Für die ganze Menschheit gilt: Jesus Christus ist der alleinige Erlöser

Istanbul
Mosaike in der Hagia Sophia: Segnender Jesus, Detail aus der Deesis in der Südempore. Die Hagia Sophia, wie man sie heute bewundern kann, stammt bereits aus dem 6. Jahrhundert. Schon vor dieser Zeit stand an dieser Stelle eine Kirche, die allerdings zerstört wurde. Kaiser Justinian ließ dann um 530 die Hagia Sophia erbauen. Heute dient die Kirche als Museum.

Auszug aus der Enzyklika „Redemptoris missio“:

KAPITEL I

JESUS CHRISTUS, ALLEINIGER ERLÖSER

4. »Die grundlegende Aufgabe der Kirche in allen Epochen und besonders in der unsrigen ist es – so rief ich in der ersten programmatischen Enzyklika in Erinnerung – den Blick des Menschen, das Bewußtsein und die Erfahrung der ganzen Menschheit auf das Geheimnis Christi zu lenken«.4

Die weltweite Sendung der Kirche kommt aus dem Glauben an Jesus Christus, wie es im Bekenntnis des Glaubens an den dreieinigen Gott heißt: »Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn. Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit … Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist, aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden.«5 Im Ereignis der Erlösung ist das Heil aller begründet, »denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden«.6 Allein im Glauben kann die Sendung verstanden werden, auf ihn hin ist sie gegründet.

Und dennoch fragen sich einige, auch im Hinblick auf die Veränderungen in der modernen Welt und der Verbreitung neuer theologischer Ideen: Ist die Mission unter den Nicht-Christen noch aktuell? Wird sie vielleicht durch den Dialog unter den Religionen ersetzt? Ist die Förderung im Bereich des Menschlichen nicht eines ihrer Ziele, das genügt? Schließt nicht die Achtung vor dem Gewissen und vor der Freiheit jeden Bekehrungsversuch aus? Kann man nicht in jeder Religion gerettet werden? Warum also Mission?

»Keiner kommt zum Vater außer durch mich« (Joh 14, 6)

5. Wenn wir zu den Ursprüngen der Kirche zurückgehen, so finden wir dort die klare Aussage, daß Christus der alleinige Erlöser von allen ist, jener, der allein Gott auszusagen und zu ihm zu führen vermag. Den jüdischen religiösen Behörden, die die Apostel wegen der durch Petrus gewirkten Heilung am Gelähmten befragen, erwidert dieser: »Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat, steht dieser Mann gesund vor euch … In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4, 10.12 ).

Diese Aussage hat universale Bedeutung, weil für alle – Juden wie Heiden – das Heil nur von Jesus Christus kommen kann.

Die von Christus gewirkte Universalität des Heiles wird im ganzen Neuen Testament bezeugt. Paulus anerkennt im auferstandenen Christus den Herrn: »Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele -, so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn« (1 Kor 8, 5-6). Der einzige Gott und der alleinige Herr stehen im Gegensatz zur Vielheit von »Göttern« und »Herren«, die vom Volk angenommen waren. Paulus reagiert gegen den Polytheismus der religiösen Umwelt seiner Zeit und stellt das Charakteristische des christlichen Glaubens heraus: Glaube an einen einzigen Gott und an einen einzigen, von Gott gesandten Herrn.

Im Johannesevangelium umfaßt diese Universalität des Heiles Christi die Aspekte seiner Sendung von Gnade und Wahrheit, von Heil und Offenbarung: Das Wort ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet (vgl. Joh 1, 9). Und weiter: »Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1, 18; vgl. Mt 11, 27). Die Offenbarung Gottes wird endgültig und ist vollendet durch das Wirken seines eingeborenen Sohnes: »Gott, der viele Male und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern gesprochen hat durch die Propheten, hat in dieser Endzeit zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat« (Hebr 1, 1-2; vgl. Joh 14, 6). In diesem endgültigen Wort seiner Offenbarung hat Gott sich in vollendetster Weise der Welt zu erkennen gegeben: er hat der Menschheit mitgeteilt, wer er ist. Und diese endgültige Selbstoffenbarung Gottes ist der tiefste Grund, weshalb die Kirche ihrer Natur nach missionarisch ist. Sie kann nicht davon absehen, das Evangelium, d.h. die Fülle der Wahrheit, die Gott uns über sich selbst zur Kenntnis gebracht hat, zu verkünden.

Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. »Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde – ich sage die Wahrheit und lüge nicht – , als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit« (1 Tim 2, 5-7; vgl. Hebr 4, 14-16). Die Menschen können demnach mit Gott nicht in Verbindnung kommen, wenn es nicht durch Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes geschieht. Durch seine einzigartige und universale Mittlertätigkeit, weit entfernt davon, Hindernis auf dem Weg zu Gott zu sein, ist er der von Gott selbst bestimmte Weg. Er ist sich dessen voll bewußt. Andere Mittlertätigkeiten verschiedener Art und Ordnung, die an seiner Mittlerschaft teilhaben, werden nicht ausgeschlossen, aber sie haben doch nur Bedeutung und Wert allein in Verbindung mit der Mittlerschaft Christi und können nicht als gleichrangig und notwendiger Zusatz betrachtet werden.

6. Es widerspricht dem christlichen Glauben, wenn man eine, wie auch immer geartete, Trennung zwischen dem Wort und Jesus Christus einführt. Johannes sagt klar, daß das Wort, das am Anfang bei Gott war, dasselbe ist wie jenes, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 2.14). Jesus ist das fleischgewordene Wort, eine einzige und unteilbare Person. Man kann auch nicht Jesus von Christus trennen oder von einem »Jesus der Geschichte« sprechen, der vom »Christus des Glaubens« verschieden wäre. Die Kirche kennt und bekennt Jesus als »den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16, 16): Christus ist kein anderer als Jesus von Nazareth, und dieser ist das für das Heil aller menschgewordene Wort Gottes. In Christus »wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes« (Kol 2, 9) und »aus seiner Fülle haben wir alle empfangen« (Joh 1, 16). Der »einzige Sohn, der am Herzen des Vaters ruht« (Joh 1, 18), ist »der geliebte Sohn, durch den wir die Erlösung haben« (Kol 1, 13-14). Im Heilsplan Gottes ist das Wort nicht zu trennen von Christus: »Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (Kol 1, 19-20). Gerade diese Einzigartigkeit Christi ist es, die ihm eine absolute und universale Bedeutung verleiht, durch die er, obwohl selbst Teil der Geschichte, Mitte und Ziel der Geschichte selbst ist:7 »Ich bin das Alpha und das Omega, der erste und der letzte, der Anfang und das Ende« (Off 22, 13).

Wenn es also möglich und nützlich ist, die verschiedenen Aspekte des Geheimnisses Christi ins Auge zu fassen, so darf man dennoch nie seine Einheit außer acht lassen. Während wir darangehen, die von Gott jedem Volk zugeteilten Gaben aller Art, insbesondere die geistigen, zu entdecken und zu bewerten, können wir solche Jesus Christus, der im Zentrum des göttlichen Heilsplanes steht, nicht absprechen. Wenn »der Sohn Gottes sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen vereinigt«, so »müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein«.8 Es ist Gottes Absicht, »in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1, 10).

Der Glaube an Christus ist ein Angebot an die Freiheit des Menschen

7. Die Dringlichkeit missionarischer Tätigkeit geht aus der von Christus gebrachten und von seinen Jüngern gelebten grundlegenden Erneuerung des Lebens hervor. Dieses neue Leben ist Gabe Gottes. Von seiten des Menschen ist erforderlich, sie einzulassen und ihr zum Wachstum zu verhelfen, wenn er sich selbst entsprechend seiner ganzheitlichen Berufung nach dem Bild Christi verwirklichen will. Das ganze Neue Testament ist ein Loblied auf das neue Leben des Menschen, der an Christus glaubt und in seiner Kirche lebt. Das von der Kirche bezeugte und verkündete Heil in Christus ist Selbstmitteilung Gottes: »Es ist die Liebe, die nicht nur das Gute hervorbringt, sondern am Leben Gottes selbst, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, teilhaben läßt. Wer liebt, den drängt es ja, sich selbst zum Geschenk zu machen.«9

Gott bietet dem Menschen dieses neue Leben an. »Kann man Christus und all das, was er in die Geschichte des Menschen einbrachte, verwerfen? Natürlich kann man. Der Mensch ist frei. Doch eine prinzipielle Frage: Darf man? Und: In wessen Namen darf man?«10

8. In der modernen Welt neigt der Mensch dazu, sich auf die horizontale Dimension einzuengen. Aber was wird aus dem Menschen ohne Öffnung auf das Absolute hin? Die Antwort liegt innerhalb des Erfahrungsbereiches jedes Menschen, sie ist aber auch eingeschrieben in die Geschichte der Menschheit mit dem im Namen von Ideologien und politischen Regimen vergossenen Blut, die »eine neue Menschheit« ohne Gott aufbauen wollten.11

Im übrigen gibt das Zweite Vatikanische Konzil jenen eine Antwort, denen die Erhaltung der Gewissensfreiheit ein Anliegen ist: »Die menschliche Person hat das Recht auf religiöse Freiheit. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang, sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat oder öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen innerhalb der gebührenden Grenzen nach seinem Gewissen zu handeln.«12

Verkündigung und Zeugnis für Christus verletzen die Freiheit nicht, wenn sie mit Achtung vor dem Gewissen erfolgen. Der Glaube verlangt die freie Zustimmung des Menschen. Aber er muß angeboten werden, weil »alle Menschen das Recht haben, den Reichtum des Geheimnisses Christi kennenzulernen, worin, nach unserem Glauben, die Menschheit in unerschöpflicher Fülle alles das finden kann, was sie suchend und tastend über Gott, über den Menschen und seine Bestimmung, über Leben und Tod und über die Wahrheit in Erfahrung zu bringen sucht. Darum ist die Kirche darauf bedacht, ihren missionarischen Elan lebendig zu erhalten, ja ihn im geschichtlichen Augenblick unserer heutigen Zeit noch zu verstärken.«13 Es ist aber auch, wiederum mit dem Konzil, zu sagen, daß die Menschen, »weil sie Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, alle – ihrer Würde gemäß – von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten werden, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen.«14

Die Kirche als Zeichen und Werkzeug des Heiles

9. Als erste kann die Kirche von der Wohltat des Heiles Nutzen ziehen. Christus hat sie sich mit seinem Blut erworben (vgl. Apg 20, 28) und sie als seine Mitarbeiterin im universalen Heilswerk eingesetzt. Wirklich, Christus lebt in ihr, ist ihr Bräutigam, wirkt ihr Wachstum und vollbringt durch sie seine Sendung.

Das Konzil hat immer wieder ausführlich die Rolle der Kirche für das Heil der Menschheit betont. Während die Kirche anerkennt, daß Gott alle Menschen liebt und allen die Möglichkeit gibt, ihr Heil zu wirken (vgl. 1 Tim 2, 4),15 glaubt sie doch, daß Gott Christus als einzigen Mittler eingesetzt hat und daß sie selbst als Sakrament umfassenden Heiles bestellt ist:16 »Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes … sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heil berufen sind.«17 Man muß diese beiden Wahrheiten zusammen gegenwärtig haben, die tatsächlich gegebene Möglichkeit des Heiles in Christus für alle Menschen und die Notwendigkeit der Anwesenheit der Kirche für dieses Heil. Beide tragen bei zum Verständnis des einen Heilsgeheimnisses. So können wir der Barmherzigkeit Gottes und unserer Verantwortung gewahr werden. Das Heil, das immer Gabe des Geistes ist, erfordert die Mitarbeit des Menschen, sowohl zur Erlangung des eigenen Heiles wie des Heiles anderer. So hat Gott es gewollt, darum hat er die Kirche bestellt und sie in den Heilsplan eingesetzt. »Dieses messianische Volk – sagt das Konzil – ist von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet. Es wird von ihm auch als Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der Erde in alle Welt gesandt.«18

Das Heil ist ein Angebot an alle Menschen

10. Die Universalität des Heiles bedeutet nicht, daß es nur jenen gilt, die ausdrücklich an Christus glauben und in die Kirche eingetreten sind. Wenn das Heil für alle ist, muß es allen zur Verfügung stehen. Aber es ist klar, daß es heute, wie dies früher der Fall war, viele Menschen gibt, die keine Möglichkeit haben, die Offenbarung des Evangeliums kennenzulernen und sich der Kirche anzuschließen. Sie leben unter sozio-kulturellen Bedingungen, die solches nicht zulassen. Oft sind sie in anderen religiösen Traditionen aufgewachsen. Für sie ist das Heil in Christus zugänglich kraft der Gnade, die sie zwar nicht förmlich in die Kirche eingliedert – obschon sie geheimnisvoll mit ihr verbunden sind -, aber ihnen in angemessener Weise innerlich und äußerlich Licht bringt. Diese Gnade kommt von Christus, sie ist Frucht seines Opfers und wird vom Heiligen Geist geschenkt: sie macht es jedem Menschen möglich, bei eigener Mitwirkung in Freiheit das Heil zu erlangen.

Darum erklärt das Konzil nach der zentralen Aussage über das österliche Geheimnis: »Das gilt nicht nur für die Christgläubigen, sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herz die Gnade unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein.«19

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Quelle

Im Wortlaut: Papstbrief zum Missionsmonat Oktober 2019

Papst Franziskus und Kardinal Filoni — 22/10/2017 11:30

​Hier lesen Sie den Brief des Papstes an den Präfekten der Evangelisierungskongregation, Kardinal Fernando Filoni, zum Monat der Missionen in einer offiziellen deutschen Übersetzung. (rv)

An den verehrten Bruder

Kardinal Fernando Filoni

Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker

 

Am 30. November 2019 jährt sich zum hundertsten Mal die Promulgation des Apostolischen Schreibens Maximum illud, mit dem Papst Benedikt XV. der missionarischen Verantwortung, das Evangelium zu verkünden, neuen Schwung verleihen wollte. In jenem Jahr 1919, am Ende eines schrecklichen weltweiten Konfliktes, den er selbst als »unnötiges Blutbad«[1] bezeichnete, mahnte der Papst die Notwendigkeit an, die Weltmission auf der Grundlage des Evangeliums zu erneuern, damit sie von jeglicher kolonialer Verkrustung gereinigt würde und sich von den nationalistischen und expansionistischen Bestrebungen fernhielte, die so viel Unheil angerichtet hatten. Er schrieb, dass »die Kirche Gottes universal und damit keinem Volke fremd ist«[2], und forderte dabei auch, allem Eigennutz zu widersagen, weil der Sinn der Mission ausschließlich in der Botschaft und Liebe Jesu Christi, die durch die Heiligkeit des Lebens und Werke der Nächstenliebe verbreitet werden, besteht. Benedikt XV. gab so der missio ad gentes einen besonderen Impuls und setzte sich mit dem begrifflichen und kommunikativen Instrumentarium seiner Zeit dafür ein, vor allem beim Klerus das Bewusstsein für die Verpflichtung zur Mission wieder wachzurufen.

Diese Verpflichtung zur Mission ist Antwort auf die zeitlos gültige Aufforderung Jesu: »Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16,15). Diesem Gebot des Herrn zu folgen ist nicht eine Option für die Kirche, sondern ihr »unumgänglicher Auftrag«, wie das Zweite Vatikanische Konzil[3] in Erinnerung ruft, da die Kirche »ihrem Wesen nach missionarisch«[4] ist. »Evangelisieren ist in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren.«[5] Um dieser Identität zu entsprechen und Jesus Christus als den für alle gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu bekennen, als den lebendigen Heiland und die Barmherzigkeit, die rettet, »muss die Kirche« – sagt das Konzil weiter – »unter der Führung des Heiligen Geistes denselben Weg gehen, den Christus gegangen ist, nämlich den Weg der Armut, des Gehorsams, des Dienens und des Selbststopfers.«[6] Nur so verkündet sie wirklich den Herrn, das »Urbild jener erneuerten, von brüderlicher Liebe, Lauterkeit und Friedensgeist durchdrungenen Menschheit, nach der alle verlangen.«[7]

Das, was Benedikt XV. vor fast hundert Jahren so am Herzen lag und woran uns das Konzilsdokument seit mehr als fünfzig Jahren erinnert, ist von bleibender Aktualität. Heute wie damals ist die Kirche »von Christus gesandt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen; sie ist sich bewusst, dass noch eine ungeheure missionarische Aufgabe vor ihr liegt.«[8] In diesem Sinn hat der heilige Johannes Paul II. festgestellt: »Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt und dass wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen.« [9] Darum hat er mit Worten, auf die ich heute alle wieder neu aufmerksam machen möchte, die Kirche zu einer »Erneuerung des missionarischen Eifers« aufgerufen. Er war überzeugt: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe! Die neue Evangelisierung der christlichen Völker findet Anregung und Halt im Einsatz für die sich weltweit betätigende Mission.«[10]

Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium war es mein Anliegen, als Frucht der XIII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, die einberufen wurde, um über die Neuevangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens nachzudenken, der ganzen Kirche diese dringende Berufung neu vor Augen zu stellen: »Johannes Paul II. hat uns ans Herz gelegt anzuerkennen, dass „die Kraft nicht verlorengehen [darf] für die Verkündigung“ an jene, die fern sind von Christus, denn dies ist „die erste Aufgabe der Kirche“. „Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte Herausforderung für die Kirche dar“ und so „muss das missionarische Anliegen das erste sein“. Was würde geschehen, wenn wir diese Worte wirklich ernst nehmen würden? Wir würden einfach erkennen, dass das missionarische Handeln das Paradigma für alles Wirken der Kirche ist.«[11]

Was ich ausdrücken wollte, erscheint mir, um es noch einmal zu sagen, unaufschiebbar und ich meine, dass es »eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet. Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf, wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine „reine Verwaltungsarbeit.“ Versetzen wir uns also in allen Regionen der Erde in einen „Zustand permanenter Mission“.«[12] Haben wir mit Gottvertrauen und viel Mut keine Furcht vor einer »missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Haltung all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet. Wie Johannes Paul II. zu den Bischöfen Ozeaniens sagte, muss „jede Erneuerung in der Kirche […] auf die Mission abzielen, um nicht eine Art kirchlicher Introversion zu verfallen.“«[13]

Das Apostolische Schreiben Maximum illud hatte in prophetischem Geist und im Freimut des Evangeliums dazu aufgerufen, die Grenzen der Nationen zu verlassen, um den Heilswillen Gottes durch die universale Mission der Kirche zu bezeugen. Das Herannahen des hundertsten Jahrestages seiner Promulgation sei ein Ansporn, die ständige Versuchung zu überwinden, die sich hinter jeder kirchlichen Introversion verbirgt, hinter jedem selbstbezogenen Rückzug in die eigenen sicheren Grenzen, hinter jeder Form eines pastoralen Pessimismus, hinter jeder sterilen Nostalgie, um uns hingegen der freudvollen Neuheit des Evangeliums zu öffnen. Auch in diesen unseren Zeiten, die gequält sind von den Tragödien des Krieges und bedroht vom betrüblichen Willen, die Unterschiede zu betonen und Auseinandersetzungen zu schüren, sei allen mit neuem Eifer diese Gute Nachricht gebracht, die Vertrauen und Hoffnung schenkt: dass in Jesus Christus die Vergebung die Sünde besiegt, dass in ihm das Leben den Tod überwindet und die Liebe alle Furcht bezwingt.

Aus dieser Gesinnung heraus und auf Vorschlag der Kongregation für die Evangelisierung der Völker rufe ich für Oktober 2019 einen außerordentlichen Monat der Mission aus, um das Bewusstsein der missio ad gentes wieder stärker wachzurufen und mit neuem Schwung die missionarische Umgestaltung des Lebens und der Seelsorge wiederaufzunehmen. Darauf wird man sich gut vorbereiten können, auch durch den Missionsmonat Oktober des nächsten Jahres, damit es allen Gläubigen ein wahres Herzensanliegen sei, das Evangelium zu verkünden und ihre Gemeinschaften in missionarische und evangelisierende Wirklichkeiten zu verwandeln; damit die Liebe für die Mission wachse, die »eine Leidenschaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk«[14] ist.

Ihnen, verehrter Bruder, dem Dikasterium, das Sie leiten, und den Päpstlichen Missionswerken vertraue ich die Aufgabe an, die Vorbereitung auf dieses Ereignis auf den Weg zu bringen, besonders durch eine weit gestreute Sensibilisierung der Teilkirchen, der Institute gottgeweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens sowie der anderen kirchlichen Vereine, Bewegungen und Gemeinschaften. Der außerordentliche Monat der Mission möge eine intensive und fruchtbare Zeit der Gnade sein, um Initiativen zu fördern und in besonderer Weise das Gebet zu vertiefen, das die Seele aller Mission ist. Es sei eine intensive Zeit der Verkündigung des Evangeliums, der biblischen und theologischen Reflexion über die Mission, eine Zeit praktizierter christlicher Nächstenliebe und konkreter Aktionen der Zusammenarbeit und Solidarität unter den Kirchen, sodass die missionarische Begeisterung neu erwache und uns nie verloren gehe.[15]

 

Aus dem Vatikan, am 22. Oktober 2017

24. Sonntag im Jahreskreis

Gedenktag des heiligen Johannes Paul II.

Weltmissionssonntag

 


[2] Benedikt XV., Apost. Schreiben Maximum illud, 30. November 1919: AAS11 (1919), 445.

[3] Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, 7. Dezember 1965, 7: AAS 58 (1966), 955.

[4] Ebd., 2: AAS 58 (1966), 948.

[5] Paul VI., Apost. Schreiben Evangelium nuntiandi, 8. Dezember 1975, 14: AAS 68 (1976), 13.

[6] Dekr. Ad gentes, 5: AAS 58 (1966), 952.

[7] Ebd., 8: AAS 58 (1966), 956-957.

[8] Ebd., 10: AAS 58 (1966), 959.

[9] Enzyklika Redemptoris missio, 7. Dezember 1990, 1: AAS 83 (1991), 249.

[10] Ebd., 2: AAS 83 (1991), 250-251.

[11] Nr. 15: AAS 105 (2013), 1026.

[12] Ebd., 25: AAS 105 (2013), 1030.

[13] Ebd., 27: AAS 105 (2013), 1031.

[14] Ebd., 268: AAS 105 (2013), 1128.

[15] Ebd., 80: AAS 105 (2013), 1053.

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„Wo die feste Straße endet, beginnt unser Auftrag“

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Schwestern, Perù / © KiN – KIRCHE IN NOT

Ordensfrauen betreuen Menschen in entlegenen Gebieten Lateinamerikas

Von Jacques Berset und Tobias Lehner

„Schnell, das müsst ihr gesehen haben! Die Mutter Jesu kommt!“ Die Dorfbewohner im Bezirk Canindeyú im Südosten Paraguays kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Noch nie hatten sie Ordensfrauen mit Schleier gesehen; sie kannten das nur von Darstellungen der Gottesmutter Maria. „Und das ist keine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, das war 1999“, erzählt Mutter Maria Luján vom Orden der „Missionarinnen vom lehrenden und sühnenden Heiland“ – einer Gemeinschaft, deren Wurzeln auf deutsche Missionare aus Hiltrup zurückgehen. Sie wurde 1961 in Peru gegründet. Ihr Charisma: Dort leben und arbeiten, wohin monate- oder sogar jahrelang kein Priester kommt.

Genau das ist der Fall in der Pfarrei „Unsere Liebe Frau vom Karmel“ in Villa Ygatimi an der Grenze zu Brasilien. Sie ist eine von 38 Pfarreien der Diözese Ciudad del Este, die ein Gebiet der Größe Belgiens umfasst, aber nur 12 Priester hat. Nur selten kann einer von ihnen Villa Ygatimi mit seinen 20 000 Gläubigen und fast 100 entlegenen Filialkapellen besuchen. Erschwerend kommt hinzu: Die Straßen sind schlecht, bei Regen kaum passierbar. „Drei bis vier Mal im Jahr kommt ein Priester. Innerhalb einer Woche besucht er die umliegenden Dörfer, feiert die heilige Messe und hört Beichte, manchmal einen ganzen Tag lang“, erzählt Mutter Luján.

In der übrigen Zeit übernehmen die Ordensfrauen die Pfarreiarbeit: Mit besonderer kirchlicher Erlaubnis spenden sie die Taufe, assistieren bei Eheschließungen und halten Beerdigungen. Sie feiern Wortgottesdienste, besuchen die Kranken, halten Unterricht für die Kinder und Einkehrtage für die Erwachsenen. „Unsere Schwestern betreuen Menschen, die nicht einmal eine Postanschrift haben. Sie wirken an Orten, an die nie ein Politiker, ein Sozialarbeiter oder kaum eine Hilfsorganisation kommt“, erzählt die Oberin.

Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ unterstützt die Arbeit der „Missionarinnen vom lehrenden und sühnenden Heiland“ seit vielen Jahren. Die Gemeinschaft zählt heute 400 Schwestern auf 38 entlegenen Missionsstationen in Paraguay, Bolivien, Peru und weiteren lateinamerikanischen Ländern. Sie nennen ihre Niederlassungen „Patmos“ nach der griechischen Insel, auf die der Überlieferung nach der Apostel Johannes verbannt wurde. „Dort, wo die feste Straße endet, beginnt unser Auftrag“, erzählen die Schwestern von Villa Ygatimi lachend. Von dort bis zur am weitesten entfernten Filiale ihrer Pfarrei sind es 41 Kilometer. „Das stellt unsere altgedienten Geländewagen auf harte Proben – und notfalls nehmen wir ein Pferd oder gehen zu Fuß.“

Am meisten habe sie berührt, so Mutter Luján, als ein Dorfbewohner zu ihr sagte: „Es ist wunderbar, dass Gott uns besucht, dass er so weit reist, um bei uns einfachen Menschen zu sein!“ Der Hunger der Menschen nach Gott sei groß. „Als wir hier ankamen, war die Kirche schmutzig. Die Menschen haben kaum am Pfarrleben teilgenommen. Alkohol und Drogen waren ein großes Problem.“ Zuerst hätten die Schwestern Einkehrtage angeboten und Vorträge gehalten. Nun herrsche eine größere Solidarität unter den Bewohnern. Arme und kranke Menschen würden von der ganzen Dorfgemeinschaft besser betreut. Auch die Abwanderung in die Städte – für viele Menschen der Weg in die Verelendung – habe sich verlangsamt. „Die Menschen haben wieder Zukunftshoffnung.“

Eine Hoffnung, die sich mehr und mehr auch Sekten zu Nutze machen, die vor allem aus Brasilien kommen. Sie haben die entlegenen Dörfer als Missionsgebiete für sich entdeckt, locken mit Wohltaten für die Armen und Heilungsversprechen für die Leidenden. Die Schwester sehen das mit Sorge. „Ein Pastor zwingt die Menschen zum Gottesdienstbesuch, wenn sie ihn um Lebensmittel bitten. Sie gehen hin – und kommen dann trotzdem zu unseren Sonntagsgottesdiensten. Die Menschen lassen auch ihre Kinder katholisch taufen, weil sie einen tiefen Glauben und eine große Marienfrömmigkeit haben“, erzählt eine Schwester. Die Treue und Anhänglichkeit der Menschen seien beeindruckend.

Dennoch ist für die Ordensfrauen eines klar: Sollte die Gemeinde einen festen Pfarrer bekommen, würden sie ihre Niederlassung sofort auflösen und an einen anderen Ort ziehen. „Das ist ja gerade unser Charisma: Gott dorthin zu bringen, wo kein Seelsorger ist!“

Um die Arbeit der Schwestern und die Arbeit der Kirche in Paraguay unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.de oder an folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Paraguay

(Quelle: KiN)

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Quelle

Das Licht Christi verbreitet sich vom Randgebiet aus

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Caravaggio; Szene aus dem Evangelium nach Matthäus, in der ein junger, bartloser Jesus die deutlich älteren Brüder Simon (Petrus) und Andreas beruft (um 1605).

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 22. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 4,12-23) berichtet vom Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa. Er verlässt Nazaret, ein Dorf in den Bergen, und lässt sich in Kafarnaum nieder, einem wichtigen Zentrum am Ufer des Sees. Die Stadt wurde überwiegend von Heiden bewohnt und war ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und dem mesopotamischen Hinterland. Diese Entscheidung zeigt, dass die Adressaten seiner Verkündigung nicht nur seine Landsleute sind, sondern alle, die in das kosmopolitische »Galiläa der Heiden« kommen (V. 15; vgl. Jes 8,23): so wurde es genannt. Von der Hauptstadt Jerusalem aus gesehen ist jener Landstrich ein geographisches Randgebiet und im religiösen Sinne unrein, da dort viele Heiden lebten, aufgrund der Vermengung mit all jenen, die nicht zu Israel gehörten. Von Galiläa erwartete man sich gewiss nichts Großes für die Heilsgeschichte. Hingegen verbreitet sich gerade von dort – ja gerade von dort – jenes »Licht«, über das wir an den vergangenen Sonntagen nachgedacht haben: das Licht Christi. Es verbreitet sich gerade vom Randgebiet aus.

Die Botschaft Jesu nimmt die Botschaft des Täufers auf, da sie das »Himmelreich« verkündet (V. 17). Dieses Reich bringt nicht die Errichtung einer neuen politischen Macht mit sich, sondern die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnen wird. Um diesen Bund mit Gott zu schließen, ist ein jeder aufgerufen, umzukehren und so seine Denk- und Lebensart zu verwandeln. Das ist wichtig: sich bekehren heißt nicht nur, seine Lebensweise zu verändern, sondern auch seine Denkweise. Es ist eine Verwandlung des Denkens. Es geht nicht darum, das Gewand zu wechseln, sondern die Gewohnheiten! Das, was Jesus von Johannes dem Täufer unterscheidet, sind der Stil und die Methode. Jesus entscheidet sich dafür, ein Wanderprediger zu sein. Er wartet nicht einfach auf die Leute, sondern er geht ihnen entgegen. Jesus ist immer auf der Straße!

Zu seinen ersten missionarischen Unternehmen kommt es entlang des Sees von Galiläa, im Kontakt mit der Menschenmenge, besonders mit den Fischern. Dort verkündet Jesus nicht nur das Kommen des Reiches Gottes, sondern sucht Gefährten, um sie an seiner Sendung des Heils zu beteiligen. An diesem selben Ort begegnet er zwei Paaren von Brüdern: Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Er ruft sie mit den Worten: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (V. 19). Der Ruf ergeht an sie mitten in ihrer alltäglichen Arbeit: der Herr offenbart sich uns nicht auf außergewöhnliche oder aufsehenerregende Weise, sondern in der Alltäglichkeit unseres Lebens. Dort müssen wir den Herrn finden; und dort offenbart er sich und lässt unser Herz seine Liebe verspüren; und dort – durch diesen Dialog mit ihm in der Alltäglichkeit des Lebens – verändert er unser Herz. Die Antwort der vier Fischer ist unmittelbar und spontan: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm« (V. 20). Wir wissen nämlich, dass sie Jünger des Täufers waren und dass sie dank seines Zeugnisses bereits begonnen hatten, an Jesus als den Messias zu glauben (vgl. Joh 1,35-42).

Für uns Christen von heute ist es eine Freude, unseren Glauben zu verkündigen und zu bezeugen, weil es jene erste Verkündigung gegeben hat, weil da jene einfachen und mutigen Männer gewesen sind, die großherzig dem Ruf Jesu entsprochen haben. Am Ufer des Sees, in einem unscheinbaren Landstrich, ist die erste Gemeinschaft der Jünger Christi entstanden. Das Bewusstsein dieser Anfänge möge in uns das Verlangen wecken, das Wort, die Liebe und die Zärtlichkeit Jesu in jeden Bereich zu bringen, auch in den unwegsamsten und abweisendsten. Das Wort in alle Randgebiete bringen! Alle Räume des menschlichen Lebens sind ein Boden, in den der Same des Evangeliums gesät werden muss, damit er Früchte des Heils bringe.

Die Jungfrau Maria stehe uns mit ihrer mütterlichen Fürsprache bei, voller Freude auf den Ruf Jesu zu antworten, uns in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, wir begehen derzeit die Gebetswoche für die Einheit der Chris­ten. Dieses Jahr hat sie ein Wort zum Thema, das dem heiligen Paulus entnommen ist, der uns den zu beschreitenden Weg weist. Es lautet: »Versöhnung – die Liebe Christi drängt uns« (vgl. 2 Kor 5,14). Am kommenden Mittwoch werden wir die Gebetswoche mit der Feier der Vesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern beschließen, an der die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier in Rom teilnehmen werden. Ich lade euch ein, beharrlich im Gebet zu sein, damit das Verlangen Jesu zur Erfüllung gelange: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21).

In den vergangenen Tagen haben Erdbeben und schwere Schneefälle erneut viele unserer Brüder und Schwestern in Mittelitalien einer schweren Prüfung unterzogen, besonders in den Abruzzen, in den Marken und in Latium. Ich stehe den Familien, die Opfer unter ihren Lieben zu betrauern haben, mit meinem Gebet und meiner Zuneigung nahe. Ich ermutige alle, die sich so großherzig bei den Rettungseinsätzen und Hilfsmaßnahmen engagieren, wie auch die Ortskirchen, die ihr Bestes tun, um die Leiden und Schwierigkeiten zu lindern. Vielen Dank für diese Nähe, für eure Arbeit und die konkrete Hilfe, die ihr leistet. Danke! Ich lade euch ein, gemeinsam zur Gottesmutter für die Opfer und auch für jene zu beten, die sich so großherzig bei den Hilfsmaßnahmen einsetzen. [Der Papst betet zusammen mit den Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz ein »Gegrüsset seist du Maria«.]

Im Fernen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt bereiten sich Millionen von Männern und Frauen vor, am 28. Januar das Mond-Neujahr zu feiern. Mein herzlicher Gruß möge alle ihre Familien erreichen, verbunden mit dem Wunsch, dass sie immer mehr zu einer Schule werden, in der man lernt, den anderen zu achten, sich miteinander zu verständigen und auf selbstlose Weise füreinander zu sorgen. Die Freude der Liebe möge sich in den Familien ausbreiten und von ihnen aus auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Ich grüße euch, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, besonders die Gruppe von Mädchen aus Panama und die Schüler des Instituts »Diego Sánchez de Talavera la Real« (Spanien). Ich grüße die Mitglieder des Katholischen Verbandes der Lehrer, Schulleiter, Erzieher und Ausbilder, der seinen 25. Nationalen Kongress beendet hat, und ich wünsche ihnen ein fruchtbares Arbeiten in der Erziehung, in Zusammenarbeit mit den Familien, immer in Zusammenarbeit mit den Familien!

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 4/2017

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Europa und seine Lebenswerte“

meisner

Vortrag in der Standpunktsendung
von Domradio und Radio Horeb

am 1. November 2001 in Köln

Grüß Gott , liebe Hörerinnen und Hörer!

„Europa und seine Lebenswerte“ ist das heutige abendliche Thema. In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen. Da unsere Zivilisation und Kultur in Europa nur vom Evangelium und vom Dasein der Kirche her verstehbar ist, macht sich dieser Entgottungsvorgang, d.h. dieser Säkularisationsprozess auf allen Ebenen des Lebens innerhalb und außerhalb der Kirche schmerzlich bemerkbar.

Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Europa herrscht ein düsteres Bild vom Menschen vor. Das Große und das Heilige ist von vornherein verdächtig und muss vom Sockel gerissen und durchschaut werden. Moral gilt als Heuchelei und Glück als Selbstbetrug. Wer einfach dem Schönen und Guten traut, ist entweder von sträflicher Ahnungslosigkeit oder verfolgt böse Absichten. Der Verdacht ist die eigentliche moralische Grundkategorie, die eigentliche Haltung. Die Entlarvung ist der größte gesellschaftliche Erfolg. Gesellschaftskritik hat die erste Pflicht zu sein. Die Gefahren, die uns bedrohen, können gar nicht grell und grausam genug gezeichnet werden. Seit dem elften September bekommen diese Unheilspropheten ein neues Gewicht.

Allerdings ist die Lust am Negativen nicht unbegrenzt. Gleichzeitig gibt es nämlich eine Pflicht zum Optimismus, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Wer etwa die Meinung äußern wollte, nicht alles in der geistigen Entwicklung der Neuzeit sei richtig gewesen; in einigen wesentlichen Punkten sei eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Weisheit der großen Weltkulturen erforderlich, hat offenbar die falsche Art von Kritik gewählt. Er findet sich einer entschlossenen Verteidigung der neuzeitlichen Grundentscheidungen gegenüber und der Überzeugung, dass die Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung „Fortschritt “ heißen. Das Gute liege daher in der Zukunft und nirgendwo sonst; das darf bei aller Lust am Negativen nicht bestritten werden.

Eine der folgenreichsten, falschen Grundentscheide der Neuzeit, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist der Verzicht auf Transzendenz, das heißt: der Verzicht auf Gott . Unser Europa wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Eigenschaftswort „christlich“ definiert. Wir sprachen immer von einem christlichen Europa bzw. von einem christlichen Abendland. Die Kultur und die Zivilisation Europas tragen eine Vielzahl grundlegender menschlicher Werte in ihrem Schoß, die ihre Quelle eindeutig im Evangelium Jesu Christi haben.

Da ist zunächst die Einmaligkeit eines jeden Menschen im europäischen Wertekanon zu erkennen. Biologisch, psychologisch und soziologisch ist jedes Menschenwesen absolut einmalig und darum unvergleichbar. Daraus folgt dann die Würde jedes Menschen und mithin das Recht auf Achtung vonseiten des Einzelnen und der Gesellschaft. Sodann, verehrte Hörerinnen und Hörer, ergibt sich aus dieser Einmaligkeit die Freiheit eines jeden Einzelnen und das Recht, die konkrete Gestaltung seiner Existenz selbst zu wählen und selbst zu bestimmen, oder die Gleichheit aller Menschen untereinander, die jede Diskriminierung ausschließt. Diese Werte – etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, würden wir letzteres heute benennen – prägen das soziale und das moralische Bild des Abendlandes und sind gleichsam der Ausdruck des europäischen Humanismus.

Dazu gehört eine wesentliche Grundkategorie des Christentums, das sich darin eins weiß mit der gesamten „vormodernen“ Menschheit, nämlich, dass im Sein des Menschen immer ein Sollen liegt, dass der Mensch nicht selbst aus Zweckmäßigkeitsberechnungen Moral erfindet, sondern er Moral im Wesen der Dinge vorfindet. Menschliche Vernunft beruht auf der Fähigkeit, diese Botschaft der Dinge zu vernehmen und danach sein Handeln auszurichten. Vernunft, verehrte Hörerinnen und Hörer, hat etwas mit „vernehmen“ zu tun. Das Gesetz Israels als Glaubensnorm verband den Kosmos mit der Geschichte und war Ausdruck der Wahrheit des Menschen wie der Wahrheit der Welt überhaupt. Damit verband sich die Überzeugung von den objektiven Werten, die sich im Sein der Welt aussagen, der Glaube, dass es Haltungen gibt, die der Botschaft der Schöpfung entsprechend wahr und daher immer in sich gut sind und dass es ebenso andere Haltungen gibt, die – weil dem Dasein widersprechend – in sich falsch und darum immer schlecht sind. Es verband sich damit die Überzeugung, dass uns der Wille des Schöpfers darin anruft und dass im Einklang unseres Willens mit dem Seinen unser eigenes Wesen recht und gut ist.

Alle diese humanistischen Werte, die unser Europa geprägt haben, sind bei näherer Analyse – ich habe es schon angedeutet – typisch christliche Werte. Der europäische Humanismus, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist heute jedoch kaum mehr in einer christlichen Sicht der Welt begründet, wo Gott der Schöpfer und höchste Garant dieser eben genannten Werte und Norm ist. Es fehlt in der europäischen Gegenwart der Bezugspunkt, den das Absolute – nämlich Gott – für diese Werte darstellt. Wenn nun aber die humanistischen Werte und Ideen Europas auf sich selbst gestellt sind und nicht mehr um diesen gemeinsamen Bezugspunkt, um diese Verbindung mit dem transzendenten Absoluten mit Gott wissen, dann ist dies nicht einfach nur bedauerlich, sondern das ist höchst gefährlich. Diese Werte scheiden dann nämlich gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe aus, die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergifen und schließlich zerstören, so dass die abendländische Gesellschaftsordnung kollabieren muss. Hier gilt das biblische Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die Entkoppelung der Werte von dem transzendenten Bezugspunkt, von Gott , ist also nicht eine neutrale Erscheinung, sondern eine große Bedrohung. Unsere europäische Gegenwart trägt darum auf vielfältige Weise solche Todeskeime in sich, die den gesunden Organismus vergiften, ja zum Kollabieren kommen lassen. Man sollte sich nicht beeindrucken lassen von dem Wort: „Du bist ein Kulturpessimist“. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32), sagt die Heilige Schrift und darum müssen wir uns der Analyse der Gegenwart stellen, wie sie nun einmal ist. Ich möchte für diese These einige Beispiele anführen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Wille, die angestammten Rechte eines jeden einzelnen Menschen anzuerkennen und zu gewähren, umfasst die entsprechenden Verpflichtungen von Seiten der anderen und der Gesellschaft bzw. des Staates. Diese Garantie der Rechte einer jeden Person kann jedoch zu einem hemmungslosen und grenzenlosen Individualismus führen, in dem dann der Einzelne so lebt, als sei er seiner Familie, seinem Land, seinem Staat, seiner Gesellschaft, seiner Kirche nichts mehr schuldig. Vielmehr, so meint er, seien es immer die Anderen – die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat –, die ihm etwas schulden. Ein solcher Personalismus gleitet oft in Zügellosigkeit, Anarchie und Narzissmus ab.

Ein anderes Beispiel: Man will eine Gesellschaft schaffen, in der jeder und alles wirklich „gleich“ sei. Nicht selten führt dies jedoch in eine nivellierende Utopie, wo jede Differenzierung mit Bedacht ausgelöscht und eingeebnet wird. Ein solches Streben nach Gleichheit endet oftmals in einer Art Gleichmacherei, die schließlich alle Impulse, die einer Gesellschaft Profil zu geben vermögen, schwächt und alles in ein langweiliges, tödliches Grau eingießt, einwalzt und einbetoniert. Das war ja dann ja auch das Profil der sogenannten sozialistischen Gesellschaften. Das Recht auf Anderssein als einer Quelle der Inspiration, des Fortschritts wird hier praktisch nicht anerkannt.

Wieder ein weiteres Beispiel ist die Drogensucht. Das Drogenproblem ist ein Phänomen der Neuzeit. In dem Augenblick, in dem Lenin die Religionen als „Opium für das Volk“ diffamierte, griffen die Menschen im gleichen Augenblick zur Droge. Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Versuchung zur Droge ist z.B. aus dem Mittelalter nirgendwo berichtet, weil damals der Durst der menschlichen Seele, des inneren Menschen, eine Antwort fand, die die Droge erübrigte. Im Drogenproblem wird der Protest gegen ein Dasein deutlich, das als Gefängnis empfunden wird. „Die große Reise“, die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierungsform der christlichen Mystik, die Pervertierung des menschlichen Unendlichkeitsbedürfnisses, das Nein zur Unübersteigbarkeit der Immanenz und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins Unendliche hinein zu entschränken. Verehrte Hörerinnen und Hörer, das geduldige und demütige Abenteuer der Askese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch die Technik der Gefühle. Die Droge ist so die Pseudo-Mystik einer Welt, die nicht glaubt, aber dennoch den Drang der Seele nach dem Unendlichen nicht abschütteln kann. Insofern ist die Droge ein Warnzeichen: Sie deckt nicht nur ein Vakuum in unserer Gesellschaft auf, dem ihre Instrumente nicht abhelfen können; sie verweist auf den inneren Anspruch des menschlichen Wesens, der sich in pervertierter Form zur Geltung bringt, wenn er die rechte Antwort nicht findet.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, hier gehört auch der Terrorismus als Beispiel her. Ich meine hier nicht den islamischen Terrorismus, wie wir ihn seit September diesen Jahres kennen, und ich möchte ihn ausdrücklich ausklammern, weil das Ereignis noch zu nahe vor uns liegt. Es fehlt die nötige Distanz. Denn nur Abstand bringt die Dinge näher. Ich beschränke mich auf unseren europäischen Terrorismus, und wenn Sie Vergleiche daraus zum islamischen Terrorismus der Gegenwart ziehen können, dann ist das nicht verboten. Der Ausgangspunkt des Terrorismus ist dem der Droge nahe verwandt: Auch hier steht am Anfang der Protest gegen die Welt, wie sie ist und das heiße Verlangen nach einer besseren Welt. Der Terrorismus ist von seiner Wurzel her ein Moralismus, allerdings ein fehlgeleiteter, der zur grausamen Parodie auf die wahren Ziele des Moralischen wird.

Es ist kein Zufall, dass der Terrorismus damals in Deutschland seinen Anfang an den Universitäten genommen hat und hier wieder im Umkreis moderner Theologie bei ursprünglich stark vom Religiösen herkommenden jungen Menschen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Terroristen aus evangelischen Pfarrhäusern kam. Der Terrorismus der ersten Stunde war ein ins Irdische umgeleiteter religiöser Enthusiasmus, eine in politischen Fanatismus transportierte messianische Erwartung. Der Glaube ans Jenseits war zerbrochen oder er war belanglos geworden. Der Maßstab der jenseitigen Erwartung wurde aber nicht preisgegeben, sondern nun an die gegenwärtige irdische Welt angelegt. Gott wurde nicht mehr als wirklich Handelnder angesehen, aber die Erfüllung seiner Verheißung nach wie vor – und erst recht – verlangt. „Gott hat keine anderen Arme und Hände als die unsrigen“, – das bedeutet nun, dass die Einlösung dieser Verheißung von uns selbst besorgt werden kann und muss. Gott hat ja keine anderen Hände. Darum gebe ich ihm meine, ergreife das Maschinengewehr und versuche mit Waffengewalt das Reich Gott es auf Erden zu verwirklichen.

Der Ekel an der geistigen und seelischen Leere unserer Gesellschaft, der Anspruch auf das unbedingte Heil ohne Schranken ist die sogenannte religiöse Komponente im Terrorismus, die ihm die Schwungkraft und die Leidenschaft des Idealistischen gab. Dies alles wird so gefährlich aufgrund der entschiedenen Diesseitigkeit der messianischen Hoffnung. Vom Bedingten wird das Unbedingte, vom Endlichen das Unendliche verlangt. Dieser innere Widerspruch zeigt die eigentliche Tragik des Phänomens auf, in dem die große Berufung des Menschen zum Instrument der großen Lüge wird.

Nun ein weiteres Beispiel: Eine omnipotente Naturwissenschaft wird zur großen Gefährdung des Menschen. Warum? Die Wissenschaft hat in Europa dazu geführt, die Verfahrensmethoden der experimentellen Forschung auch auf die Gebiete des menschlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ethik, der Moral, der Künste, der Erziehung und der Menschenführung auszudehnen. Hierbei kam es zur unheilvollsten Übertragung. Denn um leben, um als Mensch leben und überleben zu können, bedarf das Menschliche von Natur aus der Dauer, der Stabilität, der Gewissheit des Absoluten, ja der Gewissheit des Heiligen.

Nun aber wird der Bereich der Wissenschaft und der Technologie von Folgendem geprägt: Rasches Veralten des Erreichten, vom Wesen her ständiges Infragestellen der Grundsätze selbst, der Hypothesen und der Ideen. Es zeigt sich hier ein Relativismus und ein Pluralismus, die nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können, ohne dass dieser selbst an Leib und Seele verkümmert und schließlich stirbt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, unsere Frage lautet deshalb: Kann der europäische Mensch aus eigener Kraft all diese Gifte ausschwitzen oder überwinden? Oder kann man berechtigterweise nur dann auf eine Tiefenheilung hoffen, wenn die europäischen Werte wieder ihre Quelle finden, ihren gemeinsamen Bezugspunkt: das transzendentale Absolute, das wir Gott nennen?

Christus wird in der Theologie, genauer in der Christologie, als „ecce Deus“ und „ecce homo“ definiert. Als Gott und Mensch. Unsere europäische Anthropologie ist darum christologisch in der dogmatischen Formel des Konzils von Chalzedon verwurzelt, wo das Konzil erklärt: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Dieses christologische Dogma betont damit die enge Verwandtschaft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, ihre wesensgemäße Übereinstimmung, die es dem göttlichen Wort ermöglicht, Träger der menschlichen Natur zu werden. Deswegen sagte z.B. Romano Guardini in seinem berühmten Vortrag auf dem ersten Berliner Katholikentag: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Die Gottähnlichkeit des Menschen, der ja nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, vollendet sich in der Menschwerdung Gottes. Nirgends ist der Mensch in seiner Würde deshalb höher definiert als im Christentum. Die orthodoxen Theologen haben sogar den Mut, von der Gottwerdung des Menschen durch die Menschwerdung Gottes zu sprechen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, so wie ein Spiegel keinen nichtexistierenden Gegenstand widerzuspiegeln vermag, so wäre in der Tat die menschliche Person in ihrem Hunger und Durst nach dem Absoluten und dem Unendlichen ohne einen absoluten Archetyp, ohne Gott , unerklärlich.

Erlauben Sie, dass ich dies noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen suche. Ich musste einmal für ein halbes Jahr zu einer stationären Behandlung in ein staatliches Krankenhaus in der ehemaligen DDR. Ich hatte mein Zimmer mit einem handfesten Atheisten zu teilen, der darüber hinaus noch Mitglied der SED war. Wenn man dann so gemeinsam buchstäblich auf dem Kreuz liegt und an die Decke des Krankenzimmers schaut, da sagt man sich schon einmal Dinge, die man sich vielleicht von Angesicht zu Angesicht nicht so unbedingt sagen würde.

Eines Tages fragte mich dieser Atheist: „Eigentlich bist du doch ein ganz ‚normaler Typ’. Wie kannst du noch an Gott glauben? Das ist doch etwas von vorgestern.“ Ich überlegte, wie ich diesem Mann eine Brücke zu der Welt Gottes bauen könnte. Mir kam ein Gedanke, und gab zur Antwort: „Ich möchte dir jetzt zwei Fragen stellen, die dich vielleicht ein wenig verwundern, aber die es in sich haben. Frage Nummer eins: Möchtest du schlecht sein, und zwar so schlecht, dass die anderen sagen: Der da taugt keinen Schuss Pulver?“ Die Antwort: „das möchte ich natürlich nicht!“ „Aber“, so antwortete ich wieder, „du sagst doch als Materialist, dass jede Wirkung eine Ursache haben muss. Und darum frage ich dich jetzt: „Warum möchtest du nicht schlecht sein? Das muss doch einen Grund haben, das muss doch eine Ursache haben?“ Da gab er mir nach einigen Überlegungen die Antwort: „Das weiß ich nicht.“ Ich konnte ihm entgegnen: „Aber ich weiß es. Du und ich, wir sind gar keine Urbilder, keine Originale, sondern wir sind Abbilder. Das Urbild, das wir Gott nennen ist das höchste Gut und weil Gott absolut gut ist kann der Mensch als Abbild Gottes nicht ungut sein wollen, dass geht nicht. Und wenn wir es aber doch gelegentlich sind und werden dabei ertappt, dann bäumt sich das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf, so dass sich das bis ins Gesicht hinein zeigen kann, dann wird man rot und man fängt an zu schwitzen.“

Und ich habe eine zweite Frage gestellt. Die zweite Frage lautete: „Möchtest du ungeliebt sein? Glaubst du, das jemand den Satz über seine Lippen bringt ‚Ich möchte niemanden haben, der mich liebt’?“ Da gab er mir die erschrockene Antwort: „Das wäre ja die Hölle“. Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich frage Sie nun, woher kennt dieser Atheist, ohne Religionsunterricht und ohne religiöse Unterweisung, die präzise theologische Definition dessen, was die Hölle ist. ‚Ich habe niemand der mich liebt, das wäre ja die Hölle’. Woher weiß der das? Er weiß es, weil er auch als Atheist Ebenbild Gottes ist und damit eine gottmenschliche Struktur aufweist.

Selbst ein so radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, der – wie ich meine – der ehrlichste und damit aber auch zugleich der gefährlichste aller Atheisten war, der das Christentum bis ins Mark hinein getroffen hat, der hatte Stunden, in denen das Ebenbild Gottes in ihm aufschrie und aufjammerte. In einer solchen Situation schreibt er ein Gedicht in dem er sein Leben vergleicht mit einer trostlosen Wanderung durch ödes Winterland. Und der Refrain der Strophen lautet immer: „Und über mir ziehen die Raben zur Stadt, weh dem, der keine Heimat hat!“ Einige Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Pferdekutsche zu, um sein umnachtetes Haupt hilfesuchend an den Kopf des Pferdes zu legen. Es ist der Dichter der Verse: „weh dem, der keine Heimat hat“. Da er nicht das Haupt voll Blut und Wunden kannte, musste er sich den Kopf eines Pferdes aussuchen.

Ich meine, diese Szene ist eine erschütternde Blitzaufnahme der europäischen Situation. Ich sage es noch einmal: Gerade in der gottesgestaltigen und gottmenschlichen Struktur der menschlichen Person entdeckt der Mensch die Gottesvorstellung. Dies zeigt sich zum Beispiel eben darin, daß ein SED-Genosse intuitiv die Definition der Hölle kannte.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, was haben wir nun zu tun? Nicht den Glauben auf das rein Religiöse zu reduzieren – das ist immer unkatholisch –, sondern – um das biblische Bild vom Salz zu verwenden –, den Glauben in die irdischen Wirklichkeiten hineinzumengen, ohne ihn zu vermischen. So wie Gottheit und Menschheit in Jesus Christus unvermischt sind, so müssen wir den Glauben hineinmengen in unsere Gesellschaft, ohne ihn zu vermischen.

Der Wille zu einer rein religiösen Verwirklichung des Evangelium unter Ausklammerung des politischen, sozialen und kulturellen Raumes wird nicht der weltlichen Verantwortung des Glaubens gerecht. Echte Glaubenspraxis, d.h. richtiges Handeln, geht aus der Wahrheit hervor, und um sie muss gerungen werden. Wir sagen: Alle Theorie ist grau. Praxis ohne Theorie ist aber gräulich. Es muss um die Wahrheit gerungen werden. Es soll weniger dabei um unmittelbare Wirkung gehen. Wir sollen einfach die Wahrheit zum Leuchten bringen. Und diese Wahrheit ist eine Macht; die andere fasziniert, aber nur dann, wenn man von ihr keine unmitt elbare Wirkung verlangt.“

Hier liegt im Hinblick auf den sogenannten Reevangelisierungsprozess die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Die Kirche sollte zunächst einmal sie selbst sein. Sie darf sich nicht einfach zu einem bloßen Mittel der Moralisierung oder Ethisierung der Gesellschaft , wie sich das heute viele wünschen, instrumentalisieren lassen. Ganz besonders darf sich die Kirche nicht selbst durch die Nützlichkeit ihrer Sozialwerke rechtfertigen wollen. Je intensiver die Kirche das tut, was ihr gleichsam zusätzlich hinzugegeben worden ist, je intensiver sie das als Hauptziel angeht, desto mehr wird sie gerade darin versagen. Wir haben, so meine ich, verehrte Hörerinnen und Hörer, dafür ausreichend Anschauungsmaterial.

Je mehr sich die Kirche vor allem als Institut sozialen Fortschritts definiert, desto mehr trocknen die sozialen Berufungen aus, die Berufe des Dienens für Alte, Kranke und Kinder, die doch in Blüte standen, als der Blick der Kirche noch wesentlich auf Gott hin ausgerichtet war. Aus Erfahrung erkennen wir die Richtigkeit des Herrenwortes: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden“ (Mt 6, 33). Suchen wir jedoch zuerst das Dazugegebene, bekommen wir es doch nicht und verlieren schließlich auch noch das Reich Gottes.

Zeitgenössische ungläubige Philosophen, wie etwa Max Horkheimer, haben den Versuch von Theologieprofessoren angeprangert, sich am Glaubenskern des Christentums vorbeizumogeln, die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel, die Hölle, die Engel, den Teufel und die Erzählungen der Bibel unanstößig zu machen, indem sie ins rein Bildhafte, ins rein Symbolische zurückgestuft werden. Diese ungläubigen Philosophen sagen: Klammern die Theologen das Dogma aus, ist die Geltung ihrer Rede nichtig. Sie beugen sich dann jener Furcht vor der Wahrheit, in der die geistige Verflachung der Gegenwart wurzelt.

So also kann man die Kirche und die Kirche die Welt nicht retten. Vielmehr muss sie ihr Ureigenes tun, den Auftrag erfüllen, auf dem ihre Identität gründet: Gott verkünden und das Reich Gottes bekannt machen!

Gerade und nur so entsteht der geistige Raum, in dem das Moralische und das Ethische seine Existenz zurückgewinnen kann, und zwar weit über den Kreis der Glaubenden hinaus. Ihre Verantwortung für die Gesellschaft muss die Kirche in dem Sinne wahrnehmen, dass sie das Göttliche und das daraus folgende Moralische einsichtig werden lässt. Die Kirche muss überzeugen. Indem sie Überzeugung schafft , öffnet sie den Raum für das, was ihr anvertraut ist und immer nur über Verstand, Wille und Gefühl zugänglich gemacht werden kann. Die Kirche muss dabei leidensbereit sein; nicht durch institutionelle Stärke, sondern durch Zeugnis, durch Liebe, durch Leben, durch Leiden muss sie dem Göttlichen den Raum bereiten und so der Gesellschaft helfen, ihre moralische Identität zu finden. Unsere deutsche Sprache bringt das sehr schön zum Ausdruck. Danach ist Leid nur ein anderer Name für Liebe. Wenn ich jemand sehr gern mag, kann ich sagen: „Ich mag dich leiden“. Und wenn ich etwas sehr gerne habe, ist das meine große Passion, meine Leidenschaft.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, das Ringen um die Reevangelisierung Europas ist in Zusammenhang mit der Überzeugung des hl. Augustinus zu sehen, der in der Weltgeschichte den Kampf der Selbstliebe bis hin zur Gottesverachtung und der Gottesliebe bis hin zur Selbstverachtung sieht. Die Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Liebe und der Unfähigkeit zu lieben, sprich von der Unfähigkeit zu leiden. Die Geschichte ist geprägt von jener Verödung der Seelen und Herzen, die dort eintritt – wie Kardinal Ratzinger einmal meisterhaft gesagt hat –, „wo der Mensch nur noch die quantifizierbaren Werte überhaupt als Werte und als Wirklichkeiten anzuerkennen vermag. Die Liebesfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, auf das Unverfügbare in Geduld zu warten und sich von ihm beschenken zu lassen, wird erstickt durch die schnellen Erfüllungen, in denen ich auf niemanden angewiesen bin, aber auch nie aus mir heraustreten muss und darum auch nie in mich hineinfinde. Diese Zerstörung der Liebesfähigkeit gebiert die tödliche Langeweile. Sie ist die Vergiftung des Menschen.“ – soweit Kardinal Ratzinger. Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Mensch bringt sich eher durch tödliches Gähnen vor Langeweile um als durch Stress. Deshalb sollte die Kirche auch in Gelassenheit und Vertrauen versuchen, sie selbst zu bleiben und die Wahrheit zu verkünden, die in sich eine Kraft ist, die andere ansteckt und verwandelt.

Ein russischer Verwaltungsbeamter aus der Zarenzeit zeigte sich erstaunt über die Weigerung eines orthodoxen Missionspriesters, die Heiden eiligst und schnell zu taufen. Der Priester wies alle administrativen und insbesonderealle statistischen Besorgnisse zurück und ließ die Ungläubigen in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er, „sie sollen seine unermessliche Liebe spüren, und dann wird der Herr ihre Herzen selbst verzaubern“. Nicht wir können den Glauben weitergeben, das macht Gott selbst. Wir müssen diesen Gott aber berührbar machen, so dass die Menschen den Saum seines Kleides zu packen bekommen, und wenn es nur von hinten ist. Dann wird er selbst die Herzen und die Gesichter der Menschen verzaubern. Christus in dieser Weise berührbar zu machen ist uns aufgetragen. Für mich sind hier zwei Schriftstellen so wichtig und trostvoll. Das ist zum einen die soeben von mir zitierte kranke Frau, die von hinten den Saum des Gewandes Jesus berührte und geheilt wird (Mt 9, 20) und die zweite Stelle ist in der Apostelgeschichte zu finden. Die Apostel gehen nach der Erhöhung des Herrn in den Tempel um zu beten. Die Bewohner von Jerusalem legen ihre Kranken an den Weg, den die Apostel gehen, damit wenigstens ihre Schatten auf die Kranken fällt, der sie alle heilt (Apg 5.12-16). Als europäische Bischöfe, Priester und Christen werden wir uns dann nur zufrieden geben dürfen, wenn Europa von solchen heilenden, schattenspendenden Menschen flächendeckend überspannt ist. Dass wir wirklich mit ihm in Berührung kommen, wenn wir die Kirche berühren, das muss unsere permanente Sorge sein.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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Quelle

FRANZ XAVER – DER PATRON DER WELTMISSION

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Gemälde des Heiligen aus dem 17. Jahrhundert. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Am 3. Dezember gedenkt die Kirche des heiligen Franz Xaver, des Patrons der Weltmission. Mit diesem Tag verbindet sich das Gebet für die Bekehrung all derer, die nicht an Christus glauben.

Heute verbinden viele mit dem Begriff Mission soziale Hilfe in der Dritten Welt. Es bewegt viele Menschen im reichen Westen, dass noch immer an vielen Orten auf der Welt, Kinder hungern und Menschen, die in unseren Ländern gerettet werden könnten, an Malaria oder AIDS sterben müssen. Wir wollen Leben retten! Wer aber will heute noch „Seelen retten“?

Wenn alle Religionen mehr oder weniger sichere Heilswege sind, wenn wir alle schunkelnd und lachend in den Himmel kommen „weil wir so brav“ sind, wenn die Hölle leer ist oder der Eifer für die Glaubensverbreitung nur Streit und blutige Konflikte provoziert, ja dann war der heiligen Franz Xaver ein verbohrter, unbelehrbarer Fundamentalist, der in blindem Wahn nach Indien gezogen ist. Dort, so schreibt er an den heiligen Ignatius von Loyola, habe er so viele Katechumenen getauft, dass ihm abends der Arm schmerzte. Wünschen wir uns 500 Jahre später überhaupt noch solche Missionserfolge?

Christ sein bedeutet nicht nur Tränen trocknen, sondern sie selbst zu vergießen

Franz Xaver wurde auf der Burg Xavier nordostspanischen Provinz Navarra geboren. Ab 1522 studierte er in Paris an der Sorbonne, wo er Ignatius von Loyola und mit ihm die vierwöchigen Exerzitien kennenlernt. Er bekehrt sich und fängt Feuer für Christus, mit dem er – so eine wichtige Betrachtung aus den Geistlichen Übungen – die Welt erobern will. Auch dieser Ausdruck kann uns Heutigen bitter aufstoßen klingt er doch nach Kampf und Krieg, Sieg und Niederlage, Einsatz und Gewinn.

Das Christentum ist heute für viele eine Religion der Nettigkeit und Gutmütigkeit, in der Schweiß, Blut und Tränen getrocknet, aber nicht für das Reich Gottes vergossen werden. Wir wollen diese Welt besser machen, aber wir brennen nicht mehr, in eine bessere Welt nach dieser hier zu gelangen. Ganz anders der heiligen Franz Xaver, der – weil er Christus liebte und an sein Wort vom ewigen Leben glaubte – sein irdisches für ihn riskierte. Ginge uns heute der Satz über die Lippen: Wir wollen, dass alle Menschen – ohne Ausnahme – Jesus kennen, ihn lieben und an ihn glauben. Wir wollen, dass überall Christus Herr und König sei, damit sein Reich des wahren Friedens komme?

Blut, Schweiß und Tränen überzeugen mehr als fromme Worte und nett gemeinte Almosen.

Es geht nicht darum, mit Feuer und Schwert das Kreuz in der Welt zu errichten, sondern es auf seinen eigenen Schultern zu tragen und gerade durch Mühen und Schwierigkeiten zu zeigen, dass das Evangelium wahr ist.

Es geht darum, Blut zu vergießen – aber nicht das der anderen, sondern mein eigenes Herzblut. Noch heute messen uns die „Heiden“ auch in unserer Umgebung nicht nur daran, was wir anderen Gutes tun – hier gibt es viele Nicht-Christen die Großartiges leisten – sondern was wir für Jesus riskieren wollen.

Erst vor kurzem hat mir eine Krankenschwester erzählt, dass sie sich mit 18 Jahren in der ehemaligen DDR taufen ließ und es bewusst in Kauf nahm, deswegen keinen Studienplatz zu bekommen. Dieses Opfer einer jungen Frau, das sicherlich viele Tränen gekostet hat, ist Mission – auch heute. Wer aber ist dazu bereit?

Für Christus bis nach Indien! – …oder an den Stammtisch kirchenkritischer Kollegen

Franz Xaver suchte leidenschaftlich solche Menschen, die bereit sind für Christus und die Menschen in der Mission das Leben zu wagen. 1544 ruft er in einem seiner bekanntesten Schreiben an den Ordensgeneral Ignatius aus, wie dringend Missionare gebraucht werden:

„Wie viele Bekehrungen bleiben wegen des Mangels an Helfern, die sich des heiligen Werkes annehmen, in diesen Ländern noch zu wirken! Es packt mich, wie oft, das Verlangen, in die Universitäten Europas zu stürmen, schreiend mit lauter Stimme, wie einer, der nicht mehr bei Sinnen ist; vor allem in Paris wollte ich’s alle hören lassen, deren Wissen größer ist als der Wunsch, hiervon guten Gebrauch zu machen; vor versammelter Sorbonne wollte ich’s ihnen zurufen: wie viele Seelen vom Wege des Heiles abkommen durch ihre Schuld, wie viele Seelen verlorengehen durch ihre Gleichgültigkeit! Wenn sie mit gleichem Eifer, den sie den Studien zuwenden, auch jene Rechenschaft überdenken würden, die Gott, unser Herr, dereinst von ihnen fordern wird, […] — wie viele von ihnen müssten erschüttert sein! Sie würden die Mittel zu ihrem Heile ergreifen, sie würden geistliche Übungen halten: diese Übungen, ausersehen sie im Inneresten ihrer Seele den heiligen Willen Gottes erkennen zu lassen und ihn zu begreifen in seiner Tiefe. Und sie würden sich diesem göttlichen Willen fortan bereitwilliger als ihren eigenen Neigungen hingeben, sprechend: Herr! Siehe, hier bin ich. Was willst Du, dass ich tun soll? Sende mich, wohin Du willst, und wenn es gut ist, selbst bis nach Indien“

„Dein Reich komme!“

Das Evangelium konfrontiert uns mit dem harten Wort Christi: „Nicht jeder der zu mir sagt: Herr! Herr! Kommt in das Himmelreich, sondern nur der, der den Willen meines Vaters tut“ – Am Beginn des Advents mahnt der Gedenktag des heiligen Franz Xaver zur Gewissenserforschung. Was tun wir, damit Christus ankommt – bei mir, bei meiner Familie, bei meinen Freunden und Kollegen?

Begnügen wir uns mit schönen Worten, frommen Gedanken und wohlgemeinten Vorsätzen, oder haben wir wirklich die innere Bereitschaft, für das Reich Gottes etwas zu wagen und diesen Eifer in Werken konkret werden zu lassen? Die Welt braucht Missionare, Apostel, Heilige – die Welt wartet darauf, dass wir das Evangelium predigen und leben. Das Beispiel des Heiligen Franz Xavers kann uns wachrütteln, aus unserer Bequemlichkeit reißen und heilsamer Stachel im Fleisch sein, mehr für den Herrn und die Ausbreitung des Glaubens zu tun.

Sein Gedenktag kann aber auch Anlass sein selbst einmal die Exerzitien des heiligen Ignatius zu machen, die auch in kürzerer Form, in fünf oder acht Tagen, angeboten werden. Der Erfolg dieser geistlichen Übungen durch die jahrhunderte zeigt, dass jede Aktion – mag sie auch noch so beeindruckend sein – wie ein Strohfeuer aufleuchtet, aber dann schnell zu Asche wird; es sei denn, es bleibt die Glut im Herzen, die Jesus selbst entfacht, wenn wir ihn kennen- und lieben lernen. Wäre das nicht ein Vorsatz für 2017 Exerzitien zu machen? Wäre ein Gutschein für Tage des Gebetes und der Stille nicht ein „missionarisches“ Geschenk unter dem Weihnachtsbaum?

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Quelle

Silence: Scorseses Film über Glaube, Verfolgung und Treue

Martin Scorsese hat eingeladen, und etwa 350 Jesuiten waren gekommen: Weil es in seinem neuen Film „Silence“ um die Jesuiten in Japan geht, wollte er dem Orden sein Werk zeigen, das Interesse war dementsprechend groß. Ort der Vorführung war das Päpstliche Orientalische Institut, das unter der Leitung des Orden steht. Dabei war auch Pater Marco Hubrig SJ, der für Radio Vatikan seine Eindrücke schildert.

Scorsese erzählt die Geschichte des portugiesischen Missionars Sebastiao Rodrigues (gespielt von Andrew Garfield), der zusammen mit seinem Mitbruder Francisco Garrpe (gespielt von Adam Driver) im 17. Jahrhundert auf der Suche nach dem vermeintlich verschollenen Mitbruder Christovao Ferreira (gespielt von Liam Neeson) ist. Der Film spielt zu einer Zeit, in der Christen in Japan brutal verfolgt wurden.Nach einer anfänglichen Zeit im Untergrund, in der sie den noch verbliebenen Christen geheim die Sakramente spenden können, geraten die beiden durch Verrat durch den Christen Kichijiro (gespielt von Yosuke Kubozuka) in Gefangenschaft.

Den Jesuiten wird vor Augen geführt, wie die Christen gefoltert und getötet werden. Diese Szenen sind sehr eindrücklich und ausnehmend brutal gestaltet. Der Großinquisitor Inoue (brillant gespielt von Issei Ogata), zeigt auf zynische Weise seine Macht und demonstriert, wie er die Christen quälen will, nur um zu erreichen, dass auch die Priester endlich ihrem Glauben entsagen. Die Taktik: „Your glory will be their suffering!“ wird eingesetzt, um Zeichen zu setzen und die Priester dazu zu bringen, selbst aufzugeben um Leiden zu ersparen.

Der Film wird sicherlich für Diskussionen sorgen. Die Brutalität und Härte, mit der gegen die Christen vorgegangen wird, geht unter die Haut. Der Film wirft die Frage auf, was genau denn ein Abfall vom Glauben, wie der verschollene Jesuit ihn begangen hat, bedeutet und wie die Jesuiten damit umgehen. Wie kann man eine Handlung beurteilen, die unter derartigem psychischem Stress entstanden ist und ist es nicht letztlich ein höheres Gut, dem eigenen Glauben nach außen hin zu entsagen, um Menschen vor dem Foltertod zu retten? Eine Frage, die Scorsese im Hinblick auf die Barmherzigkeit im Anschluss im Podium auch stellte. Insgesamt geht es in dem Film um Macht und Ohnmacht, immer mit Bezug auf Glauben und Zeugnis.

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Der Regisseur: Martin Scorsese

(rv 30.11.2016 ord)