DER HEILIGE KIRCHENLEHRER HIERONYMUS

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Giuseppe Antonio Petrini, S. Girolamo, 1725-35, Narodni galerija, Liubliana

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 7. November 2007

Der heilige Hieronymus (1)

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf den hl. Hieronymus richten, einen Kirchenvater, der die Bibel in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat: Er hat sie in die lateinische Sprache übersetzt, er hat sie in seinen Werken kommentiert, und er hat sich vor allem bemüht, sie während seines langen Erdendaseins konkret zu leben – trotz seines bekannten schwierigen und temperamentvollen Charakters, den er von der Natur erhalten hatte.

Hieronymus wurde um das Jahr 347 in Stridon in einer christlichen Familie geboren, die ihm eine sorgfältige Ausbildung ermöglichte und ihn zur Vervollkommnung seiner Studien auch nach Rom schickte. Als junger Mann spürte er die Anziehungskraft des weltlichen Lebens (vgl. Ep 22,7), es überwog jedoch in ihm die Sehnsucht nach der christlichen Religion und das Interesse für sie. Um das Jahr 366 empfing er die Taufe und wandte sich dem asketischen Leben zu; er begab sich nach Aquileia und schloß sich einer Gruppe eifriger Christen an, die von ihm gleichsam als »Chor von Seligen« (Chron. ad ann. 374) bezeichnet wurde, der sich um Bischof Valerian scharte. Dann brach er in den Osten auf und lebte als Einsiedler in der Wüste von Chalkis südlich von Aleppo (vgl. Ep 14,10), wobei er sich ernsthaft den Studien widmete. Er vervollkommnete seine Griechischkenntnisse, begann mit dem Studium des Hebräischen (vgl. Ep 125,12), transkribierte Codices und Werke der Kirchenväter (vgl. Ep 5,2). Die Meditation, die Einsamkeit, der Kontakt mit dem Wort Gottes ließen seine christliche Empfindsamkeit reifen. Er fühlte stärker die quälende Last seiner Jugendsünden (vgl. Ep 22,7) und spürte eindringlich den Gegensatz zwischen heidnischer Mentalität und christlichem Leben: ein Gegensatz, der durch die dramatische und lebhafte »Vision« berühmt wurde, die er uns in einer Erzählung hinterlassen hat. In ihr schien es ihm, er würde vor dem Angesicht Gottes gegeißelt, weil er »ein Ciceronianer und kein Christ« wäre (vgl. Ep 22,30).

Im Jahr 382 übersiedelte er nach Rom: Hier nahm ihn Papst Damasus, der seinen Ruf als Asket und seine Kompetenz als Gelehrter kannte, als Sekretär und Berater in seinen Dienst. Er ermutigte ihn, aus pastoralen und kulturellen Gründen eine neue lateinische Übersetzung der biblischen Texte in Angriff zu nehmen. Einige Angehörige der römischen Aristokratie, vor allem adlige Frauen, wie Paula, Marcella, Asella, Lea und andere, die begierig waren, sich um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bemühen und ihre Kenntnis des Wortes Gottes zu vertiefen, wählten ihn zu ihrem geistlichen Begleiter und Lehrer bei der methodischen Annäherung an die heiligen Texte. Diese Edelfrauen lernten auch Griechisch und Hebräisch.

Nach dem Tod von Papst Damasus verließ Hieronymus im Jahr 385 Rom und unternahm eine Pilgerreise, zunächst ins Heilige Land, dem stillen Zeugen des Erdenlebens Christi, dann nach Ägypten, dem Land, das viele Mönche als Aufenthalt wählten (vgl. Contra Rufinum 3,22; Ep 108,6–14). Im Jahr 386 kam er nach Betlehem, wo dank der Großzügigkeit der Edelfrau Paula ein Männerkloster, ein Frauenkloster sowie ein Hospiz für die Pilger, die sich ins Heilige Land begaben, errichtet wurden »im Gedenken daran, daß Maria und Josef keine Unterkunft gefunden hatten« (Ep 108,14). In Betlehem blieb er bis zu seinem Tod, wobei er weiter eine intensive Tätigkeit entfaltete: Er kommentierte das Wort Gottes; er verteidigte den Glauben, indem er sich kraftvoll verschiedenen Häresien widersetzte; er ermahnte die Mönche zur Vollkommenheit, unterwies junge Schüler in der klassischen und christlichen Kultur; er nahm in pastoraler Gesinnung die Pilger auf, die das Heilige Land besuchten. Er starb am 30. September 419/420 in seiner Zelle nahe der Geburtsgrotte.

Seine literarische Ausbildung und seine umfassende Gelehrsamkeit erlaubten Hieronymus die Revision und Übersetzung vieler biblischer Texte: eine wertvolle Arbeit für die lateinische Kirche und für die abendländische Kultur. Auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Urtexte und dank des Vergleichs mit früheren Versionen verwirklichte er die Revision der vier Evangelien in lateinischer Sprache, sodann die des Psalters und eines Großteils des Alten Testaments. Indem er dem hebräischen und griechischen Originaltext, der Septuaginta, der in vorchristlicher Zeit entstandenen klassischen griechischen Version des Alten Testaments, und den vorhergehenden lateinischen Versionen Rechnung trug, konnte Hieronymus, dem später weitere Mitarbeiter zur Seite standen, eine bessere Übersetzung bieten: Sie stellt die sogenannte »Vulgata« dar, den »offiziellen« Text der lateinischen Kirche, der als solcher vom Konzil von Trient anerkannt wurde und nach der jüngsten Revision der »offizielle« Text der lateinischen Kirche bleibt. Es ist interessant, die Kriterien festzustellen, an die sich der große Bibelwissenschaftler in seinem Übersetzungswerk gehalten hat. Er enthüllt sie selbst, wenn er sagt, er respektiere sogar die Reihenfolge der Worte der Heiligen Schrift, weil in ihr, sagt er, »auch die Reihenfolge der Worte ein Geheimnis ist« (Ep 57,5), das heißt eine Offenbarung. Er bekräftigt darüber hinaus die Notwendigkeit, auf die Originaltexte zurückzugreifen: »Wenn es wegen der nicht übereinstimmenden Lesarten der Handschriften unter den Lateinern zu einer Diskussion über das Neue Testament käme, greifen wir auf das Original zurück, das heißt auf den griechischen Text, in dem der Neue Bund geschrieben worden ist. Dasselbe gilt für das Alte Testament: Wenn es Abweichungen zwischen den griechischen und lateinischen Texten gibt, berufen wir uns auf den Originaltext, den hebräischen; so können wir all das, was aus der Quelle entspringt, in den Bächen wiederfinden« (Ep 106,2). Darüber hinaus kommentierte Hieronymus auch viele biblische Texte. Nach ihm sollen die Kommentare vielfältige Meinungen bieten, »so daß der besonnene Leser, nachdem er die verschiedenen Erklärungen gelesen und vielfältige Ansichten kennengelernt hat – die anzunehmen oder abzulehnen sind –, urteile, welche die zuverlässigste ist, und wie ein erfahrener Geldwechsler die falsche Münze ablehne« (Contra Rufinum 1,16).

Energisch und lebhaft widerlegte er die Häretiker, die die Überlieferung und den Glauben der Kirche bestritten. Er zeigte auch die Bedeutung und Wirksamkeit der christlichen Literatur auf, die zu einer wahren Kultur geworden war und nun würdig war, mit der klassischen verglichen zu werden: Er tat dies mit der Abfassung von De viris illustribus, einem Werk, in dem Hieronymus die Biographien von über hundert christlichen Schriftstellern vorlegt. Er hat auch Biographien von Mönchen geschrieben und erläuterte damit, neben anderen geistlichen Wegen, auch das monastische Ideal. Außerdem übersetzte er verschiedene Werke griechischer Autoren. Schließlich tritt Hieronymus in dem wichtigen Epistularium, einem Hauptwerk der lateinischen Literatur, mit seinen Wesensmerkmalen eines gebildeten Mannes, Asketen und Seelenführers hervor.

Was können wir vom hl. Hieronymus lernen? Mir scheint, vor allem dies: das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben. Der hl. Hieronymus sagt: »Die Heilige Schrift nicht zu kennen heißt, Christus nicht zu kennen.« Es ist deshalb wichtig, daß jeder Christ in Berührung und in persönlichem Dialog mit dem Wort Gottes lebt, das uns in der Heiligen Schrift geschenkt ist. Dieser unser Dialog mit dem Wort Gottes muß immer zwei Dimensionen haben: Einerseits muß er ein wirklich persönlicher Dialog sein, weil Gott mit einem jeden von uns durch die Heilige Schrift spricht und eine Botschaft für jeden hat. Wir dürfen die Heilige Schrift nicht als Wort der Vergangenheit lesen, sondern als Wort Gottes, das sich auch an uns wendet, und müssen versuchen zu verstehen, was der Herr uns sagen will. Um aber nicht in den Individualismus zu verfallen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß das Wort Gottes uns gerade deshalb gegeben ist, um Gemeinschaft aufzubauen, um uns auf unserem Weg zu Gott hin in der Wahrheit zu vereinen. Obwohl es also immer ein persönliches Wort ist, ist es auch ein Wort, das Gemeinschaft errichtet, das die Kirche auferbaut. Deshalb müssen wir es in Gemeinschaft mit der lebendigen Kirche lesen. Der bevorzugte Ort des Lesens und Hörens des Wortes Gottes ist die Liturgie, in der wir durch das Feiern des Wortes und durch die Vergegenwärtigung des Leibes Christi im Sakrament das Wort in unserem Leben verwirklichen und es unter uns gegenwärtig machen. Wir dürfen nie vergessen, daß das Wort Gottes über die Zeiten hinausreicht. Die menschlichen Meinungen kommen und gehen. Was heute sehr modern ist, wird morgen uralt sein. Das Wort Gottes hingegen ist Wort des ewigen Lebens, es trägt in sich die Ewigkeit, das, was für immer gilt. Indem wir in uns das Wort Gottes tragen, tragen wir also in uns das Ewige, das ewige Leben.

Und so schließe ich mit einem Wort des hl. Hieronymus an den hl. Paulinus von Nola. Darin bringt der große Exeget gerade diese Wirklichkeit zum Ausdruck, nämlich daß wir im Wort Gottes die Ewigkeit empfangen, das ewige Leben. Der hl. Hieronymus sagt: »Versuchen wir, auf der Erde jene Wahrheiten zu lernen, deren Beschaffenheit auch im Himmel bestehen bleiben wird« (Ep 53,10).


In der heutigen Katechese möchte ich den Kirchenvater Hieronymus in den Blick nehmen. Er wurde 347 in Stridon, dem heutigen Laibach in Slovenien, in einer christlichen Familie geboren. Nach seiner Taufe im Jahr 366 wählte er bald einen asketisch-monastischen Lebensstil. Nach Aufenthalten in Antiochien und Konstantinopel, wo er sich sehr gute Kenntnisse der griechischen und hebräischen Sprache aneignete, stand er von 382 bis 385 in Rom als Sekretär und Berater im Dienst von Papst Damasus. Nach dessen Tod bewegten ihn verschiedene Spannungen und Konflikte, die auch charakterlich bedingt waren, zur Übersiedlung nach Bethlehem, wo er im Kreis von monastischen Gefährtinnen und Gefährten die letzten drei Jahrzehnte vor seinem Tod im Jahr 419 oder 420 verbrachte. Im Mittelpunkt von Leben und Werk des hl. Hieronymus stand die Bibel: Er übersetzte mit viel Sorgfalt und in Treue zu den Originaltexten einen großen Teil der Heiligen Schrift in die lateinische Sprache, schrieb Kommentare zu vielen biblischen Büchern und bemühte sich vor allem, auch sein Denken und Handeln ganz nach dem Wort Gottes auszurichten.

* * *

Mit Freude begrüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Einen besonderen Gruß richte ich dabei an die Kreisräte und Bürgermeister des Landkreises Freising. Auch heute spricht Gott zu uns in der Heiligen Schrift. Öffnen wir uns für diesen großen geistlichen Schatz und folgen wir in der eifrigen und gläubigen Schriftlesung dem Beispiel des hl. Hieronymus. Der allmächtige Gott segne euch und eure Familien.

 

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 14. November 2007

Der heilige Hieronymus (2)

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir fahren heute damit fort, die Gestalt des hl. Hieronymus vorzustellen. Wie wir am vergangenen Mittwoch gesagt haben, widmete er sein ganzes Leben so sehr dem Studium der Bibel, daß er von einem meiner Vorgänger, Papst Benedikt XV., als »herausragender Lehrer der Auslegung der Heiligen Schrift« gewürdigt wurde. Hieronymus hob die Freude und die Wichtigkeit hervor, sich mit den biblischen Texten vertraut zu machen: »Will dir nicht scheinen, schon hier auf Erden im Himmelreich zu wohnen, wenn du unter diesen Texten lebst, wenn du sie betrachtest, wenn du nichts anderes kennst und suchst?« (Ep. 53,10). In Wirklichkeit ist der Dialog mit Gott, mit seinem Wort in gewissem Sinn Gegenwart des Himmels, das heißt Gegenwart Gottes. Sich den biblischen Texten, vor allem dem Neuen Testament zu nähern ist für den Gläubigen ganz wesentlich, denn »die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen«. Das ist ein berühmter Satz von ihm, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der Konstitution Dei Verbum (Nr. 25) zitiert wird.

Er war in das Wort Gottes richtiggehend »verliebt« und fragte sich: »Wie könnte man ohne die Kenntnis der Schrift leben, durch die man lernt, Christus selbst zu kennen, der das Leben der Gläubigen ist?« (Ep. 30,7). Die Bibel, das Instrument, »durch das Gott jeden Tag zu den Gläubigen spricht« (Ep. 133,13), wird so Ansporn und Quelle des christlichen Lebens für alle Situationen und für jeden Menschen. Die Schrift lesen heißt mit Gott sprechen: »Wenn du betest« – schreibt er an eine junge adelige Frau aus Rom –, »sprichst du mit dem Bräutigam; wenn du (die Bibel) liest, spricht er zu dir« (Ep. 22,25). Das Studium und die Betrachtung der Heiligen Schrift machen den Menschen weise und gelassen (vgl. In Eph., prol.). Um immer tiefer in das Wort Gottes einzudringen, bedarf es gewiß einer ständigen und zunehmenden Hingabe. So empfahl Hieronymus dem Priester Nepotianus: »Lies sehr häufig die göttlichen Schriften; ja, lege das Heilige Buch nie aus der Hand. Lerne hier das, was du lehren sollst« (Ep. 52,7). Der römischen Matrone Leta gab er für die christliche Erziehung ihrer Tochter diese Ratschläge: »Vergewissere dich, daß sie täglich einige Abschnitte aus der Schrift studiert… An das Gebet schließe sie die Lesung an und an die Lesung das Gebet… Statt der Juwelen und Seidengewänder soll sie die Heiligen Bücher lieben« (Ep. 107,9.12). Mit der Betrachtung der Schrift und ihrer Kenntnis »wird das Gleichgewicht der Seele aufrechterhalten« (vgl. In Eph, prol.). Nur ein tiefer Gebetsgeist und die Hilfe des Heiligen Geistes können uns in das Verständnis der Bibel einführen: »Bei der Auslegung der Heiligen Schrift benötigen wir immer die Hilfe des Heiligen Geistes« (In Mich. 1,1,10,15).

Eine leidenschaftliche Liebe für die Heilige Schrift durchdrang also das ganze Leben des Hieronymus, eine Liebe, die er stets auch in den Gläubigen zu wecken suchte. Einer seiner geistlichen Töchter empfahl er: »Liebe die Heilige Schrift, und die Weisheit wird dich lieben; liebe sie zärtlich, und sie wird dich beschützen; halte sie in Ehren und du wirst ihre Liebkosungen empfangen. Sie sei für dich wie deine Halsketten und deine Ohrringe« (Ep. 130,20). Und weiter: »Liebe die Wissenschaft der Schrift, und du wirst die Laster des Fleisches nicht lieben« (Ep. 125,11).

Ein grundlegendes methodologisches Kriterium bei der Auslegung der Schrift war für Hieronymus die Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche. Wir können niemals alleine die Schrift lesen. Wir finden zu viele Türen verschlossen und gleiten leicht in den Irrtum ab. Die Bibel wurde vom Volk Gottes und für das Volk Gottes unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben. Nur in dieser Gemeinschaft mit dem Volk Gottes können wir wirklich mit dem »Wir« in den Kern der Wahrheit eintreten, die Gott selbst uns sagen will. Für Hieronymus mußte eine authentische Auslegung der Bibel immer in harmonischer Übereinstimmung mit dem Glauben der katholischen Kirche stehen. Es handelt sich nicht um eine Forderung, die diesem Buch von außen auferlegt würde; die Bibel ist die Stimme des pilgernden Gottesvolkes, und nur im Glauben dieses Volkes befinden wir uns sozusagen in der richtigen Tonart, um die Heilige Schrift zu verstehen. Deshalb mahnte Hieronymus: »Bleibe fest mit der traditionellen Lehre verbunden, die man dich gelehrt hat, damit du gemäß der gesunden Lehre diejenigen ermahnen und widerlegen kannst, die dir widersprechen« (Ep. 52,7). Besonders angesichts der Tatsache, daß Jesus Christus seine Kirche auf Petrus gegründet hat, muß jeder Christ – so seine Schlußfolgerung – »in Gemeinschaft mit der Kathedra des hl. Petrus« stehen. »Ich weiß, daß auf diesen Fels die Kirche gebaut ist« (Ep. 15,2). Und folgerichtig nannte er die Dinge beim Namen: »Ich stehe auf der Seite eines jeden, der mit der Kathedra des hl. Petrus verbunden ist« (Ep. 16).

Natürlich vernachlässigt Hieronymus nicht den ethischen Aspekt. Ja, er mahnt oft zur Pflicht, das Leben mit dem göttlichen Wort in Einklang zu bringen, denn nur wenn wir es leben, finden wir auch die Fähigkeit, es zu verstehen. Dieser Zusammenhang ist unverzichtbar für jeden Christen, besonders für den Prediger, damit seine Handlungen, falls sie nicht mit seinem Reden übereinstimmen sollten, ihn nicht in Verlegenheit bringen. So ermahnt er den Priester Nepotianus: »Deine Handlungen sollen deine Worte nicht Lügen strafen, damit es nicht geschehe, daß, wenn du in der Kirche predigst, jemand in seinem Inneren überlegt: ›Warum also handelst gerade du nicht so?‹ Gut macht sich wirklich jener Meister, der mit vollem Bauch scharfsinnig über das Fasten diskutiert; auch ein Dieb kann die Habgier tadeln; aber im Priester Christi müssen der Geist und das Wort in Einklang stehen« (Ep 52,7). In einem anderen Brief bekräftigt Hieronymus: »Auch wenn er eine glänzende Lehre besitzt, bleibt jener Mensch beschämt, der sich von seinem eigenen Gewissen verurteilt fühlt« (Ep 127,4). Weiter bemerkt er zum Thema Kohärenz: Das Evangelium muß in Haltungen wahrer Nächstenliebe umgesetzt werden, da in jedem Menschen die Person Christi selbst gegenwärtig ist. Als er sich zum Beispiel an den Priester Paulinus wendet (der dann Bischof von Nola und ein Heiliger wurde), gibt ihm Hieronymus folgenden Rat: »Der wahre Tempel Christi ist die Seele des Gläubigen: Schmücke es, dieses Heiligtum, verschönere es, lege in ihm deine Opfergaben nieder und empfange Christus. Wozu soll man die Wände mit Edelsteinen auskleiden, wenn Christus in der Person eines Armen an Hunger stirbt?« (Ep. 58,7). Hierony-mus sagt es ganz konkret: Man muß »Christus in den Armen kleiden, in den Leidenden aufsuchen, in den Hungernden speisen, in den Obdachlosen beherbergen« (Ep. 130,14). Die durch das Studium und die Betrachtung genährte Liebe zu Christus läßt uns jede Schwierigkeit überwinden: »Lieben auch wir Jesus Christus, suchen wir immer die Vereinigung mit ihm: Dann wird uns auch das leicht erscheinen, was schwer ist« (Ep. 22,40).

Hieronymus, der von Prosperus von Aquitanien als »Vorbild der Lebensführung und Lehrmeister des Menschengeschlechts« (Carmen de ingratis, 57) bezeichnet wurde, hat uns auch eine reiche und vielfältige Lehre über das christliche Asketentum hinterlassen. Er erinnert daran, daß ein mutiger Einsatz für die Vollkommenheit eine ständige Wachsamkeit, häufige Abtötungen, wenn auch mit Maß und Vorsicht, eine unermüdliche intellektuelle oder manuelle Arbeit, um den Müßiggang zu vermeiden (vgl. Epp. 125,11 und 130,15), und vor allem Gehorsam gegenüber Gott erfordert: »Nichts … gefällt Gott so sehr wie der Gehorsam…, der die höchste und einzige Tugend ist« (Hom. de obeodientia: CCL 78,552). Zum asketischen Weg kann auch die Praxis der Wallfahrten gehören. Hieronymus gab insbesondere den Wallfahrten ins Heilige Land Auftrieb, wo die Pilger in den Gebäuden aufgenommen und beherbergt wurden, die dank der Großzügigkeit der Adligen Paula, einer geistlichen Tochter des Hieronymus, neben dem Kloster von Betlehem entstanden waren (vgl. Ep. 108,14).

Nicht verschwiegen werden kann schließlich der Beitrag, den Hieronymus auf dem Gebiet der christlichen Pädagogik geleistet hat (vgl. Epp. 107 und 128). Er nimmt sich vor, »eine Seele zu bilden, die zum Tempel des Herrn werden soll« (Ep. 107,4), zu einem »wertvollen Juwel« in den Augen Gottes (Ep.107,13). Mit tiefer Einfühlung rät er, sie vor dem Bösen und vor den sündhaften Gelegenheiten zu bewahren, fragwürdige oder zerstreuende Freundschaften auszuschließen (vgl. Ep. 107,4 und 8–9; vgl. auch Ep. 128,3–4). Vor allem ermahnt er die Eltern, daß sie um die Kinder ein Umfeld der Ruhe und Freude schaffen, sie durch Lob und Wetteifern auch zum Studium und zur Arbeit anregen (vgl. Epp. 107,4 und 128,1), sie ermuntern, die Schwierigkeiten zu überwinden, in ihnen die guten Gewohnheiten fördern und sie davor bewahren sollen, schlechte anzunehmen, weil – und hier zitiert er einen Satz des Publilius Syrus, den er in der Schule gehört hatte – »es dir kaum gelingen wird, an dir jene Dinge zu berichtigen, an die du dich ruhig gewöhnst« (Ep. 107,8). Die Eltern sind die wichtigsten Erzieher der Kinder, die ersten Lehrer des Lebens. Indem sich Hieronymus mit großer Klarheit an die Mutter eines Mädchens wendet und dann auf den Vater anspielt, mahnt er – und bringt damit gleichsam ein Grundbedürfnis jedes Menschen zum Ausdruck, der ins Dasein tritt: »Sie möge in dir ihre Lehrerin finden, und auf dich blicke mit Staunen ihre unerfahrene Kindheit. Weder in dir noch in ihrem Vater soll sie je Haltungen sehen, die sie zur Sünde führen, wenn sie nachgeahmt würden. Denkt daran, daß … ihr sie mehr durch das Vorbild als durch das Wort erziehen könnt« (Ep. 107,9). Unter den hauptsächlichen Einsichten des Hieronymus als Pädagoge sind hervorzuheben: die Bedeutung, die einer gesunden und ganzheitlichen Erziehung von der ersten Kindheit an zugeschrieben wird; die besondere Verantwortung, die den Eltern zuerkannt wird; die Dringlichkeit einer ernsthaften moralischen und religiösen Bildung; das Erfordernis des Lernens für eine vollständigere menschliche Bildung. Ein für die Antike ziemlich unerwarteter, aber von unserem Autor als lebenswichtig betrachteter Aspekt ist darüber hinaus die Förderung der Frau, der er das Recht auf eine vollständige Bildung zuerkennt: menschlich, schulisch, religiös und beruflich. Und wir sehen gerade heute, daß die Erziehung der Persönlichkeit in ihrer Ganzheit, die Erziehung zur Verantwortlichkeit vor Gott und vor dem Menschen die wahre Voraussetzung für jeden Fortschritt, für jeden Frieden, für jede Versöhnung und jeden Ausschluß von Gewalt ist. Erziehung vor Gott und vor dem Menschen: Es ist die Heilige Schrift, die uns die Führung der Erziehung und so des wahren Humanismus bietet.

Wir können diese raschen Anmerkungen über den großen Kirchenvater nicht abschließen, ohne auf den wirkungsvollen Beitrag hinzuweisen, der von ihm zur Bewahrung der positiven und gültigen Elemente der antiken jüdischen, griechischen und römischen Kultur in der entstehenden christlichen Zivilisation geleistet worden ist. Hieronymus hat die in den Klassikern vorhandenen künstlerischen Werte, den Reichtum der Gefühle und die Harmonie der Bilder, die das Herz und die Phantasie zu edlen Gefühlen erziehen, anerkannt und aufgenommen. Vor allem hat er das Wort Gottes, das den Menschen auf die Wege des Lebens hinweist und ihm die Geheimnisse der Heiligkeit enthüllt, zum Mittelpunkt seines Lebens und Handelns gemacht. Für all das können wir ihm nur zutiefst dankbar sein, gerade in unserer heutigen Zeit.


Im Anschluß an die Katechese vom vergangenen Mittwoch über das Leben des heiligen Hieronymus möchte ich heute einen kurzen Überblick über sein Denken geben. Um zum geistigen Gut dieses Kirchenvaters einen Zugang zu erhalten, müssen wir ihn als gläubigen Christen begreifen. Im Zentrum seines Denkens steht Christus, das Wort des Vaters und das wahre Leben, das Hieronymus im Studium der Heiligen Schrift immer tiefer zu erkennen sucht. Sein berühmter Satz „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“, der sich auch in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederfindet (Dei Verbum Nr. 25), bringt dies treffend zum Ausdruck.

Der Heilige lädt die Gläubigen ein, mit der Bibel einen vertrauten Umgang zu pflegen. Die Heilige Schrift ist das Instrument, durch das Gott jeden Tag zu uns sprechen will. Allerdings bedarf es des Gebets und der Bitte um den Heiligen Geist, um im Verständnis des Wortes Gottes voranzuschreiten. Auf diesem Weg lernt der Christ auch, seinen Herrn in Werken der Nächstenliebe zu erkennen: Christus in den Armen zu kleiden, in den Leidenden zu begegnen, in den Hungernden zu speisen und in den Heimatlosen zu beherbergen. Die Gläubigen sind zur Vervollkommnung ihres geistlichen Lebens aufgerufen, die durch beständige Wachsamkeit, durch Verzicht, Arbeitseifer und Gehorsam erlangbar ist. Der Kirchenvater Hieronymus weiß und sagt uns: Das Wort Gottes erschließt uns Menschen Wege des Lebens und der Heiligkeit.

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Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Der hl. Hieronymus mag uns allen in seinem Ringen, das oft nicht leicht war – er hatte ein schwieriges und wildes Temperament – ein Vorbild sein und uns ermutigen im beständigen Gebet, im Hören auf Gottes Wort, im Ringen mit Gottes Wort und im Ringen mit uns selbst, den rechten Weg zu finden. Der Herr unseres Lebens schenke euch seinen Frieden und geleite euch auf allen euren Wegen.

 

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