Ratzinger-Stiftung: Eschatologie-Tagung und Ratzinger-Preis

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Benedikt XVI. und P. Federico Lombardi

Es ist ein Highlight für Ratzinger-Experten, Bibelforscher und Theologen aus aller Welt: das internationale Symposium „Eschatologie: Analyse und Perspektiven“ an diesem Donnerstag und Freitag in Rom. Ausgerichtet von der Stiftung Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. beschäftigt sich die hochkarätige Tagung an der römischen Universität Santa Croce mit den Grundfragen menschlichen Daseins – im Neuen und Alten Testament wie auch im Denken Ratzingers. Auch zwei Rabbiner sind unter den gelehrten Gästen, Riccardo Di Segni aus Rom und Moshe Idel aus Jerusalem. Pater Federico Lombardi, ehemaliger Vatikansprecher und heute Vorsitzender des Verwaltungsrates der vatikanischen Stiftung, erklärt im Interview mit Radio Vatikan:

„Die Frage der Eschatologie, die die letzten Fragen unseres Lebens und unserer Geschichte betrifft, das Ewige Leben, den Tod, das Gottesgericht, sind Themen, die oft ein wenig beiseitegelassen wurden, weil sie nicht leicht zu konfrontieren sind. Dabei betreffen sie uns ganz konkret, auf extrem tiefe Weise, denn die Frage des Lebensendes, des Lebenssinns und des Lebens nach dem Tod ist etwas extrem Wichtiges. Und im christlichen Leben kann dieser Aspekt absolut nicht vernachlässigt werden.“

Die „Lehre von den letzten Dingen“, wie die Eschatologie auch genannt wird, ist ein Steckenpferd des Theologen Joseph Ratzinger: Sein Buch „Eschatologie: Tod und Ewiges Leben“ gilt als Standardwerk zum Thema und ist, so sagte er es einmal selbst, sein „am besten durchgearbeitetes Werk“. Auch in der Enzyklika „Spe salvi“ hatte der deutsche Papst die Themen der christlichen Hoffnung und des Ewigen Lebens behandelt. Sie beschäftigen ihn bis heute, was sich zum Beispiel im letzten Interview des Journalisten Peter Seewald mit dem emeritierten Papst gezeigt habe, so Lombardi:

„Gerade in dieser seiner letzten Lebensphase bereitet sich der emeritierte Papst, wie er es uns erklärte, auf die Begegnung mit Gott vor, und da sind diese Themen natürlich von großer Bedeutung für ihn und kommen in ihm wieder hoch. Im Buch „Letzte Gespräche“ (Interviewbuch von P. Seewald mit dem emeritierten Papst, Anm. d. Red.) sieht man, dass sein theologisches Studium der letzten Fragen in Kontinuität mit seiner existentiellen und spirituellen Erfahrung steht, auch in dieser letzten Phase seines Lebens. Es handelt sich also um eine Theologie, die im Glauben gelebt wurde und mit der christlichen Erfahrung verbunden ist.“

Dass diese Theologie bei Ratzinger nicht abstrakt, sondern „gelebt“ sei, aus der Erfahrung gewachsen sei, hob auch Papst Franziskus hervor, erinnert Lombardi: Ratzingers Theologie sei eine Theologie „auf Knien“, hatte der Nachfolger des deutschen Papstes gelobt.

Ratzinger-Preis geht erstmals an einen orthodoxen Theologen

Nach Abschluss des Symposiums wird am Samstagmorgen dann zum sechsten Mal der Joseph Ratzinger-Preis vergeben. Die Stiftung zeichnet damit herausragende Theologen aus, deren wissenschaftliche Arbeiten die Disziplin vorangebracht haben und das Denken Joseph Ratzingers berücksichtigen. Seit der ersten Vergabe im Jahr 2011 habe sich das internationale Spektrum der Preisträger verbreitert, berichtet Federico Lombardi. Unter den bisher 13 vergebenen Auszeichnungen seien elf in verschiedene Länder gegangen:

„Das bedeutet, dass sich das Komitee bemüht hat, den Blick auf die theologische Arbeit in der Welt auch auf andere Länder zu richten, auf unterschiedliche Regionen und Situationen, und auch jenseits der katholischen Kirche. Bereits in der Vergangenheit war ja einer der Preise an einen Anglikaner gegangen, und dieses Jahr ist einer der Preisträger orthodox: der griechisch-orthodoxe Professor Kourempeles.“

Der Grieche Ioannis Kourempeles ist der erste orthodoxe Wissenschaftler, der in diesem Jahr mit dem Joseph-Ratzinger-Preis geehrt wird. Der Dogmatik-Professor von der Aristoteles Universität von Thessaloniki, der unter anderem in Deutschland studierte, konzentriert sich in seiner Arbeit unter besonderer Berücksichtigung des Denkens Joseph Ratzingers auf Möglichkeiten fruchtbarer Wechselwirkung zwischen katholischer und orthodoxer Theologie. Der zweite Preisträger, eine Koryphäe im Bereich der Theologie, ist der Mailänder Theologie-Historiker Inos Biffi, der auf eine lange Reihe einschlägiger Publikationen zu verschiedenen geschichtlichen Epochen und Figuren der Kirchengeschichte zurückblicken kann. Er wird am Samstag im Vatikan für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Neue Initiativen der Stiftung in Sicht

Im Interview mit Radio Vatikan weist Pater Federico Lombardi weiter auf kommende Initiativen der Stiftung hin: So werde im Dezember an der Päpstlichen Universität Gregoriana eine italienische Ausgabe von Joseph Ratzingers „Opera Omnia“ zum Zweiten Vatikanischen Konzil vorgestellt. Darüber hinaus bereite man für das kommende Jahr in Zusammenarbeit mit der Gregoriana eine Tagung über den heiligen Bonaventura vor, verriet der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Joseph Ratzinger-Stiftung. In diesem Kontext werde es eine Neuausgabe der Ratzinger-Studien über den Heiligen geben. Im Dezember 2017 finde dann eine Ökologie-Tagung in Costa Rica statt, die man in Zusammenarbeit mit der katholischen Universität Costa Ricas ausrichte: Dabei gehe es zwei Jahre nach Erscheinen der Enzyklika „Laudato si“ um eine Rückschau auf die Ausführungen Benedikt XVI. und des aktuellen Papstes Franziskus zum Schutz der Schöpfung. In 2018 finde schließlich an der Universität Lumsa in Rom voraussichtlich eine Tagung zu den Grundlagen des Rechts im Denken Joseph Ratzingers statt, fuhr Lombardi fort: Der deutsche Papst habe Grundlegendes zum Thema beigetragen, ein Beispiel sei etwa die Rede Benedikt XVI. vor dem Deutschen Parlament.

Der Ratzinger-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Der Stiftungsfonds wird aus Erlösen der Werke Joseph Ratzingers sowie aus öffentlichen und privaten Spenden gespeist.

(rv 13.11.2016 pr)

Papst Johannes Paul II. zu: TOD – HIMMEL – FEGEFEUER – HÖLLE

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Aus „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“:

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GIBT ES DAS EWIGE LEBEN NOCH?

In der Kirche dieser letzten Jahre ist die Zahl der Worte stark angewachsen: Es scheint so, als habe man in den letzten zwanzig Jahren auf allen Ebenen der Kirche mehr »Dokumente« produziert als in den zwanzig vorherge­henden Jahrhunderten.

Und doch haben viele den Eindruck, als verschweige diese so redselige Kirche das Wesentliche: das ewige Leben. Heiliger Vater, existieren Paradies, Fegefeuer und Hölle noch? Warum geben so viele Kirchenleute unablässig Erklärungen über die Aktualität ab und sprechen fast nie von der Ewigkeit, jener endgültigen Einheit mit Gott, die, wenn man den Glauben ernst nimmt, doch die Berufung, das Schicksal und das letzte Ziel des Menschen ist?

Schlagen Sie bitte das VII. Kapitel der Konzilskonstitu­tion »Lumen gentium« auf, wo der endzeitliche Charak­ter der auf Erden pilgernden Kirche und auch ihre Ein­heit mit der himmlischen Kirche behandelt wird. Ihre Frage zielt nicht auf die Einheit der pilgernden Kirche mit der himmlischen Kirche, sondern auf das Band zwi­schen Eschatologie und irdischer Kirche. Diesbezüglich heben Sie hervor, daß dieser Aspekt in gewisser Weise verlorengegangen ist, und ich muß zugeben, daß Sie hier nicht ganz unrecht haben.

Erinnern wir uns daran, daß bis in nicht allzuweit zurückliegende Zeiten die Letzten Dinge — Tod, Gericht, Hölle, Paradies und Fegefeuer — in Predigten bei Ein­kehrtagen und Gemeindemissionen einen feststehenden Punkt des Meditationsprogramms darstellten und daß die Prediger sehr wirksam und eindrucksvoll davon sprechen konnten. Wie groß ist die Zahl der Menschen, die von diesen Predigten und Gedanken über die letzten Dinge zur Umkehr und Beichte geführt wurden!

Außerdem muß man zugestehen, daß dieser Pastoralstil zutiefst personalistisch war: »Erinnere dich, daß du am Ende mit deinem ganzen Leben vor Gott erscheinen mußt, daß du vor seinem Gericht die Verantwortung für all deine Taten tragen mußt, daß nicht nur über deine Taten und Worte, sondern auch über deine geheimsten Gedanken gerichtet wird.« Wir können sagen, daß sol­che Predigten, die mit dem Inhalt der Offenbarung im Alten und Neuen Testament völlig in Einklang standen, zutiefst in die innere Welt des Menschen eindrangen. Sie rüttelten das Gewissen wach, sie warfen den Menschen auf die Knie und führten ihn zum Gitter des Beicht­stuhls; sie hatten eine zutiefst heilbringende Wirkung.

Der Mensch ist frei, und deshalb ist er verantwortlich. Seine Verantwortung ist persönlich und sozial; es ist eine Verantwortung vor Gott. Es ist die Verantwortung, in der seine Größe liegt. Ich verstehe, worin Ihre Befürch­tung besteht: Sie fürchten, daß der Verlust dieser katechetischen, kerygmatischen und homiletischen Inhalte eine Gefahr für diese elementare Größe des Menschen darstellt. Man kann sich tatsächlich fragen, ob die Kirche ohne diese Botschaft noch in der Lage wäre, Heldentum und Heilige hervorzubringen. Ich spreche nicht so sehr von jenen »Großen«, die seliggesprochen werden, son­dern, im Sinne des Wortes des ersten christlichen Schrift­tums, von den »alltäglichen« Heiligen.

Es ist bedeutungsvoll, daß uns das Konzil auch an die all­gemeine Berufung zur Heiligkeit in der Kirche erinnert. Diese Berufung ist universal, das heißt, sie geht alle Getauften, alle Christen an. Sie ist immer sehr persön­lich und an die Arbeit und den Beruf gebunden. Es ist die Rechenschaft, die der Mensch darüber ablegen muß, ob er seine Talente gut oder schlecht genutzt hat. Wir wissen, daß die Worte Jesu an den Mann, der sein Geld, seine »Talente«, vergraben hatte, sehr streng und ent­schieden sind (vgl. Mt 25,25-30).

Man kann sagen, daß noch in der jüngsten katecheti­schen und kerygmatischen Tradition der Kirche eine regelrecht individuelle Eschatologie vorherrschte, die sich an einer im übrigen tief in der göttlichen Offenba­rung verwurzelten Dimension ausrichtete. Die Perspek­tive, die das Konzil vorschlägt, ist die einer Eschatologie der Kirche und der Welt.

Der Titel des VII. Kapitels von »Lumen gentium« lautet »Der endzeitliche Charakter der pilgernden Kirche«. Ich empfehle es zur erneuten Lektüre, da es genau diese Absicht enthüllt. Hier ist sein Anfang:

»Die Kirche, zu der wir alle in Christus Jesus berufen werden und in der wir mit der Gnade Gottes die Heilig­keit erlangen, wird erst in der himmlischen Herrlichkeit vollendet werden, wenn die Zeit der allgemeinen Wie­derherstellung kommt (Apg 3,21). Dann wird mit dem Menschengeschlecht auch die ganze Welt, die mit dem Menschen innigst verbunden ist und durch ihn ihrem Ziele entgegengeht, vollkommen in Christus erneuert werden . . .

Christus hat, von der Erde erhöht, alle an sich gezogen (vgl. Joh 12,32). Auferstanden von den Toten (vgl. Röm 6,9), hat er seinen lebendig machenden Geist den Jün­gern mitgeteilt und durch ihn seinen Leib, die Kirche, zum allumfassenden Heilssakrament gemacht. Zur Rechten des Vaters sitzend, wirkt er beständig in der Welt, um die Menschen zur Kirche zu führen und durch sie enger mit sich zu verbinden, um sie mit seinem eige­nen Leib und Blut zu ernähren und sie seines verherr­lichten Lebens teilhaftig zu machen. Die Wiederherstel­lung also, die uns verheißen ist und die wir erwarten, hat in Christus schon begonnen, nimmt ihren Fortgang in der Sendung des Heiligen Geistes und geht durch ihn weiter in der Kirche, in der wir durch den Glauben auch über den Sinn unseres zeitlichen Lebens belehrt werden, bis wir das vom Vater uns in dieser Welt übertragene Werk mit der Hoffnung auf die künftigen Güter zu Ende führen und unser Heil wirken (vgl. Phil 2,12). Das Ende der Zeiten ist also bereits zu uns gekommen (vgl. 1 Kor 10,11), und die Erneuerung der Welt ist unwiderruflich schon begründet und wird in dieser Weltzeit in gewisser Weise wirklich vorausgenommen. Denn die Kirche ist schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommen Heiligkeit ausgezeichnet. Bis es aber einen neuen Himmel und eine neue Erde gibt, in denen die Gerechtigkeit wohnt (vgl. 2 Petr 3,13), trägt die pil­gernde Kirche in ihren Sakramenten und Einrichtungen, die noch zu dieser Weltzeit gehören, die Gestalt dieser Welt, die vergeht, und zählt selbst so zu der Schöpfung, die bis jetzt noch seufzt und in Wehen liegt und die Offenbarung der Kinder Gottes erwartet (vgl. Röm 8,19-22)« (Nr. 48).

Wir müssen zugeben, daß diese eschatologische Sicht in der traditionellen Predigt nur sehr schwach vorhanden war. Und doch ist es eine ursprüngliche, biblische Sicht­weise. Der gesamte, oben wiedergegebene Abschnitt aus einem Konzilstext besteht in Wahrheit aus Zitaten aus dem Evangelium, aus den Apostelbriefen und aus der Offenbarung. Die traditionelle Eschatologie, bei der es um die sogenannten Letzten Dinge ging, wurde vom Konzil in dieser wesentlich biblischen Ausrichtung nie­dergeschrieben. Wie ich bereits hervorgehoben habe, ist die Eschatologie zutiefst anthropologisch, doch im Lichte des Neuen Testamentes orientiert sie sich vor allem an Christus und am Heiligen Geist, und in gewis­sem Sinne ist sie auch kosmisch.

Man kann sich fragen, ob der Mensch mit seinem indivi­duellen Leben, seiner Verantwortung, seinem Schicksal, seiner persönlichen eschatologischen Zukunft, seinem Paradies oder seiner Hölle oder seinem Fegefeuer nicht damit endet, daß er sich in dieser kosmischen Dimension verirrt. Da es für Ihre Frage gute Gründe gibt, muß sie mit einem aufrichtigen »Ja« beantwortet werden: Der Mensch hat sich in gewissem Maße verirrt; die Prediger, die Katecheten, die Erzieher haben sich verirrt und auch den Mut verloren, »mit der Hölle zu drohen«. Und viel­leicht haben selbst die, die ihnen zuhören, keine Angst mehr davor.

Der Mensch der heutigen Gesellschaft ist für die Letzten Dinge in der Tat wenig empfänglich. Auf der einen Seite fördern Säkularisation und Säkularismus diese Unemp­fänglichkeit, deren Ergebnis schließlich ein nur am Genuß irdischer Freuden ausgerichtetes Konsumverhal­ten ist. Andererseits haben hierzu auch die zeitlichen Höllen unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts ihren Beitrag geleistet. Kann denn der Mensch nach den Erfahrungen der Konzentrationslager, Gulags und Bom­benangriffe, gar nicht zu reden von Naturkatastrophen, etwas noch Schlimmeres auf Erden erwarten – noch mehr Demütigungen, noch mehr Verachtung und Ver­zweiflung? Mit einem Wort: mit einer Hölle rechnen? Die Eschatologie ist daher dem heutigen Menschen eher fremd geworden, vor allem in unserer Gesellschaft. Das heißt jedoch noch nicht, daß ihm auch der Glaube an Gott als Höchster Gerechtigkeit, daß ihm das Warten auf »Jemanden« fremd geworden ist, der am Ende die Wahrheit über das Gute und das Böse der menschlichen Taten zu sagen weiß und das Gute zu belohnen und das Böse zu bestrafen vermag. Kein anderer als er wird dazu in der Lage sein. Die Menschen haben sich ein Bewußt­sein davon bewahrt. Die Schrecken unseres Jahrhun­derts haben es nicht auszulöschen vermocht: ». . . dem Menschen (ist) bestimmt, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt« (vgl. Hebr. 9,27).

Dieses Bewußtsein stellt überdies in einem gewissen Sinn einen gemeinsamen Nenner aller monotheistischen Religionen dar, aber auch für andere. Wenn das Konzil von der eschatologischen Natur der pilgernden Kirche spricht, so stützt es sich auch auf dieses Bewußtsein. Der Gott als gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, ist in der Tat der Gott von Abraham, Isaak, Moses und auch von Christus, der sein Sohn ist. Dieser Gott ist vor allem Liebe. Nicht nur Barmherzig­keit, sondern Liebe. Nicht nur der Vater des verlorenen Sohns, sondern der Vater, »der seinen Sohn hingibt, damit der Mensch nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (vgl. Joh 3,16).

Diese Wahrheit über Gott, die uns das Evangelium ver­kündet, entscheidet über einen gewissen Wandel in der eschatologischen Anschauungsweise. Vor allem ist die Eschatologie nicht das, was noch geschehen muß, was erst nach dem irdischen Leben eintreten wird. Die Eschatologie hat bereits mit der Herabkunft Christi begonnen. Ein eschatologisches Ereignis war vor allem sein Erlösungstod und seine Auferstehung. Dies ist der Anfang »eines neuen Himmels und einer neuen Erde« (vgl. Apg 21,1). Die Zukunft von uns allen ist über den Tod hinaus an die Aussage gebunden: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten.« Und dann an: »Ich glaube an die Vergebung der Sünden und an das ewige Leben.« Dies ist die christozentrische Eschatologie.

In Christus hat Gott der Welt offenbart: ». . . er will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (1 Tim 2,4). Dieser Satz des ersten Briefs an Timotheus ist aufgrund der Anschauung und der Verkündigung der letzten Dinge außerordentlich wichtig. Wenn aber dies Gottes Wunsch ist, wenn Gott dafür seinen Sohn hingibt, der seinerseits durch den Hei­ligen Geist in der Kirche wirkt, kann der Mensch dann verdammt, kann er von Gott abgewiesen werden?

Die Frage der Hölle hat von Origines bis in unsere Zeit ­bis hin zu Michail Bulgakow und Hans Urs von Bal­thasar — schon immer die großen Denker der Kirche beunruhigt. In Wahrheit hatten die ersten Konzile die Theorie der sogenannten finalen Apokatastasis zurück­gewiesen, der zufolge die Welt nach ihrer Zerstörung wiederhergestellt wird und alle Geschöpfe gerettet wer­den. Diese Theorie schaffte indirekt die Hölle ab. Doch das Problem besteht immer noch. Kann Gott, der den Menschen so sehr geliebt hat, zulassen, daß der Mensch ihn so sehr ablehnt, daß er zu ewigen Qualen verdammt werden muß?

Wie dem auch sei, die Worte Christi sind eindeutig. Im Matthäusevangelium spricht er klar von denen, die die ewige Strafe erhalten werden (vgl. 25,46). Wer wird zu ihnen gehören? Die Kirche hat sich hierüber niemals geäußert. Es ist ein wirklich unergründliches Geheimnis zwischen der Heiligkeit Gottes und dem Gewissen der Menschen. Das Schweigen der Kirche ist damit die ein­zig angemessene Haltung der Christen. Obwohl er von Judas, dem Verräter, sagt: »Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre« (Mt 26,24), darf diese Erklärung mit Sicherheit nicht im Sinne der ewigen Verdammnis aufgefaßt werden.

Zugleich gibt es etwas im moralischen Gewissen des Menschen, das auf den Verlust dieser Aussicht reagiert: Ist denn der Gott, der die Liebe ist, nicht auch endgül­tige Gerechtigkeit? Kann er diese furchtbaren Verbre­chen annehmen, können sie unbestraft bleiben? Ist denn die endgültige Strafe nicht in gewisser Weise notwendig, damit das moralische Gleichgewicht in der so verworre­nen Menschheitsgeschichte hergestellt werden kann? Ist eine Hölle denn in gewissem Sinne nicht »die letzte Ret­tung« für das moralische Gewissen des Menschen?

Die Heilige Schrift kennt auch den Begriff »reinigendes Feuer«. Die Ostkirche hat ihn angenommen, weil er bib­lisch ist, während sie die katholische Lehre vom Fege­feuer nicht übernommen hat.

Ein sehr überzeugendes Argument für das Fegefeuer haben mir neben der Bulle von Benedikt XII. aus dem 14. Jahrhundert die mystischen Werke des hl. Johannes vom Kreuz gegeben. »Die lebendige Flamme der Liebe«, von der er spricht, ist vor allem eine reinigende Flamme. Die mystischen Nächte, die dieser große Kir­chenlehrer aus eigener Erfahrung beschreibt, entspre­chen in gewissem Sinne dem Fegefeuer. Gott läßt den Menschen das innere Fegefeuer all seiner sinnlichen und geistigen Natur durchleben, um ihn zur göttlichen Ein­heit zu führen. Wir stehen hier nicht vor einem einfachen Gericht. Wir stellen uns der Macht der Liebe selbst.

Es ist vor allem die Liebe, die richten muß. Gott, der die Liebe ist, richtet durch die Liebe. Es ist die Liebe, die vom Menschen Reinigung verlangt, bevor er zu jener Einheit mit Gott reifen kann, die seine endgültige Beru­fung und seine Bestimmung ist.

Vielleicht reicht dies aus. Im Osten wie im Westen haben viele Theologen, auch zeitgenössische, ihre Studien der Eschatologie, den Letzten Dingen gewidmet. Die Kirche hat von ihrem eschatologischen Bewußtsein nicht abge­lassen. Sie hat nicht aufgehört, die Menschen zum ewi­gen Leben zu führen. Müßte sie davon ablassen, so würde sie aufhören, ihrer eigenen Berufung und dem von ihr mit Gott in Jesus Christus geschlossenen Neuen Bund treu zu sein.

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Quelle: Johannes Paul II – Die Schwelle der Hoffnung überschreiten – herausgegeben von Vittorio Messori – Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg