WIE KANN ICH LIEBE HABEN?

GEBET

des hl. Bischofs Antonius Maria Claret

Unbefleckte Jungfrau und Mutter Gottes, Königin und Herrin der Gnade! Würdige Dich, aus Liebe einen mitleidvollen Blick auf diese verlorene Welt zu werfen. Sieh, wie man den Weg verlassen hat, den uns zu lehren Dein heiligster Sohn sich herabgelassen hat. Man hat seine heiligen Gesetze aufgegeben und ist so verdorben, daß Gültigkeit hat: Non est qui faciat bonum, non est usque ad unum. Erloschen ist das göttliche Licht des Glaubens, alles ist Finsternis und Dunkel, und man weiß nicht, wohin man fällt. Jedoch haufenweise drängt man sich eiligen Schritts auf dem breiten Wege, der ins Verderben führt. Und Du Mutter, könntest wollen, daß ich, ein Bruder dieser Unglücklichen, gleichgültig ihrem vollständigen Verderben zuschaue? Nein! Weder die Liebe, die ich zu Gott, noch die, welche ich zu meinem Nächsten habe, können das dulden. Denn wie kann ich sagen, daß ich Liebe zu Gott und zum Nächsten habe, wenn ich meinen Bruder in dieser Gefahr sehe und ihm da nicht helfe? Wie kann ich ihn lieben, wenn ich weiß, daß es Räuber und Mörder auf dem Weg gibt, welche die Wanderer erschlagen und ausplündern, und wenn ich jene nicht warne, welche ihn gehen wollen? Wie kann ich Liebe haben, wenn ich weiß, daß gefräßige Wölfe darauf lauern, die Schafe meines Herrn zu zerreißen, und ich schweige? Wie kann ich Liebe haben, wenn ich stumm bleibe, wo ich sehe, wie man im Hause meines Vaters die Schätze stiehlt, Schätze, die so kostbar sind, daß sie das Blut und das Leben eines Gottes gekostet haben, oder wie man Feuer legt im Hause meines vielgeliebten Vaters? Nein, meine Mutter, es ist unmöglich, da zu schweigen. Nein, ich werde nicht schweigen, auch wenn ich weiß, daß man mich in Stücke zerreißt. Ich will nicht schweigen, sondern rufen und schreien und meine Stimme über die Erde und zum Himmel erheben, daß gegen ein so schreckliches Unheil angegangen wird. Ich nehme zu Dir, die Du die Mutter der Barmherzigkeit bist, meine Zuflucht. Ich flehe Dich an, gib allen die Gnade der Bekehrung, denn ohne sie vermöchten wir nichts. Ich weiß, daß Du diese Gnade allen gibst, die Dich ernstlich darum bitten. Wer nicht um sie bittet, weiß nicht, wie nötig er sie hat, und so gefährlich ist sein Zustand, nicht zu wissen, was ihm zum Heile dient, daß eben dies mich noch mehr zu Mitleid bewegt. Als Sünder bitte ich für alle anderen um diese Gnade, und ich biete mich an als Werkzeug zu ihrer Bekehrung. Und wenn ich auch natürlicherweise dazu unfähig bin, dennoch: mitte me. Dann sieht man umso besser: gratia Dei sum quod sum. Vielleicht sagst du: Jene wollen wie Kranke in ihrem Wahn nicht auf den hören, der sie heilen will, sie würden mich verachten und tödlich verfolgen. Dennoch: mitte me! Denn: cupio esse anathema pro fratribus meis. Es ist noch niemals gehört worden, und es wird niemals gehört werden, daß jemand, der zu Dir seine Zuflucht nahm, von Dir abgewiesen worden sei. Du siehst doch, meine Herrin, daß alles, um was ich Dich bitte, die größere Ehre Gottes und Deine größere Ehre und das Heil der Seelen zum Ziel hat. Du bist die Tochter des ewigen Vaters, die Mutter des Sohnes und die Braut des Heiligen Geistes. Darum geziemt es sich, daß Du eiferst für die Verherrlichung der heiligsten Dreifaltigkeit. Ihr lebendiges Bild ist die Seele des Menschen, und dieses Bild ist benetzt mit dem Blute des menschgewordenen Gottes. Amen.

(Aus: „Das Zeichen Mariens“, Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell, September 1988, Seiten 6918-6919)