. Vierzig Tage darauf wird der für jeden erstgeborenen Sohn Israels üblichen Darstellung im Tempel gedacht. Bei jener Gelegenheit kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung: als die Muttergottes mit dem Kind im Tempel eintraf, kam ihr der alte Simeon entgegen, der den kleinen Jesus in die Arme nahm und die folgenden Worte sprach: »Nun läbt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel« (Lk 2, 29-32). Dann sagte er zu Maria, seiner Mutter: »Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen« (Lk 2, 34-35). So also ist bereits in den ersten Lebenstagen Jesu die Ankündigung des Leidens zu vernehmen, an dem eines Tages auch die Mutter Maria teilnehmen wird: am Karfreitag wird sie schweigend unter dem Kreuz des Sohnes stehen. Übrigens sollte sich der kleine Jesus gar nicht lange nach seiner Geburt bereits einer ernsten Gefahr ausgesetzt sehen: der grausame König Herodes wird anordnen, alle Kinder unter zwei Jahren zu töten; darum wird Jesus mit seinen Eltern zur Flucht nach Ägypten gezwungen sein.

Ihr kennt ja sicherlich diese Ereignisse im Zusammenhang mit der Geburt Jesu. Sie werden euch von euren Eltern, den Priestern, den Religionslehrern, den Katecheten erzählt, und jedes Jahr erlebt ihr sie zur Zeit des Weihnachtsfestes zusammen mit der ganzen Kirche wieder: ihr wißt also Bescheid um die dramatischen Aspekte der Kindheit Jesu.

Liebe Freunde! In dem Geschehen um das Kind von Betlehem könnt ihr das Schicksal der Kinder der ganzen Welt erkennen. Wenn es stimmt, daß ein Kind nicht nur die Freude der Eltern, sondern der Kirche und der ganzen Gesellschaft verkörpert, so stimmt es leider auch, dab in unserer Zeit viele Kinder in verschiedenen Teilen der Welt leiden und bedroht sind: sie erdulden Hunger und Elend, sie sterben an Krankheiten und Unterernährung, sie werden zu Opfern von Kriegen, sie werden von den Eltern verlassen und sehen sich zur Obdachlosigkeit verurteilt, sie erleiden von seiten der Erwachsenen viele Formen von Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Wie kann man angesichts des Leidens so vieler Kinder gleichgültig bleiben, besonders wenn es irgendwie von den Erwachsenen verursacht wird?

Jesus vermittelt die Wahrheit

Das Kind, das wir zu Weihnachten in der Krippe betrachten, wuchs im Laufe der Jahre heran. Mit zwölf Jahren zog Jesus, wie ihr wißt, anläßlich des Paschafestes zum ersten Mal mit Maria und Josef von Nazaret hinauf nach Jerusalem. Dort trennte er sich im Gedränge der Pilger von den Eltern und hörte zusammen mit anderen seiner Altersgenossen im Tempel, gleichsam zum »Katechismus-Unterricht«, den Schriftgelehrten zu. Die Feste waren in der Tat passende Anlässe zur Weitergabe des Glaubens an die Kinder, die ungefähr in Jesu Alter waren. Im Verlauf dieser Begegnung geschah es jedoch, daß der außergewöhnliche Heranwachsende aus Nazaret nicht nur sehr kluge Fragen stellte, sondern selbst begann, denen, die ihn eigentlich belehren sollten, tiefgründige Antworten zu geben. Die Fragen und noch mehr die Antworten verblüfften die Schriftgelehrten des Tempels. Es war dasselbe Erstaunen, das später das öffentliche Auftreten Jesu begleiten würde: die Episode im Tempel von Jerusalem war nur der Anfang und so etwas wie die Vorankündigung dessen, was sich einige Jahre später ereignen würde.

Liebe Jungen und Mädchen, Altersgenossen des zwölfjährigen Jesus, fallen euch an dieser Stelle nicht die Religionsstunden ein, die in Pfarrei und Schule abgehalten werden und an denen teilzunehmen ihr eingeladen seid? Ich möchte euch nun einige Fragen stellen: Welche Einstellung habt ihr gegenüber dem Religionsunterricht? Laßt ihr euch so mitreißen wie der zwölfjährige Jesus im Tempel? Besucht ihr eifrig die Religionsstunden in Schule und Pfarrei? Helfen euch dabei eure Eltern?

Der zwölfjährige Jesus war von jener Katechese im Tempel von Jerusalem so ergriffen, daß er in gewisser Hinsicht sogar seine eigenen Eltern vergab. Maria und Josef, die sich mit anderen Pilgern auf dem Rückweg nach Nazaret befanden, bemerkten sehr bald, dab er nicht dabei war. Lange suchten sie ihn. Sie kehrten um, und erst am dritten Tag gelang es ihnen, ihn in Jerusalem im Tempel zu finden. »Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht« (Lk 2, 48). Wie seltsam ist die Antwort Jesu und wie nachdenklich macht sie uns! »Warum habt ihr mich gesucht? – fragte er – Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Das war eine Antwort, die nur schwer hingenommen werden konnte. Der Evangelist Lukas fügt lediglich hinzu, daß Maria »alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte« (2, 51). Es war in der Tat eine Antwort, die erst viel später verständlich werden sollte, wenn der inzwischen erwachsene Jesus zu predigen beginnen und erklären würde, dab er bereit war, für seinen himmlischen Vater jedes Leiden und sogar den Tod am Kreuz auf sich zu nehmen.

Von Jerusalem kehrte Jesus mit Maria und Josef nach Nazaret zurück, wo er im Gehorsam ihnen gegenüber lebte (vgl. Lk 2, 51). Über diese Zeit vor dem Beginn seines öffentlichen Auftretens berichtet das Evangelium nur, daß er »heranwuchs, und seine Weisheit zunahm, und er Gefallen fand bei Gott und den Menschen« (Lk 2, 52).

Liebe Kinder, in dem Kind, das ihr in der Krippe bewundert, könnt ihr bereits den zwölfjährigen Jungen sehen, der im Tempel von Jerusalem mit den Schriftgelehrten redet. Es ist derselbe erwachsene Mann, der später als Dreißigjähriger mit der Verkündigung des Wortes Gottes beginnen und sich die zwölf Apostel aussuchen wird und dem die nach Wahrheit dürstende Menschenmenge folgen wird. Er wird auf Schritt und Tritt seine außergewöhnliche Lehrtätigkeit durch Zeichen göttlicher Macht bestätigen: er wird Blinden das Augenlicht wiedergeben, Kranke heilen, sogar Tote auferwecken. Und unter den Toten, die von ihm ins Leben zurückgerufen werden, wird sich die zwölfjährige Tochter des Jaïrus befinden; auch der Sohn der Witwe von Naïn, den er der weinenden Mutter lebend zurückgibt, wird dazugehören.

Genau so ist es: dieses Kind, gerade erst geboren, wird, sobald es grob geworden ist, als Lehrer der göttlichen Wahrheit eine ausserordentliche Liebe für die Kinder an den Tag legen. Er wird zu den Aposteln sagen: »Labt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!«, und er wird hinzufügen: »Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes« (Mk 10, 14). Ein anderes Mal wird er vor die Apostel, die darüber stritten, wer der Größte sei, ein Kind stellen und zu ihnen sagen: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt 18, 3). Bei jener Gelegenheit wird er auch sehr strenge, warnende Worte sprechen: »Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde« (Mt 18,6).

Wie wichtig ist in den Augen Jesu das Kind! Man könnte geradezu sagen, das Evangelium ist tief durchdrungen von der Wahrheit über das Kind. Ja, man könnte es sogar in seiner Ganzheit als das »Evangelium des Kindes« lesen.

Was heißt denn: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen?« Stellt Jesus nicht vielleicht das Kind als Vorbild auch für die Erwachsenen hin? Im Kind gibt es etwas, das in einem, der in das Himmelreich kommen will, nie fehlen darf. Für den Himmel sind alle bestimmt, die einfältig sind wie die Kinder, alle, die wie sie von vertrauensvoller Hingabe erfüllt, voller Güte und Reinheit sind. Sie allein können in Gott einen Vater finden und ihrerseits durch Jesus zu Kindern Gottes werden.

Ist das nicht die wesentliche Botschaft von Weihnachten? Beim hl. Johannes lesen wir: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (1, 14); und weiter: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden« (1, 12). Kinder Gottes! Ihr, liebe Kinder, seid Söhne und Töchter eurer Eltern. Doch Gott will, daß wir alle durch die Gnade seine Adoptivkinder sind. Hier liegt die wahre Quelle der Weihnachtsfreude, von der ich euch nun am Ende des Jahres der Familie schreibe. Freut euch über dieses »Evangelium der Gotteskindschaft!« In dieser Freude möge das kommende Weihnachtsfest im Jahr der Familie reiche Früchte tragen.

Jesus schenkt sich selbst

Liebe Freunde, eine unvergeßliche Begegnung mit Jesus ist gewiß die Erstkommunion, ein Tag, der als einer der schönsten des Lebens in Erinnerung bleiben soll. Die von Christus beim Letzten Abendmahl am Vorabend seines Leidens und Sterbens eingesetzte Eucharistie ist ein Sakrament des Neuen Bundes, ja das großartigste der Sakramente. In ihm wird der Herr in den Gestalten von Brot und Wein zur Speise der Seelen. Die Kinder empfangen es feierlich zum ersten Mal – eben bei der Erstkommunion – und sind eingeladen, es in der Folge möglichst oft zu empfangen, um in inniger Freundschaft mit Jesus zu bleiben.

Um die heilige Kommunion zu empfangen, muß man, wie ihr wißt, die Taufe empfangen haben: sie ist das erste und für das Heil notwendigste Sakrament. Die Taufe ist ein grobes Ereignis! In den ersten Jahrhunderten der Kirche, wo vor allem die Erwachsenen die Taufe empfingen, endete der Ritus mit der Teilnahme an der Eucharistie und mit der Feierlichkeit, die heute die Erstkommunion begleitet. Als man nach und nach dazu überging, vor allem den Neugeborenen die Taufe zu spenden – das trifft auch auf viele von euch zu, liebe Kinder, die ihr euch in der Tat nicht an den Tag eurer Taufe erinnern könnt -, wurde das feierlichere Fest mehr auf den Tag der Erstkommunion verlegt. Jeder Junge und jedes Mädchen aus katholischer Familie kennt sehr wohl diesen Brauch: die Erstkommunion wird als ein grobes Familienfest erlebt. An jenem Tag empfangen gewöhnlich zusammen mit dem Gefeierten die Eltern, die Geschwister, die Verwandten, die Paten, manchmal auch die Lehrer und Erzieher die Eucharistie.

Der Tag der Erstkommunion ist außerdem ein grobes Fest in der Pfarrei. Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an den Tag, als ich zusammen mit meinen Altersgenossen in der Pfarrkirche meines Dorfes zum ersten Mal die Eucharistie empfangen habe. Man pflegte dieses Ereignis auf Familienphotos festzuhalten, damit es nicht vergessen werde. Solche Momentaufnahmen begleiten den Menschen gewöhnlich für den Rest seines Lebens. Von Zeit zu Zeit wird beim Durchblättern der Photo-Alben die Atmosphäre jener Augenblicke wieder lebendig; man kehrt zurück zu der Reinheit und Freude, die man in der Begegnung mit Jesus erlebt hat, der aus Liebe zum Erlöser des Menschen geworden ist.

Für wie viele Kinder in der Geschichte der Kirche ist die Eucharistie Quelle geistlicher, manchmal geradezu heroischer Kraft gewesen! Wie könnte man zum Beispiel heilige Jungen und Mädchen unerwähnt lassen, die in den ersten Jahrhunderten gelebt haben und noch heute bekannt sind und in der ganzen Kirche verehrt werden? Die hl. Agnes, die in Rom lebte; die hl. Agatha, die in Sizilien das Martyrium erlitten hat; der hl. Tarcisius, der zu Recht Märtyrer der Eucharistie genannt wird, weil er lieber starb als Jesus aufzugeben, den er in Gestalt des Brotes mit sich trug.

Und so sind die Jahrhunderte hindurch bis herauf in unsere Tage unter den Heiligen und Seligen der Kirche immer auch Kinder zu finden. Wie im Evangelium Jesus besonderes Vertrauen in die Kinder bekundet, so hat es seine Mutter Maria nicht unterlassen, den Kleinen im Laufe der Geschichte ihre mütterliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Denkt an die hl. Bernadette von Lourdes, an die Kinder von La Salette und in unserem Jahrhundert an Lucia, Francisco und Jacinta von Fatima.

Ich sprach vorhin vom »Evangelium des Kindes«: hat es nicht in unserer Zeit in der Spiritualität der hl. Theresia vom Kinde Jesu einen besonderen Ausdruck gefunden? Es stimmt wirklich: Jesus und seine Mutter wählen oft die Kinder aus, um ihnen Aufgaben anzuvertrauen, die von grober Bedeutung für das Leben der Kirche und der Menschheit sind. Ich habe nur einige weltweit bekannte genannt, aber wie viele andere, weniger bekannte gibt es! Der Erlöser der Menschheit scheint mit ihnen die Sorge für die anderen zu teilen: für die Eltern, für die Schulfreunde und Spielgefährten. Er erwartet so sehr ihr Gebet. Was für eine enorme Macht hat das Gebet der Kinder! Es wird zu einem Vorbild selbst für die Erwachsenen: mit schlichtem und restlosem Vertrauen beten heißt beten, wie die Kinder zu beten verstehen.

Und da komme ich an einen wichtigen Punkt meines Briefes: am Ende des Jahres der Familie möchte ich eurem Gebet, liebe kleine Freunde, die Probleme eurer und aller Familien der Welt anvertrauen. Und nicht nur das: ich habe euch noch andere Absichten anzuvertrauen. Der Papst zählt sehr auf euer Gebet. Wir müssen miteinander und viel beten, damit die Menschheit, die aus mehreren Milliarden von einzelnen Menschen besteht, immer mehr zur Familie Gottes wird und in Frieden leben kann. Ich habe am Anfang an die unsäglichen Leiden erinnert, die so viele Kinder in diesem Jahrhundert erfahren haben, und an jene, die viele von ihnen noch immer erdulden, auch in diesem Augenblick. Wie viele fallen auch in diesen Tagen dem Hab zum Opfer, der in verschiedenen Zonen der Erde wütet: zum Beispiel auf dem Balkan und in einigen Ländern Afrikas. Als ich über diese Geschehnisse nachdachte, die unsere Herzen mit Schmerz erfüllen, habe ich beschlossen, euch, liebe Kinder, zu bitten, das Gebet für den Frieden zu eurem besonderen Anliegen zu machen. Wie ihr wohl wißt: Liebe und Eintracht bauen den Frieden auf, Hab und Gewalt zerstören ihn. Ihr schreckt instinktiv vor dem Hab zurück und werdet von der Liebe angezogen: deshalb ist der Papst sicher, daß ihr seine Bitte nicht zurückweisen werdet, sondern euch seinem Gebet für den Frieden in der Welt mit demselben Schwung anschließen werdet, mit dem ihr für den Frieden und die Eintracht in euren Familien betet.

Lobt den Namen des Herrn!

Labt mich euch, liebe Jungen und Mädchen, am Ende dieses Briefes an die Worte eines Psalms erinnern, die mich immer ergriffen haben: Laudate pueri Dominum! Lobt, Kinder, den Herrn, lobt den Namen des Herrn. Der Name des Herrn sei gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt (vgl. Ps 113, 1-3). Während ich über die Worte dieses Psalms nachdenke, ziehen vor meinen Augen die Gesichter der Kinder der ganzen Welt vorüber: vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden. Euch, kleine Freunde, sage ich ohne Unterschied von Sprache, Rasse oder Nationalität: Lobt den Namen des Herrn!

Und da der Mensch Gott vor allen Dingen mit dem Leben loben soll, vergebt nicht, was der zwölfjährige Jesus im Tempel von Jerusalem zu seiner Mutter und zu Josef sagte: »Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Der Mensch lobt Gott, wenn er der Stimme der eigenen Berufung folgt. Gott ruft jeden Menschen, und seine Stimme läßt sich schon in der Seele des Kindes vernehmen: Er beruft zu einem Leben in der Ehe oder aber dazu, Priester zu werden; er beruft zu einem gottgeweihten Leben oder vielleicht zur Arbeit in den Missionen… Wer weiß? Betet, liebe Jungen und Mädchen, um eure Berufung herauszufinden und ihr dann großherzig zu folgen.

Lobt den Namen des Herrn! In der Nacht von Betlehem blicken die Kinder aller Kontinente gläubig auf das neugeborene Kind und erleben die grobe Freude des Weihnachtsfestes. Mit Liedern und Gesängen in ihren Sprachen loben sie den Namen des Herrn. So verbreiten sich die eindrucksvollen Weihnachtsweisen über die ganze Erde. Es sind zarte, ergreifende Worte, die da in allen menschlichen Sprachen erklingen; wie ein Jubelgesang, der von der ganzen Erde aufsteigt, um sich mit jenem der Engel zu vereinen, die über dem Stall von Betlehem Gottes Herrlichkeit verkünden: »Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade« (Lk 2, 14). Der von Gott geliebte Sohn kommt als neugeborenes Kind zu uns; in seiner Nähe fühlen die Kinder jeder Nation der Erde auf sich den liebevollen Blick des himmlischen Vaters und freuen sich, weil Gott sie liebt. Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er ist aufgerufen, Gott und den Nächsten zu lieben, um aber wirklich zu lieben, muß er die Gewißheit haben, daß Gott ihn lieb hat.

Gott liebt euch, liebe Kinder! Das will ich euch am Ende des Jahres der Familie und anläßlich dieses Weihnachtsfestes sagen, das in besonderer Weise euer Fest ist.

Ich wünsche euch, daß es ein Fest voller Freude und Fröhlichkeit sein möge; ich wünsche euch, dab ihr dabei ganz intensiv die Liebe eurer Eltern, eurer Geschwister und der anderen Familienmitglieder erfahrt. Diese Liebe möge sich dann eben durch euch, liebe Kinder, auf eure ganze Umgebung, ja auf die ganze Welt ausweiten. So wird die Liebe alle erreichen, die sie besonders nötig haben, im besonderen die Leidenden und Verlassenen. Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die von der Liebe ausgelöst wird? Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die du, Jesus, zu Weihnachten in das Herz der Menschen und besonders der Kinder trägst?

Hebe dein Händchen, göttliches Kind,
und segne diese deine kleinen Freunde,
segne die Kinder der ganzen Erde!

Aus dem Vatikan, am 13. Dezember 1994.

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Quelle

Bischof Hanke unterstützt Bürgerinitiative zum Schutz von Ehe und Familie

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Die europäische Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ unterstützt der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke. Das teilt der Pressedienst der Diözese mit.

Mit seiner Unterschrift schließe sich der Bischof der Forderung nach einer EU-Verordnung an, mit der Ehe und Familie geschützt werden sollen.

Bischof Hanke betonte, dass auf dem christlichen Menschenbild auch ein entsprechendes Verständnis von Ehe und Familie aufgebaut ist:

„Heute wird in der Europäischen Union viel über die Förderung von Ehe und Familie geredet, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter und Kind“ möchte Ehe und Familie europaweit so definieren, dass sie mit dem christlichen Menschenbild übereinstimmt: Ehe als Lebensbund von Mann und Frau, Familie als Gemeinschaft, die auf der Ehe basiert. Ich hoffe, dass viele Gläubige diese wichtige europäische Initiative unterstützen“.

Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ lädt europaweit ein, sich in Unterschriftenlisten einzutragen und so für den Schutz der Ehe und Familie einzutreten.

Neben anderen Bischöfen gehört auch Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, zu den Unterstützern. Die Initative wirbt auch in den Sozialen Medien für Unterschriften und Unterstützung.

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Das internationale Hilfswerk Kirche in Not hat einen Video-Aufruf zur Initiative veröffentlicht:

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EICHSTÄTT , 26 October, 2016 / 5:53 PM (CNA Deutsch).-

Das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder (II)

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Foto: Arguez

In diesem Artikel wird dargelegt, dass neben der Familie auch der Staat und die Kirche unersetzliche Pflichten im Bereich der Erziehung haben.

Der vorausgehende Artikel behandelte die natürliche Begründung des Rechts der Eltern auf Erziehung ihrer eigenen Kinder sowie den universellen und unverzichtbaren Charakter dieses Rechtes.

Geht man von dieser Überlegung aus, fällt es sicher leicht die Schule als eine Ergänzung der Bildungsarbeit zu verstehen, die zuhause erfolgen muss. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Eltern gesetzlich für Fragen zuständig sind, die mit der Erziehung zu tun haben. Der Staat und auch die Kirche haben aus anderen Gründen in diesem Bereich unentbehrliche Pflichten.

Die Aufgabe des Staates auf dem Gebiet der Erziehung

Es gibt mehrfache Gründe, die das Interesse der Behörden an der Erziehung rechtfertigen. Vom Erfahrungsstandpunkt aus ist es international nachgewiesen, dass das tatsächliche Wachstum der Freiheit und des sozioökonomischen Fortschritts der Gesellschaften auf der Notwendigkeit beruht, dass die staatlichen Behörden ein gewisses kulturelles Niveau der Bevölkerung sicherstellen. Eine verflochtene Gesellschaft kann nämlich nur dann richtig funktionieren, wenn es eine angemessene Verbreitung der Informationen und der entsprechenden Kenntnisse für deren richtige Verarbeitung gibt, wie auch ein ausreichendes Verständnis für die Tugenden und die Verhaltensregeln, die das Zusammenleben der Bürger ermöglichen und die eigenen und die gemeinsamen Verhaltensweisen prägen.

Man braucht zum Beispiel nur an die Bedeutung der Bekämpfung des Analphabetismus zur Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit zu denken, um zu verstehen, dass der Staat unaufgebbare Befugnisse und Rechte bezüglich der Förderung und Verbreitung der Erziehung besitzt, auf die jeder Mensch ein unveräußerliches Recht hat i.

Als konkrete Forderung des Gemeinwohls ist es zulässig, dass die staatliche Gesetzgebung bestimmte Bildungsstufen festlegt, deren erfolgreicher Abschluss die rechtliche Voraussetzung für den Zugang zu bestimmten Universitätsstudien und anderen Arten beruflicher Tätigkeiten sein kann.

In diesem Zusammenhang kann die Frage aufkommen, ob die Zuständigkeiten der Eltern und die des Staates nicht im Widerspruch stehen oder sogar unvereinbar sind, oder ob sie im Gegenteil eine gegenseitige Ergänzung sein können. Jedenfalls wird es gut sein sich zu fragen wie sie sich aufeinander abstimmen lassen. Wie weit kann kann der Staat rechtlich eingreifen ohne das Recht der Eltern untergraben, oder wann darf er eingreifen, um die Rechte der Kinder gegenüber den Eltern sicherzustellen?

In Wirklichkeit geht es dabei um Fragen, die an sich die Rolle des Staates bezüglich der Erziehung nicht berühren. Im Gegensatz zu dem, was wünschenswert wäre, zeigt sich bei den Behörden in vielen Ländern – zumindest seit dem 18. Jahrhundert – eine Neigung, die Erziehungsaufgaben zunehmend ausschließlich an sich zu ziehen, so dass fallweise eine fast vollständiges Schulmonopol erreicht wird.

Hinter diesem Interesse steckt die Absicht, allen Menschen eine einheitliche Ethik vorzuschreiben, die einer bürgerlichen Moral entsprechen sollte, deren Inhalt aus einigen allgemein gültigen und von allen anerkannten ethischen Minimalgrundsätzen besteht; und die in besonders übertriebenen Fällen zu einer beinahe totalitären Weltanschauung verkommen ist, weil sie versucht, dem Bürger die Verantwortung zu nehmen, ein eigenes Sitten- und Gewissensurteil zu haben, und weil sie ihm Lebensentwürfe oder Lebensstile verbietet, die anders sind als jene, die von der öffentlichen Meinung verbreitet werden, die der Staat geschaffen und unterstützt hat.

Das Mittel zur Verfolgung dieser Ziele ist die hartnäckige Verteidigung des wertneutralen Unterrichtes in der so genannten öffentlichen Schule gewesen, das An-den-Rand-Drängen oder die wirtschaftliche Aushungerung der Bildungsinitiativen, die im Schoß der Zivilgesellschaft entstanden sind, oder indirekt das Einführen von amtlichen Genehmigungsbedingungen oder allgemeine Programme durch staatliche Verordnungen, die dermaßen einschränkend und erschöpfend sind, dass sie in Wirklichkeit die Möglichkeit der Spezialangebote gesellschaftlicher Alternativen beseitigen. Das führt über den Weg der vollendeten Tatsachen zu einem Erziehungsmonopol oder zu einem rein äußerlichen Vorhandensein der schulischen Vielfalt.

In diesem Zusammenhang kann man sagen, dass die angebliche Vorurteilslosigkeit der staatlichen Bildungsprogramme nur scheinbar besteht, weil sie eine ganz eindeutige ideologische Einstellung enthalten. Im Westen lässt sich darüber hinaus feststellen, dass diese Art von Initiativen üblicherweise mit dem Bestreben verbunden ist, die menschliche Kultur von jeder Art religiöser Anschauung zu befreien, oder mit der Absicht, sittliche Grundwerte als nicht so wichtig anzusehen, wie etwa den Sinn der Gemütsregungen und der Liebe, der Mutterschaft, des Rechts auf Leben vom Augenblick der Zeugung an bis zu einem natürlichen Tod …

Diese Einstellung hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt, weil auf die Schulen Grundsätze angewendet wurden, die eher für den Universitätsbetrieb geeignet sind, wie die Lehr- und Meinungsfreiheit derer, die sich der Lehre widmen. So gesehen ist die Bildungsfreiheit eingeschränkt auf die vermeintliche Freiheit, die der Lehrer als ein vom Staat gewährtes Zugeständnis besitzen soll, um seine Ideen zu äußern und seine Schüler nach seinem Gutdünken zu bilden.

Hinter dieser Art, die Freiheit zu verstehen, lässt sich ein tiefer Pessimismus erkennen hinsichtlich der Fähigkeiten des Menschen und der Eignung der Eltern sowie der Gesellschaft im allgemeinen, den Kindern eine Ausbildung in der Tugend und der bürgerlichen Verantwortung sicherzustellen.

Diese Schwierigkeiten werden überwunden, wenn man bedenkt, dass die Schule eine Vertretungsaufgabe in Bezug auf die Eltern durchführt. «Die Behörden haben die Pflicht, dieses Elternrecht zu gewährleisten und dafür zu sorgen, dass es auch wirklich ausgeübt werden kann» ii, das heißt, sie haben sich an das Subsidiaritätsprinzip zu halten.

DIE LEHRFREIHEIT

Die Verteidigung des Elternrechts auf Erziehung ihrer Kinder im Schulbereich, sei es in Hinblick auf die Überschreitung der Zuständigkeit der Behörden, sei es in Bezug auf die weltanschaulichen Auffassungen des Lehrers, bezeichnet man gewöhnlich als Lehrfreiheit oder auch Freiheit der Erziehung. Es ist dasselbe natürliche Recht der Eltern vom Standpunkt der Beziehungen mit dem Staat und mit den anderen Erziehungsbeauftragten her gesehen.

Die Lehrfreiheit ist deshalb ein Menschenrecht, das den Familieneltern zukommt, damit sie ihre Kinder entsprechend ihren Vorstellungen erziehen, die ganz unterschiedlich sein können iii: angefangen von Fragen, die den Lebenslauf angehen (die Wahl der Sprachen oder der Sportarten, die sie ausüben), bis zu den Unterrichtsmethoden oder den Erziehungsmodellen (dazu gehören beispielsweise der getrennte Unterricht oder andere eher disziplinäre Dinge).

Verständlicherweise gehört die religiöse Ausrichtung zu diesem Bereich: es ist normal, dass die Eltern ihre Kinder im selben Glauben erziehen wollen, den sie bekennen und ausüben. Es geht also nicht um eine konfessionelle oder ideologische Frage, sondern um das natürliche Recht der Eltern.

Diese Freiheit stellt sicher, dass sie es sind, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern, sei es selber, sei es durch die Wahl der Schulen oder anderer Hilfsmittel, die sie dafür geeignet oder notwendig halten, oder auch durch die Errichtung eigener Erziehungszentren. Dem Staat kommen zweifellos Aufgaben in der Förderung, der Kontrolle und Beaufsichtigung des Schulwesens zu. Aber das verlangt Chancengleichheit zwischen den staatlichen Unternehmungen und privaten Initiativen. Beaufsichtigen bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu machen und die Freiheit zu behindern oder einzuschränken iv.

Jedenfalls ist dieses Recht nicht auf den häuslichen Bereich beschränkt, sondern es betrifft gerade die Bildung, die der von den Behörden rechtmäßig angeordneten Schulpflicht nachkommt, damit die Minderjährigen eine Mindestausbildung erhalten. Das heißt es gilt für die gesamte Zeit, in der sich die Kinder unter der Vormundschaft ihrer Eltern befinden.

Folglich geht es bei der Lehrfreiheit nicht um jede beliebige Art der Bildung, sondern um die Ausbildungsmaßnahmen, die eine allgemeine gesellschaftliche Bedeutung haben, damit die von einem Minderjährigen erhaltene Bildung rechtlich gültig ist. Die Lehrfreiheit setzt voraus anzuerkennen, dass nicht nur die staatliche Schule fähig ist, die Erfüllung der von den Behörden rechtmäßig festgesetzten Verpflichtung zur Mindestschulbildung nachzuweisen.

In dieser Zeit der Minderjährigkeit wird die Tätigkeit der Lehrer weder von der freien Wissenvermittlung noch von der für die Universität geltenden Forschungsfreiheit und deren Aufgabe bestimmt. Die Lehrer sind vor allem als Beauftragte der Eltern tätig. Sie stellen ihre beruflichen Fähigkeiten zur Verfügung, um mit ihnen gemeinsam die Kinder so zu erziehen, wie die Eltern es haben wollen.

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Foto: Medellin.Digital

Im Bereich der Schule ist die Lehrtätigkeit des Lehrers eine Arbeit, die sich als “väterlich” bezeichnen lässt; sie sollte niemals ideologisch sein. Die Lehrfreiheit lehnt sich gegen den Wertewandel auf, der die Beseitigung des Grundsatzes mit enthält, die Schule habe im Auftrag der Eltern zu handeln, und ihn durch jenen anderen ersetzt, der behauptet, die Schule sei als ideologisch-administrativer Vertreter der staatlichen Behörden tätig.

DIE VERPFLICHTUNG ZUM EINGREIFEN IM ÖFFENTLICHEN BEREICH BEI ERZIEHUNGSFRAGEN

Alle Bürger, insbesondere die Eltern, können und sollen einzeln oder in Vereinen im öffentlichen Bereich Stellung nehmen, wenn es um die Erziehung geht, die eine ganz wichtige Angelegenheit des Gemeinwohls ist.Im Leben der Völker gibt es zwei Bereiche, die von entscheidender Bedeutung sind: die Gesetze über Ehe und Familie und die über die Erziehung. Hier müssen die Kinder Gottes – aus Liebe zu allen Menschen – feste Grundsätze vertreten und sich selbstlos einsetzen v.

Diese Festigkeit, die besonders wichtig für eine auf der Ehe beruhenden Familie ist, stützt sich auf eine angeborene Berechtigung, die weder vom Staat noch von der Gesellschaft gewährt wird, sondern schon vor diesen besteht, weil sie in der Natur des Menschen ihre Grundlage hat. Daher muss sie bestrebt sein, dass das den Eltern zustehende Recht anerkannt wird, die eigenen Kinder selbst zu erziehen oder diese Tätigkeit jenen zu übertragen, denen sie vertrauen. Es ist also ein Ausdruck der gesellschaftlichen Eigenständigkeit der Familie und deren Umfangs der Selbstbestimmung anderen Gewalten gegenüber, die beabsichtigen sich auf diesem Gebiet einzumischen. So eine Haltung verlangt von den Eltern allerdings ein hohes Maß an Verantwortungssinn und Eigeninitiative.

J.A. Araña, C.J. Errázuriz

i Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der UNESCO , 2.6.1980; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis conscientia , Nr. 92.

ii Katechismus der Katholischen Kirche , Nr. 2229.

iii Vgl. ebd.

iv Hl. Josefmaria, Gespräche mit Mons. Escrivá de Balaguer, Nr. 79.

v Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede , Nr. 104.

Das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder (I) – Ausdruck der Liebe –

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Auch wenn sie sich an andere Mitwirkende wenden können, sind die Eltern immer die Hauptverantwortlichen für die Erziehung der Kinder, wie in diesem Artikel näher erläutert wird.

Die heute geltende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte legt im Artikel 26 das Recht der Eltern fest, die Erziehung zu wählen, die sie für ihre Kinder bevorzugen i, und noch erwähnenswerter ist die Tatsache, dass die Unterzeichner diese Grundregel zu den Grundgesetzen zählen, die ein Staat weder verweigern noch gezielt verändern darf.

Es gehört zur menschlichen Natur, ein von seiner inneren Art her gesellschaftliches und abhängiges Lebewesen sein. Die Abhängigkeit zeigt sich am deutlichsten in den Kindesjahren. Zum menschlichen Wesen gehört, dass wir alle eine Erziehung erhalten, in die Gesellschaft hineinwachsen, sich eine Kultur und einige Kenntnisse aneignen müssen.

Genau genommen ist ein Kind nicht nur ein in die Welt hineingestelltes Geschöpf: im Menschen gibt es eine enge Verbindung zwischen Zeugung und Erziehung, die so weit geht, dass letztere als Fortsetzung oder Vervollständigung des Zeugungsaktes angesehen wird. Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung, das notwendig ist, um seine Fähigkeiten entfalten zu können; und diesem Recht der Kinder entspricht das Recht und die Verpflichtung der Eltern sie zu erziehen.

AUSDRUCK DER LIEBE GOTTES

Das lässt sich gut an der lateinischen Bezeichnung für Erziehung “educatio” erkennen. Das Wort educare bedeutet vor allem die Handlung und die Folge der Versorgung oder des Aufziehens der Nachkommenschaft. Es ist klar, dass diese Versorgung nicht nur materiell zu verstehen ist, sondern auch die Entfaltung der geistigen Fähigkeiten der Kinder umfasst, der intellektuellen wie der sittlichen, zu denen auch die Tugenden und Höflichkeitsformen gehören.

Sohn und Vater, Tochter und Mutter sind, jeweils im Bezug auf den anderen, die natürlichen Zöglinge und Erzieher, und jede andere Art der Erziehung ist es nur in sinngemäßer Weise: die Erziehung betrifft den Menschen insofern er Sohn oder Tochter ist, das heißt, insofern er von seinen Eltern abhängt.

Daher liegt der Grund des Rechts auf Erziehung in der menschlichen Natur, und seine Wurzeln liegen in wirklichen Dingen, die für alle Menschen ähnlich sind und die letztlich die Gesellschaft selbst begründen. Darum hängen die Rechte zur Erziehung und zum Erzogen-werden nicht davon ab, ob sie durch ein positives Gesetz festgelegt worden sind oder nicht; sie sind auch nicht einZugeständnis der Gesellschaft oder des Staates. Es handelt sich um Grundrechte im strengsten Sinn, den dieses Wort enthält.

Das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder ist also bezogen auf jenes der Kinder, eine ihrer Menschenwürde und ihren Bedürfnissen entsprechende Erziehung zu erhalten; dieses letztere ist der Grund für das erste. Die Angriffe gegen das Recht der Eltern sind letztlich nichts anderes als ein Angriff gegen das Recht der Kinder, das aus Gerechtigkeit von der Gesellschaft anerkannt und gefördert werden muss.

Die Tatsache, dass das Recht der Kinder erzogen zu werden grundlegender ist, bedeutet jedoch nicht, dass die Eltern darauf verzichten könnten, Erzieher zu sein, etwa unter dem Vorwand, dass andere Personen oder Institutionen sie besser erziehen können. Das Kind ist vor allem Kind; und für sein Heranwachsen und Reifen ist es ganz wichtig, dass es als solches im Schoß der Familie aufgenommen wird.

Die Familie ist der natürliche Ort, an dem die Beziehungen der Liebe, des Dienstes, der gegenseitigen Hingabe, die zum innersten Bereich des Menschen gehören, erfahren, erachtet und erlernt werden. Daher sollte jeder Mensch, außer in den unmöglichen Fällen, im Schoß einer Familie von seinen Eltern erzogen werden. Dabei können andere Personen – jeder in seiner verschiedenen Rolle – mitwirken: Geschwister, Großeltern, Tanten, Onkel …

Vom Glauben erhellt erhalten die Zeugung und die Erziehung einen neuen Sinn: das Kind ist zur Vereinigung mit Gott berufen und ist für die Eltern so etwas wie ein Geschenk, das zugleich Ausdruck ihrer ehelichen Liebe ist.

Wenn neuerlich ein Kind geboren wird, bekommen die Eltern eine neue göttliche Berufung: der Herr erwartet von ihnen, dass sie das Kind in der Freiheit und in der Liebe erziehen. Sie sollen es nach und nach zu Ihm hinführen. Er erwartet, dass der Sohn oder die Tochter in der ihm oder ihr von den Eltern erwiesenen Liebe und Zuwendung ein Spiegelbild der Liebe und Aufmerksamkeit bemerkt, die Gott selbst ihnen zuwendet. Daher sind für christliche Eltern das Recht und die Pflicht zur Erziehung eines Kindes aus Gründen unverzichtbar, die weit über einen natürlichen Verantwortungssinn hinausgehen. Sie sind auch unverzichtbar, weil sie zu ihrer Hochachtung gegenüber der göttlichen Berufung gehören, die sie mit der Taufe erhalten haben.

Auch wenn die Erziehung vor allem eine Tätigkeit des Vaters und der Mutter ist, tut es jeder andere Erzieher, weil er von den Eltern dazu beauftragt wurde und ihnen unterstellt ist. «Die Eltern sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher der eigenen Kinder und haben auch in diesem Bereich grundliegende Zuständigkeit: Sie sind Erzieher, weil sie Eltern sind. Sie teilen ihren Erziehungsauftrag mit anderen Personen und Institutionen wie der Kirche und dem Staat; dies muss jedoch immer in korrekter Anwendung des Prinzips der Subsidiarität geschehen»ii.

Es ist natürlich gestattet, dass die Eltern Hilfen suchen, um ihre Kinder zu erziehen. Die Aneignung kultureller oder technischer Fertigkeiten, die Beziehung zu Personen über den Kreis der Familie hinaus, usw. sind notwendige Teilbereiche für ein richtiges Heranwachsen des Menschen, die die Eltern auf sich allein gestellt nicht in angemessener Weise abdecken können. Das heißt, «jeder andere Mitwirkende am Erziehungsprozess kann nur im Namen der Eltern, auf Grund ihrer Zustimmung, und in einem gewissen Maße sogar in ihrem Auftrag tätig werden» iii: solche Hilfestellungen werden von den Eltern gesucht, die niemals das aus dem Blick verlieren, was sie von ihnen erwarten, und die aufmerksam sind, damit sie ihren Absichten und Erwartungen entsprechen.

ELTERN UND SCHULEN

Die Schule ist in diesem Zusammenhang als eine Einrichtung zu verstehen, die dazu ausersehen ist, mit den Eltern bei deren Erziehungsarbeit zusammenzuarbeiten. Es ist umso dringender sich dieser Tatsache bewusst zu sein, wenn wir daran denken, dass es heute viele Gründe gibt, die die Eltern – oft ohne sich dessen ganz bewusst zu sein – dazu bringen können, die große Bedeutung der ihnen zukommenden wunderbaren Arbeit nicht zu verstehen und in Wirklichkeit auf ihre Rolle als vollverantwortliche Erzieher zu verzichten.

Der von Papst Benedikt XVI. mehrmals angesprochene Erziehungsnotstand hat seinen Grund in dieser Verwirrung: Die Erziehung wurde verkürzt auf«die Weitergabe bestimmter Fähigkeiten oder Fertigkeiten (…). Den Wunsch der jungen Generationen, glücklich zu sein, versucht man dadurch zu kompensieren, dass man sie mit Konsumprodukten überhäuft und ihnen kurzlebige Freuden verschafft» iv, und auf diese Weise bleiben die Jugendlichen «letztlich allein gelassen angesichts der großen Fragen, die unweigerlich in ihnen aufbrechen» v, und einer Gesellschaft und Kultur ausgeliefert, die sich den Relativismus zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht hat.

Angesichts dieser möglichen Schwierigkeiten und wegen ihres von Natur aus gegebenen Rechts müssen die Eltern spüren, dass die Schule in gewisser Weise eine Erweiterung ihres Zuhauses ist. Sie ist ein Mittel ihrer eigenen Aufgabe als Eltern und nicht nur ein Ort, an dem den Kindern eine Reihe von Kenntnissen vermittelt wird.

Als erste Bedingung muss der Staat die Freiheit der Familien sicherstellen, so dass es ihnen möglich ist die Schule oder die Bildungszentren wohlüberlegt auszuwählen, die ihnen für die Erziehung ihrer Kinder am besten geeignet erscheinen. Sicherlich besitzt der Staat im Rahmen seiner Aufgabe das Gemeinwohl zu schützen, einige Rechte und Pflichten im Erziehungsbereich. Auf sie werden wir in einem der nächsten Artikel zurückkommen. Dieses Eingreifen darf aber nicht dem berechtigten Bestreben der Eltern entgegenstehen, ihre eigenen Kinder in Übereinstimmung mit den Werten zu erziehen, die von ihnen für wichtig gehalten und vorgelebt werden, und die sie als wertvoll für ihre Nachkommen ansehen.

Wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, muss der Staat – auch wenn es nur eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit wäre – die Mittel und die günstigen Voraussetzungen bereitstellen, denn die Eltern «müssen in der Wahl der Schule wirklich frei sein, (…) für ihre Kinder die Schulen nach ihrem Gewissen wirklich frei wählen können» vi. Daher ist es wichtig, dass sich jene, die in den Bereichen der Politik und der Öffentlichen Meinung tätig sind, darum bemühen, dass dieses Recht gewahrt bleibt und so weit wie möglich gefördert wird.

Das Interesse der Eltern an der Erziehung ihrer Kinder zeigt sich in tausend Details. Unabhängig von der Einrichtung, in der die Kinder studieren, ist es ganz normal sich über das dort herrschende Klima und die vermittelten Inhalte zu erkundigen.

Auf diese Weise schützt man die Freiheit der Schüler ; das Recht, dass ihre Persönlichkeit nicht verbildet wird und ihre Fähigkeiten nicht übergangen werden; den rechtmäßigen Anspruch auf eine gesunde Bildung, ohne dass man ihre ganz natürliche Lernbereitschaft missbraucht, um ihnen Auffassungen und menschliche Teilansichten aufzudrängen. So wird es ermöglicht und gefördert, dass die Kinder einen gesunden kritischen Geist entwickeln, und gleichzeitig zeigt man ihnen, dass auf diesem Gebiet das Interesse der Eltern über die Schulergebnisse hinausgeht.

Genau so wichtig wie dieser Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern ist jener der Eltern mit den Lehrern. Eine klare Folge davon, die Schule als ein weiteres Hilfsmittel der eigenen Erziehungsarbeit anzusehen, ist aktiv bei den Initiativen oder beim Festlegen der Grundeinstellungen der Schule mitzuarbeiten.

Insofern ist es wichtig, bei ihren Tätigkeiten mitzumachen: Erfreulicherweise hat es sich immer mehr eingebürgert, dass die staatlichen wie die privaten Schulen von Zeit zu Zeit Tage der offenen Tür, Sporttage oder Informationsrunden mit eher akademischer Ausrichtung veranstalten. Besonders bei den zuletzt genannten Zusammenkünften ist eine Teilnahme – wenn möglich – beider Eltern anzustreben, auch wenn das einigen Aufwand an Zeit oder Organisation erfordert. Auf diese Weise wird den Kindern, ohne viel sagen zu müssen, vermittelt, dass beide Eltern die Schule als einen bedeutenden Teil im Familienleben ansehen.

In diesem Zusammenhang eröffnen sich durch das Mitwirken in Elternvereinen – indem man bei der Planung von Veranstaltungen mitmacht, gute Vorschläge einbringt oder sich sogar an den Leitungsgremien beteiligt – eine Reihe von neuen erzieherischen Möglichkeiten. Ohne Zweifel bedarf es einer aufopferungsbereiten Einstellung: man muss sich Zeit nehmen, um mit anderen Familien zu sprechen, um die Professoren kennen zu lernen, an Sitzungen teilzunehmen usw. …

Diese Schwierigkeiten werden jedoch – vor allem für jemanden, der Gott liebt und den anderen dienen will – reichlich aufgewogen durch das Eröffnen eines apostolischen Betätigungsfeldes, das unermesslich groß ist. Selbst wenn die Schulordnung es nicht zulässt bei der Ausrichtung einiger Ausbildungsprogramme unmittelbar mitzuwirken, besteht die Möglichkeit, die Professoren und die Schulleitung dazu zu bringen und zu bewegen, dass im Unterricht die Tugenden, das Gute und das Schöne vermittelt werden.

Die anderen Eltern sind die ersten, die für so einen Einsatz dankbar sind. Für sie wird ein bei der Arbeit der Schule mitwirkender Vater – egal ob er diesen Auftrag erhalten hat oder ob er aus Eigeninitiative seine Sorge um das Klima in der Klasse zeigt, usw. – zu einer Bezugsperson: er ist jemand, auf dessen Erfahrung man sich stützt, oder den man bei der Erziehung der eigenen Kinder um Rat bittet.

Auf diese Weise öffnet sich der Weg zur persönlichen Freundschaft und mit ihr zu einem Apostolat, das letztlich allen Menschen im Erziehungsumfeld, in dem sich die Kinder entfalten, zugute kommt. Hier trifft voll zu, was der heilige Josefmaria im Buch Der Weg über die Fruchtbarkeit des persönlichen Apostolats geschrieben hat: Du bist für deine Umgebung, Apostel, ein Stein der in den See fällt. – Löse du mit deinem Beispiel und Wort einen Kreis aus. Dieser erzeugt einen neuen, dieser wieder einen und wieder einen . . . Jeder wird größer als der vorhergehende. Begreifst du jetzt die Größe deiner Sendung? vii

J.A. Araña – J.C. Errázuriz

i Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 10.12.1948, Nr. 26.

ii Johannes Paul II., Brief an die Familien, 2.2.1994, Nr. 16.

iii Ebd.

iv Benedikt XVI., Ansprache bei der Eröffnung der Pastoraltagung der Diözese Rom, 11.6. 2007.

v Benedikt XVI,. Ansprache vor der Ital. Bischofskonferenz, 28.5.2008.

vi II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die christliche Erziehung Gravissimum educationis, Nr. 6.

vii Hl. Josefmaria. Der Weg, Nr. 831.

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Quelle