OPUS DEI: Brief des Prälaten Javier Echevarría Rodríguez (November 2016)

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Das bevorstehende Ende des Jahrs der Barmherzigkeit veranlasst Bischof Echevarría, uns in seinem Brief vorzuschlagen: „Vertrauen wir uns persönlich der Barmherzigkeit Gottes an, um uns so unserer Mitmenschen anzunehmen, das heißt, uns ihnen beständig zuzuwenden.“

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Vor nahezu einem Jahr hat der Papst die Heilige Pforte geöffnet, zuerst im Herzen von Afrika und dann im Petersdom. Nun geht das Jubeljahr seinem Ende entgegen, das auf das Hochfest Christkönig am 20. November festgelegt ist, und wir rufen uns die Ereignisse, die in aller Welt stattgefunden haben, in Erinnerung. Das wichtigste ist zweifellos in der Seele eines jeden zwischen ihm und Gott geschehen. Nur er weiß, wie viele Menschen sich, vielleicht nach Jahren der Gottferne oder der Lauheit, wieder mit ihm versöhnt haben.

Im Laufe dieser Monate haben wir versucht, das Geheimnis der Liebe Gottes, das im Schoß der Kirche verborgen ruht, wieder zu entdecken. Und wirklich, das göttliche Erbarmen erfüllt die ganze Erde, wie die Wasser die weite Fläche der Ozeane bedecken; wir haben ihm nachgespürt in der Heiligen Schrift – bei den Propheten und in den Psalmen, vor allem jedoch im Evangelium –, in der Liturgie, in der Volksfrömmigkeit … Auch in unserem Leben haben wir es bemerkt. Ein Blick auf die eigene Existenz genügt, um voller Staunen neu zu entdecken, wie nah Gott uns ist, seit er uns durch die Taufe in die Kirche eingegliedert hat – und sogar noch vorher.

Christus hat uns im 15. Kapitel des Lukasevangeliums eine klare Lehre hinterlassen. Dort werden seine drei Gleichnisse von der göttlichen Barmherzigkeit erzählt: vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom Verlorenen Sohn. Der hl. Ambrosius schreibt dazu: „Wer sind dieser Vater, dieser Hirt und diese Frau? Stellen sie nicht Gott Vater, Christus und die Kirche dar? Christus trägt dich auf seinen Schultern, die Kirche sucht dich, und der Vater nimmt dich auf. Weil er Hirte ist, hält der eine dich fest; weil sie Mutter ist, nimmt die andere dich auf und macht sich immer wieder auf die Suche nach dir; und dann zieht der Vater dir wieder deine Kleider an. Der erste tut es als Werk seiner Barmherzigkeit; die zweite, indem sie für dich sorgt; und der dritte, indem er dich mit ihm versöhnt.“[1]

Diese Monate haben uns geholfen, unsere Gottes- und Nächstenliebe von neuem zu stärken, genau da, wo sie vielleicht immer noch etwas schwächlich sein mochte. Möglicherweise merken wir jedoch, dass in so manchen Falten unserer Seele weiterhin diese Facette fehlt; das darf uns nicht wundern, denn der Aufruf, „barmherzig wie der Vater zu sein“ ist eine Aufforderung für das ganze Leben.

Der Abschluss des Heiligen Jahres ist daher nicht ein Endpunkt, von dem aus wir zu etwas anderem übergehen, sondern ein Ausgangspunkt, um mit erneuertem Schwung auf dem Weg unseres Christseins voranzuschreiten. Von der Taufe an besitzen alle Christen das allgemeine Priestertum, das dazu führt, mit einem tiefen Sinn für die Gotteskindschaft Erbarmen zu üben. Der hl. Josefmaria sagte häufig, dass „man in allen Menschen Brüder sehen muss, denen wir aufrichtige Liebe und selbstlosen Dienst schulden“[2]. Das ist auch die Botschaft des Papstes wenige Wochen vor Abschluss dieses besonderen Gnadenjahres. „Es genügt nicht, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren; jeder, der sie empfängt, muss auch ihr Zeichen und Werkzeug für die anderen sein. Außerdem ist die Barmherzigkeit nicht nur besonderen Augenblicken vorbehalten, sondern sie umfasst unser ganzes tägliches Leben.“[3]

Daher frage ich mich und lade auch Euch ein, Euch zu fragen: Was ist in uns am Ende des Heiligen Jahres verblieben? Sind wir mehr als zuvor überzeugt, dass Gott uns wie ein Vater anschaut, „dessen Liebe zart und unerschöpflich ist“[4]? Im täglichen Miteinander, im Familienleben, in der Berufsarbeit, im Apostolat, bei den Armenbesuchen und im Einsatz für die, die leiden – steht uns die Liebe Gottes, die sich uns in Christus offenbart hat, überall vor Augen? Halten wir die Hoffnung aufrecht, dass Gott trotz unserer Irrtümer wünscht, dass wir Vermittler seines Erbarmens sind? Es ist äußerst angebracht, wie unsere Mutter Maria über diese Dinge nachzudenken und sie in unserem Herzen zu prüfen.

Um mit immer entschlossenerem Schritt weiter in die Richtung zu gehen, die der Heilige Geist der Kirche vorgibt, erlaube ich mir, Euch zwei Leitlinien vorzuschlagen, die gewissermaßen den in diesen Monaten durchlaufenen Weg zusammenfassen und uns helfen können, in unserer Seele das Licht dieses Heiligen Jahres nicht erlöschen zu lassen: Vertrauen wir uns persönlich der Barmherzigkeit Gottes an, um uns so unserer Mitmenschen anzunehmen, das heißt, uns ihnen beständig zuzuwenden.

Suchen wir daher als erstes Zuflucht bei der Barmherzigkeit Gottes, denn davon hängt alles ab. Wenn wir feststellen, dass Gott die Umstände und Aufgaben nutzt, um uns an sich zu ziehen, vertieft sich unsere Frömmigkeit und der apostolische Eifer nimmt zu. Es fällt uns leichter, zu Jesus zu flüchten, mit sportlichem Geist in unserem geistlichen Leben zu kämpfen, unseren Wunsch zu erneuern, ihm viele Menschen zuzuführen, und in einer Freude zu leben, die nichts und niemand trüben kann.

Die Liebe Gottes erweist sich als anspruchsvoll und nachgiebig zugleich. Anspruchsvoll, weil Christus das Kreuz auf seine Schultern genommen hat und möchte, dass wir ihm auf diesem Weg folgen und so seine Mitarbeiter sind, um die Früchte der Erlösung überall hingelangen zu lassen; nachgiebig, weil Jesus unsere Begrenzungen kennt und uns besser führt als die verständnisvollste Mutter. Nicht wir werden mit unserem Einsatz die Welt ändern, Gott wird es vollbringen, der fähig ist, die Herzen aus Stein in Herzen aus Fleisch zu verwandeln.

Der Herr erwartet von uns nicht, dass wir uns nie irren, sondern dass wir immer wieder aufstehen, ohne uns je an unsere Irrtümer zu klammern; dass wir gelassen und mit kindlichem Vertrauen über diese Erde wandeln. Betrachten wir häufig diese zartfühlenden Worte des hl. Johannes: Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.[5] Den inneren Frieden besitzt nicht, wer seiner eigenen Ansicht nach alles gut macht, und auch nicht, wer sich nicht zu lieben bemüht, sondern er kehrt in den Menschen ein, der stets aufs Neue in die Hände Gottes zurückkehrt, auch wenn er gefallen ist. Christus ist nicht gekommen, die Gesunden zu suchen, sondern die Kranken[6], und er gibt sich zufrieden mit einer Liebe, die sich täglich erneuert, weil die Menschen, die straucheln und fallen, ihre Zuflucht zu den Sakramenten als unerschöpflichen Quell der Vergebung nehmen.

Die Barmherzigkeit drängt uns auch, uns der anderen anzunehmen, uns ihnen zuzuwenden; wenn wir selbst Gottes Erbarmen erfahren haben, sind wir in der Lage, es anderen zu schenken. Und so „wird der Christ, nachdem ihm Erbarmen und reiche Gerechtigkeit zuteil wurde, bereit, mit den Unglücklichen Mitleid zu haben und für die Sünder zu beten. Er wird barmherzig, selbst gegen seine Feinde.“[7] Einzig das grenzenlose Verständnis Gottes „ist fähig, das verlorene Gute zurückzugewinnen, das begangene Böse mit Gutem zu vergelten und neue Kräfte der Gerechtigkeit und der Heiligkeit zu erzeugen“[8].

Nicht selten kommt es vor, dass die Menge an Arbeit oder an Problemen das Herz ein wenig betäuben könnte, wie die Dornen den guten Samen ersticken. Gott aber rüttelt uns auf, damit wir uns den anderen zuwenden, nicht nur, wenn es Schwierigkeiten oder gar Tragödien gibt, sondern ebenso in der Fülle alltäglicher Kleinigkeiten, die ein aufmerksames Herz erfordern, das dem Bedeutung nimmt, was in Wirklichkeit keine hat, und sich bemüht, sie dem wirklich Wichtigen zu geben, was vielleicht unbemerkt bleibt. Gott ruft uns nicht nur auf, mit den anderen zusammen­zuleben, sondern für die anderen zu leben. Er fordert von uns, „uns jedem Menschen liebevoll und selbstverständlich zuzuwenden, mit ehrlicher Freundlichkeit“[9].

Nehmen wir daher immer unsere Zuflucht zum Gebet, vor allem wenn wir meinen, eine Situation oder ein Mensch übersteige unsere Kräfte, um dem Herrn die Hindernisse auf unserem Weg anzuvertrauen. Bitten wir ihn um Hilfe, sie zu überwinden, ihnen nicht zu viel Bedeutung zuzumessen. Bitten wir ihn auch, er möge uns auf die Fürsprache Mariens, der Mater misericordiæ, eine Nächstenliebe nach dem Maß seiner Liebe schenken.

Auf seiner apostolischen Reise nach Polen sprach der Papst vom Evangelium als “dem lebendigen Buch der Barmherzigkeit Gottes“. Dieses Buch, fuhr er fort, „hat am Schluss noch weiße Seiten: Es bleibt ein offenes Buch, und wir sind berufen, es im selben Stil weiter­zuschreiben, das heißt indem wir Werke der Barmherzigkeit vollbringen.[10] Und er schloss: Jeder von uns bewahrt in seinem Herzen eine ganz persönliche Seite des Buches der Barmherzigkeit Gottes.“[11] Füllen wir voller Hoffnungen die Seiten, die Gott jedem von uns zugewiesen hat, ohne uns von den Klecksen und Flecken, die unsere ungeschickte Schreibweise verursacht hat, entmutigen zu lassen. Dank Gottes Nachsicht wirkt der Heilige Geist in unseren Schwächen, denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark[12]; wir werden stark mit der Gnade Christi und können dann weitergeben, was wir empfangen haben.

Vergessen wir bei dieser aufmerksamen Hinwendung zu den anderen nicht das Gebet für die Verstorbenen – besonders am 2. November und während des ganzen Monates –, dieses diskrete, in den Augen Gottes aber so wohlgefällige Werk der Barmherzigkeit. Ich erbitte vom Herrn für jeden und jede von Euch die Gnade, die Gemeinschaft der Heiligen mit allen zu leben: mit denen, die unsere Fürbitte im Fegfeuer brauchen, mit denen, die bereits die himmlische Glückseligkeit genießen, und mit denen, die hier unten noch auf der Pilgerschaft sind, angefangen beim Papst und seinen Mitarbeitern, bis unsere Bittgebete alle Männer und Frauen einschließen, besonders aber die Bedürftigsten dieser Gemeinschaft.

Ich möchte nicht schließen, ohne Gott für die vor kurzem erfolgte Weihe von Diakonen der Prälatur zu danken. Bitten wir für sie und für alle geweihten Amtsdiener der ganzen Welt. Gleichzeitig erneuere ich meine Dankbarkeit für die geistlichen Früchte der Pastoralreise, die ich vor zwei Wochen in die neue Region von Finnland und Estland gemacht habe. Beten wir für die Kirche in diesen und in den anderen Ländern Nordeuropas. Wie gerne würde ich Euch im Einzelnen erzählen, wie sehr der heilige Josefmaria – und auch unser geliebter Alvaro – die Einpflanzung des Werkes in diesen Breitengraden wünschte. Betrachtet das, wenn Ihr vor dem Allerheiligsten eine Weile betet. Und danken wir Gott auch aufrichtig für den Jahrestag der Errichtung des Werkes als Personalprälatur.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Rom, 1. November 2016


[1] Hl. Ambrosius, Expositio Evangelii secundum Lucam, VII, 208 (PL 15, 1755).

[2] Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 29.

[3] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 12.X.2016.

[4] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 331.

[5] 1 Joh 3, 19-20.

[6] Vgl. Mt 9, 13.

[7] Hl. Cromatius von Aquileia, Predigt 41, 5; Über die Seligpreisungen (CCL IX A, 177).

[8] Sel. Paul VI., Manuskript, Istituto Paulo VI., Notiziario 71 [2016], 7-8 (veröffentlicht auch in L‘Osservatore Romano, September 2016).

[9] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 282.

[10] Papst Franziskus, Homilie, 30.VII.2016.

[11] Ebda.

[12] 2 Kor 12, 10.

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Quelle

Opus Dei: Brief des Prälaten (Juli 2016)

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„Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude“, sagt Bischof Echevarria in seinem Brief, indem er einen Ausdruck des Heiligen Vaters wiederholt. Und er lädt uns dazu ein, dass geistige Werk der Barmherzigkeit „die Trauernden zu trösten“ in die Tat umzusetzen.

Ihr Lieben: Jesus möge meine Töchter und Söhne beschützen!

Im Laufe dieser Monate bemühen wir uns, die Werke der Barmherzigkeit in die Mitte unseres Lebens zu stellen. Wir wollen heute eins dieser Werke betrachten, auf das sich Jesus Christus ausdrücklich bezieht, wenn er den christlichen Weg der Seligpreisungen beschreibt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“[1]

Es handelt sich um ein Werk der Barmherzigkeit, das – wie die Vergebung von Beleidigungen – uns Gott ähnlicher macht, uns ihn nachahmen lässt. Schon im Alten Testament hatte Gott angekündigt: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“[2] Beim letzten Abendmahl verspricht Jesus diesen Trost auf vollkommene Weise, indem er den Heiligen Geist verspricht, die göttliche Person, der als personifizierte Liebe die Aufgabe zukommt, die Christen in ihren Schmerzen zu trösten und die Bedrückten in allen Schwierigkeiten zu stärken.

Meine Kinder, wenn wir uns die Lage der Welt vor Augen führen, stellen wir fest, dass viele Menschen weinen und leiden. Die vom Krieg ausgelösten Dramen verursachen große Katastrophen, die uns nicht gleichgültig lassen können; das Aufkommen der Migranten und himmelschreiende Ungerechtigkeiten verursachen viele Tränen. Ich denke besonders an jene, die leiden, weil sie ihren Glauben unter Einsatz ihres Lebens verteidigen.

Wenn ich Eure Briefe lese oder mich mit Euch unterhalte, teile ich von ganzem Herzen Eure Freuden und auch Eure Leiden und Schmerzen. Wie viele Familien leiden sehr, weil ein Familienmitglied sich von Gott entfernt hat oder weil sie einen Kranken leiden sehen und seine Schmerzen nicht lindern können. Wir leben mitten in der Welt und daher ist es nur logisch, dass die heutigen Dramen – die Geißel der Drogen, die Krise der Familie, die Kälte des Individualismus, die Wirtschaftskrise – uns ganz unmittelbar berühren.

Angesichts dieser Wirklichkeit dürfen wir nicht traurig werden. Wir können sicher sein: Wenn wir mit dem Herzen Jesu vereint bleiben, werden wir getröstet, nicht erst im ewigen Leben. Schon hier auf der Erde bietet uns der Herr den Trost durch seine Nähe. Wie ein liebevoller Vater lässt er uns niemals alleine. Wie uns immer der hl. Josefmaria gelehrt hat, liegt die Wurzel der übernatürlichen Freude der Christen im Bewusstsein unserer Gotteskindschaft. „Die Sicherheit der Kinder Gottes zu wissen, dass wir nie alleine sind, weil er immer bei uns ist, schenkt mir ungeheuren Trost. Rührt Euch nicht diese zärtliche Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die ihre Geschöpfe niemals im Stich lässt?“[3]

In den ersten Zeiten des Christentums war das Beispiel unserer Vorfahren, der ersten getauften Gläubigen, einer der Gründe für die Bekehrung der heidnischen Welt. Sie verloren nicht die übernatürliche Freude angesichts der Strafen und Verfolgungen, die sie aus Liebe zu Christus erlitten. In der Apostelgeschichte wird ausdrücklich erzählt, wie die Apostel, nachdem sie wegen der Verkündigung des Evangeliums ausgepeitscht worden waren, „vom Hohen Rat weggingen und sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“[4].

Auch heute muss die übernatürliche und menschliche Freude derer, die Christus nachfolgen, selbst inmitten der größten Widerwärtigkeiten, wie ein Magnet sein, der jene anzuziehen vermag, die in Traurigkeit oder Verzweiflung eingetaucht leben, weil sie nicht wissen, wie sehr sie Gott liebt. „Der Christ lebt in der Freude und im Staunen über die Auferstehung Jesu Christi. Wie wir im ersten Brief des heiligen Petrus lesen (1, 3-9), kann niemand uns die Freude darüber, was Gott in uns gewirkt hat, nehmen, auch wenn wir durch Prüfungen bedrängt werden … Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude: die Freude des Evangeliums, die Freude, durch Jesus erwählt zu sein, durch Jesus gerettet zu sein, durch Jesus erneuert zu sein. Die Freude, aus der Hoffnung, dass Jesus uns erwartet, die Freude – selbst in den Kreuzen und in den Leiden dieses Lebens –, die sich auf andere Weise ausdrückt: sie ist der Frieden aus der Sicherheit, dass Jesus uns begleitet, dass er an unserer Seite ist. Im Chris­ten wächst diese Freude mit dem Vertrauen auf Gott.“[5]

Auf der Grundlage der göttlichen Tugenden des Glaubens und der Hoffnung versteht man die Sicherheit, mit der unser Vater zum Ausdruck brachte, dass „die Freude ein christliches Gut ist, das wir solange besitzen, wie wir kämpfen, denn sie ist Frucht des Friedens …“[6] und „hat ihre Wurzeln in Kreuzform“[7].

Ein Christ, der sich als Kind Gottes weiß, dürfte sich nicht von Traurigkeit einschüchtern lassen. Er kann zwar an Leib und Seele leiden. Aber selbst dann verleiht ihm das in ihm durch das Handeln des Heiligen Geistes hervorgerufene Bewusstsein seiner Gotteskindschaft neue Kräfte, um semper in laetitia! voranzukommen. Der hl. Josefmaria erteilte den folgenden Ratschlag: „Solange wir beharrlich kämpfen, schreiten wir auf unserem Weg fort, und wir heiligen uns. Die Heiligen mussten ausnahmslos hart kämpfen. Unsere Fehler dürfen uns nicht in Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fallen lassen. Denn die Traurigkeit kann vom Stolz oder von der Müdigkeit verursacht werden. In beiden Fällen findet jedoch derjenige, der sich an den Guten Hirten wendet und mit Klarheit redet, das passende Heilmittel. Es gibt immer eine Lösung, selbst wenn jemand eine überaus schwere Verfehlung begangen hätte![8]

Das sichere Mittel, um die Traurigkeit zu meiden oder um sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, besteht darin, vor dem Tabernakel Jesus das Herz zu öffnen, und ebenso demjenigen, der als Jesu Werkzeug auf den unwegsamen Wegen des geistlichen Lebens Orientierung bietet. Wir sollen uns den Ratschlag des hl. Josefmaria stets vor Augen führen und ihn in die Tat umsetzen: „Erhebt das Herz zu Gott, wenn sich der harte Augenblick des Tages einstellt, wenn sich die Traurigkeit in unser Herz einschleichen will, wenn wir die Last der Arbeit spüren. Dann sollen wir sagen: miserere mei Domine, quoniam ad te clamavi tota die: laetifica animam servi tui, quoniam ad te Domine anima meam levavi (Psalm 86 (85) 3–4): Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr! Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; denn ich erhebe meine Seele zu dir.[9]

Was für eine wunderbare Arbeit verrichten die Christen, wenn sie Menschen trösten, die sich wegen einer kleinen oder großen Widrigkeit, die ihnen den Frieden raubt, quälen! Über die Gebete hinaus, die sie für sie sprechen, tut es not, eine herzliche Annahme zu fördern. Denn viele Menschen suchen lediglich jemanden, der ihnen geduldig zuhört, wenn sie von ihrem Leiden erzählen. Wie vielen traurigen Gesichtern begegnen wir auf unserem irdischen Weg, weil niemand diese Menschen gelehrt hat, sich dem Herrn zu überlassen! Mit wie viel brüderlichem Trost sollen wir sie annehmen! „Wie viele Tränen werden vergossen in jedem Augenblick in der Welt – eine verschieden von der anderen –, und zusammen bilden sie gleichsam einen Ozean der Trübsal, der nach Erbarmen, Mitleid und Tröstung ruft. Die bittersten sind die, welche von der menschlichen Bosheit verursacht werden: die Tränen dessen, dem ein geliebter Mensch gewaltsam entrissen wurde; Tränen von Großeltern, von Müttern und Vätern, von Kindern (…). Wir brauchen Barmherzigkeit, wir brauchen den Trost, der vom Herrn kommt. Wir alle brauchen ihn; das ist unsere Armut, aber auch unsere Größe: den Trost Gottes zu erflehen, der mit seiner zärtlichen Liebe kommt, um die Tränen von unserem Gesicht abzuwischen“[10]

So verfuhr der Herr in seinem Leben inmitten der Menschen. Von seiner Barmherzigkeit bewegt, hielt er auf seinem Weg, um die Witwe von Naim zu trösten, die den Tod ihres einzigen Sohnes beweinte. Auf dieselbe Art und Weise verhielt er sich gegenüber Marta und Maria in Bethanien, die wegen des Tods ihres Bruders Lazarus betrübt waren. Ebenfalls weinte er über das Schicksal, das die Stadt Jerusalem ereilen sollte.[11] Zu Beginn seiner Passion litt er am Ölberg so sehr, dass er Blut schwitzte und zuließ, das ein Engel – eine Kreatur – ihm Trost spendete (vgl. Lk 22, 39-46). Kann es einen größeren Beweis für sein Menschsein geben, als dass er den Trost zulässt, die Kraft, die uns jemand anderes gibt, um unsere Niedergeschlagenheit, unsere Schwäche, unsere Verzagtheit zu überwinden?[12]

Wir wollen den Schritten Jesu folgen und diejenigen trösten, die des Trostes bedürfen. Dies gehört zum innersten Kern der christlichen Geisteshaltung. Mit folgendem, später von vielen Generationen wiederholtem Gebet wandte sich Franz von Assisi an den Herrn: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen. Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen. Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen. Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen. Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen. Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen. Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen. Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen“[13].

Am 22. des Monats werden wir Maria Magdalena gedenken. Vor wenigen Tagen hat der Papst ihren liturgischen Gedenktag zum Fest erhoben. Ihre Tränen aus Reue haben sämtliche Verfehlungen ihres vergangenen Lebens gelöscht. Sie erlaubten ihr, sich später dem Herrn in seinem Leiden anzuschließen wie sonst keine andere der heiligen Frauen – selbstverständlich mit Ausnahme der Gottesmutter. Wenden wir uns an die Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, in allen unseren Nöten. Sie ist Trösterin der Betrübten, Zuflucht der Sünder, Hilfe der Christen. Sie hört nicht auf, uns zu beschützen. „Mutter! – Rufe es laut, laut. – Sie hört dich, sieht dich vielleicht bedroht, und sie – deine heilige Mutter – bietet dir mit der Gnade ihres Sohnes ihre mütterliche Hilfe, ihre liebende Zärtlichkeit an: dann bist du gestärkt zu neuem Kampfe“[14].

Beten wir weiter für den Papst und seine Anliegen. Wir wollen ihn auf seiner apostolischen Reise nach Polen aus Anlass des Weltjugendtages in Krakau geistlich begleiten.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Aix-en-Provence


[1]Mt 5.4

[2]Is 66, 13

[3]Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, 143

[4]Apg 5, 41

[5]Papst Franziskus, Homilie in Santa Marta, 23.5. 2016

[6]Im Feuer der Schmiede, 105

[7]Im Feuer der Schmiede, 28

[8]Hl. Josefmaria, Brief 28.3.1955, Nr. 25.

[9]Hl. Josefmaria, Brief 9.1.1932, Nr. 15.

[10]Papst Franziskus, Gebetswache „um die Tränen zu trocknen“, 5.5.2016.

[11]Vgl. Lk 7, 11-13; Joh 11, 17 ff.; Lk 19, 41-44.

[12]Hl. Josefmaria, Brief 29.9.1957, Nr. 34.

[13]Dem hl. Franz von Assisi zugeschriebenes Friedensgebet.

[14]Hl. Josefmaria, Der Weg, 516.

Opus Dei: Brief des Prälaten (Juni 2016)

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„Bin ich glücklich, dass Gott mich berufen hat, ihn den anderen bekanntzumachen?“ fragt Bischof Echevarria. Den Menschen mitteilen „wovon unser Herz voll ist und was uns mit beständiger Freude erfüllt.“

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Seit der Himmelfahrt Jesu Christi sind erst zwei Wochen vergangen, so dass in unseren Ohren noch seine letzten Worte auf der Erde nachklingen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.[1] Wir rechnen mit dem Beistand des Heiligen Geistes, den der Herr den Aposteln im Abendmahlssaal sandte und welcher der Kirche weiterhin Kraft und Mut gibt wie bei einem neuen Pfingsten[2]. Und er hat sein Versprechen –der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe[3] – gehalten. Nun sind wir, seine Jünger, aufgefordert, mit unserem Wort und unserem Beispiel die Heilsbotschaft, die er den Christen anvertraut hat, in die ganze Welt zu tragen.

„Dies, und nur dies, ist das Ziel der Kirche: das Heil der Seelen, das Heil jedes einzelnen. Deshalb hat der Vater den Sohn gesandt, und so sende auch ich euch (Joh 20, 21). Daher der Befehl, die Lehre zu verkünden und die Taufe zu spenden, damit durch die Gnade die Allerheiligste Dreifaltigkeit in der Seele wohne.“[4] Der Befehl Christi fand dank der Güte Gottes im Herzen unseres Vaters eine rasche und freudige Aufnahme. Und diesen apostolischen Elan, der keine Grenzen kennt, hat uns unser Gründer in seiner mitreißenden Art übermittelt.

Der hl. Josefmaria hat uns immer gelehrt, dass eine der vorherrschenden Leidenschaften, die unser Verhalten leiten sollen, die Verbreitung der Lehren Jesu Christi ist. So stellte er fest: „Die Haupttätigkeit des Opus Dei besteht darin, seinen Mitgliedern und allen Menschen, die es wünschen, die notwendigen geistlichen Mittel an die Hand zu geben, damit sie als gute Christen inmitten der Welt leben können. Es macht sie vertraut mit der Lehre Christi und mit der Verkündigung der Kirche und verleiht ihnen eine Geisteshaltung, die sie dazu führt, aus Liebe zu Gott und im Dienste aller Menschen gut und wirksam zu arbeiten. Mit einem Wort, es geht darum, mit dem Christsein Ernst zu machen: mit allen in Aufgeschlossenheit zusammenzuleben, die legitime Freiheit aller zu achten und mit dafür zu sorgen, dass unsere Welt gerechter wird.“[5]

Diese vorherrschende Leidenschaft ist im außerordentlichen Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit besonders aktuell, denn „wenn wir am Abend unseres Lebens gefragt werden, ob wir den Hungernden zu essen und den Dürstenden zu trinken gegeben haben, dann werden wir auch gefragt werden, ob wir den Menschen geholfen haben, die Zweifel zu überwinden, ob wir uns bemüht haben, die Sünder anzunehmen, sie zu ermahnen oder zurechtzuweisen, ob wir in der Lage waren, das Unwissen – vor allem in Bezug auf den christlichen Glauben und das gute Leben – zu bekämpfen.“[6]

Es gibt viele Arten und Weisen, den Glaubensinhalt weiterzugeben. Der hl. Josefmaria legte besonderen Wert auf das persönliche Apostolat, von du zu du, mittels eines freundschaftlichen Gespräches, das niemandem eine Lektion erteilen will, sondern einfach zum Ausdruck bringt, wovon unser Herz voll ist und was uns mit beständiger Freude erfüllt.

Bei anderen Gelegenheiten habe ich euch jenen Rat unseres Vaters ins Gedächtnis gerufen: „Bevor ihr mit den Menschen über Gott sprecht, sprecht oft mit Gott über die Menschen.“[7] Der persönliche Umgang mit Christus im Gebet ist die Quelle, aus der unser Eifer seine Nahrung bezieht, allen die Schönheit des Glaubens zu vermitteln und ein Licht in der Finsternis anzuzünden, in der viele Menschen leben. Es ist unsere Nähe zu Gott, die es uns erlaubt, die Welt mit Licht zu erfüllen. Daher sagte unser Vater: „Je mehr wir in das Gewühl der Welt eindringen, desto tiefer müssen wir in Gott verankert sein.“[8]

Der hl. Josefmaria hat uns eine positive Sicht der Welt und aller ehrbaren menschlichen Tätigkeiten hinterlassen. Daher sollte unsere Haltung weniger defensiv als offensiv positiv sein. Der Christ hat keine Angst vor der Wahrheit, davor, sich den schwierigen Fragen zu stellen, mit denen ihn die Umgebung oder die Gesellschaft konfrontieren. Auch wenn er selbst nicht immer eine Antwort zur Hand hat, so weiß er doch, dass dem Evangelium die Fähigkeit innewohnt, alle Ausweglosigkeiten und die schwierigsten Probleme zu erleuchten. Diese Liebe zur Wahrheit hat zur Folge, dass der Christ seinen Glauben weitergibt als das, was er ist: ein riesiges Ja zu jedem Menschen, ob Mann oder Frau, ein Ja zum Leben, zur Freiheit, zum Frieden, zur Entwicklung, zur Solidarität, zu den Tugenden. Wenn Christus uns glücklich gemacht hat, ist es normal, dass sich diese Freude in unserer Haltung widerspiegelt. In der Tat „muss die Kraft, mit der sich die Wahrheit aufdrängt, die Freude sein, denn sie ist ihr eindeutigster Ausdruck. Auf sie müssten die Christen setzen, in ihr müssten sie sich der Welt zu erkennen geben.“[9]

Frage dich also, meine Tochter, mein Sohn: Bin ich glücklich, dass Gott mich berufen hat, ihn den anderen bekanntzumachen? Ist mein Apostolat „eine Saat des Friedens und der Freude“[10]? Bemühe ich mich, mich in der christlichen Lehre weiterzubilden, um meinem inneren Leben mehr Tiefe und Vibration zu verleihen?

Der hl. Josefmaria hat uns beigebracht, alle mit der Lehre der Kirche so in Berührung zu bringen, dass sie unabhängig von ihrem kulturellen Niveau oder ihrer religiösen Bildung die Botschaft des Evangeliums verstehen können. Das nannte er Sprachengabe, in Analogie zu dem, was geschah, als der Tröster Geist sichtbar auf die Kirche herabkam. Über die Apostel und die ersten Jünger erschien er in Form von Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden.[11]

Der Gründer des Opus Dei erklärte, dass die Sprachengabe, um die er Gott für alle bat, darin besteht, „sich der Fähigkeit der Zuhörer anzupassen (…). Die Lehre muss man mit Klugheit vermitteln, mit genug Einfühlungsvermögen, dass der Empfänger sie auch verdauen kann. Allen muss man die Lehre vermitteln, aber ohne, dass die Leute sich daran verschlucken; vernünftig dosiert, je nach der Fassungskraft des einzelnen. Auch das ist Teil der Sprachengabe. Genauso wie dazugehört, dass man sich immer neu auszudrücken, dasselbe jeden Tag mit neuem Charme an den Mann zu bringen weiß.“[12]

Die Sprachengabe ist eine Gnade des Heiligen Geistes, der jedoch auch mit unserem Einsatz rechnet. Das Studium und die Auffrischung der theologischen Kenntnisse, die wir verantwortlich und voll apostolischen Eifers vornehmen, erlaubt uns, die Wahrheiten des Glaubens auszukosten und die beste Art und Weise zu finden, sie in ihrer ganzen Attraktivität darzulegen. Und im Gespräch mit unseren Freunden und Kollegen, in einem Klima der Offenheit ihren Fragen gegenüber, werden wir in der Lage sein, auf ihre Unruhe und Zweifel einzugehen. „Dafür ist es grundlegend, zuzuhören (…), fähig zu sein, an Fragen und Zweifeln Anteil zu nehmen, einen Weg Seite an Seite zu gehen, sich von jedem Allmachtsdünkel zu lösen und die eigenen Fähigkeiten und Gaben demütig in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.

Zuhören ist niemals leicht. Manchmal ist es bequemer, sich taub zu stellen. Zuhören bedeutet, dem Wort des anderen Aufmerksamkeit zu schenken, den Wunsch zu haben, es zu verstehen, ihm Wert beizumessen, es zu respektieren und zu hüten. (…) Zuhören zu können ist eine unsägliche Gnade, eine Gabe, die man erflehen muss, um sich dann darin zu üben, sie anzuwenden.“[13]

Den Glauben weitergeben heißt nicht diskutieren, um zu siegen, sondern miteinander sprechen, um zu überzeugen, denn „Ideen sind nicht aufzuzwingen, sondern anzubieten“[14]. Das Gespräch gibt die Gelegenheit, eine Wahrheit besser aufzuzeigen, die unser Leben in entscheidender Weise hell macht. „Das ganze Leben Jesu ist ein einziger wunderbarer Dialog, meine Kinder, ein großartiges Gespräch mit den Menschen.“[15] Wenn wir lernen so zu leben, werden wir anderen helfen – und auch uns selbst wird in unserem alltäglichen schlichten Leben geholfen werden –, dass das Evangelium für alle zum Licht der Welt[16] wird.

Es macht mir Freude, Euch daran zu erinnern, dass es am 23. Juni, kurz vor dem Fest des hl. Josefmaria – das in der Prälatur ein Hochfest ist – siebzig Jahre her sein wird, dass unser Vater in Rom ankam. Seine ersten Tage in der Ewigen Stadt, von denen ich ihn oft habe erzählen hören, kommen mir in Erinnerung: die Intensität, mit der er schon in der ersten Nacht seines Aufenthalts dort für den Papst betete; die dankbare Freude, mit der er bereits kurz nach seiner Ankunft einen handschriftlichen Gruß von Pius XII. erhielt; der Glaube, der ihn bei der Audienz beim Heiligen Vater am 16. Juli erfüllte … Und die vielen Male, die er in diesen ersten Wochen von der kleinen Wohnung von Città Leonina, wo er lebte, zum nahe gelegenen Petersplatz ging, um zu beten.

Ich kann mir gut vorstellen, mit welchem Glauben und welcher Liebe er in jenen Wochen das Stoßgebet betete, in dem er von den Anfängen des Werkes an alle Wünsche seiner Seele zusammenfasste: Omnes, cum Petro, ad Iesum per Mariam! Alle zusammen mit Petrus zu Jesus durch Maria. Ich lade Euch ein, es oft zu wiederholen und Euch mit meinem Gebet für Papst Franziskus, für seine Mitarbeiter und für die ganze Kirche zu verbinden. Besonders in diesem Monat Juni, der mit dem Hochfest der Apostel Peter und Paul, Säulen der Kirche und Patrone des Werkes, schließt.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Rom, 1. Juni 2016


[1] Mk 16, 15

[2] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 213

[3] Joh 14, 26

[4] Hl. Josefmaria, Homilie Das übernatürliche Ziel der Kirche, 28.5.1972

[5] Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 27

[6] Papst Franziskus, Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre, 29.1.2016

[7] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem Familientreffen, ohne bekannte Datierung (AGP, Bibliothek, PO1, VIII/1982, S. 88)

[8] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 740

[9] Kardinal Joseph Ratzinger, „Was bedeutet der Leib des Herrn für mich?“, in Opera Omnia, Bd. 11, Teil C, XI, 4

[10] Hl. Josefmaria, Freunde Gottes, Nr. 105

[11] Apg 2, 3-4

[12] Hl. Josefmaria, Brief 30.4.1946, Nr. 70

[13] Papst Franziskus, Botschaft für den 50. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 24.1.2016

[14] Hl. Johannes Paul II., Ansprache an die Jugendlichen in Madrid, 3.5.2003

[15] Hl. Josefmaria, Brief, 24.10.1965, Nr. 7

[16] Mt 5, 14

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Quelle

Der Prälat des Opus Dei zur Seligsprechung von Papst Paul VI.

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Szene vom Besuch Pauls VI. im Centro Elis

Die Seligsprechung von Papst Paul VI. ist ein Grund großer Freude für die ganze Kirche. Paul VI. war der Papst, der das Zweite Vatikanum zum Abschluss führte. Jeder Katholik weiß um die pastorale und apostolische Spur, die er nach seiner Priesterweihe und in den weiteren Phasen seines Lebens einschließlich seiner universalen Sendung als Römischer Pontifex hinterlassen hat. Seine Hirtenliebe trug dazu bei, in den Katholiken den Wunsch nach einer großzügigen geistlichen Erneuerung und einer tiefen Treue zum Evangelium zu wecken.

Ich möchte auch an die Dienstbereitschaft erinnern, mit der der damalige Monsignore Montini zum Wohl des Papstes und aller Menschen seine diversen Aufgaben am Heiligen Stuhl erfüllte. Heute wende ich mich an den neuen Seligen mit der Bitte, allen Katholiken diese menschliche Zuneigung und dieses gläubige Vertrauen zum Stellvertreter Christi, heute Papst Franziskus, einzuflößen.

Ich habe nicht nur die aufrichtige Freundschaft mit Msgr. Escrivá und Msgr. del Portillo – die später dann Liebe zum gemeinsamen Vater wurde – vor Augen, sondern erinnere mich auch an die Liebe und das echte Interesse, die er anlässlich der Einweihung eines Zentrums zeigte, das von Mitgliedern des Opus Dei ins Leben gerufen worden war, um sich der Arbeiterjugend von Rom zu widmen. An diesem Tag wurde seine Liebe zu allen Menschen, besonders zu den Bedürftigsten, noch offensichtlicher. Auch offenbarte sich sein großer Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit: Niemandem sollte etwas fehlen. Jener Besuch des Heiligen Vaters im Centro Elis fand seinen Abschluss damit, dass er den hl. Josefmaria väterlich umarmte und sagte: „Qui, tutto è Opus Dei!“ [„Hier ist alles Opus Dei“].

In einem geschichtlichen Augenblick, in dem die Kirche besonders über die Institution der Familie nachdenkt, wollen wir auch Paul VI. bitten, für alle Familien dieser Welt Fürsprache einzulegen, damit sie jene „Einheit der Liebe“ und jene „Schule des Evangeliums der Eheleute“ sind, worüber er 1964 bei seiner Pilgerfahrt nach Nazareth und bei vielen anderen Gelegenheiten sprach, wenn er sich über die Ehe äußerte.

+ Javier Echevarría
Prälat des Opus Dei

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Siehe dazu auch:

Johannes XXIII. und Johannes Paul II: zwei heilige Päpste, zwei marianische Heilige

(Nachträglich – zur Dokumentation:)

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Johannes Paul II. und Johannes XXIII.

Worte des Prälaten des Opus Dei, Mons. Javier Echevarría,
vor der Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ist ein großes kirchliches Ereignis und ein Zeichen der Hoffnung für die Welt, denn wo Heiligkeit blüht, haben Krisen nicht das letzte Wort.

Wenn es Heiligkeit gibt, existiert ein festes Fundament, auf dem sich Zukunft aufbauen lässt. Im Christentum, und ganz besonders in den Heiligen, finden wir Antworten auf die tiefsten Probleme des Menschen und der Gesellschaft, die ihren Ursprung häufig darin haben, dass sie sich von Gott entfernt haben.

Ein starkes Motiv für unsere Dankbarkeit gegenüber Gott liegt darin, dass wir sehen konnten, wie während der letzten Jahrzehnte (in denen so viel von wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, sozialen, religiösen “Krisen” gesprochen wurde) die Kirche von der Heiligkeit geführt wurde, das heißt, durch heilige Menschen: zwei der drei schon verstorbenen Päpste (Johannes XXIII. und Johannes Paul II.) werden diesen Sonntag [27.4.2014] heilig gesprochen werden, und der Seligsprechungsprozess für den dritten (Paul VI.) ist bereits sehr weit fortgeschritten.

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Johannes XXIII. bei seinem Besuch in Loreto

Johannes XXIII. ist vor allem jener Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat. Als Nachfolger Petri hat er die Kirche mit fester und väterlicher Hand zu dieser außerordentlichen Glaubenserfahrung und zur persönlichen sowie gemeinschaftlichen Erneuerung geführt, die dieses kirchliche Ereignis war und ist: es ging darum, zum Herzen des Menschen unserer Zeit zu sprechen, wie es die Konstitution Gaudium et Spes unterstrich. Papst Roncalli trug dazu bei, die Berufung zur Heiligkeit direkt in den Ursprung des Christseins zu legen. Wir können ihn heute als Fürsprecher anrufen, um den Herrn zu bitten, dass Er diese durch das 2. Vatikanum verkündete Wahrheit tief in das Gewissen jeder Christin und jedes Christen einsenkt: dass die Heiligkeit von jedem Christen erreicht werden kann und nicht ein Lebensziel für einige wenige Privilegierte darstellt.

Für die Menschheit ist Johannes XXIII. auch der Papst des Friedens, denn in einem sehr heiklen historischen Augenblick zweifelte er – nach dem Beispiel seiner Vorgänger – nicht daran, welche die geeigneten Mittel sind, um den Krieg zu verhindern, indem er seine moralische und religiöse Autorität in die Ausarbeitung einer universellen Lehre über die Voraussetzungen des Friedens und über die Würde des Menschen einbrachte.

Johannes Paul II. liebte als Priester Gott und die nach dem Bild Gottes in Christus geschaffenen Menschen. Angetrieben von der Nächstenliebe rief er die ganze Kirche zu einer “Neuevangelisierung” auf und hob dabei die Rolle hervor, die den Laien bei dieser Aufgabe zukommt, Gott im Leben der Menschen und der Völker zu vergegenwärtigen. Während der Jahre seines Pontifikates sind wir tiefer und mit neuem Licht in die Güte und Barmherzigkeit Gottes eingedrungen. Seine Worte, seine Gesten, seine Schriften, seine persönliche Hingabe – ob als Gesunder oder Kranker – waren die Wege, deren sich der Heilige Geist bediente, um sehr viele Menschen an die Quelle der Gnade heranzuführen und auch dafür, dass Tausende Jugendliche auf den Ruf Christi zum Priestertum, zum Ordensleben, zur Ehe und zum apostolischen Zölibat im Laienstand mit Zustimmung antworteten.

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Johannes Paul II. in Fatima

Der polnische Papst führte uns vom zweiten ins dritte Jahrtausend, er hinterließ uns ein eindrucksvolles Erbe über die Würde der menschlichen Person, über den Wert des Lebens und der Familie, über den Dienst an den Armen und Notleidenden, über die Förderung der Rechte der Arbeiter, über die menschliche Liebe und die Würde der Frau, und über so viele andere für die Entwicklung einer Existenz in Würde entscheidende Aspekte. Seine Schriften und seine Ansprachen bilden insgesamt ein Lehrgebäude von großer Bedeutung für die Zukunft. Ich bin überzeugt, dass seine gesellschaftliche und menschliche Botschaft – die aus einer tiefen Gott gegebenen geistlichen Antwort hervorgeht – im Laufe der Zeit noch eine riesige Bedeutung erlangen wird.

Die Heiligsprechung dieser zwei großen Hirten erfolgt an den Pforten des Monats Mai, dem Monat Mariens. Die zärtliche und tiefe Liebe zur Jungfrau Maria ist diesen zwei neuen Heiligen gemeinsam. Johannes XXIII. suchte häufig Zuflucht bei der “universellen Mutterschaft” der Jungfrau, “der gemeinsamen Mutter, Haupt aller Menschen, der Geschwister Christi, des Erstgeborenen selbst” (12. Oktober 1961). In Johannes Paul II. stellte das Bewusstsein der Nähe und der Fürsprache unserer Mutter einen beständigen Anziehungspol auf seinem eigenen spirituellen und menschlichen Weg dar, und er lud die anderen dazu ein, die “marianische Dimension” der Jünger Christi zu entdecken. Die Kindschaft der Heiligsten Jungfrau gegenüber, – sagte er – ist “ein Geschenk, das Christus selbst jedem Menschen persönlich macht” (vgl. Redemptoris Mater, Nr. 45).

Die Heiligste Jungfrau nimmt einen hervorragenden Platz im geistlichen Leben eines jeden Gläubigen ein, aber auch bei der Errichtung der Kirche selbst. Daher erinnere ich im Zusammenhang mit den Heiligsprechungen am Sonntag gerne an die Worte des hl. Josefmaria Escrivá de Balaguer: “Es ist kaum möglich, die Gottesmutter wirklich zu verehren, ohne sich den übrigen Gliedern des mystischen Leibes enger verbunden zu fühlen, enger verbunden auch mit dem sichtbaren Haupt dieses Leibes, dem Papst. Deshalb wiederhole ich gern: omnes cum Petro ad Iesum per Mariam, alle mit Petrus zu Jesus durch Maria!” (Christus begegnen, Nr. 139). Es macht mir Freude, dass es Papst Franziskus, gleichfalls ein marianischer Papst, ist, der den Entschluss zu diesen zwei Heiligsprechungen gefasst hat. Alle drei haben bewiesen, dass der Inhalt der Liebe nicht nur menschlich ist, sondern dass es darum geht, den anderen Christus zu geben, was die heilige Maria zum Dienst an der ganzen Menschheit vollführte.

In Kürze werden wir uns daran gewöhnen, uns an diese zwei Hirten als dem heiligen Johannes XXIII. und dem hl. Johannes Paul II. zu wenden. Indem Papst Franziskus, der Stellvertreter Christi, sie heiligspricht, hilft er uns zu sehen, dass für Gott Angelo Roncalli und Karol Wojtyla vor allem zwei heilige Menschen sind: Heiligkeit als fundamentaler Faktor im Leben eines jeden Mannes, einer jeden Frau. Der heilige Johannes XXIII. und der heilige Johannes Paul II. waren zwei Priester von großer Herzlichkeit, von brennender Liebe zu Gott und zu allen menschlichen Geschöpfen. Heilige aus einem Guss, geeint durch eine zärtliche Liebe zu Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter.

+Javier Echevarría

Prälat des Opus Dei

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Siehe dazu auch:

Bischof Javier Echevarria: Das 1. Werk der leiblichen Barmherzigkeit

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Das erste Werk der leiblichen Barmherzigkeit, zu dem uns die Kirche einlädt, ist der Besuch bei den Kranken und die Sorge um sie.

Während seines Erdenlebens hat sich Jesus Christus dieser Aufgabe beständig gewidmet, wie es uns viele Szenen des Evangeliums zeigen. So sehen wir ihn unter anderem, wie er die Schwiegermutter des Petrus gesund macht, der Tochter des Jairus die Gesundheit wiedergibt, den Gelähmten am Betesdateich heilt oder sich den Gelähmten zuwendet, die ihn vor den Toren Jerusalems erwarteten. Der Schmerz dieser Menschen zeigt uns, dass Gott auf sie zugeht und ihnen die Erlösung verkündet, die allen Menschen zu bringen er auf die Erde gekommen ist.

In den Kranken sah der Herr die Menschheit, insofern sie in besonderer Weise der Heilung und Erlösung bedarf. Wenn wir gesund sind, kann uns die Versuchung überkommen, Gott zu vergessen, aber wenn uns das Leben Schmerzen oder Leid beschert, dann kommt uns vielleicht der Schrei des Gelähmten vor Jericho in den Sinn: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Wenn wir schwach sind, merken wir, dass wir wirklich bedürftige Geschöpfe sind.

Halten also auch wir vor den Schwächen der anderen inne, wie wir es Christus tun sehen. Der Heilige Geist, die unendliche Liebe, wird andere Menschen trösten, indem wir ihnen Gesellschaft leisten, sie aufmuntern oder – je nachdem was der oder die Kranke braucht, indem wir im Schweigen unseren Respekt und unsere Hilfsbereitschaft zum Ausdruck bringen. Wir alle haben jeden Tag viel zu tun und die Menge der uns erwartenden Aufgaben nimmt beständig zu, aber wir dürfen nicht zulassen, dass ein voller Terminkalender uns dazu führt, die Kranken zu vergessen.

Es gibt viele Heilige, die uns ein Beispiel der Nachahmung Christi gegeben haben, auch im Hinblick auf dieses Werk der Barmherzigkeit. So erklärte der hl. Josefmaria häufig, dass das Opus Dei – als könnte es nicht anders gewesen sein – in den Krankenhäusern unter den Kranken geboren wurde. Seit er 1926 oder 1927 nach Madrid gezogen war, arbeitete er unentwegt in mehreren Sozialeinrichtungen mit – im Krankenstift, in der Bruderschaft des hl. Philipp Neri usw. –, von wo aus Krankenhauspatienten und Menschen in den Randgebieten der Hauptstadt betreut wurden. Madrid zählte damals mehr als eine Million Einwohner; die Vororte waren weit voneinander entfernt, es gab nur wenige öffentliche Verkehrsmittel, aber um die Kranken in ihren Häusern und Hütten zu besuchen ging er überall hin – immer zu Fuß –, wo er gebraucht wurde und brachte ihnen die Stärke Christi und die Vergebung Gottes des Vaters. Wie viele Menschen sind wohl dank dieser priesterlichen Arbeit des hl. Josefmaria in den Himmel gekommen!

In diese Krankenhäuser oder an andere Orte ging er, vor allem ab 1933, in Begleitung einiger Jugendlicher, denen er geistliche Hilfe zukommen ließ. Mit ihnen zusammen sprach er liebevoll mit den Kranken, oder sie leisteten ihnen notwendige Dienste wie etwa, sie zu waschen, ihnen die Nägel zu schneiden, sie zu kämmen oder ihnen ein gutes Buch zu besorgen. Viele dieser jungen Männer entdeckten im Kontakt mit dem Schmerz und der Armut anderer Menschen auf neue, intensive Weise Jesus im Kranken und im Bedürftigen.

Meine Töchter und Söhne, Freunde und Freundinnen, die ihr an den apostolischen Initiativen der Prälatur teilnehmt: Diese Sorge um die Armen und Kranken darf nicht ein Kennzeichen der Anfänge bleiben. Das Opus Dei wird jeden Tag in dir und in mir geboren und wächst, wenn wir Erbarmen mit den Verlassenen haben, wenn wir Christus in den Seelen der Menschen unserer Umgebung sehen, besonders jener, die von einem Leid heimgesucht werden.

Lassen wir sie nach dem Beispiel Christi durch unseren Einsatz, unsere Gegenwart, unsere Hilfe, ja sogar durch einen einfachen Telefonanruf, Gottes Barmherzigkeit spüren. Wir können sie von den Schmerzen oder der Einsamkeit ablenken, ihnen geduldig zuhören, wenn sie von den sie bedrückenden Sorgen und Nöten erzählen, ihnen Liebe und Stärke vermitteln, damit sie ihre schwere Lage mit Würde tragen; und sie daran erinnern, dass die Krankheit eine Gelegenheit ist, sich mit dem Kreuz Christi zu verbinden.

Im Weg, dem in aller Welt bekannten Büchlein, schrieb der hl. Josefmaria: „Kind. – Kranker. – Seid ihr nicht versucht, diese Worte ganz in großen Buchstaben zu schreiben? Für einen in Ihn verliebten Menschen sind die Kinder und die Kranken wirklich Er.“ Schon seit seiner Jugend – ich beziehe mich auf den hl. Josefmaria – sah er Christus in den Leidenden, denn Jesus heilte die Kranken nicht nur, sondern er teilte ihr Schicksal. Der Sohn Gottes litt schreckliche Schmerzen. Denken wir nur an seine körperliche und geistliche Erschöpfung im Ölgarten, an die unbeschreiblichen Qualen jedes Hiebes bei der Geißelung, an die unerträglichen Kopfschmerzen und die körperliche Schwäche, die ihn im Laufe der Stunden seiner Passion überkamen…

Auf denen, die krank sind und unter Schmerzen leiden, kann ihre Situation wie eine dunkle und sinnlose Last liegen. Das Leben kann düster und ohne erkennbaren Sinn werden. Wenn Gott also erlaubt, dass wir leiden, dann nehmen wir den Schmerz an. Und wenn wir zum Arzt gehen müssen, dann befolgen wir fügsam, was er uns rät. Seien wir gute Patienten. Bemühen wir uns, mit Gottes Hilfe unsere Lage anzunehmen und wünschen wir unsere Gesundung, um uns großzügig für Gott und unsere Mitmenschen einzusetzen. Aber wenn dies nicht sein Wille ist, dann sollten wir mit Maria sagen: Fiat! So soll es sein! Dein Wille geschehe…

Auf diese Weise werden wir uns im Gebet an Gott wenden und ihm sagen: Ich weiß nicht, was du willst, aber ich verlange auch nicht, dass du es mir erklärst. Wenn du die Krankheit zulässt, dann hilf mir, diese Zeitspanne zu ertragen. Sie soll mich mehr mit dir vereinen, sie soll mich mehr mit denen, die bei mir sind, verbinden, sie soll mich mehr mit allen Menschen eins werden lassen. Und mit Worten des hl. Josefmaria vertrauen wir uns dem Heiligen Geist an: „Geist des Verstandes und des Rates, Geist der Freude und des Friedens: Ich will, was du willst, ich will, weil du willst, ich will, wie du willst, ich will, wann du willst.“

Wie gut tut es der Seele eines jeden, Träger der Barmherzigkeit zu sein! Bitten wir Gott durch seine heilige Mutter, er möge uns stark machen, um die Liebe Gottes denen weiterzugeben, die nicht gesund sind, und nehmen wir in innerem Frieden seine Barmherzigkeit an, wenn sein Wille darin besteht, dass wir uns durch das Kreuz mit ihm vereinen.

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Opus Dei: Bischof Echevarria: Die Werke der Barmherzigkeit

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Die Werke der Barmherzigkeit
(Einführung)

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit nimmt Bischof Echevarria zum Anlass, die Werke der Barmherzigkeit zu betrachten. Um die 14 Ratschläge, die Jesus Christus und die Kirche uns gegeben haben, drehen sich die Beiträge auf dieser Webseite.

Das Außerordentliche Jubiläum, das Papst Franziskus ausgerufen hat, stellt die Barmherzigkeit ins Zentrum der Überlegungen zum Weg des Christen; und der Heilige Vater weist darauf hin, dass die Barmherzigkeit das „Schlüsselwort ist, um Gottes Handeln uns gegenüber zu beschreiben, denn er beschränkt sich nicht darauf, seine Liebe zu beteuern, sondern er macht sie sichtbar und greifbar“.

Jedes seiner Kinder kann die Erfahrung der Liebe Gottes im Lauf seines Lebens bezeugen, und ebenso, dass wir gerufen sind, mit Liebe auf diese seine Liebe zu antworten. Der Papst lädt alle ein, Träger der Barmherzigkeit Gottes zu sein, die wir immer wieder persönlich erfahren haben. Es genügt, daran zu denken, wie oft er uns im Sakrament der Beichte vergibt – nämlich immer. Daher sollten die nächsten Monate eine „Zeit der Gnade für die Kirche sein und helfen, das Zeugnis der Gläubigen stärker und wirkungsvoller zu machen“.

Diese Nähe Gottes darf niemals nur in Worten vermittelt werden, sie muss vielmehr täglich in Werken erfahrbar werden, im praktischen Verhalten jeden Tages, in jenen „Absichten, Einstellungen und Verhalten, die sich im tagtäglichen Leben bewähren“. Der Nachfolger Petri hat geäußert, dass „die Barmherzigkeit Gottes seiner Verantwortung für uns entspringt. Er fühlt sich verantwortlich, d.h. er will unser Wohl und Er will uns glücklich sehen, voller Freude und Gelassenheit. Auf der gleichen Wellenlänge – so fährt der Heilige Vater fort – muss die barmherzige Liebe der Christen liegen. Wie der Vater liebt, so lieben auch seine Kinder. So wie Er barmherzig ist, sind auch wir berufen, untereinander barmherzig zu sein“.

In dieser Perspektive erhalten die Werke der Barmherzigkeit, die Christus seiner Kirche anvertraut hat, ein ernst zu nehmendes Gewicht. Unser Herr – das „Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters“ – fordert die Christen auf, jederzeit aufmerksam die Augen auf ihn zu richten, mit dem Wunsch, uns mit seinem Leben zu verbinden und ihn nachzuahmen wie die Kinder ihre Eltern oder die älteren Geschwister nachahmen.

Der hl. Josefmaria, der Gründer des Opus Dei, widmete sich auf seinem irdischen Weg in der Nachfolge Christi leidenschaftlich den leiblichen und geistigen Werken der Barmherzigkeit. Nicht ohne Grund konnte er in einer seiner Homilien schreiben: „Wie verständlich sind die Ungeduld, die Beklemmung und die ungestümen Wünsche jener, die mit einer natürlich christlichen Seele nicht resignieren wollen angesichts der persönlichen und sozialen Ungerechtigkeit, die das menschliche Herz hervorbringen kann. So viele Jahrhunderte schon leben die Menschen zusammen, und noch immer gibt es so viel Hass, so viel Zerstörung, so viel Fanatismus in Augen, die nicht sehen, und in Herzen, die nicht lieben wollen.“

Im Anschluss zählte er einige der Übel auf, die die Welt quälen: „Die Reichtümer der Erde verteilt unter einige wenige, die Bildungsgüter einem kleinen Kreis vorbehalten und draußen Hunger nach Brot und Wissen. Draußen menschliches Leben, das heilig ist, weil es von Gott kommt, und das behandelt wird wie eine Sache, wie Zahlen in einer Statistik.“ So weit das Zitat des Gründers des Opus Dei.

Angesichts der Abwesenheit von Barmherzigkeit und echter Brüderlichkeit darf man sich nicht von Mutlosigkeit niederdrücken lassen, sondern sollte sich an den Ratschlag des hl. Johannes vom Kreuz halten: „Schenke Liebe, wo es keine Liebe gibt, und du wirst Liebe ernten.“ Wir alle sind gerufen einanderer Christus, Christus selbst zu sein, in seinem Namen zu handeln und überall eine ansteckende Nächstenliebe zu praktizieren. In diesem Sinn wies der hl. Josefmaria auch darauf hin, dass Christus „uns ständig auffordert, jenes neue Gebot der Liebe zu verwirklichen. (…) In unseren Brüdern, den Menschen, müssen wir Christus sehen, der uns in ihnen begegnet. Kein menschliches Leben ist isoliert, sondern jedes ist mit allen anderen verflochten. Keiner ist wie ein bezugloser Vers, alle sind wir Teil ein und derselben göttlichen Dichtung, die Gott unter Mitwirkung unserer Freiheit verfasst“.

Vielleicht könnte jemand denken, dass die Fortschritte im Bereich der Sozialhilfe, des Gesundheitswesens, der Arbeitsorganisation usw. – vor allem in den hoch entwickelten Ländern – die traditionellen Werke der Barmherzigkeit unnötig und sogar überflüssig machen. Aber das ist keineswegs so! Selbst in den reichsten Ländern leben Menschen an der Schwelle der Armut, es fehlen ihnen die elementarsten Dienstleistungen oder sie leiden unter Einsamkeit und Verlassenheit, obwohl sie materielle Mittel besitzen. Mit großer Klarsicht machte der Gründer des Opus Dei schon vor vielen Jahren darauf aufmerksam, dass, wenn die Umstände einer geschichtlichen Epoche das Elend oder den Schmerz überwunden zu haben scheinen, die einfühlsame christliche Brüderlichkeit um so wichtiger wird, die zu erahnen weiß, wo jemand Trost braucht, selbst mitten im scheinbaren allumfassenden Wohlstand.

Im Laufe dieser Monate möchte ich mit Gottes Hilfe Betrachtungen zu den vierzehn leiblichen und geistigen Werken der Barmherzigkeit anstellen, so dass sie einen spürbaren Einfluss in unserem normalen Alltagsleben gewinnen. In den Ereignissen jeden Tages – bei der Arbeit, in der Familie, in den Beziehungen zu den Mitmenschen – lädt uns der Meister ein, ihm ähnlich zu werden. Auf diese Weise kann unser irdischer Weg mit Christus zu einer „Schule der Barmherzigkeit“ werden.