DAS GEWEIHTE LEBEN IN DER NÄHE DER MENSCHEN

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Audienz für die Teilnehmer an einem
Kongress zum Abschluss des Jahres des geweihten Lebens

Ansprache von Papst Franziskus am 1. Februar

Papst Franziskus legte das vorbereitete Redemanuskript zur Seite und sprach mit den Ordensleuten frei.

Er sagte:

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe für diesen Anlass eine Ansprache über Themen des geweihten Lebens und über dessen drei tragende Säulen vorbereitet. Es gibt noch andere, aber es gibt drei wichtige Säulen des geweihten Lebens. Die erste ist: Prophetie, die zweite: Nähe und die dritte: Hoffnung. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Ich habe den Text dem Kardinalpräfekten gegeben, denn ihn vorzulesen ist ein wenig langweilig und ich möchte lieber zu euch über das sprechen, was mir aus dem Herzen kommt. Einverstanden?

Ordensmänner und Ordensfrauen, das heißt dem Dienst am Herrn geweihte Männer und Frauen, die in der Kirche diesen Weg einer klaren Armut, einer keuschen Liebe gehen, die sie zu einer geistlichen Vaterschaft und Mutterschaft für die ganze Kirche führt, den Weg eines Gehorsams… Aber in diesem Gehorsam fehlt uns immer etwas, weil der vollkommene Gehorsam der Gehorsam des Sohnes Gottes ist, der sich selbst verleugnet hat, der aus Gehorsam Mensch geworden ist, bis zum Tod am Kreuz. Aber es gibt Männer und Frauen unter euch, die einen tiefen Gehorsam leben, einen Gehorsam… – nicht militärisch, das nicht, nein. Das ist Disziplin und etwas anderes – ein Gehorsam der Hingabe des Herzens. Und das ist Prophetie.

»Aber hast du nicht Lust, etwas zu tun, etwas anderes?« – »Ja, aber den Regeln zufolge muss ich dies tun und dies und das. Und den Anordnungen entsprechend das und das und das. Und wenn ich etwas nicht klar erkenne, dann spreche ich mit dem Oberen, mit der Oberin, und nach dem Gespräch gehorche ich.« Das ist die Prophetie gegen den Samen der Anarchie, den der Teufel sät. »Was tust du?« – »Ich tue, was mir gefällt.« Die Anarchie des Willens ist Tochter des Teufels, nicht Tochter Gottes. Der Sohn Gottes war nicht anarchisch, er hat die Seinen nicht berufen, um eine Widerstandskraft gegen seine Feinde zu bilden. Er selbst hat zu Pilatus gesagt: »Wenn ich ein König dieser Welt wäre, dann hätte ich meine Soldaten gerufen, um mich zu verteidigen.« Aber er war dem Vater gehorsam. Er hat nur gefragt: »Vater, bitte, nein, nicht diesen Kelch… Aber dein Wille geschehe.« Wenn ihr aus Gehorsam etwas akzeptiert, das uns vielleicht oft nicht gefällt … [Der Papst macht die Geste des Schluckens.] …, dann muss man jenen Gehorsam schlucken, und man tut es. Die Prophetie also. Prophetie heißt, den Menschen zu sagen, dass es einen Weg des Glücks, der Größe gibt, einen Weg, der dich mit Freude erfüllt, der genau der Weg Jesu ist. Es ist der Weg, Jesus nahe zu sein. Die Prophetie ist eine Gabe, ein Charisma und man muss den Heiligen Geist darum bitten: dass ich im richtigen Augenblick jenes Wort zu sagen weiß; dass ich etwas im richtigen Augenblick tue; dass mein ganzes Leben eine Prophetie sein möge. Männer und Frauen, die Propheten sind. Das ist sehr wichtig. »Ach, machen wir es wie alle…« Nein. Die Prophetie bedeutet, zu sagen, dass es etwas Wahreres, etwas Schöneres, etwas Größeres, etwas Besseres gibt, zu dem wir alle berufen sind.

Das zweite Wort ist Nähe. Geweihte Männer und Frauen, aber nicht um sich von den Menschen abzusondern und alle erdenkliche Bequemlichkeit zu haben. Nein. Um mich ihnen zu nähern und das Leben der Christen und Nicht-Christen zu verstehen, die Leiden, Probleme, viele Dinge, die man nur versteht, wenn ein gottgeweihter Mann oder eine gottgeweihte Frau Nächste werden: im Nahesein. »Aber, Pater, ich bin eine Klausurschwester, was soll ich tun?« Denkt an die heilige Therese vom Kinde Jesu, Patronin der Missionen, die mit ihrem brennenden Herzen nahe war. Die Briefe, die sie von den Missionaren erhielt, ließen sie den Menschen näher sein. Nähe.

Geweiht zu werden heißt nicht, ein, zwei, drei Stufen in der Gesellschaft aufzusteigen. Es ist wahr, dass wir Eltern oft sagen hören: »Wissen Sie, Pater, ich habe eine Tochter, die Ordensschwester ist; ich habe einen Sohn, der Ordensmann ist!« Sie sagen das mit Stolz. Und das ist wahr! Es ist eine Freude für die Eltern, gottgeweihte Kinder zu haben, das ist wahr. Aber für die Geweihten ist es kein Status im Leben, der mich die anderen so anblicken lässt [mit Distanz]. Das geweihte Leben muss mich zur Nähe zu den Menschen führen: physische, geistliche Nähe, die Menschen kennen. »Ja, Pater, in meiner Gemeinschaft hat uns die Oberin die Erlaubnis gegeben hinauszugehen, in die Armenviertel zu den Menschen zu gehen…« – »Und gibt es in deiner Gemeinschaft alte Schwestern?« – »Ja, ja… Es gibt im dritten Stock die Krankenabteilung.« – »Und wie oft am Tag besuchst du deine Mitschwestern, die alten Schwestern, die deine Mutter oder Großmutter sein könnten?« – »Ach, wissen Sie, Pater, ich bin mit meiner Arbeit sehr beschäftigt und schaffe es nicht, dorthin zu gehen…« Nähe!

Wer ist zuerst der Nächste eines Gottgeweihten oder einer Gottgeweihten? Der Bruder oder die Schwester der Gemeinschaft. Der ist zuallererst euer Nächster. Und auch eine nette, gute, liebevolle Nähe. Ich weiß, dass in euren Gemeinschaften niemals geklatscht wird, nie, nie… Eine Art und Weise, sich zu entfernen: Klatsch und Tratsch. Hört gut zu: kein Klatsch, der Terrorismus des Klatschs. Denn wer klatscht, ist ein Terrorist. Er ist ein Terrorist in der eigenen Gemeinschaft, weil er das Wort gegen diesen, gegen jenen wie eine Bombe wirft und dann ruhig weggeht. Er zerstört! Wer das tut, zerstört wie eine Bombe, und er sondert sich ab. Dies, so sagt der Apostel Jakobus, war vielleicht die schwierigste Tugend, die schwierigste menschliche und geistliche Tugend, die man haben soll, nämlich jene, die Zunge zu beherrschen. Wenn dir ein Wort gegen ein Bruder oder eine Schwester in den Sinn kommt, das heißt eine Bombe des Klatschs zu werfen, dann beiß dir auf die Zunge! Fest! Terrorismus in der Gemeinschaft: Nein!

»Aber, Pater, wenn da etwas ist, ein Fehler, etwas, das man korrigieren muss?« Dann sagst du das zu dieser Person: Du hast diese Haltung, die mich stört oder die nicht gut ist. Oder wenn das nicht ratsam ist – denn manchmal ist es nicht klug –, dann sagst du es der Person, die Abhilfe schaffen kann, die das Problem lösen kann und zu niemandem sonst. Verstanden? Klatsch dient zu nichts. »Aber beim Kapitel?« Dort ja! Öffentlich: alles, von dem du spürst, dass du es sagen sollst. Denn es gibt die Versuchung, beim Kapitel die Dinge nicht zu sagen, aber dann draußen: »Hast du gesehen, die Priorin…? Hast du gesehen, die Äbtissin…? Hast du gesehen, der Obere…?« Aber warum hast du es nicht dort gesagt, im Kapitel. … Ist das klar? Es sind Tugenden der Nähe. Und die Heiligen hatten sie, die heiligen Gottgeweihten hatten sie. Die heilige Therese vom Kinde Jesu hat niemals über die Arbeit geklagt, über die Unannehmlichkeiten, die ihr die Schwester bereitete, die sie jeden Abend in den Speisesaal führen musste: aus dem Chor in den Speisesaal. Niemals! Denn diese Schwester war sehr alt, fast gelähmt, sie lief sehr schlecht, sie hatte Schmerzen – auch ich verstehe sie gut! –, und sie war auch etwas neurotisch… Aber niemals ist sie zu einer anderen Schwester gegangen und hat gesagt: »Wie lästig ist sie doch!« Was tat sie? Sie half ihr, sich hinzusetzen, brachte ihr die Serviette, brach ihr Brot in Stückchen und lächelte sie an. Das bedeutet Nähe. Nähe!

Wenn du die Bombe eines Klatschs in deine Gemeinschaft wirfst, dann ist das keine Nähe: Es heißt, Krieg zu führen! Es heißt, sich absondern; es heißt, Distanz zu verursachen, Anarchie in der Gemeinschaft hervorzurufen. Und wenn es in diesem Jahr der Barmherzigkeit jedem, jeder von euch gelingen würde, niemals ein Terrorist und Klatschmaul zu sein, dann wäre das ein Erfolg für die Kirche, ein großer Erfolg der Heiligkeit! Nur Mut! Nahe sein.

Und dann die Hoffnung. Ich bekenne, dass mir das sehr schwer fällt, wenn ich sehe, wie die Berufungen zurückgehen, wenn ich Bischöfe empfange und sie frage: »Wie viele Seminaristen habt ihr?« –»Vier, fünf…« Wenn ihr in euren Ordensgemeinschaften von Männern oder Frauen einen Novizen, eine Novizin habt, vielleicht zwei …, und die Gemeinschaft wird immer älter und älter… Wenn es Konvente gibt, große Konvente, und Kardinal Amigo Vallejo [Der Papst wendet sich zu ihm] kann uns erzählen, wie viele es in Spanien gibt, die von vier oder fünf alten Schwestern bis zum Schluss vorangebracht werden…

Und dies lässt in mir eine Versuchung aufsteigen, die gegen die Hoffnung ist: »Aber, Herr, was geschieht? Warum wird der Schoß des geweihten Lebens so unfruchtbar?« Einige Kongregationen experimentieren mit der »künstlichen Befruchtung«. Was tun sie? Sie nehmen auf…: »Aber ja, komm, komm, komm…« Und dann die Probleme, die es dort drinnen gibt… Nein. Die Aufnahme muss seriös sein! Man muss gut unterscheiden, ob es eine echte Berufung ist, und ihr helfen zu wachsen. Und ich glaube, angesichts dieser Versuchung, die Hoffnung zu verlieren, die von dieser Unfruchtbarkeit kommt, müssen wir mehr beten, unermüdlich beten.

Mir tut es sehr gut, diesen Abschnitt aus der Heiligen Schrift zu lesen, wo Anna – die Mutter von Samuel – betete und um einen Sohn bat. Sie betete und bewegte die Lippen und betete… Und der alte Priester, der ein wenig blind war und nicht gut sah, dachte, sie sei betrunken. Aber das Herz jener Frau [sagte zu Gott]: »Ich möchte einen Sohn!« Ich frage euch: Betet euer Herz angesichts der abnehmenden Berufungen mit dieser Intensität? »Unsere Kongregation braucht Söhne, unsere Kongregation braucht Töchter…« Der Herr, der so großherzig war, wird seine Verheißung erfüllen. Aber wir müssen ihn darum bitten. Wir müssen an die Tür seines Herzens klopfen. Denn es gibt eine Gefahr. Sie ist schlimm, aber ich muss sie erwähnen: Wenn eine Ordenskongregation sieht, dass sie keine Kinder und Enkel mehr hat und beginnt, immer mehr zu schrumpfen, dann hängt sie sich an das Geld. Und ihr wisst, dass das Geld der Mist des Teufels ist. Wenn sie nicht die Gnade erlangen können, Berufungen und Nachwuchs zu haben, dann denken sie, dass das Geld das Leben rettet. Sie denken an das Alter, damit ihnen dieses nicht fehlt, damit ihnen jenes nicht fehlt… Uns so gibt es keine Hoffnung. Die Hoffnung ist nur im Herrn! Geld wird sie dir niemals geben. Im Gegenteil: Es wird dich entmutigen. Verstanden?

Das wollte ich euch sagen, statt die Klassifikationen vorzulesen, die der Kardinalpräfekt euch dann geben wird…

Ich danke euch von Herzen für das, was ihr tut. Die Gottgeweihten – jeder mit seinem Charisma. Und ich möchte die gottgeweihten Frauen, die Ordensschwestern hervorheben. Was wäre die Kirche, wenn es die Schwestern nicht gäbe? Das habe ich einmal gesagt: Wenn du ins Krankenhaus gehst, in die Schulen, in die Pfarreien, in die Stadtviertel, in die Missionen: Männer und Frauen, die ihr Leben hingegeben haben… Auf meiner letzten Afrikareise – das habe ich, glaube ich, bei einer Generalaudienz erzählt –, bin ich einer 83-jährigen Schwester begegnet, einer Italienerin. Sie hat mir gesagt: »Als ich – ich weiß nicht, ob sie gesagt hat – 23 oder 26 Jahre alt war, bin ich hierhergekommen. Ich bin Krankenschwester in einem Krankenhaus.« Denkt einmal: Von 26 Jahren bis 83! »Und ich habe meinen Angehörigen in Italien geschrieben, dass ich nicht mehr zurückkommen werde.« Wenn du auf einen Friedhof gehst und siehst, dass dort viele Missionare aus den Orden und viele Schwestern sind, die mit 40 Jahren gestorben sind, weil sie in jenen Ländern eine Krankheit, ein Fieber bekommen haben. Sie haben ihr Leben hingegeben… dann sagst du: Das sind Heilige! Sie sind Same! Wir müssen zum Herrn sagen, er möge ein wenig auf diese Friedhöfe herabkommen und sehen, was unsere Vorfahren getan haben, und uns ein wenig Berufungen schenken, denn wir brauchen sie!

Ich danke euch sehr für diesen Besuch, ich danke dem Kardinalpräfekten, dem Sekretär, den Untersekretären für das, was ihr in diesem Jahr des geweihten Lebens getan habt. Aber, bitte, vergesst nicht die Prophetie des Gehorsams, der Nähe, und dass der wichtigste und euch am nächsten stehende Nächste der Bruder und die Schwester der Gemeinschaft ist, und dann die Hoffnung. Möge der Herr bewirken, dass euren Kongregationen Söhne und Töchter geboren werden. Und betet für mich. Danke!

Die folgende Ansprache wurde vom Heiligen Vater schriftlich überreicht.

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch zum Abschluss dieses Jahres, das dem geweihten Leben gewidmet ist, zu begegnen.

Eines Tages hat Jesus sich in seiner unendlichen Barmherzigkeit an eine jede und einen jeden von uns gewandt und uns persönlich gebeten: »Komm und folge mir nach!« (Mk 10,21). Wenn wir hier sind, dann darum, weil wir ihm mit »Ja« geantwortet haben. Bei manchen war es eine Zustimmung voll Begeisterung und Freude, manche haben sich schwerer getan, waren vielleicht unsicher. Auf jeden Fall sind wir ihm großherzig nachgefolgt und haben uns auf Wegen leiten lassen, die wir uns nicht einmal hätten vorstellen können. Wir haben mit ihm Augenblicke inniger Verbundenheit geteilt: »Kommt mit an einen einsamen Ort […] und ruht ein wenig aus« (Mk 6,31); Augenblicke des Dienens und der Sendung: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Lk 9,13); sogar sein Kreuz: »Wer mein Jünger sein will, […] nehme […] sein Kreuz auf sich« (Lk 9,23). Er hat uns in seine eigene Beziehung zum Vater hineingenommen, er hat uns seinen Geist geschenkt, hat unser Herz nach dem Maß seines eigenen Herzens erweitert und uns gelehrt, die Armen und die Sünder zu lieben. Wir sind ihm gemeinsam nachgefolgt und haben von ihm das Dienen, die Annahme, die Vergebung, die brüderliche Nächstenliebe gelernt. Unser geweihtes Leben hat einen Sinn, denn bei ihm zu bleiben und auf den Straßen der Welt unterwegs zu sein, um ihn zu bringen, gestaltet uns ihm gleich, lässt uns Kirche sein, Geschenk für die Menschheit.

Das Jahr, das wir jetzt abschließen, hat dazu beigetragen, in der Kirche die Schönheit und die Heiligkeit des geweihten Lebens heller erstrahlen zu lassen und in den geweihten Personen die Dankbarkeit für die Berufung und die Freude der Antwort zu vertiefen. Jeder und jede Geweihte hatte die Möglichkeit, die eigene Identität deutlicher wahrzunehmen und sich so mit erneuertem apostolischen Eifer auf die Zukunft auszurichten, um neue gute Seiten im Buch des Lebens zu schreiben, auf der Spur das Charismas der Gründer. Wir sind dem Herrn dankbar für alles, was wir in diesem an Initiativen so reichen Jahr erleben durften. Und ich danke der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, die die großen Ereignisse hier in Rom und in der Welt vorbereitet und durchgeführt hat.

Das Jahr geht zu Ende, aber unser Bemühen, dem empfangenen Ruf treu zu bleiben und in der Liebe, in der Hingabe, in der Kreativität zu wachsen, wird fortgesetzt. Dafür möchte ich euch drei Worte mit auf den Weg geben.

Das erste Wort ist »Prophetie«. Das zeichnet euch besonders aus. Aber welche Prophetie erwarten die Kirche und die Welt von euch? Ihr seid vor allem aufgerufen, mehr noch durch euer Leben als durch Worte, die Wirklichkeit Gottes zu verkündigen: von Gott zu sprechen. Wenn er zuweilen abgelehnt oder ausgegrenzt oder ignoriert wird, dann müssen wir uns fragen, ob wir vielleicht sein Gesicht nicht genug haben durchscheinen lassen und vielmehr unser eigenes Gesicht gezeigt haben. Das Gesicht Gottes ist das eines Vaters, der »barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte« ist (Ps 103,8). Um andere ihn erkennen zu lassen, muss man eine persönliche Beziehung zu ihm haben; und dazu bedarf es der Fähigkeit, ihn anzubeten und tagtäglich die Freundschaft mit ihm zu pflegen, durch das Gespräch von Herz zu Herz im Gebet, besonders in der stillen Anbetung.

Das zweite Wort, das ich euch mitgebe, ist »Nähe«. In Jesus ist Gott jedem Mann und jeder Frau nahegekommen: Er hat die Freude der Brautleute in Kana in Galiläa und die Trauer der Witwe von Naïn geteilt; er ist in das vom Tod heimgesuchte Haus des Jaïrus und in das von Nardenöl duftende Haus in Betanien eingetreten; er hat Krankheiten und Tod auf sich genommen und am Ende sogar sein Leben als Lösegeld für alle hingegeben. Christus nachzufolgen bedeutet dorthin zu gehen, wohin er gegangen ist; sich als barmherziger Samariter des Verwundeten, den wir am Straßenrand finden, anzunehmen; sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen. Wie Jesus den Menschen nahe zu sein; ihre Freuden und ihre Schmerzen zu teilen; durch unsere Liebe das väterliche Antlitz Gottes und die mütterliche Liebkosung der Kirche zu zeigen. Niemand darf sich jemals fern, distanziert, verschlossen und daher unfruchtbar fühlen. Jeder von euch ist berufen, den Brüdern zu dienen und dem eigenen Charisma zu folgen: die einen durch das Gebet, die anderen durch die Katechese, die einen durch die Lehre, die anderen durch die Fürsorge für Kranke oder Arme, die einen durch die Verkündigung des Evangeliums, die anderen durch die Erfüllung verschiedener Werke der Barmherzigkeit. Wichtig ist, nicht für sich selbst zu leben, ebenso wie Jesus nicht für sich selbst gelebt hat, sondern für den Vater und für uns.

So kommen wir zum dritten Wort: »Hoffnung«. Indem ihr Gott und seine barmherzige Liebe bezeugt, könnt ihr durch die Gnade Christi unserer Menschheit, die aus verschiedenen Gründen von Angst und Furcht gezeichnet und manchmal versucht ist, den Mut zu verlieren, Hoffnung schenken. Ihr könnte die erneuernde Kraft der Seligpreisungen, der Aufrichtigkeit und des Mitgefühls spüren lassen; den Wert der Güte, des einfachen, wesentlichen, bedeutungsvollen Lebens. Und ihr könnt die Hoffnung auch in der Kirche nähren. Ich denke zum Beispiel an den ökumenischen Dialog. Die Begegnung vor einem Jahr zwischen geweihten Personen der verschiedenen christlichen Konfessionen war eine schöne Neuheit, die es verdient, fortgesetzt zu werden. Das charismatische und prophetische Zeugnis des Lebens der geweihten Personen, in der Vielfalt seiner Formen, kann dazu beitragen, dass wir alle unsere Einheit besser erkennen, und die volle Gemeinschaft fördern.

Liebe Brüder und Schwestern, lasst euch in eurem täglichen Apostolat nicht vom Alter oder von der Zahl beeinflussen. Was mehr zählt ist die Fähigkeit, das anfängliche »Ja« zum Ruf Christi zu wiederholen, der sich immer wieder hören lässt, auf immer neue Weise, in jedem Abschnitt des Lebens. Sein Ruf und unsere Antwort halten unsere Hoffnung lebendig. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Wenn ihr so lebt, werdet ihr Freude im Herzen haben, das Kennzeichen der Jünger Christi und erst recht der geweihten Personen. Und euer Leben wird anziehend sein für viele Frauen und Männer, zur Ehre Gottes und für die Schönheit der Braut Christi, der Kirche.

Liebe Brüder und Schwestern, ich danke dem Herrn für das, was ihr in der Kirche und in der Welt seid und tut. Ich segne euch und vertraue euch unserer Mutter an. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

(Orig. ital. in O.R. 1./2.2.2016)

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