Zehntausende auf der Flucht aus Maduros Venezuela

Flüchtige Venzolaner werden im kolumbianischen Cúcuta versorgt

Die verheerende Lage in Venezuela sorgt für einen immensen Flüchtlingsstrom nach Kolumbien. „Eine Diaspora ohnegleichen“ nennen das die Migrationsverantwortlichen des lateinamerikanischen Bischofsrates Celam. Genaue Zahlen hat niemand in der Hand; klar ist aber, dass die Zustände in Maduros Venezuela, das gerade in die Diktatur abgleitet, nicht dazu angetan sind, den Exodus zu stoppen.

Sie fliehen vor dem Hunger, vor den Unruhen, vor der Gewalt – das sagt Pater Francesco Bortignon über die Migranten aus Venezuela im Interview mit Radio Vatikan. Der Italiener lebt seit 21 Jahren in Kolumbien, nahe an der Grenze im Nordwesten des Landes. Dort ist er als Pfarrer von Cúcuta und Leiter des lokalen Flüchtlingszentrums Casa de Paso tätig. „Die Lage an der Grenze ist wirklich schwierig und kompliziert; heute ist die Lage so, morgen wieder anders. Vor allem seit der Wahl des Verfassungskonvents in Venezuela hat sich die Lage verschärft.“

Wobei an dieser Grenze immer schon ein ziemliches Hin und Her geherrscht hat, sagt Pater Bortignon. „Die Lage ist vor zwei Jahren eskaliert, da wurden zwischen vier und fünf Millionen Kolumbianer, die in Venezuela lebten und arbeiteten, richtiggehend deportiert. Venezuela hat auch Leute verjagt, die schon seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren im Land lebten. Man hat ihnen die Papiere weggenommen und sie deportiert.“

Ironie des Schicksals: Jetzt, zwei Jahre nach dem Rauswurf der Kolumbianer, kommen viele Venezolaner selbst schutzsuchend nach Kolumbien. „Sie flüchten auch vor der extremen Gewalt durch bewaffnete Gruppen; das sind in der Regel Paramilitärs, die vom venezolanischen Staat unterstützt werden. In unserem Zentrum für Migranten sind im Lauf des letzten Jahres etwa 2.500 Menschen angekommen, aber für dieses Jahr, also für die letzten sechs Monate, hat niemand exakte Zahlen. Vor kurzem hat man hier in der Nähe die San-Antonio-Brücke wieder geöffnet: Da zogen dann täglich zwischen 25- und 30.000 Menschen drüber!“

Nicht alle Flüchtenden wollen in Kolumbien bleiben. „Es sieht jetzt so aus, als blieben höchstens fünf Prozent der Venezolaner hier in der Grenzregion. Die anderen wollen weiter ins Landesinnere oder in andere Länder wie Ecuador, Chile und Peru.“

Bortignon hört sich immer neue Geschichten an, die die Flüchtlinge aus Venezuela mitbringen. Geschichten von Hunger und von Unsicherheit. „Zum Beispiel dieser junge Mann, 24 oder 25 Jahre alt. Der erzählte mir, dass er zur Armee gehörte; er war in der Anti-Drogen-Abteilung, es war seine erste Erfahrung. Sein Team hatte einen großen Drogenhändler ausfindig gemacht; sie hatten ihn schon in ihre Gewalt gebracht, da kam auf einmal Befehl von oben, ihn wieder freizulassen. Ein paar Tage später habe man ihm dann angeboten, bei einer Flugreise als Aufpasser mitzufliegen. Er sagte Nein, weil er verstanden hatte, dass da Drogen transportiert wurden. In derselben Nacht rief ihn ein Freund an und sagte ihm: Hau ab, nimm die Beine in die Hand, du stehst schon auf der schwarzen Liste, die sind hinter dir her.“

Vor kurzem haben kirchliche Helfer einer Frau mit sechs Kindern zu einer Unterkunft verholfen, erzählt Pater Bortignon. „Kurz darauf musste die älteste Tochter zu einer Beerdigung eines Verwandten nach Venezuela – von da kam sie mit fünf Kindern einer anderen Schwester zurück. Und eine Woche später kam dann eine weitere Schwester, ebenfalls mit fünf Kindern.“ Familien-Nachzug auf Lateinamerikanisch.

„Wir helfen den Migranten auf zweierlei Weise. Im Migrantenzentrum bieten wir ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten; ein paar unserer Leute sorgen für psychologische und legale Hilfe. Dann gibt es eine andere Art von Hilfe, die unsere Pfarrei leistet, die schon seit dreißig Jahren ein Programm für Menschen in Schwierigkeiten hat. Wir haben zum Beispiel ein Schulprogramm, das sich um etwa 4.500 Kinder kümmert, und ein Büro, das dafür sorgt, dass jemand Zugang zu Gesundheitsleistungen und zum Schulwesen bekommt.“

(rv 07.08.2017 sk)

Venezuela: Volk spricht sich gegen Verfassungsänderung aus

Der Präsident der Nationalversammlung, Julio Borges, und seine Anhänger am Tag des Referendums

Eine überwältigende Mehrheit der Venezolaner hat an diesem Sonntag in einer inoffiziellen Abstimmung gegen Präsident Maduros Pläne gestimmt, die Verfassung zu ändern. Mehr als sieben Millionen Menschen, etwa 98 Prozent aller Teilnehmer an dem Referendum, hatten sich gegen die Verfassungsänderung ausgesprochen, rund 19 Millionen Menschen waren wahlberechtigt.

„Einen besonderen Gruß richte ich an die katholische venezolanische Gemeinschaft in Italien, mit erneuertem Gebet für euer geliebtes Land.“ Diese Worte richtete Papst Franziskus beim Angelusgebet an diesem Sonntag an die zum Urnengang gerufenen Venezolaner: sie sollten darüber abstimmen, ob sie die geplante Verfassungsänderung des Präsidenten Nicolas Maduro unterstützen. Auch die katholische Kirche hatte sich für die Abstimmung ausgesprochen, die durch die Regierung nicht anerkannt wurde, und Räumlichkeiten für die Abstimmung zur Verfügung gestellt. Neben vielen anderen Kirchenvertretern hatte auch der prominente Erzbischof von Caracas, Kardinal Urosa Savino, bereits am Morgen seine Stimme abgegeben. Im Vorfeld der Volksbefragung hatten die Bischöfe ihrer Sorge darüber Ausdruck verliehen, dass Maduro mit der geplanten Verfassungsänderung eine „marxistische Militärdiktatur“ einrichten wolle; sie sprachen von einem „Krieg gegen das Volk“.

Drei Fragen waren es, die die Bürger nach dem Willen der Opposition beantworten sollten: Ob der Wähler die von Maduro einberufene verfassungsgebende Versammlung ablehne, ob er wolle, dass die Armee Venezuelas die derzeitige Verfassung verteidige und ob er für Neuwahlen sei, bevor das Mandat des amtierenden Präsidenten Maduro im kommenden Jahr auslaufe.

Die Wähler hätten teils lange Wartezeiten auf sich genommen, um ihre Stimme bei der von der Opposition organisierten Volksbefragung abzugeben, berichten Nachrichtenagenturen an diesem Montag. Überschattet wurde die Abstimmung von Angriffen auf Wähler durch regierungsnahe Milizen, eine Frau starb, mehrere Menschen wurden verletzt.

Die Opposition, die im Parlament die Mehrheit hat, jedoch faktisch an der Ausübung ihrer Aufgaben gehindert ist, begrüßte den Ausgang der Abstimmung als Wendepunkt im Kampf zur „Rückgewinnung der Demokratie in Venezuela“. Doch das Referendum hat keine bindende Wirkung für die Regierung, die nach wie vor an der Einberufung der verfassungsgebenden Versammlung am kommenden 30. Juli festhält.

(rv 17.07.2017 cs)

Venezuela: „Dringende Botschaft an die Katholiken und alle Menschen guten Willens“

Venezuela / Pixabay CC0 – OpenClipart-Vectors, Public Domain

Für den 21. Juli ist ein Tag des Gebets und des Fastens angesagt

Nach Beendigung der Arbeiten der 108. Vollversammlung der Bischöfe Venezuelas, die vom 7. bis 12. Juli in Caracas stattfand, haben die Bischöfe eine „Dringende Botschaft an die Katholiken und alle Menschen guten Willens in Venezuela“ gerichtet.

„In unserem Land spürt man ganz klar, dass die Gewalt inzwischen strukturellen Charakter angenommen hat. Hierzu ein paar Beispiele: von irrationaler Unterdrückung mit der schweren Bilanz von Toten und Verletzten, Beschädigung von Wohnungen und Wohnstrukturen bis hin zu Misshandlungen und sogar Vernachlässigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Die offizielle Repression schafft manchmal gewaltsame Antworten und trägt so zum Entstehen von Spannung und Anarchie bei, mit gefährlichen Konsequenzen. Die Verachtung der Menschenwürde findet ihren Ausdruck in der Negation und Verletzung der Menschenrechte seitens der Behörden“, heißt es im ersten Teil der Fides zugesandten Mitteilung.

„Es ist dies der Moment für einen Orientierungswechsel in der Regierungspolitik“, hießt es weiter, „die Initiative der Regierung, eine Nationale Verfassunggebende Versammlung einzuberufen, die vom Volk mehrheitlich abgelehnt wurde, hat völlig unbeachtet gelassen, dass es das Volk in Ausübung seiner Souveränität ist, der die Versammlung einberufen kann und muss“. „Alles deutet darauf hin, dass die Festigung eines sozialistischen, marxistischen und militaristischen Staates angestrebt wird, wodurch Gewaltenautonomie und insbesondere die Legislative verschwinden werden“.

„Als Hirten der Kirche in Venezuela erheben wir unsere Stimme und fordern: von der Nationalregierung, dass sie den Plan der Verfassunggebenden Versammlung zurückzieht; von den Streitkräften, dass sie dem Volke dienen und nicht dem Regime oder der Regierungspartei; von allen Politikern, dass sie sich zusammen mit der Bevölkerung um die Überwindung der Krise bemühen“, so die Mitglieder der CEV („Conferencia Episcopal Venezolana“).

„Wir als Hirten verpflichten uns unser Volk zu unterstützen und bitten alle Mitglieder der Kirche und alle Menschen guten Willen solidarisch zu sein mit den Schwächsten der Gesellschaft“.

Die Botschaft endet mit der Aufforderung am Tag des Gebets und des Fastens teilzunehmen, der für den 21. Juli angesagt ist. (CE)

(Quelle: Fides, 13.07.2017)

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Venezuela: Bischöfe lehnen verfassungsgebende Versammlung ab

Venezuela, Protestbewegung / Wikimedia Commons – Andrés E. Azpúrua, CC BY-SA 3.0

„Gefahr für die Demokratie“

Die Bischofskonferenz von Venezuela (CEV) veröffentlichte gestern die Schlussbotschaft zur Ordentlichen Vollversammlung (16. bis 18. Mai).

In ihrer Botschaft äußern sich die Bischöfe auch zur der von Präsident Maduro vorgeschlagenen Verfassungsgebenden Versammlung: „Nachdem wir viele Mitglieder des Gottesvolkes gehört haben, sind wir der Ansicht, dass die Versammlung nicht notwendig ist, sondern vielmehr eine Gefahr für die Demokratie in Venezuela, für die ganzheitliche Entwicklung der Menschen und den sozialen Frieden ist.“

Sodann befassen sich die Bischöfe mit der aktuellen Lage der Bevölkerung, die von Hunger, Gewalt und Menschenrechtsverstößen geprägt ist. „Angesichts dieser Situation sehen wir uns mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert“, so die Bischöfe. „Es sind Engagement für den Frieden, prophetische Anklage, Solidarität und Gebet erforderlich“, so heißt es.

In einem weiteren gemeinsamen Schreiben wenden sich die Bischöfe an den Präsidenten des vorbereitenden Ausschusses für die Verfassungsgebende Versammlung, Elias Jaua Milano: „Notwendig ist eine Vervollständigung der Verfassung und nicht deren Reform“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Diego Padrón von Cumaná.

Der ständige Rat der Bischofskonferenz hat sich unterdessen bereit erklärt, Elias Jaua Milano, am heutigen 19. Mai zu einem Gespräch über die Beweggründe der Bischöfe zu empfangen. Bei der Begegnung soll die Position der Kirche erläutert werden. „Wir werden unsere Sorge über die schwerwiegenden Probleme darlegen, mit denen sich unser Land heute konfrontiert sieht und auf die traurigen und schmerzlichen Folgen hinweisen und die Toten, die es konkret unter der Bevölkerung bereits gegeben hat“, so die CEV.

Bereits am 9. Mai hatte Elias Jaua Milano die Bischöfe um ein klärendes Gespräch gebeten, nachdem diese bekannt gaben, dass keine Vertreter der Kirche an der Versammlung teilnehmen werden. (CE)

(Quelle: Fides, 19.05.2017)

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Venezuela: „Wir fühlen uns verlassen“ Hunger und gesellschaftliche Spaltung führen das Land an den Abgrund

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Kirche in Not – Feature vom 20.07.2016

von Monica de la Morena

Venezuela – wo Träume Wirklichkeit werden.“ So lautete einst der Werbespruch der nationalen Tourismusagentur. Heute ist der Traum zum Albtraum geworden. „Uns geht es schlechter denn je“, sagt der Bischof der Diözese Carúpano, Jaime Villarroel. Sein Bistum liegt im Norden des Landes, an der Atlantikküste. „Es gibt nichts zu essen. Ständig kommt es zu Plünderungen.“ Gewalt und Mord sind an der Tagesordnung. „Die Menschen haben nur noch Angst“, erklärt der Bischof.

Drei Jahre nach dem Tod des langjährigen Präsidenten Hugo Chávez taumelt das Land von einer Krise in die andere. Fehlentscheidungen der linksgerichteten Regierung von einst, politische Unruhen heute, Wirtschaftskrise, Preisverfall haben Venezuela an den Rand des Abgrunds gebracht. Politik und Wirtschaft geben sich wechselseitig die Schuld. Sogar unter den Anhängern der jetzigen Regierung unter Präsident Nicolas Maduro werden Stimmen lauter, die ein Umdenken fordern. Beobachter fürchten den Kollaps des Landes.

Was als Wirtschaftskrise begann, ist zu einer humanitären Katastrophe geworden. Lebensmittel sind stark rationiert. „300 Gramm Trockenmilch, ein halbes Kilo Nudeln und 200 Gramm Butter erhält eine Familie pro Monat. Fleisch, Eier oder Fisch müssen sie teuer kaufen – mit Geld, das sie nicht haben“, erklärt Bischof Villarroel. So würden die Nahrungsrationen höchstens eine Woche reichen. „Es herrscht eine bittere Hungersnot. Die Menschen werden ohnmächtig vor Hunger.“ Niemand könne Notleidenden und Kranken helfen, denn: „Die Krankenhäuser haben keine Medikamente, kein Verbandsmaterial, nichts.“

Zur humanitären Notlage kommen die sozialen Verwerfungen. Studieren zum Beispiel ist zu einem Privileg für Wenige geworden. Die meisten Jugendlichen in seinem Bistum hätten das Studium aufgegeben, so der Bischof, „weil sie kein Geld für Papier haben, geschweige denn für Fotokopien oder Kugelschreiber.“ Die Perspektivlosigkeit treibt die jungen Menschen in die Hände der Drogendealer und Verbrecherbanden. „Sie nehmen auf nichts und niemand mehr Rücksicht“, sagt Villarroel.

Die unhaltbare Situation macht die Menschen wütend. Jeden Tag gibt es Demonstrationen – gegen die Regierung, gegen die grassierende Korruption, gegen die politische Isolation. „Wir wissen nicht mehr, was wir tun oder an wen wir uns wenden sollen. Wir fühlen uns verlassen.“

Die Kirche spielt eine zentrale Rolle, um der Not abzuhelfen. „Unsere Arbeit besteht darin, unserem Volk nahe zu sein, ihnen eine Botschaft der Versöhnung und der Vertrauens auf Gott zu vermitteln“, so der Bischof. Die Krise bringe die Menschen der Kirche näher. Denn obwohl gut 96 Prozent der Einwohner Venezuelas getauft sind, praktizieren nur Wenige ihren Glauben. „Die Evangelisierung hat die Herzen der Menschen nicht erreicht.“ In Teilen der Bevölkerung herrsche sogar eine feindliche Haltung gegenüber dem Christentum, immer wieder kommt es zu Angriffen auf Priester und Seminaristen. Auch seine Kathedrale in Carúpano sei schon mehrmals Ziel von Attacken gewesen, so der Bischof: „Nichts wird mehr respektiert. Gewalttäter bleiben häufig unbestraft, weil die Polizei nicht eingreift“.

Doch in der Krise könne die Kirche beweisen, dass sie auf der Seite der Notleidenden stehe: „Bei meinen Pastoralbesuchen erlebe ich, wie sehr der Glaube den Menschen Kraft gibt. Die Kirche ist oft die einzige verlässliche Anlaufstelle. Wir helfen, wo wir können.“ Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hilft dabei – es unterstützt die karitative Arbeit in den Pfarreien oder leistet Hilfen für Seelsorge und Katechese. Beides – humanitäre und geistliche Hilfe – gehöre zusammen, betont der Bischof: „Nur so können wir eine ,Kultur des Überlebens‘ schaffen, die uns aus dieser Krise führt und die Risse in der Gesellschaft heilt.“

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Um weiterhin der notleidenden Bevölkerung in Venezuela helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.de oder an folgendes Spendenkonto:

Empfänger: Kirche in Not
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Venezuela

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