Papst am Ground Zero: Propheten des Friedens, nicht der Zerstörung

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Ein New Yorker Imam und ein Rabbi geben sich die Hand bei Interreligiöser Begegnung mit Papst Franziskus am Ground Zero. – REUTERS

Papst Franziskus hat bei der interreligiösen Begegnung an der Gedenkstätte Ground Zero in New York zum Frieden zwischen den Kulturen und Religionen aufgerufen. Es gelte, sich vom Versuch der Uniformität frei zu machen und in einer „versöhnten Verschiedenheit“ zur Einheit zu finden. Bei der Gedenkveranstaltung nahm auch der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, teil sowie Vertreter aus Hinduismus, Buddhismus, Judentum und Islam. Dolan betonte in seiner Begrüßung, dass die Vorfahren der New Yorker in diese Stadt auch für die Religionsfreiheit gekommen seien. Und sie hätten in New York eine Atmosphäre des Respekts und der Anerkennung für religiöse Vielfalt gefunden.

Papst Franziskus sagte in seiner Rede, die Angriffe vom 11. September 2001 seien geschehen aufgrund einer „Mentalität, die nur Gewalt, Hass und Rache kennt – einer Mentalität, die nur Kummer, Leiden, Zerstörung und Tränen verursachen kann.“

„Dies ist ein Ort, an dem wir Tränen vergießen und weinen aus einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Unrecht und Mord und angesichts des Scheiterns, Konflikte durch Dialog zu lösen. Hier betrauern wir den ungerechten und sinnlosen Verlust unschuldigen Lebens aufgrund der Unfähigkeit, Lösungen zu finden, die das Gemeinwohl respektieren.“

Dabei bezog sich Franziskus auch auf aktuelle Krisen und Konflikte, bei denen religiöse Gewalt und Hass Leid verursachten: „Dieses fließende Wasser erinnert uns an die Tränen von gestern, aber auch an all die Tränen, die heute immer noch vergossen werden.“

Vor seiner Ansprache traf Franziskus Familien, deren Angehörige durch Erste-Hilfe-Einsätze bei der Katastrophe ums Leben gekommen waren. In der Begegnung mit ihnen sei ihm deutlich geworden, dass Taten der Zerstörung niemals unpersönlich, abstrakt oder bloß materiell seien, so Franziskus. Sie hätten immer ein Gesicht, eine konkrete Geschichte und Namen. In diesen Familienmitgliedern sei das Gesicht des Schmerzes zu sehen, „der uns immer noch berührt und der zum Himmel schreit“.

Zugleich, so Franziskus, werde hier das andere Gesicht dieses Angriffs und der Trauer sichtbar: die Macht der Liebe und des Gedenkens, „das uns nicht leer und in uns gekehrt zurücklässt“. Rund um die „Fußabdrücke“ der Türme seien die Namen vieler geliebter Personen eingraviert. „Wir können sie sehen, wir können sie berühren, und wir können sie für immer unvergessen bewahren.“

„Hier, inmitten von Schmerz und Trauer, wird uns auch die heroische Güte deutlich spürbar, zu der Menschen fähig sind – jene verborgenen Reserven an Kraft, von denen wir zehren können. In den Untiefen von Schmerz und Leid haben Sie auch die Gipfel der Großherzigkeit und des Dienens bezeugt. Hände wurden gereicht, Leben hingegeben. In einer Metropole, die unpersönlich, gesichtslos, einsam erscheinen könnte, haben Sie die mächtige Solidarität bewiesen, die aus gegenseitiger Unterstützung, Liebe und Selbstaufopferung entspringt.“

Niemand habe sich dabei um Hautfarbe, Nationalität, Stadtviertel, Religion oder Politik gekümmert. Es sei um Solidarität, unmittelbare Not und Brüderlichkeit gegangen. Franziskus erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Feuerwehrmänner von New York City, die bei ihrem Einsatz ums Leben kamen, um andere zu retten.

„Der Ort des Todes wurde auch zu einem Ort des Lebens, zu einem Ort geretteten Lebens, zu einem Hymnus auf den Triumph des Lebens über die Propheten von Zerstörung und Tod, auf den Triumph der Güte über das Böse, der Versöhnung und Einheit über Hass und Spaltung.“

Mit der Hilfe Gottes sei es möglich, alle Gefühle des Hasses, der Vergeltung und der Verbitterung aus unseren Herzen verbannen, so Franziskus. Er forderte die Anwesenden zu einer Schweigeminute auf, um für Frieden zu beten. Jeder Mensch sei aufgerufen, ein Prophet der Versöhnung und des Friedens zu sein in unseren Häusern, unseren Familien, unseren Schulen und unseren Gemeinschaften und an all den Orten, wo der Krieg nie zu enden scheine.

Neben dem Papst hielten der Rabbiner Elliot Cosgrove von der Park Avenue Synagoge und der New Yorker islamische Geistliche Khalid Latif eine Reflexion zu interreligiöser Toleranz. Rabbiner Cosgrove betonte, es sei Aufgabe aller Religionen, den Opfern und Angehörigen dieser Katastrophe ein – mit den Worten Franziskus‘ gesprochen – „Feldlazarett“ zu sein, um ihre Wunden zu heilen und ihre Herzen zu wärmen. Die Toten ehrte er – erneut mit Franziskus gesprochen – als „Werkzeuge des Friedens“ der Stadt und der ganzen Nation.

Imam Khalid Latif verurteilte die Angriffe vom 11. September als ignorant und intolerant. Bei der interreligiösen Begegnung stünden alle als Brüder und Schwestern zusammen gegen die „Gegner der Religionsfreiheit“. Verständigung trete hier an die Stelle von Ignoranz, Unterschiede müssten noch stärker toleriert werden.

In Englischer Sprache betete der Papst für die Opfer und den Frieden. Es schlossen sich Meditationen aus dem Hinduismus, Buddhismus, Islam, Christentum und dem Judentum an.

(rv 25.09.2015 cz)

Vergleiche: Die Friedensvision des Bruders Klaus von Flüe