JOHANNES PAUL II.: DAS REICH GOTTES

12. »Gott, der voll Erbarmen ist, wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennengelernt«.21 Dies schrieb ich zu Beginn der Enzyklika Dives in misericordia, um zu zeigen, wie Christus die Offenbarung und Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters ist. Das Heil besteht darin, an das Geheimnis des Vaters und seiner Liebe zu glauben und es anzunehmen. Diese Liebe zeigt sich und wird Gabe in Jesus durch den Geist. So vollendet sich das Reich Gottes, das schon im Alten Bund vorbereitet, durch Christus und in Christus verwirklicht und von der Kirche allen Nationen verkündet wurde. Diese wirkt und betet darum, daß es sich in vollkommener und endgültiger Weise verwirklichen möge.

Das Alte Testament bezeugt, daß Gott sich ein Volk erwählt und geformt hat, um seinen Plan der Liebe zu offenbaren und zu verwirklichen. Aber zugleich ist Gott Schöpfer und Vater aller Völker, er trägt Sorge für alle, sein Segen gilt allen (vgl. Gen 12, 3), mit allen hat er einen Bund geschlossen (vgl. Gen 9, 1-17). Israel macht die Erfahrung der Existenz eines persönlichen Gottes und Erlösers (vgl. Dtn 4, 37; 7, 6-8; Jes 43, 1-7) und wird so Zeuge und Verkünder inmitten der Völker. Im Laufe seiner Geschichte wird sich Israel bewußt, daß seine Erwählung weltumfassende Bedeutung hat (vgl. z.B. Jes 2, 2-5; 25, 6-8; 60, 1-6; Jer 3, 17; 16, 19).

Christus bewirkt die Anwesenheit des Reiches

13. Jesus von Nazareth bringt den Plan Gottes zur Vollendung. Nachdem er in der Taufe den Heiligen Geist empfangen hat, tut er seine messianische Berufung kund: er durchwandert Galiläa, »er verkündet das Evangelium Gottes und spricht: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe; kehrt um und glaubt an das Evangelium“« (Mk 1, 14-15; vgl.Mt 4, 17; Lk 4, 43). Die Verkündigung und Errichtung des Reiches Gottes sind Gegenstand seiner Sendung: »Dazu bin ich gesandt worden« (Lk 4, 43). Aber da ist noch mehr: Jesus ist selbst die »gute Nachricht«, wie er schon am Anfang der Sendung in der Synagoge seiner Heimat betont, indem er die Worte Jesajas über den Gesalbten, der vom Geist des Herrn gesandt ist, auf sich selbst bezieht (vgl. Lk 4, 14-21). Da Christus also die »gute Nachricht« ist, besteht kein Unterschied zwischen Botschaft und Verkünder, zwischen Wort, Handeln und Sein. Seine Kraft, das Geheimnis der Wirkung seines Handelns liegt in der völligen Identität mit der Botschaft, die er bringt: er sagt die »gute Nachricht« an, nicht nur in dem, was er spricht und tut, sondern in dem, was er ist.

Jesu Tätigkeit wird beschrieben im Zusammenhang mit seinen Wanderungen durch sein Land. Der Horizont seiner Sendung vor Ostern ist mit Israel umschrieben. Mit Jesus ist jedenfalls etwas Neues von entscheidender Bedeutung gegeben. Die eschatologische Realität wird nicht auf ein fernes Ende der Welt verlegt, sie ist schon nahe und beginnt sich zu verwirklichen. Das Reich Gottes ist nahe (vgl. Mk 1, 15), man soll bitten, daß es komme (vgl. Mt 6, 10), der Glaube sieht es bereits am Werk in den Zeichen, wie sie vorhanden sind in den Wundern (vgl. Mt 11, 4-5), in den Dämonenaustreibungen (vgl. Mk 3, 13-19), in der Verkündigung der Frohbotschaft an die Armen (vgl. Lk 4, 18). In der Begegnung Jesu mit den Heiden wird klar, daß der Zugang zum Reich durch den Glauben und durch Bekehrung (vgl. Mk 1, 15) ermöglicht wird, und nicht einfach durch völkische Zugehörigkeit.

Das Reich, das Jesus bringt, ist das Reich Gottes. Jesus selbst macht offenbar, wer dieser Gott ist, dem er zutraulich den Namen »Abba«, Vater, gibt (vgl. Mk 14, 36). Gott, wie er insbesondere in den Gleichnissen erscheint (vgl. Lk 15, 3-32; Mt 20, 1-6), ist den Nöten und Leiden jedes Menschen gegenüber offen: er ist ein liebender Vater, voll Mitleid, er verzeiht und gewährt ungeschuldet die erbetene Gnade.

Der heilige Johannes sagt uns, daß Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16). Jeder Mensch ist demnach eingeladen, »sich zu bekehren« und zu »glauben« an die barmherzige Liebe, die Gott für ihn hat: das Reich wird in dem Maße wachsen, in dem jeder Mensch lernt, sich in inniger Vertrautheit des Gebetes an Gott wie an einen Vater zu wenden (vgl. Lk 11, 2; Mt 23, 9) und indem er sich bemüht, seinen Willen zu erfüllen (vgl. Mt 7, 21).

Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches

14. Jesus offenbart nach und nach die Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches durch sein Wort, durch sein Handeln und überhaupt durch seine Person.

Das Reich Gottes ist für alle Menschen bestimmt, da alle dazu berufen sind, darin eingegliedert zu werden. Um diesen Aspekt hervorzuheben hat Jesus sich insbesondere jenen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft existieren. Er gab ihnen bei seiner Verkündigung der frohen Botschaft den Vorzug. Am Anfang seiner Tätigkeit verkündete er, daß er gesandt sei, den Armen eine gute Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4, 18). Allen, die Opfer von Ablehnung und Verachtung geworden sind, erklärt er: »Selig die Armen« (Lk 6, 20); darüberhinaus ermöglicht er diesen Randexistenzen eine Erfahrung der Befreiung, indem er bei ihnen ist und mit ihnen Mahl hält (vgl. Lk 5, 30; 15, 2), sie als gleichwertig und als Freunde behandelt (vgl. Lk 7, 34), sie merken läßt, daß sie von Gott geliebt sind, und auf diese Weise offenbart er sein grenzenlos zartfühlendes Herz gegenüber den Bedürftigen und Sündern (vgl. Lk 15, 1-32).

Befreiung und Heil im Reich Gottes betreffen die menschliche Person in ihrer physischen wie geistigen Dimension. Zwei Tätigkeiten Jesu sind für seine Sendung bezeichnend: heilen und vergeben. Die zahlreichen Heilungen zeigen sein großes Mitleid angesichts menschlichen Elendes; sie tun aber auch kund, daß es im Reich weder Krankheit noch Leid geben wird und daß seine Sendung von Anfang an darauf abzielt, die Menschen davon zu befreien. In der Sicht Jesu sind die Heilungen auch Zeichen für das geistliche Heil, die Befreiung von der Sünde. Wenn Jesus Krankenheilungen vollbringt, so ruft er zum Glauben, zur Bekehrung, zum Verlangen nach Verzeihung (vgl. Lk 5, 24). Ist der Glaube da, so will die Heilung mehr erreichen: sie führt zur Heilssituation (vgl. Lk 18, 42-43 ). Die Befreiung von Besessenheit und Dämonen, äußerstes Übel und sichtbarer Ausdruck der Sünde und der Auflehnung gegen Gott, ist Zeichen dafür, daß »das Reich Gottes zu euch gekommen ist« (Mt 12, 28).

15. Das Reich ist darauf angelegt, die Beziehungen unter den Menschen zu verändern und verwirklicht sich schrittweise insofern sie lernen einander zu lieben, einander zu vergeben und einander zu dienen. Jesus nimmt das ganze Gesetz auf und gibt ihm im Gebot der Liebe seine Mitte (vgl. Mt 22, 34-40; Lk 10, 25-28). Bevor er von den Seinen scheidet, gibt er ihnen ein »neues Gebot«: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 14; vgl. 15, 12). Die Liebe, mit der Jesus die Welt geliebt hat, findet ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe seines Lebens für die Menschen (vgl. Joh 3, 16). Darum ist die Natur des Reiches die Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott.

Das Reich bezieht alle ein: die einzelnen, die Gesellschaft, die ganze Welt. Für das Reich wirken bedeutet Anerkennung und Förderung der göttlichen Dynamik, die in der Geschichte der Menschheit anwesend ist und sie umformt. Das Reich aufbauen bedeutet arbeiten zur Befreiung vom Übel in allen seinen Formen. Das Reich Gottes ist letztlich die Offenbarung und Verwirklichung seiner Heilsabsicht in ganzer Fülle.

Im Auferstandenen kommt das Reich zur Vollendung und wird durch ihn verkündet

16. Indem Gott Jesus von den Toten erweckte, hat er den Tod besiegt, und in ihm hat er sein Reich in endgültiger Weise eingesetzt. Während seines Erdenlebens ist Jesus Prophet des Reiches und nach seinem Leiden, seiner Auferstehung und Himmelfahrt hat er Anteil an der Macht Gottes und an seiner Herrschaft über die Welt (vgl. Mt 28, 28; Apg 2, 36; Eph 1, 18-21). Die Auferstehung gibt der Botschaft Christi, seinem Handeln und seiner ganzen Sendung universale Bedeutung. Die Jünger erkennen, daß das Reich in der Person Jesu schon anwesend ist und daß es im Menschen und in der Welt mittels einer geheimnisvollen Verbindung mit ihm nach und nach eingerichtet wird.

Nach der Auferstehung predigen die Jünger vom Reich, indem sie verkünden, daß Jesus gestorben und auferstanden ist. Philippus verkündet in Samaria »das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi« (Apg 8, 12). Paulus verkündet in Rom »das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn, vor« (Apg 28, 31). Die ersten Christen verkünden »das Reich Christi und Gottes« (Eph 5, 5; vgl. Off 11, 15; 12, 10) oder einfach »das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus« (2 Petr 1, 11). In der Verkündigung über Jesus Christus, mit dem das Reich identisch ist, findet die Verkündigung der frühen Kirche ihre Mitte. Wie damals, so gilt es auch heute, die Verkündigung über das Reich Gottes (Inhalt des »Kerygmas« Jesu) und die Verkündigung des Ereignisses Jesus Christus (»Kerygma« der Apostel) zu verbinden. Beide ergänzen sich und beleuchten einander.

Das Reich in seiner Beziehung zu Christus und zur Kirche

17. Heute spricht man viel vom Reich, aber nicht immer im Gleichklang mit kirchlichem Denken. Es gibt Auffassungen über Heil und Sendung, die man »anthroprozentrisch« in einem verkürzten Sinn dieses Begriffes nennen könnte, insofern sie auf die irdischen Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet sind. In solcher Sicht wird das Reich eher zu einer rein irdischen und säkularisierten Wirklichkeit, in der Programme und der Kampf für sozio-ökonomische, politische und kulturelle Befreiung den Ausschlag geben, aber der Horizont bleibt der Transzendenz gegenüber verschlossen. Ohne zu leugnen, daß auch auf dieser Ebene Werte zu fördern sind, bleibt diese Auffassung doch innerhalb der Grenzen eines Reiches, in dem der Mensch um seine echten und tiefen Dimensionen gebracht wird und allzu leicht einer der rein irdischen Fortschrittsideologien verhaftet bleibt. Das Reich Gottes aber ist nicht von dieser Welt, es ist nicht von hier (vgl. Joh 18, 36).

Es gibt sodann jene Ansichten, die eindeutig den Akzent auf das Reich legen und sich als »reich-zentriert« bezeichnen. Sie wollen das Bild einer Kirche entwerfen, die nicht an sich selbst denkt, die vielmehr ganz damit befaßt ist, Zeugnis vom Reich zu geben und ihm zu dienen. Sie ist eine »Kirche für die anderen«, so sagt man, wie Christus der »Mensch für die anderen« ist. Man beschreibt die Aufgabe der Kirche so, als sollte sie in zwei Richtungen gehen; einerseits soll sie die sogenannten »Werte des Reiches«, wie Friede, Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit fördern; andererseits soll sie den Dialog unter den Völkern, Kulturen, Religionen begünstigen, damit sie sich gegenseitig bereichern und der Welt helfen, sich zu erneuern und immer mehr den Weg auf das Reich hin zu gehen.

Neben positiven Aspekten bieten diese Auffassungen oft negative Seiten. Insbesondere übergehen sie die Person Christi mit Schweigen: das Reich, von dem sie sprechen, gründet sich auf eine »Theozentrik«, weil – wie sie sagen – Christus von jenen nicht verstanden werden kann, die nicht den christlichen Glauben haben, während verschiedene Völker, Kulturen und Religionen in einer einzigen göttlichen Wirklichkeit, wie immer diese genannt werden mag, sich wiederfinden können. Aus dem gleichen Grund geben sie dem Geheimnis der Schöpfung den Vorzug, das sich in der Verschiedenheit de Kulturen und religiösen Anschauungen widerspiegelt, sagen aber nichts über das Geheimnis der Erlösung. Darüberhinaus erliegt das Reich, wie sie es verstehen, der Gefahr, die Kirche an den Rand zu drängen oder sie unterzubewerten, als Reaktion auf eine vermeintliche »Ekklesiozentrik« in der Vergangenheit, und weil sie die Kirche als bloßes Zeichen betrachten, das im übrigen nicht frei ist von Zweideutigkeiten.

18. Dies ist aber nun nicht das Reich Gottes, wie wir es von der Offenbarung her kennen: es kann weder von Christus noch von der Kirche losgelöst werden.

Wie schon gesagt, hat Christus das Reich nicht nur verkündet, in seiner Person ist es anwesend und kommt in ihr zur Vollendung. Dies nicht nur durch seine Worte und seine Taten: »Vor allem wird dieses Reich offenbar in der Person Christi selbst, des Sohnes Gottes und des Menschensohnes, der gekommen ist, „um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen“ (Mk 10, 45)22 Das Reich Gottes ist nicht eine Anschauung, eine Doktrin, ein Programm, das man frei ausarbeiten kann, es ist vor allemeine Person, die das Antlitz und den Namen Jesu von Nazareth trägt, Abbild des unsichtbaren Gottes.23 Wenn man das Reich von der Person Jesu trennt, hat man nicht mehr das von ihm geoffenbarte Reich Gottes, man verkehrt schließlich entweder den Sinn des Reiches, das ein rein menschliches oder ideologisches Objekt zu werden droht, oder man verfälscht die Identität Christi, der nicht mehr als der Herr, dem alles unterzuordnen ist, erscheint (vgl. 1 Kor 15, 27).

Ebenso kann man das Reich nicht von der Kirche loslösen. Gewiß, sie ist nicht selbst Ziel, da sie auf das Reich Gottes hingeordnet ist, dessen Wirklichkeit sie keimhaft und zeichenhaft darstellt und dessen Werkzeug sie ist. Aber bei aller klaren Unterscheidung zwischen Kirche einerseits und Christus und Reich andererseits, bleibt die Kirche doch untrennbar mit beiden verbunden. Christus hat die Kirche, seinen Leib, mit der Fülle der Heilsgüter und -mittel ausgestattet; der Heilige Geist wohnt in ihr, gibt ihr Leben mit seinen Gaben und Charismen, heiligt, leitet und erneuert sie ständig.24 Daraus resultiert eine besondere und einzigartige Beziehung, die der Kirche eine spezifische und notwendige Rolle zuweist, obschon sie das Werk Christi und des Geistes nicht auf ihre sichtbaren Grenzen einengt. Von hier aus ergibt sich auch das besondere Band zwischen Kirche und Reich Gottes und Christi, »das anzukündigen und in allen Völkern zu begründen sie die Sendung hat«.25

19. In dieser Gesamtschau kann die Wirklichkeit des Reiches verstanden werden. Es macht gewiß die Förderung der menschlichen Güter und Werte erforderlich, die man passend als »evangelisch« bezeichnen kann, weil sie aufs engste mit der frohen Botschaft verbunden sind. Aber diese Förderung, die auch der Kirche am Herzen liegt, soll nicht losgelöst werden von und nicht in Gegensatz gebracht werden zu ihren anderen grundlegenden Aufgaben, wie die Verkündigung Christi und seines Evangeliums, die Gründung und Entwicklung der Gemeinschaft, wodurch ein lebendiges Bild des Reiches unter den Menschen entsteht. Man soll nicht befürchten, auf diese Weise einer gewissen Form der »Ekklesiozentrik« zu verfallen. Paul Vl., der die Existenz »eines in die Tiefe reichenden Bandes zwischen Christus, Kirche und Evangelisierung«26 feststellt, hat ebenso gesagt, daß die Kirche »sich nicht selbst Ziel ist, daß sie sich aber eifrig bemüht, ganz Christus zu gehören, in ihm und für ihn zu sein, und ganz auf der Seite der Menschen zu stehen, unter ihnen und für sie dazusein«.27

Die Kirche im Dienst für das Reich

20. Die Kirche ist tatsächlich und konkret für den Dienst am Reich da. Sie ist es insbesondere mit der Verkündigung, die zur Bekehrung aufruft: dies ist der erste und grundlegende Dienst für das Kommen des Reiches in den einzelnen und in der menschlichen Gesellschaft. Das eschatologische Heil nimmt schon jetzt im neuen Leben in Christus seinen Anfang: »Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben« (Joh 1, 12).

Die Kirche dient dem Reich sodann, indem sie auf der Welt die »evangelischen Werte« der Seligpreisungen bekanntmacht, die authentischer Ausdruck des Reiches sind und die den Menschen helfen, Gott mit seinem Vorhaben einzulassen. Es ist also wahr, daß die Wirklichkeit des Reiches in Ansätzen sich auch jenseits der Grenzen der Kirche in der gesamten Menschheit finden kann, insofern diese die »evangelischen Werte« lebt und sich der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er will (vgl. Joh 3, 9); es ist aber auch zu sagen, daß diese zeitliche Dimension des Reiches unvollständig bleibt, wenn sie nicht zusammen mit dem Reich Christi ausgesagt wird, das in der Kirche anwesend und auf die eschatologische Vollendung ausgerichtet ist.28

Die vielfältigen Aspekte des Reiches Gottes29 schwächen die Grundlagen und Ziele der missionarischen Tätigkeit nicht, sie bestärken und erweitern sie vielmehr. Die Kirche ist Sakrament des Heiles für die ganze Menschheit, und ihre Tätigkeit beschränkt sich nicht auf jene, die die Heilsbotschaft annehmen. Sie ist treibende Kraft auf dem Weg der Menschheit auf das eschatologische Reich hin, ist Zeichen und Förderin der evangelischen Werte unter den Menschen.30 Für das Einschlagen dieses Weges der Hinwendung zum Plan Gottes liefert die Kirche ihren Beitrag durch ihr Zeugnis und ihre Tätigkeit, durch Dialog, durch Förderung im menschlichen Bereich, durch Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für Erziehung und für Pflege der Kranken, durch Sorge für die Armen und Kleinen, wobei sie die transzendentale und geistliche Wirklichkeit im Auge behält, die auf das eschatologische Heil vorbereitet.

Die Kirche dient schließlich dem Reich auch durch ihre Fürbitte, denn dieses ist seiner Natur nach Gabe und Werk Gottes, wie die Gleichnisse im Evangelium und das Gebet, das Jesus uns selbst gelehrt hat, in Erinnerung bringen. Wir müssen es erbitten, aufnehmen und in uns und in der Welt zum Wachsen bringen; wir müssen aber auch daran mitarbeiten, daß es von den Menschen angenommen wird und wächst, bis Christus »das Reich dem Vater übergibt und Gott über alles und in allem herrscht« (1 Kor 15, 24.28).

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Quelle (Kapitel II)

DIE EINE, HEILIGE, KATHOLISCHE UND APOSTOLISCHE KIRCHE

„Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen“ (LG 8). Diese vier Eigenschaften, die sich nicht voneinander trennen lassen [Vgl. DS 2888], bezeichnen Wesenszüge der Kirche und ihrer Sendung. Die Kirche besitzt sie nicht von sich aus. Christus macht durch den Heiligen Geist seine Kirche zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen. Er beruft sie dazu, jede dieser Eigenschaften zu verwirklichen.

Einzig der Glaube vermag zu erkennen, daß die Kirche diese Eigenschaften von ihrem göttlichen Ursprung her besitzt. Deren geschichtliche Auswirkungen sind jedoch Zeichen, die auch klar die menschliche Vernunft ansprechen. Wie das Erste Vatikanische Konzil sagt, ist die Kirche „wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, außerordentlichen Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten, wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegten Beständigkeit ein mächtiger und fortdauernder Beweggrund der Glaubwürdigkeit und ein unwiderlegbares Zeugnis ihrer göttlichen Sendung“ (DS 3013).

I. Die Kirche ist eine

„Das heilige Geheimnis der Einheit der Kirche“ (UR 2)

Die Kirche ist eine von ihrem Ursprung her. „Höchstes Vorbild und Urbild dieses Geheimnisses ist die Einheit des einzigen Gottes, des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist in der Dreiheit der Personen“ (UR 2). Die Kirche ist eine von ihrem Gründer her. Dieser, „der menschgewordene Sohn hat durch sein Kreuz alle Menschen mit Gott versöhnt und die Einheit aller in einem Volk und in einem Leib wiederhergestellt“ (GS 78,3). Die Kirche ist eine von ihrer Seele her. „Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche erfüllt und leitet, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, daß er das Prinzip der Einheit der Kirche ist“ (UR 2). Die Einheit gehört somit zum Wesen der Kirche:

„O welch geheimnisvolles Wunder! Einer ist der Vater aller Dinge, einer auch der Logos aller Dinge, und der Heilige Geist ein und derselbe überall, und es gibt auch nur eine einzige jungfräuliche Mutter; ich liebe es, sie Kirche zu nennen“ (Clemens v. Alexandrien, pæd. 1,6,42).

Von Anfang an weist indes diese eine Kirche eine große Vielfalt auf. Diese rührt einerseits von der Unterschiedlichkeit der Gaben Gottes her, andererseits von der Vielzahl der sie empfangenden Menschen. In der Einheit des Gottesvolkes kommen die Verschiedenheiten der Völker und Kulturen. zusammen. Unter den Gliedern der Kirche besteht eine Vielfalt von Gaben, Aufgaben, Lebensbedingungen und Lebensweisen; „in der kirchlichen Gemeinschaft gibt es zu Recht Teilkirchen, die über eigene Überlieferungen verfügen“ (LG 13). Der große Reichtum an Verschiedenheiten steht der Einheit der Kirche nicht entgegen, sondern die Sünde und ihre Folgen belasten und bedrohen diese Gabe der Einheit unablässig. Darum muß der hI. Paulus dazu ermahnen, „die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3).

Welches sind die Bande der Einheit? Vor allem ist es die Liebe, „das Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,14). Die Einheit der pilgernden Kirche wird aber auch durch folgende sichtbare Bande der Gemeinschaft gesichert:

  • das Bekenntnis ein und desselben, von den Aposteln überlieferten Glaubens;
  • die gemeinsame Feier des Gottesdienstes, vor allem der Sakramente;
  • die apostolische Sukzession, die durch das Weihesakrament die brüderliche Eintracht der Familie Gottes aufrechterhält [Vgl. UR 2; LG 14;  [link] CIC, can. 205].

„Die einzige Kirche Christi … zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen, ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in [subsistit in] der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“ (LG 8).

Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus erklärt:

„Nur durch die katholische Kirche Christi, die allgemeine Hilfe zum Heil ist, kann man die ganze Fülle der Heilsmittel erlangen. Denn einzig dem Apostelkollegium, dem Petrus vorsteht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu bilden, dem alle völlig einverleibt werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören“ (UR 3).

Verletzungen der Einheit

„In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen aufgekommen, die der Apostel als schwer verwerflich tadelt; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Uneinigkeiten entstanden, und es trennten sich nicht unbedeutende Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, bisweilen nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“ (UR 3). Zu den Spaltungen, welche die Einheit des Leibes Christi verwunden (man unterscheidet dabei die Häresie, die Apostasie und das Schisma) [Vgl.  [link] CIC, can. 751], kommt es nicht ohne die Sünden der Menschen:

„Wo Sünden sind, da ist Vielheit, da sind Spaltungen, da Sekten, da Streitgespräche. Wo aber Tugend ist, da ist Einmütigkeit, da Einheit, weshalb alle Gläubigen eines Herzens und einer Seele waren“ (Origenes, horn. in Ezech. 9,1).

„Denen aber, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und mit dem Glauben an Christus erfüllt werden, können keine Vorwürfe wegen der Sünde der Trennung gemacht werden und die katholische Kirche begegnet ihnen in brüderlicher Achtung und Liebe … sie werden aufgrund des Glaubens in der Taufe gerechtfertigt, Christus einverleibt, und darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Kindern der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt“ (UR 3).

Zudem sind außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden“ (LG 8):

„das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente“ (UR 3) [Vgl. LG 15]. Der Geist Christi bedient sich dieser Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften als Mittel zum Heil. Ihre Kraft kommt aus der Gnaden- und Wahrheitsfülle, die Christus der katholischen Kirche anvertraut hat. Alle diese Güter stammen von Christus, führen zu ihm [Vgl. UR 3] und drängen von selbst „auf die katholische Einheit hin“ (LG 8).

Auf die Einheit hin

Die Einheit „hat Christus seiner Kirche von Anfang an geschenkt, eine Einheit, die nach unserem Glauben unverlierbar in der katholischen Kirche besteht, und die, wie wir hoffen, immer mehr wachsen wird bis zur Vollendung der Zeiten“ (UR 4). Christus gibt seiner Kirche stets die Gabe der Einheit, aber die Kirche muß ständig beten und arbeiten, um die Einheit, die Christus für sie will, zu erhalten, zu stärken und zu vervollkommnen. Deshalb bittet Jesus selbst zur Stunde seines Leidens und fortwährend den Vater um die Einheit seiner Jünger: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Das Verlangen, zur Einheit aller Christen zurückzufinden, ist eine Gabe Christi und ein Ruf des Heiligen Geistes [Vgl. UR 1].

Um diesem Ruf richtig zu entsprechen, bedarf es:

  • einer dauernden Erneuerung der Kirche in einer größeren Treue zu ihrer Berufung. Diese Erneuerung ist die Triebkraft der Bewegung hin zur Einheit [VgL UR 6];
  • der Bekehrung des Herzens, um nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium zu streben [Vgl. UR 7], denn die Untreue der Glieder gegenüber der Gabe Christi verursacht die Trennungen;
  • des gemeinsamen Gebetes, denn „die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden“ (UR 8);
  • der gegenseitigen brüderlichen Kenntnis [Vgl. UR 9];
  • der ökumenischen Bildung der Gläubigen und vor allem der Priester [Vgl. UR 10];
  • des Gesprächs zwischen den Theologen und der Begegnungen zwischen den Christen der verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften [Vgl. UR 4; 9; 11];
  • der Zusammenarbeit der Christen in den verschiedenen Bereichen des Dienstes am Menschen [Vgl. UR 12].

„Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten“ (UR 5). Man muß sich aber auch bewußt sein, „daß dieses heilige Anliegen der Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und einzigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt“. Darum setzen wir unsere Hoffnung „gänzlich auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes“ (UR 24).

II Die Kirche ist heilig

„Es ist Gegenstand des Glaubens, daß die Kirche … unzerstörbar heilig ist. Denn Christus, der Sohn Gottes, der mit dem Vater und dem Geist als ‚allein Heiliger‘ gepriesen wird, hat die Kirche als seine Braut geliebt, indem er sich selbst für sie hingab, um sie zu heiligen, und er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden sowie mit der Gabe des Heiligen Geistes erfüllt zur Ehre Gottes“ (LG 39). Die Kirche ist somit „das heilige Volk Gottes“ (LG 12), und ihre Glieder werden „heilig“ genannt [Vgl. Apg 9,13;1Kor 6.1: 16,1].

Die Kirche wird durch Christus geheiligt, weil sie mit ihm vereint ist; durch ihn und in ihm wirkt sie auch heiligend. Die „Heiligung der Menschen in Christus und die Verherrlichung Gottes“ sind es, „auf die alle anderen Werke der Kirche als auf ihr Ziel hinstreben“ (SC 10). In der Kirche ist „die ganze Fülle der Heilsmittel“ (UR 3) vorhanden. In ihr „erlangen wir mit der Gnade Gottes die Heiligkeit“ (LG 48).

„Die Kirche ist schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommene Heiligkeit ausgezeichnet“ (LG 48). Sie muß in ihren Gliedern die vollkommene Heiligkeit erst noch erreichen. „Mit so vielen und so großen Mitteln zum Heile ausgerüstet, sind alle Christgläubigen jedweden Berufs und Standes auf ihrem jeweiligen Weg vom Herrn zu der Vollkommenheit der Heiligkeit berufen, in der Vater selbst vollkommen ist“ (LG 11).

Die Liebe ist die Seele der Heiligkeit, zu der alle berufen sind: „Sie leitet und beseelt alle Mittel der Heiligung und führt sie zum Ziel“ (LG 42).

„Ich begriff, daß, wenn die Kirche ein aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzter Leib ist, das edelste Organ ihr nicht fehlen dürfe; ich begriff, daß sie ein Herz haben muß, das von Liebe glüht. Ich begriff, daß die Liebe allein die anderen Glieder in Tätigkeit zu versetzen vermag, und daß, wenn sie je erlöschte, die Apostel aufhören würden, das Evangelium zu verkünden, und die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen … Ich begriff, daß die Liebe alle Berufungen umfaßt, daß sie alles in allem ist, daß sie alle Zeiten und Orte einschließt …‚ mit einem Wort, daß sie ewig ist“ (Theresia vom Kinde Jesu, ms. autob. B 3v).

„Während Christus, ‚heilig, schuldlos, unbefleckt‘, die Sünde nicht kannte, sondern allein die Vergehen des Volkes zu sühnen kam, umfaßt die Kirche in ihrem eigenen Schoß Sünder, ist zugleich heilig und stets reinigungsbedürftig, sie geht so immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“ (LG 8)1. Alle Glieder der Kirche, auch ihre Amtsträger, müssen bekennen, daß sie Sünder sind [Vgl. 1 Joh 1.8-10]. In allen wächst zwischen der guten Saat des Evangeliums bis zum Ende der Zeiten auch das Unkraut der Sünde [Vgl. Mt 13, 24-30]. Die Kirche vereint sündige Menschen, die zwar vom Heil Christi erfaßt, aber noch immer erst auf dem Weg zur Heiligkeit sind:

„Die Kirche ist heilig, auch wenn sich in ihrer Mitte Sünder befinden; denn sie lebt kein anderes Leben als das der Gnade. Wo die Glieder der Kirche an diesem Leben teilhaben, werden sie geheiligt, wo sie aber dieses Leben preis-geben, verfallen sie der Sünde und Unordnung. Das aber behindert dann die Strahlkraft der Heiligkeit der Kirche. Darunter leidet sie und tut Buße für diese Sünden. Sie hat dabei aus dem Blute Christi und aus der Gabe des Heiligen Geistes die Gewalt, ihre Söhne und Töchter von der Sündenschuld wieder zu befreien“ (SPF 19).

Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heißt feierlich erklärt, daß diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt [Vgl. LG 40; 48-51,]. „In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige“ (CL 16,3), „Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit“ (CL 17,3).

„Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau Maria schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist, bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde völlig zu besiegen und so in der Heiligkeit zu wachsen; und daher erheben sie ihre Augen zu Maria“ (LG 65): in ihr ist die Kirche schon die ganz heilige.

III Die Kirche ist katholisch

Was heißt „katholisch“?

Das Wort „katholisch“ bedeutet „allumfassend“ im Sinn von „ganz“ oder „vollständig“. Die Kirche ist katholisch in einem doppelten Sinn:

Sie ist katholisch, weil in ihr Christus zugegen ist. „Wo Christus Jesus ist, ist die katholische Kirche“ (Ignatius v. Antiochien, Smyrn. 8,2). In ihr ist der mit seinem Haupt vereinte Leib Christi in Fülle verwirklicht [Vgl. Eph 1,22-23]. Sie erhält somit von ihm „die Fülle der Mittel zum Heil“ (AG 6), die er gewollt hat: das richtige und ganze Glaubensbekenntnis, das vollständige sakramentale Leben und das geweihte Dienstamt in der apostolischen Sukzession. In diesem grundlegenden Sinn war die Kirche schon am Pfingsttag katholisch [Vgl. AG 4] und sie wird es bis zum Tag der Wiederkunft Christi bleiben.

Sie ist katholisch, weil sie von Christus zum ganzen Menschengeschlecht gesandt worden ist [Vgl. Mt 28,19]:

„Zum neuen Volk Gottes werden alle Menschen gerufen. Deswegen muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich die Absicht des Willens Gottes erfüllen, der die Menschennatur am Anfang als eine gegründet und beschlossen hat, seine Kinder, die zerstreut waren, schließlich zur Einheit zu versammeln … Diese Eigenschaft der Universalität, die das Volk Gottes auszeichnet, ist eine Gabe des Herrn selbst, mit deren Hilfe die katholische Kirche tatkräftig und stetig danach strebt, die ganze Menschheit mit all ihren Gütern unter dem Haupt Christus zusammenzufassen in der Einheit seines Geistes“ (LG 13).

Jede Teilkirche ist „katholisch“

„Die Kirche Christi ist wahrhaft in allen rechtmäßigen örtlichen Gemeinden der Gläubigen anwesend, die in der Verbindung mit ihren Hirten auch selbst im Neuen Testament Kirchen genannt werden … In ihnen werden durch die Verkündigung der Frohbotschaft Christi die Gläubigen versammelt, in ihnen wird das Mysterium des Herrenmahls begangen … In diesen Gemeinschaften ist, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Zerstreuung leben, Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche versammelt wird“ (LG 26).

Unter „Teilkirche“ – Bistum (oder Eparchie) – versteht man eine Gemeinschaft von Christen, die mit ihrem in der apostolischen Sukzession stehenden Bischof im Glauben und in den Sakramenten vereint ist [Vgl. CD 11;  [link] CIC, cann. 368-369]. Diese Teilkirchen sind „nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet. In ihnen und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche“ (LG 23).

Die Teilkirchen sind im Vollsinn katholisch durch die Gemeinschaft mit einer von ihnen: mit der Kirche von Rom, „die den Vorsitz in der Liebe führt“ (Ignatius v. Antiochien, Rom. 1,1). „Mit dieser Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges notwendig jede Kirche übereinstimmen, das heißt die Gläubigen von überall“ (Irenäus, kur. 3,3,2; übernommen vom 1. Vatikanischen K.: DS 3057). „Seitdem das inkarnierte Wort zu uns herabgekommen ist, hielten und halten alle christlichen Kirchen von überall die große Kirche, die hier [in Rom] ist, für ihre einzige Basis und Grundlage, weil gemäß den Verheißungen des Herrn die Mächte der Unterwelt sie nie überwältigt haben“ (Maximus der Bekenner, opusc.).

„Hüten wir uns davor, die Gesamtkirche aufzufassen als die Summe oder gleichsam einen mehr oder weniger lockeren Zusammenschluß von wesentlich verschiedenen Teilkirchen. Im Denken des Herrn ist es die nach Berufung und Sendung universale Kirche, die in verschiedenen Kulturräumen, sozialen und menschlichen Ordnungen Wurzeln schlägt und dabei in jedem Teil der Welt verschiedene Erscheinungsweisen und äußere Ausdrucksformen annimmt“ (EN 62). Die reiche Vielfalt von Kirchenordnungen, liturgischen Riten, theologischen und geistlichen Erbgütern, die den Ortskirchen zu eigen sind, „zeigt die Katholizität der ungeteilten Kirche in besonders hellem Licht“ (LG 23).

Wer gehört der katholischen Kirche an?

„Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes … sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind“ (LG 13).

„Jene werden der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert, die, im Besitze des Geistes Christi, ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Mittel zum Heil annehmen und sich in ihrem sichtbaren Gefüge mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbinden, nämlich durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft. Nicht gerettet wird jedoch, auch wenn er der Kirche eingegliedert wird, wer, in der Liebe nicht verharrend, im Schoße der Kirche zwar ‚dem Leibe‘, aber nicht ‚dem Herzen‘ nach verbleibt“ (LG 14).

„Mit jenen, die als Getaufte mit dem christlichen Namen geziert sind, den vollständigen Glauben aber nicht bekennen oder die Einheit der Gemeinschaft unter dem Nachfolger des Petrus nicht wahren, weiß sich die Kirche aus mehreren Gründen verbunden“ (LG 15). „Wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ (UR 3). Die Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen ist so tief, „daß ihr nur wenig fehlt, um zu der Fülle zu gelangen, die zu einer gemeinsamen Feier der Eucharistie des Herrn berechtigt“ (Paul VI., Ansprache vom 14. Dezember 1975) [Vgl. UR 13-18].

IV Die Kirche ist apostolisch

Die Kirche ist apostolisch, weil sie auf die Apostel gegründet ist und zwar in einem dreifachen Sinn:

  • sie ist und bleibt „auf das Fundament der Apostel“ gebaut (Eph 2, 20) [Vgl. Offb 21,14], auf die von Christus selbst erwählten und ausgesandten Zeugen [Vgl. z.B. Mt 28,16-20; Apg 1,8; 1 Kor 9.1; 15,7-8; Gal 1,1];
  • sie bewahrt mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes die Lehre [Vgl. Apg 2,42], das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze der Apostel und gibt sie weiter [Vgl. 2Tim 1.13-14,];
  • sie wird bis zur Wiederkunft Christi weiterhin von den Aposteln belehrt, geheiligt und geleitet – und zwar durch jene, die ihnen in ihrem Hirtenamt nachfolgen: das Bischofskollegium, „dem die Priester zur Seite stehen, in Einheit mit dem Nachfolger des Petrus, dem obersten Hirten der Kirche“ (AG 5).

„Du bist der ewige Hirt, der seine Herde nicht verläßt; du hütest sie allezeit durch deine heiligen Apostel. Du hast sie der Kirche als Hirten gegeben, damit sie ihr vorstehen als Stellvertreter deines Sohnes“ (MR, Präfation von den Aposteln).

Die Sendung der Apostel

Jesus ist der vom Vater Gesandte. Gleich zu Beginn seines Wirkens „rief er die zu sich, die er erwählt hatte …‚ und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten“ (Mk 3,13-14). Folglich sind sie seine „Gesandten“ [griechisch „apostoloi“]. In ihnen setzt er seine eigene Sendung fort: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21)1. Der Dienst der Apostel führt die Sendung Christi weiter: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf“, sagt er zu den Zwölfen (Mt 10, 40) [Vgl. Lk 10,16].

Jesus bezieht die Apostel in die vom Vater erhaltene Sendung ein. Wie der Sohn „nichts von sich aus tun“ kann (Joh 5,19.30), sondern alles vom Vater erhält, der ihn gesandt hat, so können die von Jesus Gesandten nichts tun ohne ihn [Vgl. Joh 15,5], von dem sie den Missionsauftrag erhalten und die Kraft, ihn zu erfüllen. Die Apostel Christi wissen somit, daß sie von Gott bevollmächtigt sind als „Diener des neuen Bundes“ (2 Kor 3,6), „Gottes Diener“ (2 Kor 6,4), „Gesandte an Christi Statt“ (2 Kor 5,20), „Diener Christi … und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1).

Im Auftrag der Apostel liegt eine unübertragbare Aufgabe: erwählte Zeugen der Auferstehung des Herrn und Fundamente der Kirche zu sein. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine übertragbare Aufgabe. Christus hat ihnen versprochen, bis zum Ende der Zeiten bei ihnen zu bleiben [Vgl. Mt 28,20.]. Deshalb wird „jene göttliche Sendung, die von Christus den Aposteln anvertraut worden ist, … bis zum Ende der Welt dauern, da das Evangelium, das von ihnen zu überliefern ist, für alle Zeit für die Kirche Grundlage ihres ganzen Lebens ist. Deshalb haben die Apostel … für die Einsetzung von Nachfolgern Sorge getragen“ (LG 20).

Die Bischöfe sind Nachfolger der Apostel

Die Apostel „übertrugen, damit die ihnen anvertraute Sendung nach ihrem Tod fortgesetzt werde, ihren unmittelbaren Mitarbeitern gleichsam nach Art eines Testamentes die Aufgabe, das von ihnen begonnene Werk zu vollenden und zu festigen, wobei sie ihnen ans Herz legten, auf die gesamte Herde achtzuhaben, in die sie der Heilige Geist hineinstellte, die Kirche Gottes zu weiden. Daher setzten sie derartige Männer ein und gaben dann die Anordnung, daß nach ihrem Hingang andere bewährte Männer ihren Dienst aufnähmen“ (LG 20) [Vgl. Klemens v. Rom, Kor. 42; 44].

„Wie aber das Amt fortdauert, das vom Herrn in einzigartiger Weise Petrus, dem ersten der Apostel, gewährt wurde und seinen Nachfolgern übertragen werden sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort, das von der geheiligten Ordnung der Bischöfe immerwährend ausgeübt werden muß.“ Darum lehrt die Kirche, „daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt sind, gleichsam als Hirten der Kirche; wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und den, der Christus gesandt hat“ (LG 20).

Das Apostolat

Die ganze Kirche ist apostolisch in dem Sinn, daß sie durch die Nachfolger des hl. Petrus und der Apostel in Lebens- und Glaubensgemeinschaft mit ihrem Ursprung bleibt. Die ganze Kirche ist apostolisch auch in dem Sinn, daß sie in die ganze Welt „gesandt“ ist. Alle Glieder der Kirche haben, wenn auch auf verschiedene Weisen, an dieser Sendung teil. „Die christliche Berufung ist ihrer Natur nach auch Berufung zum Apostolat.“ Als „Apostolat“ bezeichnet man „jede Tätigkeit des mystischen Leibes“, die darauf gerichtet ist, „die gesamte Welt … auf Christus hinzuordnen“ (AA 2).

„Da Christus, vom Vater gesandt, Quell und Ursprung des gesamten Apostolates der Kirche ist, kann es nicht anders sein, als daß die Fruchtbarkeit des Apostolates“ – der geweihten Amtsträger wie der Laien – „von ihrer lebendigen Vereinigung mit Christus abhängt“ (AA 4) [Vgl. Joh 15,5.]. Je nach den Berufungen, den Erfordernissen der Zeit und den vielfältigen Gaben des Heiligen Geistes nimmt das Apostolat die verschiedensten Formen an. Stets aber ist die Liebe, die vor allem aus der Eucharistie geschöpft wird, „sozusagen die Seele des gesamten Apostolates“ (AA 3).

Die Kirche ist die eine, heilige, katholische und apostolische in ihrer tiefen, letzten Identität, denn in ihr existiert schon „das Himmelreich“, „das Reich Gottes“[Vgl. Offb 19,6]; in ihr wird es am Ende der Zeiten vollendet sein. In der Person Christi ist es gekommen und im Herzen derer, die ihm eingegliedert sind, wächst es geheimnisvoll bis zu seiner endzeitlichen Vollendung. Dann werden alle Menschen, die von ihm erlöst und in ihm heilig und untadelig vor Gott [Vgl. Eph 1,4] geworden sind, versammelt werden als das einzige Volk Gottes, als „die Frau des Lammes“ (Offb 21,9), „die Heilige Stadt Jerusalem, [diel von Gott her aus dem Himmel herabkommt, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes“ (Offb 21,10-11). „Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (Offb 21,14).

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Papst Franziskus – Frühmesse: „Beten wir für die verfolgten Christen in Nahost“

Messe mit Melkiten (Vatican Media)

Statt seiner üblichen Predigt hat der Papst an diesem Dienstag bei der Messe in der Casa Santa Marta über das gemeinsame Gottesdienstfeiern von Christen gesprochen. An der Messe nahmen melkitisch-katholische Bischöfe unter der Leitung des Patriarchen von Antiochien, Youssef Absi, teil.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Jeden Tag dürfen Priester und Bischöfe an der Frühmesse in der Casa Santa Marta teilnehmen – meistens gehören sie allerdings zum römischen Ritus. An diesem Dienstag sah es in der Kapelle hingegen sehr „ostkirchlich“ aus: Die Bischöfe der melkitischen Kirche sind diese Woche anlässlich ihres Ad Limina Besuchs in Rom und hatten bereits am Montag mit dem Papst gesprochen. Nun feierten sie gemeinsam mit ihm den Gottesdienst, und darauf ging Franziskus in seiner kurzen Meditation ein:

„Diese Messe mit unserem Mitbruder, dem Patriarchen Youssef, beinhaltet eine apostolische Verbindung. Er ist nämlich Vater einer Kirche, die sehr alt ist, und kommt hierher, um Petrus zu umarmen, um also zu sagen: Ich stehe in Einheit mit Petrus. Das ist der Sinn der heutigen Feier in dieser Kapelle. Es ist die Umarmung des Vaters einer Kirche mit Petrus.“

Amtssitz des melkitisch griechisch-katholischen Patriarchen ist Damaskus, die Hauptstadt des von Bürgerkrieg und Wirren geprägten Syrien.

„Die melkitische Kirche ist eine reiche Kirche, mit einer eigenen Theologie, die zur katholischen Theologie gehört, mit einer eigenen wunderschönen Liturgie und einem Volk, das in diesem Augenblick gekreuzigt wird, so wie Jesus. Wir wollen diesen Gottesdienst dem leidenden Volk widmen: den Christen, die im Nahen Osten verfolgt werden, wo sie ihr Leben, ihre Güter und Habseligkeiten zurücklassen müssen und weggeschickt werden. Widmen wir diese Messe auch dem Dienst unseres Mitbruders Youssefs.“

Die katholischen Melkiten feiern ihre byzantinische Liturgie nach dem gregorianischen Kalender, und zwar in arabischer Sprache. Gemäß Kirchenstatistik leben rund 1,3 Millionen Melkiten in 26 Diözesen, und zwar in Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Jordanien, den USA, Europa und Australien.

Nach der Ansprache des Papstes bedankte sich Patriarch Youssef für die Gastfreundschaft. Er sei Franziskus besonders dankbar für die Solidarität gegenüber den verfolgten Gläubigen.

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Griechisch-melkitischer Patriarch Youssef Absi

Papst Franziskus wünscht sich, dass die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe ihre Gläubigen zum Verbleib in ihrer Heimat in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens ermutigen können.

Das sagte der Papst melkitischen Würdenträgern, die er am Montag in Audienz empfing. Franziskus mahnte sie zugleich zur Einheit untereinander und zur Absage an einen luxuriösen Lebensstil.

Die Kirche sei in Syrien und dem Nahen Osten tief verwurzelt und leiste „einen wertvollen Dienst für das Wohl des Volkes Gottes“, sagte der Papst. Indessen hätten sich viele griechisch-melkitische Gläubige auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat entfernt; auch ihrer, sagte der Papst, gedenke er im Gebet und mit Zuneigung.

Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage ihrer Kirche mahnte Franziskus die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe, die vor kurzem im Libanon ihre Synode abgehalten hatten, zur Einheit und zur Nähe mit den gläubigen. Die Kirche brauche „Hirten, die die Herzen der Gläubigen beleben, sie trösten, sich zu ihnen und ihren Anliegen herabbeugen; hirten, die sie zugleich nach oben begleiten; arme Hirten, die sich nicht an Geld und Luxus hängen inmitten eines leidenden Volkes.“

Der mit Rom verbundenen melkitischen Kirche gehören laut der Stiftung „Pro Oriente“ rund 1,6 Millionen Christen an; etwa die Hälfte lebt in Auslandsgemeinden in Brasilien, Argentinien und Australien. Zum Patriarchen auf Lebenszeit wählte die Synode im Juni 2017 den Syrer Joseph Absi.

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Siehe auch:

Pfarrer Robert Mäder: Geistige Weltherrschaft

Hört eine Geschichte. Als zu Sao Paulo in Brasilien die Tren­nung von Kirche und Staat durchgeführt wurde, mussten auch alle äußeren Zeichen der Religion aus den öffentlichen Gebäu­den verschwinden. Die Katholiken erhoben Protest und ver­langten vor allem Wiedereinführung der Kruzifixe in den Ge­richtssälen. Eine ungeheure Bewegung bildete sich im Volke. Ein Widerstand gegen die öffentliche Meinung war nicht mehr möglich.

Der Tag der Wiedereinführung kam. 20 000 Männer ström­ten an diesem Tage in Sao Paulo zusammen. Der Bürgermeister nahm das Kreuz in Empfang, reichte es vielen vornehmen Her­ren und Damen zum Kusse und trug es dann hinab auf die Straße. Beim Erscheinen des Kreuzes entblößten alle das Haupt und aus Tausenden von Kehlen entrang sich der Ruf: Es lebe Jesus, der Gekreuzigte! Eine Prozession begann. Ein Triumphzug.

Schluchzend vor Rührung knieten die Leute am Wege. Die Soldaten salutierten ehrfurchtsvoll. 12 Musikkorps spielten. Aus den Fenstern ergoss sich ein förmlicher Blumenregen auf das Bild des Gekreuzigten. Unmittelbar hinter dem Kreuz kam die Nationalfahne. Die Begeisterung erreichte ihren Höhe­punkt, als man vor dem Gerichtsgebäude anlangte, wo auf einem Balkon die geistlichen und weltlichen Würdenträger den Zug erwarteten. In feierlicher Weise wurde das Kruzifix in das Gerichtsgebäude getragen. Ungeheures Beifallrufen der Menge begleitete den Akt. Zum Schluss zog das Volk in den Saal und defilierte ehrfurchtsvoll vor dem Kruzifix.

Altes Europa, wirst du auch noch einmal Zeuge eines so er­habenen Schauspieles sein? Wirst du auch eine Jugend finden, die das Kreuz im Triumph wieder zurückführt in die Parla­mente, in die Schulen, in die Gerichte, auf die öffentlichen Plätze? Und wenn der Tag dieser Kreuzerhöhung kommt, wer­det Ihr dabei sein? Darum dreht sich der Kampf. Jetzt meint man, dass es nur um die Futtertröge und die Weideplätze gehe. Aber je höher die Sündflut anschwillt, desto klarer wird es werden, dass der politische, soziale und religiöse Weltkrieg ein Kampf ums Ganze wird, ein Kampf um Gott und Teufel.

Das Thema der jungen katholischen Aktion, an deren Wiege der zehnte Pius stand, ist die Vorbereitung der großen Welt­offensive, die zum Zweck hat, die Welt dem, dem sie gehört, zurückzuerobern aus der Hand desjenigen, der sie gestohlen hat, des Liberalismus, seines Vaters, seiner Brüder und seiner Söhne.

Darin sehe ich die Bedeutung der katholischen Tagungen. Die Katholikentage sind entweder ausgesprochen katholische Tage oder sie sind nichts. Die Katholikentage beschäftigen sich entweder mit dem ewig jungen, großen Problem der gei­stigen Welteroberung oder sie sind überflüssig, und man muss mit ihnen aufräumen im Interesse der Sparsamkeit und der öffentlichen Ehrlichkeit. Wir betrachten es als die Aufgabe der Katholikentage, allüberall Larven herunterzureißen.

Also das Thema der katholischen Versammlungen: Mitar­beit und Vorbereitung der geistigen Weltherrschaft des katho­lischen Glaubens, Proklamierung einer geistigen Weltoffensive, die zum Ziel hat, das Kreuz des Meisters wieder aufzupflanzen auf allen Rathäusern, auf allen Schulen, auf allen Fabriken.

Wir sind klein und arm geworden. Wir haben Krone, Thron und Zepter verloren. Wir regieren nicht mehr. Wir haben das katholische Selbstbewusstsein und das Gefühl der einstigen Macht eingebüßt. Wir sind die unendlich Bescheidenen. Kein feuriges Erobererblut mehr in unsern Adern. Kein Wille zur Herrschaft mehr!

Einst regierte die Kirche. Wie ein Bienenstock durch die Bienen gebaut wird, so ist nach einem Ausspruch Gibbons Europa durch die Bischöfe gebaut worden. Das durch die Kir­che christianisierte Europa war kein Paradies, kein absolutes Ideal, aber es war unter der ernsten und mütterlichen Leitung der Kirche im allgemeinen eine Domäne des Friedens und der Wohlfahrt. Die Gesellschaft, das, was man die öffentliche Luft nennen kann, war katholisch. Die Kirche war zugleich die europäische Regierung, nicht die politische Regierung der Re­gierungen — das wollen wir nicht — aber die geistige Regie­rung der Völker. Diese Zeit ist vorbei! Wir regieren nicht mehr.

Wir waren einst Meister im Schweizerhaus. Wir haben es gezimmert. Wir, die alten katholischen Schweizer. Sie waren keine Heiligen. Sie hatten auch ihre Schwächen und Fehler. Aber die Geschichte beweist, dass die Barometer der Religion und des Patriotismus und der Vaterlandsgröße in der Schwei­zergeschichte immer gleichzeitig steigen und fallen. Je katholi­scher, desto vaterländischer. Die großen Tage der Schweizer­geschichte waren alles Tage, die im Zeichen der Kirche stan­den, wo man weder von Protestantismus noch Liberalismus etwas wusste. Wir haben das Schweizerhaus gezimmert

Jetzt ist der Liberalismus und das Freimaurertum, morgen vielleicht der Sozialismus Herr im Hause, und wir wohnen als Minderberechtigte droben in der Mansarde oder drunten im Keller. Wenn wir an unsere Ausnahmegesetze, an unsere Ent­rechtung und Zurücksetzung im öffentlichen Leben denken, müssen wir sagen: Wir tragen Ketten und Fesseln an Händen und Füßen. Wir regieren nicht mehr.

Allein wir wollen gerecht sein. Wir wollen nicht nur die der­zeitigen Machthaber anklagen. Wir regieren nicht einmal dort, wo wir die Mehrheit sind. Wir reden von blühendem kirch­lichem Leben, und es sei ferne von mir, zu bestreiten, dass See­leneifer und katholische Aktion an manchen Orten Großes ge­schaffen haben. Ich konstatiere nur die allgemeine Tatsache: Wir regieren nicht mehr.

Auf welchem Gebiete regieren wir in den katholischen Ge­genden? In der Presse, die vielleicht zu 90 Prozent in den Händen des Liberalismus, des Protestantismus, des Freimaurer­tums, des Judentums, des Sozialismus, des Interkonfessionalis­mus, des Modernismus, des Materialismus, des Geschäftska­tholizismus, der Charakterlosigkeit und der Feigheit liegt?

Wo regieren, wir in den katholischen Gegenden? In der Schule, wo wir zur Wahl der Lehrer und der Lehrmittel nichts oder wenig zu sagen haben, wenn wir vom Recht, Steuern zu zahlen, absehen; in der Schule, wo wir uns von liberaler Seite den modernen geistigen bethlehemitischen Kindleinmord stumpf und gewissenlos gefallen lassen, ohne dass wir aufste­hen, Boykott und Streik erklären und sagen: Das dulden wir nicht. Und dort, wo wir regieren sollten, wo es sich um ausge­sprochen katholische Schulen handelt, wie schüchtern und zurückhaltend sind wir vielfach, wie furchtsam im Unterricht und in der Beeinflussung der Jugend!

Wo regieren wir? In der Werkstatt und Fabrik, wo so oft nicht christliche Geschäfts- und Arbeitsmoral, die Grundsätze der Gerechtigkeit, der Liebe und des gegenseitigen Vertrauens herrschen, sondern Protzentum, schrankenlose Geldgier auf der einen, Hass, Neid, klassenkämpferische revolutionäre Ge­sinnung auf der andern Seite? Im modernen Erwerbsleben, wo es so wenig katholische Arbeitgeber gibt, die nicht vom wirt­schaftlichen Liberalismus, so wenig Arbeiter, die nicht vom Sozialismus und Materialismus verseucht sind? Seien wir ehr­lich: Wir regieren nicht mehr.

Der Katholizismus existiert noch in der Einsiedelei des Pri­vatkämmerchens individueller Frömmigkeit, aber er ist nicht mehr öffentliche Macht. Von der Politik wollen wir gar nicht reden, zu einer Zeit, wo kein einziger Staat der Erde von wirk­lich katholischen Ideen geleitet wird. Das Kreuz ist fort, wo man hinschaut.

Wir regieren nicht mehr. Das ist nicht das Schlimmste. Es gibt auch Könige mit Ketten an den Füßen, Könige, an die man glaubt und vor denen man sich verbeugt, trotzdem sie ihrer Herrschaft beraubt worden sind. Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken ohne viel Protest zuschauten, wie der Thron der Kirche, der Herrin der Völker, ins Museum wanderte und dem Katholizismus Mantel und Zepter abgenommen wurde.

Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken selber allmählich nicht mehr an das geistige Königtum der Kirche glauben, und dass uns der Gedanke einer geistigen Weltherrschaft so fremd und unerhört geworden ist, dass wir ob solch kühner und ex­tremer Sprache erschrecken und umschauen, ob es ja niemand anders gehört habe. Das ist das Verhängnisvolle, dass wir die geistige Weltherrschaft gar nicht mehr wollen. Wir wollen nur noch mitleben, mitreden, mitregieren. Wir wollen nicht mehr erobern und wollen nicht mehr siegen.

Der Gedanke der Parität und des Proporzes ist vom politi­schen Gebiet unbewusst auch auf das religiöse übertragen wor­den. Wir sehen das Heil der Welt in der Gleichberechtigung von Wahrheit und Irrtum, Glaube und Unglaube, Gerechtig­keit und Ungerechtigkeit, Autorität und Umsturz! Katholische Kirche und Sekten, Freimaurertum und Judentum, Liberalis­mus und Sozialismus sollen die Weltkarte brüderlich teilen. Wir wollen nicht mehr den Thron, auch wenn wir die Macht dazu hätten, wir wollen ihn grundsätzlich nicht mehr! Wir wollen nur noch einen grünen Sessel!

Wir wollen nicht mehr das Ganze. Wir wollen nur noch einen Teil. Wir glauben nicht mehr an einen Weltherrschafts­beruf der katholischen Wahrheit. So sehr ist uns die biblische Wahrheit fremd geworden, dass der, der den Himmel gemacht und die Erde, dessen Privateigentum die fünf Weltteile, der die Völker des Weltalls durch den Rechtstitel der Erlösung sich ein zweites Mal zu eigen gemacht, dass er und sein Wille, sein Wort und Gesetz mit Ausschluss jedes Mitregenten zur Allein­herrschaft und Weltherrschaft berufen ist. Das ist die große Sünde des liberalen Jahrhunderts — der öffentliche Abfall vom ersten Gebot, das will, dass keine fremden Götter neben Gott sitzen.

Die Kirche ist kein Geheimbund. Ihre Papiere liegen nicht in verborgenen Archiven. Was sie will, das soll und darf die ganze Welt erfahren. Ihr Regierungsprogramm birgt keine Hinter­gedanken, kennt aber auch keine Furcht: Wir wollen das Ganze. Wir wollen den Thron. Wenn man Freimaurer ist, dann will man, dass die Phrase der Loge die ganze Welt be­herrsche. Wenn man Freimaurer ist, ist es klar, dass man das will. Man kann grundsätzlich gegen die Freimaurerei sein und in ihr das Tier des Abgrundes sehen, wie es von der geheimen Offenbarung geschildert wird. Aber wenn man einmal der Loge das Recht der Existenz einräumt, muss man folgerichtig auch einverstanden sein, dass sie überall sein will. Wenn man liberal ist, will man, dass die ganze Welt liberal sei, und wenn man Sozialist ist, will man, dass der Sozialismus von der ge­samten Menschheit angenommen, geglaubt und verwirklicht werde.

Das liegt in der Natur jeden Programms. Wenn mir etwas, sei ich wer ich will, Evangelium ist, dann will ich, dass es in der ganzen Welt verkündet werde. Es ist somit klar, dass der über­zeugte Katholik Tag und Nacht nichts anderes denkt und nichts anderes will, als dass der Thron der Kirche zum Wohl und Heil der Menschheit wieder aus dem mittelalterlichen Museum herausgeholt werde. Daran arbeiten wir. Das will die junge katholische Bewegung.

Man sage nicht, das sei leere, unausführbare Theorie. Das ist nicht leere Theorie. Das ist katholisch. Was ist der Katholizis­mus? Die Allgemeinheit! Die Weltbeherrschung! So las ich auf dem ersten Blatt der Weltliteratur. Der Geist Gottes schwebte über den Wassern, über dem brausenden, rauschen­den Chaos der Urwelt. Er gab dem Leblosen das Leben, dem Ungeordneten Zahl und Maß, Gewicht und Gesetz. Auf den geheimnisvollen Kräften und Gesetzen, welche der Heilige Geist in jenen Urzeiten in den Stoff hineinsenkte, beruht die ganze jetzige Naturwissenschaft und Technik. Sie ist ein Nach­denken und Nachprobieren dessen, was der Geist Gottes vor Jahrtausenden vorgedacht und vorgemacht hat.

Unsere Lehrbücher der Astronomie, der Optik, der Akustik, der Elektrizität, der Mechanik und der Chemie sind kleine, schwache Auszüge aus dem Buche der Schöpfung, verfasst und herausgegeben von dem, der am Anfange schwebte über den Wassern. Also das Erste, das ist der Geist. Der Geist schuf den Stoff. Der Geist belebte den Stoff. Der Geist beherrschte den Stoff. Also Weltbeherrschung durch den Geist!

Wenn der Heilige Geist an der Pfingsten herabstieg über eine neue, geistige Schöpfung, dann tat er es, um eine neue Welt zu schaffen. Gottesreich ist Weltreich. Also über die Kirchtürme hinaus! Über die Landesmarken hinaus! Über die Sprach­grenzen hinaus! Kein Winkelchristentum! Kein Landes-Chri­stentum! Kein Nationalchristentum! Gottes Reich ist Welt­reich! Gottes Gesetz ist Weltgesetz! Gottes Kirche ist Welt­kirche! Weltmachtstellung der Gebote! Weltmachtstellung der Sakramente! Das ist der Katholizismus nach Bibel und Über­lieferung: Weltbeherrschung! Geistige Weltbeherrschung!

Das ist der Gedanke, den Pius X. zum Programm wählte: Alles erneuern in Christus! Hört: Alles! Benedikt XV. griff die Idee wieder auf und rief: Die soziale Herrschaft Christi! Also, was wir wollen, ist nicht leere Theorie, sondern uraltes, bibli­sches und katholisches Programm! Wir glauben nur an einen Gott! Proporz und Parität haben im ersten Gebot keine Gel­tung. Die geistige Weltherrschaft Christi, des Sohnes Gottes, durch Petrus und seine Kirche, das Ziel aller katholischen Her­zen und aller katholischen Geister!

Ich gebe es gerne zu: Diese Theorie klingt nicht modern. Sie widerspricht dem Geiste aller Verfassungen, die zur Stunde in Kraft sind. Sie ist im schärfsten Gegensatz zur herrschenden liberalen Phrase! Sie stimmt auch im allgemeinen nicht überein mit der Praxis. Das kümmert uns wenig. Die Theorie darf sich, wenn sie einmal wahr ist, niemals nach der Praxis richten, son­dern die Praxis muss sich immer nach der Theorie richten, wie sich die Sonne niemals nach den Uhren richtet, sondern die Uhren nach der Sonne.

Wenn Uhr und Sonne nicht übereinstimmen, so ist der Feh­ler immer bei den Uhren, nie bei der Sonne! Die Uhren müs­sen korrigiert werden, die Uhren allein. Die Sonne ist die ka­tholische Wahrheit. Die Uhr ist unser Gewissen. Die mensch­liche Praxis muss also nach der göttlichen Theorie umgestaltet werden, immer, überall, in allen Dingen.

Wir wissen, wie spät es ist nach der vatikanischen Stern­warte. Wir dürfen nicht ruhen und rasten, bis alle Uhren, die Privatuhren, die Familienuhren, die Rathausuhren, die Schul­uhren, die Fabrikuhren nach der ewigen Wahrheitssonne ge­richtet sind. Unbekümmert um Erfolg oder Misserfolg! Wir arbeiten aus Pflicht und nicht aus Spekulation oder einem ge­wissen katholischen Sport.

Ich weiß, dass die geistige Weltherrschaft der katholischen Kirche nicht das Werk eines Tages ist und auch nicht das Werk der Gewalt sein darf. Ich weiß es, dass sie vor allem das Werk der göttlichen Gnade, des Gebetes und des guten Bei­spieles sein wird. Aber das weiß ich auch, dass die Erneuerung der Welt mit der Erneuerung der Geister beginnen muss. Alle diejenigen, welche mit allen möglichen Reformvorschlägen, mit menschlicher Klugheit und menschlicher Tatkraft allein glauben die Welt retten zu können, irren sich und fallen von Täuschung zu Täuschung, von Misserfolg zu Misserfolg, bis zur vollendeten Verzweiflung.

Die Welt wird heute wie vor 1900 Jahren nur auf einem Wege gerettet: Man muss die volle ungeschmälerte katholische Wahrheit nehmen und unter die Geister werfen, schriftlich und mündlich, theoretisch und praktisch, bis alles durchsäuert ist. Zuerst müssen wir katholisch glauben, dann erst werden wir katholisch handeln. Zuerst müssen wir den Mut haben, den neunten Glaubensartikel von der heiligen, katholischen, alleinseligmachenden Kirche durchzudenken bis zu den letzten Fol­gerungen und Forderungen, religiös, öffentlich, politisch, so­zial.

Aber die Wahrheit bedarf nicht nur der Köpfe, die sie den­ken. Sie bedarf auch der Zungen, die sie aussprechen. Wir müssen, nachdem wir einmal in allen Fasern davon durchdrun­gen sind, von unserer herrlichen katholischen Sache überall und zu allen Zeiten, wo zwei oder drei von uns zusammenkom­men, davon reden. Sie muss die leitende Idee unserer Gesprä­che werden. So werden wir einander Mut machen, und es wird ein Gefühl heiliger Unbesiegbarkeit und froher Siegeszuver­sicht unsere Arbeit stählen, die darin besteht, das Zeichen der Erlösung auf den Zinnen der Zukunft aufzupflanzen. Das ist der Sinn der jungen katholischen Bewegung, des neuen Kreuz­zuges.

Im Vertrauen auf Gott wollen wir es uns noch einmal in den Kopf setzen: Die Sache unserer Kirche, welche die Sache der Menschheit ist, muss siegen. Vor Jahren erliess in Frankreich der Verein der katholischen Jugend eine Einladung an alle seine Mitglieder, in ganz Frankreich die Kreuzbilder an den Wegen wieder anzubringen. Der Aufruf hatte einen großarti­gen Erfolg. Das war katholische Arbeit! Das war das Wahr­zeichen katholischer Wiedergeburt.

Katholische Jugend! Die katholische Wahrheit bedarf, nach­dem sie Köpfe gefunden hat, die sie durchdenken, und Zun­gen, die sie verkünden, auch der Hände, die sie in die Tat um­setzen. Diese Köpfe, diese Zungen und diese Hände sollen die Eurigen sein. Eure Parole sei die des groß–en Pius X.: Unsere Politik das Kreuz!

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Quelle: Robert Mäder – DIE GANZEN – Ein Appell an die Jugend – Ein Appell an die Männer
(Die Artikel stammen aus den Jahen 1919 und 1921)

Was ist die Kirche? Der Beitrag von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zum katholischen Kirchenverständnis

Siegfried Wiedenhofer

1 Das Kirchenthema bei Joseph Ratzinger

Das Kirchenthema gehört zweifellos zu den theologischen Fragen, mit denen sich Joseph Ratzinger am intensivsten auseinandergesetzt hat. Vor allem in der ersten Phase seines Wirkens stand es eindeutig im Mittelpunkt. Das hat verschiedene Gründe. Ein erster Grund liegt sicher in der Erziehung in einem ausgesprochen religiösen Elternhaus, die nicht nur geprägt war von der engen traditionellen bayerischen Symbiose zwischen ländlicher Kultur und kirchlichem Glauben, vom Rhythmus des Kirchenjahres und dem religiösen Brauchtum, sondern auch von einer tiefen Begegnung mit dem kirchlichen Gottesdienst und einer auch religiös und kirchlich motivierten Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. In seiner theologischen Ausbildung hat sich Joseph Ratzinger dann besonders der Fundamentaltheologie zugewandt, weil ihn die grundlegende Frage nach der Vernünftigkeit des Glaubens am stärksten beschäftigt hat – und das ist eine Grundfrage bis heute geblieben. Aber auch in der Fundamentaltheologie spielt das Kirchenthema neben Religion und Offenbarung eine wichtige Rolle. Außerdem hatte ihn sein theologischer Lehrer Gottlieb Söhngen in München ein Dissertationsthema gegeben, das ihn theologisch sehr stark beeinflussen wird: „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“. Tatsächlich ist sein Kirchenverständnis sehr stark von der Heiligen Schrift und von der Alten Kirche, von den Kirchenvätern und unter ihnen besonders von Augustinus bestimmt. Noch wichtiger war die Erfahrung des II. Vatikanischen Konzils 1962-1966 und die eigene Mitarbeit daran. Denn man hat dieses Konzil mit einem gewissen Recht ein Konzil über die Kirche genannt, ein Konzil, in dem das Kirchenthema im Mittelpunkt gestanden hat. Ging es doch vor allem darum, das katholische Kirchenverständnis aus den neuzeitlichen Verengungen herauszuführen, aus der Fixierung gegen die Reformation und gegen die moderne Welt und es von der Heiligen Schrift und der ganzen kirchlichen Überlieferung her zu erneuern und auch von neuem in seiner wahren Bedeutung dem heutigen Menschen verständlich zu machen. An diesem Vorgang hat Joseph Ratzinger im Konzil und über das Konzil hinaus intensiv mitgearbeitet. Auch in den nachkonziliaren Auseinandersetzungen über die Auslegung des II. Vatikanischen Konzils und über die rechte Reform der Kirche geht es noch einmal ganz zentral um die Kirche. Schließlich darf man nicht vergessen, dass das Kirchenthema noch einmal in anderer Weise in den Blick kam, als Joseph Ratzinger kirchliche Ämter übernahm, das Amt des Erzbischofs von München, des Kardinals und Präfekten der Glaubenskongregation und schließlich als Benedikt XVI. das des Papstes. Alle diese Kontexte haben das Kirchenverständnis Joseph Ratzingers/Papst Benedikt XVI. mitgeprägt. Aus allen diesen Lebenszusammenhängen gibt es eine Fülle von Publikationen zur Frage des Kirchenverständnisses. Es gibt allerdings, wie gesagt, keine zusammenhängende Gesamtdarstellung, sondern nur Sammlungen von einzelnen Aufsätzen oder Vorträgen. Die wichtigsten sind: Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie (1969), Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie (1982), Kirche, Ökumene und Politik. Neue Versuche zur Ekklesiologie (1987), Zur Gemeinschaft gerufen. Kirche heute verstehen (1991), Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio (2002).

Wie beantwortet er also die Frage, was die Kirche ist und worin besteht sein Beitrag zum katholischen Kirchenverständnis? Am besten beginnen wir mit einem Blick auf seine theologische Entwicklung. Es ist ja eine sehr verbreitete Vorstellung, dass es zwei Phasen bei Ratzinger gibt, die Phase des reformorientierten jungen Theologen vor und auf dem Konzil und die Phase des konservativen Reformkritikers nach dem Konzil. Oberflächlich gesehen kann man dafür in der Tat einige Hinweise finden. Aber jede Theologie hängt sehr stark von ihrem Kontext ab, von den Zusammenhängen, in denen man steht, von den Aufgaben, die im Vordergrund stehen, von der Art und Weise, wie man die Situation einschätzt, welche Hoffnungen und Befürchtungen man hat, wogegen man ankämpft, welche konkreten Erfahrungen man gemacht hat usw. Sehen wir uns zwei solcher Kontexte des Kirchenverständnisses von Joseph Ratzinger an. Wie haben sie sich auf seine Kirchentheologie ausgewirkt?

 

2   Vor und auf dem Konzil: Erneuerung der Kirche vom Ursprung her (gegen die Verengungen des neuzeitlichen Katholizismus). Das Wesen der Kirche: Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und Kirche als Heilssakrament Gottes für die Welt

Es steht außer Zweifel, dass Joseph Ratzinger die Reform der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil nach heftigen Auseinandersetzungen 1962-1965 beschlossen hat, theologisch mit vorbereitet hat, als theologischer Berater des einflussreichen Kölner Kardinals Frings und als offizieller Konzilstheologe mit durchgesetzt hat und auch bis heute befürwortet. Die Haltung der späteren Konzilsminderheit, die das bisherige neuzeitliche katholische Kirchenverständnis fortsetzen wollte, hat er theologisch nie akzeptiert. Er hat allerdings von Anfang an um den tiefgehenden Einschnitt gewusst, den das Konzil darstellt und deshalb auch nach einer sachgemäßen theologischen Legitimation für die Reform gesucht. Man muss ja berücksichtigen, dass das Kirchenbild, das vor dem Konzil gültig war, in seinen Grundlagen bis in das 4. Jahrhundert zurückreicht, bis zur sogenannten Konstantinischen Wende, die aus einer verfolgten Kirche eine befreite und am Ende des 4. Jahrhunderts sogar eine privilegierte Staatskirche macht. Weil von nun an Gesellschaft und Religion, Staat und Kirche stark ineinander fallen ist das Hauptproblem des Mittelalters: Wer hat die höchste Autorität und Macht in dieser christlich-abendländischen Völkergemeinschaft, der Kaiser oder der Papst? Wie sich der Kaiser zugleich religiös verstand, verstand sich der Papst auch politisch. Sein Anspruch auf Machtvollkommenheit war gewissermaßen auch der Ausdruck der Freiheit der Kirche vor der politischen Vereinnahmung durch den Kaiser. Wollte man dieses mittelalterliche Kirchenverständnis zusammenfassen, konnte man sagen, Kirche erscheint hier wesentlich als heilige Herrschaft, die im Papsttum ihren obersten Ausdruck findet. Gegen die Angriffe der Reformation und der modernen Welt wird dieses Kirchenbild noch einmal verschärft und findet dann zwischen 1850 und 1950 seine endgültige Gestalt. Die Kirche wird sozusagen zur von Gott beauftragten Papstmonarchie, die nach innen die Einheit des Glaubens, die Rechtmäßigkeit der Sakramente und der Kirchenleitung und nach außen die missionarische Verkündigung des allein wahren Glaubens garantiert. Seit den 20er Jahren formierte sich in der katholischen Kirche immer deutlicher eine vielfältige Reformbewegung, eine liturgische Bewegung, eine Bibelbewegung, eine ökumenische Bewegung, eine Zuwendung zu den Kirchenvätern. In dieser Reformbewegung steht auch der junge Ratzinger, der z.B. sehr stark von Romano Guardini geprägt war und der dann durch seine systematische Zuwendung zur Heiligen Schrift und zu den Kirchenvätern einen eigenen wichtigen Beitrag zu dieser Reformbewegung geleistet hat. In ihr hat er auch den entscheidenden Maßstab für die Erneuerung der Kirche gefunden: nämlich im maßgeblichen biblischen Zeugnis des apostolischen Ursprungs des christlichen Glaubens und in der Erstantwort darauf in der Kirche der ersten Jahrhunderte bzw. in einem gewissen Sinn sogar in der Kirche des ersten Jahrtausends, d.h. der noch ungetrennten Kirche. Hier begegnet ihm in der Tat ein ganz anderes Kirchenbild als in der neuscholastischen Theologie. Was die Kirche in ihrem Wesen ist, wird hier vor allem am Gottesdienst der Kirche abgelesen, insbesondere an der Eucharistiefeier.

Hier setzte auch Ratzinger an: Die Eucharistie ist gewissermaßen die Mitte der Kirche. Die versammelte Gottesdienstgemeinde ist die konkreteste Form von Kirche. In der Eucharistiefeier (und analog in der Taufe und in anderen sakramentalen und nichtsakramentalen Gottesdiensten) geschieht ein Zweifaches: Einmal werden die Gottesdienstteilnehmer durch das gemeinsame Hören des Wortes Gottes, durch das gemeinsame Beten und Singen und vor allem durch die gemeinsame Teilhabe an den heiligen Gaben von Brot und Wein, in denen Christus inmitten der Gemeinde in besonderer Weise gegenwärtig ist, zu einer neuen Gemeinschaft des Glaubens zusammengefügt. In Gal 3,27f hat es Paulus mit Blick auf die Taufe so ausgedrückt:

„Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ Und mit Bezug auf die Eucharistie sagt Paulus, dass die Gemeinde in der Kommunion so intensiv mit Christus vereint wird, dass sie selbst zum Leib Christi wird (1 Kor 10,17), d.h. zu seiner heutigen Gegenwartsgestalt, in der in der Kraft des Geistes Christi immer neu wirksam wird und wirksam werden soll, was Jesus Christus ist, das erlösende, befreiende, vereinigende, heilende und vergebende Heilszeichen Gottes für die ganze Welt. Und das ist das Zweite, was im Gottesdienst geschieht. Kirche ist daher für Ratzinger das neue Volk Gottes, das Gott aus allen Völkern zum Glauben gerufen hat und das konkret in der Eucharistiefeier durch die Teilhabe am Leib Christi selbst zum Leib Christi wird, d.h. das in solcher engen Gemeinschaft mit Christus zum Heilszeichen Gottes in der Welt wird. Die einzelnen Sakramente sind nur Konkretisierungen dessen, was die Kirche als ganze ist. Ein solches Heilszeichen ist die Kirche insbesondere in der Verkündigung des Wortes Gottes, in der Feier des Gottesdienstes und in der Diakonie, d.h. in Hilfe für die Notleidenden.

Kirche wird also ganz und gar im Dienst an der erlösenden Zuwendung Gottes in Jesus Christus verstanden. Zu ihrem Grundgesetz gehört in der Gemeinschaft mit Jesus Christus das Miteinandersein, das Füreinandersein und das Für-die-anderen-Dasein. Von diesem Grundansatz sind dann auch die Kirchenordnung (Kirche als Gemeinschaft von kirchlichen Glaubensgemeinschaften, als Netz von Eucharistie- und Kommuniongemeinschaften) und das kirchliche Amt (Amt als Dienst an der Glaubensgemeinschaft und an der Welt) verstanden.

Das ist also die Wesensbestimmung der Kirche für Joseph Ratzinger, wie für das II. Vatikanische Konzil insgesamt: Kirche ist die neue in der Gemeinschaft mit Jesus Christus begründete Gemeinschaft des Glaubens oder der Glaubenden, die dadurch in Christus (als Verheißung und Auftrag) zugleich zum Heilsakrament Gottes für die Welt wird.

 

3   Nachkonzilszeit: Unterscheidung der Geister: Für eine wirkliche Erneuerung der Kirche und gegen eine bloße Modernisierung

Die Nachkonzilszeit ist bestimmt durch die innerkirchlichen Auseinandersetzungen über die Umsetzung dieses von den Ursprüngen her erneuerten katholischen Kirchenverständnisses. Joseph Ratzinger hat sich in diese Auseinandersetzungen von Anfang an intensiv eingeschaltet. Er hat dabei bestimmte Umsetzungsvorschläge und Reformvorschläge sehr nachdrücklich, zum Teil auch sehr polemisch bekämpft. Dadurch trennt er sich auch von einem großen Teil seiner ursprünglichen Mitkämpfer. Charakteristisch für seine Wahrnehmung der nachkonziliaren Zeit ist, dass diese für ihn immer mehr zu einer gefährlichen Krisenzeit für die Kirche, zu einer Identitäts- und Kontinuitätskrise wird. Viele Reformbemühungen drohen seiner Ansicht nach eine falsche Richtung einzuschlagen, erscheinen mehr vom relativistischen Zeitgeist als vom Evangelium bestimmt und werden dadurch für ihn zur fragwürdigen Anpassung an bestimmte fragwürdige Entwicklungen der modernen Zeit. Auf der einen Seite kritisiert er die Diffusität des kirchlichen Bewusstseins. In der Reformeuphorie scheint sozusagen fast alles möglich zu werden. Auf der anderen Seite diagnostiziert er aber auch radikale neue Formen von Theologie, die mit der Tradition der Kirche brechen und die Identität des christlichen Glaubens verlassen.

Seine eigenen ekklesiologischen Beiträge aus dieser Zeit sind von dieser Wahrnehmung der Gegenwart deutlich geprägt. Immer wieder unternehmen sie es, eine grundlegende Orientierung zu bieten, die vom Wesen der Kirche ausgeht. Die Hauptaufgabe ist jetzt nicht mehr die Erneuerung der Kirche im Sinne eines Aggiornamento, einer Modernisierung, eines erneuerten Verstehenszuganges, sondern die Unterscheidung der Geister, vor allem die Unterscheidung zwischen bloßer Modernisierung und wirklicher Erneuerung. Damit soll einerseits der Reformwille des II. Vatikanischen Konzils bewahrt, andererseits fragwürdige Anpassungen an den modernen Zeitgeist verhindert werden.

Diese grundlegende Orientierung ist dreifacher Art: 1. Gegenüber der Gefahr einer falschen Anpassung an bestimmte Ideen und Modelle der Moderne (charismatische bzw. synodale Kirchenstruktur, herrschaftsfreie Kirche, funktionales und pragmatisches Amtsverständnis, Priestertum auf Zeit, Demokratisierung der Kirche) wird entschieden auf das biblische und altkirchliche Kirchen- und Amtsverständnis als Maßstab und auf Jesus Christus als Urbild des kirchlichen Dienstes zurückgegriffen. 2. Gegenüber Veräußerlichungstendenzen in Theologie und Pastoral, die mit der hochgradigen Institutionalisierung und Bürokratisierung der Kirche (besonders in Deutschland) und mit der zunehmenden Ausdifferenzierung, Funktionalisierung, Professionalisierung und Spezialisierung des sozialen und kirchlichen Handelns verbunden sind (Kirche als Bürokratie, Bischof als Manager, Euphorie pastoraler Planbarkeit, Liturgiereform durch Fachleute, Lehramt-Theologie-Konflikt) werden der spirituelle Charakter der Kirche und des kirchlichen Amtes (geistliche Sendung, verbindliches Glaubenszeugnis, Repräsentanz des einfachen Glaubens) hervorgehoben. 3. Gegenüber der Relativierung von Kirche und Amt und vor allem auch von deren Autoritätsanspruch in der reformatorischen Tradition wird die katholische Tradition des Kirchen- und Ämterverständnisses sowohl mit Blick auf den Autoritätsanspruch wie mit Blick auf die Gliederung Priestertum, Bischofsamt, Papsttum als zum Wesen der Kirche gehörig vehement verteidigt. Diese Krisendiagnose bedürfte natürlich einer ausführlichen Diskussion. Das kann jedoch an dieser Stelle nicht geschehen. Sehen wir uns lieber dieses Bemühen um eine wahre Kirchenreform, die Kontinuität des Glaubens und Erneuerung verbinden will, an einzelnen Teilthemen an.

 

4   Kirchenspaltung und Ökumenismus

Von Anfang der eigenen theologischen Lehre an bis zur Gegenwart ist bei Ratzinger ein zweifaches Interesse leitend, das in einer gewissen Spannung zueinander steht, das aber eng zusammengehört.

Da ist auf der einen Seite das ökumenische Interesse an einer Wiedergewinnung der Einheit des christlichen Glaubens und der Einheit der Kirche. Dieses ökumenische Interesse, das, wie gesagt, bereits von Anfang an da ist, ist auf dem Hintergrund der bisherigen ökumenischen Bestrebungen in der katholischen Theologie sozusagen bereits mehr oder weniger eine theologische Selbstverständlichkeit. Die Einheit des Glaubens und die Notwendigkeit von deren Wiedergewinnung ist bereits so sehr in der Mitte des christlichen Glaubens verankert, dass gesagt werden kann, dass die Einheit so hoch stehe, dass sie nur um etwas ganz Grundlegendes willen geopfert werden dürfe, dass deshalb nicht die Anerkennung der anderen, sondern das Getrenntbleiben die eigentliche Frage sei, „denn nicht die Einheit bedarf der Rechtfertigung, sondern die Trennung“.

Das ist auf der anderen Seite, von Anfang an bis zur Gegenwart, gleichzeitig ein starkes kontroverstheologisches bzw. apologetisches Interesse. Das theologische Ringen um die Wahrheit des christlichen Glaubens impliziert nicht nur eine Lernbereitschaft in Bezug auf die anderen Formen des christlichen Glaubens, sondern auch eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung vor allem mit der reformatorischen Theologie, aber auch mit der ostkirchlichen Theologie und eine argumentative Verteidigung des Wahrheitsanspruches, des Identitäts- und Kontinuitätsanspruches der katholischen Kirche. Die Zusammengehörigkeit dieser beiden gegenläufigen Interessen und Aufgaben bestimmt von Anfang an bis zur Gegenwart die theologische Arbeit Joseph Ratzingers angesichts der gespaltenen Christenheit.

Sachlich ist die Zusammengehörigkeit von ökumenischer und kontroverstheologischer Aufgabe darin begründet, dass es bei der Wiedervereinigung der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht um eine politische Frage geht, sondern um die Wahrheitsfrage, d.h. um das rechte Verständnis des christlichen Glaubens, um die Identität des Christentums und um die Wahrheitsansprüche der beteiligten Kirchen und Konfessionen und um den großen Ernst, der hinter den konfessionellen Konflikten und Auseinandersetzungen der Vergangenheit stand. Das alles verbietet die verbreitete klischeehafte ökumenische These, die Kirchenspaltung sei eigentlich ein Missverständnis gewesen. Da eine ökumenische Einigung nur Bestand hat und realistisch ist, wenn der tatsächliche Dissens ernsthaft in den Blick genommen ist und die Differenzen in ihrer vollen Bedeutung auf den Tisch kommen, ist der Dialog hart zu führen, besonders in einer Zeit der Umbrüche, in der alle Konturen verschwimmen und alles möglich erscheint und in der eine kurzschlüssige Oberflächenökumene die Probleme verdrängt oder ausblendet. Zur Suche nach der Wiedervereinigung im Glauben gibt es keine Alternative. Aber damit es nicht nur zu Scheinlösungen kommt, bedarf es dazu der Lösung des Hauptproblems, ein Einverständnis über die Bekenntnisinhalte und über die Kirche als vollmächtiger Trägerin des Bekenntnisses.

In der kontroverstheologischen Auseinandersetzung werden nun der Wahrheitsanspruch des katholischen Glaubens, die katholische Identität und die Legitimität der katholischen Tradition und Institution begründet und verteidigt (Apologetik) und zugleich als kritischer Maßstab für die Bewertung protestantischer (und auch ostkirchlicher) Vorstellungen und Entwicklungen, aber auch bestimmter katholischer ökumenischer Bestrebungen eingesetzt (Kritik). In dieser kontroverstheologischen Hermeneutik werden die katholische und die evangelische (und in anderer Weise auch die ostkirchliche) Position auf unterschiedliche leitende Grundentscheidungen und Grunderfahrungen zurückgeführt und erhalten dadurch geradezu antithetischen Charakter. So gesehen handelt es sich eigentlich um Alternativen im Verständnis des christlichen Glaubens, um Antithesen, die nicht miteinander kompatibel sind. Damit scheint der ökumenische Dialog am Ende zu sein. In der Tat ist dem Autor mit Blick auf solche kontroverstheologische Argumentationen mehrfach die Rückkehr zu einem Rückkehr-Ökumenismus vorgeworfen worden. Wenn die eigene katholische Form des christlichen Glaubens die wahre ist und die evangelische Form des Christlichen eine nichtkompatible Alternative darstellt, dann scheint nur noch die Einladung an die anderen übrigzubleiben, zu dieser wahren Form zu konvertieren.

Eine solche Intention wurde jedoch mit aller wünschenswerten Klarheit explizit zurückgewiesen, obwohl auch der Zusammenhang der bisherigen Äußerungen schon so hätte verstanden werden müssen. Die zum Teil recht harsche und holzschnittartige Gegenüberstellungen von katholischem und evangelischem Christentum ist bei Ratzinger nicht als das Ende ökumenischer Bestrebungen anzusehen, sondern als deren realistischer Ausgangspunkt. Die Kontroverstheologie steht im Dienst am ökumenischen Interesse. Dass hier in der Tat gegenüber allen leichtfüßigen und kurzschlüssigen ökumenischen Versuchen ein realistischer Weg der Ökumene eingeschlagen wird, sieht man darin, dass bei allen erreichten Konsensen und Annäherungen konfessionalistische Rückfälle auf beiden Seiten keineswegs ausgeschlossen sind. Das zeigt, dass hier tiefgehende Dissensprobleme vorhanden sind, die aufgearbeitet werden müssen, wenn eine Einigung der christlichen Kirchen Bestand haben soll.

Eine Wiedervereinigung der Kirchen ist nach Ratzinger aber auch nicht möglich, wenn alle Beteiligten Maximalforderungen stellen, d.h. ihre eigene Gestalt des Christlichen zum alleinigen Maßstab des Christlichen machen. Dann bliebe für die anderen in der Tat nur die Konversion übrig. Eine Chance, die Einheit wiederzugewinnen, besteht nur, wenn man unterscheiden kann zwischen dem Wesen des christlichen Glaubens, das zur unbedingten Wahrheit des christlichen Glaubens gehört und geschichtlichen Entwicklungen, die dies nicht in gleicher Weise tun.

Die damit angedeutete ökumenische Hermeneutik ist eigentlich – verglichen mit dem Stand der katholischen Reformtheologie – nicht so außergewöhnlich. Interessant ist jedoch, dass auf ihrer Grundlage und im Zusammenhang der Betonung des Wahrheitsanspruches des katholischen Glaubens sowie der Identität und Kontinuität des christlichen Glaubens (die zum Wahrheitsanspruch des Christlichen gehören) einige vieldiskutierte und breit rezipierte ökumenische Vorstellungen entwickelt wurden. Joseph Ratzinger unterscheidet dazu zwei geschichtliche Grundtypen der Kirchenspaltung. Der erste Grundtyp ist der altkirchliche Grundtyp, zu dem in gewisser Weise auch noch die Spaltung zwischen Ostkirche und Westkirche gehört. Diese Kirchenspaltung findet im Rahmen einer grundlegenden Einheit im nikänischen Bekenntnis und der damit verbundenen altkirchlichen Kirchenstruktur statt. Eine Wiedervereinigung zwischen Ostkirche und Westkirche ist möglich, wenn Rom vom Osten nicht mehr an Primatslehre verlangt, als im ersten Jahrtausend gelehrt und gelebt worden ist, und wenn der Osten darauf verzichtet, die westliche Entwicklung des zweiten Jahrtausends als häretisch zu bekämpfen und die katholische Kirche in dieser Gestalt als rechtmäßig und rechtgläubig akzeptiert. Wiedervereinigung ist hier ein „gegenseitiger Akt des Sich-Annehmens, des Sich-Wiedererkennens in der gemeinsamen unverlorenen Katholizität“. Der zweite Grundtyp von Kirchenspaltung ist nach Ratzinger ein grundlegend anderer. Er geht aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervor. Seine leitende theologische Vorstellung (die auf Augustinus zurückgeht und durch die mittelalterliche Entwicklung der Kirche plausibilisiert worden ist) ist die strenge Unterscheidung von geistlicher, unsichtbarer Kirche und sichtbarer Kirche. Dadurch, nämlich mit dem Protest gegen die mittelalterliche Entwicklung der Kirche und mit der Lutherischen Konzentration auf den Trost des geängstigten Gewissens hört die großkirchliche Gemeinschaft auf, Garant des Heils zu sein; sie kann sogar zum Gegner des persönlichen Heils werden. Mit dem Verbrennen der Bannbulle wird nicht nur eine fragwürdige Exkommunikationspraxis verbrannt, sondern auch die durch die mittelalterliche Entwicklung bereits entleerte altkirchliche Communio-Idee und damit der grundlegende Konsens des ersten Jahr- tausends im Kirchenverständnis verlassen. Aus diesem Grund ist der Weg der Wiedervereinigung hier schwieriger. Diese kann auch hier nur auf dem Weg der gemeinsamen Suche nach der Einheit des Bekenntnisses und der Einheit der kirchlichen Gemeinschaft gegangen werden. Konkret wäre dies prinzipiell möglich, wenn die katholische Kirche die Confessio Augustana, eine wichtige Bekenntnisschrift der Evangelisch-lutherischen Kirchen, in einem geistlichen Entscheid als katholisch anerkennen könnte und wenn umgekehrt die Evangelisch- lutherischen Kirchen die offene Frage der Mitte des Reformatorischen von einer katholisch verstandenen Confessio Augustana her entscheiden würden. Eine Wiedergewinnung der Kircheneinheit ist also nicht allein durch historische Klärung der Vergangenheit oder durch Suche nach einem faktischen Lehrkonsens möglich; es bedarf auch einer geistlichen konvergenten Vorwärtsbewegung, weil nur so die Unterschiedlichkeit religiöser Erfahrung, die bei der abendländischen Kirchentrennung mit im Spiel war, von ihrem trennenden Charakter befreit werden kann. Eine solche geistliche kirchliche Entscheidung muss auch einen kirchenrechtlich verbindlichen Charakter und eine kirchliche Legitimität besitzen und daher letztlich durch das verantwortliche kirchliche Amt vollzogen werden.

 

5   Heilige und sündige Kirche

Die Aufdeckung der zahlreichen Fälle von Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung in Einrichtungen der katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem durch Ordensangehörige und Priester, lassen nicht nur juristische und politische Fragen des Staat-Kirche-Verhältnisses neu aufbrechen, sondern auch die theologische Frage nach dem zugrundeliegenden Kirchenbild neu stellen. Der Hirtenbrief Benedikt XVI. an die Katholiken Irlands vom 19. März 2010 geht bereits auf eine Reihe dieser Fragen ein, etwa dass die Opfer im Mittelpunkt stehen müssten, dass eine schonungslose Aufklärung der Vergehen notwendig sei, dass mit den Behörden zusammengearbeitet werden müsse, dass die Kirchenleitungen Fehler begangen haben, dass auch ein fragwürdiges Kirchenbild eine Rolle gespielt habe usw.

Sehen wir uns diesen theologischen Aspekt in der Theologie Joseph Ratzingers etwas näher an, und zwar unter dem Titel „Heilige und sündige Kirche“.

Die Heiligkeit ist die älteste der vier Grundeigenschaften der Kirche in den Glaubensbekenntnissen. Bereits seit der Mitte des 2. Jahrhunderts ist sie geläufig. Heiligkeit meint hier allerdings nicht zuerst eine außergewöhnliche moralische Qualität, sondern ein Geheiligt-Sein von Gott, eine besondere Nähe Gottes, die eine besondere Verheißung und Sendung einschließt.

Dass es gleichzeitig in der Kirche Sünde gibt, ist seit den ersten Anfängen der Kirche unübersehbar. Wie zentral dieses Problem ist, bezeugen die vielen Reformbewegungen in der Kirchengeschichte. So stellte sich schon immer das theologische Problem, wie beide Aspekte der Kirche, Heiligkeit und Sünde, zusammenzudenken sind.

In den reformatorischen Theologien herrscht eine Sicht vor, nach der die Kirche „heilig“ und „sündig“ zugleich ist. In der katholischen (und ostkirchlichen) Theologie dagegen wurde gemeinhin Heiligkeit und Sünde eher auf verschiedene Hinsichten verteilt: Heilig ist die Kirche in ihren von Gott gewirkten Aspekten, in ihrer Institution, in ihren Sakramenten, ihrer Lehre, ihren Heiligen und Märtyrern. Sünde gibt es in der Kirche nur als Sünde ihrer Glieder, wobei in der neuzeitlichen Sakralisierung der Kirche die Sünde in der Kirche eher, schamhaft oder verdrängend, in den Hintergrund geschoben wurde. Das II. Vatikanische Konzil hat dann als Reformkonzil neben der Heiligkeit der Kirche und ihrem zuverlässigen Zeugnis der erlösenden Wahrheit Gottes auch die Notwendigkeit ihrer ständigen Reinigung, Erneuerung und Umkehr betont. Und Papst Johannes Paul II. hat dann wiederholt, vor allem auch im Jubiläumsjahr 2000, ein Schuldbekenntnis für die Vergehen der Kirche in der Kirchengeschichte gesprochen.

Joseph Ratzinger hat zuerst (etwa in der „Einführung in das Christentum“ 1968) selbst den Ausdruck der sündigen Kirche nicht ganz abgelehnt, auf jeden Fall aber die Sünde in der Kirche so stark betont, dass er die Heiligkeit der Kirche im Dennoch der Gnade Gottes gesehen hat, die trotz der vielen Vergehen in der Kirche wirksam ist. „Im letzten kann man nur ein Bekenntnis ablegen, warum man dennoch diese Kirche im Glauben zu lieben vermag, warum man durch das entstellte Angesicht hindurch immer noch das Antlitz der heiligen Kirche zu erkennen wagt“ (283). „Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündigkeit ausübt“ (283).“Es ist die Heiligkeit, die als Heiligkeit Christi aufstrahlt inmitten der Sünde der Kirche. So ist die paradoxe Gestalt der Kirche, in der sich das Göttliche so oft in unwürdigen Händen präsentiert, in der das Göttliche immer nur in der Form des Dennoch anwesend ist, den Gläubigen ein Zeichen für das Dennoch der je größeren Liebe Gottes. Das erregende Ineinander von Treue Gottes und Untreue der Menschen, welches die Struktur der Kirche kennzeichnet, ist gleichsam die dramatische Gestalt der Gnade, durch die die Realität der Gnade als Begnadigung der an sich Unwürdigen fortwährend in der Geschichte anschaulich gegenwärtig wird. Man könnte von da aus geradezu sagen, eben in ihrer paradoxalen Struktur aus Heiligkeit und Unheiligkeit sei die Kirche die Gestalt der Gnade in dieser Welt“ (284). Das bedeutet dann für die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden: Von Christus her ist Heiligkeit „nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe“ (285). „Kann von da aus die Heiligkeit der Kirche etwas anderes sein als das Einander-Tragen, das freilich für alle davon kommt, daß alle von Christus getragen werden?“ (285).

In späteren Rückblicken auf das Konzil und seine Wirkungsgeschichte wird nicht nur der Ausdruck der sündigen Kirche abgelehnt, sondern auch eine Unterscheidung der Geister angemahnt, eine Unterscheidung zwischen wirklicher Gewissenserforschung und wirklicher Umkehr auf der einen Seite und einer undifferenzierten selbstquälerischen Pauschalkritik der ganzen kirchlichen Vergangenheit, durch die die kirchliche Identität, die Verlässlichkeit des kirchlichen Zeugnisses und jede Freude an der Kirche zerstört wird. Eine solche innerkirchliche und außerkirchliche Kirchenkritik sieht er in der Nachkonzilszeit verbreitet am Werk.

Deshalb unterscheidet er jetzt wieder zwischen der Kirche Christi, die heilig ist und sich als solche in der Kirche manifestiert, und unserer Kirche, die eine Kirche der Sünder ist. Mit dem Gebet des Priesters vor der Kommunion: „Herr Jesus Christus, schaue nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche“ unterscheidet er zwischen dem Glauben der Kirche und unseren Sünden. Und ich denke: Auch wer von einer zugleich heiligen und sündigen Kirche sprechen will, muss solcher Art Unterscheidungen heranziehen, um die christliche Grundüberzeugung von der Heilshoffnung in Jesus Christus Ausdruck zu verleihen.

 

6   Kirche und Staat

Im Zusammenhang des europäischen Einigungsprozesses ist auch das Staat-Kirche-Verhältnis neu in Bewegung geraten. Denn dieses Verhältnis reicht nun faktisch von einer strikten, ja feindlichen Trennung auf der einen Seite bis zur Staatskirche auf der anderen Seite, mit vielen Varianten einer Verbindung von Unterscheidung und Kooperation in der Mitte. Immerhin kann von einer gewissen Konvergenzbewegung auf ein europäisches Gesamtmodell hin gesprochen werden, das im Gedanken der Religionsfreiheit sowohl die prinzipielle Unterscheidung als auch eine vielgestaltige Zusammenarbeit miteinander verbunden sieht.

Welche Akzente in Zukunft dominieren werden, separatistische oder kooperative, das bleibt freilich offen.

Wo Joseph Ratzinger bisher direkt auf diese Frage zu sprechen kam, sah er in Europa drei Modelle des Kirche-Staat-Verhältnisses ausgebildet: das laizistische Modell bei den lateinischen Nationen, das die Religion streng in den privaten Bereich verweist und das sich bereits als brüchig erwiesen hat, das staatskirchliche Modell des liberalen Protestantismus im germanischen Raum, das vor der Auszehrung steht und dann das antikirchliche und antireligiöse Modell des totalitären Kommunismus, das eine tiefe Verwüstung der Seelen hinterlassen hat und zugrundegegangen ist. Zwischen dem laizistischen und dem staatskirchlichen Modell sieht er schließlich das Modell der USA angesiedelt, das auf freikirchlicher Grundlage von einer strikten Trennung ausgeht, das aber zugleich von einem nicht konfessionell geprägten protestantisch-christlichen Grundkonsens geprägt ist. Sofern der amerikanische Katholizismus dieses Modell adaptiert hat, zeigt er, „dass gerade eine nicht mit dem Staat verschmolzene Kirche die moralischen Grundlagen des Ganzes besser gewährleistet“. „Man kann in einer solchen Position mit gutem Recht eine zeitgemäße Fortführung des Modells von Papst Gelasius sehen…“ Das deutsche Modell einer freundlichen, kooperativen Trennung von Staat und Kirche wird interessanterweise nicht als eigenes Modell aufgeführt.

Eine größere Rolle als die konkreten rechtlichen Regelungen spielen auch hier wieder die grundlegenden theologisch-philosophischen Voraussetzungen des Kirche-Staat-Verhältnisses. Auf der einen Seite wird im Anschluss an die altkirchliche, insbesondere augustinische Reaktion auf das Römische Reich und seine Vermischung von Religion und Politik die strikte Unterscheidung und Trennung von geistlich und weltlich, Religion und Politik, Kirche und Staat betont. Der Kontext, in dem diese Argumentation besonders intensiv in den Vordergrund gerückt wird, ist die (insbesondere vom Marxismus inspirierte) Gefahr einer Vermischung von Religion und Politik in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren. Die Gefahr einer solchen erneuten Sakralisierung der Politik und einer Politisierung der Religion wird in der Politischen Theologie und in der Theologie der Befreiung gesehen, die daher entsprechend systematisch bekämpft werden. Die Kirche hat zuallererst ihrer eigenen genuinen Aufgabe nachzukommen, in Verkündigung, Gottesdienst und Diakonie ein wirksames Zeichen und Zeugnis von Gottes versöhnender Gegenwart zu sein. In dieser Hinsicht kann sogar einer gemäßigten laizistischen Verhältnisbestimmung zugestimmt werden.

In der neuen Situation ab den 1990er Jahren wird nun umgekehrt die unter der Voraussetzung einer strengen Unterscheidung notwendige Kooperation von Kirche und Staat in den Vordergrund gerückt. Gespeist wird dieser umgekehrte Schwerpunkt durch die doppelte Erfahrung, dass nach dem Ende des Kalten Krieges und der kommunistischen Diktaturen der demokratische und pluralistische Staat eine gemeinsame Wertegrundlage braucht, diese aber wegen des Pluralismus und wegen des fortschreitenden kulturellen Relativismus nicht liefern kann (weshalb die Kirche hier eine notwendige politische Aufgabe erhält) und dass zweitens der Glaube und die Kirche auch einer gewissen öffentlichen Präsenz bedürfen, um sich entfalten zu können.

Die Kirche hat sich dabei direkter politischer Aktionen zu enthalten, sie hat keine besondere konkrete politische Einsicht. Aber sie muss – im Blick auf Staat und Gesellschaft – die Grundorientierung der Gerechtigkeit gegenwärtig halten und der Manipulation durch die politische Macht entziehen. Sie muss mithelfen, dass im Widerstreit zwischen Nützlichkeit und Wahrheit und zwischen politischer Autorität und Wahrheit die Wahrheit nicht auf der Strecke bleibt. Deshalb ist ein wichtiger Beitrag der Kirche die Erziehung zum Gewissen.

 

7   Die Kirche der Zukunft

Wo die Kirche heute noch eine Mehrheitsposition einnimmt oder noch mehr oder weniger volkskirchliche Züge trägt, ist sie nach Ratzinger missionsmüde geworden. Das christliche Lebensmodell scheint nicht mehr überzeugend zu sein, weil es gegen die Freude am Leben und gegen die Freiheit gerichtet zu sein scheint. Es bedarf daher notwendig schöpferischer Minderheiten, die die Schönheit und Freude des christlichen Glaubens überzeugend vermitteln. Schon der Weg der Bekehrung braucht unbedingt einen Lebenszusammenhang, eine Weggemeinschaft. Daher die Wichtigkeit des Katechumenats. Im Zusammenhang der Neuevangelisierung Europas werden auch mögliche tiefgreifende Änderungen der Gestalt der Kirche im epochalen Umbruch unserer Zeit ins Auge gefasst. Volkskirchliche Formen der Kirche werden wahrscheinlich in Europa zunehmend abnehmen. Sie haben, wo sie lebendig sind, zweifellos auch ihre schönen, anerkennenswerten Seiten. Eine Minderheitenkirche, die sich vom herrschenden Zeitgeist deutlich abhebt, hat aber nach Ratzinger auch die besondere Chance, von neuem zum Sauerteig für die Gesellschaft zu werden. Sie muss sich allerdings als offene Kirche verstehen, die unterschiedliche Arten der Anlehnung und Beteiligung kennt und die auch gewillt ist, ihre missionarische Verantwortung für das Ganze, d.h. auch für Gesellschaft und Staat wahrzunehmen. Eine große Bedeutung für eine solche Verlebendigung des kirchlichen Glaubens kommt dabei den neuen religiösen Bewegungen in der Kirche mit ihren verschiedenen neuen Gemeinschaftsformen zu.

Mit diesem kurzen Blick in die Zukunft sei diese Übersicht über das Kirchenverständnis von Benedikt XVI./Joseph Ratzinger abgeschlossen.

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Quelle

Treffen mit Priestern und Ordensleuten: „Das Volk Gottes braucht keine Superhelden“

Papst Franziskus in der Kathedrale von Santiago de Chile

Berufungen zum Priester- oder Ordensleben sind persönlich, aber immer auch Teil einer größeren Gruppe, es gibt keine „Selfie“-Berufungen. In einer langen Ansprache wandte sich Papst Franziskus an diesem Dienstag in der Kathedrale von Santiago an Priester, Ordensleute und Seminaristen.

Bernd Hagenkord SJ, Vatikan

Der niedergeschlagene Petrus, der Petrus der Barmherzigkeit erfährt, der verklärte Petrus: Die Person des Jüngers und Apostels stehe für beide Dimensionen, die persönliche und die gemeinschaftliche, so der Papst, an der Geschichte vom Fischfang nach der Auferstehung (Joh 21:1-19) könne man sehen, was das bedeute.

Aus der Niedergeschlagenheit heraus

Da sei zunächst die Niedergeschlagenheit. Jesus war tot und obwohl einige dem Auferstandenen schon begegnet seien, habe dieses Ereignis so stark [gewirkt], dass sie Zeit brauchten, um das Geschehen zu verstehen. Dieser Tod habe „einen Sturm an inneren Kämpfen“ in den Herzen der Jünger ausgelöst, „Petrus hatte ihn verleugnet, Judas hatte ihn verraten, die anderen waren geflohen und hatten sich versteckt.“

“ Die größte aller Versuchungen ist, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufzuhalten ”

Zeiten von solcher Niedergeschlagenheit hätten ihre eigenen Versuchungen, legte der Papst den Text aus. „Die Versuchung, über Ideen zu diskutieren, den Aufgaben nicht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, sich zu sehr auf die Verfolger zu fixieren … Und ich glaube, die größte aller Versuchungen ist, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufzuhalten“.

Ein Zustand der Unruhe

Etwas von dieser Niedergeschlagenheit lasse auch die Situation von Priestern und Ordensleuten in Chile erkennen, „Neben der Treue der großen Mehrheit ist auch das Unkraut des Bösen und als dessen Folge Skandale und Glaubensabfall angewachsen. Ein Zustand der Unruhe.“ Er wisse um den Schmerz, ausgelöst durch die Missbrauchsfälle, Schmerz vor allem wegen des Schadens und Leidens der Opfer und ihrer Familien und des betrogenen Vertrauens wegen. Schmerz dann aber auch, weil diese Missbrauchsfälle Misstrauen und Infragestellungen ausgelöst hätten, einen Mangel an Vertrauen.

„Ich weiß, dass ihr manchmal in der U-Bahn oder auf der Straße beschimpft worden seid und dass ihr an vielen Orten einen hohen Preis zahlen müsst, wenn ihr Priesterkleidung tragt“, so der Papst. „Aus diesem Grund schlage ich vor, dass wir Gott um die klare Einsicht bitten, die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft um Vergebung zu bitten und um die Fähigkeit zu lernen auf das zu hören, was Er uns sagt.“

Neue Situationen ohne Patentrezept

Die Gesellschaft verändere sich, auch Chile sei keine Ausnahme. Neue und unterschiedliche kulturelle Formen entstünden, die sich nicht an gewohnten Modelle anpassten. „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir oft nicht wissen, mit diesen neuen Situationen umzugehen“, in jedem Fall sei ein Zurücksehnen nach einer angeblich guten Vergangenheit – den „Fleischtöpfen Ägyptens“ – der falsche Weg, das lasse vergessen, „dass das Gelobte Land vor uns liegt“. Die Kirche müsse die Welt sehen, wie sie sei, ob es nun gefalle oder nicht.

“ Wir müssen uns bewusst sein, dass wir oft nicht wissen, mit diesen neuen Situationen umzugehen ”

In den Worten des Evangeliums: Die Netze blieben leer, die Fischer kehren heim mit leeren Händen, niedergeschlagen, eine „Stunde der Wahrheit im Leben der ersten Gemeinde.“

Der Schwäche ins Gesicht sehen

Der Kirche könne dasselbe passieren wie damals Petrus und den Jüngern, „es gibt Momente, in denen wir nicht unserem Ruhm, sondern unserer Schwäche ins Gesicht sehen.“

Dem begegnet Jesus mit der Frage „liebst du mich mehr als diese?“ „Jesus tadelt nicht und verurteilt nicht. Sein einziger Wunsch ist es, Petrus zu retten. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, in seiner Sünde eingeschlossen zu bleiben und auf der Verzweiflung aufgrund seiner Schwäche ‚herumzukauen‘.“ Es sei eine zerstörerische Einstellung, sich selbst zum Opfer zu machen und all das Gute zu vergessen.

“ Jesus tadelt nicht und verurteilt nicht. Sein einziger Wunsch ist es, Petrus zu retten. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, in seiner Sünde eingeschlossen zu bleiben ”

Hier werde „ein Apostel geboren“, sagte der Papst, nur das Erbarmen Gottes hält ihn, bei allen Grenzen, Sünden und Versagen. „Wir sind als Männer und Frauen gesandt, die sich bewusst sind, dass ihnen vergeben worden ist. Das ist die Quelle unserer Freude.“ Eine verwundete Kirche könne die Wunden der Welt verstehen und zu heilen versuchen, sie stelle sich nicht in den Mittelpunkt und glaube nicht, perfekt zu sein. „Das Bewusstsein, das wir verwundet sind, macht uns frei“, denn „das Volk Gottes erwartet und braucht keine Superhelden.“

Die Pädagogik Jesu

Wahre Größe komme aus dem Dienst, so der Papst, das sei die „Pädagogik unseres Herrn“.

„Mit Blick auf den niedergeschlagenen und den verwandelten Petrus sind wir eingeladen, uns von einer niedergeschlagenen und hoffnungslosen Kirche in eine Kirche zu wandeln, die Dienerin der vielen Niedergeschlagenen ist, die Seite an Seite mit uns leben. Eine Kirche, die fähig ist, ihrem Herrn im Hungernden, im Gefangenen, im Dürstenden, im Heimatlosen, im Nackten, im Kranken zu dienen … (Mt 25,35).“ Das sei nicht etwa Bevormundung oder eine reine „Wohlfahrtsmentalität“, das sei Bekehrung des Herzens.

Die eigene und die gemeinschaftliche Berufung zu leben, dazu erneut „Ja“ zu sagen sei er gekommen. Das müsse allerdings im Realismus geschehen. Denn ein solcher Realismus stütze sich auf den Blick Jesu.

(VN)

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Papstansprache beim Treffen mit Priestern und Ordensleuten

„Back to the Roots“: Irakische Christen kehren nach Ninive zurück

Karakosch / © Jaco Klamer Für KiN – KIRCHE IN NOT

KiN unterstützt den Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene

Etwa 500 christliche Familien – knapp 2.500 Menschen – feierten die langersehnte Rückkehr in ihre früheren Städte und Dörfer in der Nineve-Ebene und setzten ein Zeichen für den Neubeginn.

In Karakosch (Baghdeda), der größten christlichen Stadt in Ninive, hielten Priester und Gläubige bei einer Prozession Olivenzweige in den Händen und sangen in der Sprache Jesu aramäische Gesänge. Im Schutz von Sicherheitskräften in gepanzerten Fahrzeugen wurde die Prozession von Priestern angeführt, die Kreuze hochhielten. In der syrisch-katholischen Kirche der Unbefleckten Empfängnis fand ein Gottesdienst statt. Diese Kirche im Stadtzentrum war von Kämpfern des IS entweiht und angezündet worden. Während der Zeremonie rief der Projektbeauftragte für den Nahen Osten von „Kirche in Not“ (ACN), Pater Andrzej Halemba, die Menschen dazu auf, denen zu vergeben, die sie aus ihren Häusern vertrieben und ihre Städte und Dörfer angegriffen haben.

Pater Halemba sagte den Heimkehrern: „Natürlich weinen wir angesichts der Gewalt, die ausgeübt wurde, doch wir sollten die Wut aus unseren Herzen entfernen. Es sollte kein Hass in unseren Herzen sein. Wir sollten uns mit unserem Nachbarn versöhnen.“ Mindestens 2.000 Familien – 10.000 Personen – kehrten Berichten zufolge nach Karakosch zurück. Weitere  500 Familien – 2.500 Personen – werden in den nächsten Monaten erwartet.

„Kirche in Not“ (ACN) beteiligt sich am Wiederaufbau zahlreicher Wohnungen in einigen mehrheitlich christlichen Städten und Dörfern in Ninive, die vor und nach der Besetzung der Region durch den IS, von August 2014 bis Oktober 2016, zerstört wurden. Das Hilfswerk engagiert sich auch beim Wiederaufbau von Kirchen in beiden Städten sowie in Telskuf, wo die Renovierung der Kirche St. Georg bereits fortgeschritten ist.

Der Kardinalstaatssekretär im Vatikan, Pietro Parolin, nahm an einer vom Päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in Rom veranstalteten Konferenz teil, um die Rückkehr der irakischen Christen in ihre Heimat in der Ninive-Ebene zu unterstützen. Der Kardinalstaatssekretär dankte für „die Unterstützung zahlreicher christlicher Familien durch das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in den drei Jahren nach der Invasion durch den selbsternannten Islamischen Staat, damit sie in die Lage versetzt werden, dieser Situation in Würde zu begegnen. Es ist viel getan worden, aber es ist noch viel zu tun.”

Der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad,  Louis Raphael I. Sako, nannte fünf Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht: die Bildung unterstützen, politische Unterstützung anbieten, die befreiten Gegenden sichern und stabilisieren, und zuletzt den Fundamentalismus und den Terrorismus besiegen.

Herbert Rechberger, der Nationaldirektor von „Kirche in Not“ – Österreich, bittet alle Wohltäter und  Freunde des Werkes, und alle Menschen guten Willens, den Christen im Irak jetzt zu helfen,  die Dörfer wieder aufzubauen und die Rechte der Christen abzusichern: “Wir sind uns dessen bewusst, dass sich der Irak weiterhin in einer schwierigen Lage befindet. Wir wissen aber auch: Wenn wir den Christen jetzt nicht helfen,wird ein Ursprungsland des Christentums einmal christenfrei sein und dann brauchen wir morgen nicht mehr darüber zu sprechen.“

Die Webseite www.irak-wiederaufbau.at  informiert über diese große und wichtige Initiative  mit neuesten Nachrichten, Fotos und Videos.

Um das Überleben der christlichen Minderheit in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu erhalten, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter www.kircheinnot.at oder auf das Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Wiederaufbau Irak

(Quelle: KiN Österreich)

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