BRIEF AN PAPST FRANZISKUS DER VEREINIGUNG KATHOLISCHER MÄNNER

HINWEIS: Dieser Brief spiegelt die persönliche Initiative der einzelnen katholischen Männer wider, die ihn unterzeichnet haben. Berufliche Zugehörigkeiten werden nur zu Identifikationszwecken aufgeführt. Dieser Brief wird von keiner Gruppe oder Organisation gesponsert. Unterzeichner werden ermutigt, traditionelles Fasten mit Essen und / oder Trinken zu betreiben, aber die genaue Art des Fastens jedes Unterzeichners ist eine Frage der individuellen Diskretion. Unterzeichner werden ermutigt, ein schwieriges, aber nicht übermäßig belastendes Fasten zu unternehmen.

5. September 2018

Lieber Heiliger Vater und liebe Bischöfe der Vereinigten Staaten:

Als katholische Laien sind wir treue Ehemänner, Väter, Geschäftsleute, Juristen, Handwerker, Ärzte, Professoren, Lehrer, Künstler und Leiter katholischer Laienapostolate. Aber vor allem sind wir Menschen, die in Christus und seine Kirche verliebt sind, und aus diesem Grund bitten wir Sie, die Korruption zu beseitigen, die das Antlitz der Braut Christi so grotesk entstellt hat. Die gegenwärtigen Skandale haben unsere Frauen, Schwestern, Brüder und Kinder in Gefahr gebracht. Deshalb bitten wir Sie, in Anlehnung an die Worte der hl. Katharina von Siena an Papst Gregor XI, „nicht länger zu schlafen und mutig das Banner [Christi] zu erheben“. Die Kirche braucht Reinigung, und kraft Ihrer Ämter als unsere Hirten ist niemand mehr qualifiziert, diese Reinigung zu bewirken als Sie selbst. Wir bitten Sie, dies ohne Verzögerung zu tun.

Indem wir Mut fassen vom heiligen Paulus und wissend, dass „wo die Sünde zunahm, die Gnade umso größer wurde“ (Rm 5:20), sind wir entsetzt über die jüngsten Missbräuche. Wir haben von den Vorwürfen gegen Erzbischof Theodore McCarrick gelesen, dem Bericht der Grand Jury bezüglich der Kirche in Pennsylvania, von den schrecklichen Misshandlungen in Honduras und Chile; und den überhandnehmenden Berichten über klerikale homosexuelle Aktivitäten, Pädophilie und Ephebophilie im gesamten Presbyterium der Welt. Vor kurzem haben wir die Aussage von Erzbischof Carlo Maria Viganò gelesen, in der behauptet wird, dass Bischöfe in leitenden Führungspositionen sowohl innerhalb des Heiligen Stuhls als auch in den Vereinigten Staaten sexuellen Missbrauch vertuscht haben, was eine weit verbreitete und systemische Korruption in der gesamten kirchlichen Hierarchie belegt.

Heiliger Vater, wir gelangen an Sie, um Antworten zu bekommen. Sie wurden persönlich mit Vorwürfen konfrontiert. Diese Vorwürfe wurden von einem hochrangigen Kirchenvertreter, Erzbischof Viganò, erhoben. Außerdem haben viele Bischöfe in den Vereinigten Staaten öffentlich erklärt, dass sie der Ansicht sind, dass diese Anschuldigungen untersucht werden sollten. Wir bitten Sie, sie anzusprechen. Insbesondere bitten wir Sie, die Fragen unserer Schwestern in ihrem am 30. August 2018 veröffentlichten Schreiben an Sie zu beantworten.

Überdies, unabhängig von der Richtigkeit der Anschuldigungen von Erzbischof Viganò bleiben unsere Bedenken hinsichtlich der Korruption bestehen. Eure Heiligkeit, Ihre Eminenzen und Ihre Exzellenzen: Was tun Sie inmitten weit verbreiteten globalen Missbrauchs, Vertuschungen und hierarchischem Versagen, und was werden Sie tun, um das Volk Gottes zu beschützen? Wir bitten Sie, diese einfache Frage zu beantworten, denn die Kosten der bischöflichen Korruption sind katastrophal. Gegenwärtig zögern viele Familien, ihre Söhne ins Priesterseminar zu schicken. Bemühungen zur Evangelisierung wurden gelähmt. Und das Misstrauen der Spender gefährdet die Fähigkeit der Kirche, den Armen zu dienen, den Umweltschutz zu fördern und Werke der Barmherzigkeit zu verrichten. Eine katholische Mutter hat gesagt, dass diese Krise entweder die Kirche neu beleben oder einen Exodus verursachen wird. Wir bitten Sie, die Wiederbelebung durch radikale Reinigung zu fördern, indem Sie erkennen, dass Sie Gefahr laufen, in den Augen von Millionen von Katholiken an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Heiliger Vater, wir sind persönlich unserer eigenen Reinheit und der Reinigung der Kirche verpflichtet. Wir werden an die Worte unseres Herrn in Johannes 8:7 erinnert: „Derjenige unter euch, der ohne Sünde ist, soll der Erste sein, der einen Stein wirft.“ Alle Sünde, einschließlich unsere eigene, schwächt die Kirche. Als Männer müssen wir alle die Kraft haben, die Heiligung durch unseren Herrn zu suchen. Aus diesem Grund werden wir bei uns selbst beginnen, unser eigenes Gewissen prüfen und unser eigenes Bekenntnis zur Keuschheit erneuern. Wir werden daran arbeiten, unsere eigenen Familien aufzubauen, besonders unsere Söhne und unsere eigenen Gemeinschaften. Des weiteren verpflichten sich die Unterzeichner dieses Schreibens zu ernsthaftem und schwerem Fasten für die nächsten siebzehn Freitage, beginnend diesen Freitag, den 7. September bis zum Ende des Kalenderjahres. Wir werden nicht nachgeben. Wir werden das Leiden als Buße für unsere eigenen Sünden und die Sünden der Kirche annehmen. Wir wollen nichts mehr, als inmitten eines Skandals Heilige zu werden.

Heiliger Vater und Bischöfe der Vereinigten Staaten, wir plädieren für Gerechtigkeit für die Opfer des Missbrauchs. Wir fügen unsere Stimmen denen der Bischöfe hinzu, die eine Untersuchung der kirchlichen Hierarchie sowohl in unserem eigenen Land als auch im Vatikan gefordert haben. Diese Untersuchung sollte von treuen Laien und Frauen durchgeführt werden. Darüber hinaus ermutigen wir andere Gruppen, ihre Stimme zu erheben, indem sie weitere Briefe dieser Art schreiben.

Schließlich loben wir unseren Herrn Jesus Christus, der in seiner reichen Barmherzigkeit die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche gegründet hat. Wir bekräftigen unsere Hoffnung für die Zukunft der Kirche. Wir bitten Sie, mutig und nicht ängstlich zu sein. Wir bekräftigen unsere Zuneigung und Dankbarkeit für die heiligen Priester und Bischöfe, die uns treulich als Verwalter der Geheimnisse Christi gedient haben. Die Geschichte der Kirche hat viele Jahreszeiten gesehen. Dennoch, nach der dunklen Jahreszeit des Winters kommt der Frühling, und wir beten, dass die Schwierigkeiten der Gegenwart durch die kommenden Siege überwunden werden. Im Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus sind wir voller Zuversicht, dass das Licht der Heiligen Dreifaltigkeit diese gegenwärtige Dunkelheit durchbricht und die ganze Schönheit unserer geliebten Kirche offenbart.

Wir versprechen unser Leben, unsere Talente und unsere Ressourcen für die Reinigung und Erneuerung der katholischen Kirche einzusetzen. Unter Anrufung der Fürsprache der Gottesmutter werden wir bis zum Ende für diese Sache kämpfen.

Ihre Söhne und Brüder in Christus,

[Rund 11’000 Unterschriften]

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Quelle

BRIEF AN PAPST FRANZISKUS VON KATHOLISCHEN FRAUEN


HINWEIS: Dieser Brief spiegelt die persönliche Initiative der einzelnen katholischen Frauen wider, die diesen Brief unterschreiben, und wird nicht von irgendeiner Gruppe oder Organisation gesponsert.

 

30. August 2018

An Seine Heiligkeit, Papst Franziskus
Vatikanstadt

Eure Heiligkeit:

Sie haben gesagt [Evangelii gaudium, 103], dass Sie „eine wirksamere weibliche Präsenz in der Kirche wünschen“, und dass „Frauen in der Lage sind, Dinge mit einem anderen Blickwinkel als [Männer] zu sehen, mit einem anderen Auge. Frauen können Fragen stellen, die wir Männer nicht verstehen können.“

Wir schreiben Ihnen, Heiliger Vater, um Fragen zu stellen, die Antworten brauchen.

Wir sind katholische Frauen, die sich zutiefst unserem Glauben verpflichtet fühlen und zutiefst dankbar sind für die Lehren der Kirche, die Sakramente und die vielen guten Bischöfe und Priester, die unser Leben gesegnet haben.

Unsere Herzen sind gebrochen, unser Glaube ist durch die eskalierende Krise, die unsere geliebte Kirche erfasst hat, geprüft worden. Wir sind wütend, betrogen und desillusioniert. Der Schmerz und das Leid der Opfer enden nie, denn jeder Nachrichtenzyklus bringt entsetzlichere Enthüllungen über sexuellen Missbrauch, sexuelles Fehlverhalten, Vertuschungen und Betrug – selbst auf höchster kirchlicher Ebene.

Die jüngste Erklärung von Erzbischof Carlo Maria Viganò fordert uns auf, Sie direkt um Antworten zu bitten. Sein Zeugnis beschuldigt Sie, Heiliger Vater, und hochrangige Kardinäle, das ungeheuerliche Verhalten des ehemaligen Kardinals McCarrick zu ignorieren und diesen Räuber als globalen Sprecher und geistlichen Führer zu fördern. Ist das wahr?

Dies sind verheerende Vorwürfe. Wie USCCB-Präsident Kardinal Daniel D. DiNardo vor kurzem sagte : „Die aufgeworfenen Fragen verdienen Antworten, die schlüssig sind und auf Beweisen basieren.“ Dem stimmen wir zu.

Einige entscheidende Fragen, die die Erklärung von Erzbischof Viganò aufwirft, erfordern jedoch weder langwierige Ermittlungen noch physische Beweise. Sie erfordern nur Ihre direkte Antwort, Heiliger Vater. Als Sie kürzlich von Reportern über die Vorwürfe von Erzbischof Viganò befragt wurden, antworteten Sie : „Ich werde hierüber kein einziges Wort sagen.“ Sie sagten den Reportern, sie sollten „die Aussage sorgfältig lesen und ein eigenes Urteil fällen“.

Für Ihre verletzte Herde, Papst Franziskus, sind Ihre Worte unzureichend. Sie stechen und erinnern an den Klerikalismus, den Sie kürzlich verurteilt haben. Wir brauchen Führung, Wahrheit und Transparenz. Wir, Ihre Herde, verdienen jetzt Ihre Antworten .

Insbesondere bitten wir Sie demütig, die folgenden Fragen zu beantworten, da die Antworten Ihnen sicherlich bekannt sind. Erzbischof Viganò sagt, dass er Ihnen im Juni 2013 diese Botschaft (im Wesentlichen) über den damaligen Kardinal McCarrick übermittelt hat:

„Er hat Generationen von Seminaristen und Priestern beschädigt und Papst Benedikt hat ihm befohlen, sich in ein Leben des Gebets und der Buße zurückzuziehen.“

Ist das wahr? Was hat Ihnen Erzbischof Viganò im Juni 2013 über den damaligen Kardinal McCarrick mitgeteilt?

Wann haben Sie von Kardinal McCarrick von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs oder sexuellen Fehlverhaltens gegenüber Erwachsenen erfahren?

Wann haben Sie von den Einschränkungen erfahren, die Papst Benedikt dem damaligen Kardinal McCarrick auferlegt hat? Und haben Sie dann Kardinal McCarrick von irgendwelchen Einschränkungen von Papst Benedikt befreit?

Heiliger Vater, in Ihrem Brief an das Volk Gottes über die Skandale haben Sie geschrieben: „Ein Sündenbewusstsein hilft uns, die Fehler, die Verbrechen und die Wunden, die in der Vergangenheit verursacht wurden, anzuerkennen und erlaubt uns in der Gegenwart, mehr zu sein, offen und verpflichtet auf einer Reise der erneuerten Bekehrung.“ Deshalb erwarten wir, dass Sie, unser Heiliger Vater, ehrlich zu uns sind.

Bitte wenden Sie sich nicht von uns ab. Sie haben sich verpflichtet, die kirchlichen Wege in der Kirche zu ändern. Dass ein Kardinal Seminaristen missbrauchen würde, ist abscheulich. Wir müssen wissen, dass wir Ihnen vertrauen können, um ehrlich zu sein, was passiert ist. Die Opfer, die so sehr gelitten haben, müssen wissen, dass sie Ihnen vertrauen können. Die Familien, die die Quelle der Erneuerung der Kirche sein werden, müssen wissen, dass wir Ihnen vertrauen können und somit der Kirche vertrauen können.

Bitte halten Sie uns bei diesen Fragen nicht auf Distanz. Wir sind treue Töchter der Kirche, die die Wahrheit brauchen, damit wir beim Wiederaufbau helfen können. Wir sind keine Katholiken der zweiten Klasse, die abzulenken sind, während Bischöfe und Kardinäle Angelegenheiten privat behandeln. Wir haben das Recht zu wissen. Wir haben ein Recht auf Ihre Antworten.

Wir sind Frauen, Mütter, alleinstehende Frauen, geweihte Frauen und Ordensschwestern.

Wir sind die Mütter und Schwestern Ihrer Priester, Seminaristen, zukünftigen Priester und Ordensleute. Wir sind die Laienführerinnen der Kirche und die Mütter der nächsten Generation.

Wir sind Professorinnen in Ihren Seminaren und Leiter in katholischen Kanzleien und Institutionen.

Wir sind Theologinnen, Evangelistinnen, Missionarinnen und Gründerinnen von katholischen Apostolaten.

Wir sind die Menschen, die opfern, um die gute Arbeit der Kirche zu finanzieren.

Wir sind das Rückgrat der katholischen Pfarreien, Schulen und Diözesen.

Wir sind die Hände, die Füße und das Herz der Kirche.

Kurz, wir sind die Kirche, genauso wie die Kardinäle und Bischöfe um Sie herum.

Heiliger Vater, wir sind die „prägnante Gegenwart“, die die Kirche braucht, und wir brauchen Ihre Antworten.

In Liebe zu Christus und der Kirche,

(Rund 50’000 Unterschriften)

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Quelle

Kardinal Gerhard Ludwig Müller – Predigt bei Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM, in Rom in der Kirche Sant‘ Agnese in Agone


„Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich“

„Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels.“ Predigt zur Priesterweihe von Frater Michael Sulzenbacher SJM. Von Gerhard Kardinal Müller

Rom (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt des früheren Präfekten der Glaubenskongrefation, Gerhard Kardinal Müller, zur Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM in Rom in der Kirche Sant’Agnese in Agone am 15.9.2018 in voller Länge – kath.net dankt Kardinal Müller für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung

Lieber Mitbruder Michael Sulzenbacher,
ich bewundere – menschlich gesagt – Ihren Mut und – geistlich gesprochen – Ihr Gottvertrauen. In schwieriger Zeit treten Sie an den Weihealtar. Mit Ihrem Adsum sprechen Sie die Bereitschaft aus, Ihr ganzes Sein und Leben Gott zum Opfer darzubringen. Das ist die entscheidende Weichenstellung auf Ihrem irdischen Pilgerweg und eine Stunde der Gnade für das ganze Volk Gottes.

Die Kirche aber, die von Gott gestiftet ist und aus Menschen besteht, befindet sich – nach ihrer menschlichen Seite hin – in urbe et orbe in einer tiefen, von Menschen verschuldeten Krise ihrer Glaubwürdigkeit. In diesem dramatischen Augenblick ahnen und fürchten wir die möglichen negativen Konsequenzen aus Skandalen und Führungsfehlern. Unwillkürlich denken wir an die Spaltung der abendländischen Christenheit im 16. Jahrhundert oder an die Säkularisierung des geistigen Lebens im Gefolge der Aufklärung und der französischen Revolution.

Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels. Die Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich und manifestiert sich in ihr. Die schwere Versündigung an der Heiligkeit der Kirche ohne Gewissensbisse ist die Folge der Relativierung des dogmatischen Fundaments der Kirche. Das ist der wirkliche Grund der Erschütterung und der Enttäuschung von Millionen gläubiger Katholiken. In der Analyse der Ursachen der Abspaltungen von der einen Kirche Christi im 16. Jahrhundert stellte der Kirchenhistoriker Hubert Jedin (1900-1980) im ersten Band seiner „Geschichte des Konzils von Trient“ fest: „Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung.“ (I, 151).
Damals wie auch heute ist viel von Reform die Rede.

Was steckt hinter der schillernden und mediengerechten Propagandaformel „Reform der Kurie und der ganzen Kirche“, wenn nicht – wie ich inständig hoffe – die Erneuerung in der Wahrheit der Offenbarung und der Nachfolge Christi gemeint ist? Nicht die Verweltlichung der Kirche, sondern die Heiligung der Menschen für Gott ist die wahre Reform.

Es ist nicht Reform, sondern eine Irrlehre zu meinen, man könne die Lehre der Kirche bestehen lassen, aber um der schwachen Menschen willen müsse man eine neue Pastoral erfinden, die die Ansprüche der Wahrheit des Wortes Gottes und der christlichen Moral ermäßige.

Die Erlösung von der Sünde gründet in der Wahrheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Ohne die Wahrheit der Inkarnation würde die Kirche auf eine innerweltliche Weltverbesserungsagentur zusammenschrumpfen. Für unsere Sehnsucht nach Gott und das Verlangen nach dem ewigen Leben hätte sie keine Bedeutung. Der Priester wäre nur der Funktionär einer sozialreligiösen Bewegung. Die Kirche gewinnt nicht an Relevanz und Akzeptanz, wenn sie der Welt die Schleppen des Zeitgeistes nachträgt, sondern nur wenn sie ihr mit der Wahrheit Christi die Fackel voranträgt. Wir sollen uns nicht mit sekundären Themen wichtig machen und die Agenda anderer bearbeiten, die nicht glauben wollen, dass Gott allein der Ursprung und das einzige Ziel des Menschen und der ganzen Schöpfung ist.

Denn die wirkliche Gefahr für die Menschheit von heute besteht in den Treibhausgasen der Sünde und im global warming des Unglaubens und des Zerfalls der Moral, wenn niemand mehr den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt und lehrt. Der beste Umweltschützer und Naturfreund ist der Verkünder des Evangeliums, dass es nur mit Gott ein Überleben gibt und zwar nicht nur limitiert und für demnächst, sondern für immer und ewig.

In der Meinung, das christliche Dogma sei nicht mehr Grund und Kriterium von Moral und Pastoral, kommt eine christologische Häresie zum Vorschein. Diese besteht darin, dass man Christus, den Lehrer der göttlichen Wahrheit und Christus den guten Hirten in Gegensatz bringt. Christus ist dagegen ein und dieselbe Person. Vor Pilatus hat er nicht geschwiegen, sondern „das gute Bekenntnis abgelegt und ist als Zeuge für die Wahrheit eingetreten.“ (1 Tim 6,14). Dem Relativismus des Pilatus, der den Zynismus der weltlichen Macht verkörpert, stellt Jesus die erlösendende Macht der Wahrheit Gottes entgegen: „Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ ( Joh 18,37).

Ein- und derselbe Christus sagt von sich „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), der auch als der bonus pastor die Pastoral der Kirche in Person ist, wenn er das Geheimnis seiner Person und Sendung offenbart: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10,11).

Zeuge der Wahrheit Christi zu sein und Diener des guten Hirten: das ist das Geheimnis und der Ursprung des sakramentalen Priestertums in der Kirche des Neuen Bundes.

Das einzige Hohepriestertum „des erhabenen Hirten seiner Schafe“ (Hebr 13,20) schließt jeden anderen Weg zu Gott außer durch Jesus Christus aus, aber die sakramentale und kirchliche Vergegenwärtigung der ein für allemal von Christus erwirkten Erlösung ein, indem Christus selbst den Dienst und die Mission der Apostel gestiftet hat. In den Heiligen Weihen geht die apostolische Vollmacht und Sendung auf die Bischöfe und Priester über.

So gilt Ihnen, lieber Mitbruder, in dieser Stunde das Wort des hl. Paulus an seinen Mit-Apostel und Nachfolger Timotheus: „Fliehe vor der falschen Lehre, sei Diener des Wortes, Verkünder des wahren Glaubens und Kämpfer für die Wahrheit Christi. So ergreifst du das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast.“ (1 Tim 6,12). Diese vielen Zeugen sind heute alle, die hier versammelt sind: Ihre Mutter und Ihr Vater, die Ihnen als erste Zeugen den Glauben an Christus, den „Retter der Welt“ (Joh 4,42), vermittelt haben, mit den Großeltern, Geschwistern und allen Verwandten und Freunden, den Mitbrüdern Ihrer Gemeinschaft, den vielen Priestern und Diakonen und zuletzt auch mir. Als Bischof kommt mir die Vollmacht Christi zu, Ihnen durch die Auflegung meiner Hände und das Weihegebet, Anteil zu geben an der Vollmacht und Sendung des Messias. So vermögen Sie in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, mit der Kraft des Heiligen Geistes, die Gläubigen zu lehren, leiten und heiligen (PO 2), damit sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst.

Der ist ein wahrer Seelsorger, der mit der Liebe Gottes auf die ihm anvertrauten Menschen schaut und sich in seinem geistlichem Wirken und christusförmigen Lebenswandel nach dem Hohenpriester, dem er dient, ausrichtet. Der gute Hirt unterscheidet sich vom Mietling, weil er mit dem Herzen Jesu und Mariens die Menschen liebt und weil er sein Leben für die Herde des Herrn einsetzt. Der Apostel ist „Mitarbeiter Gottes, Diener Christi, Verwalter und Ausspender göttlicher Geheimnisse“ (1 Kor 4,1; 2 Kor 6,1). Ihm geht es nur um eines, „in voller Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen für Christus zu gewinnen.“ (2 Kor 5,11). Ihm ist der Dienst an der Versöhnung zur Verkündigung und sakramentalen Vermittlung übertragen worden. Und darum sind die geweihten Priester wie die Apostel „Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch sie mahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ (2 Kor 5,20).

Gewiss steht er auch in den Reihen der Gläubigen und bedarf auf dem Weg der irdischen Pilgerschaft – wie wir alle – der Gnade für sein geistliches Wirken und der Vergebung Gottes für seine Sünden und Versäumnisse. Die Wahrheit des Glaubens, die er verkündet und das Heil, das er in den Sakramenten vermittelt, hängt aber – Gott sei Dank – nicht von der Tiefe seiner Spiritualität oder der hohen Moralität seines Lebenswandels ab, sondern von der objektiven Heilswirkung der Sakramente. Denn Christus bedient sich der Menschen, aber er macht sich in seinem Heilshandeln nicht von ihnen abhängig. Denn er ist allein der „Urheber des ewigen Heils“ (Hebr 5,9).Während Christus ohne Sünde war, bedürfen jedoch alle Gläubigen und ihre Hirten der Vergebung. Das Bekenntnis unserer Sünden gehört in den Beichtstuhl. Wenn aber gottgeweihte Personen in zynischer Verachtung ihrer Berufung ein Doppelleben führen, gehören diese Taten vor das geistliche Gericht. Böse Taten müssen von der kirchlichen Autorität verurteilt, die Missetäter gerichtet nach Maßgabe des Rechtes bestraft werden. Wer das kirchliche Strafrecht für unvereinbar hält mit dem Evangelium der Liebe, der handelt nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus der Verachtung für die Menschen, die um ihre Rechte und Würde betrogen wurden. „Wehe der Welt mit ihrer Verführung. Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.“ (Mt 18,7). Dies gilt in besonderer Weise denen, die durch das geistliche Amt zu Vorbildern, Typoi, für die Gläubigen eingesetzt und in der heiligen Weihe mit dem Heiligen Geist bestärkt sind.

So möchte ich Ihnen, verehrter Mitbruder, und uns allen vor dem Empfang der heiligen Priesterweihe die Mahnung des Apostels Petrus an seine Mit-Priester in Erinnerung rufen: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde – forma facti gregis ex animo. Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.“ (1 Petr 4,2-4).

Und in umgekehrter Blickrichtung sollen alle Gläubigen sich für ihre Seelsorger verantwortlich fühlen, wenn sie im Hebräer-Brief lesen: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach… Gehorcht ihnen, und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun können und nicht mit Seufzen. Betet für uns.“ (Hebr 13,7.17f).

Lieber Mitbruder Michael, wir beten um die Gnade, dass Sie ein guter Priester werden nach dem Herzen Jesu und seiner lieben Mutter Maria. So sei es! Amen.

Rom am 15. September 2018

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Quelle

Bischof Stefan Oster SDB: Missbrauch – Bitte um Vergebung

Es war Verrat! Die Missbrauchskrise, die Bitte um Vergebung und der Weg der Wahrheit.

Eine Botschaft von Bischof Stefan Oster zu den dramatischen Zahlen von Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland, die im September 2018 bekannt wurden.

LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS

Papst Franziskus betet in Irland in einer Kapelle, die dem Gedenken an von Priestern missbrauchten

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE       

RUNDSCHREIBEN,
UM DEN BISCHOFSKONFERENZEN ZU HELFEN,
LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS VON MINDERJÄHRIGEN DURCH KLERIKER ZU ERSTELLEN

 

Zu den wichtigen Verantwortlichkeiten des Diözesanbischofs im Hinblick auf die Sicherung des Gemeinwohls der Gläubigen und insbesondere auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen gehört es, auf eventuelle Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker in seiner Diözese angemessen zu reagieren. Dies beinhaltet sowohl die Festsetzung von geeigneten Verfahren, um den Opfern derartiger Missbräuche beizustehen, als auch die Bewusstseinsbildung der kirchlichen Gemeinschaft im Blick auf den Schutz Minderjähriger. Dabei ist für die rechte Anwendung des einschlägigen kanonischen Rechts zu sorgen; zugleich sind die entsprechenden staatlichen Rechtsvorschriften zu beachten.

I. Allgemeine Aspekte

a. Die Opfer sexuellen Missbrauchs

Die Kirche muss, in der Person des Bischofs oder eines von ihm Beauftragten, die Bereitschaft zeigen, die Opfer und ihre Angehörigen anzuhören und für deren seelsorgerlichen und psychologischen Beistand zu sorgen. Im Verlauf seiner Apostolischen Reisen hat Papst Benedikt XVI. durch seine Bereitschaft, Opfer sexuellen Missbrauchs zu treffen und anzuhören, ein besonders wichtiges Beispiel gegeben. Anlässlich dieser Begegnungen hat sich der Heilige Vater mit einfühlsamen und aufbauenden Worten an die Opfer gewandt, so auch in seinem Hirtenbrief an die Katholiken in Irland (Nr. 6): „Ihr habt schrecklich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das von Euch Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde missbraucht und Eure Würde wurde verletzt.“

b. Der Schutz Minderjähriger

In einigen Ländern wurden im kirchlichen Bereich Erziehungsprogramme zur Prävention gestartet, die „geschützte Räume“ für Minderjährige gewährleisten sollen. Diese Programme versuchen sowohl den Eltern als auch den in Pastoral und Schule Tätigen zu helfen, Anzeichen sexuellen Missbrauchs zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Oftmals haben die genannten Programme Anerkennung gefunden als Modelle dafür, wie der sexuelle Missbrauch Minderjähriger in der heutigen Gesellschaft wirkungsvoll eingegrenzt werden kann.

c. Die Ausbildung zukünftiger Priester und Ordensleute

Im Jahr 2002 sagte Papst Johannes Paul II.: „Im Priestertum und Ordensleben ist kein Platz für jemanden, der jungen Menschen Böses tun könnte“1. Diese Worte erinnern an die spezifische Verantwortung der Bischöfe, der höheren Oberen und derer, die für die Ausbildung der zukünftigen Priester und Ordensleute Sorge tragen. Die einschlägigen Hinweise im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sowie die Instruktionen der zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls lenken in zunehmendem Maß den Blick auf die Wichtigkeit einer korrekten Berufungsklärung und einer gesunden menschlichen und spirituellen Ausbildung der Kandidaten. Dabei geht es insbesondere darum, dass die Kandidaten die Keuschheit und den Zölibat der Kleriker sowie deren Verantwortung in der geistlichen Vaterschaft wertschätzen und ihr Wissen um die diesbezügliche Ordnung der Kirche vertiefen können. Genauere Angaben können in die Ausbildungsprogramme der Seminare und der Ausbildungshäuser in jedem Land, jedem Institut des geweihten Lebens und jeder Gesellschaft des apostolischen Lebens mittels der jeweiligen Ratio institutionis sacerdotalis eingefügt werden.

Darüber hinaus muss besondere Aufmerksamkeit auf den gebotenen Informationsaustausch gerichtet werden, vor allem im Zusammenhang mit Priesteramts- oder Ordenskandidaten, die von einem Seminar zu einem anderen, zwischen verschiedenen Diözesen oder zwischen Ordensgemeinschaften und Diözesen wechseln.

d. Die Begleitung der Priester

1. Der Bischof hat die Pflicht, alle seine Priester wie ein Vater und Bruder zu behandeln. Auch soll der Bischof sich mit besonderer Aufmerksamkeit um die ständige Weiterbildung des Klerus sorgen, vor allem in den ersten Jahren nach der Priesterweihe, und dabei auf die Wichtigkeit des Gebets und der gegenseitigen Unterstützung in der priesterlichen Gemeinschaft hinweisen. Die Priester sollen über den Schaden, den ein Kleriker bei Opfern sexuellen Missbrauchs anrichtet, und über die eigene Verantwortung vor dem kirchlichen und staatlichen Recht informiert werden. Auch sollte ihnen geholfen werden, Anzeichen für einen eventuellen Missbrauch Minderjähriger erkennen zu können, von wem auch immer dieser begangen wurde.

2. Die Bischöfe müssen in der Behandlung von möglichen Fällen sexuellen Missbrauchs, die ihnen gemeldet wurden, jeden erdenklichen Einsatz, unter Beachtung der kanonischen und staatlichen Vorschriften und unter Wahrung der Rechte aller Parteien, zeigen.

3. Bis zum Erweis des Gegenteils steht der angeklagte Kleriker unter Unschuldsvermutung. Als Vorsichtsmaßnahme kann der Bischof aber die Ausübung des Weiheamtes bis zur Klärung der Anschuldigungen einschränken. Für den Fall, dass ein Kleriker zu Unrecht beschuldigt wurde, soll man alles unternehmen, um seinen guten Ruf wieder herzustellen.

e. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden

Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ist nicht nur eine Straftat nach kanonischem Recht, sondern stellt auch ein Verbrechen dar, das staatlicherseits verfolgt wird. Wenngleich sich die Beziehungen zu staatlichen Behörden in den einzelnen Ländern unterschiedlich gestalten, ist es doch wichtig, mit den zuständigen Stellen unter Beachtung der jeweiligen Kompetenzen zusammenzuarbeiten. Insbesondere sind die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten, freilich ohne das Forum internum des Bußsakraments zu verletzten. Selbstverständlich beschränkt sich diese Zusammenarbeit nicht nur auf die von Klerikern begangenen Missbrauchstaten, sondern erfolgt auch bei Delikten, die Ordensleute oder in kirchlichen Einrichtungen tätige Laien betreffen.

II. Eine kurze Zusammenfassung zur geltenden kirchlichen Gesetzgebung bezüglich der Straftat des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker

Am 30. April 2001 hat Papst Johannes Paul II. das Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela [SST] promulgiert, durch das der von einem Kleriker begangene sexuelle Missbrauch eines Minderjährigen unter 18 Jahren in die Liste der delicta graviora aufgenommen wurde, die der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten sind. Die Verjährungsfrist für dieses Delikt wurde auf 10 Jahre festgesetzt, beginnend mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers. Die Bestimmungen des Motu proprio gelten für Kleriker der Lateinischen Kirche wie auch für jene der Orientalischen Kirchen, für den Weltklerus wie auch für den Ordensklerus.

Im Jahr 2003 erteilte Papst Johannes Paul II. dem damalige Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, einige Sondervollmachten, um eine größere Flexibilität in der Durchführung von Strafprozessen bei diesen delicta graviora zu ermöglichen. So wurde etwa die Möglichkeit geschaffen, Verwaltungsstrafverfahren durchzuführen, oder in besonders schweren Fällen um Entlassung aus dem Klerikerstand ex officio zu ersuchen. Diese Vollmachten wurden in die von Papst Benedikt XVI. am 21. Mai 2010 approbierte überarbeitete Fassung des Motu proprio aufgenommen. In den neuen Normen wurde im Fall des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger die Verjährungsfrist, die mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers zu laufen beginnt, auf 20 Jahre festgesetzt. In besonderen Fällen kann die Glaubenskongregation gegebenenfalls von der Verjährung derogieren. In der revidierten Fassung des Motu proprio wurde auch ausdrücklich Kauf, Besitz und Verbreitung kinderpornografischen Materials als Straftatbestand des kanonischen Rechts spezifiziert.

Für die Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger sind an erster Stelle die Bischöfe und höheren Oberen verantwortlich. Sofern eine Anzeige nicht völlig abwegig erscheint, muss der Bischof, der höhere Obere oder ein von ihnen Beauftragter eine kanonische Voruntersuchung gemäß can. 1717 CIC bzw. can. 1468 CCEO sowie Art. 16 SST durchführen.

Wenn sich die Anschuldigung als glaubwürdig erweist, muss der Fall an die Glaubenskongregation übermittelt werden. Nach Studium der Angelegenheit wird die Glaubenskongregation den Bischof oder höheren Oberen anweisen, wie weiter zu verfahren ist. Zugleich wird sie Hilfestellung leisten, um zu gewährleisten, dass geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Dabei wird sowohl für ein gerechtes Verfahren für die beschuldigten Kleriker gesorgt, in dem ihr fundamentales Verteidigungsrecht gewahrt wird, als auch das Wohl der Kirche, einschließlich des Wohls der Opfer, sichergestellt. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Verhängung einer unbefristeten Strafe, wie etwa die Entlassung aus dem Klerikerstand, normalerweise ein gerichtliches Strafverfahren erfordert. Nach kanonischem Recht (vgl. can. 1342 CIC) können die Ordinarien unbefristete Strafen nicht durch außergerichtliches Dekret verhängen. Zu diesem Zweck müssen sie sich an die Glaubenskongregation wenden, der es zukommt, ein endgültiges Urteil über die Schuld und über eine eventuelle Ungeeignetheit des Klerikers für den pastoralen Dienst zu fällen und die entsprechende unbefristete Strafe zu verhängen (SST Art. 21 § 2).

Die kanonischen Maßnahmen, die gegenüber einem Kleriker Anwendung finden, der des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig befunden wurde, sind grundsätzlich zweifacher Art: 1.) Auflagen, die die öffentliche Ausübung des geistlichen Amtes vollständig oder zumindest insoweit einschränken, dass ein Kontakt mit Minderjährigen ausgeschlossen wird. Diese Auflagen können mit einem Strafgebot (praeceptum poenale) versehen werden. 2.) Kirchliche Strafen, unter denen die schwerste die Entlassung aus dem Klerikerstand ist. In einigen Fällen kann auf Antrag des Klerikers selbst die Dispens von den Verpflichtungen des klerikalen Standes, einschließlich der Zölibatspflicht, pro bono Ecclesiae gewährt werden.

Die Voruntersuchung und das gesamte Verfahren müssen so durchgeführt werden, dass die Privatsphäre der beteiligten Personen geschützt und ihrem guten Ruf die gebotene Aufmerksamkeit zuteil wird.

Sofern nicht gewichtige Gründe entgegenstehen, muss ein beschuldigter Kleriker über die gegen ihn erhobene Anklage informiert werden, um ihm die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu geben, ehe der Fall der Glaubenskongregation gemeldet wird. Der Klugheit des Bischofs oder des höheren Oberen obliegt es, zu entscheiden, welche Informationen während der Voruntersuchung an den Beschuldigten weitergegeben werden.

Es kommt dem Bischof oder dem höheren Oberen zu, für das Gemeinwohl zu sorgen und festzulegen, welche der in can. 1722 CIC bzw. can. 1473 CCEO genannten Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Nach Art. 19 SST kann dies geschehen, sobald die Voruntersuchung begonnen wurde.

Schließlich ist festzuhalten: Wenn eine Bischofskonferenz beabsichtigt, Spezialnormen zu erlassen, müssen diese Partikularnormen, unbeschadet der notwendigen Approbation durch den Heiligen Stuhl, stets als Ergänzung, nicht jedoch als Ersatz der universalkirchlichen Gesetzgebung verstanden werden. Deshalb müssen Partikularnormen sowohl mit dem CIC bzw. CCEO als auch mit dem Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela (30. April 2001) in seiner überarbeiteten Fassung vom 21. Mai 2010 übereinstimmen. Im Fall, dass eine Bischofskonferenz sich entscheiden sollte, verbindliche Normen zu erlassen, ist es notwendig, bei den zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie um die recognitio anzusuchen.

III. Hinweise für die Ordinarien zum Verfahrensablauf

Die von der Bischofskonferenz erarbeiteten Leitlinien sollten den Diözesanbischöfen und höheren Oberen Orientierungshilfen bieten für den Fall, dass diese von möglichen Taten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger Kenntnis erlangen, die von Klerikern auf dem Gebiet ihrer Jurisdiktion begangen wurden. Solche Leitlinien sollten daher folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:

a. Der Gebrauch des Begriffs „sexueller Missbrauch Minderjähriger“ muss mit der Definition in Art. 6 SST („Die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot mit einem Minderjährigen unter achtzehn Jahren“) und mit der Auslegungspraxis und der Rechtsprechung der Kongregation für die Glaubenslehre übereinstimmen und auch die gesetzlichen Regelungen des jeweiligen Landes berücksichtigen.

b. Die Person, die eine Straftat anzeigt, muss mit Respekt behandelt werden. In den Fällen, bei denen sexueller Missbrauch mit einer Straftat gegen die Heiligkeit des Bußsakramentes (Art. 4 SST) verbunden ist, hat diese Person das Recht zu fordern, dass ihr Name nicht dem beschuldigten Priester mitgeteilt wird (Art. 24 SST).

c. Die kirchlichen Autoritäten sollten sich dazu verpflichten, den Opfern seelsorgerliche und psychologische Hilfe anzubieten.

d. Die Ermittlungen zu den Beschuldigungen sind unter gebührender Wahrung des Grundsatzes der Vertraulichkeit und des guten Rufs der beteiligten Personen durchzuführen.

e. Sofern nicht schwerwiegende Gründe dem entgegenstehen, sollte der beschuldigte Kleriker schon in der Phase der Voruntersuchung über die Anschuldigungen informiert werden und ihm dabei auch die Gelegenheit gegeben werden, dazu Stellung zu nehmen.

f. Die mancherorts vorgesehenen Beratungsorgane und -kommissionen zur Überprüfung und Bewertung einzelner Fälle dürfen nicht das Urteil und die potestas regiminis der einzelnen Bischöfe ersetzen.

g. Die Leitlinien müssen die staatliche Gesetzgebung im Konferenzgebiet beachten, insbesondere was eine eventuelle Unterrichtungspflicht staatlicher Behörden anbelangt.

h. In jedem Moment des Disziplinar- oder Strafverfahrens ist für den beschuldigten Kleriker ein gerechter und ausreichender Unterhalt sicher zu stellen.

i. Die Rückkehr eines Klerikers in den öffentlichen Seelsorgsdienst ist auszuschließen, wenn dieser Dienst eine Gefahr für Minderjährige darstellt oder ein Ärgernis in der Gemeinde hervorruft.

Schluss

Die von den Bischofskonferenzen erarbeiteten Leitlinien haben zum Ziel, Minderjährige zu schützen und den Opfern zu helfen, Unterstützung und Versöhnung zu finden. Sie müssen darüber hinaus deutlich machen, dass in erster Linie der zuständige Diözesanbischof bzw. höhere Obere für die Behandlung von Straftaten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker zuständig ist. Schließlich werden die Leitlinien innerhalb einer Bischofskonferenz zu einem einheitlichen Vorgehen führen, das dazu beiträgt, die Bemühungen der einzelnen Bischöfe zum Schutz Minderjähriger besser aufeinander abzustimmen.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre am 3. Mai 2011.

William Kardinal Levada
Präfekt

+ Luis F. Ladaria, S.I.
Titularerzbischof von Thibica
Sekretär

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1 Ansprache beim interdikasterialen Treffen mit den Kardinälen und führenden Vertretern der Bischofskonferenz der USA, 23. April 2002, Nr. 3.

[00714-05.01] [Originalsprache: Italienisch]

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Quelle

Erzbischof Gänswein über das „Nine-Eleven“ der katholischen Kirche und die Benedikt-Option

ROM , 11 September, 2018 / 2:01 PM (CNA Deutsch).-

Zur Vorstellung des Buches „Die Benedikt-Option“ in Rom hat Erzbischof Georg Gänswein am heutigen 11. September einen Vortrag über „Das ‚Nine-Eleven‘ der katholischen Kirche“ gehalten.

CNA dokumentiert den Wortlaut der Rede mit freundlicher Genehmigung.

 

Das „Nine-Eleven“ der Katholischen Kirche

Vielen Dank für die Einladung in dieses Hohe Haus, die ich gern angenommen habe, um das Buch von Rod Dreher aus Amerika vorzustellen, von dem ich schon viel gehört hatte. Der Mönchsvater aus Norcia, dem das Buch seinen programmatischen Titel verdankt, hatte mich sehr gereizt, hierher zu kommen. Aber auch das Datum hat mich sehr berührt und bewegt, an dem wir heute Abend mit dem kühnen Autor hier in Rom zusammen zu treffen.

Denn es ist ja der 11. September, der in Amerika seit dem Herbst 2001 nur noch als „Nine/Eleven“ bezeichnet wird, um an jenes apokalyptische Unheil zu erinnern, in dem damals Mitglieder der Terrororganisation Al Khaida in New York und Washington die Vereinigten Staaten von Amerika vor den Augen aller Welt angriffen – wobei sie voll besetzte Passagiermaschinen, die sie im Flug gekapert hatten, als Granaten benutzten.

Je mehr ich mich im Hurrikan der Nachrichten der letzten Wochen über das Buch Rod Drehers beugte, musste ich nach der Veröffentlichung des Berichts der Grand Jury von Pennsylvania unser Zusammentreffen heute Abend nur noch als einen Akt göttlicher Fügung begreifen, wo nun auch die katholische Kirche voller Entsetzen auf ein eigenes „Nine/Eleven“ schauen muss, auch wenn diese Katastrophe leider nicht nur mit einem Datum, sondern mit vielen Tagen und Jahreszahlen und mit zahllosen Opfern verbunden ist.

 

Verstehen Sie das nicht falsch. Ich will weder die Opfer noch die Zahlen der Missbräuche im Raum der katholischen Kirche mit den insgesamt 2.996 unschuldigen Menschen vergleichen, die am 9. September 2001 bei den Terrorangriffen auf das World Trade Center und das Pentagon ihr Leben verloren.

Keiner hat die Kirche Christi (bisher) mit vollbesetzten Passagierflugzeugen angegriffen.  Der Petersdom steht noch und all die Kathedralen Frankreichs, Deutschlands oder Italiens, die immer noch die Wahrzeichen vieler Städte der westlichen Welt von Florenz über Chartres bis Köln und München sind.

Und dennoch: die Nachrichten, die uns in letzter Zeit aus Amerika darüber Auskunft erteilen, wie viele Seelen von Priestern der katholischen Kirche unheilbar und tödlich verletzt worden sind, vermitteln eine schlimmere Botschaft, als seien alle Kirchen Pennsylvanias auf einmal eingestürzt – zusammen mit der „Basilika der Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau“ in Washington D.C..

 

Dabei erinnere mich, als sei es gestern gewesen, wie ich Papst Benedikt XVI. am 16. April 2008 in dieses  Nationalheiligtum der katholischen Kirche in den  Vereinigten Staaten von Amerika begleiten durfte, wo er die Bischöfe des Landes herzergreifend aufzurütteln versuchte und gebeugt von der „tiefen Scham“ über den  „sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester“ sprach und „von dem enormen Schmerz , den eure Gemeinden erlitten haben, als Kleriker ihre priesterlichen Pflichten und Aufgaben durch ein so schwerwiegend unsittliches Verhalten verraten haben“.

Es war wohl vergeblich, wie wir heute sehen. Die Klage des Heiligen Vaters hat dem Bösen nicht Einhalt bieten können und auch nicht die Lippenbekenntnisse von einem Großteil der Hierarchie.

Und nun ist Rod Dreher unter uns, der sein Buch mit den Worten beginnt: „Niemand hatte die große Flut kommen sehen.“ In seiner Danksagung hat er es auf besondere Weise Papst Benedikt XVI gewidmet. Und er hat es – wie mir scheint – in weiten Teilen quasi im stillen Dialog mit dem schweigenden Papa emerito verfasst, unter Berufung auf dessen analytisch-prophetische Kraft, wo er sagt:

„Im Jahr 2012 sagte der damalige Pontifex, die spirituelle Krise, die den Westen ergreift, sei die gravierendste seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des fünften Jahrhunderts. Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen.“  

Erlauben Sie im Folgenden deshalb bitte auch mir, die Vorstellung der „Benedikt-Option“ Rod Drehers mit einigen Worten aus dem Mund Benedikt XVI zu begleiten, die mir in seinem Dienst unvergesslich wurden und im Lauf der Lektüre wieder durch den Kopf gegangen sind, etwa aus jener Stunde am 11. Mai 2010, als er auf dem Flug nach Fatima den mitfliegenden Journalisten folgendes anvertraute:

„Der Herr hat uns gesagt, dass die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt… Unter dem Neuen, das wir heute (im dritten Geheimnis der Botschaft von Fatima) entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen. Sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche. Sie kommen von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde innerhalb der Kirche.“

Da war er schon fünf Jahre lang Papst. Mehr als fünf Jahre zuvor – am 25. März 2005 – hatte Kardinal Ratzinger auf dem Kreuzweg am Karfreitag am Kolosseum vor dem sterbenden Johannes Paul II. an der 9. Station schon folgende Worte gefunden:

Müssen wir beim dritten Fall Jesu unter dem Kreuz nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? Wie oft wird das heilige Sakrament seiner Gegenwart missbraucht, in welche Leere und Bosheit des Herzens tritt er da oft hinein? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? All das ist in seiner Passion gegenwärtig. Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft. Wir können nur aus tiefster Seele zu ihm rufen: Kyrie, eleison – Herr, rette uns!“

Vom heiligen Johannes Paul II. hatten wir davor gelernt, dass in unserer geschichtlichen Stunde die wahre und vollendete Ökumene die Ökumene der Märtyrer sei, wo wir die heilige Edith Stein neben Dietrich Bonhoeffer als Fürsprecher im Himmel in unseren Nöten anrufen dürfen. Doch wie wir inzwischen wissen, gibt es auch eine Ökumene der Not und der Verweltlichung und eine Ökumene des Unglaubens und der gemeinsamen Flucht vor Gott und aus der Kirche quer durch alle Konfessionen. Und eine Ökumene der allgemeinen Gottesverfinsterung.  Jetzt erleben wir deshalb nur die Wasserscheide eines Epochenwandels, den Dreher vor einem Jahr schon in Amerika prophetisch vorgestellt hat. Er hatte die große Flut kommen sehen!

Er hält aber auch fest, dass Gottesfinsternis eben nicht heißt, dass es Gott nicht mehr gibt, sondern dass viele Gott nicht mehr erkennen, weil sich Schatten vor den Herrn geschoben haben.  Heute sind es die Schatten der Sünden und Vergehen und Verbrechen aus dem Raum der Kirche, die seine leuchtende Gegenwart für viele verdunkeln.

Die Volkskirche, in die wir noch hinein geboren wurden, und die es in Amerika nie so gab wie in Europa, ist im Prozess dieser Verfinsterung schon lange gestorben. Klingt Ihnen das zu dramatisch?

Die Austrittzahlen sind dramatisch. Noch dramatischer erscheint allerdings ein anderes.  Von den Katholiken, die in Deutschland noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind, treffen sich nach jüngsten Erhebungen nur noch 9,8 Prozent am Sonntag in ihren Gotteshäusern zur gemeinsamen Feier der Allerheiligsten Eucharistie.

Das erinnert mich wieder an die erste Reise Papst Benedikts nach seiner Wahl, als er den großenteils jugendlichen Zuhörern am 29. Mai 2005 am Ufer der Adria folgende Erinnerung ans Herz legte: Der Sonntag sei als ein »wöchentliches Ostern« Ausdruck der Identität der christlichen Gemeinschaft und Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Sendung. Das Thema des Eucharistischen Kongresses (»Ohne den Sonntag können wir nicht leben«) führe aber zurück in das Jahr 304, als Kaiser Diokletian den Christen unter Todesstrafe verbot, die Heilige Schrift zu besitzen, am Sonntag zur Feier der Eucharistie zusammenzukommen und Räume für ihre Versammlungen zu errichten.

„In Abitene aber, einem kleinen Dorf im heutigen Tunesien, wurden eines Sonntags 49 Christen, die im Haus des Octavius Felix zusammengekommen waren, überrascht, als sie die Eucharistie feierten und sich damit den kaiserlichen Verboten widersetzten. Sie wurden festgenommen und nach Karthago gebracht, um vom Prokonsul Anulinus verhört zu werden. Bedeutsam war unter anderem die Antwort eines gewissen Emeritus an den Prokonsul, der ihn fragte, warum sie dem strengen Befehl des Kaisers zuwidergehandelt hätten. Er antwortete: »Sine dominico non possumus«. Das bedeutet: Ohne uns am Sonntag zur Feier der Eucharistie zu versammeln, können wir nicht leben. Es würden uns die Kräfte fehlen, uns den täglichen Schwierigkeiten zu stellen und nicht zu unterliegen. Nach grausamer Folter wurden diese 49 Märtyrer von Abitene getötet. So bezeugten sie mit dem Vergießen ihres Blutes ihren Glauben. Sie starben, haben aber gesiegt: Wir gedenken ihrer jetzt in der Herrlichkeit des auferstandenen Christus.“

Das heißt: was wir als Kinder in den so genannten Volkskirchen noch als so genannte „Sonntagspflicht“ kennen gelernt haben, ist in Wahrheit das kostbare Alleinstellungsmerkmal der Christen. Und es ist viel älter als alle Volkskirchen. Es ist also eine wahrhaft endzeitliche Krise, in der sich die katholische Kirche inzwischen seit langem schon befindet wie sie aber auch schon meine Mutter und mein Vater in ihren Tagen wahrzunehmen vermeinten – mit „Gräueln der Verwüstung an heiliger Stätte“ – und die ja vielleicht jede Generation der Kirchengeschichte an ihrem Horizont erkannte,

Zuletzt aber fühlte ich mich an manchen Tagen in die Tage meiner Kindheit versetzt – zurück in die Schmiede meines Vaters im Schwarzwald, wo die Hammerschläge auf den Amboss kein Ende nahmen, doch ohne meinen Vater, dessen sicheren Händen ich wie den Händen Gottes vertraute.

Dabei bin ich offensichtlich nicht allein. Im Mai hat auch der Erzbischof von Utrecht in Holland, Kardinal Willem Jacobus Eijk, gestanden, dass ihn die gegenwärtige Krise an „die letzte Prüfung der Kirche“ erinnere, wie sie der Katechismus der katholischen Kirche im Absatz 675 mit den Worten beschreibt, dass die Kirche sie vor der Wiederkehr Christi durchmachen müsse, als Prüfung, „die den Glauben vieler erschüttern wird“.  Und wo es im selben Katechismus weiter heißt: „Die Verfolgung, die die Pilgerschaft der Kirche auf Erden begleitet, wird das ‚Mysterium der Bosheit‘ enthüllen.“

Mit diesem „Mysterium iniquitatis“ ist auch Rod Dreher vertraut wie ein Exorzist, wie er mit seinen Berichten der letzten Monate bewiesen hat, wo auch er die Aufklärung der Skandalgeschichte des ehemaligen Erzbischofs von Newark und Washington wie vielleicht kaum sonst ein Journalist befördert hat. Dennoch ist er kein Enthüllungsreporter. Er ist auch kein Phantast, sondern ein nüchterner Analytiker, der den Zustand der Kirche und Welt seit langem wach und kritisch verfolgt und sich dennoch einen fast kindlich-liebenden Blick auf die Welt bewahrt hat.

Deshalb legt Dreher auch keinen apokalyptischen Roman vor wie den berühmten „Herrn der Welt“, mit dem der britische Geistliche Robert Hugh Benson im Jahr 1906 die angelsächsische Welt erschütterte. Eher gleicht Drehers Buch einer praktikablen Anleitung zum Bau einer Arche, weil er weiß, dass es keinen Staudamm gibt, mit dem sich die große Flut noch aufhalten ließe, die nicht erst seit gestern dabei ist, das alte christliche Abendland zu überschwemmen, zu dem für ihn wie selbstverständlich auch Amerika gehört

Das macht auch gleich einen dreifachen Unterschied zwischen Dreher und Benson deutlich: Als waschechter Amerikaner ist Dreher erstens praktischer als der etwas spleenige Brite aus Cambridge in der Epoche vor dem I. Weltkrieg. Zweitens ist Dreher als Bürger Louisianas hurrikan-erprobt.  Und drittens ist er überhaupt kein Geistlicher, sondern ein Laie, der nicht in fremdem Auftrag, sondern aus ureigenem Willen und Eifer für das Reich Gottes wirbt, das Jesus Christus für uns ausgerufen hat. In dem Sinn ist er ein Mann ganz nach dem Gefallen und Geschmack von Papst Franziskus, der wie wohl kaum ein zweiter in Rom weiß, dass die Krise der Kirche in ihrem Kern eine Krise des Klerus ist. Und dass nun die Stunde der souveränen Laien geschlagen hat, vor allem in den neuen und unabhängigen katholischen Medien, wie sie Rod Dreher geradezu verkörpert.

 

Die Leichtigkeit seiner Darstellung hat wohl mit den noblen Erzähltraditionen der Südstaaten Amerikas zu tun, denen Mark Twain einmal globalen Rang verliehen hat. Und wenn ich vorhin sagte, dass ich mich zuletzt wiederholt als Kind in der Schmiede vor den Hammerschlägen meines Vaters auf den Amboss wiedergesehen habe, dann muss ich gestehen, dass mich die unkomplizierte Lektüre dieses gewichtigen Buches auch immer wieder in die Abenteuerwelt meiner Kindheit entführt hat, wo ich Tom Sawyer und seinem Freund Huck‘ Finn hinterher träumte.

Bei Rod Dreher hingegen geht es nicht um Träume, sondern um Fakten und um Analysen, die er zu Sätzen wie diesem verdichtet: „Der psychologische Mensch hat auf ganzer Linie gesiegt und beherrscht nun unsere Kultur – einschließlich der meisten Kirchen – so sicher, wie einst die Ostgoten, Westgoten, Vandalen und andere Eroberungsvölker die Überreste des Weströmischen Imperiums beherrschten.“

Oder: „Unsere Wissenschaftler, unsere Richter, unsere Fürsten, unsere Gelehrten und Schriftsteller arbeiten daran, den Glauben, die Familie, die Geschlechterordnung, ja sogar die Definition, was es heißt, Mensch zu sein, niederzureißen. Die Barbaren unserer Zeit haben die Tierfelle und Speere der Vergangenheit gegen Designeranzüge und Smartphones eingetauscht.“

 

Kapitel 3 seines Buches beginnt er mit den Worten: „Man kann nicht in die Vergangenheit zurückreisen, aber man kann nach Norcia reisen.“

Kurz danach fährt er dann – prophetisch aktuell, doch überhaupt nicht hämisch – folgendermaßen fort: „Eine Legende besagt, in einem Streitgespräch mit einem Kardinal habe Napoleon darauf hingewiesen, dass es in seiner Macht stünde, die Kirche zu vernichten.“

„Majestät“, entgegnete der Kardinal, „wir – die Geistlichkeit – haben seit 1800 Jahren unser Möglichstes getan, die Kirche zu zerstören. Es ist uns nicht gelungen. Und Euch wird es auch nicht gelingen.“

„Vier Jahre, nachdem die Benediktiner aus ihrem Kloster in Norcia vertrieben worden waren, lag Napoleons Reich dann in Trümmern, und der anmaßende Kaiser selbst war im Exil. Heute sind in der Heimatstadt des heiligen Benedikt hingegen erneut gregorianische Choräle zu hören …“

Im selben Norcia war allerdings zuletzt auch das Brüllen aus der Tiefe in jenem großen Erdbeben zu hören, das im August 2016 die Stadt erschütterte und die Basilika des heiligen Benedikt in wenigen Sekunden bis auf die Frontfassade in Trümmer legte. Zur etwa gleichen Zeit setzten Wolkenbrüche aber auch die Heimatstadt Rod Drehers am Oberlauf des Mississippi unter Hochwasser. Es sind zwei dramatische Schlüsselszenen, die nun wie nach einem himmlischen Drehbuch am Anfang und am Ende seines Buches stehen – und wie zur Illustration einer These, die Dreher im 1. Kapitel so formuliert: „Die Realität unserer Situation ist in der Tat alarmierend, aber wir können es uns nicht leisten, in eine Untergangshysterie zu verfallen. Es steckt ein verborgener Segen in dieser Krise, wenn wir ihn nur wahrnehmen wollten. … Der kommende Sturm könnte das Mittel sein, mit dem Gott uns rettet.“

Der Begriff des Erdbebens war in den letzten Tagen häufig innerhalb der Kirche zu hören für jenen Zusammenbruch, von dem ich sage, dass damit nun auch die katholische Kirche ihr „Nine/Eleven“ erlebt hat.

Rod Dreher beschreibt die Antwort der Mönche von Norcia auf die Katastrophe, die ihre Abtei am Geburtsort des heiligen Benedikt in Trümmer gelegt hat, hingegen mit wenigen Worten, die ich Ihnen vorlesen muss, weil sie so sprechend sind:

„Die Benediktinermönche von Norcia sind auf eine Weise zum Zeichen für die Welt geworden, die ich nicht vorhersehen konnte, als ich begann, dieses Buch zu schreiben. Das Beben schlug mitten in der Nacht zu, aber die Mönche waren wach, um die Matutin zu beten. Sie verließen das Kloster fluchtartig und brachten sich auf der offenen Piazza des Ortes in Sicherheit.

Rückblickend merkte Pater Cassian an, das Erdbeben könne als Symbol für den Zusammenbruch der christlichen Kultur im Westen gesehen werden, aber es habe in jener Nacht noch ein zweites, hoffnungsvoll stimmendes Symbol gegeben. Dieses zweite Symbol war die Versammlung der Menschen rund um die Statue des heiligen Benedikt auf der Piazza und ihr gemeinsames Gebet. Das ist der einzige Weg zum Wiederaufbau.“

Nach diesem Zeugnis Pater Cassians darf ich Ihnen verraten, dass sich auch Benedikt XVI. seit seinem Rücktritt als alter Mönch versteht, der sich nach dem 28. Februar 2013 vor allem dem Gebet für die Mutter Kirche und seinen Nachfolger Papst Franziskus und das von Christus selbst gestiftete Petrusamt verpflichtet weiß.

Aus dem Kloster MATER ECCLESIAE hinter der Petersbasilika würde der alte Mönch im Blick auf das Werk Drehers deshalb wohl auf eine Ansprache verweisen, die er als amtierender Papst am 12. September 2008 im Collège des Bernardins in Paris vor der geistigen Elite Frankreichs gehalten hat. Das ist morgen vor genau zehn Jahren gewesen, und diese Rede will auch ich Ihnen deshalb in Auszügen noch einmal hier kurz vorstellen:

Im großen Kulturbruch der Völkerwanderung und der sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen waren die Mönchsklöster der Ort, an dem die Schätze der alten Kultur überlebten und zugleich von ihnen her eine neue Kultur langsam geformt wurde, sagte Benedikt XVI. damals und fragte: „Aber wie ging das zu? Was hat die Menschen bewegt, die sich an diesen Orten zusammenfanden? Was wollten sie? Wie haben sie gelebt? Da ist zunächst und als erstes ganz nüchtern zu sagen, dass es nicht ihre Absicht war, Kultur zu schaffen oder auch eine vergangene Kultur zu erhalten. Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum – Gott suchen. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verlässlichen kommen. Sie suchten das Endgültige hinter dem Vorläufigen…

Quaerere Deum – Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig denn in vergangenen Zeiten. Eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdrängen würde, wäre die Kapitulation der Vernunft, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur.“

Soweit Papst Benedikt XVI. am 12. September 2008 über die wahre „Option“ des heiligen Benedikt von Nursia.  – Danach bleibt mir nur noch dies über Drehers Buch zu sagen: Es enthält keine fertige Antwort. Es findet sich hier kein Patentrezept oder ein Generalschlüssel für alle Tore, die so lange für uns offenstanden und nun wieder krachend ins Schloss gefallen sind. Zwischen diesen beiden Buchdeckeln findet sich aber ein authentisches Beispiel für das, was Papst Benedikt vor zehn Jahren über den benediktinischen Geist des Anfangs gesagt hat. Es ist ein wahres „Quaerere Deum“. Es ist jene Suche nach dem wahren Gott Isaaks und Jakobs, der in Jesus von Nazareth sein menschliches Gesicht gezeigt hat.

Deshalb kommt mir hier noch ein Satz aus dem Kapitel 4,21 der Regel des heiligen Benedikt in den Sinn, der ebenfalls und unausgesprochen das gesamte Buch Drehers als Cantus Firmus durchzieht und beseelt. Das ist das legendäre „Nihil amori Christi praeponere“. Das heißt übersetzt: nichts der Liebe zu Christus vorziehen. Es ist der Schlüssel, dem sich das ganze Wunderwerk des abendländischen Mönchstums verdankt.

Benedikt von Nursia war ein Leuchtturm in der Völkerwanderung, als er die Kirche durch die Wirren der Zeit rettete und damit die europäische Zivilisation im gewissen Sinn neu begründete.

Nun aber erleben wir nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Erde seit Jahrzehnten wieder eine Völkerwanderung, die niemals mehr an ein Ende kommen wird, wie Papst Franziskus klar erkannt hat und uns allen eindringlich ins Gewissen redet. Deshalb ist diesmal auch nicht alles anders als damals.

Wenn die Kirche sich dieses Mal nicht wieder mit Gottes Hilfe zu erneuern versteht, steht deshalb auch wieder das ganze Projekt unserer Zivilisation auf dem Spiel. Für viele sieht es wohl schon so aus, als würde und könne sich die Kirche Jesu Christi nie mehr von der Katastrophe ihrer Sünde erholen, die sie gerade fast zu verschlingen droht.

 

Und genau dies ist nun die Stunde, in der Rod Dreher aus Baton-Rouge in Louisiana heute sein Buch in der Nähe der Apostelgräber vorstellt, und mitten in der Gottesfinsternis, vor der wir weltweit erschrecken, hier vor uns tritt und sagt: „Die Kirche ist nicht tot, sie schläft und ruht nur“.

Und nicht nur dies. Die Kirche „ist jung“, scheint er auch noch zu sagen, und er sagt es so froh und frei, wie Benedikt XVI. es bei der Übernahme des Petrusamtes am 24. April 2005 schon sagte, als er damals noch einmal an das Leiden und Sterben des heiligen Papstes Johannes Paul erinnerte, dessen Mitarbeiter er so viele Jahre lang war. Er rief uns allen auf dem Petersplatz zu:

„Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt. Wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat.“

Diese Wahrheit über den Ursprung ihrer Gründung durch den auferstandenen Herrn und Sieger kann auch das satanische „Nine/Eleven“ der Katholischen Weltkirche weder schwächen noch zunichte machen.

Deshalb muss ich ehrlich gestehen, dass ich diese Zeit der großen Krise, die heute keinem mehr verborgen ist, vor allem auch als eine Zeit der Gnade wahrnehme, weil uns am Schluss ja nicht irgendeine besondere Anstrengung, sondern nur „die Wahrheit frei machen“ wird, wie uns der Herr versichert hat. In dieser Hoffnung schaue ich die jüngsten Berichte Rod Drehers zur „Reinigung der Erinnerung“ an, die Johannes Paul II. uns aufgetragen hat, und so habe ich auch seine „Benedikt-Option“ dankbar als eine in vieler Hinsicht wunderbare Inspiration gelesen. In den letzten Wochen hat mir kaum etwas so viel Trost gespendet.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Erzbischof Dr. Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses)

 

Rod Drehers „Die Benedikt-Option: Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft“ ist in der deutschen Übersetzung von Tobias Klein erschienen im fe-medienverlag und hat 400 Seiten.

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Franziskus an Bischöfe: Seid Väter und keine Fürsten

Der Papst hat rund hundert Bischöfe aus Missionsgebieten getroffen, die seit vergangenem Montag an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Franziskus empfing sie in Audienz in der Sala Clementina und erinnerte daran, dass ein Bischof „ein Mann des Gebets, der Verkündigung und der Gemeinschaft sein muss, der auf Klerikalismus und Weltlichkeit verzichtet“.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Sorgsame Väter sind keine Fürsten, die über andere herrschen und dabei Abstand halten. Bischöfe seien deshalb berufen, Jesus unter das Volk zu bringen, wie es der Gute Hirte tun würde und auf diese Weise das Evangelium zu verkünden. Immer müsse man bereit sein, auch eigene Opfer zu vollbringen. Mit anderen Worten, ein Bischof müsse „standhaft und voller Liebe zur Kirche sein“, so Papst Franziskus an diesem Samstagmittag zu den kürzlich ernannten Bischöfen der Missionsgebiete, die an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Die Rede des Papstes war eine Zusammenfassung über das Amt des Bischofs, die mit der Frage beginne, wer ein Bischof eigentlich sei.

Zunächst erinnert Franziskus daran, dass ein Bischof die Eigenschaften des Guten Hirten haben muss, das heißt, dass er „nicht für sich selbst lebt“, sondern Mitgefühl für die anderen haben muss , besonders für diejenigen, die verworfen werden, also diejenigen, die am dringendsten „die Liebe des Herrn“ spüren müssen.

Der Bischof als Mann des Gebets

Der Bischof müsse „ein Mann des Gebets“ sein, der das Gebet nicht als einer seiner vielen Verpflichtungen betrachtet, sondern dies als eine „Notwendigkeit“ sieht. „Ich möchte jedem Bischof die Frage stellen: ,Wie viele Stunden am Tag betest du?´“, fragte der Papst. In der Tat müsse ein Bischof jeden Tag Menschen und Situationen vor den Herrn darbringen und „auf dem Herrn bestehen“ sowie den Mut aufzeigen, „mit Gott über seine Herde zu sprechen“. „Ein Gebet ohne Parrhesien ist kein Gebet“, betonte Franziskus. Unter Parrhesien versteht er, die Offenlegung aller Sünden und Gedanken vor Gott.

Der Bischof werde somit zum „Mann der Verkündigung“. Und das könne er nicht im Sitzen tun, mahnte der Papst, sondern „auf dem Weg“. Ein Bischof setzt nicht auf Komfort, „fühlt sich nicht wie ein Prinz“, sondern „arbeitet für andere“:

„Der Bischof lebt nicht im Büro, als Unternehmensleiter, sondern ist unter den Menschen, auf den Straßen der Welt, wie Jesus. Er bringt seinen Herrn dorthin, wo er nicht bekannt ist, wo er entstellt und verfolgt wird. Und wenn der Bischof aus sich herauskommt, dann findet er sich wieder.“

Der Papst sei sich bewusst, dass „die Verkündigung des Evangeliums unter den Versuchungen der Macht“ und der „Weltlichkeit“ leide. Es bestehe die Gefahr, „Schauspieler statt Zeugen“ zu werden und „ein Evangelium ohne gekreuzigten und auferstandenen Jesus“ vorzuschlagen, doch Verkündigung bedeute, „sein Leben ohne halbe Maßnahmen hinzugeben, bereit zu sein, auch das Opfer seiner selbst anzunehmen“.

Der Bischof als Mann der Gemeinschaft

Ein Bischof müsse somit „ein Mann der Gemeinschaft“ sein, „das Charisma des Zusammenseins“ haben, die Gemeinschaft festigen, die die Kirche brauche. Er sei Bischof für seine Gläubigen und sei ein Christ „mit seinen Gläubigen“:

„Er macht keine Schlagzeilen, er sucht nicht die Zustimmung der Welt, er ist nicht daran interessiert, seinen guten Namen zu schützen, aber er liebt es, die Gemeinschaft zu fördern, indem er sich als erste Person einbringt und mit all seinen Möglichkeiten handelt. Er leidet nicht unter einem Mangel an Protagonismus, sondern lebt verwurzelt im Territorium und lehnt die Versuchung ab, sich häufig von der Diözese zu entfernen, also jener Versuchung des sogenannten ,Flughafenbischofs´, um sich auf diese Weise auf die Suche nach eigenen Ruhm zu gelangen.“

Er dürfe kein Karrieretyp oder ehrgeiziger Mann sein, sondern müsse als Hirte seine Herde weiden.

Bischöfe sollten sich vor „Klerikalismus“ hüten, warnte der Papst. Es sei in der Tat eine „falsche Art und Weise, Autorität in der Kirche zu verstehen, die in vielen Gemeinschaften sehr verbreitet ist, in denen es Verhaltensweisen von Missbrauch, Macht, Gewissen und Sexualität gegeben hat“. „Nein zu sagen zu Missbrauch – ob Macht, Gewissen oder Übergriffe – bedeutet ein Nein zu jeder Form von Klerikalismus“, bekräftigte er und verwies auf seinen Brief an das Volk Gottes vom vergangenen 20. August:

„Möge das Volk Gottes, für das ihr geweiht seid, das Gefühl haben, dass ihr Väter seid, nicht Fürsten; fürsorgliche Väter: Niemand sollte euch gegenüber eine Haltung der Unterwerfung aufzeigen. In dieser Zeit scheinen bestimmte Tendenzen des ,Volksanführertums´ in verschiedenen Teilen verstärkt zu werden. Sich als starke Männer zu zeigen, die Abstand halten und über andere herrschen, mag bequem und fesselnd erscheinen, aber es entspricht nicht dem Evangelium.“

Eine negative Haltung könne „der Herde, für die Christus sein Leben mit Liebe gegeben hat, oft irreparablen Schaden“ zufügen. Bischöfe müssten stattdessen „arm an Gütern und reich an Beziehungen“ sein, „nie hart und mürrisch, sondern freundlich“.

Familien, Jugendliche, Seminare und Arme: Das seine jene Bereiche, die den Bischöfen in besonderer Weise am Herzen liegen müssten. Familien würden heutzutage durch eine Kultur benachteiligt, „die die Logik des Unsteten vermittelt“. Es sei deshalb wichtig, Wege der Vorbereitung auf die Ehe und der Begleitung für sie zu fördern, es sei auch notwendig, „das Leben vom Beginn der Zeugung bis zum Schutz für ältere Menschen“ zu verteidigen.

Der Bischof als Priesterausbilder

Was die Seminare betrifft, so bat der Papst darum, dass sie „von fähigen und reifen Menschen Gottes geleitet werden“, die die Bildung gesunder menschlicher Priester garantieren, und dass die Unterscheidungskraft Vorrang eingeräumt wird, „um die Stimme Gottes unter den vielen zu erkennen, die in den Ohren und im Herzen ertönen“.

Franziskus bat dann, die Wünsche und Zweifel der Jugendlichen, denen die nächste Synode im Oktober gewidmet ist, wahrzunehmen: Auch wenn etliche Jugendliche vom Konsumismus und Hedonismus „infiziert“ seien, sei es wichtig, sie nicht „in Quarantäne zu stellen“, sondern sie aufzusuchen. „Sie sind die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft: Eine bessere Welt hängt von ihnen ab“, erinnerte der Papst.

Der Bischof als Armutsbekämpfer

Sein drittes Anliegen waren die Armen: „Sie zu lieben“, bekräftigt er, „ist der Kampf gegen alle Formen der Armut, sei es geistiger oder materieller Art“. Mit anderen Worten: man muss die existentiellen Peripherien erreichen, ohne Angst davor zu haben, sich die Hände schmutzig zu machen, wiederholte der Papst einer seiner mittlerweile bekannten Konzepte.

Abschließend fasste der Papst seinen Appell an die Bischöfe zusammen:

„Liebe Brüder, bitte achtet auf die Lauheit, die zu Mittelmäßigkeit und Herbheit führt, diesen ,Démon de midi´ – Torschlusspanik. Seid vorsichtig damit. Seid vorsichtig mit der Ruhe, die Opfer vermeidet; mit der pastoralen Eile, die zu Intoleranz führt; mit der Fülle an Gütern, die das Evangelium entstellt. Vergesst nicht, der Teufel kommt durch die Geldbörse rein. Ich wünsche euch stattdessen eine heilige Unruhe um das Evangelium zu verkünden, eine Unruhe, die Frieden gibt.“

Den Einführungskurs der Missionskongregation vom 3. bis 15. September absolvieren neugeweihte Bischöfe aus 34 Ländern. Unter den 74 Teilnehmern sind nach Vatikanangaben 17 afrikanische Nationen, acht asiatische, sechs ozeanische und drei lateinamerikanische vertreten. In vielen ehemaligen Missionsgebieten ist aus historischen Gründen die „Kongregation für die Evangelisierung der Völker“ statt der Bischofskongregation für das Leitungspersonal der Ortskirchen zuständig.

(vatican news/kna)

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