BRIEF VON BISCHOF VITUS HUONDER, CHUR VON HEUTE: 20. MAI 2019

 

Nach knapp zwölf Jahren als Bischof von Chur ist Vitus Huonder am Montag zurückgetreten. Ein Apostolischer Administrator übernimmt nun zunächst die Bistumsleitung (Archiv). Bild: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

An

    • WeihbischofMarian Eleganti
    • die Priester und Diakone
    • die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge
    • die Gläubigen im Bistum Chur

7000 Chur, 20. Mai 2019 VH/mp

Lieber Weihbischof Marian,
liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge,
liebe Brüder und Schwestern,

wie bereits Ende des vergangenen Jahres gegenüber den Priestern, Diakonen sowie den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Vorwort zum „Bistumskalender 2019“ angekündigt, endet im Jahr 2019 meine Amtszeit als Bischof von Chur. Wie mir der Aposto­lische Nuntius in der Schweiz, S. E. Mons. Thomas E. Gullickson, vor ein paar Tagen mitgeteilt hat, wird dies nun am heutigen 20. Mai 2019 der Fall sein.

An dieser Stelle möchte ich nochmals unserem Weihbischof Marian, allen Priestern, Diakonen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seelsorge danken für jedes Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, das sie in ihrem geistlichen Bemühen und in ihrer täglichen Arbeit im Sinne des Evangeliums und der Lehre der Kirche in den bald 12 Jahren meiner Amtszeit gegeben haben. Gott selber möge Ihnen alles Gute vergelten.

Den Hirtenstab des Bistums Chur wird nun der Apostolische Administrator, S. E. Mons. Peter Bürcher, übernehmen. Ich heiße ihn im Bistum willkommen und wünsche ihm Gottes Segen für seine Aufgabe.

Ich selbst nehme nun, wie bereits bekannt, meinen Wohnsitz im Wohntrakt des Priesterhau­ses im Institut Sancta Maria in Wangs/SG. Dieses Institut gehört zur Priesterbruderschaft St. Pius X. Im Sinne von Papst Franziskus werde ich mich bemühen, dort zur Einheit der Kirche beizutragen, indem ich nicht ausgrenzen, sondern unterscheiden, begleiten und integrieren helfen möchte.

Indem ich Sie alle und unser Bistum der Fürsorge des barmherzigen Gottes empfehle, grüße ich Sie herzlich, verbunden mit meinen besten Segenswünschen

† Vitus Huonder,
em. Bischof von Chur

Die Kirchenspalter im Bistum Chur proben den Aufstand

8. April 2019, 12:00

Die Wahrheit ist, dass die kirchenfeindlichen Reformen gerade die Spaltung herbeiführen würden. Das gilt für alle, die die Kirche auf synodalen oder sonstigen Wegen verändern wollen – Der Montagskick von Peter Winnemöller

Linz (kath.net)
Bischofswahlkampf ist ein seltsamer Begriff. Auf die Vorfälle in Zürich trifft er dennoch irgendwie zu. Hinter dem Rücken des Bischofs Gelder der Kirche für eine kirchenfeindliche Aktion zu verwenden, das geht in der jetzt erfolgten Art wohl in der Tat nur in der Schweiz. Die Landeskirchen verwalten die Gelder, die Bischöfe haben kein Mitspracherecht. Das ist eine unhaltbare Situation, gegen die sich allerdings nur wenige Bischöfe wehren.

Einer, der sich wehrt, ist Bischof Vitus Huonder. Schon unmittelbar nach seiner Wahl wurde er angegriffen und verleumdet. Linke Medien hatten ihn von Anfang an im Blick. Ein Bischof, der die Lehre der Kirche in Glaube und Sitten unverkürzt vertritt, ist der Welt ein Gräuel.

Die Amtszeit von Bischof Huonder nähert sich dem Ende. Bis Ostern wird er noch im Dienst sein, dann steht bald der verdiente Ruhestand an. Die Mäuse proben schon mal den Tanz auf den Tischen. Allen voran jüngst der Regionalvikar von Zürich, Josef Annen, der jüngst gemeinsam mit Synodalratspräsidentin, Franziska Driessen-Reding, einen offenen Brief an Papst Franziskus als Anzeige in verschiedenen Zeitungen auf Kosten der Kirche schaltete.

Der Hintergrund ist der Wunsch, im Bistum Chur künftig einen Bischof zu bekommen, der die Landeskirche machen lässt und gar nicht mehr versucht, sich einzumischen. Wo der künftige Bischof in Fragen des Glaubens stehen soll, ist an den Inhalten des offenen Briefes deutlich erkennbar.

Die uralte Reformagenda der Aufgabe kirchlichen Sexualmoral, der Demokratisierung der Kirche und des Frauenpriestertums prägen die Inserate. An vielen Stellen in der Kirche – man vergleiche den synodalen Weg der DBK – zeigt sich, wie steter Tropfen langsam den Stein höhlt. Doch man bedenke an dieser Stelle, dass Reformen, die wider Glaube und Sitte erfolgen, nicht in der Wahrheit sind.
Reformen solcher Art verändern nicht die Kirche, sie verändern nicht die Lehre und schon gar nicht den Glauben. Sie führen nur unweigerlich in die Spaltung. Die Möchtegernreformatoren wissen das, denn nicht umsonst wird in dem als Inserat gestalteten offenen Brief ganz unverhohlen die Spaltung als Drohung erwähnt. Perfide ist es, die Spaltung als Druckmittel in dieser Form zu verwenden. Geradezu diabolisch kommt es daher, indem mit der Spaltung gedroht wird, wenn es nicht zu den geforderten Reformen kommt.

Die Wahrheit ist, dass die kirchenfeindlichen Reformen gerade die Spaltung herbeiführen würden. Das gilt für alle, die die Kirche auf synodalen oder sonstigen Wegen verändern wollen. Sie verändern nicht die Kirche, sie spalten Teile von der Kirche ab und nehmen viele Gutgläubige in den geistlichen Abgrund mit. Das ist die Gefahr, der es entgegenzuwirken gilt.

Nach Ende der Amtszeit des jetzigen Bischofs von Chur kommt es also nicht darauf an, einen Bischof zu bekommen, der den Reformwilligen nach dem Munde redet. Es braucht einen Bischof, der weiterhin den Glauben unverkürzt verkündet und dem ungesunden kirchlichen System in der Schweiz Paroli bieten kann und will.

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Quelle

Bischof Vitus Huonder: Der Weg des Heils

Der Churer Bischof Vitus Huonder posiert am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

 

Der Weg des Heils

Apg 16,17

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder

Bischof von Chur

 

Dieser Hirtenbrief ist am ersten Fastensonntag,
am 10.
März 2019,
in allen Gottesdiensten zu verlesen.

Zur Veröffentlichung in den Medien
ist er vom 11. März 2019 an freigegeben.

 

Chur, 1. Januar 2019
Oktavtag von Weihnachten
Hochfest der Gottesmutter Maria

 

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser

Dies ist mein letzter Hirtenbrief zur Quadragesima, da meine Amtszeit als Bischof von Chur voraussichtlich am 21. April 2019, am Hochfest der Auferstehung unseres Herrn, endet. Deshalb möchte ich zusammenfassend sagen, was für den Weg unseres Glaubens zu wissen dringend notwendig ist. Ich möchte in Kürze, wie es ein Schreiben für den Vortrag im Gottesdienst erfordert, die Schwerpunkte unseres katholischen Bekenntnisses setzen. Ich rufe in Erinnerung, was für das christliche Leben unabdingbar ist, vor allem auch mit Blick auf eine Zeit großer Verunsicherung im Glauben, ja auf eine Zeit der Verwirrung.

Ebenso beabsichtige ich, auf die wesentlichen Inhalte unseres Glaubens hinzuweisen, welche Menschen wissen sollten, die unsere katholische Religion besser kennen und annehmen möchten – und es gibt deren nicht wenige.

So ist dieser Brief – von breve kommend abzuleiten – ein kurzes, begleitendes Schreiben, eine Art Vorwort, ein Werbespot zur „Konstitution“ unseres Glaubens, zur Heiligen Schrift, und zur umfassenden Darstellung unserer Lehre im Katechismus der Katholischen Kirche.

 

Brüder und Schwestern im Herrn,

das Wahrsagen ist ein Phänomen aller Zeiten. Auch Paulus und Silas begegneten auf ihrer Missionsreise in Philippi einer Frau, welche einen Wahrsagegeist hatte. Dieser Geist hat wirklich Wahres gesagt. Denn die Frau erkannte die Sendung der zwei Männer und rief hinter ihnen her: Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils (Apg 16,17). Ja, der Weg des Evangeliums, den Paulus und Silas verkünden, ist der Weg des Heils. Das hat diese Frau, das hat der Geist in ihr richtig festgestellt. Paulus und Silas waren Sendboten dieses Weges. Ihn kennenzulernen und zu gehen, ist das Verlangen jedes Menschen, der sich nach dem Heil sehnt.

Kurzformel des Glaubens

Weil der Weg des Evangeliums der Weg des Heils ist, kann uns Paulus in der heutigen Lesung zum ersten Fastensonntag sagen:

… wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden (Röm 10,9). Das ist eine Kurzformel unseres Glaubens. Dieser Glaube soll sich in unserem Alltag entfalten und bewähren. Vor allem muss uns klar werden, was er für unser Leben und unsere Lebensführung bedeutet. Wer gibt uns dazu Aufschluss? Wer erläutert uns diese Kurzformel?

Grundlage des Weges

Die Grundlage unseres Glaubens und die Voraussetzung für den Weg des Heils ist die Gottesfurcht. Petrus fordert uns in seinem ersten Brief mit folgenden Worten dazu auf: Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht (1 Petr 1,17)! Gottesfurcht ist in sich nichts anderes als der Glaube an Gott. Gottesfurcht ist die ergebene, achtungsvolle Liebe zu Gott. Darauf baut unser Leben auf.

Weitergabe des Glaubens

Was bedeutet nun ein Leben in Gottesfurcht? Was bedeutet ein Leben auf dem Weg des Heils? Was antworten wir, wenn jemand uns fragt, wie wir den Weg des Heils gehen? Mit anderen Worten lautet die Frage: Was gehört zu einem christlichen Leben? Die Frage wird dann noch dringender, wenn jemand den katholischen Glauben annehmen will; wenn jemand den Weg der Konversion wählt und sagt: Ich möchte katholisch werden. Wie führen wir Menschen in den Weg des Heils ein? Was sagen wir, um den Glauben weiterzugeben?

Begegnung mit Jesus

Der Weg des Heils beginnt mit der Begegnung mit Jesus. Denn er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Er ist der Sohn Gottes. Die Begegnung mit Jesus ist der Anfang unseres christlichen Glaubens. Wer den Weg des Heils gehen möchte, muss Jesus kennen lernen. Er muss sich in die Evangelien vertiefen. Er muss einen Menschen neben sich haben, der ganz von Jesus ergriffen ist (vgl. Phil 3,12). Er muss einen Menschen neben sich haben, der wie Paulus sagen kann: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden (Phil 3,8-9).

Eingliederung in die Kirche

Wer Jesus sagt, sagt auch Kirche. Denn Jesus selber hat die Kirche ins Dasein gerufen (vgl. Mt 16,18). Er liebt die Kirche und hat sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Deshalb ist der Weg des Heils auch der Weg der Kirche. Jesus ja, Kirche nein! Das verträgt sich nicht. Das verträgt sich auch dann nicht, wenn das Antlitz der Kirche von vielen ihrer Söhne und Töchter entstellt wird. Dann erst recht müssen wir dafür besorgt sein, dass die Kirche heilig und makellos vor dem Herrn erscheint (vgl. Eph 5,27).

Empfang der Sakramente

Als Jesus die Kirche ins Dasein rief, hat er ihr ein geistliches Leben geschenkt. Dieses Leben entfaltet sich durch die Sakramente. Die sieben Sakramente sind eine Gabe unseres Herrn. Sie bewirken das Leben der Kirche. Sie bewirken dieses Leben, weil sie uns das Leben Jesu schenken, seine Gnade, seinen Geist, den Heiligen Geist. Sie entspringen seinem Opfertod. Sie fließen heraus aus dem Herzen des Gekreuzigten (vgl. Joh 19,34). So oft wir sie empfangen, werden wir entsühnt und geheiligt. Bei einer Konversion, ja bei jeder Glaubensunterweisung ist daher die gute Einführung ins sakramentale Leben der Kirche vorrangig.

Halten der Gebote

Wenn wir den Spuren Jesu folgen und uns seine Worte zu eigen machen, kommen wir an einem heiligen Leben nicht vorbei. Das heißt aber auch: Wir kommen an den Geboten Gottes nicht vorbei. Denn sie sind uns zur Heiligung gegeben. Sie sind der Schutz für die Heiligkeit. Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben … Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein (Mt 5,17.19), sagt uns der Herr. Daher ist unser Leben ein ständiger Kampf gegen die Sünde. Denn Sünde ist Gesetzwidrigkeit (1 Joh 3,4) und richtet sich gegen Gottes Gebote. Wie bedeutend es aber ist, Gottes Gebote zu halten, sagt uns Jesus mit den Worten: Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote (Mt 19,17).

Hören auf die Kirche

Der Glaubende ist nie allein. Er findet, wie wir schon festgestellt haben, Heimat in der Kirche. Er findet Heimat in einer Gemeinschaft, welche sich, seit ihrer Gründung durch den Herrn, über Jahrhunderte entfaltet hat und uns durch reiche Erfahrung Hilfe und Sicherheit bietet. Deshalb ist es nicht nur notwendig, der Kirche anzugehören, sondern auch auf sie zu hören (vgl. Mt 18,17). Das bedeutet, auf jene zu hören, welche im Auftrag des Herrn die Verantwortung für die Gemeinschaft der Kirche tragen, vor allem auf den Papst und die Bischöfe. Diesbezüglich ist unser Herr sehr streng, da er seinen Jüngern sagt: Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat (Lk 10,16). Deshalb sind auch die Weisungen der Kirche für den Weg des Heils von Bedeutung. Dabei muss aber auch gesagt sein, dass Papst und Bischöfe der ganzen Überlieferung der Kirche verpflichtet sind und von der überlieferten Lehre nicht abweichen dürfen. Sie können nicht nach Belieben vorgehen.

Praktische Hinweise

Ich schließe diesen kurzen Überblick mit einigen praktischen Hinweisen für den Weg des Heils: Betet täglich, wenigstens am Morgen und am Abend. Besucht oft die heilige Messe, sicher jeden Sonntag. Betet viel den Herrn im Allerheiligsten Sakrament an. Empfehlt euch immer wieder der Mutter Gottes.

Nehmt gerne den Rosenkranz in die Hand. Erneuert euer Leben, erneuert die Gnade der Taufe regelmäßig durch die heilige Beichte. In meiner Jugendzeit wurde uns die Monatsbeichte zusammen mit der Monatskommunion empfohlen. Bereitet euch mit Eifer auf die jährliche Osterfeier vor. Meidet, wie es der Apostel sagt, die Unzucht und jede Sünde (vgl. 1 Kor 6,18). Haltet euren Leib heilig, da er ein Tempel des Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 6,19) und ein Glied Christi ist (vgl. 1 Kor 6,15). Tut allen Menschen Gutes, besonders jenen, die uns nahestehen im Glauben (vgl. Gal 6,10).

Schlusswort

Ich begleite Euch gerne mit meinem bischöflichen Segen, werde es nicht unterlassen, immer für Euch zu beten und das heilige Opfer darzubringen, und ich empfehle Euch insbesondere unserer Lieben Frau von Chur.

Gelobt sei Jesus Christus!

Mit herzlichen Grüßen!

+ Vitus, Bischof von Chur

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Quelle

Madonna mit Heiligen , Chur, 1505 von Giovanni Bellini (1433-1516, Italy) | Kunst-Wiedergabe | WahooArt.com

Bischof Vitus Huonder: Humanae vitae — Ein bleibendes Paradigma — 50 Jahre danach

 

Chur, 22. Juni 2018, Gedenktag des Hl. Thomas Morus

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae. Von diesem Schreiben wissen die meisten nur so viel, dass der Papst die Empfängnisverhütung ablehnte. Dieses Nein zur Verhütung löste damals die vielleicht grösste Autoritätskrise innerhalb der Kirche aus. Die Emotionen gingen hoch. Nur wenige hörten genauer hin und wollten wissen, worum es Paul VI. dabei ging. Die meisten erkannten nicht, dass es dem Papst vor allem darum ging, die Heiligkeit von Ehe und Familie zu schützen. Heute, 50 Jahre später, betonen viele Kommentatoren die prophetische Bedeutung dieser Enzyklika. Denn alle Befürchtungen, welche Paul VI. äusserte, sind eingetroffen. Auch das Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus findet in Nr. 68 lobende und ermutigende Worte in Bezug auf die Enzyklika von Paul VI.

Eigenschaften der ehelichen Liebe

Paul VI., von Papst Franziskus 2014 seliggesprochen, geht in seinem Schreiben von einer Gesamtschau des Menschen aus, der als Mann und Frau von Gott geschaffen ist. In der Liebe von Mann und Frau soll etwas von der Liebe der göttlichen Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfahrbar werden. Von dieser Gesamtschau her ergibt sich die Eigenart der ehelichen Liebe. Der Papst nennt vier Eigenschaften dieser Liebe:

1. Diese Liebe ist vollmenschlich, das heisst sinnenhaft und geistig zugleich. «Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung» (Humanae vitae, 9).

2. Diese Liebe ist Es geht in ihr um eine personale Freundschaft, die den anderen ohne Vorbehalt liebt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen als Ganzen so an, wie er ist.

3. Als Abbild der Treue Gottes zum Menschen ist die eheliche Liebe treu und ausschliesslich bis zum Ende des Lebens: «So wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewusst durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben» (Humanae vitae, 9).

4. Als wirksames Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes ist diese Liebe schliesslich fruchtbar. Hier zitiert Paul VI. die Nummer 50 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes) des 2. Vatikanischen Konzils: «Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiss die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei» (Humanae vitae, 9).

Ist das nicht eine Kennzeichnung der ehelichen Liebe, wie sie sich alle im Grunde ihres Herzens vorstellen und wünschen: vollmenschlich, ganzheitlich, treu und ausschliesslich sowie fruchtbar? Mit diesen Eigenschaften können die ehelichen Beziehungen gelingen.

Verantwortete Elternschaft nach Humane Vitae

Bei der Weitergabe des Lebens dürfen die Eltern unmittelbar mit dem Schöpfergott zusammenwirken. Denn im Moment der Zeugung schenkt Gott dem Kind die unsterbliche Seele. Verantwortete Elternschaft im Sinn der Kirche überlässt den Ehegatten die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder und über den Abstand der Geburten. Sie ermutigt die Eltern zu einer grösseren Kinderzahl, aber sie respektiert auch berechtigte Gründe für wenige Kinder.

Wenn die Kirche einerseits für verantwortete Elternschaft eintritt und andererseits die Verhütung ablehnt, wie soll dann die Familienplanung geschehen? Die Kirche empfiehlt und fördert die sogenannte natürliche Empfängnisregelung. Dabei lernen die Frauen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen ihres Zyklus sicher zu unterscheiden. Dieser Zyklus ist ein Teil der Schöpfungsordnung. Wenn die Ehegatten aus berechtigten Gründen auf die Weitergabe des Lebens verzichten wollen, wählen sie für ihr Zusammenkommen die unfruchtbare Phase des Zyklus und üben an den relativ wenigen fruchtbaren Tagen Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist nicht eine Zeit ohne Liebe, sondern eine Zeit, in der die Liebe auf andere Weise zum Ausdruck gebracht wird. Durch dieses leibliche Verhalten respektieren die Gatten den inneren Zusammenhang von ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens. Sie lernen im Gespräch miteinander zu bleiben und auf einander Rücksicht zu nehmen.

Wo liegt in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Empfängnisregelung und Empfängnisverhütung? Die Absicht ist ja gleich. In beiden Fällen wollen die Eheleute kein Kind. Aber das frei gewählte Handeln ist anders.

Bei der Empfängnisregelung ändern die Gatten aus Gründen der Verantwortung das Sexualverhalten. Wenn sie das Leben nicht weiterschenken können, leben sie periodisch, d.h. während den fruchtbaren Tagen der Frau, enthaltsam. Um sich selbst beherrschen zu können, brauchen sie die Tugend der Selbstdisziplin oder Mässigung (die temperantia).

Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Ich liebe dich ganz so, wie du bist. Weil du in diesen Tagen fruchtbar bist und weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können, verzichten wir an diesen (wenigen) Tagen auf geschlechtliche Beziehungen, und ich zeige dir meine Liebe auf andere Weise.

Bei der Empfängnisverhütung ändern die Gatten das Sexualverhalten nicht, trotz der Einsicht, eine Empfängnis sei zu vermeiden. Sie verhindern jedoch die unerwünschten Folgen dieses Verhaltens. Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Zur Zeit liebe ich dich nicht so, wie du bist. Ich liebe vor allem deinen Leib nicht ganz. Denn deine Fruchtbarkeit lehne ich ab, weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können. Da ich dennoch nicht auf geschlechtliche Beziehungen verzichten will, müssen wir verhindern, dass es trotz unserer Fruchtbarkeit zu einer Empfängnis kommt.

Somit geht es nicht um einen Unterschied der Methode, sondern um objektiv verschiedene Handlungsweisen. Natürliche Empfängnisregelung bzw. Natürliche Familienplanung ist im Grunde keine Methode. Sie liefert nur Hinweise, wann Enthaltsamkeit angesagt ist. In der Enthaltsamkeit drückt sich die Entscheidung leiblich aus, auf die Weitergabe des Lebens aus verantwortbaren Gründen zu verzichten. So ist die Enthaltsamkeit ein leiblicher Akt der Liebe. Bei der Empfängnisverhütung hingegen ist der Leib nicht mehr in die Verantwortung eingebunden, sondern er wird zum Objekt von Massnahmen degradiert. Es geht also um die Frage, womit der Mensch seine Geschlechtlichkeit «steuert»: ob er es mit seinem Charakter, mit Selbstbeherrschung, tut oder ob er die Steuerung einem Verhütungsmittel bzw. einem Dritten, z.B. dem Arzt, überlässt.

Wenn die Gatten in unfruchtbaren Tagen geschlechtlich verkehren, bringen sie ihre eheliche Liebe zum Ausdruck. Sie sind in der Berufung vereint, das Leben verantwortlich weiterzugeben. Es verantwortlich weitergeben, kann eben auch heissen, es noch nicht oder nicht mehr weiterzugeben. In diesem Sinne ist die Empfängnisverhütung weder verantwortlich noch besitzt sie einen elterlichen Sinngehalt. Sie kann nicht der auch leibliche Ausdruck einer Liebe sein, die der Weitergabe des Lebens dient.

Wie schon gesagt, empfiehlt die Kirche die natürliche Empfängnisregelung. Damit sie erlaubt ist, müssen berechtigte Gründe vorliegen. Auch die natürliche Empfängnisregelung kann missbraucht werden durch eine verhütende Gesinnung.

Prophetische Bedeutung von Humanae Vitae

Paul VI. hat schon vor 50 Jahren die Befürchtung geäussert, die Verhütungsmentalität werde zu einer Destabilisierung von Ehe und Familie führen. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung werde dazu führen, dass Männer die Frauen nicht mehr als Person respektierten, sondern als ein Objekt der Triebbefriedigung ansehen würden. Regierungen würden versucht sein, sich in die Freiheit der Eltern einzumischen. Sie könnten Verhütung als Druckmittel in der Bevölkerungspolitik einsetzen. Alle Voraussagen des Papstes haben sich erfüllt. Die sexuelle Freizügigkeit schon der Jugendlichen behindert deren persönliche Reifung. Die Destabilisierung der Ehen und damit der Familien hat stark zugenommen. Das führt wiederum zu Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit. Die Abtreibungen lassen sich mit Verhütung nicht wirksam bekämpfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Abtreibung und Verhütung fliessend geworden ist. Manche Verhütungsmittel wirken auch frühabtreibend. Sie verhindern nämlich die Einnistung des Embryos in die Gebärmutter. Reiche Nationen haben die Entwicklungshilfe an die Bedingung geknüpft, dass Verhütung zur Pflicht gemacht wird. Die demographische Lage ist inzwischen besorgniserregend. Die europäischen Völker ersetzen die Generationen nicht mehr. Sie sind zu sterbenden Völkern geworden. Allein um die Generationen zu ersetzen, braucht es etwas mehr als zwei Kinder pro Familie.

Die Entkoppelung von Sexualität und Fruchtbarkeit hat nicht nur zu einer Sexualität ohne Fortpflanzung geführt, sondern immer mehr auch zur Fortpflanzung ohne Sexualität. Auch das ist eine äusserst problematische Entwicklung. Die neuen Fortpflanzungstechnologien verbrauchen nämlich unzählige Embryonen. Sie zerstören das Leben von Kindern in ihrer ersten Lebensphase. Dabei sind sie nicht einmal besonders effizient. Zudem gibt es inzwischen auf der Basis von verfeinerten Zyklusstudien Behandlungen von unfreiwillig unfruchtbaren Paaren, welche eine höhere Erfolgsrate aufweisen als die In-Vitro-Fertilisation.

Verhütung gehört zur Kultur des Todes, von welcher der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder gesprochen hat. Viele sind sich dessen nicht bewusst, weil ihnen diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt wurden. Es geht deshalb heute unter neuerlicher Berufung auf die Enzyklika Humanae vitae darum aufzuzeigen, wie die Kirche die Schöpfungsordnung versteht.

Paul VI. war sich bewusst, dass diese Lehre der Kirche von vielen abgelehnt werden würde. Aber die Kirche muss damit rechnen, dass sie wie schon ihr Stifter zum Zeichen gesetzt ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Doch es geht der Kirche um die Würde des Menschen: «Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiss die Kirche sehr wohl, dass sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, dass er sich auf technische Mittel verlässt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, dass ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, dass er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist» (Humanae vitae,18).

Humanae Vitae neu entdecken

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Der christliche Geist kann sich in den Familien nur dann entfalten, wenn wir in der Ehe und in der Familie die Schöpfungsordnung wieder ganz zu respektieren lernen. Nehmen wir die Wahrheit ernst, welche in der Enzyklika Humanae vitae enthalten ist. Das wird für die Ehepaare und die Familien, ja für die Kirche sowie für unsere Gesellschaft ein Segen sein.

Maria, «die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite» (Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exultate, 176), begleite uns mit ihrer Fürsprache und ihrer mütterlichen Fürsorge. Mit diesem Wunsch grüsse ich herzlich und lasse allen meinen bischöflichen Segen zukommen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Weiterführende Informationen zur natürlichen Empfängnisregelung:

  • Institut für Natürliche Empfängnisregelung iner.org
  • Interessengemeinschaft für natürliche Familienplanung Schweiz / Fürstentum Liechtenstein www.ignfp.ch

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Quelle

Bischof Vitus Huonder: Themenschwerpunkte bis 2019

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge

Wie in meinem Interview mit der “Luzerner Zeitung” vom 4. Mai 2017 angekündigt, möchte ich die beiden Jahre, um die Papst Franziskus meinen Dienst als Diözesanbischof verlängert hat, nutzen, um einige pastorale Themen aufzugreifen, die mir vordringlich scheinen. Ich habe sie mittlerweile im Bischofsrat zur Diskussion gestellt und möchte sie Ihnen nun vorstellen, verbunden mit der Bitte, sie sich zu eigen zu machen und bei ihrer Bearbeitung sowie Umsetzung behilflich zu sein.

1. Erarbeitung von diözesanen Standards für die Ehevorbereitung

Das vordringlichste Anliegen, geradezu ein Gebot der Stunde, scheint mir die Ehevorbereitung zu sein. Wer den Bund der Ehe eingeht, geht ihn, wie man zu sagen pflegt, “für’s Leben” ein. Deshalb ist es wichtig, dass dies nicht unüberlegt oder unvorbereitet geschieht, sondern wohlbedacht und gut informiert, getragen von der Kirche und ihrer Glaubenslehre. Gerade die vielen Krisen, welche es bekanntlich heute in Ehen gibt, und die nicht selten zu einer zivilen Ehescheidung führen, müssen uns Ansporn sein, in der Pastoral einen Schwerpunkt bei der Vorbereitung auf den Empfang dieses Sakraments zu setzen.

Das Anliegen einer erneuerten, verbesserten, den heutigen Erfordernissen angemessenen Ehevorbereitung ist zuletzt von Papst Franziskus betont worden. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben “Amoris Laetitia” (205-211) ruft der Papst dazu auf, diesem Aspekt der Seelsorge Beachtung zu schenken. Und er lädt die einzelnen Ortskirchen, also die Diözesen, ein, tätig zu werden: “Es gibt verschiedene legitime Weisen, die unmittelbare Vorbereitung auf die Ehe zu gestalten, und jede Ortskirche soll unterscheiden, was für sie das Beste ist” (207).

Die Verhältnisse sind nicht nur unter den einzelnen Ortskirchen unterschiedlich. Auch innerhalb unserer Ortskirche gibt es aufgrund der sozialen Verschiedenheiten sowie der geschichtlichen, demographischen und konfessionellen Prägungen beträchtliche Unterschiede. Es kann deshalb für uns nicht darum gehen, einen einzigen Ehevorbereitungskurs zu entwerfen. Was aber dennoch getan werden kann und getan werden muss, ist die Erarbeitung von Standards für die Ehevorbereitung, die von allen gewahrt werden müssen, die sich in diesem pastoralen Feld engagieren.

Ich habe deshalb den Aufrag gegeben an den Verantwortlichen für die Jugendpastoral, Weihbischof Marian Eleganti, und an den Pastoralamtsleiter, Bischofsvikar Christoph Casetti, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten zu Handen des Bischofsrats. In einer späteren Phase sollen dann auch der Priesterrat und der Rat der Laientheologinnen, Laientheologen und Diakone konsultiert werden. Ziel muss es sein, den Eheleuten wirklich das mitzugeben, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg benötigen, um das Sakrament der Ehe in seiner Fülle, dauerhaft und fruchtbar zu leben, zum Aufbau der Kirche und im Dienst an der Welt.

2. Weiterbearbeitung der Frage Bistumseinteilung

Die von der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich im 2012 an mich herangetragene Frage, ob man das Bistum Chur aufteilen solle, hat bekanntlich viel Aufsehen erregt. Ich habe das Anliegen aufgenommen und eine breit angelegte Konsultation durchgeführt. Auf dieser Basis haben später Gespräche stattgefunden, unter anderem mit den Vertretern der kantonalen staatskirchenrechtlichen Körperschaften (“Biberbrugger Konferenz”). Die Tatsache, dass schliesslich der Tag näher kam, an dem ich dem Papst meine Demission anbieten würde, hat möglicherweise dazu geführt, dass das Thema dann geruht hat. Nun, da wir wieder für zwei Jahre Planungssicherheit haben, möchte ich das Thema Bistumseinteilung nochmals aufgreifen und mit der “Biberbrugger Konferenz” weiter diskutieren. Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting und Bischofsvikar Joseph M. Bonnemain gebeten, ein Schreiben aufzusetzen, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

3. “Gender-Ideologie”

Seit längerem beschäftigt mich das Thema der “Gender-Ideologie”. Ich habe dazu im Jahr 2013 ein Wort des Bischofs (http://www.bistum-chur.ch/startseite/gender-die-tiefe-unwahrheit-einer-theorie-wort-des-bischofs-zum-tag-der-menschenrechte-vom-10-dezember-2013-2/) verfasst. Die deutlichen und mit meiner Haltung übereinstimmenden Aussagen von Papst Franziskus zu diesem Thema zeigen, dass das Thema weiterhin aktuell ist. Die Stellungnahmen von Papst Franziskus zeigen, wie man vom Standpunkt des Christentums diese Ideologie beurteilen soll. Auch Franziskus bezeichnet in “Amoris Laetitia” “Gender” ausdrücklich als “Ideologie” (56). Er betont, dass sie die anthropologischen Grundlagen der Familie aushöhle. Und er sieht die Gefahr, dass diese Ideologie Erziehungspläne und Gesetzgebungen unterwandert. Sie unterwandert leider auch die katholische Kirche, wie man dem in der Schweiz veröffentlichen Werk “Familienvielfalt” entnehmen kann. “Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen”, ruft uns demgegenüber Papst Franziskus in “Amoris Laetita” (56) zu.

In seiner Ansprache an die polnischen Bischöfe im Jahr 2016 (http://m.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/july/documents/papa-francesco_20160727_polonia-vescovi.html) hat der Papst “Gender” sogar als “ideologischen Kolonialismus” bezeichnet.  Er zitiert Papst Benedikt XVI., welcher zu ihm gesagt hat: “Heiligkeit, dies ist die Zeit der Sünde gegen den Schöpfergott”. Und in einer Generalaudienz im April 2015 hatte Franziskus bereits gesagt, die Beseitigung der Geschlechterdifferenz sei “das Problem, nicht die Lösung” (https://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2015/documents/papa-francesco_20150415_udienza-generale.html). In Georgien schliesslich bezeichnete Franziskus 2016 die Gender-Theorien als “grossen Feind der Ehe” und sagte: “Es gibt heute einen weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören. Heute gibt es ideologische Kolonialismen, die zerstörerisch sind: Man zerstört nicht mit Waffen, sondern mit Ideen. Darum muss man sich gegen die ideologischen Kolonialismen verteidigen” (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/october/documents/papa-francesco_20161001_georgia-sacerdoti-religiosi.html).

Ferner bleibt grundlegend für das Problem der “Gender-Ideologie” die Ansprache von Papst Benedikt dem XVI. vom 21. Dezember 2012 an die Römische Kurie, in welcher er die die “tiefe Unwahrheit” dieser Theorie aufgezeigt hat (http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html).

Es geht hier, wie die Versuche zeigen, “Gender” in Erziehungsplänen und Gesetzen zu etablieren, keineswegs nur um eine akademische Debatte. Wir sind als Glieder der Kirche aufgerufen, hier unsere Stimme zu erheben. Denn es geht um den Menschen. Papst Benedikt XVI. hat dies eindringlich betont in der erwähnten Ansprache: “Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen”.

Ich habe deshalb Bischofsvikar Christoph Casetti den Auftrag gegeben, dieses Thema in die Diözesane Pastoralkonferenz einzubringen. Dieses Gremium dient ja als Koordinationsgremium der kantonalen Seelsorgeräte. Diese bitte ich, sich auf der Basis der Lehre der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihrerseits Multiplikatoren in die Kantone hinein zu sein, damit die Kirche auch in unserem Bistum dieser verderblichen Ideologie etwas entgegenzusetzen hat.

4. Kirche und Politik

Ein Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aktuell war, ist die Haltung der Kirche zu Fragen der Politik. Es gibt regelmässig Konflikte, wenn in Politik und Medien die Stimme der Kirche für (partei-)politische Anliegen instrumentalisiert wird. Wenn ich bedenke, wie viele Gläubige in den letzten Jahren ihren Austritt aus den staatskirchenrechtlichen Körperschaften erklärt haben, weil kirchliche Amtsträger die Kirche für tagespolitsche Anliegen missbraucht haben, dann müssten auch die Körperschaften an diesem Thema interessiert sein.

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Es gibt eine sehr große Zahl von Fragen, zu denen man als Christ getrost und mit vernünftigen Argumenten dieser oder jener Meinung sein kann. Wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, wie man mit der Energie und den verschiedenen Formen ihrer Erzeugung richtig umgeht, wie man die Natur effektiv schützt, wie man die wirtschaftlichen Lasten so verteilt, dass niemand verarmt, aber auch der Leistungswille des einzelnen nicht frustriert wird: Hier gibt es einen legitimen Pluralismus und gute Gründe für diese oder jene parteipolitische Haltung. Und es brüskiert viele Gläubige, bis hin zum ominösen “Austritt”, wenn sie von amtlichen Vertretern der Kirche als nicht ganz katholisch, irgendwie unmoralisch oder egoistisch hingestellt werden, nur weil sie zu bestimmten politischen Optionen andere Ansichten haben. Das II. Vatikanische Konzil hat in LG 37 ausdrücklich betont: “Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen“.

Diese Frage hat auch mit der Sendung der Laien zu tun, wie sie das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat. Die Laien haben den Auftrag, mitten in der Welt das Reich Gottes auszubreiten, auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens. Sie tun es nicht als amtliche Vertreter der Kirche. Genau darin besteht ihr Mündigkeit. So lange wir aber dazu neigen, die Kirche mit der Hierarchie zu identifizieren und dann zu bedauern, die Laien seien von der Mitwirkung an der kirchlichen Sendung ausgeschlossen, kommen wir nicht weiter, auch nicht zu einer Kirche, die hinausgeht, bis an die Ränder, von der Papst Franziskus immer wieder spricht. Es ist gerade Papst Franziskus, der diese Binnenfixierung bedauert hat in seinem Apostolischen Schreiben “Evangelii Gaudium”: “Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft. Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar” (102).

Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting den Auftrag gegeben, mir Vorschläge für Initiativen zu machen, wie wir in diesen beiden Fragen eine positive Wende herbeiführen können. Das Thema ist wichtig. Ich erinnere dazu gerne an den französischen Philosophen Alexis de Tocqueville, der einmal gesagt hatte, die Religionsgemeinschaften, welche ihre Autorität über die religiösen Dinge hinaus ausdehnten, würden Gefahr laufen, in keiner Sache mehr Glauben zu finden.

Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie in den nächsten zwei Jahren mithelfen, bei der Behandlung und Umsetzung der hier angeführten vier Themen mitzuwirken. Sie werden Ihnen in den Räten des Bistums, aber auch in Anregungen für die Verkündigung und in der praktischen Seelsorge begegnen.

Gerne benütze ich die Gelegenheit, Sie zu ermutigen, sich von neuem in der Pastoral mit aller Kraft einzusetzen. Für alles, was Sie dort zum Aufbau des Reiches Gottes tun, danke ich Ihnen herzlich und grüsse Sie, verbunden mit meinem bischöflichen Segen, freundlich

+ Vitus Huonder
Bischof von Chur

Chur, 23. Mai 2017

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Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Priesterweihe vom Samstag, 29. April 2017 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn, lieber Diakon Dominik

In der Seminarkapelle von Wigratzbad werden im Chorfenster die Stufen zum Weihesakrament dargestellt: auf den Empfänger der Tonsur – was keine Weihe ist – folgen der Ostiarier, der Lektor, der Exorzist, der Akolyth, der Subdiakon, der Diakon, der Priester: sieben Stufen. Es fehlt nur die Stufe des Bischofs.

Diese Darstellung in Stufen vermittelt den Eindruck eines Aufstieges. Der Weg zum Priestertum ist ein Aufstieg. Ja, dieser Weg ist tatsächlich ein Aufstieg. Dieser Aufstieg ist pädagogisch zu deuten. Der Berufene, der Kandidat, soll in das Priestertum nach und nach hineinwachsen. Das Priestertum braucht eine lange Vorbereitung. Denn die Kirche weiß, dass das Priestertum etwas so Wertvolles, Bedeutendes und Heiliges ist, dass der Weg zum Priestertum ein langer Weg sein muss, ein Weg der Bewährung, ein Weg der Prüfung, ein Weg nach oben. So ist dieser Aufstieg zu deuten.

Es ist auch ein Aufstieg im Leben der Gnade. Er macht bewusst, mit welcher Gnade das Priestertum verbunden ist und verbunden sein muss. Das Priestertum ist eine große Gnade Gottes. Deshalb müssen wir mit dieser Gnade gewissenhaft umgehen. Der Priester darf kein Ärgernis geben. Dessen muss er sich bewusst sein. Dominik muss sich dieser Gnade bewusst sein und der Folgen, welche diese Gnade für sein Leben haben muss. Er muss sich bewusst sein, dass er mit dieser Gnade sorgfältig umgehen muss. Durch ein glaubwürdiges Leben muss er diese Gnade zum Leuchten bringen. Betet doch der Bischof im Weihegebet, welches in diesem Punkt in beiden Formularen gleich lautet – im Ordo Antiquior und im Novus Ordo: Da quaesumus, omnipotens Pater, in hunc famulum tuum presbyterii dignitatem: innova in visceribus eius spiritum sanctitatis; ut acceptum a Te Deus, secundi meriti munus obtineat, censuramque morum exemplo suae conversationis insinuet. – Allmächtiger Vater, wir bitten dich, gib diesem deinem Diener die Würde des Priestertums; erneuere in seinem Innersten den Geist der Heiligkeit, damit er das von dir erhaltene Amt des zweiten Ranges auf sich nehme und durch seinen vorbildlichen Wandel eindringlich christliche Zucht und Sitte nahelege. Es fällt auf, mit welchem Nachdruck die bestimmenden sakramentalen Worte der Priesterweihe (verba essentialia oder verba formae sacramentalis) auf das heilige Leben eines Priesters legen. Die Weihegnade soll ihnen nicht nur priesterliche Vollmacht geben, sondern eine Hilfe sein, für die Heiligkeit des Lebens. Warum? Weil die priesterliche Vollmacht nur dann zum Leuchten kommt, wenn der Träger dieser Vollmacht ein heiliges Leben führt und für die ihm anvertrauten Seelen ein Beispiel für ein heiliges Leben ist. Deshalb darf man diesen Aufstieg zum Priestertum nicht mit einer Karriere vergleichen. Es ist keine Auszeichnung mit dem Anspruch, höher zu stehen und mehr Ehrerbietung zu verdienen. Die Priesterweihe ist kein Adelstitel und keine Beförderung in einen höheren Stand. Oder, wenn wir bei der Karriere bleiben wollen: Der Weg zur Priesterweihe ist eine Karriere der Demut, ein Weg der Demut. Ein Priester, der nicht demütig ist, hat wohl die Vollmacht des Priestertums. Es fehlt ihm aber der Geist des Priestertums, jene innere Haltung, welche Jesus die Armut im Geiste nennt (Mt 5,3) . Wenn dieser Geist der Armut fehlt, fehlt das Feuer, welches die Herzen der Menschen entzündet und zur Liebe Gottes bewegt.

Ich komme zurück auf die Darstellung des Aufstiegs zum Priestertum in der Seminarkapelle von Wigratzbad. Diese Darstellung muss durch eine anderen Darstellung ergänzt werden – wenigstens im Geiste, wenn dies bildhaft nicht zu erbringen ist, nämlich durch die Darstellung des Abstieges. Ich möchte dies mit einem Wort aus der Heiligen Schrift verdeutlichen, aus dem Brief an die Philipper: Jesus Christus war in Gottes Gestalt, hielt aber nicht (eifersüchtig) wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, nahm die Gestalt eines Sklaven an, wurde den Menschen gleich und dem Äußern nach ganz als Mensch wahrgenommen. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuz (Phil 2,6-8). Der Weg unseres Herrn war nicht ein Aufstieg. Er war ein Abstieg zu uns Menschen, eine Erniedrigung, eine Entäußerung, ein Weg der Demut; ein Weg auf dem unser Herr Kränkung, Erniedrigung, Beleidigung, Entmenschlichung, Gewaltanwendung erfahren musste. Das alles hat der Herr auf sich genommen. Er hat nie gesagt: Du musst mich ehren, denn ich bin Gottes Sohn. Wie sprichst du mit mir, ich bin doch Gottes Sohn. Du musst mich anständig behandeln, denn ich bin Gottes Sohn. Ja, er hat dem Teufel widerstanden, der wollte, dass er sich als Gottes Sohn profiliere und bestätige (Mt 4,1-11). Nur wer diesen Weg des Abstieges mit dem Herrn beschreitet, kann wirklich aufsteigen zur Gnade des Priestertums und als Priester so wirken, wie der Herr selber gewirkt hat. Nur auf diese Weise kann er seinen Auftrag echt in persona Christi erfüllen und sich vor allem des Dienstes am Altar würdig erweisen. Deshalb wird auch die Übergabe des Messgewandes mit der Liebe, mit der caritas, in Verbindung gebracht: Accipe vestem Sacerdotalem, per quam caritas intelligitur; potens est enim Deus, ut augeat tibi caritatem et opus perfectum. – Empfange das priesterliche Gewand, das die Liebe darstellt; denn Gott ist mächtig, die Liebe in dir zu vermehren und zur Vollkommenheit zu führen. Diese Liebe ist die Frucht der Demut, der vollkommenen Verleugnung seiner selbst, des Abstieges mit unserem Herrn, um dem verlorenen Menschen den Aufstieg zu Gott, zum Himmel zu erbitten und zu ermöglichen. Um diese Liebe und um diese Demut sollen Sie, mein lieber Weihekandidat Dominik, immer wieder bitten mit dem Gebet jenes Heiligen, dessen 600 Jahre-Jubiläum seit seiner Geburt wir in unserem Lande feiern, des heiligen Bruder Klaus: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gibt alles mir, was mich führet zur dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Als Priester fügen Sie diesem Gebet noch hinzu: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich daran hindert, ein guter, heiliger Priester zu sein. Amen.

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Papst Franziskus verlängert Amtszeit von Bischof Vitus Huonder

Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch geprüft, das ihm der Bischof von Chur am 21. April 2017 übermittelt hat. Nach Abwägung aller Umstände hat der Papst entschieden, die Amtszeit des Bischofs um zwei Jahre zu verlängern, bis Ostern 2019.

Dies bedeutet, dass Bischof Vitus Huonder als Diözesanbischof mit allen Rechten und Pflichten zwei weitere Jahre im Amt bleibt. Erst danach wird die Neubesetzung des Bischofssitzes stattfinden.

Der Bischof freut sich über das Vertrauen des Papstes, das in dieser Entscheidung zum Ausdruck kommt.

Brief des Bischofs an die Mitarbeitenden

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Palmsonntag, 9. April 2017, in der Kathedrale in Chur

Kathedrale Chur mit Haupteingang | © 2015 Georges Scherrer

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Der Tod Jesu kommt wie ein Schmerz über den Tempel. Der Vorhang reißt entzwei. Es ist, als würde dem Heiligtum jede Würde, jede Ehre, die ganze Weihe genommen. Es ist, als würde das Haus Gottes in tiefe Trauer sinken. Es ist, als würde der Tempel wahrnehmen, dass Unerhörtes geschehen ist.

Der Tod Jesu erschüttert aber auch die Natur. Der Tod des Herrn dringt vor bis in die Unterwelt. Die Heiligen, die Entschlafenen, verlassen ihre Gräber.

Der Tod Jesu erschreckt anderseits die umstehenden Menschen. Denn wahrhaft Unerhörtes ist geschehen. Erst jetzt werden Menschen sich dessen bewusst: Sie haben nicht irgend einen Menschen gekreuzigt, sie haben den Herrn gekreuzigt, den Herrn der Herrlichkeit (vgl. 1 Kor 2,8). Ihn, durch den die Welt geworden ist, haben sie nicht erkannt (vgl. Joh 1,10). Sie haben ihren Spott mit ihm getrieben (vgl. Mt 27,32). Sie haben ihn verhöhnt (vgl. Mt 27,42). Sie haben Jesus, den Sohn Gottes, getötet (1 Thess 2,15). Sie haben ihn „durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht (vgl. Apg 2,23). Ja, Unerhörtes ist geschehen, und wir erinnern uns an den Propheten Joel und an seine Aufforderung: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ (Joel 2,13). „Vollzieht eine Umkehr des Geistes, des Herzens, nicht ein Ritual, nicht eine symbolische Geste“. „Klagt um ihn, wie man am Grabe um den Einzigen klagt. Trauert und weint um ihn, wie man um den dahingerafften Erstgeborenen weint“ (vgl. Sach 12,10). Denn sie haben den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten (Apg 3,14). Sie haben den Urheber des Lebens getötet (Apg 3,15).

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Betrachten wir in diesen Tagen den Sohn Gottes in seinem Leiden und Sterben. Bedenken wir, was dieses Leiden und Sterben für uns bedeutet: Erlösung und ewiges Heil. Lassen wir es in unser Herz dringen. Bedenken wir, dass sich uns durch den zerrissenen Vorhang hindurch das Reich Gottes öffnet; dass die Zeit des Neuen, des Ewigen Bundes beginnt.
Schließen wir uns bei dieser Betrachtung zum Leiden und Sterben des Herrn einem Karfreitagsgebet des seligen John Henry Newman an: „O Du, mein Herr, der am Kreuz für mich Sünder starb, gib, dass ich Dich erkenne, an Dich glaube, Dich liebe und Dir diene; dass ich stets Deine Ehre suche, für Dich und in Dir lebe; dass ich dem Nächsten ein gutes Beispiel gebe! Und lass mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die Dir zur Verherrlichung und mir zum Heile gereiche!“ (Betrachtungen und Gebete 157). – Amen.

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