Hungerkrise in der Sahelzone: „Missio“ schlägt Alarm

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Alleine in Kenia seien 2,5 Millionen Menschen vom Hunger und Wasser- und Nahrungsmittelknappheit betroffen, warnt Missio.

„Missio“-Direktor Wallner fordert Europa zum Handeln auf.

Die Österreich-Sektion der Päpstlichen Missionswerke, „Missio Austria“, warnt vor einer dramatischen Verschärfung der Hungerkrise in der Sahelzone. Millionen Menschen seien derzeit von Dürre und Hungertod bedroht, heißt es in einer Aussendung vom Freitag, 24. Februar 2017. „Wenn jetzt nicht geholfen wird, werden wir Zeugen einer humanitären Katastrophe“, warnte Missio-Direktor Pater Karl Wallner. Die aktuelle Dramatik sei in Europa viel zu wenig bewusst, forderte er zum raschen Handeln auf.

Alleine in Kenia seien 2,5 Millionen Menschen vom Hunger und Wasser- und Nahrungsmittelknappheit betroffen. Der Regenmangel habe den Turkana-See, das große Wasserreservoir Kenias, beinahe austrocknen lassen, das restliche Wasser sei verseucht. Flüchtlinge aus dem Südsudan, wo Bürgerkrieg herrscht, verschärfen die Situation laut Missio noch. Seit Sommer hätten die Kämpfe dort zugenommen, der Konflikt zwischen Nuer und Dinka habe sich auf alle Stämme ausgebreitet. Die meisten Männer stünden unter Waffen oder seien gefallen, kaum jemand bleibe übrig, um die Felder zu bestellen.

Über zwei Millionen Menschen sind derzeit im Südsudan selbst auf der Flucht. Weitere 1,3 Millionen bereits nach Uganda aufgebrochen, hieß es. Über 700.000 Betroffene sind in dem ohnehin armen Land im Norden in Flüchtlingslagern untergebracht, berichtete Missio. 19 Camps gibt es in Nord-Uganda, die meisten Flüchtlinge sind unbegleitete Minderjährige, die ihre Angehörigen im Camp suchen. Dort herrsche zumeist „völliges Chaos“, da die Organisatoren des Camps mit dem Ansturm überfordert seien. In Bidi Bidi, dem weltweit größten Flüchtlingscamp, das erst vor einem halben Jahr eröffnet wurde, leben 250.000 Menschen bei 40 Grad Hitze ohne Wasser.

 

Spendenkonto: PSK, IBAN: AT96 6000 0000 0701 5500, Kennwort: Südsudan

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Nigeria: UNO schlägt Alarm wegen Hunger

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Vor allem viele Kinder sind in Nigeria von der Hungerkrise bedroht

Vor einer Hungerkatastrophe in dem afrikanischen Land warnen die Vereinten Nationen. Rund eine halbe Million Kinder sind UNO-Angaben zufolge in Nigeria und den angrenzenden Gebieten vom Hungertod bedroht – die internationale Gemeinschaft müsse eingreifen. Im Nordosten des Landes seien rund 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als sieben Millionen bräuchten Nahrungsmittelhilfe, die Gesundheitsversorgung sei zusammengebrochen. Die Region wurde bis vor Kurzem von der Terrororganisation Boko Haram kontrolliert. Ohne eine entschlossene Bekämpfung der Hungerkrise könnte Europa nach Ansicht der Vereinten Nationen eine neue Flüchtlingswelle drohen.

(reuters 31.01.2017 jg)

Die Tagespost: Versöhnung ist das Ziel

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Im „Genocide Memorial Centre“ in der ruandischen Hauptstadt Kigali sind auch die Namen der Opfer des Völkermords verzeichnet.

Missio Aachen richtet zum Afrikatag im Januar
den Blick auf die Kirche in Ruanda.

Von Carl-Heinz Pierk

Die Völkermord-Gedenkstätte in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, erinnert an einen der blutigsten Völkermorde der Weltgeschichte. Die Gedenkstätte „Genocide Memorial Centre“ wurde am zehnten Jahrestag des Genozids, im Jahr 2004, eingeweiht. Das Zentrum befindet sich im Vorort von Gisozi, an der Stelle, wo 250 000 Menschen ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab fanden. In drei Dauerausstellungen wird erklärt, wie es zu dem Völkermord kam, wie sich die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in dem kleinen Binnenstaat im Osten Zentralafrikas verschärften, was den Völkermord auslöste und wie die Tragödie unter den Augen einer Friedenstruppe der Vereinten Nationen zum vollen Ausbruch kam.

Schon seit dem 15. Jahrhundert schwelte der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen im Land. Die Mehrheit der Hutu lebte lange Zeit benachteiligt unter den Tutsi, die später von den deutschen und belgischen Kolonialherren als überlegene Rasse bevorzugt wurden.

Das Internationale Katholische Missionswerk Missio Aachen richtet zum Afrikatag im Januar 2017 den Blick auf die Kirche in Ruanda und ruft bis 15. Januar bundesweit in Gottesdiensten zur Kollekte auf. Die Kollekte zum Afrikatag ist die älteste gesamtkirchliche Missionskollekte der katholischen Kirche. Sie wurde erstmals am 6. Januar 1891 auf Wunsch von Papst Leo XIII. durchgeführt, der so Gelder zur Unterstützung des Kampfes gegen die Sklaverei in Afrika sammeln wollte. Heute kommt die Kollekte der Ausbildung von Priestern, Ordensleuten und Laienmitarbeitern in Afrika zugute: Frauen und Männer, die sich im Dienst der Kirche gegen moderne Formen der Sklaverei und für ein menschenwürdiges Leben einsetzen.

Mit dem tödlichen Flugzeugabsturz des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana und des burundischen Präsidenten Cyprien Ntaryamira am Abend des 6. April 1994 hatte der Völkermord in Ruanda begonnen, bei dem zwischen 800 000 und einer Million Menschen ums Leben kamen. Der Präsident war ein Hutu, wie 85 Prozent der Bevölkerung Ruandas. Die Opfer des Mordens waren überwiegend Tutsi. Sie stellten rund zehn Prozent der Bevölkerung. Aber auch gemäßigte Hutu waren unter den Opfern.

Die Wunden sitzen noch immer tief. Heute, 22 Jahre später, müssen die Mörder von damals mit den überlebenden Opfern zusammenleben. Doch trotz der bedrückenden Geschichte konnte ein erneutes Aufflammen der Gewalt in Ruanda verhindert werden. Zusätzlich zur regulären juristischen Verfolgung des Völkermordes waren auch sogenannte Gacaca-Gerichte mit der Aufarbeitung der Straftaten befasst – gacaca heißt „Gras“ in der Landessprache Kinyarwanda. Es handelt sich dabei um Dorfgerichte, die auf dem traditionellen Rechtssystem Ruandas basieren. Das System dieser Laiengerichte birgt zwar Risiken, trägt jedoch durch Anhörung der Täter, Überlebenden und ihrer Angehörigen entscheidend zur nationalen Versöhnung bei.

Wer als Beschuldigter Reue zeigt, für den halbiert sich die Haftzeit. In Ruanda werden auf diese Weise fast zwei Millionen Fälle vor 15 000 Volksgerichten verhandelt: ein bedeutender Schritt hin zu einer versöhnten Zukunft. Die Verfahren wurden 2012 offiziell abgeschlossen. Die nationale Versöhnung ist sowohl für die Stabilität des Landes als auch für die Stabilisierung der gesamten, von Konflikten geprägten Region wichtig. Sie könnte ein Beispiel sein, etwa für die Zentralafrikanische Republik oder für den Südsudan, wo nach einem Ende der Gewalt die Versöhnung zwischen den verfeindeten Ethnien wichtig ist.

Vor allem die katholische Kirche in Ruanda will an der Versöhnung mitarbeiten. Dabei ist sie lange Zeit der Frage nach ihrer eigenen Verstrickung in den Genozid ausgewichen. Teile der Kirche begrüßten etwa die „hamitische Ideologie“, eine Rassenlehre, die die Tutsi als überlegene Volksgruppe darstellte. Viele Menschen wurden in Gotteshäusern umgebracht, in die sie sich geflüchtet hatten. Sie wurden zum Teil von Hutu-Priestern oder Ordensleuten an ihre Verfolger ausgeliefert. Für ihre Rolle beim Völkermord von 1994 hat die katholische Kirche in Ruanda inzwischen um Vergebung gebeten. Die Kirche als Institution sei damals zwar nicht Partei gewesen, heißt es in der am 20. November 2016 veröffentlichten Erklärung der neun ruandischen Bischöfe zum Abschluss des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres. Allerdings hätten Kirchenmitglieder, auch Geistliche, den Völkermord entweder mitgeplant, unterstützt oder mit ausgeführt. Die Kirche bedauere die Taten all jener Gläubigen, die am Genozid beteiligt waren.

Das Wort der Bischöfe wurde landesweit in Gottesdiensten verlesen. Eine generelle Beteiligung der Kirche an dem Massenmord wies der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Philippe Rukamba von Butare, laut einer KNA-Meldung zurück. „Wir wissen, dass Kirchenmitglieder eine Rolle beim Völkermord spielten, Menschen töteten und deren Besitz plünderten. Jedoch stimmen wir nicht zu, dass die Kirche selbst eine Rolle im Genozid spielte.“

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Kongo: Kardinal appelliert an Kabila

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Kardinal Laurent Monsengwo, Erzbischof von Kinshasa – RV

Rebellen im Osten des Kongo haben am Wochenende bei Überfällen mindestens 34 Menschen getötet. In verschiedenen Teilen des Kongo ist es in den letzten acht Tagen zu Ausbrüchen von Gewalt gekommen. Das verstärkt die Sorge, dass Kongos anhaltende politische Krise blutig eskalieren könnte.

Präsident Joseph Kabila ist seit genau einer Woche nicht mehr im Amt – nach der Verfassung jedenfalls. In Wirklichkeit aber ist er einfach in seinem Palast in Kinshasa geblieben und weigert sich, das höchste Amt im Staat für einen Nachfolger zu räumen, Wahlen haben nicht stattgefunden. Kongos Bischofskonferenz versucht einen Kompromiss durchzusetzen, der Wahlen für einen neuen Präsidenten binnen eines Jahres mit sich bringen würde. Doch ob sie sich damit durchsetzen, ist ungewiss. Die Regierung will sich nach jetzigem Stand erst 2018 auf Wahlen einlassen, bis dahin bliebe Kabila Präsident.

Bei Straßenprotesten gegen Kabila sind letzte Woche mindestens vierzig Menschen ums Leben gekommen. Priester im ganzen Land haben am Sonntag eine Botschaft von Kardinal Laurent Monsengwo von den Kanzeln verlesen. Darin schreibt der Erzbischof von Kinshasa: „Die Zeit ist vorbei, als sich jemand einfach an die Macht klammern und die Waffen auf sein eigenes Volk richten konnte! Den jungen Leuten geht es doch nur um ihr Recht, ein Leben in etwas größerer Würde zu leben.“

Bis Freitag wollen die Bischöfe versuchen, Kongos politische Kräfte auf ihren Kompromiss zu verpflichten. Das Spiel ist riskant. Nicht nur für die Bischöfe, deren Reputation bei einem Scheitern der Verhandlungen leiden könnte. Sondern vor allem für den Kongo. Millionen von Kongolesen starben zwischen 1996 und 2003 in einer Reihe von Kriegen und Konflikten. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 hat das riesige Land im Herzen Afrikas keinen friedlichen Machtwechsel hinbekommen.

(reuter/rv 26.12.2016 sk)

Nigeria: Die Terrorgruppe der Fulani verübt ähnliche Massaker wie Boko Haram

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Bischof Joseph D. Bagobiri / © KiN – KIRCHE IN NOT

Von 2006 bis 2014 wurden im bevökerungsreichsten Land Afrikas
durch Terrorakte mehr als 12 000 Christen getötet
und etwa 2 000 Kirchen zerstört

Von 2006 bis 2014 wurden in Nigeria durch Terrorakte mehr als 12 000 Christen getötet und etwa 2 000 Kirchen zerstört. Diese Zahlen gab Bischof Joseph D. Bagobiri vom Bistum Kafanchan im nigerianischen Staat Kaduna bei einem Besuch in der italienischen Niederlassung von KIRCHE IN NOT (ACN) an. Insbesondere wegen der fundamentalistischen islamischen Gruppe Boko Haram steht heute Nigeria an dritter Stelle im „Global Terror Index 2016“. Bischof Bagobiri erklärt jedoch, dass Boko Haram nicht als einzige Organisation in dem afrikanischen Land Terror verbreitet: „In den letzten drei Monaten ist in mehr als der Hälfte des südlichen Teils vom Staat Kaduna eine Zunahme der Angriffe durch die „Fulani Herdsmen Terrorist“ (FHT) festzustellen. Es handelt sich um eine terroristische Gruppe, die sich aus dem Nomaden-Hirtenvolk der Fulani zusammensetzt.“ Im Westen sei diese Terrorgruppe so gut wie unbekannt, so der Bischof weiter. Aber der nigerianische Bischof gibt die Fakten bekannt: Seit September seien „53 Dörfer niedergebrannt, 808 Menschen getötet und 57 verletzt, 1.422 Häuser und 16 Kirchen zerstört“ worden.

Die Fulani sind als Volksgruppe vornehmlich Hirten. Dies hat seit jeher für ununterbrochene Konflikte mit den Bauern der Region gesorgt. In letzter Zeit gehen die Angriffe jedoch weit über die klassischen Konflikte zwischen Hirten und Bauern hinaus. Denn die Hirten verfügen über „modernste Waffen, die es vorher nicht gab, etwa AK-47. Wir kennen allerdings ihre Bezugsquelle nicht“, so Bischof Bagobiri. Die Ursachen sind ebenfalls vielfältiger geworden. Der Bischof von Kafanchan: „Zu den herkömmlichen sozioökonomischen Gründen, etwa der Landverteilung und den mangelnden Weideflächen kommen neue Ursachen, die das Ausmaß des Konfliktes verändern: Die Fulani sind Moslems. Das Land gehört christlichen Volksgruppen. Nun erkennen wir deutlich ein antireligiöses Motiv. Beide Ursachen sind zwar festzustellen, aber in letzter Zeit überwiegt die religiöse Komponente. Der Konflikt hat sich zu einer religiösen Verfolgung entwickelt.“

Dass in vielen Ortschaften besonders kleine, von Christen betriebene Geschäfte sowie die Kirchen angegriffen werden, spricht für Bischof Mons. Bagobiri eine deutliche Sprache. „Die Gewalt richtet sich nicht gegen eine bestimmte Volksgruppe, weil die Christen zu verschiedenen Volksgruppen gehören“, sagt der Bischof.

Trotz der großen Bedrohung für die Christen, so der Bischof weiter, „weckt die Verfolgung in Nigeria weltweit nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie beispielsweise der Nahe Osten“. Was für den Bischof aber noch schlimmer ist: Nicht einmal die Regierung widme ihr genügende Aufmerksamkeit. „Die Angriffe geschehen, während die Regierung gleichgültig bleibt. Sie beschränkt sich darauf zu beobachten, obwohl die Bevölkerung bewaffneten Terroristen ausgeliefert ist.“ Der Bischof fügt hinzu: „Die Polizeikräfte verfügen nicht über angemessene Waffen, um einzuschreiten. Oder sie erhalten nicht den Befehl, es zu tun“.

Laut Bischof Bagobiri steht die terroristische Bedrohung im Zusammenhang mit der Zunahme des islamischen Fundamentalismus im Land und mit der Scharia, die in zwölf von den 36 nigerianischen Staaten eingeführt wurde, darunter auch im Staat Kaduna. Das islamische Gesetz führe zu „Ungleichheit und Diskriminierung. Denn islamische Gerichte lassen Muslime frei, die etwa Christen ermordet haben, weil sie der mutmaßlichen Blasphemie beschuldigt wurden“, erläutert Bischof Bagobiri.

Weitere Informationen über Nigeria im Bericht „Religionsfreiheit“, der vom Päpstlichen Hilfswerk KIRCHE IN NOT am vergangenen 15. November vorgestellt wurde:www.religionsfreiheit-weltweit.at

(Quelle: KiN Österreich)

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Ruanda: Kirche bittet um Vergebung für Rolle bei Völkermord

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Die katholische Kirche in Ruanda bittet für ihre Rolle beim Völkermord von 1994 um Vergebung. Die Kirche als Institution sei damals zwar nicht Partei gewesen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der neun ruandischen Bischöfe zum Abschluss des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres. Allerdings hätten Kirchenmitglieder, auch Geistliche, den Völkermord entweder mitgeplant, unterstützt oder mit ausgeführt.

Die Kirche bedauere die Taten all jener Gläubigen, die damals am Genozid beteiligt waren, so die Erklärung der Bischofskonferenz, die laut den Berichten landesweit in Gottesdiensten verlesen wurde.

Während des Völkermords 1994 im ostafrikanischen Ruanda wurden binnen drei Monaten bis zu 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu von radikalen Hutu-Milizen ermordet. Viele Menschen wurden auch in Gotteshäusern umgebracht, in die sie sich geflüchtet hatten. Sie wurden zum Teil von Hutu-Priestern oder Ordensleuten an ihre Verfolger ausgeliefert.

Eine generelle Beteiligung der Kirche an dem Massenmord wies der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Philippe Rukamba von Butare, zurück. „Wir wissen, dass Kirchenmitglieder eine Rolle beim Völkermord spielten, Menschen töteten und deren Besitz plünderten. Jedoch stimmen wir nicht zu, dass die Kirche selbst eine Rolle im Genozid spielte.“

Experten und Opfer begrüßten am Montag die Entschuldigung. „Es ist ein positiver Schritt, dass die Kirchenführer vereint auftreten und sich entschuldigen“, zitiert die ruandische Zeitung New Times den Vorsitzenden von Ruandas „Kommission gegen Völkermord“ (CNLG), Jean-Damascene Bizimana.

(kna 21.11.2016 ord)

Siehe dazu auch:

Nigeria: Politik, Menschenrechte und der Kreislauf des Terrors

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Bischof Stephen Mamza, Hilfe Für Inlandsflüchtlinge, Nigeria / Wikimedia Commons – Ogalaemmanuel, CC BY-SA 4.0

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas zählt heute über 2,5 Millionen Inlandsflüchtlinge

Nigeria ist ein Land mit großem Potential mit einer jungen und tatkräftigen Bevölkerung von fast 200 Millionen Menschen. Diese Nation ist eine wunderbare Mischung aus unendlichem Talent, einer atemberaubenden Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Weltanschauungen und einer alles überdauernden Hoffnung. Nigeria könnte mit diesen Eigenschaften nicht nur den afrikanischen Kontinent bereichern, sondern die ganze Welt, wenn nur die verschiedenen Elemente, die dazu gebracht werden, harmonisch zusammenwirkten.

Obwohl die Vorsehung das Land mit diesen zahlreichen Gaben ausgestattet hat, lebt die Nation weiter unterhalb dessen, was ihr Potential in Aussicht stellt. Über 70 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter kommen weiter unterhalb der Armutsgrenze gerade so über die Runden. Weitere Teile der Bevölkerung werden dahin abrutschen, wenn die neue Regierung unter Muhammadu Buhari nicht eine schnelle Lösung für die Bedrohung durch sinkende Ölpreise findet, ebenso wie für die Korruption der Eliten, durch die das Land an den Rand des Bankrotts gedrängt wird.

Ein Prozent der Bevölkerung, die Elite Nigerias, besitzen fast 80 Prozent des gesamten Reichtums. Es gibt keine Sozialsysteme, die den Armen helfen könnten, außer Familienstrukturen, ohne die viele Nigerianer völlig verloren wären. Die Wirtschaft ist einseitig auf den Ölexport spezialisiert, und damit fatal von den Schwankungen des Ölmarkts abhängig. Jede Chance, die Quellen der Einnahmen zu vervielfältigen und sich auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, haben die Herrscher Nigerias ungenutzt verstreichen lassen. Die gewaltigen Erlöse, die in Nigerias Kassen gespült wurden, seit man 1956 in Olobri Öl fand, haben den Lebensstil der Elite finanziert, die allgegenwärtige Korruption, und den schamlosesten Diebstahl von Staatsressourcen in der afrikanischen Zeitgeschichte. Die große Masse der Bevölkerung wartet bis heute vergeblich darauf, auch etwas von diesem Kuchen abzubekommen.

Die Armut, welche die Hoffnungen und Träume von Millionen Nigerianern in Ketten legt, wird noch verschlimmert durch die Verwerfungslinien in der nigerianischen Gesellschaft, die sich aus der Vielfalt religiöser und ethnischer Gruppierungen innerhalb der Staatsgrenzen ergeben. Es kommt dem Beobachter vor, als finde in dem Land ein Wettbewerb darum statt, wer mit seinen Mitteln die Menschenrechte am schlimmsten verletzen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Nordosten Nigerias der Ort auf der Welt, an dem es am gefährlichsten ist, ein Christ zu sein. Die Region liegt im Schatten des Terrors von Boko Haram, einer Gruppe, die sich jede Mühe gibt, als tödlichste Terrororganisation der Welt bekannt zu werden.

Die Gruppe Boko Haram, die seit 2010 gegen die Regierung kämpft, stürzt Nigeria immer tiefer in die Krise. Der Name Boko Haram, der “Bildung ist verboten” bedeutet, steht für einen Kampf gegen alles, was die Gruppe als westlichen Einfluss in Nigeria ansieht – Demokratie, das Christentum, säkulare Elemente in der Gesellschaft und Bildung, insbesondere für Mädchen und Frauen. Dies zeigt sich auch in den Zielen ihrer Angriffe: Sie greifen Regierungseinrichtungen, Schulen und Kirchen an, die Symbole ihres Feindbilds. Aber immer häufiger werden auch Märkte und andere Orte, an denen sich Menschen versammeln, ihre Ziele der Angriffe, die allein darauf ausgerichtet sind, möglichst viele Menschen zu töten.

Heute sind, verursacht durch den Terror, über 2,5 Millionen Nigerianer Flüchtlinge in ihrem eigenen Land, mehr als 800.000 davon Kinder. Die Zahl derer, die ihr Leben verloren haben, dürfte schon längst über 20.000 liegen. Die Sachschäden und anderen wirtschaftlichen Folgeschäden des Terrors sind kaum zu beziffern – und das in einem Land, das auch ohne Boko Haram schon genügend Probleme hat.

Boko Haram wächst zudem über Nigeria hinaus und wird zunehmend zu einem westafrikanischen Phänomen. Zur Zeit sind über 2.000 Schulen im Tschad, in Niger und in Kamerun wegen Angriffen von Boko Haram geschlossen. Diese drei Nachbarstaaten bekämpfen die Terrororganisation teils gemeinsam, teils auf eigene Faust, und ihre gelegentlichen Erfolge in diesem Kampf gehören zu den wenigen Lichtblicken in dieser Situation.

Boko Haram hat seine Verachtung für Werte der Zivilgesellschaft gezeigt, und damit internationale Bekanntschaft erlangt, als sie im April 2014 in Chibok im Bundesstaat Borno fast 300 Schülerinnen entführten. Mit einem Streich haben sie zahlreiche Familien zerrissen, und die Opfer und ihre Eltern gleichermaßen traumatisiert. Inzwischen sind zwölf Eltern von entführten Mädchen verstorben, ohne jemals zu erfahren, was aus ihren Töchtern geworden ist. Es gibt keine Spur mehr von den Mädchen, seit Abubakar Schekau, der Anführer von Boko Haram, gedroht hat, sie in die Sex-Sklaverei zu verkaufen.

Die meisten der Mädchen sind bis heute verschwunden. Einige, so befürchtet man, sind in der Gefangenschaft gestorben. Und selbst, wenn man sie findet und befreit, werden die Überlebenden nicht mehr die sein, die sie einst waren – nicht nach dem Trauma von jahrelanger Gefangenschaft und Sklaverei. Viele werden sich in einer Gesellschaft wiederfinden, die sie als verunreinigt, als Ausschussware, ansieht, nach dem, was ihre Entführer ihnen angetan haben. Was auch passiert, Chibok wird in die Geschichte eingehen als Beispiel für die Unfähigkeit der Regierung. In Chibok hat Nigeria seine Kinder grausam im Stich gelassen.

Boko Haram mag durch die Erfolge der Sicherheitskräfte im Kampf gegen sie geschwächt sein, aber die Natur lehrt, dass ein Raubtier dann am Gefährlichsten ist, wenn es verletzt und in die Enge getrieben worden ist. Nigeria wurde durch die Terrorkampagne von Boko Haram verändert. Tatsache ist, dass es Nigerias Politiker und Eliten waren, die das Land überhaupt erst verwundbar für den Terror gemacht haben, und die mit ihrer Korruption und ihrem Diebstahl der Landesschätze die Bedingungen geschaffen haben, unter denen Boko Haram entstehen konnte.

Der Autor ist Referent für Sub-Sahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt/Main

[Übersetzt aus dem Englischen von Christian Schwietzke]

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