Papst Franziskus in Santa Maria Maggiore: „Maria ist die Arche in der Sintflut“

Der Papst bei der Messe zu Ehren der Übertragung des Gnadenbildes in Santa Maria Maggiore (Vatican Media)

Die Gottesmutter als Sinnbild für Schutz, Mütterlichkeit und Orientierung für den Gläubigen: ausgehend von der antiken Marianischen Antiphon „Unter deinen Schutz und Schirm“ schlüsselte Papst Franziskus an diesem Sonntag Grundlagen marianischer Verehrung auf. Er stand erstmals der Messe in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore vor, die anlässlich der Übertragung der beliebten Marienikone Salus Populi Romani jeweils am letzten Januarsonntag gefeiert wird.

Christine Seuss – Vatikanstadt

In herrlichem neuen Glanz erstrahlte die Ikone, die nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten im Vatikan wieder an ihren angestammten Platz in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore zurück gekehrt ist – „aus dem Krankenhaus entlassen“, wie Papst Franziskus zu Ende seiner Predigt scherzhaft einwarf. In der Gegenwart der Mutter Gottes seien die Gläubigen „daheim“, betonte der Papst in seiner Predigt, die ganz auf Maria konzentriert war:

„Das christliche Volk hat von Anfang an verstanden, dass man sich in den Schwierigkeiten und Prüfungen an die Mutter wenden muss, wie es die ganz alte Marianische Antiphon zum Ausdruck bringt: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesmutter. Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern errette uns jederzeit aus allen Gefahren, o du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau.“

Bereits die Väter im Glauben hätten gelehrt, dass man sich in „turbulenten Zeiten“ unter dem Mantel der Gottesmutter sammeln müsse. Das Bild, das dabei gebraucht werde, sei nicht von ungefähr entstanden, erläuterte der Papst mit Blick auf antike Gepflogenheiten: denn hochgestellte adlige Frauen konnten Verfolgten und Bedürftigen Schutz gewähren, wenn sie ihren Mantel, der als unantastbar galt, über ihn breiteten.

“ Wo die Jungfrau Maria zu Hause ist, da kommt der Teufel nicht hinein ”

„So ist es mit uns in Bezug auf die selige Jungfrau Maria, die höchste Frau der Menschheit. Ihr Mantel ist immer geöffnet, um uns aufzunehmen und uns zu sammeln.“ Besonders in den Ostkirchen werde des Schutzes der Gottesmutter gedacht, und diese Weisheit helfe auch uns, betonte Franziskus: „Die Mutter wacht über den Glauben, schützt die Beziehungen, rettet in den Unbilden und bewahrt vor dem Bösen. Wo die Jungfrau Maria zu Hause ist, kommt der Teufel nicht herein. Wo die Mutter ist, da gewinnt die Verwirrung nicht überhand und kann sich die Angst nicht verbreiten. Wer von uns hat da keinen Bedarf?“ Maria, so fuhr der Papst fort, sei „die Arche inmitten der Sintflut“ in unseren aufgewühlten Herzen. „Nicht die Ideen oder die Technologie verschaffen uns Beruhigung und Hoffnung, sondern das Angesicht der Mutter, ihre Hände, die das Leben streicheln, ihr Mantel, der uns schützt. Lernen wir, Schutz zu finden, indem wir jeden Tag zur Mutter gehen.“

Verschmähe nicht unser Gebet“, so die Bitte der antiken Antiphon. Maria, so betonte der Papst, zögere niemals, wenn sie um Fürbitte angerufen werde. „Wenn es uns an Hoffnung mangelt, wenn die Freude geringer wird, wenn sich die Kräfte erschöpfen und wenn der Stern des Lebens sich verdunkelt, dann greift die Mutter ein. Sie merkt unsere Mühen, sie spürt unsere Unruhe und ist unserem Herzen nahe. Und niemals, nie schätzt sie unsere Gebete gering.“ Maria sei wie eine Mutter, die es sich wünscht, die Schmerzen ihrer Kinder auf sich zu nehmen, erläuterte Franziskus mit Blick auf den natürlichen Wunsch einer jeden Mutter, Schmerzen von ihren Kindern fernzuhalten. „Und Maria, die Mutter Gottes und unsere Mutter, weiß auf sich zu nehmen, zu trösten und zu heilen.“

“ Ohne Mutter können wir nicht Kinder sein ”

Es sei die Mutter, die Zuflucht und Schutz in der Gefahr gewähre, Jesus selbst habe seine Jünger am Kreuz aufgefordert, die Mutter aufzunehmen. Dies sei keineswegs ein „geistlicher Anstand“, sondern eine „Erfordernis des Lebens“, betonte der Papst: „Denn ohne Mutter können wir nicht Kinder sein. Und wir sind vor allem Kinder, geliebte Kinder, die Gott zum Vater und die Jungfrau Maria zur Mutter haben.“

Maria sei das Zeichen, das „Gott für uns gesetzt hat“, erläuterte Franziskus unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil, das dem Pilgernden dabei helfe, nicht von der „Fahrbahn“ abzukommen. Es gelte, die Mutter wie der Lieblingsjünger Jesu „aufzunehmen“ und ins eigene Haus, Herz und Leben einzuladen: „Gegenüber der Mutter kann man nicht neutral oder unbeteiligt bleiben. Andernfalls verlieren wir unsere Identität als Kinder und als Volk und leben wir ein Christentum der Ideen und Programme ohne Anvertrauen, ohne Zärtlichkeit, ohne Herz. Ohne Herz aber gibt es keine Liebe, und der Glaube läuft Gefahr, zu einer schönen Fabel einer anderen Zeit zu werden.“

Die Mutter hingegen liebe und behüte ihre Kinder, damit diese ihrerseits die Welt liebten und schützten. Es gelte, sie zum ständigen Gast im Alltag zu machen, ihr die Unruhen anzuvertauen und im Dank zu ihr zurückzukehren, betonte Franziskus, der seine Predigt mit der Aufforderung abschloss, die Gottesmutter wie die Christen in Ephesus zu grüßen: „Alle zusammen, dreimal: ,Heilige Mutter Gottes, Heilige Mutter Gottes, Heilige Mutter Gottes´.“

Ein oft gesehener Gast in der Basilika

Die Verehrung, die der Papst dem Gnadenbild der Salus Populi Romani entgegenbringt, ist mittlerweile allgemein bekannt: so macht er verlässlich vor und nach jeder Auslandsreise einen Abstecher in die römische Basilika, um sich vor der Ikone Gnadenbild zu sammeln, um Beistand für seine Reise zu bitten oder für deren erfolgreichen Abschluss zu danken. Das erste Mal kam der frisch gewählte Papst bereits am Tag nach seiner Wahl im März 2013, um für sein Pontifikat den Schutz der Gottesmutter zu erbitten.

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Quelle

Papst feiert Messe an Roms beliebtester Marienikone

Santa Maria Maggiore (AFP or licensors)

Zum ersten Mal leitet Papst Franziskus am kommenden Sonntag eine Eucharistiefeier zum Fest der Marienikone „Salus Populi Romani“ in Santa Maria Maggiore. Das frisch renovierte Bildnis gilt als die Madonnenikone Roms schlechthin.

„Dies heiliges Bild kam der Überlieferung zufolge aus dem christlichen Orient nach Rom“, erzählt Kardinal Stanislaw Rylko, der Erzpriester von Santa Maria Maggiore. Die Überführung werde jedes Jahr am letzten Sonntag im Januar feierlich begangen, unter großer Anteilnahme der katholischen Gläubigen Roms. „Sie sehen in dieser Ikone ihre Muttergottes, die Muttergottes von Rom. Manche sagen sogar, sie empfinden die Marien-Ikone wie ein Schutzschild für die Stadt.“ Tatsächlich heißt die Ikone mit ihrem römischen Namen „Salus Populi Romani“, also: „Heil des römischen Volkes“.

Papst Franziskus kennt die Ikone gut, resümiert Kardinal Rylko. „Es ist ja bekannt, dass er die Muttergottes sehr verehrt. Noch als Erzbischof von Buenos Aires kam er, wenn er in Rom war, immer hierher in die Basilika und besuchte die Ikone. Und als er zum Papst gewählt wurde, kam er sofort, um sein Pontifikat der Salus Populi Romani anzuvertrauen. Und er kommt jedesmal vor und nach einer Papstreise ins Ausland, er betet hier und legt Blumen ab. Das Fest der Traslation wird also sein 60. Besuch als Papst in unserer Basilika sein.“

In diesem Jahr ist die Feier der Überführung doppelt bedeutsam, denn das Marienbildnis kehrt frisch renoviert an seinen Platz zurück. In einer aufwendigen Restauration brachten Fachleute der Vatikanischen Museen unter Schichten von Ruß und Übermalungen die ursprünglichen Farben wieder zum Leuchten. Die Fachleute gingen „mit Können und Liebe“ vor, lobte Kardinal Rylko. Restauriert wurde auch die Seitenkapelle, die der Ikone als Aufbewahrungsort dient. Santa Maria Maggiore ist die älteste Marienbasilika der westlichen Welt.

Der Überlieferung nach sei das Bildnis der Muttergottes mit dem segnenden Jesuskind in ihrem Arm in Jerusalem entstanden und unter Papst Sixtus III. (432-440) nach Rom gekommen, schreibt die Direktorin der Vatikanischen Museen Barbara Jatta in einem Beitrag für die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ am Donnerstag. Neuere kunsthistorische und chemische Untersuchungen legten jedoch nahe, dass die Ikone zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in Rom entstanden sei – allerdings nach älteren griechischen Vorbildern.

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Quelle

Die Hebammen des Papstes

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Fassade der Kirche des hl. Rochus am Lungotevere in Rom

Blick auf Rom durchs Schlüsselloch

Ein besonderer Ort des »verschwundenen Roms« (»Roma sparita«) ist sicherlich das Krankenhaus St. Rochus in der Nähe des alten Hafens. Es wurde im 16. Jahrhundert neben der gleichnamigen Kirche auf Initiative der Rochus-Bruderschaft erbaut und war für die Pestkranken bestimmt. Die von den Bootsführern und Gastwirten am Lungotevere unterhaltene Einrichtung fiel zwischen 1934 und 1938 den Sanierungsarbeiten in der Gegend um das Augustusmausoleum zum Opfer und verschwand. Unter den zahlreichen wohltätigen Institutionen aus der Zeit des Kirchen- staates gebührt dem Krankenhaus ein besonderes Gedenken, weil es für die Geschichte der Frauen in der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat. Denn etwa 100 Jahre nach der Gründung wurde hier 1616 dank des Weitblicks von Kardinal Antonio Maria Salviati eine Frauenabteilung eingerichtet. Der Kardinal hatte in seinem Testament verfügt, dass ein Teil seiner Hinterlassenschaft für den Bau eines neuen Flügels verwendet werden sollte. Dort sollten arme Frauen, verarmte Adlige und Wöchnerinnen (einschließlich der Unverheirateten und Witwen) behandelt werden. Unter Papst Klemens XIV. wurde daraus 1770 die erste auf Geburtshilfe spezialisierte Einrichtung Roms.

Es gab dort eine besondere Abteilung für die »Verborgenen« (Celate), das heißt Frauen, die aufgrund verschiedenster Wechselfälle ihres Lebens eine »illegitime« Schwangerschaft austrugen und anonym bleiben wollten. Die Kinder wurden nach der Geburt sofort in das »Wohltätige Haus der Ausgesetzten« bei der Kirche Santo Spirito in Sassia gebracht. Wollte eine Mutter ihr Baby dann doch zu sich nehmen, kennzeichnete sie es, um es wiederzuerkennen.

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Miniatur des hl. Rochus, der sein Pestgeschwür zeigt.

In einem großen Raum über der Sakristei der Kirche prägten andere Frauen die Geschichte dieses Ortes. Es war der 13. November 1789, ein Montag, als der junge Francesco Asdrubali, ein neuer Stern am Himmel der Heilkunst, zum ersten Mal die Schwelle dieses Raumes überschritt. Er hatte seine Ausbildung an der römischen Universität La Sapienza abgeschlossen und sich dann in Paris weiter in Geburtshilfe spezialisiert. Er hielt den ersten Kurs für die Hebammen Roms und begründete damit die »Hebammenschule« unter der Ägide von Papst Pius VI. Braschi. Den Kurs besuchen konnten christliche und jüdische Römerinnen und auch Fremde, sofern sie verheiratet, verwitwet oder schon etwas älter waren. Unverheiratete junge Frauen waren dagegen nicht zugelassen. Diese Initiative bemühte sich, einem alten Handwerk Ordnung und Professionalität zu verleihen. Bis zu jenem Zeitpunkt mussten Hebammen, um eine Lizenz zu erhalten, nur moralischen und spirituellen Anforderungen genügen, die vom Pfarrer bestätigt wurden, und sie mussten zeigen, dass sie in der Lage sind, einem Neugeborenen im Fall der Lebensgefahr korrekt die Taufe zu spenden, damit wenigstens seine Seele gerettet würde.

Eine Studie über die römischen Hebammen des 19. Jahrhunderts allerdings zeigt, dass nur eine Minderheit von ihnen ein Diplom an dieser Schule erworben hatte. Abschreckend wirkten wahrscheinlich die Kosten der zweijährigen Ausbildung. Die vom Staat verlangte Gebühr in Höhe eines Monatsgehalts für die Anmeldung des Gewerbes hielt manche hiervon ab. Die lange Tradition dieses Berufs bewirkte schließlich, dass man sich das Vertrauen der Bevölkerung nicht durch ein Diplom erwarb, sondern durch Erfahrung, die häufig von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Allerdings hatten einige der bekanntesten Hebammen wenig vertrauenerweckende Beinamen wie »die Fleischerin«. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen gesellschaftlichen Aufstieg der Hebammen. Damals strömte ein neues Bürgertum in die Hauptstadt Rom und Töchter von Angestellten, Freiberuflern oder aus dem verarmten niederen Adel sowie aus französischen oder englischen, in der Stadt ansässigen Familien wählten diesen Beruf. Sie hatten eine höhere Bildung und kamen aus gesellschaftlich höher gestellten Schichten als die Pionierinnen von St. Rochus. Stolz trugen sie ihren weißen Kittel und die typische Ledertasche und öffneten so den Weg in die Moderne.

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Hier blüht die Ökumene

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Papst Franziskus und Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse beim ökumenischen Gottesdienst im November 2015

Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Rom

Eine lutherische Bastion mitten im Bistum des Papstes hat, sollte man meinen, einen schweren Stand. Aber das war einmal. Die um die Christuskirche gescharte Gemeinde hat sich in Rom längst Ansehen erworben – weil sie ökumenisch orientiert ist und dies auch im Gedenkjahr der Reformation 2017 zum Ausdruck bringt.

»Wir, Lutheraner und Katholiken, müssen einander um Verzeihung bitten für den Skandal der Teilung. Nun ist es Zeit für die versöhnte Verschiedenheit. Bitten wir heute um diese Gnade der versöhnten Verschiedenheit im Herrn…« So sagte Papst Franziskus am 15. November 2015 sinngemäß in seiner Predigt in der voll besetzten evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Worte also mit einem deutlich ökumenischen Akzent – bei einem Kirchenbesuch, der schon als solcher ein ökumenisches Ereignis war.

Durch den Besuch des Heiligen Vaters geriet erneut nicht nur die Christuskirche und die dazugehörige Gemeinde ins Blickfeld, sondern ganz generell die Rolle der kleinen lutherischen Minderheit in der Hauptstadt des katholischen Glaubens. Dieses Interesse ist gerade jetzt, im Jahr 2017, gewissermaßen aktuell. Dazu der Pfarrer, Dr. Jens-Martin Kruse, in einem Gespräch mit unserer Zeitung: »Denn wir erinnern uns ja an zwei entscheidende Ereignisse: An den Beginn der Reformation vor 500 Jahren und an den ers­ten evangelischen Gottesdienst in Rom 1817, mit dem die Geschichte unserer Gemeinde anfing.«

Anfänge auf dem Kapitol

So ist es in der Tat. Begonnen hatte alles im Zeichen des preußischen Adlers. Nicht ein Geistlicher, sondern der preußische Legationsrat und spätere Gesandte beim Heiligen Stuhl, Christian Josias von Bunsen, war der spiritus rector beim Entstehen der evangelischen Gemeinde in Rom. In seiner Wohnung fand 1817 ein Gottesdienst zum Gedenken an Luthers Reformation statt. Wenig später schickte der preußische König einen fest besoldeten Prediger, Heinrich Schmieder, an den Tiber. Seinen ersten Gottesdienst hielt er am 27. Juni 1819. Als der Diplomat Bunsen dann zum Gesandten aufrückte, richtete er eine Kapelle im Erdgeschoss des von ihm bewohnten Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol ein. Und dieser Palast, in dem man die Gesandtschaft etablierte, blieb für knapp 100 Jahre der geistliche Mittelpunkt für die evangelischen Deutschen in Rom.

 

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Das Kircheninnere mit Apsismosaik.

Verstärkt wurde diese Rolle noch, als nahebei das Deutsche Archäologische Institut entstand sowie (zum Forum hin) ein kleines evangelisches Krankenhaus. Die protestantische Gemeinde existierte also im Bannkreis der preußischen Gesandtschaft, weshalb sie der Papst tolerierte.

Probleme gab es allerdings bei Beerdigungen. Erst seit kurzem nämlich hatten die nichtkatholischen Christen das Recht, ihre Toten neben der Cestius-Pyramide an der Stadtmauer beizusetzen. Dies musste im Morgengrauen geschehen, um ja nicht die katholischen Bürger zu erzürnen. Auf dem Cestius-Friedhof (heute offiziell »nicht-katholischer Friedhof« genannt) ruhen viele evangelische Gläubige aus Deutschland. So etwa Goethes Sohn August, der ebenfalls 1830 verstorbene schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger und der Maler Hans von Marées.

 

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Christus zwischen Petrus und Paulus: Statuen von Reinhold Felderhoff

Als 1870 der Kirchenstaat eingenommen und Rom kurz darauf die Hauptstadt des geeinten Italien wurde, zog in der Metropole Gewissens- und Kultfreiheit ein. Fortan entstanden mehrere nicht-katholische Kirchen am Tiber. Die Waldenser, also die italienischen Protestanten, konnten sogar zwei Gotteshäuser in der früher vom Papst regierten Stadt bauen. Die evangelischen Deutschen hingegen mussten weiter mit der Botschaftskapelle auf dem Kapitol vorlieb nehmen.

Freilich, protestantische Gruppen in Deutschland warben emsig für Kirchenbauten in der Diaspora. 1899 schließlich erwarb die evangelische Gemeinde Roms ein Grundstück zu diesem Zweck in der Via Toscana nahe der berühmten Via Veneto, im ehemaligen Gartengelände der Villa Ludovisi.

Und Kaiser Wilhelm II., obgleich zunächst aus politischen Gründen Gegner des ganzen Projekts, beauftragte seinen Architekten Franz Schwechten mit dem Plan für die Christuskirche. Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch die Bauarbeiten. Deshalb konnte man die unter anderem mit Mosaiken und einem Taufbecken von Bertel Thorvaldsen geschmückte Kultstätte erst 1922 einweihen. Sie ist, wie eine von der Gemeinde publizierte Broschüre betont, »ein seltenes, wichtiges Zeugnis der späten wilhelminischen Baukunst«.

Somit hatte die deutsche evangelische Gemeinde nun auf Dauer ihr Zentrum. Über ein interessantes Ereignis aus der folgenden Zeit berichtet der schriftliche Kirchenführer: Anlässlich der Trauerfeier für die 1930 in Rom verstorbene schwedische Königin Viktoria – einer gebürtigen Prinzessin von Baden, die sich oft in Italien aufhielt und der deutschen evangelischen Gemeinde Roms angehörte – »kamen Fürstlichkeiten aus vielen Ländern in die Christuskirche; neben dem italienischen Königspaar fehlte auch der ›Duce‹, Benito Mussolini, nicht.«

Weitere Etappen? Während des Zweiten Weltkriegs herrschten schwierige Verhältnisse für die Protestanten in der Ewigen Stadt; dann gab es in der Nachkriegszeit durch die Wiedereröffnung deutscher Institutionen in Rom neue Mitglieder und neue Impulse für die Gemeinde, die 1956 mit 563 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte.

 

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Außenansicht der zwischen 1910 und 1922 erbauten Christuskirche

Unterdessen wurde die Gemeinde Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI); konstant blieb außerdem die enge Bindung an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die auch den Pfarrer für die Christuskirche ernennt. Da sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen verbesserte, wuchs auch das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinde am Tiber. »Ökumene« wurde fortan zum Schlüsselbegriff für die interkonfessionellen Beziehungen – und damit auch für die Beziehungen zwischen den in Rom lebenden Lutheranern und dem Vatikan. So kam es zu einem wahrhaft historischen Ereignis: Am 3. Advent 1983 besuchte Johannes Paul II. die Christuskirche. Zum ersten Mal predigte ein Papst in einem evangelischen Gotteshaus, oder, wie Italiens Zeitungen salbungsvoll schrieben, »in einem Tempel Martin Luthers«. Der mit dem Vatikan genau abgestimmte Wortgottesdienst war geprägt von ökumenischem Geist, vom deutlichen Wunsch nach Verständigung und Versöhnung.

Viele positive Signale

Seit August 2008 amtiert der dynamische Hanseat Dr. Jens-Martin Kruse als Pfarrer der Christuskirche. Er war also der Gastgeber, als mit Benedikt XVI. am 14. März 2010 abermals ein Pontifex diese Kultstätte besuchte und dort predigte. Ein Ereignis, das Kruse höchst positiv bewertet: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst mit uns zu feiern, dann bedeutet das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Logisch daher, dass auch der Besuch von Franziskus 2015 den Pastor und seine Gemeinde mit Genugtuung erfüllte.

Zwar sieht Pfarrer Kruse durchaus, dass sich in manchen theologischen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten mehr bewegen könnte. Aber, so betont er, hinter die »gelebte und gefeierte Ökumene« könne niemand zurück. Die theologischen Fragen würden sich dann Schritt um Schritt klären lassen. Und die Klage über eine »ökumenische Eiszeit«? In diese Klage stimmt der Pastor absolut nicht ein. »Denn es gibt in Sachen Ökumene viele positive Signale auf beiden Seiten. Dabei muss man allerdings lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.«

Gewiss, die lutherische Gemeinde Rom ist – mit derzeit rund 500 Beitrag zahlenden Mitgliedern – sehr klein. Vor allem wegen der hohen Fluktuation, was besagt: So manche »Kurzzeit-Römer« ziehen nach ein paar Jahren wieder fort. Aber die Gemeinde ist erstaunlich vital. Von den allgemeinen Gottesdiensten abgesehen, gibt es Kindergottesdienste, eine Konfirmandengruppe, den Chor, einen »Frauenverein«, Gesprächskreise und den alljährlichen Weihnachtsbasar. Bei mehreren Aktivitäten spielt die Ökumene eine wichtige Rolle. Was auch daran liegt, dass der Gemeinde etliche Ehepaare mit Partnern unterschiedlicher Konfession angehören. »Fast jedes Mitglied«, heißt es im Pfarramt, »verfügt über ökumenische Kontakte in der eigenen Familie, am Wohnort oder am Arbeitsplatz.« Dies und der Standort Rom mit seinen unzähligen katholischen Institutionen bedingt fast schon automatisch eine ökumenische Orientierung. Zu den einschlägigen Veranstaltungen zählt z. B. jedes Jahr in der Karwoche ein ökumenischer Kreuzweg, dessen Stationen die verschiedenen Gotteshäuser rund um die Christuskirche verbinden. Im gleichen Kontext steht die Teilnahme, gemeinsam mit Katholiken, an der jährlichen Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 

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Blick in den Garten der Christuskirche.

Besonders engagiert ist Pfarrer Kruse jetzt bei einem umfangreichen Programm, das sowohl an den Beginn der Reformation als auch an die Entstehung der römischen Gemeinde erinnert und daher »1517-1817-2017« heißt. Konkret handelt es sich um eine Reihe von meist auf Luther bezogenen Veranstaltungen. Mit Gottesdiensten, Workshops, Konzerten sowie Vorträgen prominenter Experten aus der evangelischen und katholischen Kirche. Am 18. Januar z. B. predigte hier Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Chris­ten. Überhaupt ist das ehrgeizige Programm geprägt vom ökumenischen Geist. Einem Geist, der zweifellos die ganze um die Christuskirche gescharte Gemeinde erfüllt. Wie formuliert es doch gleich Pfarrer Kruse? »Bei uns in Rom blüht und gedeiht die Ökumene.«

Von Bernhard Hülsebusch

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Quelle Osservatore Romano 6/2017

Sankt Paul vor den Mauern: Versöhnende Gesten von Papst Franziskus

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Vesper, Sankt Paul Vor Den Mauern, 25. Januar 2017

Ökumenische Vesper zum Abschluss der Gebetswoche
für die Einheit der Christen

Zum Schluß der traditionellen Gebetswoche für die Einheit der Christen hat Papst Franziskus am Mittwoch im Laufe der Vesperfeier in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern verschiedene ökumenische Zeichen gesetzt. Die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ unterstreicht den „versöhnenden“ Charakter dieser Gesten.

Am Ende der Feier hat der Papst das Brustkreuz des orthodoxen Metropoliten Gennadios Zervos, Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel, sowie des anglikanischen Erzbischofs David Moxon, Vertreter des Erzbischofs von Canterbury, geküsst.

Weitere vielsagende Gesten tat er im Laufe der Feier. Nach dem feierlichen Einzug in die Basilika hielten die Vertreter der anderen Kirchen neben dem Papst am Grab des Apostels Paulus inne. Auf Einladung von Franziskus spendeten sie zudem alle gemeinsam den Schlußsegen.

In seinem Gruß zum Schluss erklärte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, die Liebe sei der Motor jeder ökumenischen Bemühung. „Die wahre Liebe“, betonte der Schweizer Kurienkardinal, „tilgt nicht die legitimen Unterschiede zwischen den christlichen Kirchen, sondern führt sie zusammen, versöhnt zu einer tieferen Einheit.“

Wie die Vatikanzeitung betont, hat die Basilika Sankt Paul vor den Mauern sich erneut als „Ort vielsagender Gesten“ bestätigt. Am Sonntag, dem 25. Januar 1959, kündigte der heilige Johannes XXIII. im Kapitelsaal der Patriarchalbasilika überraschend das Zweite Vatikanische Konzil an. Und vor 17 Jahren öffnete der heilige Johannes Paul II. zusammen mit zwei ökumenischen Vertretern ‪„sechshändig“ die heilige Pforte der Basilika.

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Quelle

Sich die Vergangenheit erinnern, um voranzugehen

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Papst Franziskus, Geburtstagsmesse, 17. Dezember 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstpredigt in der „Paulinischen Kapelle“ am Samstag

Sich der Vergangenheit erinnern, um vorwärts zu gehen. Dies empfahl Papst Franziskus in der an seinem Geburtstag in der „Paulinischen Kapelle“ im Vatikan mit den in Rom wohnenden Kardinälen gefeierten Messe.

Während Weihnachten immer nähe komme, lade die Liturgie vom Samstag ein zum Innehalten, so der Papst. Das Tagesevangelium, in dem Matthäus die Genealogie Jesu darstellt (1,1-17), möge vielleicht „ein wenig langweilig“ klingen, aber es erzähle die Geschichte von Gott, „der mit uns gehen will“, so erklärte der Papst.

„Die Auserwählung, das Versprechen und das Bündnis sind wie die Säulen der christlichen Erinnerung, dieses Zurückblicken, um voranzugehen“, so richtete sich der Papst an die Kardinäle.

„Woher kommen wir, unsere Väter, unsere Vorväter, der Glaubensweg…“, darum gehe es: das erinnern, was der Herr „für uns getan hat, für die Kirche, in der Heilsgeschichte“, das „so große Gut, das wir erhalten haben.“

Deswegen lud er die in der Heiligen Stadt residierenden Purpurträger dazu ein, um die ‪„Gnade der Erinnerung“ zu bitten. Im Leben gebe es sowohl Momente „der großen Treue zu Gott, der Freude am Dienen“ sowie einige „schlimme Momente der Untreue, der Sünde, die uns spüren lässt, dass wir Rettung brauchen“, erläuterte der Papst an seinem 80. Geburtstag.

Am Ende der Feier dankte Franziskus den anwesenden Kardinälen, insbesondere dem Kardinaldekan und ehemaligen Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano für die Glückwünsche.

Er erzählte den Kardinälen, ihm komme seit einigen Tag ein Wort in Erinnerung, das hässlich scheine: das Alter. „Macht Angst, mindestens, macht Angst“, so sagte er mit Sinn für Humor, während er noch hinzufügte, er habe das Buch „De senectute“ („Über das Alter“) von Marcus Tullius Cicero geschenkt bekommen.

„Aber wenn man (das Alter)  als jene Lebensphase betrachte, die dazu dient, um Freude, Weisheit, Hoffnung zu geben, dann beginnt einer, erneut zu leben“, so sagte er, während er die Kardinäle bat, dafür zu beten, dass sein Alter mit den Worten Hölderlins „ruhig, religiös und fruchtbar“ sein möge. „Und auch freudig“, fügte er noch dazu.

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Papstgebet an Mariä Empfängnis in Roms Altstadt: Ohne Masken

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Händedruck mit Roms Bürgermeisterin

Anlässlich des Hochfestes Mariä Empfängnis hat Papst Franziskus am Donnerstagnachmittag in der römischen Altstadt an der Marienstatue gebetet.

Ein festlicher Ton mischt sich ins geschäftige Summen des römischen Weihnachtsgeschäfts, als der dunkle Kleinwagen des Papstes auf die römische Piazza di Spagna fährt. In Italien ist heute Feiertag, viele Leute strömen zum Bummel in die Altstadt. Unweit teurer Shoppingmeilen schafft Trompetenmusik einen ehrwürdigen Rahmen, Trauben von Gläubigen, Römer wie Touristen, drängen sich erwartungsvoll hinter Absperrungen übers Pflaster.

Franziskus steigt aus, sein Blick wach und freundlich, schüttelt erst einmal Hände. Zu traditionsreichen Andacht an der Spanischen Treppe sind Vertreter der Stadt gekommen, darunter die amtierende Bürgermeisterin Virginia Raggi. Zu Füßen der Marienstatue hält Franziskus inne. Er legt einen Blumenkranz nieder. Sein Blick geht nach oben, zur mit Sternen gekrönten Bronzefigur, er sammelt sich fürs Gebet.

Am Hochfest Mariä Empfängnis vertraut Franziskus alle Gläubigen – „in dieser Stadt Rom und in der ganzen Welt“ – der Fürsprache der Muttergottes an. Es sind die Kinder, Familien und Arbeiter, auf die er den Blick richtet, Stützen der Gesellschaft, die oft zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Explizit bittet der Papst für verlassene und ausgebeuteten Kinder, für Problemfamilien und Menschen ohne oder mit menschenunwürdiger Arbeit.

„Wir brauchen dein unbeflecktes Herz, um selbstlos das Wohl des Nächsten zu suchen, mit Einfachheit und Ehrlichkeit, ohne Masken und Schminke“, richtet sich der Papst im Gebet an Jesu Mutter. Eine Bitte um Essentielles im Herzen Roms, inmitten von Geschäften und Luxus.

„Wir brauchen deine unbefleckten Hände, um mit Zärtlichkeit das Fleisch Jesu zu streicheln und zu berühren in den Armen, Kranken, Verstoßenen, um die Gefallenen aufzurichten und die Schwankenden zu stützen“, fährt der Papst fort.

Solidarität und Nächstenliebe, auch Vergebung und Versöhnung dürfen nicht fehlen in der Weihnachtszeit.

„Wir brauchen deine unbefleckten Füße, um denjenigen entgegenzugehen, der nicht den ersten Schritt zu gehen vermag, um auf den Wegen der Verlorenen zu wandeln, um die Menschen zu besuchen, die allein sind.“

Nach dem Gebet nimmt sich der Papst Zeit, um Pilger und Besucher zu begrüßen, darunter 100 Menschen mit Behinderung. Das Ereignis kann dank einer Videoübertragung auch von den Pilgern in Lourdes verfolgt werden.

Auf dem Rückweg in den Vatikan macht der Papst einen Zwischenhalt an der Basilika Santa Maria Maggiore, um vor der Marien-Ikone Salus Populi Romani zu beten.

 

Der Besuch der Muttergottes-Statue zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember gehört zu den festen Terminen des Papstes
als Bischof von Rom. Die Figur war unter Pius IX. (1846-1878) aus Anlass der Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis (1854) auf einer antiken Säule aufgestellt worden.

(rv 08.12.2016 pr)