„Feigheit ist keine Tugend“

13 September 2019, 10:02

„Mit zahlreichen Ausreden haben manche, die als Bischöfe das Violett oder gar Rot des Bekenners tragen, immer wieder versucht, sich selbst vom Bekenntnis zum Leben beim Marsch für das Leben zu exkulpieren.“ Gastkommentar von Martin Lohmann

Bonn (kath.net) Man reibt sich die Augen, hofft inständig, dass es eine Fake-News ist. Doch dann muss man erkennen: Es stimmt tatsächlich. Zumindest in einem deutschen Bistum wird „offiziell“ dazu aufgerufen, an der Demonstration Fridays for Future teilzunehmen. Es geht um ein Bekenntnis zum Klimaschutz. Gleichzeitig vermisst man seit Jahren, dass ebenso „bekenntnisreich“ von deutschen Bistümern dazu aufgerufen wird, am Berliner „Marsch für das Leben“ teilzunehmen. Das (!) scheint nicht opportun zu sein. Schließlich geht es hier um ein Bekenntnis nicht nur zum Klima, sondern zum Leben und seinem garantierten Recht. Und im Unterschied zum Klimahype gibt es hier sogar belastbare Fakten, die einen Christen – und nicht nur den – geradezu zwingen, Stimme und Gesicht zu zeigen FÜR das Leben. Doch hunderttausende von jährlich brutal getöteten, zerschnibbelten und verätzten ungeborenen Menschen scheinen denen, die jetzt einer ferngesteuerten Galionsfigur hinterherlaufen wollen, offenbar keine Einladung wert zu sein, sich für das Grundlegendste des menschlichen Lebens und seiner Kultur öffentlich und vernehmbar einzusetzen. Das ist mehr als schade. Es ist, angesichts jetzt bekannt gewordener Bereitschaft, einer ökoreligiösen Diktatur huldigen zu wollen, auch eine Schande.

Es gibt charakterstarke Bischöfe, die seit Jahren in Berlin dabei sind. Ihnen gebührt Dank für ein starkes Zeugnis, das sie zusammen mit anderen gegen alle Widerstände immer wieder geben. Auch gegen lautes Geschrei derer, die ansonsten gerne für Toleranz und Vielfalt plädieren, dann aber das Ja zum Leben schlichtweg nicht ertragen können oder wollen. Es ist gut, dass es auch dieses bischöfliche Bekenntnis zum Lebensrecht beim Marsch für das Leben gibt.

Doch es ist leider auch wahr: Mit zahlreichen Ausreden haben manche, die als Bischöfe das Violett oder gar Rot des Bekenners tragen, immer wieder versucht, sich selbst vom Bekenntnis zum Leben bei Marsch für das Leben zu exkulpieren. Verleumdungen, die man ihnen gereicht hatte, wurden zur „Begründung“. Aber ganz nüchtern wurde auch bekundet, dass man sich als Geistlicher nicht in eine politische Frage wie der der Abtreibung einklinken solle. Als ginge es hier nur um eine politische Frage! Da geht es um Grundsätzliches, um Wesentliches, um den Kern dessen, was man human nennt. Greta aber und die Grünen sind wohl glaubwürdiger und wichtiger als Lebensrechtler, die gar bereit sind, vielfach Ungemach in Kauf zu nehmen für das, wozu (nicht nur) Christen verpflichtet sind: zum Kampf für das Leben, zum Bekenntnis der Unantastbarkeit des Lebensrechtes und zur Würde jedes Menschen von Anfang bis zum natürlichen Ende.

Noch hätten die Verantwortlichen die Chance, ihrer Einladung zum Marsch für das Klima für den Tag danach eine Einladung für das Leben auszusprechen. Ja, sie könnten darauf hinweisen, dass jeder, der Zukunft und Leben will, sich logischer- und konsequenterweise erst recht für den unbedingten Schutz jedes Menschen einsetzen müsste und sollte. Alles andere ist unglaubwürdig. Das Auseinanderreißen dieser Wirklichkeit(en) wird zur Absurdität.

Mag sein, dass es bei bestimmten politischen und medialen Gurus besser ankommt, zur Klimademo einzuladen als zum Marsch für das Leben. Das können sich nur diejenigen leisten, die weder abhängig von der Politik sind noch mental gefangen in den Gattern des Opportunismus. Nur die Wahrheit macht frei. Und nur freie Menschen haben keine Angst vor der Wahrheit. Feigheit, die sich heute noch so geschickt zu tarnen versteht als Besorgnis und wohlfeiles Engagement, ist übrigens keine Tugend. Schon gar keine christliche. Sie ist das Gegenteil dessen, wozu Christen von Gott selbst aufgerufen, befähigt und verpflichtet sind: Zeugnis zu geben vom und für das Leben. Generalvikare und Bischöfe sind dazu besonders verpflichtet. Alles andere wäre Verrat und zumindest grobe Pflichtverletzung.

Nicht irgendeine Greta – und das sie steuernde Geschäftsmodell dahinter – ist der Maßstab, sondern Jesus Christus. Und der steht nicht für Unterdrückung, Manipulation und Angst, sondern für Freiheit. Die mit der Verantwortung verbundene Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Zu dieser Freiheit gehört natürlich auch die Pflicht, die Umwelt zu schützen. Aber noch mehr der mutige Einsatz für die Ökologie des Menschen. Klimaschutz ohne Lebensschutz ist nicht nur ein Torso des Seins, sondern auch ein Fake. Gerade diejenigen, denen die Erlösungsbotschaft der Wahrheit anvertraut ist, sollten das noch wissen – und zum Schutz der eigenen Glaubwürdigkeit jetzt rasch eine Einladung zum Marsch für das Leben in Berlin medienwirksam und öffentlich wahrnehmbar nachreichen.

Martin Lohmann, Publizist und Geschäftsführer der von ihm gegründeten Akademie für das Leben, Bonn (www.akademiefuerdasleben.de) war acht Jahre lang ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) und führte den Marsch für das Leben in Berlin an. Aus dem Trauermarsch wurde in dieser Zeit eine farbenfrohe und einladende Demonstration für das Leben. Die Teilnehmerzahl wuchs von knapp 1000 auf mehr als 7500, darunter etliche Bischöfe.

Dieser Kommentar von Martin Lohmann ist auch erschienen im Online-Debattenmagazin TheEuropean.

Pressefoto Martin Lohmann

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Die Quadratur des Kreises

Pressefoto Martin Lohmann

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13 April 2019, 11:15

„Diejenigen, die jetzt empört auf Papst em. Benedikt XVI. reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.“ Gastkommentar von Martin Lohmann

Bonn-Vatikan (kath.net) Papst em. Benedikt XVI. hat es gewagt, die Quadratur des Kreises aufzuzeigen, die derzeit von Teilen der Gesellschaft und der Kirche versucht wird. Damit hat er ein wichtiges Zeichen gesetzt, auf das viele gewartet haben; zugleich legt er den Finger auf eine immer größer werdende Wunde. Ein sich als „tolerant“ präsentierender Mainstream stellt immer mehr Denkverbote auf und versperrt den Blick auf die Wirklichkeit und damit auf die Wahrheit. Neue Dogmen entstehen, die keine Kritik dulden, um sich durch Verunglimpfungen einem rationalen Diskurs zu verweigern. Gerade den hat aber Papst em. Benedikt gesucht, als er den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat.

In seinem Schreiben erinnert er daran, dass eine Gesellschaft ohne Gott orientierungslos wird, was sich tagtäglich immer mehr bewahrheitet, wie nicht zuletzt die aktuellen Debatten zu bioethischen Themen zeigen. Gleiches gilt auch für die Theologie und die Morallehre der Kirche, die geradezu zur Ideologie degradiert oder den Moden des Zeitgeistes angepasst werden, wenn nicht mehr die göttliche Offenbarung der Orientierungspunkt ist. Dabei weiß sich der emeritierte Papst ganz in einer Linie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in dem vor eben dieser Entwicklung gewarnt wurde, denn „das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts“ (GS 36).

Der Glaube ist nicht nur ein Ritual, bestehend aus zeremoniellen Gesten, sondern ein konkreter Weg, ein Weg, der durch das Kreuz zum Ewigen Leben führt. Erst im Kreuzesopfer ereignet sich Erlösung (vgl. LG 3). Ein Christentum entkoppelt von diesem heilbringenden Ereignis, darauf hat der Papa em. ganz zu Recht hingewiesen, würde eine Quadratur des Kreises entstehen lassen und eine „neue“ Kirche schaffen, die eben nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist. Wenn nicht mehr Christus der Maßstab der Kirche ist, dann wird alles willkürlich, dann löst sie sich auf. Das Schreiben bringt es auf den Punkt: „Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen.“

Es ist eben die Kirche Jesu Christi, und es ist keine Kirche, die wie ein Verein ganz neu erfunden werden kann. Christus ist und bleibt der Maßstab, er ist die Wahrheit, die er den Menschen treuhänderisch anvertraut hat. Eine sogenannte autonome Moral, die sich vom Naturrecht und der göttlichen Ordnung abkoppeln würde, kann es eben nicht wirklich geben.

Schließlich weist der em. Papst auf eine weitere Quadratur des Kreises hin, die vielen sehr lieb geworden zu sein scheint. Vom Verbrechen des Missbrauchs zu sprechen ist in aller Munde, aber eigenartiger Weise wird nicht von Sünde gesprochen. Die Sünde als Abweichung vom Weg Gottes ist die Ursache für jeden Missbrauch und zerstört die Glaubwürdigkeit der Kirche. Dies beim Namen zu nennen gilt in gewissen theologischen Zirkeln als Tabu, wobei doch gerade das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt hat, dass die Gestalt dieser Welt durch die Sünde missgestaltet wird (GS 39).

Der em. Papst ist seinem Motto Mitarbeiter der Wahrheit zu sein treu geblieben und dafür gebührt ihm nicht nur Dank, sondern höchste Anerkennung. Die Wahrheit befreit (vgl. Joh 8,32) auch aus der Quadratur des Kreises, denn die Wahrheit hat sich in Jesus Christus offenbart (vgl. Joh 14,6). Für diese Wahrheit hat Jesus Christus Zeugnis abgelegt und jeder, der aus der Wahrheit ist, hört seine Stimme (vgl. Joh 18,37). Er allein ist DER Weg, DIE Wahrheit und DAS Leben. Das war so, ist so und muss so bleiben. Nur in dieser Treue kann es Erlösung und Rettung geben.

PS: Diejenigen, die jetzt empört auf Papst Benedikt reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.

Martin Lohmann (62) ist Theologe und Historiker. Der Journalist kennt Papst Benedikt seit mehr als einem halben Jahrhundert persönlich, ist mit seiner Theologie vertraut und hat über ihn auch Bücher geschrieben.

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Hatespeech vom „Feinsten“ in der Talkshow von Anne Will

05 Februar 2019, 14:00

„Lebensschützer sind ebenso wenig ‚sogenannte‘ Lebensschützer wie Frau Will eine ‚sogenannte‘ Moderatorin oder Journalistin ist.“ Gastkommentar von Martin Lohmann

Bonn (kath.net) Es gibt Medienleute, die scheuen Fairness und Seriosität wie der Teufel das Weihwasser. Die Öffentlich-Rechtlichen scheinen da echt avantgardistisch zu sein und wollen sich diese Phobie nicht nehmen lassen. Oder anders formuliert: In der panischen Angst vor verantwortlichem Journalismus wollen sie sich offenbar von niemandem übertreffen lassen. Und weil das so ist, spielen sie immer wieder dasselbe Spiel. Manchmal besonders perfide. Bei ANNEWILL stand keinesfalls Information auf der Tagesordnung. Vielmehr ging es auch darum, einen jungen Abgeordneten als einzigem Mann in der Runde vorzuführen. Die „Falle“ für den Mann, der Leben schützen will, war geradezu perfekt aufgebaut. Es geht um Ideologie und Frauenmacht. Um jeden Preis. Um sonst nichts.

Anders kann man es wohl nicht erklären, dass sie bei Themen, bei denen es wirklich um Leben und Tod geht, alles vermeiden, was auch nur ansatzweise zu einem tieferen Nachdenken über das Recht auf Leben führen könnte. Und daher lädt man dann für eine Talkshow am Sonntagabend auch gezielt manipuliert die Gäste so ein, dass auf keinen Fall die eigene Ideologie-Diktatur gegen das unbedingte Lebensrecht noch nicht geborener Menschen irgendwie Schaden nehmen könnte. Zusammen mit der Moderatorin Anne Will treten dann fünf Frauen für das abstruse Recht auf Tötung an – gegen einen Mann. Wer da an das Kind denkt, wird lächerlich gemacht, diskriminiert und zum Hinterwäldler und Trottel diffamiert. Von „Leben“ und dem Lebensrecht kann ein Mann doch wohl nichts verstehen, erst recht nicht, wenn er noch keine Kinder hat. Die sind, so scheint es, jedenfalls vor der Geburt das verfügbare Eigentum allein der Frau und müssen ihrer Macht ausgeliefert werden können. Und wenn dieses „Eigentum“ stört, muss doch über die Beseitigung aufgeklärt und für die Tötung geworben werden dürfen, oder?

Die Botschaft: Frauen sind für „Menschenrechte“, für „Aufklärung“, für „Selbstbestimmung“. Männer nicht. Da stört es nur, wenn von – offenbar ausschließlich männlicher Seite – der Blick auf den schon wachsenden ungeborenen Menschen gelenkt werden könnte. Und wie selbstverständlich fehlen in der Runde die ach so bösen Lebensschützer, also jene Frauen und Männer, die noch wissen, dass Schwangerschaft keine Krankheit ist, sondern etwas mit einem neuen Menschenleben zu tun hat, das unglaublich verletzlich ist und Schutz verlangt. Es fehlen Ärzte und Ärztinnen, die aus Gewissensgründen nicht kleine Menschen töten, im Mutterleib zerschnippeln und verätzten wollen, sondern sich dem Leben verpflichtet wissen. Es fehlen Menschen, die tolerant und konsequent den Respekt vor dem Leben eines jeden Menschen einfordern. Es fehlen die Beraterinnen, die Frauen nicht verurteilen und sich klug und logisch für das Leben einsetzen.

Der Club der toten Denkerinnen bleibt da lieber unter sich – und hängt sich scheinheilig und unter Umgehung jeder Fairness, jeder wirklichen Toleranz und Seriosität das Mäntelchen der Toleranz um. Die Lebensschützer, vor deren Logik und Argumentation man innerlich schreiend davonläuft, weil man ein Nachdenken – vor allem bei sich selbst – einfach nicht ertragen könnte, werden beschimpft und pauschal verleumdet. Dabei sind sie ebenso wenig „sogenannte“ Lebensschützer wie Frau Will eine „sogenannte“ Moderatorin oder Journalistin. Obwohl? Hatespeech vom „Feinsten“, öffentlich-rechtlich und zwangsweise alimentiert von allen Bürgern.

Das alles verrät eigentlich nur eines: Man muss tief verklebt sein im Hass gegen Verantwortung und Achtung vor dem Leben, wenn man sich so geriert. Die Argumente, der Respekt und die Logik der Lebensschützer und aller, die sich wirklich für das Leben und sein Recht einsetzen, müssen wahrlich sehr stark und gut sein, wenn sich Öffentlich-Rechtliche so ungeniert zum Sprachrohr des betreuten Denkens und der alimentierten Verantwortungsverweigerung machen lassen. Hätte man noch Hoffnung, dass es bei den Medienmachern so etwas wie die Kultur zur Scham gibt, würde man sagen: Schämt euch! Doch das zu können würde ja ein Minimum an Fairness und Seriosität und Souveränität voraussetzen. So bleibt nur: Solche „Runden“ sind eine Schande für den – man möchte fast sagen – „sogenannten“ Qualitäts-Journalismus.

Martin Lohmann: ´Meinungsfreiheit – Wie ist es um die Dialogfähigkeit in unserer Gesellschaft bestellt?´

Fatima ist kein Fake

Die Figuren der Seherkinder laden auf einem nach oben führenden Weg dazu ein, den Himmel zu stürmen.

„Die eigentliche Reliquie aber ist die Begegnung mit der Gottesmutter von Fatima“: Aus dem Tagebuch eines Pilgers. Von Martin Lohmann

Also doch und: endlich. Ich bin auf dem Weg nach Fatima. Obwohl ich in einem Fatimajahr geboren wurde, war ich noch nicht dort.

Die Sonne knallt auf Lissabon, als wir landen. Und meine Gedanken? Irgendwie seltsam ungeordnet. Der Film, den ich mir noch am Abend vor Reiseantritt angesehen habe, ist innerlich aktiv mit Bildern und Worten. Er hat mir, seltsam genug, am Ende Tränen in die Augen getrieben. Und all das, was ich den vergangenen Tagen über Fatima gelesen habe, schwirrt ebenfalls durch Kopf und Herz. Bis vor ein paar Jahren wusste ich so gut wie nichts über diese Erscheinungen und Wunder. Jetzt kommen sie mir sehr nahe, rücken mir auf die Seele – und drücken und ziehen zugleich. Das, was in diesen Monaten passiert in Welt und Kirche, scheint erschreckend passgenau für diese Botschaft zu sein. So wie vor 100 Jahren.

Mag sein, dass ich für diese Reise ebenso gut wie ebenso wenig vorbereitet bin. In mir lebt eine Spannung zwischen Resignation und weiter und breiter Gelassenheit. Es geht rauf und runter. Unruhe trifft tiefste Ruhe. Zweifel treffen tiefstes Vertrauen. Das hörende Herz, um das ich bitte, kollidiert anscheinend mit dem Wunsch Ut Videam. Die daraus entstehende Dynamik zerreißt und befriedet zugleich. Fatima ist kein Fake. Das weiß ich. Aber ich weiß nicht, ob ich dort innerlich so ankomme, dass Herz und Seele bereit sind, Fatima bei mir ankommen zu lassen. Werde ich wirklich der Gottesmutter begegnen? Wird sie mir etwas zu sagen haben? Werde ich in der Lage sein, mit hörendem Herzen zu sehen? Bin ich sensibel genug, einfach nur da zu sein, mich einfach nur anzuvertrauen? Bin ich vorbereitet genug für Wesentliches? Ich habe Zweifel. Immerhin. Es wird was passieren. Credo. Aber was? Nach einer Fahrt durch ein schönes und sonnendurchflutetes Land bin ich endlich dort, wo vor 100 Jahren nur ein Dorf war. Jetzt springen einen der Charme baulicher Einfallslosigkeit und Ausdrucksarmut an. Eine Stadt, die immer noch wächst – und rasch gewachsen ist. Viel Beton. Nichtssagende Bauten, Hotels, alles offenbart ein wenig den ausschließlich praktischen Stil der vergangenen Jahrzehnte. Doch im hellen Sonnenlicht wirkt alles freundlich. Wohl auch, weil die Stadt sauber ist. Keine Schmierereien an den Wänden, keine Graffiti.

Wer auf die Stadt zufährt, begegnet den Seherkindern gleich zu Beginn auf einem riesigen Verkehrskreisel. Überlebensgroß scheinen die aus Marmor gestalteten Figuren auf einem nach oben führenden Weg einzuladen, den Himmel zu stürmen. Spätestens jetzt gilt: Ich bin in Fatima. Wie sehr, das spüre ich am Abend, als ich erstmals den riesigen Platz rund um die Mulde betrete. Die Mulde, also der Ort, wo die Gottesmutter jeweils am 13. des Monats vor genau 100 Jahren erschien, ist noch zu sehen in der Form des Platzes, dessen Gestaltung eine Ahnung zulässt, wie Hügel und Mulde den Weideplatz einst formten. Über mir ein strahlend blauer Abendhimmel mit der sich golden färbenden Sonne, die damals, als so viele zweifelten, wie von der edlen Herrin den Kindern versprochen, am 13. Oktober zum Teil des Wunders wurde. Heute bleibt sie an ihrem Platz, steht über „ihrem“ Platz in Fatima und hebt jenen in ein Licht des Friedens und der bewegenden Ruhe.

Mein Blick fällt auf die Kirche, in der die erst am 13. Mai 2017 heiliggesprochenen Jacinta und Francisco ruhen – und die von ihren Bildern neben dem mit einer goldenen Krone und einem leuchtenden Kreuz auf „ihre“ Mulde schauen. Zwei einfache Kinder, die nichts anderes taten, als Ja zu sagen, als die Seniora sie fragte, ob sie für andere und deren Seelenheil zu leiden bereit seien, auf dass die Welt besser und erlöster werde. Zwei Kinder, die sich – zusammen mit ihrer Cousine Lucia, die als Ordensschwester sehr lange lebte und erst vor wenigen Jahren heimgeholt wurde – durch keinen Spott, kein Misstrauen, keine Verleumdung, keine Drohung, keinen Ärger, keine Versuchung abbringen ließen von ihrer Berufung, Gott zu bekennen, Jesus Christus zu folgen und der Gottesmutter zu vertrauen. Mehr nicht. Und doch: Das war buchstäblich alles. Die jungen Heiligen machten etwas vor, von dem so viele Erwachsene immer wieder zu meinen scheinen, so etwas gehe doch nicht. Ja sagen, alle Widrigkeiten aufopfern, blind vertrauen, weil das Herz sehend wurde und zusammen mit der Seele treu zu hören bereit ist. Doch, das geht. Nicht nur vor 100 Jahren.

Am Grab der Heiligen kniee nicht nur ich nieder. Vermutlich sagen die anderen ähnlich wie ich einfach nur Danke – und bitten um Fürsprache. Auch hier verströmt die Luft Frieden. Aber erst recht in der Mulde, draußen, dort, wo die kleine Kapelle steht, vor der ich endlich der berühmten Muttergottesstatue begegne, die jeder kennt. Sie, die Muttergottes von Fatima, rettete am 13. Mai 1981 Papst Johannes Paul II. das Leben und lenkte die tödliche Kugel des beauftragten Attentäters wundersam an der Hauptschlagader im Körper des Heiligen vorbei. Millimetergenau. Die Bahn der Kugel bekam einen leichten Knick. Mit irdischer Kurzsicht unerklärbar. Mit himmlischer Weitsicht schon. Das Stück Berliner Mauer unweit der Mulde erinnert daran, dass die Muttergottes von Fatima ihre Hand mit im „Spiel“ hatte, als – nicht zuletzt durch den Heiligen Johannes Paul – die Mauer fiel.

In der Krone der Muttergottes vor mir steckt die Kugel, die im Körper des Heiligen richtig gelenkt wurde. Johannes Paul II. war sich im Glauben ganz sicher, dass es so war, dass die Seniora von Fatima die tödlich gedachte Kugel in ihrem Lauf lenkte. Andere sind davon auch überzeugt. Ich gehöre dazu. Und auch deshalb umgibt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, jetzt, wo ich hier bin. Wenig später begegne ich jener Kopie der Statue, die – anders als in der Mulde – nicht durch Panzerglas und Absperrung geschützt ist. Ist es jene Statue, die zusammen mit der Muttergottes in der Erscheinungskapelle gemacht wurde. Sie stand lange in dem Kloster, in dem Schwester Lucia lebte. Zwiesprache entsteht. Sofort. Und Blicke, die ins Herz treffen. Als ich versuche, dieses mich so intensiv anschauende Gesicht zu fotografieren, erlebe ich etwas Sonderbares: Auf dem Foto ist alles nur ein Abbild, die Dame und Mutter schaut auf einmal anders als in der unmittelbaren Begegnung. Noch so viele Versuche meinerseits schaffen es nicht, eine tiefe Wirklichkeit zu überspringen: Das Foto ist nur ein Foto. Die eigentliche Aufnahme macht das Herz. Und genau das wird wohlig warm, wenn man es öffnet. Es fängt an, ganz klar zu sehen – und, so merkwürdig es klingt – zu hören.

Worauf? Auf eine so erschreckend einfache und erschreckend schwerwiegende Botschaft. Auf eine Botschaft, die in 100 Jahren beinahe täglich an Aktualität gewonnen hat. Auf eine Botschaft, die nicht nur Kin-der „können“, sondern an alle geht. Eine Botschaft, die ihre Quellheimat an einem Ort gefunden hat, wo heute eine kleine Kapelle, eine Capelinha steht, neben einer gewöhnlichen Steineiche, wo die Jungfrau 1917 erschien. Eine Botschaft, die lebensrettend ist und überlebenswichtig für die ganze Welt sein wird. Es ist die Sprengkraft des Guten und Wahren, die hier schlummert. Es ist die Einladung, mit Liebe und Gebet Böses zu verhindern, mit Geduld und Gottvertrauen das Böse in Liebe zu ersticken. Es ist die Erkenntnis, die einzig gute und segensreiche Waffe zu nutzen, und zwar täglich, die es gibt: den Rosenkranz. Riesig groß und doch sehr leicht schwebt er seit 2017 über jenem Platz vor der Basilika, der so anziehend ist und dem Herzen Raum schenkt. Das liegt wohl an dem Seelen-Magneten, zu dem alle hinströmen – und der offenbar sehr viel ausströmt. Die kleine Kapelle markiert jenen Ort, den sich die Jungfrau als Ort der Begegnung gewünscht hatte. Unweit von hier ist sie den Kindern erschienen. Eine Steineiche gleich nebenan, schön und groß gewachsen, steht dort, wo jene kleine Baum-Vorfahrin stand, über der Maria erschien. Dieses Original gibt es nicht mehr.

Spätestens seit der Einlösung des im Sommer 1917 gemachten Versprechens, mit einem Wunder – dem dann tatsächlich erfahrenen Sonnenwunder – die Echtheit der Erscheinungen zu dokumentieren, wurde die kleine Steineiche, die von einem edlen Rosenduft umgeben war, zur Pflückstelle für Baum-Reliquien.

Die eigentliche Reliquie aber ist die Begegnung mit der Gottesmutter von Fatima. Diese Begegnung kann man mitnehmen. Im Herzen. In der Seele. Und sie ist vielfach möglich. Im Heiligtum, dort, wo sie hinter Glas gesichert anwesend ist. Die Bänke laden zum Verweilen ein. Unwillkürlich zückt man den Rosenkranz aus der Tasche – und betet ihn. Eine Meditation, die Frieden schafft. Perle für Perle. Ave für Ave. Die Ge-heimnisse öffnen den Blick auf das Leben Jesu, das gar nicht so weit zu sein scheint. Und der gelegentliche Blick auf die Statue taucht in eine Atmosphäre des Vertrauens ein. Die Mutter ist da. Ich bin bei der Mutter.

Buchstäblich Bewegung kommt in alles rein, wenn die Figur ihren Schrein verlässt und zur Lichterprozession auf einem Berg gelber Rosen zu den Pilgern kommt. Der riesige Platz scheint dann zu klein zu sein. Ist es Kitsch, wenn bei der Rückkehr zum Schrein die Menschen mit ihren weißen Taschentüchern zu jedem gesungenen Ave winken? Verstehen kann das wohl nur der nicht, der keine Beziehung zur Gottesmutter kennt, die ihr göttlicher Sohn vom Kreuz her uns allen zur Mutter gegeben hat.

Und immer wieder der Rosenkranz. Vom oberen Rand des Platzes kann man ihn auf den Knien betend bis zum Heiligtum meditieren. Oder leben? Junge und Alte, Einzelne und Familien, Geistliche und Ordensleute, der jugendliche Haudegen ebenso wie die erkennbar fromme Frau – sie alle gehen diesen weiß markierten Bet-Weg. Es kommt in den Sinn, dass die Gottesmutter selbst uns diese Waffe an die Hand und in die Hand gegeben hat. Waffe? Ja, eine, die friedlichste Waffe aller Zeiten. Aber ungeheuer wirksam. Wenn sie nur von mehr Menschen entdeckt würde!

Nach zwei Tagen wieder auf dem Rückflug. Was bleibt? Was nehme ich mit? Hat es sich gelohnt? Ohne Zweifel. Ich war an einem der friedlichsten und gnadenreichsten Orte der Welt. Im Herzen verschlossen und doch im Denken und Handeln bewegend die Zwiesprachen mit der Seniora von Fatima. Jeder hat hier eine Privataudienz. Wenn er nur will und es zulässt, einfach nur da zu sein. Hinhören, was sie sagt. Begreifen, dass diese Botschaft so unendlich einfach ist. Und daher so schwer für jeden, der dem Einfachen zu misstrauen gelernt hat. Was für ein Selbstbetrug! Denn das, was vor 100 Jahren den kleinen großen Kindern ge-sagt wurde, ist topaktuell. Vielleicht noch aktueller als damals. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Wer ein Herz hat, der höre. Wer lieben will, der liebe. Im Jasagen. Und täglich mithilfe des Rosenkranzes. Heute. Jetzt. Dann wird alles gut.

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„Die Tagespost“: Leitartikel: Gleichmacherei diskriminiert

Von Martin Lohmann

Vorsicht! Hier kommt Meinung, frei geäußerte Meinung noch dazu. Also etwas, was das Grundgesetzt garantiert. Noch. In den folgenden Zeilen finden sich sogar Überzeugungen und Argumente. Doch so etwas ist heute gefährlich, macht verdächtig, wenn man nicht dem diktierten Mainstream folgt. Heiko Maas, der Hatespeech-Entdecker, kann Meinungsvielfalt gar nicht gut ab. Jedenfalls, wenn es um Themen geht, die ihm erkennbar wichtig sind. Die sogenannte Homo-Ehe zum Beispiel. Da duldet der Justizminister keinen Widerspruch. Eher packt man dann die Keule der Homophobie aus und schlägt wahllos um sich. Ja, der Relativismus kennt nur so lange Vielfalt, bis man seiner Sichtweise zu widerstehen versteht. So ist das mit Diktaturen. Die des Relativismus ist da besonders herz- und gnadenlos. Vielfalt? Bloß nicht, wenn ich widerlegt werden könnte. Da wird rasch verboten und unter Strafe gestellt, was stört: Meinungen, Überzeugungen, Argumente, Toleranz, Respekt.

Wehe dem, der weiß, was Ehe ist! Wehe dem, der von Ergänzung durch Mann und Frau ausgeht! Wehe dem, der belegt, dass Kinder Vater und Mutter brauchen! Wer Äußerungen prominenter Wahlkämpfer verfolgt, kann es kaum überhören: Die Homo-„Ehe“ wird zu einem wichtigen Vorhaben nach der Bundestagswahl. Heiko Maas betont, hier werde die SPD nicht zurückweichen. Die Grünen legen „mutig“ Bekenntnisse ab, die FDP will sie, selbst in der Union wackelt man mainstreamkonformistisch mit. Merkels Generalsekretär schwamm sichtbar, als er in einer Talkrunde nach der Homo-„Ehe“ gefragt wurde – und sagte unter Verweis darauf, dass er eine private Meinung habe, „mutig“: In dieser Legislaturperiode nicht mehr. Nur ja nicht abweichen. Nur ja nicht auffallen.

Bekenntnisse zur Familie, also zur normalen Familie mit Kindern, was nach wie vor die Mehrheit ist, in Deutschland mit ähnlichem Mut sucht man vergebens. Feigheit? Angst? Unkenntnis? Modern-Sein-Sucht? Geht es um das, was Ehe ist? Oder geht es um dieselben rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten? Selbst im Standesamt geht es um bleibende Treue, ein unbedingtes Ja zur Verantwortung – und mehr als nur um Sexualität. Zum Wissen über die Ehe und deren über das Private hinausgehende Bedeutung gehört nun mal der Hinweis, dass sie etwas mit der Weitergabe des Lebens zu tun hat, haben kann. Und da hat sich die Natur die Begegnung von Mann und Frau ausgedacht. Jeder Mensch ist entstanden aus einer weiblichen Eizelle und einer männlichen Samenzelle. Ist man ein Hassprediger, wenn man auf Verschiedenheiten hinweist? Warum werden in einer Demokratie Argumente bewusst missbraucht als Ausdruck von Phobie? Niemand muss vor Homosexuellen Angst haben, so wie ja auch diese keine Angst vor Heterosexuellen haben müssen. Ein Homo ist ebenso wenig heterophob wie ein Hetero homophob. Wenn aber von Politikern das Bekenntnis zur Homo-„Ehe“ zum absolutistischen Muss erhoben wird, stellt sich die Frage nach deren Phobie – und nach der Freiheit des Geistes, die eine Gesellschaft immer braucht, weil niemand diskriminiert werden darf. Auch Gleichmacherei kann diskriminieren. Eine Familie ist eine Familie, und eine Ehe eine Ehe. Daneben gibt es andere Formen des Zusammenlebens, die aber nicht dasselbe sind. Logisch.

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