Streit um Katalonien: Was denkt der Papst?

Demo in Barcelona in der letzten Nacht

Die Katalanen fordern Spanien heraus: Am Sonntag will die Regionalregierung über eine Unabhängigkeit abstimmen lassen. Madrid versucht das Votum, das der Verfassung widerspricht, zu verhindern, in Barcelona und andernorts kochen die Gefühle hoch. Sogar Schüsse sind in der letzten Nacht vor einem mutmaßlichen Wahllokal gefallen, zum Glück gab es nur Leichtverletzte.

Die Bischöfe in Katalonien sind sich uneins im Streit um das Referendum. Xavier Novell, Bischof von Solsona, hat sich im Gegensatz zu seinen Amtskollegen offen für eine Teilnahme an der umkämpften Abstimmung ausgesprochen: „Wenn Urnen da sind, gehe ich wählen“, schrieb er in einer Erklärung, aus der die Zeitung „El País“ zitiert. Der Bischof kritisiert das Vorgehen der spanischen Zentralregierung, die das Referendum über die Abspaltung Kataloniens mit paramilitärischer Polizei zu verhindern versucht.

Madrid, so Novell, verweigere dem katalanischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung – ein Recht, das allen Nationen zustehe. Die übrigen Bischöfe Kataloniens treten im Sezessionsstreit deutlich zurückhaltender auf. In einer gemeinsamen Stellungnahme haben sie in der vergangenen Woche alle Beteiligten zur „Besonnenheit“ aufgerufen.

Katalanische Kirche ist gespalten

Aber Besonnenheit ist in Katalonien derzeit ein rares Gut. Die Regionalregierung spielt bei ihrem illegalen Tun geschickt mit den Emotionen der Menschen, vor allem mit der Erinnerung an die Unterdrückung des Katalanischen unter der Franco-Diktatur; auch bei vielen Priestern in Spaniens Nordosten trifft die Regierung in Barcelona damit auf Sympathien.

Der Vatikan hingegen schweigt – und zwar nicht nur, weil ihn Madrid um Zurückhaltung gebeten hat. Sondern auch, weil der politische Riss, der quer durch die katalanische Ortskirche geht, Rom in eine schwierige Lage bringt. Klar ist, dass der Vatikan Spaltungstendenzen in Europa mit großer Sorge beobachtet. „Krieg gibt es bereits in Europa!“ Das sagte Papst Franziskus – Träger des Aachener Karlspreises für europäische Einigung – im Juni letzten Jahres kurz nach dem Brexit-Votum zu Journalisten. Er sei beunruhigt über die „Atmosphäre der Spaltung nicht nur in Europa, sondern innerhalb der Länder selbst“.

Franziskus: „Nicht sich trennen, sondern gut miteinander reden“

„Erinnern Sie sich an Katalonien, im vergangenen Jahr Schottland… Diese Spaltungen – ich sage nicht, dass sie gefährlich sind, aber wir müssen sie gut untersuchen, und bevor wir einen Schritt zur Trennung tun, gut miteinander reden und gangbare Lösungen suchen!“

Also genau das, was Barcelona (und Madrid) in den letzten Tagen, Monaten, Jahren nicht getan haben. Franziskus fuhr fort, es gebe durchaus so etwas wie gute Emanzipation von Staaten – etwa die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Länder von der Regierung in Madrid. Solche Emanzipation sei „verständlicher, weil eine Kultur dahintersteht, eine Denkweise“.

Wenn sich dagegen ein Land von Europa – oder eine Region von ihrem Staat – lossagt, dann nennt Franziskus das eine „Balkanisierung“. „Es ist ein wenig eine Sezession, nicht eine Emanzipation… Für mich steht die Einheit immer über dem Konflikt, immer! … Im Vergleich zum Abstandnehmen – sagen wir – ist die Brüderlichkeit besser. Und die Brücken sind besser als die Mauern. All das muss uns zu denken geben.“

Natürlich dürfe die Einheit eines Staates nichts Starres sein; die Regionen müssten atmen, ihre Eigenheiten und Kultur müssten respektiert werden. Um die Einheit zu bewahren, brauche es so etwas wie eine „heilsame Uneinigkeit“: Man dürfe durchaus Regionen (oder innerhalb der EU auch ganzen Staaten) „mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit gewähren“. „Doch schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus!“

Noch expliziter war Papst Franziskus schon im Juni 2014 auf den Fall Katalonien zu sprechen gekommen: „Jede Spaltung macht mich besorgt“, sagte er in einem Interview mit „La Vanguardia“ aus Barcelona. „Unabhängigkeiten von Völkern aus Abspaltung, das ist eine Zergliederung… Denken wir an das frühere Jugoslawien. Natürlich gibt es Völker mit so verschiedenen Kulturen, dass man sie nicht einmal mit Klebstoff aneinanderkleben kann. Der jugoslawische Fall ist sehr klar, aber ich frage mich, ob es in anderen Fällen so klar ist, bei anderen Völkern, die bis jetzt vereint gewesen sind. Man muss Fall für Fall studieren. Schottland, Padanien, Katalonien.“ Solche „Abspaltung“ müsse man „mit der Pinzette anfassen und Fall für Fall studieren“.

(rv 30.09.2017 sk)