DIE KIRCHE – VOLK GOTTES, LEIB CHRISTI, TEMPEL DES HEILIGEN GEISTES

Katechismus der Katholischen Kirche:

Absatz 2:
DIE KIRCHE – VOLK GOTTES, LEIB CHRISTI, TEMPEL DES HEILIGEN GEISTES

 

I  Die Kirche ist Volk Gottes

781 „Zu jeder Zeit und in jedem Volk ist Gott jeder willkommen, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. Gott hat es jedoch gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen sollte. So hat er das israelitische Volk sich zum Volk erwählt und hat mit ihm einen Bund geschlossen und es Stufe für Stufe unterwiesen … Dies alles jedoch wurde zur Vorbereitung und zum Vorbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen … werden sollte … Diesen neuen Bund hat Christus gestiftet in seinem Blute, indem er sich aus Juden und Heiden ein Volk berief das nicht dem Fleische nach, sondern im Geiste zur Einheit zusammenwachsen“ sollte (Lumen Gentium LG 9).

Die Besonderheiten des Volkes Gottes

782 Das Volk Gottes weist Besonderheiten auf, die es von allen Religions- und Volksgruppen, von allen politischen und kulturellen Gruppen der Geschichte klar unterscheiden:

Es ist das Volk Gottes. Gott gehört keinem Volk zu eigen. Er hat sich aber aus denen, die einst kein Volk waren, ein Volk erworben: „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, einen heiligen Stamm“ (1 Petr 2,9).

Glied dieses Volkes wird man nicht durch die leibliche Geburt, sondern durch die „Geburt von oben“, „aus Wasser und Geist“ (Joh 3,3-5), das heißt durch den Glauben an Christus und die Taufe.

Dieses Volk hat Jesus, den Christus [Gesalbten, Messias] zum Haupt. Weil ein und dasselbe Salböl, der Heilige Geist, vom Haupt in den Leib hinabfließt, ist es „das messianische Volk“.

„Es hat als Stand die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes, in deren Herzen der Heilige Geist wie in einem Tempel wohnt.“

„Es hat als Gesetz das neue Gebot, zu lieben, wie Christus uns geliebt hat [Vgl. Job 13,34]“ (LG 9). Das ist das „neue“ Gesetz des Heiligen Geistes [Vgl. Röm 8,2; Gal 5,25].

Es hat als Sendung, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein [Vgl. Mt 15,13-16]. Es ist „für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils“.

„Es hat schließlich als Ziel das Reich Gottes, das von Gott selbst auf Erden grundgelegt wurde und weiter ausgedehnt werden muß, bis es am Ende der Zeiten von ihm auch vollendet wird“ (LG 9).

Ein priesterliches, prophetisches und königliches Volk

783 Jesus Christus wurde vom Vater mit dem Heiligen Geist gesalbt und zum „Priester, Propheten und König“ bestellt. Das ganze Volk Gottes hat an diesen drei Ämtern Christi teil und ist verantwortlich für die Sendung und den Dienst, die sich daraus ergeben [Vgl. RH 18-21].

784 Wer durch den Glauben und die Taufe in das Volk Gottes eintritt, erhält Anteil an der einzigartigen Berufung dieses Volkes: an seiner priesterlichen Berufung. „Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen, hat das neue Volk ‚zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht‘. Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften nämlich zu einem geistigen Haus und einem heiligen Priestertum geweiht“ (LG 10).

785 „Das heilige Volk Gottes nimmt auch teil am prophetischen Amt Christi“, vor allem durch den übernatürlichen Glaubenssinn, der dem ganzen Volk, den Laien und der Hierarchie, zu eigen ist. Durch ihn „hängt [es] dem einmal den Heiligen übergebenen Glauben unwiderruflich an“ (LG 12), versteht ihn immer tiefer und wird inmitten dieser Welt zum Zeugen Christi.

786 Das Gottesvolk hat auch an der königlichen Funktion Christi Anteil. Christus übt sein Königtum dadurch aus, daß er durch seinen Tod und seine Auferstehung alle Menschen an sich zieht [Vgl. Joh 13,32]. Christus, der König und Herr des Weltalls, hat sich zum Diener aller gemacht, denn er „ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Für den Christen bedeutet Christus zu dienen „König sein“ (LG 36) – vor allem „in den Armen und Leidenden“, in denen die Kirche „das Bild ihres armen und leidenden Gründers erkennt“ (LG 8). Das Volk Gottes wahrt seine „königliche Würde“ dadurch, daß es der Berufung nachlebt, mit Christus zu dienen.

„Alle, die in Christus wiedergeboren sind, macht das Zeichen des Kreuzes zu Königen, während die Salbung des Heiligen Geistes sie zu Priestern weiht. Darum sollen sich auch alle geistlichen und geistigen Christen bewußt sein, daß sie – abgesehen von den besonderen Aufgaben Unseres Amtes – aus königlichem Geschlecht stammen und an den Pflichten des Priesters Anteil haben. Was ist so königlich, als wenn ein Gott untertäniger Geist die Herrschaft über seinen Leib führt? Und was entspricht den Obliegenheiten eines Priesters mehr, als dem Herrn ein reines Gewissen zu weihen und ihm auf dem Altare seines Herzens makellose Opfer der Frömmigkeit darzubringen?“ (Leo d. Gr., serm. 4,1).

 

II  Die Kirche ist Leib Christi

Die Kirche ist Gemeinschaft mit Jesus

787 Jesus hat von Anfang an die Jünger an seinem Leben teilnehmen lassen [Vgl. Mk 1,16-20; 3,13-19]. Er enthüllt ihnen das Mysterium des Gottesreiches [Vgl. Mi 13,10-17] und gibt ihnen Anteil an seiner Sendung, seiner Freude [Vgl. Lk 10,17-20] und an seinen Leiden [Vgl. Lk 22,28-30]. Jesus spricht von einer noch innigeren Verbundenheit zwischen ihm und denen, die ihm nachfolgen: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch … Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,4-5). Und er kündigt eine geheimnisvolle, wirkliche Gemeinschaft zwischen seinem und unserem Leib an: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56).

788 Als seine sichtbare Gegenwart den Jüngern genommen wurde, ließ Jesus sie nicht als Waisen zurück [Vgl. Joh 14,18]. Er versprach, bei ihnen zu bleiben bis zum Ende der Zeiten [Vgl. Mt 28,20], und sandte ihnen seinen Geist [Vgl. Joh 20,22; Apg 2,33]. In gewissem Sinne wurde die Gemeinschaft mit Jesus dadurch noch vertieft: „Indem er nämlich seinen Geist mitteilte, hat er seine Brüder, die er aus allen Völkern zusammenrief, in geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leib gemacht“ (LG 7).

789 Der Vergleich der Kirche mit dem Leib wirft Licht auf die innige Verbindung zwischen der Kirche und Christus. Die Kirche ist nicht nur um ihn versammelt, sondern in ihm, in seinem Leib geeint. Drei Aspekte der Kirche als des Leibes Christi sind besonders hervorzuheben: die Einheit aller Glieder untereinander durch ihre Vereinigung mit Christus; Christus als das Haupt des Leibes; die Kirche als die Braut Christi.

Ein einziger Leib

790 Die Gläubigen, die auf das Wort Gottes antworten und zu Gliedern des Leibes Christi werden, werden eng mit Christus vereint: „In jenem Leibe strömt Christi Leben auf die Glaubenden über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle und wirkliche Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“ (LG 7). Dies gilt vor allem von der Taufe, durch die wir mit dem Tod und der Auferstehung Christi vereint werden [Vgl. Röm 6,4-5; 1 Kot 12,13.], und von der Eucharistie, durch die „wir wirklich Anteil am Leib des Herrn [erhalten] und … zur Gemeinschaft mit ihm und miteinander erhoben“ werden (LG 7).

791 Die Einheit des Leibes hebt die Verschiedenheit der Glieder nicht auf:

„Bei der Auferbauung des Leibes Christi waltet die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben. Der eine Geist ist es, der seine vielfältigen Gaben gemäß seinem Reichtum und den Erfordernissen der Dienste zum Nutzen der Kirche austeilt.“ Die Einheit des mystischen Leibes bewirkt und fördertunter den Gläubigen die Liebe zueinander: „Daher leiden, wenn ein Glied etwas leidet, alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit“ (LG 7). Die Einheit des mystischen Leibes überwindet alle menschlichen Trennungen: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus [als Gewand] angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus“ (Gal 3,27-28).

Christus ist das Haupt des Leibes

792 Christus „ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (Kol 1,18). Er ist Ursprung der Schöpfung und der Erlösung. In die Herrlichkeit des Vaters erhoben, „hat er in allem den Vorrang“ (Kol 1,18), besonders in der Kirche, durch die er sein Reich auf alles ausdehnt.

793 Er vereint uns mit seinem Pascha. Alle Glieder müssen sich ihm anzugleichen suchen, „bis Christus in [ihnen] Gestalt annimmt“ (Gal 4, 19). „Deswegen werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Lebens … werden wir seinen Leiden – als Leib dem Haupt – zugesellt; wir leiden mit ihm, um mit ihm verherrlicht zu werden“ (LG 7).

794 Er sorgt für unser Wachstum [Vgl. Kol 2,19.]. Um uns ihm, unserem Haupt, entgegenwachsen zu lassen [Vgl. Eph 4,11-16.], versieht Christus seinen Leib, die Kirche, mit den Gaben und Diensten, durch die wir uns gegenseitig auf dem Weg des Heils voranbringen.

795 Christus und die Kirche bilden somit den „ganzen Christus“ [Christus totus]. Die Kirche ist mit Christus eins. Die Heiligen sind sich dieser Einheit sehr lebhaft bewußt:

„Laßt uns also jubeln und Dank sagen, daß wir nicht bloß Christen geworden sind, sondern Christus. Versteht ihr, Brüder, erfaßt ihr die Gnade, die Gott uns schenkte, als er uns Christus zum Haupt gab? Staunt, freut euch, Christus sind wir geworden. Denn wenn jener das Haupt ist, wir die Glieder, dann ist der ganze Mensch er und wir … Die Fülle Christi, das ist also Haupt und Glieder. Was heißt: Haupt und Glieder? Christus und die Kirche“ (Augustinus, ev. J0. 21,8).

„Unser Erlöser erweist sich als eine Person mit der heiligen Kirche, die er sich zu eigen gemacht hat“ (Gregor d. Gr., mor. præf. 1,6,4).

„Haupt und Glieder sind gleichsam eine mystische Person“ (Thomas v. A., s. th. 3,48,2, ad 1).

Der von den heiligen Glaubenslehrern gelehrte Glaube und das gesunde Empfinden der Gläubigen äußern sich in einem Wort der hl. Jeanne d‘Arc an ihre Richter: „Von Jesus und der Kirche denke ich, daß das alles eins ist und daß man daraus kein Problem machen soll“.

Die Kirche ist die Braut Christi

796 Die Einheit zwischen Christus und der Kirche, dem Haupt und den Gliedern des Leibes, besagt auch, daß die beiden zwar voneinander verschieden sind, aber in einer persönlichen Beziehung stehen. Dieser Aspekt wird oft durch das Bild von Bräutigam und Braut zum Ausdruck gebracht. Daß Christus der Bräutigam der Kirche ist, wurde von den Propheten angedeutet, und Johannes der Täufer verkündete es [Vgl. Joh 3,29]. Der Herr selbst hat sich als „der Bräutigam“ bezeichnet (Mk 2,19) [Vgl. Mt 22, 1-14; 25,1-13]. Der Apostel stellt die Kirche und jeden Gläubigen, der Glied des Leibes Christi ist, als eine Braut dar, die er Christus dem Herrn „verlobt“ hat, damit sie ein Geist mit ihm sei [Vgl. 1 Kor 6, 15-17; 2 Kor 11,2]. Sie ist die makellose Braut des makellosen Lammes [Vgl. Offb 22,17; Eph 1,4; 5,27], die „Christus … geliebt“ und für die er sich „hingegeben hat, um sie … rein und heilig zu machen“ (Eph 5,25-26), die er durch einen ewigen Bund mit sich verbunden hat und die er pflegt wie seinen eigenen Leib [Vgl. Eph 5,29].

„Der ganze Christus, Haupt und Leib, einer aus vielen … Rede nun das Haupt oder rede der Leib, immer redet Christus: er redet aus der Rolle des Hauptes [ex persona capitis] wie aus der des Leibes [ex persona corporis]. Wie steht es geschrieben? ‚Zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche‘ (Eph 5,31-32). Und der Herr selbst sagt im Evangelium: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch‘ (Mt 19,6). Es sind, wie ihr wißt, zwei Personen, und doch wiederum nur eine durch die eheliche Verbindung Bräutigam nennt er sich selber als Haupt, Braut als Leib“ (Augustinus, Psal. 74,4).

 

III  Die Kirche – Tempel des Heiligen Geistes

797 „Was unser Geist, das heißt unsere Seele, für unsere Glieder ist, das ist der Heilige Geist für die Glieder Christi, für den Leib Christi, die Kirche“ (Augustinus, serm. 267,4). „Diesem Geist Christi als dem unsichtbaren Prinzip ist zuzuschreiben, daß alle Teile des Leibes sowohl untereinander als auch mit ihrem erhabenen Haupt verbunden sind, da er ganz im Haupt ist, ganz im Leib, ganz in den einzelnen Gliedern“ (Pius XII., Enz. „Mystici Corporis„: DS 3808). Der Heilige Geist macht die Kirche zum „Tempel des lebendigen Gottes“ (2 Kor 6, 16) [Vgl. 1 Kor 3, 16-17; Eph 2,21]:

„Dieses göttliche Geschenk ist der Kirche anvertraut … In ihr ist niedergelegt die Gemeinschaft mit Christus, das heißt der Heilige Geist, das Angeld der Unverweslichkeit, die Befestigung unseres Glaubens, die Himmelsleiter zu Gott Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes, dort ist die Kirche und alle Gnade“ (Irenäus, hier. 3,24,1).

798 Der Heilige Geist ist „in allen Teilen des Leibes das Prinzip jeder lebenspendenden und wirklich heilsamen Handlung“ (Pius XII., Enz. „Mystici Corporis„: DS 3808). Er bewirkt auf vielfältige Weise die Auferbauung des ganzen Leibes in der Liebe [Vgl. Eph 4,16]: durch das Wort Gottes, „das die Kraft hat, aufzubauen“ (Apg 20,32); durch die Taufe, durch die er den Leib Christi bildet [Vgl. 1 Kor 12,13]; durch diejenigen Sakramente, die den Gliedern Christi Wachstum und Heilung geben; durch die „Gnade der Apostel“, die unter den Gnadengaben „hervorragt“ (LG 7); durch die Tugenden, die das gute Handeln bewirken; durch die vielfältigen besonderen Gaben, die sogenannten Charismen, durch die er die Gläubigen „geeignet und bereit macht, verschiedene für die Erneuerung und den weiteren Aufbau der Kirche nützliche Werke und Dienste zu übernehmen“ (LG 12) [Vgl. AA 3].

Die Charismen

799 Die Charismen, ob außergewöhnlich oder schlicht und bescheiden, sind Gnadengaben des Heiligen Geistes, die direkt oder indirekt der Kirche dienen: sie sind zum Aufbau der Kirche, zum Wohl der Menschen und für die Nöte der Welt geschenkt.

800 Die Charismen sind von dem, der sie erhält, aber auch von allen Gliedern der Kirche dankbar entgegenzunehmen. Sie sind ja ein wunderbarer Gnadenreichtum für die apostolische Lebenskraft und für die Heiligkeit des ganzen Leibes Christi. Es muß sich dabei um Gaben handeln, die wirklich vom Heiligen Geist kommen, und sie sind so auszuüben, daß sie den echten Anregungen dieses Geistes voll entsprechen. Kurz, sie müssen in Liebe ausgeübt werden, die das eigentliche Maß der Charismen ist [Vgl. 1 Kor 13].

801 In diesem Sinn ist es stets notwendig, die Charismen zu prüfen. Kein Charisma enthebt der Pflicht, die Hirten der Kirche zu ehren und ihnen zu gehorchen, da es ihnen „in besonderer Weise zukommt, den Geist nicht auszulöschen, sondern alles zu prüfen und, was gut ist, zu behalten“ (LG 12). Alle Charismen, die in ihrer Verschiedenheit einander ergänzen, sollen so zusammenwirken, daß „sie anderen nützen“ (1 Kor 12,7) [Vgl. LG 30; CL 24].

 

KURZTEXTE

802 Christus Jesus hat sich für uns hingegeben um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen das ihm als sein besonderes Eigentum gehört (Tit 2 14)

803 Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht eine königliche Priesterschaft ein heiliger Stamm ein Volk das sein besonderes Eigentum wurde (1 Petr 2 9).

804 Der Eintritt in das Volk Gottes geschieht durch den Glauben und die Taufe „Zum neuen Volk Gottes werden alle Menschen gerufen“ (LG 13) damit in Christus die Menschen eine einzige Familie und ein einziges Gottesvolk bilden“ (AG 1).

805 Die Kirche ist der Leib Christi Durch den Geist und sein Wirken in den Sakramenten vor allem in der Eucharistie macht der gestorbene und auferstandene Christus die Gemeinschaft der Gläubigen zu seinem Leib.

806 In der Einheit dieses Leibes gibt es eine Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben. Alle Glieder sind miteinander verbunden insbesondere mit denen die leiden arm sind oder verfolgt werden.

807 Die Kirche ist der Leib dessen Haupt Christus ist Sie lebt aus ihm in ihm und für ihn; er lebt mit ihr und in ihr.

808 Die Kirche ist die Braut Christi Er hat sie geliebt und sich für sie hin gegeben. Er hat sie durch sein Blut gereinigt. Er hat sie zur Frucht baren Mutter aller Kinder Gottes gemacht.

809 Die Kirche ist der Tempel des Heiligen Geistes Der Geist ist gleichsam die Seele des mystischen Leibes das Prinzip seines Lebens der Einheit in der Verschiedenheit und des Reichtums seiner Gaben und Charismen.

810 So erscheint die ganze Kirche als das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk (Cyprian).

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Quelle

PAPST PAUL VI.: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1975 – 01

Paul VI. Silbermedaille 1975, von E. Greco. Auf den Heiligen Geist. Brustbild / Taube

Bei der Generalaudienz am 15. Januar 1975

EIN MISSTRAUEN GEGEN DIE AMTSKIRCHE?

Wir müssen wieder zu einer christlichen Geisteshaltung kom­men: so sagten wir beim letzten Mal über die Erneuerung unseres ganzen Lebens, besonders aber unseres christlichen, unseres katholischen Lebens. Um diese Geisteshaltung zurückzugewinnen, um ihr Glanz und Sicherheit zu geben, sie fruchtbar zu machen in praktischen Taten und sittlicher Kraft, könnte das Ereignis des Heiligen Jahres für alle heilsam sein.

Wir wissen ganz gut, daß es eine dauernde Einladung ist, die ihren Ursprung in dem hat, was uns die Bibel lehrt und was den Mittelpunkt der Taufkatechetik bildet, die Wiedergeburt des Men­schen in einer existentiell andersartigen, paradoxen, höheren und neuen Weise (wir erinnern an das nächtliche Gespräch Jesu mit Nikodemus: Joh 3,3 ff und an den Vergleich, ja die Gegenüber­stellung, die Verwandlung des „alten Menschen“, des Menschen dieser natürlichen Welt, in den aus einem übernatürlichen Prinzip lebenden „neuen Menschen“, von dem der hl. Paulus so oft spricht: siehe Eph 4, 24; Kol 3, 10; 2 Kor 5,17 usw.). Wir müßten es aber noch besser wissen, wenn unser Bewußtsein wirklich den Gedanken an unsere christliche Berufung bewahrt hätte. Der Christ ist ein neues, ein ursprüngliches, ein glückliches Wesen, wie Pascal richtig sagt: „Niemand ist so glücklich wie ein wirklicher Christ, niemand so vernünftig, so tugendhaft und liebenswert wie er“ (Pensées, 541). Wir Modernen, auch wenn wir uns zur Gemein­schaft der christlichen Religion bekennen (oft in versteckter, ver­kürzter und säkularisierter Form), entwickeln nur selten oder un­vollkommen den Sinn für das Neue an diesem unserem Lebensstil. Wir zeigen uns oft konformistisch und „vorurteilslos“ gegenüber dem „Ansehen bei den Menschen“, statt einfach als das aufzutre­ten, was wir sind, nämlich Christen. Also Menschen, die ihre ebenso freie und souveräne wie konsequente und ernsthafte Art zu leben haben.

Deshalb fordert uns die Kirche auf und mahnt uns: Christ, sei dir deiner selbst bewußt! Christ, halte etwas auf dich! Christ, bleib deinem Glauben treu! Christ, sei tapfer! Mit einem Wort: Christ, sei Christ!

Es wäre hier nützlich, die Hindernisse zu untersuchen, die es vereiteln, daß wir unserem Leben ein christliches Gesicht geben. Eine Diagnose dieser äußeren und inneren Hindernisse würde eine Abhandlung über spirituelle Pathologie ergeben, und das auf we­nigen Seiten zu machen, wäre schwierig. Das gilt übrigens auch für unsere gesamte religiöse und moralische Wiedergesundung. Wir können uns hier darauf beschränken, einen unerläßlichen Faktor der erhofften christlichen Erneuerung zu nennen. Er ist gar nicht so schwer zu erkennen, auch wenn es vielen schwer fällt, ihn anzu­nehmen. Wir meinen die Gnade, das Wirken des Heiligen Geistes, jenes Licht und jene Kraft, die allein der Kontakt mit dem gött­lichen Quell unserer Wiedergeburt im Geiste herstellen kann.

Dies ergibt sich klar aus dem Wort des hl. Paulus, das wir als Beispiel für die von uns erstrebte Erneuerung gewählt haben. Der Apostel sagt: „Erneuert euren Geist und Sinn“ (Eph 4, 23), wobei sich das Wort „spiritu“ griechisch „pneumati“ im Originaltext, wie uns die Bibelwissenschaftler sagen, eben auf die Gnade bezieht, also auf den Heiligen Geist (vgl. J. Knabenbauer, Comm. ad Eph. S. 132). Dies ist die Wirkkraft, die für uns vom Leiden Christi, von seinem Erlösungswerk, ausgeht und sich uns, wie der hl. Thomas lehrt, vor allem auf zweifache Weise mitteilt: durch den Glauben und durch die Sakramente; also durch einen geistigen Akt, eben den Glauben, und durch den sichtbaren Empfang der Sakramente (S. Th. III, 62, 6). Hier haben nun auch die religiösen Übungen des Heiligen Jahres für uns ihren Platz. Sie sollen gewiß nicht nur diese besondere Feier kennzeichnen, aber sie werden dabei doch mit besonderem Eifer und, bewußt unterstützt durch. das Amt der Kir­che, gepflegt: Wir bekennen unseren Glauben, und wir empfangen die Sakramente.

Dies läßt uns an ein anderes typisches Hindernis für die ge­wünschte Erneuerung denken. Wir meinen die innere Einstellung, die sich in letzter Zeit immer weiter verbreitet und verstärkt hat: das Mißtrauen gegen die sogenannte Amtskirche, die reale, mensch­liche Kirche, die Kirche als Dienerin, Hüterin und Spende­rin göttlicher Geheimnisse (vgl. 1 Kor 4, 1). Wir erinnern hier an einen großartigen Gedanken des berühmten deutschen katholischen Denkers Johann Adam Möhler ( 1 7 96-1 83 8 ), der ein Vorläu­fer der ökumenischen Bewegung war. Die Vermittlung der Kirche ist nach ihm unbedingt notwendig, um Christus kennenzulernen und aus seinem Leben zu leben (vgl. Die Einheit in der Kirche, 1, 7). So wird unsere christliche Erneuerung in Geist und Leben nicht davon absehen können, unsere Zugehörigkeit zum mystischen und sozialen Leib Christi wiederzuentdecken, der eben die katho­lische Kirche ist. Zugleich müssen wir uns von der heute leider so modernen Versuchung freimachen, Christus und Kirche zu tren­nen, so als könnte man dadurch, daß man die Kirche bekämpft und bei der Erklärung religiöser Wahrheiten jede, auch willkür­liche Kritik an dieser Kirche zuläßt, zu einer echteren und leben­digeren Gemeinschaft mit Jesus, dem Herrn, gelangen, der doch gerade durch seine Kirche Quelle unseres Heiles ist. Mit dem hl. Ignatius von Antiochia wollen wir daher sagen: „Lernen wir, wahrhaft christlich zu leben“ (ad Magnesios, X). Das ist Erneuerung im Sinn des Konzils, Erneuerung im Sinn des Heiligen Jahres! „Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13, 9).

 

Bei der Generalaudienz am 22. Januar 1975

„SUCHET ZUERST DAS REICH GOTTES…“

Sprechen wir noch einmal von der Erneuerung, die das Heilige Jahr in den Menschen und den Völkern mit sich bringen sollte. „Erneuerung“: das Wort ist klar, der Sinn ist dunkel. Er ist dun­kel, weil es nicht leicht ist, klarzustellen, was hier erneuert werden soll. Man könnte meinen: alles; alles, was die Welt ausmacht, alles, über das sie verfügt, alles, was sie tut, sollte erneuert werden. Eine herrliche Vision, aber sie bietet nicht wenig Grund zur Beun­ruhigung. Weil das heißen würde, daß alles unvollkommen, alles in Unordnung ist. Weil es bedeuten würde, daß alles, was der Mensch an großartigen Werken zuwegegebracht hat, vor allem in den letzten Jahrhunderten, der ganze moderne Fortschritt, der die Erde mit erstaunlichen Errungenschaften auf allen Gebieten menschlicher Aktivität überschwemmt hat, daß das alles die Bedürf­nisse und Sehnsüchte der Menschen nur teilweise erfüllt, dafür aber unermeßliches Elend, unermeßliches Unrecht und unermeßliche Not offenbar werden läßt. Dieser Fortschritt hat aber auch das Gewissen wachgerüttelt für die soziale Ungleichheit, für die Zu­rücksetzung eines großen Teils der Menschheit, den Hunger nach Brot, nach Kultur, nach Rechten, einen Hunger, der bisher ge­duldig und stumm ertragen wurde, jetzt aber grausam und uner­träglich geworden ist. Hier zeigt sich ein überraschendes Phäno­men: das Bedürfnis nach mehr, nach einer neuen und höheren Lebensqualität äußert sich gieriger und unersättlicher in den vom Fortschritt begünstigten Kreisen als bei den einfachen Leuten, so sehr auch bei ihnen sich Unruhe bemerkbar macht. Eine Flut von Protesten und Forderungen scheint beweisen zu wollen, daß kein Wohlstand die unersättliche Sucht nach Geltung, Besitz und Genuß befriedigen kann, und daß er nur ein noch quälenderes Verlangen nach anderen Dingen, nach neuen Erfahrungen weckt. Auf der anderen Seite beweisen sie, daß die sogenannte Ordnung, die sich aus dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ableitet, in Wirk­lichkeit Unordnung und Ungerechtigkeit ist, weil sie die Errungen­schaften ungleichmäßig verteilt, weil sie absolut unzulänglich ist quantitativ, und wohlgemerkt auch qualitativ, alle Menschen glück­lich zu machen, und nicht einmal für gewisse Grundbedürfnisse ausreicht, die zum Rechtsanspruch geworden sind, angefangen bei der Würde der menschlichen Person — jeder Person — bis hin zur Freiheit und einem ausreichenden Wohlstand.

Aus diesen gigantischen und bitteren Erfahrungen heraus kommt es dann zu befremdlichen und negativen Phänomenen: dem Miß­trauen, bis hin zu Protest und Revolution; dem sozialen Haß, bis hin zu seiner institutionellen Verfestigung in Klassen, Parteien, Stämmen, Völkern und. Zivilisationen; der Langeweile und dem zynischen Lebensüberdruß; der ideologischen Gleichgültigkeit; dem Skeptizismus, der als Liberalismus ausgegeben wird; dem raffinier­ten, totalen, kosmischen Pessimismus, einer Art vorbedachten Selbstmords des idealisierten Menschen, Entlarvung einer Lüge und gefährlichen Utopie; schließlich die pseudo-kluge, in Wirklichkeit wahnsinnige und verzweifelte Flucht in das momentane Vergnügen, zum egoistischen Genuß und damit in die Kalkulation menschenun­würdiger Mittel zur Planung und Begrenzung der Statistiken zum menschlichen Wachstum.

Ist das unsere Welt? Wir meinen, das sind leider gewisse Aspek­te dieser Welt. Aber das ist nicht die ganze Welt. Diese ist noch immer von einer großen, dynamischen Hoffnung durchdrungen, welche eine Verheißung der Geschichte auszulegen scheint: die Welt kann sich erneuern, immer noch und immer wieder. Aber wie? Auf diese Frage gibt es eine Fülle von Antworten. Diese Antworten sind aber zugleich eine Quelle neuer Qualen und Enttäuschungen.

Gibt es überhaupt einen Weg zur Lösung? Eine Theorie, die den Vorzug verdient? Eine Deutung, die den Idealplan für das menschliche Leben wiederherstellt und es seinen wahren und höch­sten Zielen entgegenführt?

Wir glauben, ja. Wir sagen das ohne jede polemische Absicht. Wir greifen auch nicht auf magische oder triumphalistische Formeln zurück. Wir glauben an das Evangelium Jesu Christi, und wir wissen, daß wir ihm das Grundprinzip echter Erneuerung entneh­men können. Deshalb predigen wir die Frohbotschaft in dieser gesegneten Zeit des Heiligen Jahres. Das Grundprinzip aller Er­neuerung wird in dem alten und stets lebendigen Wort Jesu verkün­det: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6, 33).

Ein bekanntes Wort, das im Bewußtsein nachdenklicher und bereitwilliger Menschen immer noch Widerhall findet. Es ist auch ein aktuelles Wort. Ein Wort, das — wenn auch vielleicht ver­gebens — gerade die führenden Häupter anspricht, welche an den Schalthebeln der Macht die eigentlichen Entscheidungen für die Führung der Völker fällen. Das Wesentliche und Zwingende an diesem Wort scheint uns zu sein: Wir müssen eine Rangordnung jener Ziele aufstellen, die der Mensch anstreben kann und muß. An der Spitze dieser Wertskala steht „das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“. Wird dieses Ziel mißachtet oder geleugnet, gerät die ganze Wertskala in Unordnung. Man weiß dann nicht mehr wirklich, für wen und wozu der Mensch eigentlich lebt. An die Stelle des obersten Zieles, das für uns auch den höchsten Wert bedeutet, treten andere Ziele und andere Werte. Diese können zwar die menschliche Aktivität steigern und sie zu großen Leistun­gen auf vielen Gebieten befähigen. Doch am Ende bleibt gerade das aus, was mehr gilt: wahre Ordnung, Weisheit, Glück und Friede; vor allem bleibt aus das unschätzbare Geschenk des Aus­gleichs für jeden Mangel an Sicherheit, an Arbeits- und Lebens­freude, die eschatologische Hoffnung, das heißt die Gewißheit des ewigen Lebens.

Wenn er zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sucht, vollzieht der Mensch in seinem Gewissen immer wieder einen Ver­gleich zwischen den Gütern, nach denen er streben kann; er korri­giert beständig die Grundausrichtung seiner wichtigsten Interessen und Absichten. Diese Grundausrichtung beginnt im Herzen des Menschen und endet beim strahlenden Geheimnis der Vaterschaft Gottes; das Leben aber läuft ab zwischen beiden Angelpunkten in der Gerechtigkeit, das heißt, der Mensch lernt überzeugend die Kunst, so als Mensch in Liebe und Opferbereitschaft zu leben, wie es uns Christus gelehrt hat.

Wenn wir die Erneuerung unserer Lebensphilosophie so auffassen, ergibt sich als erste Folgerung ein Abstand, eine Befreiung, eine relative Entwertung der irdischen Güter, zumal des Reichtums, des „verruchten Hungers nach Gold“, der die Menschen oft zu gierigen und grausamen Egoisten macht, sie untereinander verfein­det und zu unsozialen Ausbeutern werden läßt. Als zweite Folge­rung ergibt sich aber auch die „Armut im Geiste“, von der das Evangelium spricht. Sie findet zwar auf Erden keinen angemessenen Ausgleich, doch sie erlaubt dem, der sie besitzt, den maßvollen Genuß der Dinge dieser Welt und läßt diese zugleich zu einem Weg des Aufstiegs zum höchsten Gut werden, das letztlich allein würdig ist, von Menschen erstrebt und besessen zu werden: das Himmel­reich. Es ist jene „Armut im Geiste“, die uns reich und wach macht für die Nöte und Leiden unserer Brüder, aber auch aufgeschlossen für jene Änderungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, die geeignet sind, zu mehr Gerechtigkeit und Brüderlichkeit auf Erden zu führen.

Wer aber vermag die Weisheit solcher Erneuerung heute zu begreifen? Wer will sie begreifen? Das läßt sich schwer sagen. Die Welt möchte oft davon nichts hören. Doch die „Kinder des Rei­ches“ können es, jawohl, und sie wollen es auch! Ist es nicht so, liebe Brüder und Schwestern?

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1975

PAPST PAUL VI.: PFINGSTEN – GEBURTSSTUNDE DER KIRCHE

Bei der Generalaudienz am 5. Juni 1974

Unsere Gedanken und Herzen sind noch beim Pfingstfest, und wir wissen auch warum. Pfingsten ist ein Fest, das nicht enden darf; es geht weiter, ja es wird immer fortdauern. Wir haben gesagt, daß Pfingsten das Geburtsfest der Kirche ist. Solange also die Kirche lebt, geht das für Pfingsten cha­rakteristische Ereignis weiter: Gott haucht einer gläubigen Menschheit durch die Ausgießung des Heiligen Geistes Leben ein, und das wird — wir wiederholen es noch einmal — im­mer fortdauern. Das ist ein geschichtliches und zugleich über­geschichtliches Ereignis, denn es geschah zu einem bestimmten Zeitpunkt, 50 Tage nach dem jüdischen Paschafest bzw. für uns nach der Auferstehung Christi, und es geschah entspre­chend der Vorherbestimmung des göttlichen Heilsplanes eben bei jener Gelegenheit, als der himmlische Vater beschloß, uns das Geheimnis seines Willens kundzutun, nämlich in Christus alles zu vereinen (vgl. Eph 1, 9-10) und die Kirche zu grün­den, die „auf das Fundament der Apostel und Propheten ge­baut ist; der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“. Auch wir sind ein Teil dieses Baues, „im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2, 20-21).

Diese geheimnisvolle Seite der Kirche verleiht ihr in der Heiligen Schrift und in der Sprache der Frömmigkeit verschie­dene symbolische Bezeichnungen: mystischer Leib, Volk Got­tes, Braut Christi, wahrer Weinstock, Herde des guten Hirten, Tempel der wahren Religion, Bundeslade, Reich Christi, Fa­milie Gottes und andere (vgl. Lumen gentium, Nr. 6). Der ety­mologischen Bedeutung nach heißt Kirche jedoch „einberufene Versammlung“, Gemeinde, Gesellschaft (vgl. Y. CONGAR, Hei­lige Kirche, Seite 16 ff, Stuttgart 1966). Der Augenblick nun, in dem diese einzigartige göttlichmenschliche Gemeinschaft zu leben und zu handeln begann, sich ihrer selbst bewußt wurde und merkte, daß sie von einer prophetischen, übernatürlichen, ganz besonderen, neuen und unbezwingbaren Kraft, nämlich vom Heiligen Geist, beseelt war, dieser Augenblick war Pfing­sten. Es war wie das Entzünden eines Feuers im Inneren jedes einzelnen, das auch nach außen seine Flammen schlug; wie ein Sturmwind, wie gewaltiges Brausen und ein Beben der Erde. Es war, als ob eine Menschenmenge gleichzeitig er­wachte, ein Ausbruch heftiger Freude, ein überquellen des Geistes in sprudelnder Beredsamkeit, das sich sogleich als Wun­der erwies, da es allen Zuhörern, die doch aus verschiedensten Ländern stammten, verständlich und offensichtlich für die ge­samte Menschheit bestimmt war. Das war die überraschende Geburtsstunde der Kirche, die wir an ihren vier wesentlichen Merkmalen erkennen: die heilige, apostolische, die eine und universale, d. h. katholische Kirche.

Eine einzigartige, immer noch bestehende Wirklichkeit, die fortdauern wird bis zur Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, wenn auch nicht mehr von solch sichtbaren äußeren Wunder­zeichen begleitet.

Wir tun gut daran, den Bericht über dieses außergewöhn­liche Ereignis zu lesen, wie es im 2. Kapitel des ersten Buches der Geschichte der Kirche, der vom hl. Lukas geschriebenen sogenannten Apostelgeschichte, geschildert wird. Dieses Buch wird von manchen Gelehrten und Gläubigen sogar das Evangelium des Heiligen Geistes genannt oder auch die erste Verkündigung des Evangeliums durch den hl. Petrus (2, 14 ff) und dann durch den hl. Paulus (9, 20 ff). Ein sehr schönes und hochin­teressantes Buch (vgl. E. JACQUIER, Les Actes des Apôtres, Ga­balda 1926. Ein umfangreiches, nicht gerade neues, aber noch immer gültiges Werk).

Wir möchten gern, daß die Gläubigen heutzutage, noch bevor sie sich mit der Ekklesiologie befassen, dem anziehend­sten Kapitel der modernen Theologie (man denke nur an das Konzil! vgl. Y. Congar) und noch bevor sie eine Einteilung in die eigentlich theologischen Begriffe über die Kirche vor­nehmen gemäß den vier großen Kapiteln der erwähnten Merk­male dieser Kirche: die eine, heilige, katholische und aposto­lische Kirche (vgl. das umfang- und inhaltreiche Werk von Kard. C. Journet), imstande wären, gleichsam zusammenfas­send den unmittelbaren Eindruck zu erfahren, den die geistlich-spirituelle Gesamtschau der Kirche in unseren Herzen erzeugt. Es ist ein Eindruck von ursprunghafter Schönheit.

Ja, wem es gelingt, sich ein Bild von der Wesensgestalt der Kirche zu machen, der vermag sich dem einzigartigen Ein­druck der Schönheit, den sie auf unsere Herzen ausübt, nicht zu entziehen. Es ist die herrliche und vollkommene Gestalt, die Christus seiner Kirche geben wollte. Nicht umsonst schil­dert sie der hl. Paulus mit den Zügen einer durch die Liebe verzauberten Schönheit: „Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche in ihrer gan­zen Herrlichkeit vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, ohne Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5, 25-27). Diese Schönheit ist freilich nur ein Abglanz der Herrlichkeit Christi (vgl. HL AUGUSTINUS, Enarr. in Ps. 44; PL 36, 495-496).

Ist das etwa nur ein Wunschbild, ganz anders als die irdisch-zeitliche Gestalt der Kirche, die wir gut kennen? Dies irdische Bild läßt die Kirche in mancher Hinsicht gewiß nicht so wohl­gestaltet und anziehend erscheinen; besteht sie doch aus lauter Menschen, die noch in dieser Zeit dahinpilgern; diese Kirche hat in ihrer Geschichte auch traurige Kapitel zu verzeichnen; ihr Bild hebt sich um so stärker von dem einer ideal vollkom­menen Kirche ab, je größer der Unterschied zwischen ihrer engelgleich verklärten Gestalt und ihrem gewöhnlichen Ausse­hen ist, das uns die Erfahrung häufig bietet. So haben viele ihrer Gegner es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kirche mit Verachtung, Feindseligkeit, bitterem Spott und sogar mit Ver­leumdung zu überschütten. Wir wollen hier weder Fehler noch Schuld der Menschen verteidigen, die die Kirche in dieser Er­denzeit ausmachen (vgl. Lumen gentium, Nr. 48). Wir wollen hier nur von jener Gestalt sprechen, mit der Christus das men­schliche Antlitz der Kirche überkleidet hat, indem er ihr eine neue Gestalt gab, die der Wiedergeburt aus der Taufe (vgl. S. AMBROSIUS, De Mysteriis, 7, 53; S. AUGUSTINUS, De doctr. ch., 32; PL 34, 83), und indem er ihr heiligmachende Kraft verlieh im Wort, in der Gnade, in dem unermüdlichen Streben, selber dem Evangelium getreu zu leben, und in dem Be­mühen, von der Liebe geleitet, gerade im Antlitz des unglück­lichen Menschen die ausdrucksvollsten Züge ihres eigenen my­stischen göttlichen Aussehens zu entdecken. Die Kirche ist In­begriff des Schönen, schon wegen ihrer Aufgabe, die Sakra­mente zu spenden, wobei sie das Unsichtbare in den sichtbaren Zeichen ihrer Riten zum Ausdruck bringt (vgl. THOMAS V. A., S. Th. I-II, 101, 2 ad 3). Sie ist schön in dem, was sie auf den Gebieten der Kunst, Liturgie und Symbolik, dem Geistlichen zugewandt, schöpferisch hervorgebracht hat. Und sie ist schön vor allem wegen der unschuldigen, reinen und geläuterten See­len, die sie hervorzubringen vermag. Denkt an den Pfingst­hymnus von Manzoni! Lest seine Heiligenbiographien ! Wo bietet uns die Menschheit sonst Gestalten, die unserer Bewun­derung und Verehrung würdiger wären? (vgl. S. AUGUSTINUS, Serm. 112; PL 38, 1012; vgl. R. CHATEAUBRIAND, Le Génie du Christianisme).

Wenn wir die Schönheit der Kirche entdecken, die sich in unserem irdischen Leben zwar kaum abzeichnet, aber doch schon irgendwie den Glanz des künftigen Lebens durchscheinen läßt, dann lernen wir die Kirche lieben, eine gute Menschheit, eine ideal gesinnte Menschheit, eine heilige Menschheit, die der Geist Jesu in dieser irdischen Zeit darauf vorbereitet, daß sie in der ewigen Herrlichkeit in vollem Glanz erstrahlen kann (vgl. H. DE LUBAC, Betrachtungen über die Kirche, Graz 1954).

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Quelle: PAPST PAUL VI. – WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974 – Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano

Kardinal Giovanni Battista Montini – als Erzbischof von Mailand: Pfingstansprache vom 9. Juni 1957 im Mailänder Dom

PFINGSTEN

DIE ENTSTEHUNG DER KIRCHE

Denken wir an Pfingsten zurück als an das Ereignis, das das Erlösungswerk vervollständigt und es — von Christus aus — über die Welt verbreitet hat. Mit ihm hat die Fortdauer Christi begonnen, es hat die Kirche ins Leben gerufen und wirkt und dauert somit erleuchtend, stärkend, belebend und heiligend fort.

Der auf dieser Erde gegenwärtige Christus hatte schon die Ge­meinschaft der Seinen begründet, die zusammengesetzt war aus einer Gruppe von Jüngern, von denen er zwölfen den Rang von Aposteln verlieh, »quos et apostolos nominavit — die er Apostel nannte« (Luk. 6,13), und aus jenen, die, mit den Aposteln vereinigt, sein Predigen aufgenommen hatten und sich vorbereitet zeigten, das »Reich Gottes« zu empfangen, und dieser entstehenden Gemein­schaft hatte er selbst den prophetischen Namen gegeben: »meine Kirche — ecclesiam meam« (Matth. 16,18). Er selbst hatte die Lehre verkündet, das Evangelium, durch welches diese Gemeinschaft unterwiesen und geleitet werden sollte. Er selbst hatte die norma­tiven Grundsätze bezeichnet, um damit der Lebensführung seiner Nachfolger Inhalt und Richtung zu geben, und Er hatte besondere Gnadenmittel eingesetzt, um seine Gläubigen zu kennzeichnen und für jene Form des Lebens zu rüsten, die seine Nachfolge verlangt. Er selbst hatte der »kleinen Schar« befohlen, sich, ausgerüstet nur mit den Waffen des Wortes und der Gnade, aufzumachen, um die Welt zu erobern, und hatte die wunderbare, aber gleichzeitig mühselige und befehdete Verbreitung seiner Botschaft vorausge­sagt.

Aber all das, wie einzigartig und ermutigend es auch war, schien der Gruppe der ersten Nachfolger doch keine andere Organisation und keine andere Aktionsfähigkeit zu verleihen als die, über welche auch sonst menschliche Vereine bei ihrem Entstehen verfügen. Al­lerdings kam dazu die erschwerende Last der offenbaren Mißver­hältnisse zwischen der kleinen Anzahl von Menschen, aus denen der von Christus zusammengefügte Kern bestand, und den unermeß­lichen, steilen, schwer erkennbaren und noch obendrein dem spontanen menschlichen Gefühl unangenehmen Zielen, die es zu verfolgen galt. Bis zum letzten Tag, an dem Christus bei ihnen war, hatten nicht einmal die Apostel eine klare Vorstellung davon, was sie tun sollten und was sie erwartete. Noch knapp vor der Himmelfahrt Christi, als sie erfaßten, daß sich etwas Entscheidendes ereignen würde, fragten sie Ihn: »Herr, richtest du in dieser Zeit das Reich Israel wieder auf?« (Apg. 1,6). Das heißt, daß die Kirche zwar schon existierte, daß es ihr aber noch an Bewußtheit, an innerem Zusammenhalt, an ihrem ureigenen Leben mangelte, die sie in eine religiöse von Christus ausgehende Gemeinschaft verwandelte — von Christus nicht nur als ihrem Begründer, sondern auch als ihrem Lebensprinzip; es fehlte der Heilige Geist. Die Kirche war ein Leib, aber noch der Seele bar.

Ein frommer und tiefschürfender Schriftsteller sagt zu dieser Frage: »Obwohl Jesus Christus nach der Auferstehung unseren Augen unsichtbar geworden ist, fühlen wir dennoch, daß er mit uns lebt — weil wir seinen Atem verspüren. Ich nenne Atem Jesu Christi die Ausgießung des Heiligen Geistes … Am Morgen des Pfingstfestes hat das Menschengeschlecht diesen mächtigen Atem zum erstenmal verspürt.«

Die Seele der Kirche ist der Heilige Geist, das will sagen: Das unsichtbare und übernatürliche Prinzip, das die Kirche Christi leben macht, indem es in ihr die gewohnte, alle ihre Glieder durchfließende Gnade verbreitet, ist der ständige Beistand des Heiligen Geistes, der die Kirche zu der mit Christus verbundenen Menschheit macht, zum Mystischen Leib Christi, und ihr Fähigkeit und Gnaden verleiht, kraft deren er ihr Wissen von sich selbst erzeugt und alle Geschicke lenkt und leitet.

Diese Lehre wird wunderbar erläutert durch die Enzyklika des Papstes Pius XII. (1943) über den Mystischen Leib: »Christus der Herr läßt die Kirche an seinem übernatürlichen Leben teilnehmen, durchdringt ihren ganzen Leib mit seiner göttlichen Kraft und nährt und erhält die einzelnen Glieder gemäß dem Rang, den sie im Leibe einnehmen, ungefähr in der Weise, in welcher der Weinstock die mit ihm verbundenen Rebzweige nährt und fruchtbar macht. Wenn wir nun aufmerksam dieses göttliche von Christus gegebene Lebens- und Kraftprinzip in sich selbst betrachten, insofern es die Quelle einer jeden geschaffenen Gabe und Gnade bildet, werden wir leicht verstehen, daß es nichts anderes ist als der Tröster Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht und der in besonderer Weise Geist Christi und Geist des Sohnes genannt wird.«

So erscheint uns der Heilige Geist als belebendes Prinzip der Kirche. Lebensspender nennen wir ihn im Glaubensbekenntnis. Er ist das vereinigende Prinzip. »Dem Geist Christi als dem unsichtbaren Prinzip«, sagt die genannte Enzyklika noch, »kommt auch die Aufgabe zu, alle Teile des Leibes untereinander sowie mit ihrem erhabenen Haupte zu verbinden.« Er ist das Prinzip, das die verschiedenen Teile des Mystischen Leibes differenziert, indem er jedem seine besondere Funktion gibt: »All die vielen Glieder des Leibes«, schreibt der hl. Paulus, »bilden jedoch zusammen einen Leib. So ist es auch bei Christus. Wir alle sind durch die Taufe in einem Geist zu einem Leib geworden … Der Leib besteht ja auch nicht aus nur einem Glied, sondern aus vielen … So aber gibt es viele Glieder, jedoch nur einen Leib« (1. Kor. 12,12 ff.). Er (der Heilige Geist) ist das wirksame und heiligende Prinzip. » Jedem einzelnen«, lehrt der hl. Paulus (1. Kor. 12,7 ff.), »wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen aller verliehen. Dem einen nämlich wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, dem anderen das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist, einem anderen der Glaube in demselben Geist.«

»Das, was die Seele für den Leib des Menschen ist«, so schließen wir mit dem hl. Augustinus, »ist der Heilige Geist für den Leib Christi, für die Kirche.«

Diese erstaunliche Lehre, die sich durch die Existenz und Geschichte der Kirche bestätigt, stellt heute einen besonders wichtigen Aspekt im Rahmen der Bemühungen um die allgemeine und gemeinschaftliche Belebung des ganzen Mystischen Leibes dar, die dahin geht, daß sie auch die einfachen Gläubigen mit Funktionen betraut und zu lebendigen Gliedern der Kirche macht, ihnen ihre besondere Würde und eine nicht mehr nur rein passive Haltung in bezug auf das Gute der Kirche verleiht.

Wir wissen sehr wohl, daß sich die Kirche Christi in ihrer kämpferischen Phase auf dieser Erde zu einer sichtbaren, organischen und somit hierarchischen Form zusammenfügt und daß auch diese hierarchische Beschaffenheit eine glänzende Darstellung ihres Wesens ist, die nicht nur die verschiedene Verteilung der Gewalten im Schoß der Kirche an deren Gliedern aufzeigt, sondern auch ihre konstitutiven Merkmale wunderbar ins Licht setzt: ihre Einheit und Heiligkeit, ihre Katholizität und Apostolizität. Die Kirche setzt sich in der Tat aus zwei deutlich unterschiedenen Kategorien von Gläubigen zusammen: aus dem Klerus und aus den Laien. Der ersten Kategorie, welche bestimmte, sich auf den ganzen Leib der Kirche beziehende Funktionen hat, gehören jene an, die kraft des Sakraments der Priesterweihe und des kirchlichen Auftrages besondere Macht ausüben — Lehre, Kult, Lenkung — und die in den Abstufungen der Fülle dieser Macht eben die kirchliche Hierarchie bilden. Eine aktive Gruppe, die Lehrende Kirche, Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes eine Aufgabe an den anderen Gliedern der Kirche zu erfüllen haben, an der Hörenden Kirche, dem gläubigen Volk; sie zu lehren, zu heiligen und zu lenken.

Aber wenn dennoch die Funktionen der Kleriker gegenüber denen der Laien verschieden sind, so wissen wir doch auch zwei andere Dinge, denen moderne Theologie ihre Aufmerksamkeit gerne zuwendet. Das erste betrifft die völlig unterschiedslose Gleichheit aller Glieder der Kirche in bezug auf die übernatürliche Berufung: alle, Kleriker wie Laien, sind gleichermaßen Gläubige, alle sind die gleichen Christen, alle in gleicher Weise Schuldner Gottes in der Gnade, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe; alle sind zum gleichen ewigen Schicksal berufen, und alle sind sie Brüder: »Omnes autem vos fratres estis — Ihr aber seid alle Brüder« (Matth. 23,8). Wenn Verschiedenheit der Talente und Kräfte die Gläubigen voneinander unterscheidet, erwartet sie doch dort oben das gleiche Urteil; ja ein anspruchsvolleres und strengeres dort, wo höherer Reichtum an weit umfassenderen Gaben eine weit höhere Verantwortlichkeit erzeugt, die alle Leistung ins richtige Maß rückt.

Die zweite Sache betrifft die Stellung der Laien in der Kirche und die ihnen zukommende Rolle in der großen Familie Christi. Wenn wir sie so klar vom Klerus getrennt betrachten, überkommt uns die Freude darüber, daß auch sie eine so große, ihren Stand begründende Würde haben. Durch die bloße Tatsache, daß sie Christen sind, sind auch sie, durch die Taufe, Gotteskinder, sind sie durch die Firmung vollkommene Christen und Soldaten Christi, also lebendige und aktive Glieder der Kirche, nicht nur passive und untätige, ohne Rechte und Ehren; auch nicht ausgeschlossen von der großen Berufung zur Vollkommenheit und Heiligkeit, sondern Bürger des Reiches Gottes, Gegenstand der Sorge und der Achtung der ganzen christlichen Gemeinschaft und insbesondere dessen, der verpflichtet ist, für das allgemeine Heil zu sorgen.

»Die Heiligen« (vgl. 1. Petr. 1,15) nannten sich einst die Gläubigen, ganz gleich, welchen Status sie in der Kirche einnahmen; sie waren und sind unentbehrliche Mitglieder der christlichen Gemeinschaft, sie genießen, was die Art ihrer Heiligung im Schoß der Kirche anlangt, große Freiheit und disziplinierte, aber weitläufige Initiative: Das religiöse Leben erwächst daraus. Ja man hat noch mehr gesehen in diesen Beziehungen der Gläubigen zum übernatürlichen Zustand; der Apostel Petrus hat es ein »sacerdotium sanctum«, ein »regale sacerdotium« genannt — ein »heiliges Priestertum«, ein »königliches Priesterum« (1. Petr. 2,7-9), das dem ganzen christlichen Volke gemein ist.

Der hl. Ambrosius sagt, daß jeder von uns geheiligter Priester ist, und der hl. Johannes Chrysostomus erklärt, daß es jeder in der Taufe wird; denn mit der Taufe werden wir Glieder Christi, und — wie Augustinus sagt — »alle sind Priester, insofern sie Glieder des einzigen Priesters sind«, während der hl. Thomas hinzufügt, daß »jeder gute Mensch sich im mystischen Sinne Priester nennen kann, weil er sich selbst als mystisches Opfer Gott darbietet, das heißt als lebendige Hostie für Gott«. Nicht daß diese Teilhaftigkeit am Priesteramt Christi und diese Fähigkeit, sich seinem Opfer zu vereinigen, die dem Sakrament der Priesterweihe eigentümlichen liturgischen Kräfte verleihen, sie schenken jedoch dem Christen, auch dem einfachen Gläubigen, den eigentümlichen Charakter des priesterlichen Leibes Christi und machen so aus der christlichen Gemeinschaft eine »priesterliche Stadt«, das heißt, heilig und zum göttlichen Kult fähig.

In der Enzyklika über den Mystischen Leib preist ein lichtvoller Abschnitt die Würde eines jeden Christen: »Man darf etwa nicht glauben, die organische Struktur der Kirche erschöpfe sich in hierarchischen Stufungen … Mit vollem Recht haben die Kirchenväter, wenn sie die Dienstleistungen, Stufen, Berufe, Stellungen, Ordnungen und Ämter dieses Leibes hervorheben, nicht nur jene vor Augen, die heilige Weihen empfangen haben, sondern auch alle jene, die nach Befolgung der evangelischen Räte ein tätiges Leben unter den Menschen oder ein in der Stille verborgenes führen, oder auch beides je nach ihrer besonderen Verfassung zu verwirklichen trachten; ferner jene, die, obgleich in der Welt lebend, doch sich eifrig in Werken der Barmherzigkeit betätigen, um anderen seelische oder leibliche Hilfe zu leisten; endlich auch jene, die in keuscher Ehe vermählt sind. Ja es ist zu beachten, daß zumal in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Familienväter und -mütter, auch die Taufpaten und namentlich jene, die als Laien zur Ausbreitung des Reiches Christi der kirchlichen Hierarchie hilfreiche Hand bieten, einen ehrenvollen, wenn auch oft bescheidenen Platz in der christlichen Gemeinschaft einnehmen, ja daß auch sie mit Gottes Huld und Hilfe zur höchsten Heiligkeit aufsteigen können.«

Diese Erläuterung der adeligen und lebendigen Stellung des Laientums in der Kirche bejaht und rechtfertigt das Interesse, das sich heute durch die Mitarbeit des Laientums selbst äußert: Was kann es tun? Was soll es tun?

In diesen Jahren haben einige Erscheinungen von immensen Maßen ein dramatisches und wunderbares Kapitel im geschichtlichen Epos der modernen Kirche angezeigt. Diese Phänomene versetzen die Mutter Kirche einerseits in Leid und Angst: Das moderne Leben scheint gegen sie zu revoltieren, und zwar durch die Ungläubigkeit, zu der es sich bekennt, durch die im Menschen erzeugte Illusion, in allem hinreichend befriedigt zu sein, ferner durch den Laizismus und Atheismus, die der immer agnostizistischeren und materialistischeren Geistigkeit der zeitgenössischen Auffassung vom Menschen den Charakter ihrer düsteren Kräfte verleihen. Auf dies alles folgt — von seiten ganzer Völker und der neuen Generation — der Abfall von den heiligen und erhabenen religiösen Überlieferungen, die doch das kostbarste und umsorgteste Erbe unseres Zeitalters darstellen müßten; und mit diesem Abfall die peinliche Unzulänglichkeit des Klerus, sei es an Zahl wie auch an Kraft, um ihr Rettungswerk in einer Gesellschaft durchzuführen, die ihre wahre und letzte Bestimmung vergessen hat. Daraus resultiert ein Zustand, den man als Krise des Katholizismus bezeichnen könnte. Aber andererseits bestätigen Phänomene, die wert sind, daß man sie festhält, eine mächtige Lebenskraft der Kirche; immer mehr der Hilfsmittel und Privilegien beraubt, die ihr aus der umgebenden Gesellschaft zukommen, holt sie aus ihrem eigenen Schoß die Kräfte, sich zu verteidigen und zu gedeihen. Die Kirche, möchte man sagen, beugt sich unter dem ungeheuren Druck der modernen Irreligiosität auf sich selbst zurück, und in dieser inneren Sammlung, ich will sagen: in diesem Zurückgreifen auf die in ihr vorhandenen übernatürlichen Quellen, erprobt sie, wie stark sich ihr Selbstvertrauen, ihre Energie und ihre Eroberungsfähigkeit vervielfältigen. Es ist der Strom des Heiligen Geistes, der nach wie vor in ihre Glieder eindringt, sie beweglich macht und kräftigt. Es ist der Pfingststurm, der in die Segel des mystischen Bootes fährt, das keine Unwetter mehr fürchtet. Es ist, unter sichtbarem und sozialem Aspekt, der Eintritt des katholischen Laientums in eine kräftigere und betonte Zusammenarbeit mit dem hierarchischen Apostolat.

Man hat von der »Mission der Laien«, der »Stunde des Laientums« und der »apostolischen Funktion des Laien« gesprochen; doch hat man damit nicht eine von unten her aufsteigende demokratische Bewegung gemeint, die der Hierarchie Teile ihrer Macht streitig machen oder die Gläubigen von der Vormundschaft der Hierarchie befreien sollte durch Bewußtmachen eines eigenen Vermögens und durch Ausschauhalten nach einer eigenen Autonomie; noch viel weniger hat man dabei den schismatischen Versuch im Auge gehabt, parallel zur kirchlichen eine Hierarchie der Laien her-vorzubringen, und schon gar nicht die Übertragung von besonderen sakralen oder richterlichen Machtvollkommenheiten von der Hierarchie auf die Laien, so als würden diese gleichsam an der Ausübung der priesterlichen Obliegenheit beteiligt werden.

Wir meinen vielmehr die Mitarbeit, welche die Laien als solche als bewußte und großmütige Kinder der Kirche — ihr in dieser schrecklichen und wunderbaren Stunde leihen können. Die Kirche ruft sie, die Kirche ermuntert sie, die Kirche mobilisiert sie, schafft ihnen die modernen und geeigneten Formen, besonders in der Katholischen und sozialen Aktion, damit sie so in die Möglichkeit und in den ehrenvollen Stand gesetzt werden, wirksam und kämpferisch, aktiv und freudig mitzuhalten bei dem wagemutigen Unter-nehmen der modernen Glaubensverkündigung.

Eine große Stunde ist das, die den Gläubigen Gelegenheit bietet, das katholische Leben als Würde und Glück, als Adel und Berufung aufzufassen; eine große Stunde, die das christliche Bewußtsein aus der gewohnten trägen Schläfrigkeit aufweckt, in die es für so viele hineingeraten ist, und ihm das Licht neuer Rechte und neuer Pflichten schenkt. Eine große Stunde, die nicht gestattet, daß einer sich Christ nennt und zugleich moralisch ein schlaffes, mittelmäßiges, abgesondertes und egoistisches Dasein führt, das lediglich durch die kümmerliche Befolgung irgendeiner religiösen Vorschrift gekennzeichnet ist, anstatt verwandelt zu sein durch den positiven, ritterlichen und bisweilen heroischen, immer aber demütigen und zähen Willen, den eigenen Glauben aus voller Überzeugung und ganzem Vorsatz zu leben. Groß ist diese Stunde, die dem christlichen Volk seine Schüchternheit und Furcht nimmt, es befreit vom Dämon der Zwietracht und des Individualismus und von der Feigheit der alle geistigen Ziele vergewaltigenden zeitlichen Interessen. Große Stunde, die sogar aus den Kindern, aus den Jugendlichen, aus den Frauen, selbst aus Denkern und Geschäftsleuten wie auch aus den Kranken Scharen von lebendigen Seelen macht, die brennen für den Messianismus des Reiches Gottes, der weder phantastisch noch illusionistisch ist. Eine große Stunde, in der das Christenvolk so verschmilzt, daß es in einem erneuerten hierarchischen und brüderlichen Sinn »ein Herz und eine Seele« wird rund um den Altar Christi: überzeugt der Klerus, gemeinsam mit allen Gläubigen zu beten, und die Gläubigen davon durchdrungen, an der geheimnisvollen und überwältigenden Liturgie der Kirche teilzunehmen. Groß ist diese Stunde, in der das Pfingstfest den Mystischen Leib Christi mit dem Heiligen Geist erfüllt und ihm von neuem prophetischen Geist gibt entsprechend der Botschaft des Apostels Petrus in der ersten christlichen Predigt, die die Menschheit hörte: »Dann werden eure Söhne und Töchter weissagen, eure Jünglinge Gesichte schauen und eure Greise Traumgesichte haben. Selbst über meine Knechte und Mägde werde ich ausgießen meinen Geist in jenen Tagen, und sie werden weissagen« (Apg. 2, 17-18); das heißt, sie werden innere geistige Fülle genießen und die Fähigkeit haben, davon wunderbare äußere Zeugenschaft abzulegen.

Die Einladung der Kirche ist dringlich und vertrauensvoll, doch darf man nicht verschweigen, daß sie schlecht aufgenommen und interpretiert werden kann. Die aktive Einbeziehung des Laientums in das Leben der Kirche kann ihre Gefahren haben und Entgleisungen mit sich bringen, worauf Wir deshalb sofort verweisen, damit verhindert werde, daß eine so schöne und segensreiche Sache ausarte und schwierige Verbesserungen nötig mache. Wir weisen zum Beispiel auf die doppelte Gefahr des Temporalismus und des Laizismus hin.

Des Temporalismus, sagten wir; das ist die Gefahr, daß die Laien in der Kirche in wachsendem Maße Aufgaben übernehmen und so den Namen und die Verantwortlichkeit der Kirche in profane Bereiche und Angelegenheiten hineinziehen. Solche Bereiche und Angelegenheiten sind mehr Sache des Laientums, dem es nicht, wie dem Klerus, untersagt ist, sich mit den Dingen dieser Welt um ihrer selbst, also um rein irdischer Ziele willen abzugeben, etwa mit weltlichen und politischen Belangen. Daraus kann die Gefahr entstehen, daß, wie man heute zu sagen pflegt, das Heilige mit dem Profanen vermengt wird. Deshalb wird es ratsam sein, zu unterscheiden zwischen der eigentlichen religiösen, katholischen und kirchlichen und der rein sozialen und politischen Aktion der Katholiken; eine Unterscheidung, die immer betont werden muß, sobald man auf dem Feld der Aktion — in bezug auf die Prinzipien, die stets allen bewußt bleiben und für alle gemeinsam sein müssen — mehr die Mittel als die Zwecke und eher die zeitliche als die moralische und geistige Ordnung im Auge hat.

Vom Laizismus droht — an zweiter Stelle — noch eine andere Gefahr; wir wollen von dieser Tendenz sagen, daß sie sich manchmal bei den Katholiken selbst äußert, die sich gegenüber der kirchlichen Hierarchie mitunter ihre eigenen unabhängigen Rechte anmaßen; sie denken, der Klerus möge sich auf die bloße Ausübung des Kultes beschränken und darauf, die christliche Lehre theoretisch darzulegen, wenn es dem selbstgenügsamen Laizismus gerade gefällt, die Geistlichen dazu einzuladen, ihre heiligen Funktionen zu erfüllen; auf diese Art spricht er dem Geistlichen das Recht ab, dort dauernden Beistand zu leisten, Rat zu erteilen und die moralische Führung innezuhaben, wo es ständig darum geht, die Prinzipien zu behaupten, und wo die praktische Steuerung allen Wirkens und die Lenkung der im christlichen Namen und für die christliche Sache geschaffenen Organisationen auf Schritt und Tritt die moralische Mitverantwortlichkeit und geistige Teilnahme auch des Klerus miteinschließt. Das katholische Laientum muß verstehen, daß seine Würde und Aktionsfähigkeit sich nicht herleiten dürfen von einer fortschreitenden Verselbständigung gegenüber der kirchlichen Autorität, sondern davon, daß die Laien die unaufhebbare Sendung derer, die der Heilige Geist zur Leitung der Kirche Gottes eingesetzt hat, wie Söhne unterstützen und sich in Liebe mit ihr solidarisch erklären (vgl. Apg. 20,28).

Es sind dies ernsthafte Gefahren, die neue Probleme, seien es theoretische oder praktische, ins Leben rufen, an deren Lösung auch die Zeit und die Erfahrung — über die Logik der Prinzipien und das Lehramt der Kirche hinaus — noch arbeiten müssen. Sie sind aber mit der menschlichen Natur und mit eben dem Phänomen, das wir gerade feiern, eng verknüpft; mit der Erneuerung des Pfingstereignisses unter den neuen, aufrüttelnden geschichtlichen und geistigen Bedingungen unserer Gegenwart.

Und es sind keine solchen Gefahren, daß sie den Klerus und die Gläubigen von der großen Aufgabe unserer Tage abbrächten, von jener nämlich, die kämpferische Kirche durch die Mobilisierung der zusammenarbeitenden Kräfte, die aus dem Laientum kommen können, zu beleben.

Und wolle Gott, daß das Pfingstereignis, das in den Reihen des Laientunis großartige aktive und bekennende Kräfte weckt, auch weiterhin der Kirche Scharen von katholischen Laien zuführen möge, die tief vom christlichen Geist durchdrungen sind, die bereit sind zu Verteidigung und Eroberung, sich in den vielfältigen Werken der geistigen und zivilen Erneuerung fügsam und mutig erweisen und immer brüderlich vereint und solidarisch sind.

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Quelle: Papst Paul VI. – Christus und der Mensch von heute – Ansprachen und Aufsätze, ausgewählt und eingeleitet von Don Virgilio Levi – Wilhelm Goldmann Verlag, München.

JOHANNES PAUL II.: DAS REICH GOTTES

12. »Gott, der voll Erbarmen ist, wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennengelernt«.21 Dies schrieb ich zu Beginn der Enzyklika Dives in misericordia, um zu zeigen, wie Christus die Offenbarung und Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters ist. Das Heil besteht darin, an das Geheimnis des Vaters und seiner Liebe zu glauben und es anzunehmen. Diese Liebe zeigt sich und wird Gabe in Jesus durch den Geist. So vollendet sich das Reich Gottes, das schon im Alten Bund vorbereitet, durch Christus und in Christus verwirklicht und von der Kirche allen Nationen verkündet wurde. Diese wirkt und betet darum, daß es sich in vollkommener und endgültiger Weise verwirklichen möge.

Das Alte Testament bezeugt, daß Gott sich ein Volk erwählt und geformt hat, um seinen Plan der Liebe zu offenbaren und zu verwirklichen. Aber zugleich ist Gott Schöpfer und Vater aller Völker, er trägt Sorge für alle, sein Segen gilt allen (vgl. Gen 12, 3), mit allen hat er einen Bund geschlossen (vgl. Gen 9, 1-17). Israel macht die Erfahrung der Existenz eines persönlichen Gottes und Erlösers (vgl. Dtn 4, 37; 7, 6-8; Jes 43, 1-7) und wird so Zeuge und Verkünder inmitten der Völker. Im Laufe seiner Geschichte wird sich Israel bewußt, daß seine Erwählung weltumfassende Bedeutung hat (vgl. z.B. Jes 2, 2-5; 25, 6-8; 60, 1-6; Jer 3, 17; 16, 19).

Christus bewirkt die Anwesenheit des Reiches

13. Jesus von Nazareth bringt den Plan Gottes zur Vollendung. Nachdem er in der Taufe den Heiligen Geist empfangen hat, tut er seine messianische Berufung kund: er durchwandert Galiläa, »er verkündet das Evangelium Gottes und spricht: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe; kehrt um und glaubt an das Evangelium“« (Mk 1, 14-15; vgl.Mt 4, 17; Lk 4, 43). Die Verkündigung und Errichtung des Reiches Gottes sind Gegenstand seiner Sendung: »Dazu bin ich gesandt worden« (Lk 4, 43). Aber da ist noch mehr: Jesus ist selbst die »gute Nachricht«, wie er schon am Anfang der Sendung in der Synagoge seiner Heimat betont, indem er die Worte Jesajas über den Gesalbten, der vom Geist des Herrn gesandt ist, auf sich selbst bezieht (vgl. Lk 4, 14-21). Da Christus also die »gute Nachricht« ist, besteht kein Unterschied zwischen Botschaft und Verkünder, zwischen Wort, Handeln und Sein. Seine Kraft, das Geheimnis der Wirkung seines Handelns liegt in der völligen Identität mit der Botschaft, die er bringt: er sagt die »gute Nachricht« an, nicht nur in dem, was er spricht und tut, sondern in dem, was er ist.

Jesu Tätigkeit wird beschrieben im Zusammenhang mit seinen Wanderungen durch sein Land. Der Horizont seiner Sendung vor Ostern ist mit Israel umschrieben. Mit Jesus ist jedenfalls etwas Neues von entscheidender Bedeutung gegeben. Die eschatologische Realität wird nicht auf ein fernes Ende der Welt verlegt, sie ist schon nahe und beginnt sich zu verwirklichen. Das Reich Gottes ist nahe (vgl. Mk 1, 15), man soll bitten, daß es komme (vgl. Mt 6, 10), der Glaube sieht es bereits am Werk in den Zeichen, wie sie vorhanden sind in den Wundern (vgl. Mt 11, 4-5), in den Dämonenaustreibungen (vgl. Mk 3, 13-19), in der Verkündigung der Frohbotschaft an die Armen (vgl. Lk 4, 18). In der Begegnung Jesu mit den Heiden wird klar, daß der Zugang zum Reich durch den Glauben und durch Bekehrung (vgl. Mk 1, 15) ermöglicht wird, und nicht einfach durch völkische Zugehörigkeit.

Das Reich, das Jesus bringt, ist das Reich Gottes. Jesus selbst macht offenbar, wer dieser Gott ist, dem er zutraulich den Namen »Abba«, Vater, gibt (vgl. Mk 14, 36). Gott, wie er insbesondere in den Gleichnissen erscheint (vgl. Lk 15, 3-32; Mt 20, 1-6), ist den Nöten und Leiden jedes Menschen gegenüber offen: er ist ein liebender Vater, voll Mitleid, er verzeiht und gewährt ungeschuldet die erbetene Gnade.

Der heilige Johannes sagt uns, daß Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16). Jeder Mensch ist demnach eingeladen, »sich zu bekehren« und zu »glauben« an die barmherzige Liebe, die Gott für ihn hat: das Reich wird in dem Maße wachsen, in dem jeder Mensch lernt, sich in inniger Vertrautheit des Gebetes an Gott wie an einen Vater zu wenden (vgl. Lk 11, 2; Mt 23, 9) und indem er sich bemüht, seinen Willen zu erfüllen (vgl. Mt 7, 21).

Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches

14. Jesus offenbart nach und nach die Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches durch sein Wort, durch sein Handeln und überhaupt durch seine Person.

Das Reich Gottes ist für alle Menschen bestimmt, da alle dazu berufen sind, darin eingegliedert zu werden. Um diesen Aspekt hervorzuheben hat Jesus sich insbesondere jenen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft existieren. Er gab ihnen bei seiner Verkündigung der frohen Botschaft den Vorzug. Am Anfang seiner Tätigkeit verkündete er, daß er gesandt sei, den Armen eine gute Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4, 18). Allen, die Opfer von Ablehnung und Verachtung geworden sind, erklärt er: »Selig die Armen« (Lk 6, 20); darüberhinaus ermöglicht er diesen Randexistenzen eine Erfahrung der Befreiung, indem er bei ihnen ist und mit ihnen Mahl hält (vgl. Lk 5, 30; 15, 2), sie als gleichwertig und als Freunde behandelt (vgl. Lk 7, 34), sie merken läßt, daß sie von Gott geliebt sind, und auf diese Weise offenbart er sein grenzenlos zartfühlendes Herz gegenüber den Bedürftigen und Sündern (vgl. Lk 15, 1-32).

Befreiung und Heil im Reich Gottes betreffen die menschliche Person in ihrer physischen wie geistigen Dimension. Zwei Tätigkeiten Jesu sind für seine Sendung bezeichnend: heilen und vergeben. Die zahlreichen Heilungen zeigen sein großes Mitleid angesichts menschlichen Elendes; sie tun aber auch kund, daß es im Reich weder Krankheit noch Leid geben wird und daß seine Sendung von Anfang an darauf abzielt, die Menschen davon zu befreien. In der Sicht Jesu sind die Heilungen auch Zeichen für das geistliche Heil, die Befreiung von der Sünde. Wenn Jesus Krankenheilungen vollbringt, so ruft er zum Glauben, zur Bekehrung, zum Verlangen nach Verzeihung (vgl. Lk 5, 24). Ist der Glaube da, so will die Heilung mehr erreichen: sie führt zur Heilssituation (vgl. Lk 18, 42-43 ). Die Befreiung von Besessenheit und Dämonen, äußerstes Übel und sichtbarer Ausdruck der Sünde und der Auflehnung gegen Gott, ist Zeichen dafür, daß »das Reich Gottes zu euch gekommen ist« (Mt 12, 28).

15. Das Reich ist darauf angelegt, die Beziehungen unter den Menschen zu verändern und verwirklicht sich schrittweise insofern sie lernen einander zu lieben, einander zu vergeben und einander zu dienen. Jesus nimmt das ganze Gesetz auf und gibt ihm im Gebot der Liebe seine Mitte (vgl. Mt 22, 34-40; Lk 10, 25-28). Bevor er von den Seinen scheidet, gibt er ihnen ein »neues Gebot«: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 14; vgl. 15, 12). Die Liebe, mit der Jesus die Welt geliebt hat, findet ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe seines Lebens für die Menschen (vgl. Joh 3, 16). Darum ist die Natur des Reiches die Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott.

Das Reich bezieht alle ein: die einzelnen, die Gesellschaft, die ganze Welt. Für das Reich wirken bedeutet Anerkennung und Förderung der göttlichen Dynamik, die in der Geschichte der Menschheit anwesend ist und sie umformt. Das Reich aufbauen bedeutet arbeiten zur Befreiung vom Übel in allen seinen Formen. Das Reich Gottes ist letztlich die Offenbarung und Verwirklichung seiner Heilsabsicht in ganzer Fülle.

Im Auferstandenen kommt das Reich zur Vollendung und wird durch ihn verkündet

16. Indem Gott Jesus von den Toten erweckte, hat er den Tod besiegt, und in ihm hat er sein Reich in endgültiger Weise eingesetzt. Während seines Erdenlebens ist Jesus Prophet des Reiches und nach seinem Leiden, seiner Auferstehung und Himmelfahrt hat er Anteil an der Macht Gottes und an seiner Herrschaft über die Welt (vgl. Mt 28, 28; Apg 2, 36; Eph 1, 18-21). Die Auferstehung gibt der Botschaft Christi, seinem Handeln und seiner ganzen Sendung universale Bedeutung. Die Jünger erkennen, daß das Reich in der Person Jesu schon anwesend ist und daß es im Menschen und in der Welt mittels einer geheimnisvollen Verbindung mit ihm nach und nach eingerichtet wird.

Nach der Auferstehung predigen die Jünger vom Reich, indem sie verkünden, daß Jesus gestorben und auferstanden ist. Philippus verkündet in Samaria »das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi« (Apg 8, 12). Paulus verkündet in Rom »das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn, vor« (Apg 28, 31). Die ersten Christen verkünden »das Reich Christi und Gottes« (Eph 5, 5; vgl. Off 11, 15; 12, 10) oder einfach »das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus« (2 Petr 1, 11). In der Verkündigung über Jesus Christus, mit dem das Reich identisch ist, findet die Verkündigung der frühen Kirche ihre Mitte. Wie damals, so gilt es auch heute, die Verkündigung über das Reich Gottes (Inhalt des »Kerygmas« Jesu) und die Verkündigung des Ereignisses Jesus Christus (»Kerygma« der Apostel) zu verbinden. Beide ergänzen sich und beleuchten einander.

Das Reich in seiner Beziehung zu Christus und zur Kirche

17. Heute spricht man viel vom Reich, aber nicht immer im Gleichklang mit kirchlichem Denken. Es gibt Auffassungen über Heil und Sendung, die man »anthroprozentrisch« in einem verkürzten Sinn dieses Begriffes nennen könnte, insofern sie auf die irdischen Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet sind. In solcher Sicht wird das Reich eher zu einer rein irdischen und säkularisierten Wirklichkeit, in der Programme und der Kampf für sozio-ökonomische, politische und kulturelle Befreiung den Ausschlag geben, aber der Horizont bleibt der Transzendenz gegenüber verschlossen. Ohne zu leugnen, daß auch auf dieser Ebene Werte zu fördern sind, bleibt diese Auffassung doch innerhalb der Grenzen eines Reiches, in dem der Mensch um seine echten und tiefen Dimensionen gebracht wird und allzu leicht einer der rein irdischen Fortschrittsideologien verhaftet bleibt. Das Reich Gottes aber ist nicht von dieser Welt, es ist nicht von hier (vgl. Joh 18, 36).

Es gibt sodann jene Ansichten, die eindeutig den Akzent auf das Reich legen und sich als »reich-zentriert« bezeichnen. Sie wollen das Bild einer Kirche entwerfen, die nicht an sich selbst denkt, die vielmehr ganz damit befaßt ist, Zeugnis vom Reich zu geben und ihm zu dienen. Sie ist eine »Kirche für die anderen«, so sagt man, wie Christus der »Mensch für die anderen« ist. Man beschreibt die Aufgabe der Kirche so, als sollte sie in zwei Richtungen gehen; einerseits soll sie die sogenannten »Werte des Reiches«, wie Friede, Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit fördern; andererseits soll sie den Dialog unter den Völkern, Kulturen, Religionen begünstigen, damit sie sich gegenseitig bereichern und der Welt helfen, sich zu erneuern und immer mehr den Weg auf das Reich hin zu gehen.

Neben positiven Aspekten bieten diese Auffassungen oft negative Seiten. Insbesondere übergehen sie die Person Christi mit Schweigen: das Reich, von dem sie sprechen, gründet sich auf eine »Theozentrik«, weil – wie sie sagen – Christus von jenen nicht verstanden werden kann, die nicht den christlichen Glauben haben, während verschiedene Völker, Kulturen und Religionen in einer einzigen göttlichen Wirklichkeit, wie immer diese genannt werden mag, sich wiederfinden können. Aus dem gleichen Grund geben sie dem Geheimnis der Schöpfung den Vorzug, das sich in der Verschiedenheit de Kulturen und religiösen Anschauungen widerspiegelt, sagen aber nichts über das Geheimnis der Erlösung. Darüberhinaus erliegt das Reich, wie sie es verstehen, der Gefahr, die Kirche an den Rand zu drängen oder sie unterzubewerten, als Reaktion auf eine vermeintliche »Ekklesiozentrik« in der Vergangenheit, und weil sie die Kirche als bloßes Zeichen betrachten, das im übrigen nicht frei ist von Zweideutigkeiten.

18. Dies ist aber nun nicht das Reich Gottes, wie wir es von der Offenbarung her kennen: es kann weder von Christus noch von der Kirche losgelöst werden.

Wie schon gesagt, hat Christus das Reich nicht nur verkündet, in seiner Person ist es anwesend und kommt in ihr zur Vollendung. Dies nicht nur durch seine Worte und seine Taten: »Vor allem wird dieses Reich offenbar in der Person Christi selbst, des Sohnes Gottes und des Menschensohnes, der gekommen ist, „um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen“ (Mk 10, 45)22 Das Reich Gottes ist nicht eine Anschauung, eine Doktrin, ein Programm, das man frei ausarbeiten kann, es ist vor allemeine Person, die das Antlitz und den Namen Jesu von Nazareth trägt, Abbild des unsichtbaren Gottes.23 Wenn man das Reich von der Person Jesu trennt, hat man nicht mehr das von ihm geoffenbarte Reich Gottes, man verkehrt schließlich entweder den Sinn des Reiches, das ein rein menschliches oder ideologisches Objekt zu werden droht, oder man verfälscht die Identität Christi, der nicht mehr als der Herr, dem alles unterzuordnen ist, erscheint (vgl. 1 Kor 15, 27).

Ebenso kann man das Reich nicht von der Kirche loslösen. Gewiß, sie ist nicht selbst Ziel, da sie auf das Reich Gottes hingeordnet ist, dessen Wirklichkeit sie keimhaft und zeichenhaft darstellt und dessen Werkzeug sie ist. Aber bei aller klaren Unterscheidung zwischen Kirche einerseits und Christus und Reich andererseits, bleibt die Kirche doch untrennbar mit beiden verbunden. Christus hat die Kirche, seinen Leib, mit der Fülle der Heilsgüter und -mittel ausgestattet; der Heilige Geist wohnt in ihr, gibt ihr Leben mit seinen Gaben und Charismen, heiligt, leitet und erneuert sie ständig.24 Daraus resultiert eine besondere und einzigartige Beziehung, die der Kirche eine spezifische und notwendige Rolle zuweist, obschon sie das Werk Christi und des Geistes nicht auf ihre sichtbaren Grenzen einengt. Von hier aus ergibt sich auch das besondere Band zwischen Kirche und Reich Gottes und Christi, »das anzukündigen und in allen Völkern zu begründen sie die Sendung hat«.25

19. In dieser Gesamtschau kann die Wirklichkeit des Reiches verstanden werden. Es macht gewiß die Förderung der menschlichen Güter und Werte erforderlich, die man passend als »evangelisch« bezeichnen kann, weil sie aufs engste mit der frohen Botschaft verbunden sind. Aber diese Förderung, die auch der Kirche am Herzen liegt, soll nicht losgelöst werden von und nicht in Gegensatz gebracht werden zu ihren anderen grundlegenden Aufgaben, wie die Verkündigung Christi und seines Evangeliums, die Gründung und Entwicklung der Gemeinschaft, wodurch ein lebendiges Bild des Reiches unter den Menschen entsteht. Man soll nicht befürchten, auf diese Weise einer gewissen Form der »Ekklesiozentrik« zu verfallen. Paul Vl., der die Existenz »eines in die Tiefe reichenden Bandes zwischen Christus, Kirche und Evangelisierung«26 feststellt, hat ebenso gesagt, daß die Kirche »sich nicht selbst Ziel ist, daß sie sich aber eifrig bemüht, ganz Christus zu gehören, in ihm und für ihn zu sein, und ganz auf der Seite der Menschen zu stehen, unter ihnen und für sie dazusein«.27

Die Kirche im Dienst für das Reich

20. Die Kirche ist tatsächlich und konkret für den Dienst am Reich da. Sie ist es insbesondere mit der Verkündigung, die zur Bekehrung aufruft: dies ist der erste und grundlegende Dienst für das Kommen des Reiches in den einzelnen und in der menschlichen Gesellschaft. Das eschatologische Heil nimmt schon jetzt im neuen Leben in Christus seinen Anfang: »Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben« (Joh 1, 12).

Die Kirche dient dem Reich sodann, indem sie auf der Welt die »evangelischen Werte« der Seligpreisungen bekanntmacht, die authentischer Ausdruck des Reiches sind und die den Menschen helfen, Gott mit seinem Vorhaben einzulassen. Es ist also wahr, daß die Wirklichkeit des Reiches in Ansätzen sich auch jenseits der Grenzen der Kirche in der gesamten Menschheit finden kann, insofern diese die »evangelischen Werte« lebt und sich der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er will (vgl. Joh 3, 9); es ist aber auch zu sagen, daß diese zeitliche Dimension des Reiches unvollständig bleibt, wenn sie nicht zusammen mit dem Reich Christi ausgesagt wird, das in der Kirche anwesend und auf die eschatologische Vollendung ausgerichtet ist.28

Die vielfältigen Aspekte des Reiches Gottes29 schwächen die Grundlagen und Ziele der missionarischen Tätigkeit nicht, sie bestärken und erweitern sie vielmehr. Die Kirche ist Sakrament des Heiles für die ganze Menschheit, und ihre Tätigkeit beschränkt sich nicht auf jene, die die Heilsbotschaft annehmen. Sie ist treibende Kraft auf dem Weg der Menschheit auf das eschatologische Reich hin, ist Zeichen und Förderin der evangelischen Werte unter den Menschen.30 Für das Einschlagen dieses Weges der Hinwendung zum Plan Gottes liefert die Kirche ihren Beitrag durch ihr Zeugnis und ihre Tätigkeit, durch Dialog, durch Förderung im menschlichen Bereich, durch Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für Erziehung und für Pflege der Kranken, durch Sorge für die Armen und Kleinen, wobei sie die transzendentale und geistliche Wirklichkeit im Auge behält, die auf das eschatologische Heil vorbereitet.

Die Kirche dient schließlich dem Reich auch durch ihre Fürbitte, denn dieses ist seiner Natur nach Gabe und Werk Gottes, wie die Gleichnisse im Evangelium und das Gebet, das Jesus uns selbst gelehrt hat, in Erinnerung bringen. Wir müssen es erbitten, aufnehmen und in uns und in der Welt zum Wachsen bringen; wir müssen aber auch daran mitarbeiten, daß es von den Menschen angenommen wird und wächst, bis Christus »das Reich dem Vater übergibt und Gott über alles und in allem herrscht« (1 Kor 15, 24.28).

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Quelle (Kapitel II)

DIE EINE, HEILIGE, KATHOLISCHE UND APOSTOLISCHE KIRCHE

„Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen“ (LG 8). Diese vier Eigenschaften, die sich nicht voneinander trennen lassen [Vgl. DS 2888], bezeichnen Wesenszüge der Kirche und ihrer Sendung. Die Kirche besitzt sie nicht von sich aus. Christus macht durch den Heiligen Geist seine Kirche zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen. Er beruft sie dazu, jede dieser Eigenschaften zu verwirklichen.

Einzig der Glaube vermag zu erkennen, daß die Kirche diese Eigenschaften von ihrem göttlichen Ursprung her besitzt. Deren geschichtliche Auswirkungen sind jedoch Zeichen, die auch klar die menschliche Vernunft ansprechen. Wie das Erste Vatikanische Konzil sagt, ist die Kirche „wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, außerordentlichen Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten, wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegten Beständigkeit ein mächtiger und fortdauernder Beweggrund der Glaubwürdigkeit und ein unwiderlegbares Zeugnis ihrer göttlichen Sendung“ (DS 3013).

I. Die Kirche ist eine

„Das heilige Geheimnis der Einheit der Kirche“ (UR 2)

Die Kirche ist eine von ihrem Ursprung her. „Höchstes Vorbild und Urbild dieses Geheimnisses ist die Einheit des einzigen Gottes, des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist in der Dreiheit der Personen“ (UR 2). Die Kirche ist eine von ihrem Gründer her. Dieser, „der menschgewordene Sohn hat durch sein Kreuz alle Menschen mit Gott versöhnt und die Einheit aller in einem Volk und in einem Leib wiederhergestellt“ (GS 78,3). Die Kirche ist eine von ihrer Seele her. „Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche erfüllt und leitet, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, daß er das Prinzip der Einheit der Kirche ist“ (UR 2). Die Einheit gehört somit zum Wesen der Kirche:

„O welch geheimnisvolles Wunder! Einer ist der Vater aller Dinge, einer auch der Logos aller Dinge, und der Heilige Geist ein und derselbe überall, und es gibt auch nur eine einzige jungfräuliche Mutter; ich liebe es, sie Kirche zu nennen“ (Clemens v. Alexandrien, pæd. 1,6,42).

Von Anfang an weist indes diese eine Kirche eine große Vielfalt auf. Diese rührt einerseits von der Unterschiedlichkeit der Gaben Gottes her, andererseits von der Vielzahl der sie empfangenden Menschen. In der Einheit des Gottesvolkes kommen die Verschiedenheiten der Völker und Kulturen. zusammen. Unter den Gliedern der Kirche besteht eine Vielfalt von Gaben, Aufgaben, Lebensbedingungen und Lebensweisen; „in der kirchlichen Gemeinschaft gibt es zu Recht Teilkirchen, die über eigene Überlieferungen verfügen“ (LG 13). Der große Reichtum an Verschiedenheiten steht der Einheit der Kirche nicht entgegen, sondern die Sünde und ihre Folgen belasten und bedrohen diese Gabe der Einheit unablässig. Darum muß der hI. Paulus dazu ermahnen, „die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3).

Welches sind die Bande der Einheit? Vor allem ist es die Liebe, „das Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,14). Die Einheit der pilgernden Kirche wird aber auch durch folgende sichtbare Bande der Gemeinschaft gesichert:

  • das Bekenntnis ein und desselben, von den Aposteln überlieferten Glaubens;
  • die gemeinsame Feier des Gottesdienstes, vor allem der Sakramente;
  • die apostolische Sukzession, die durch das Weihesakrament die brüderliche Eintracht der Familie Gottes aufrechterhält [Vgl. UR 2; LG 14;  [link] CIC, can. 205].

„Die einzige Kirche Christi … zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen, ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in [subsistit in] der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“ (LG 8).

Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus erklärt:

„Nur durch die katholische Kirche Christi, die allgemeine Hilfe zum Heil ist, kann man die ganze Fülle der Heilsmittel erlangen. Denn einzig dem Apostelkollegium, dem Petrus vorsteht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu bilden, dem alle völlig einverleibt werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören“ (UR 3).

Verletzungen der Einheit

„In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen aufgekommen, die der Apostel als schwer verwerflich tadelt; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Uneinigkeiten entstanden, und es trennten sich nicht unbedeutende Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, bisweilen nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“ (UR 3). Zu den Spaltungen, welche die Einheit des Leibes Christi verwunden (man unterscheidet dabei die Häresie, die Apostasie und das Schisma) [Vgl.  [link] CIC, can. 751], kommt es nicht ohne die Sünden der Menschen:

„Wo Sünden sind, da ist Vielheit, da sind Spaltungen, da Sekten, da Streitgespräche. Wo aber Tugend ist, da ist Einmütigkeit, da Einheit, weshalb alle Gläubigen eines Herzens und einer Seele waren“ (Origenes, horn. in Ezech. 9,1).

„Denen aber, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und mit dem Glauben an Christus erfüllt werden, können keine Vorwürfe wegen der Sünde der Trennung gemacht werden und die katholische Kirche begegnet ihnen in brüderlicher Achtung und Liebe … sie werden aufgrund des Glaubens in der Taufe gerechtfertigt, Christus einverleibt, und darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Kindern der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt“ (UR 3).

Zudem sind außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden“ (LG 8):

„das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente“ (UR 3) [Vgl. LG 15]. Der Geist Christi bedient sich dieser Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften als Mittel zum Heil. Ihre Kraft kommt aus der Gnaden- und Wahrheitsfülle, die Christus der katholischen Kirche anvertraut hat. Alle diese Güter stammen von Christus, führen zu ihm [Vgl. UR 3] und drängen von selbst „auf die katholische Einheit hin“ (LG 8).

Auf die Einheit hin

Die Einheit „hat Christus seiner Kirche von Anfang an geschenkt, eine Einheit, die nach unserem Glauben unverlierbar in der katholischen Kirche besteht, und die, wie wir hoffen, immer mehr wachsen wird bis zur Vollendung der Zeiten“ (UR 4). Christus gibt seiner Kirche stets die Gabe der Einheit, aber die Kirche muß ständig beten und arbeiten, um die Einheit, die Christus für sie will, zu erhalten, zu stärken und zu vervollkommnen. Deshalb bittet Jesus selbst zur Stunde seines Leidens und fortwährend den Vater um die Einheit seiner Jünger: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Das Verlangen, zur Einheit aller Christen zurückzufinden, ist eine Gabe Christi und ein Ruf des Heiligen Geistes [Vgl. UR 1].

Um diesem Ruf richtig zu entsprechen, bedarf es:

  • einer dauernden Erneuerung der Kirche in einer größeren Treue zu ihrer Berufung. Diese Erneuerung ist die Triebkraft der Bewegung hin zur Einheit [VgL UR 6];
  • der Bekehrung des Herzens, um nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium zu streben [Vgl. UR 7], denn die Untreue der Glieder gegenüber der Gabe Christi verursacht die Trennungen;
  • des gemeinsamen Gebetes, denn „die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden“ (UR 8);
  • der gegenseitigen brüderlichen Kenntnis [Vgl. UR 9];
  • der ökumenischen Bildung der Gläubigen und vor allem der Priester [Vgl. UR 10];
  • des Gesprächs zwischen den Theologen und der Begegnungen zwischen den Christen der verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften [Vgl. UR 4; 9; 11];
  • der Zusammenarbeit der Christen in den verschiedenen Bereichen des Dienstes am Menschen [Vgl. UR 12].

„Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten“ (UR 5). Man muß sich aber auch bewußt sein, „daß dieses heilige Anliegen der Wiederversöhnung aller Christen in der Einheit der einen und einzigen Kirche Christi die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten übersteigt“. Darum setzen wir unsere Hoffnung „gänzlich auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes“ (UR 24).

II Die Kirche ist heilig

„Es ist Gegenstand des Glaubens, daß die Kirche … unzerstörbar heilig ist. Denn Christus, der Sohn Gottes, der mit dem Vater und dem Geist als ‚allein Heiliger‘ gepriesen wird, hat die Kirche als seine Braut geliebt, indem er sich selbst für sie hingab, um sie zu heiligen, und er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden sowie mit der Gabe des Heiligen Geistes erfüllt zur Ehre Gottes“ (LG 39). Die Kirche ist somit „das heilige Volk Gottes“ (LG 12), und ihre Glieder werden „heilig“ genannt [Vgl. Apg 9,13;1Kor 6.1: 16,1].

Die Kirche wird durch Christus geheiligt, weil sie mit ihm vereint ist; durch ihn und in ihm wirkt sie auch heiligend. Die „Heiligung der Menschen in Christus und die Verherrlichung Gottes“ sind es, „auf die alle anderen Werke der Kirche als auf ihr Ziel hinstreben“ (SC 10). In der Kirche ist „die ganze Fülle der Heilsmittel“ (UR 3) vorhanden. In ihr „erlangen wir mit der Gnade Gottes die Heiligkeit“ (LG 48).

„Die Kirche ist schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommene Heiligkeit ausgezeichnet“ (LG 48). Sie muß in ihren Gliedern die vollkommene Heiligkeit erst noch erreichen. „Mit so vielen und so großen Mitteln zum Heile ausgerüstet, sind alle Christgläubigen jedweden Berufs und Standes auf ihrem jeweiligen Weg vom Herrn zu der Vollkommenheit der Heiligkeit berufen, in der Vater selbst vollkommen ist“ (LG 11).

Die Liebe ist die Seele der Heiligkeit, zu der alle berufen sind: „Sie leitet und beseelt alle Mittel der Heiligung und führt sie zum Ziel“ (LG 42).

„Ich begriff, daß, wenn die Kirche ein aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzter Leib ist, das edelste Organ ihr nicht fehlen dürfe; ich begriff, daß sie ein Herz haben muß, das von Liebe glüht. Ich begriff, daß die Liebe allein die anderen Glieder in Tätigkeit zu versetzen vermag, und daß, wenn sie je erlöschte, die Apostel aufhören würden, das Evangelium zu verkünden, und die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen … Ich begriff, daß die Liebe alle Berufungen umfaßt, daß sie alles in allem ist, daß sie alle Zeiten und Orte einschließt …‚ mit einem Wort, daß sie ewig ist“ (Theresia vom Kinde Jesu, ms. autob. B 3v).

„Während Christus, ‚heilig, schuldlos, unbefleckt‘, die Sünde nicht kannte, sondern allein die Vergehen des Volkes zu sühnen kam, umfaßt die Kirche in ihrem eigenen Schoß Sünder, ist zugleich heilig und stets reinigungsbedürftig, sie geht so immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“ (LG 8)1. Alle Glieder der Kirche, auch ihre Amtsträger, müssen bekennen, daß sie Sünder sind [Vgl. 1 Joh 1.8-10]. In allen wächst zwischen der guten Saat des Evangeliums bis zum Ende der Zeiten auch das Unkraut der Sünde [Vgl. Mt 13, 24-30]. Die Kirche vereint sündige Menschen, die zwar vom Heil Christi erfaßt, aber noch immer erst auf dem Weg zur Heiligkeit sind:

„Die Kirche ist heilig, auch wenn sich in ihrer Mitte Sünder befinden; denn sie lebt kein anderes Leben als das der Gnade. Wo die Glieder der Kirche an diesem Leben teilhaben, werden sie geheiligt, wo sie aber dieses Leben preis-geben, verfallen sie der Sünde und Unordnung. Das aber behindert dann die Strahlkraft der Heiligkeit der Kirche. Darunter leidet sie und tut Buße für diese Sünden. Sie hat dabei aus dem Blute Christi und aus der Gabe des Heiligen Geistes die Gewalt, ihre Söhne und Töchter von der Sündenschuld wieder zu befreien“ (SPF 19).

Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heißt feierlich erklärt, daß diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt [Vgl. LG 40; 48-51,]. „In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige“ (CL 16,3), „Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit“ (CL 17,3).

„Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau Maria schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist, bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde völlig zu besiegen und so in der Heiligkeit zu wachsen; und daher erheben sie ihre Augen zu Maria“ (LG 65): in ihr ist die Kirche schon die ganz heilige.

III Die Kirche ist katholisch

Was heißt „katholisch“?

Das Wort „katholisch“ bedeutet „allumfassend“ im Sinn von „ganz“ oder „vollständig“. Die Kirche ist katholisch in einem doppelten Sinn:

Sie ist katholisch, weil in ihr Christus zugegen ist. „Wo Christus Jesus ist, ist die katholische Kirche“ (Ignatius v. Antiochien, Smyrn. 8,2). In ihr ist der mit seinem Haupt vereinte Leib Christi in Fülle verwirklicht [Vgl. Eph 1,22-23]. Sie erhält somit von ihm „die Fülle der Mittel zum Heil“ (AG 6), die er gewollt hat: das richtige und ganze Glaubensbekenntnis, das vollständige sakramentale Leben und das geweihte Dienstamt in der apostolischen Sukzession. In diesem grundlegenden Sinn war die Kirche schon am Pfingsttag katholisch [Vgl. AG 4] und sie wird es bis zum Tag der Wiederkunft Christi bleiben.

Sie ist katholisch, weil sie von Christus zum ganzen Menschengeschlecht gesandt worden ist [Vgl. Mt 28,19]:

„Zum neuen Volk Gottes werden alle Menschen gerufen. Deswegen muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich die Absicht des Willens Gottes erfüllen, der die Menschennatur am Anfang als eine gegründet und beschlossen hat, seine Kinder, die zerstreut waren, schließlich zur Einheit zu versammeln … Diese Eigenschaft der Universalität, die das Volk Gottes auszeichnet, ist eine Gabe des Herrn selbst, mit deren Hilfe die katholische Kirche tatkräftig und stetig danach strebt, die ganze Menschheit mit all ihren Gütern unter dem Haupt Christus zusammenzufassen in der Einheit seines Geistes“ (LG 13).

Jede Teilkirche ist „katholisch“

„Die Kirche Christi ist wahrhaft in allen rechtmäßigen örtlichen Gemeinden der Gläubigen anwesend, die in der Verbindung mit ihren Hirten auch selbst im Neuen Testament Kirchen genannt werden … In ihnen werden durch die Verkündigung der Frohbotschaft Christi die Gläubigen versammelt, in ihnen wird das Mysterium des Herrenmahls begangen … In diesen Gemeinschaften ist, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Zerstreuung leben, Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche versammelt wird“ (LG 26).

Unter „Teilkirche“ – Bistum (oder Eparchie) – versteht man eine Gemeinschaft von Christen, die mit ihrem in der apostolischen Sukzession stehenden Bischof im Glauben und in den Sakramenten vereint ist [Vgl. CD 11;  [link] CIC, cann. 368-369]. Diese Teilkirchen sind „nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet. In ihnen und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche“ (LG 23).

Die Teilkirchen sind im Vollsinn katholisch durch die Gemeinschaft mit einer von ihnen: mit der Kirche von Rom, „die den Vorsitz in der Liebe führt“ (Ignatius v. Antiochien, Rom. 1,1). „Mit dieser Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges notwendig jede Kirche übereinstimmen, das heißt die Gläubigen von überall“ (Irenäus, kur. 3,3,2; übernommen vom 1. Vatikanischen K.: DS 3057). „Seitdem das inkarnierte Wort zu uns herabgekommen ist, hielten und halten alle christlichen Kirchen von überall die große Kirche, die hier [in Rom] ist, für ihre einzige Basis und Grundlage, weil gemäß den Verheißungen des Herrn die Mächte der Unterwelt sie nie überwältigt haben“ (Maximus der Bekenner, opusc.).

„Hüten wir uns davor, die Gesamtkirche aufzufassen als die Summe oder gleichsam einen mehr oder weniger lockeren Zusammenschluß von wesentlich verschiedenen Teilkirchen. Im Denken des Herrn ist es die nach Berufung und Sendung universale Kirche, die in verschiedenen Kulturräumen, sozialen und menschlichen Ordnungen Wurzeln schlägt und dabei in jedem Teil der Welt verschiedene Erscheinungsweisen und äußere Ausdrucksformen annimmt“ (EN 62). Die reiche Vielfalt von Kirchenordnungen, liturgischen Riten, theologischen und geistlichen Erbgütern, die den Ortskirchen zu eigen sind, „zeigt die Katholizität der ungeteilten Kirche in besonders hellem Licht“ (LG 23).

Wer gehört der katholischen Kirche an?

„Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes … sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind“ (LG 13).

„Jene werden der Gemeinschaft der Kirche voll eingegliedert, die, im Besitze des Geistes Christi, ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Mittel zum Heil annehmen und sich in ihrem sichtbaren Gefüge mit Christus, der sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbinden, nämlich durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft. Nicht gerettet wird jedoch, auch wenn er der Kirche eingegliedert wird, wer, in der Liebe nicht verharrend, im Schoße der Kirche zwar ‚dem Leibe‘, aber nicht ‚dem Herzen‘ nach verbleibt“ (LG 14).

„Mit jenen, die als Getaufte mit dem christlichen Namen geziert sind, den vollständigen Glauben aber nicht bekennen oder die Einheit der Gemeinschaft unter dem Nachfolger des Petrus nicht wahren, weiß sich die Kirche aus mehreren Gründen verbunden“ (LG 15). „Wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ (UR 3). Die Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen ist so tief, „daß ihr nur wenig fehlt, um zu der Fülle zu gelangen, die zu einer gemeinsamen Feier der Eucharistie des Herrn berechtigt“ (Paul VI., Ansprache vom 14. Dezember 1975) [Vgl. UR 13-18].

IV Die Kirche ist apostolisch

Die Kirche ist apostolisch, weil sie auf die Apostel gegründet ist und zwar in einem dreifachen Sinn:

  • sie ist und bleibt „auf das Fundament der Apostel“ gebaut (Eph 2, 20) [Vgl. Offb 21,14], auf die von Christus selbst erwählten und ausgesandten Zeugen [Vgl. z.B. Mt 28,16-20; Apg 1,8; 1 Kor 9.1; 15,7-8; Gal 1,1];
  • sie bewahrt mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes die Lehre [Vgl. Apg 2,42], das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze der Apostel und gibt sie weiter [Vgl. 2Tim 1.13-14,];
  • sie wird bis zur Wiederkunft Christi weiterhin von den Aposteln belehrt, geheiligt und geleitet – und zwar durch jene, die ihnen in ihrem Hirtenamt nachfolgen: das Bischofskollegium, „dem die Priester zur Seite stehen, in Einheit mit dem Nachfolger des Petrus, dem obersten Hirten der Kirche“ (AG 5).

„Du bist der ewige Hirt, der seine Herde nicht verläßt; du hütest sie allezeit durch deine heiligen Apostel. Du hast sie der Kirche als Hirten gegeben, damit sie ihr vorstehen als Stellvertreter deines Sohnes“ (MR, Präfation von den Aposteln).

Die Sendung der Apostel

Jesus ist der vom Vater Gesandte. Gleich zu Beginn seines Wirkens „rief er die zu sich, die er erwählt hatte …‚ und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten“ (Mk 3,13-14). Folglich sind sie seine „Gesandten“ [griechisch „apostoloi“]. In ihnen setzt er seine eigene Sendung fort: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21)1. Der Dienst der Apostel führt die Sendung Christi weiter: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf“, sagt er zu den Zwölfen (Mt 10, 40) [Vgl. Lk 10,16].

Jesus bezieht die Apostel in die vom Vater erhaltene Sendung ein. Wie der Sohn „nichts von sich aus tun“ kann (Joh 5,19.30), sondern alles vom Vater erhält, der ihn gesandt hat, so können die von Jesus Gesandten nichts tun ohne ihn [Vgl. Joh 15,5], von dem sie den Missionsauftrag erhalten und die Kraft, ihn zu erfüllen. Die Apostel Christi wissen somit, daß sie von Gott bevollmächtigt sind als „Diener des neuen Bundes“ (2 Kor 3,6), „Gottes Diener“ (2 Kor 6,4), „Gesandte an Christi Statt“ (2 Kor 5,20), „Diener Christi … und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1).

Im Auftrag der Apostel liegt eine unübertragbare Aufgabe: erwählte Zeugen der Auferstehung des Herrn und Fundamente der Kirche zu sein. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine übertragbare Aufgabe. Christus hat ihnen versprochen, bis zum Ende der Zeiten bei ihnen zu bleiben [Vgl. Mt 28,20.]. Deshalb wird „jene göttliche Sendung, die von Christus den Aposteln anvertraut worden ist, … bis zum Ende der Welt dauern, da das Evangelium, das von ihnen zu überliefern ist, für alle Zeit für die Kirche Grundlage ihres ganzen Lebens ist. Deshalb haben die Apostel … für die Einsetzung von Nachfolgern Sorge getragen“ (LG 20).

Die Bischöfe sind Nachfolger der Apostel

Die Apostel „übertrugen, damit die ihnen anvertraute Sendung nach ihrem Tod fortgesetzt werde, ihren unmittelbaren Mitarbeitern gleichsam nach Art eines Testamentes die Aufgabe, das von ihnen begonnene Werk zu vollenden und zu festigen, wobei sie ihnen ans Herz legten, auf die gesamte Herde achtzuhaben, in die sie der Heilige Geist hineinstellte, die Kirche Gottes zu weiden. Daher setzten sie derartige Männer ein und gaben dann die Anordnung, daß nach ihrem Hingang andere bewährte Männer ihren Dienst aufnähmen“ (LG 20) [Vgl. Klemens v. Rom, Kor. 42; 44].

„Wie aber das Amt fortdauert, das vom Herrn in einzigartiger Weise Petrus, dem ersten der Apostel, gewährt wurde und seinen Nachfolgern übertragen werden sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort, das von der geheiligten Ordnung der Bischöfe immerwährend ausgeübt werden muß.“ Darum lehrt die Kirche, „daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel nachgerückt sind, gleichsam als Hirten der Kirche; wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und den, der Christus gesandt hat“ (LG 20).

Das Apostolat

Die ganze Kirche ist apostolisch in dem Sinn, daß sie durch die Nachfolger des hl. Petrus und der Apostel in Lebens- und Glaubensgemeinschaft mit ihrem Ursprung bleibt. Die ganze Kirche ist apostolisch auch in dem Sinn, daß sie in die ganze Welt „gesandt“ ist. Alle Glieder der Kirche haben, wenn auch auf verschiedene Weisen, an dieser Sendung teil. „Die christliche Berufung ist ihrer Natur nach auch Berufung zum Apostolat.“ Als „Apostolat“ bezeichnet man „jede Tätigkeit des mystischen Leibes“, die darauf gerichtet ist, „die gesamte Welt … auf Christus hinzuordnen“ (AA 2).

„Da Christus, vom Vater gesandt, Quell und Ursprung des gesamten Apostolates der Kirche ist, kann es nicht anders sein, als daß die Fruchtbarkeit des Apostolates“ – der geweihten Amtsträger wie der Laien – „von ihrer lebendigen Vereinigung mit Christus abhängt“ (AA 4) [Vgl. Joh 15,5.]. Je nach den Berufungen, den Erfordernissen der Zeit und den vielfältigen Gaben des Heiligen Geistes nimmt das Apostolat die verschiedensten Formen an. Stets aber ist die Liebe, die vor allem aus der Eucharistie geschöpft wird, „sozusagen die Seele des gesamten Apostolates“ (AA 3).

Die Kirche ist die eine, heilige, katholische und apostolische in ihrer tiefen, letzten Identität, denn in ihr existiert schon „das Himmelreich“, „das Reich Gottes“[Vgl. Offb 19,6]; in ihr wird es am Ende der Zeiten vollendet sein. In der Person Christi ist es gekommen und im Herzen derer, die ihm eingegliedert sind, wächst es geheimnisvoll bis zu seiner endzeitlichen Vollendung. Dann werden alle Menschen, die von ihm erlöst und in ihm heilig und untadelig vor Gott [Vgl. Eph 1,4] geworden sind, versammelt werden als das einzige Volk Gottes, als „die Frau des Lammes“ (Offb 21,9), „die Heilige Stadt Jerusalem, [diel von Gott her aus dem Himmel herabkommt, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes“ (Offb 21,10-11). „Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (Offb 21,14).

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Papst Franziskus – Frühmesse: „Beten wir für die verfolgten Christen in Nahost“

Messe mit Melkiten (Vatican Media)

Statt seiner üblichen Predigt hat der Papst an diesem Dienstag bei der Messe in der Casa Santa Marta über das gemeinsame Gottesdienstfeiern von Christen gesprochen. An der Messe nahmen melkitisch-katholische Bischöfe unter der Leitung des Patriarchen von Antiochien, Youssef Absi, teil.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Jeden Tag dürfen Priester und Bischöfe an der Frühmesse in der Casa Santa Marta teilnehmen – meistens gehören sie allerdings zum römischen Ritus. An diesem Dienstag sah es in der Kapelle hingegen sehr „ostkirchlich“ aus: Die Bischöfe der melkitischen Kirche sind diese Woche anlässlich ihres Ad Limina Besuchs in Rom und hatten bereits am Montag mit dem Papst gesprochen. Nun feierten sie gemeinsam mit ihm den Gottesdienst, und darauf ging Franziskus in seiner kurzen Meditation ein:

„Diese Messe mit unserem Mitbruder, dem Patriarchen Youssef, beinhaltet eine apostolische Verbindung. Er ist nämlich Vater einer Kirche, die sehr alt ist, und kommt hierher, um Petrus zu umarmen, um also zu sagen: Ich stehe in Einheit mit Petrus. Das ist der Sinn der heutigen Feier in dieser Kapelle. Es ist die Umarmung des Vaters einer Kirche mit Petrus.“

Amtssitz des melkitisch griechisch-katholischen Patriarchen ist Damaskus, die Hauptstadt des von Bürgerkrieg und Wirren geprägten Syrien.

„Die melkitische Kirche ist eine reiche Kirche, mit einer eigenen Theologie, die zur katholischen Theologie gehört, mit einer eigenen wunderschönen Liturgie und einem Volk, das in diesem Augenblick gekreuzigt wird, so wie Jesus. Wir wollen diesen Gottesdienst dem leidenden Volk widmen: den Christen, die im Nahen Osten verfolgt werden, wo sie ihr Leben, ihre Güter und Habseligkeiten zurücklassen müssen und weggeschickt werden. Widmen wir diese Messe auch dem Dienst unseres Mitbruders Youssefs.“

Die katholischen Melkiten feiern ihre byzantinische Liturgie nach dem gregorianischen Kalender, und zwar in arabischer Sprache. Gemäß Kirchenstatistik leben rund 1,3 Millionen Melkiten in 26 Diözesen, und zwar in Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Jordanien, den USA, Europa und Australien.

Nach der Ansprache des Papstes bedankte sich Patriarch Youssef für die Gastfreundschaft. Er sei Franziskus besonders dankbar für die Solidarität gegenüber den verfolgten Gläubigen.

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Griechisch-melkitischer Patriarch Youssef Absi

Papst Franziskus wünscht sich, dass die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe ihre Gläubigen zum Verbleib in ihrer Heimat in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens ermutigen können.

Das sagte der Papst melkitischen Würdenträgern, die er am Montag in Audienz empfing. Franziskus mahnte sie zugleich zur Einheit untereinander und zur Absage an einen luxuriösen Lebensstil.

Die Kirche sei in Syrien und dem Nahen Osten tief verwurzelt und leiste „einen wertvollen Dienst für das Wohl des Volkes Gottes“, sagte der Papst. Indessen hätten sich viele griechisch-melkitische Gläubige auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat entfernt; auch ihrer, sagte der Papst, gedenke er im Gebet und mit Zuneigung.

Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage ihrer Kirche mahnte Franziskus die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe, die vor kurzem im Libanon ihre Synode abgehalten hatten, zur Einheit und zur Nähe mit den gläubigen. Die Kirche brauche „Hirten, die die Herzen der Gläubigen beleben, sie trösten, sich zu ihnen und ihren Anliegen herabbeugen; hirten, die sie zugleich nach oben begleiten; arme Hirten, die sich nicht an Geld und Luxus hängen inmitten eines leidenden Volkes.“

Der mit Rom verbundenen melkitischen Kirche gehören laut der Stiftung „Pro Oriente“ rund 1,6 Millionen Christen an; etwa die Hälfte lebt in Auslandsgemeinden in Brasilien, Argentinien und Australien. Zum Patriarchen auf Lebenszeit wählte die Synode im Juni 2017 den Syrer Joseph Absi.

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