„Kind vor Maria werden“ – Ein Gespräch mit Pater Karl Wallner

Von Georg Denicolo

„Ohne Maria kein Christentum“: Zu diesem Thema hat Pater Karl Wallner, Zisterzienser des österreichischen Stiftes Heiligenkreuz, Professor für Dogmatik, Rektor der Hochschule Benedikt XVI. und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, auf Einladung des Pfarrgemeinderates Plankstetten einen Vortrag gehalten.

Im anschließenden Gespräch nahm Pater Karl Wallner auch Stellung zur Marienverehrung aus ökumenischer Sicht und zu Fatima.

Welche Rolle spielt Maria persönlich in Ihrem Leben?

Ich bin durch eine marianische Apostolatsgruppe der Legion Mariens gläubig geworden. Maria gibt vor allem das Weibliche, das Mütterliche, die Wärme und die Geborgenheit, die in der Frömmigkeit ohne Maria sonst zu kurz kommen würde. Wenn Gott vor Maria Kind werden wollte, warum soll ich mich dann genieren, Kind vor Maria zu werden.

Wie begründet sich die explizit marianische Ausrichtung Ihres Ordens?

Der eigentliche Grund ist, dass das Ziel des menschlichen Lebens die Ewigkeit bei Gott ist. Die Zisterzienser haben alle ihre Klöster der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter Maria geweiht, denn sie hatten das Bild des in Gott vollendeten Menschen vor Augen. Das Klosterleben wurde verstanden als ein Leben auf dieses Ziel zu, so wie Maria in die Vollendung gelangt ist. Ein zweiter Grund ist, dass Maria Christus geboren hat. Mit den Zisterziensern beginnt ein sehr starkes Hinschauen auf die Menschheit Christi, sie entwickeln von dort her natürlich auch eine Liebe zu der Frau, die Jesus als Menschen geboren hat.

Welche Bedeutung messen Sie dem Marienwallfahrtsort Fatima bei?

Fatima ist deshalb wichtig, weil dort eine Grundbotschaft des Christentums wiederholt wird, nämlich die Einladung Gottes, an der Erlösung der Welt mitzuwirken. Gott möchte, dass wir selbst die Haltung annehmen, die sein Sohn am Kreuz hatte: eine leidensbereite Liebe. Deshalb lädt die Mutter Gottes dort die Kinder zum Gebet und zur Sühne ein und stellt ihnen auch die Dramatik vor Augen, wenn wir auf dieses Mitarbeiten mit der Erlösung Gottes vergessen. Die Trost- und Freudenbotschaft von Fatima lautet ja: „Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren.“ Das unbefleckte Herz ist das Herz der Frau, die wirklich bei Gott ist und damit in ihrem Leben diesen Sieg Gottes konkretisiert hat. Deshalb ist es in einer Welt, die ins Chaos gerät, wo wir Terror, Gewalt, Christenverfolgung und Glaubensabfall über weite Strecken erleben, eine sehr wichtige Botschaft, damit wir Gläubige aufgerüttelt werden. Christentum ist nicht eine belanglose Sache, sondern wir sind wirklich gerufen, mit Maria mitzuwirken, damit alle Menschen gerettet werden. Das ist der Heilswille Gottes.

Was antworten Sie unseren evangelischen Schwestern und Brüdern, die Maria als unnötigen Umweg zu Christus sehen und die Marienverehrung ablehnen?

Der Unterschied liegt in der Art und Weise begründet, wie Martin Luther – und mit ihm die evangelische Tradition – den Menschen sieht. Während wir Katholiken glauben, dass Gott innerhalb der menschlichen Kräfte wirkt und den Menschen durch seine Gnade befähigt, Gutes, Richtiges und Heiliges zu tun, hat man bei den Protestanten den Eindruck, dass die Gnade Gottes etwas dem Menschen bloß Äußerliches ist – und auch der von Gott begnadete Mensch immer Sünder bleibt. In der Anthropologie Luthers wird die Unfähigkeit des Menschen zum Guten sehr betont. Wir dagegen glauben, dass Gott sich im und durch den Menschen verherrlicht. Deshalb ist für uns alle Heiligen- und Marienverehrung mittelbare Gottesverehrung, die Gott absolut nichts wegnimmt. Im Gegenteil: Wir ehren das Gnadenwirken Gottes in den Heiligen; Heiligenverehrung ist Christusverehrung. Wir teilen die Angst der protestantischen Theologie überhaupt nicht, dass es eine Konkurrenz zwischen Christus und Maria bzw. den Heiligen gibt, da wir ja in den Heiligen eben gerade die Gnade Christi verehren. Für uns ist das Hinschauen und das Verehren der Mutter Gottes ein Hinschauen auf Gottes Gnade, Wirken und Heilshandeln.

Wie nehmen Sie die Tatsache wahr, dass auch in der katholischen Kirche eine lebendige Marienverehrung zum Teil nicht mehr ernst genommen wird?

Marianische Kälte finde ich mittlerweile nur mehr in den Bereichen der katholischen Kirche, die am Schrumpfen oder Absterben sind. Dort wo bei uns Aufbruch und Leben, Hoffnung auf Zukunft ist, da nehme ich hingegen sehr viel Marienverehrung wahr: Etwa in den Jugendbewegungen, in den Movimenti, in einer gesunden Charismatik, auch in den neuen Orden und in den blühenden Klöstern. Ich wüsste nicht eine wirklich auf die Zukunft ausgerichtete Gemeinschaft, Bewegung oder Strömung in der Kirche, die nicht zutiefst marianisch ist. Maria ist ja immer spiritueller Frühling und gottoffener Anfang. Sicherlich gibt es auch Formen der Marienverehrung, die übertrieben und daher abschreckend sind. Das hat mit der Affektivität der Marienverehrung zu tun, denn bei der Liebe zur „Mutter“ geht es per se um Emotionalität, – die uns aber in anderen Bereichen kirchlichen Lebens leider fehlt. Man muss Übertreibungen gelassen zur Kenntnis nehmen und nüchtern korrigieren. Aber ich habe den Eindruck, dass gerade das Marianische von unten, von den Movimenti her, wächst, aber auch von oben, durch die Päpste, die wir in den letzten Jahrzehnten hatten, gefördert wird, insbesondere natürlich durch Johannes Paul II, aber auch durch Papst Franziskus, der in einer tiefen persönlichen Weise, in seiner südamerikanischen, geradezu heißblütigen Weise marianisch ist.

Im Lukas-Evangelium heißt es: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ (LK 2,19). Gilt es, in unserer Zeit besonders auf Maria zu schauen, weil die Kontemplation und die Stille in unserer Kirche verlorengegangen sind und sich ein gewisser Aktionismus ausgebreitet hat?

Es stimmt auf jeden Fall, dass es hier Defizite gibt. Ich würde aber sagen, dass wir über Maria eine Ausgeglichenheit erfahren. Sie bewahrt in ihrem Herzen, sie ist aber nicht passiv. Da ich eher ein aktiver Mensch bin, brauche ich den Rhythmus zwischen Gebet und Arbeit. Wir sind auch nirgendwo eingeladen, nur zu beten, nur still oder nur kontemplativ zu sein. Im Gegenteil: in dem Augenblick, wo Maria das Wort in ihrem Herzen empfängt, wo Christus unter ihrem Herzen Mensch wird, macht sie sich auf und eilt in das Bergland von Judäa, um ihrer Verwandten Elisabeth beizustehen. Das war harte Frauenarbeit, die sie dort verrichten musste. Wir dürfen nicht ein Marienbild des Nichtstuns entwickeln, im Gegenteil: die heutige Kirche braucht Apostolat, sie braucht aktive Menschen, die ihre Talente nicht begraben, sondern damit wuchern. Mutter Teresa hat gerade dieses Bild von Maria, die sich sofort nach der Verkündigung aufmacht und in das Bergland eilt, zum Marienbild schlechthin gemacht. Sie hat mit ihren Schwestern genau diesen Rhythmus gefunden: anbeten, hinschauen auf Jesus, in die Stille gehen, aber dann sogleich sehr aktiv in der Arbeit für die Ärmsten der Armen sein. Ich glaube, dass wir diesen Rhythmus sehr gut von Maria lernen können.

Welche Rolle spielt die Gottesmutter bei der Neuevangelisierung, auch im Hinblick auf junge Menschen?

Wir haben in der Geschichte der Kirche sehr viele Beispiele dafür, dass gerade der Rosenkranz Weltbewegendes bewirken kann, z.B. 1571 in der Seeschlacht von Lepanto oder auch 1683, als Österreich von den Türken befreit wurde. Die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages 1955 hat uns von der sowjetischen Besatzungsmacht freigemacht, ansonsten wären wir wohl auch ein kommunistischer Satellitenstaat geworden. Das ist vom Rosenkranz-Sühnekreuzzug erbetet worden. Das heutige Problem ist der schnell fortschreitende Glaubensabfall, die Glaubenslosigkeit, die Nichtweitergabe des Glaubens trotz aller Pastoralpläne und Konzepte, die man in den letzten Jahren entwickelt hat. Wir haben da eine sehr große Unfruchtbarkeit. Wenn man evaluieren würden, was in den letzten 40 Jahren in der Kirche des deutschen Sprachraums gelaufen ist – keine Firma könnte sich eine derartige Misswirtschaft leisten. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir Matthäus 7,7 nicht erst nehmen, wo es heißt: „Bittet und euch wird gegeben, sucht und ihr werdet empfangen, klopft an und euch wird aufgetan.“ Ich habe das als einen persönlichen Auftrag von Papst Franziskus empfunden, der den Nationaldirektoren von Missio am 4. Juni 2016 gesagt hat: Ihr seid nicht bloß eine spendensammelnde Organisation für die armen Länder, wo ohnehin sehr viel lebendiger Glaube und ein unglaubliches Wachstum da ist, sondern bitte entzündet in euren eigenen Ländern einen missionarischen Eifer und fangt mit dem Gebet an. Ich habe dann lange überlegt, bis mir die Idee kam: wir laden ein, täglich ein Gesätzchen Rosenkranz für einen konkreten jungen Menschen zu beten, der glaubensfern oder noch nicht getauft ist. Wir haben mittlerweile durch die Migration eine große Zahl von Nichtgetauften bei uns, die aber durch unser Gebet für die Gnade geöffnet werden könnten. Ganz sicher werden wir durch diese Initiative auch Wunder erleben. Der Name der Initiative, „Gott kann“, ist abgeleitet von dem Wort des Engels an Maria: für Gott ist nichts unmöglich, Gott kann alles.

Wie haben Ihre Reisen im Rahmen Ihrer Tätigkeit bei Missio Ihren Blick auf die Kirche verändert?

Ich bin im Augenblick in einer Mischung zwischen Euphorie und Verzweiflung. Ich habe bei meinen Projektreisen eine sehr gläubige und lebendige Kirche erlebt, aber man ist auch mit atemberaubender Not und Elend und mit einem Erstarken des Islamismus in allen Ländern konfrontiert, sogar in den christlichen Kernländern, wie etwa Haiti in Lateinamerika. Selbst dort drängt jetzt der Islamismus hinein, zieht hoffnungslose junge Menschen an und schult sie in Fanatismus. Das ist wirklich erschütternd. Meine Euphorie kommt aber vor allem daher, dass ich dort eine Kirche erlebe, die absolut Zukunft hat.  Christen leben dort in großer Armut, aber immer aus einem apostolischen Eifer heraus. Ich habe Bischöfe erlebt, die schon um 5 Uhr in der Früh in ihren vom Hurrikan niedergerissenen Bischofshäusern knien, um den Barmherzigkeitsrosenkranz zu beten. Ich glaube, dass wir einerseits von diesen jungen Kirchen sehr viel an Glaubensdynamik und -eifer lernen können. Andererseits ist es notwendig, ihnen mit Spenden zu helfen und sie zu stabilisieren. In unseren Kirchen und Gesellschaften wird ja viel Geld für Fruchtloses verwendet, ja verschwendet! Mit den Projekten von Missio kann man dort dagegen wirklich den Aufbau der Kirche fördern. Die Kirche trägt in vielen Ländern vor allem die Bildung und die Sozialleistungen, sie ist führend bei der Sorge für Arme, Alte, Kinder und Waisen. Die päpstlichen Missionswerke sind eine der besten Hilfsorganisationen und leisten – wie ich selbst feststellen konnte – eine geradezu sensationelle Arbeit. Wir fördern die Verbreitung des katholischen Glaubens, und das ist äußerst nachhaltig! Denn wo Menschen zu Christus gefunden haben, da werden sie selbst für Nächstenliebe, soziale Gerechtigkeit, den Ausbau der Sozialsysteme und ökologische Nachhaltigkeit sorgen. Die Förderung des christlichen Glaubens mit seiner Betonung von Gottes- und Nächstenliebe ist zugleich die beste Prophylaxe gegen den Islamismus, der leider überall auf der Welt im Vormarsch ist. In meiner Begeisterung für meine neue Aufgabe für die Armen bin ich zugleich deprimiert, wie wenig die Päpstlichen Missionswerke „Missio“ in Österreich bekannt sind. Die Spenden sind bei uns seit Jahren sehr stark rückläufig, so dass bei weitem nicht alle Projektanträge finanziert werden können. Aber ich werde mit Gottes Hilfe und im Vertrauen auf die Gottesmutter Maria mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles tun, damit Missio stärker für die Ausbreitung des Glaubens und die Ärmsten der Armen wirken kann.

PLANKSTETTEN , 07 May, 2017 / 2:45 PM (CNA Deutsch).-

Was Heilige über die Notwendigkeit der Marienverehrung sagen

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Die Jungfrau umgeben von weiblichen Heiligen: Das Gemälde schuf, Ende des 15. Jahrhunderts, der namentlich nicht bekannte „Meister der Lucialegende“ aus den Niederlanden. Foto: Gemeinfrei via Wikimedia

Von Monsignore Florian Kolfhaus

Nicht wenige Christen in Deutschland halten die Marienverehrung für die rote Kirsche auf der katholischen Schwarzwälderkirschtorte. Schön, wenn sie da ist, aber wenn sie fehlt, schmeckt’s immer noch gut.

Die Verehrung Mariens ist jedoch mehr als „Tortenguss“ und süße Verzierung, wie zum Beispiel im Monat Mai, weil’s so schön ist, noch ein Marienlied zum Schluss der hl. Messe. Maria ist nicht nur eine von vielen Heiligen, unter denen ich mir tatsächlich ein paar Lieblinge auswählen kann, sondern die Mutter Gottes. Ohne sie gäbe es Jesus nicht! Wie haben uns so sehr an den Begriff „Gottesmutter“ gewöhnt, dass wir vergessen, wie herausfordernd er ist. Dante Alighieri dagegen nennt Maria noch staunend „Tochter deines Sohnes“.

Die Heiligen sind sich einig, dass Marienverehrung notwendig ist, um ein guter Christ zu sein. Manche der folgenden Zitate überraschen uns, weil sie überschwänglich sind und vielleicht nicht in die politisch-korrekte Sprachlosigkeit ökumenischer Bemühungen passen, die man durch die Rede von Maria nicht gefährden möchte. Wer Maria nur als dekoratives Früchtchen auf der Torte sieht, vergießt, dass es ohne sie gar keinen Kuchen gäbe; dass wir ohne sie verhungern würden, weil wir das „lebendige Brot, das vom Himmel kommt“, nicht hätten.

Die folgenden 18 Heiligen aus fast allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte sind Herausforderung und Ermutigung, Maria immer mehr zu lieben und nicht zu fürchten, ihre Ehre könnte das Lob Christi schmälern. Kann der Mond die Sonne in den Schatten stellen? Kann Maria, deren strahlendes Licht von ihrem Sohne kommt, ihn verdrängen? So wie der in dunkler Nacht leuchtende Mond die Macht der Sonne zeigt, so Maria, die in der Finsternis dieser Welt Christi Gnaden vermittelt.

  1. „Wie Seeleute von einem Stern in den sicheren Hafen geführt werden, so die Christen von Maria in den Himmel.“ (Hl. Thomas von Aquin)
  2. „Wenn sich vielleicht jemand unter euch befindet, der im Glauben schwach ist, für den weiß ich kein kräftigeres Mittel, im Glauben zu erstarken, als täglich auf den Knien mit Andacht ein Ave Maria zu beten. Durch das Rosenkranzgebet habe ich alles erlangt, was ich gewünscht habe!“ (Hl. Klemens Maria Hofbauer)
  3. „Derjenige, der keine Verehrung zu Maria hegt, ist kein guter Christ.“ (Hl. Johannes Eudes)
  4. „Man kann sagen, dass alle Heiligen das Werk der allerseligsten Jungfrau sind und deren besondere Verehrung für sie das Kennzeichen, das sie alle gemeinsam haben.“ (hl. Maximilian Kolbe)
  5. „Wir suchen Gnaden, aber wir werden sie nicht finden, es sei denn durch Maria.“ (Hl. Cajetan)
  6. „Ich glaube, dass alle Gnaden, die Gott uns zuteilt, durch Mariens Hände gehen und daß keiner in den Himmel kommt als nur durch sie, die die Pforte des Himmels ist. Ich glaube, daß die Verehrung Mariens ein ganz sicheres Zeichen des ewigen Heiles ist.“ (Hl. Gabriel Possenti)
  7. „Man bittet Gott um viele Dinge und erhält sie nicht. Man bittet Maria um viel und man erhält es. Warum ist das so? Nicht weil Maria mächtiger ist als Gott, sondern weil Gott dadurch seine Mutter ehren will.“ (Hl. Alfons Maria von Liguori)
  8. „Der Grund, warum Christus heutzutage so wenig bekannt ist, liegt darin, dass man seine Mutter nicht kennt“ (Sel. John-Henry Newman)
  9. „Ich mache mir große Sorgen um das Heil derer, die keine besondere Verehrung für Maria pflegen“ (Hl. Franz Borgia)
  10. „O Maria, zu Dir bete ich am Morgen und am Abend, um Gott zu ehren und zur ewigen Seligkeit zu gelangen“ (Hl. Papst Johannes XXIII.)
  11. „Es ist unmöglich dass einer, der Maria ehrt, auch wenn er voller Sünde sein mag, sich nicht doch noch bekehrt und gerettet wird“ (Hl. Hilarius von Portiers)
  12. „Gott schenkt denen, die er retten will, eine besondere Andacht zu Maria“ (Hl. Bonaventura).
  13. „Alle Gaben, alle Gnaden, alle himmlischen Wirkungen kommen von Christus dem Haupt und gelangen zum Körper der Kirche durch Maria wie durch den Hals. Maria, die jungfräuliche Mutter, ist dem Haupt am allernächsten. Ihre Aufgabe ist es, den Körper mit dem Haupt zu verbinden. Ein Glied, das den lebensspenden Einfluß des Hauptes erfahren will, sich aber weigert diesen durch den Hals zu empfangen, würde vollkommen vertrocknen und sterben.“ (Hl. Robert Bellarmin)
  14. „Der gute Gott hätte eine schönere Welt als diese erschaffen können, aber er konnte kein vollkommeneres Geschöpf ins Dasein rufen als Maria“ (Hl. Jean Marie Vianney, Pfarrer von Ars).
  15. „Nach Jesus möchte ich der Mensch sein, der Maria am meisten geliebt hat.“ (Hl. Teresa von Avila)
  16. „Ich sehne mich danach zu sterben, um bei Maria zu leben. Betet für mich, dass ich sterbe, denn ich will gehen, um Maria zu sehen.“ (Hl. Leonardo da Porto Maurizio)
  17. „Ich wünschte, ich könnte sie so lieben, wie sie es verdient. Aber selbst allen Heiligen und Engeln des Himmels zusammen ist es unmöglich, die Mutter Gottes in angemessener Weise zu lieben und zu loben.“ (Hl. Pater Pio)
  18. „Maria ist meine Mutter, meine Beschützerin, meine Lehrerin,
    sie ist nach Jesus mein Ein und Alles.“ (Hl. Antonius Maria Claret)

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Quelle

Franziskus: Demut ist die Tugend der Starken

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Papst Franziskus beim Hochfest der Gottesmutter Maria, 1. Januar

Demut und Zärtlichkeit sind nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken. Darüber hat Papst Franziskus am ersten Tag des Neuen Jahres gesprochen. Bei der Predigt zum Hochfest der Gottesmutter Maria, zugleich Weltfriedenstag, legte der Papst eine große marianische Predigt vor. Maria bewahre  die Welt vor dem „Krebsgeschwür“ der „spirituellen Verwaisung“, sagte Franziskus. Er erinnerte an das Wirken der Mütter in der Welt als das „stärkste Gegenmittel gegen unsere egoistischen Neigungen“ und bekannte, wie viel er selbst in seinem Leben als Priester von Müttern gelernt habe. Die Gabenprozession zum Hochfest der Gottesmutter gestalteten auch in diesem Jahr Sternsingerkinder aus dem deutschen Sprachraum.

In der Heiligen Schrift tritt uns Maria als „eine eher wortkarge Frau“ entgegen, „ohne Geltungssucht, aber mit einem aufmerksamen Blick“, sagte Franziskus. Die wichtigste ihrer Eigenschaften: Wärme. „Maria zeigt uns mit ihrer Mütterlichkeit, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind; sie lehrt uns, dass es nicht nötig ist, andere schlecht zu behandeln, um sich wichtig zu fühlen“, so der Papst.

Franziskus stellte die Mutter in seiner Predigt als geradezu heilsbringende Gestalt der Gesellschaft heute vor. „Die Mütter sind das stärkste Gegenmittel gegen unsere individualistischen und egoistischen Neigungen, gegen unsere Formen des Sich-Verschließens und der Gleichgültigkeit. Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre eine erbarmungslose Gesellschaft, die nur noch dem Kalkül und der Spekulation Raum gelassen hat.“

Mütter verstünden es, selbst in den schlimmsten Momenten Präsenz zu zeigen und in dieser Anwesenheit Liebe und Hoffnung zu spenden. „Ich habe viel gelernt von jenen Müttern, deren Söhne im Gefängnis sind oder entkräftet im Bett eines Krankenhauses liegen oder der Sklaverei der Droge verfallen sind, und die bei Kälte oder Hitze, bei Regen oder Dürre nicht aufgeben und weiter kämpfen, um ihnen das Beste zukommen zu lassen. Oder jene Mütter, denen es in den Flüchtlingslagern oder sogar inmitten des Krieges gelingt, ohne zu wanken das Leiden ihrer Kinder auf sich zu nehmen und ihnen Stütze zu sein. Mütter, die buchstäblich ihr Leben hingeben, damit keines ihrer Kinder verloren geht. Wo die Mutter ist, da gibt es Einheit, gibt es Zugehörigkeit, das Zusammengehören der Kinder.“

Mütter: Das Mittel schlechthin gegen „spirituelle Verwaisung“

Deshalb ist es aus Sicht von Franziskus heilsam und recht, das Neue Jahr mit Blick auf Maria zu beginnen. Der Gedanke an die Gottesmutter bewahre uns vor der zersetzenden Krankheit der „spirituellen Verwaisung“. Mit diesem Begriff umreißt Franziskus eine profunde Heimatlosigkeit, die in seiner Darstellung dazu führt, nur noch auf sich selbst blicken zu können und sich im Egoismus zu verschließen; eine Verwaisung, sagte der Papst, „die wir erleben, wenn in uns das Empfinden der Zugehörigkeit zu einer Familie, zu einem Volk, zu einem Land, zu unserem Gott erlischt.“

Wer eine solche Verwaisung erlebe, vergesse, „dass das Leben ein Geschenk gewesen ist – dass wir es anderen verdanken – und dass wir aufgefordert sind, es in diesem gemeinsamen Haus miteinander zu teilen“. Heimtückisch ist diese Verwaisung nach Darstellung von Franziskus, weil sie auf leisen Sohlen kommt und „die Seele zerfrisst. Und so verkommen wir allmählich, da ja niemand zu uns gehört und wir zu niemandem gehören: Ich verderbe die Erde, weil sie mir nicht gehört, ich entwürdige die anderen, weil sie mich nichts angehen, ich „entwürdige“ Gott, weil ich ihm nicht gehöre, und am Ende verderben und entwürdigen wir uns selbst, weil wir vergessen, wer wir sind und welch göttlichen „Familiennamen“ wir haben“.

Dagegen erinnere uns das Fest der heiligen Gottesmutter daran, „dass wir keine austauschbare Ware oder Empfangsstationen für Informationen sind. Wir sind Söhne und Töchter, wir sind Familie, wir sind Volk Gottes.“ Marias mütterlicher Blick befreie uns von der Verwaisung und lehre, „dass wir lernen müssen, das Leben auf die gleiche Weise und mit derselben Zärtlichkeit zu umsorgen, mit der sie es umsorgt hat: indem wir Hoffnung säen, Zugehörigkeit säen, und Brüderlichkeit säen.“ Zum Ende der Predigt lud der Papst die Gläubigen im Petersdom dazu ein, sich zu erheben und dreimal mit dem Ruf der Christen in Ephesus Maria anzurufen: Heilige Mutter Gottes!

(rv 01.01.2017 gs)

Die Mutter Gottes ist unsere Mutter

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Pfärrich (Gemeinde Amtzell), Pfarr- Und Wallfahrtskirche Mariä Geburt / Wikimedia Commons – Photo: Andreas Praefcke, CC BY 3.0

Hochfest der Mutter Gottes, Lesejahr A — 30. Dezember 2016

Genau eine Woche nach Weihnachten, nämlich am 1. Januar, feiert die Kirche nicht nur Neujahr, sondern, seitdem Papst Paul VI. es einführte, das Hochfest Maria Mutter Gottes.

Tatsächlich steht Maria im Heilsgeschehen am Anfang.

Und der Glaubenssatz, dass Maria die Mutter Gottes ist, stellt für uns heute kein Problem dar. Das war aber einmal anders.

Versetzen wir uns in die Situation der ersten Christen. Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Hl. Schrift, die ja eine Hauptquelle unseres Glaubens darstellt, die Einzelheiten des Glaubens durchaus nicht systematisch dargelegt werden. Die Bibel ist kein wissenschaftliches Lehrbuch. Die wesentlichen Dinge sind oft von Christus beinahe wie en passant hingeworfen worden. Denken wir z.B. an die Einsetzung der Hl. Beichte: Jesus haucht die Jünger an und sagt: Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen. Wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten. Beinahe nebenbei wird noch klar gestellt, dass die Sündenvergebung, deren Vollmacht die Apostel hier erhalten, ein individuelles Geschehen ist, also die Einzelbeichte.

Was die Mutterschaft Mariens angeht, so besteht kein Zweifel daran, dass sie die Mutter Jesu ist, wobei sie vor der Geburt, in der Geburt und nach der Geburt Jungfrau ist und bleibt. Was aber die Christen verunsicherte, war die Frage: Kann man Gottesgebärerin zu ihr sagen? Denn wörtlich verstanden, hieße das ja, dass sie Gott geboren, also hervorgebracht hat. Das aber kann nicht sein, dass ein Geschöpf den Schöpfer hervorbringt. Dann also müsste es heißen Maria Christusgebärerin.

Die Bischöfe, die im Jahre 431 in Ephesus zum Konzil versammelt waren, sahen deutlich, dass die mariologische Frage eigentlich eine christologische war. Christus ist Gott und ist Mensch, und zwar wahrer Gott und wahrer Mensch. Kann es sein, dass Maria die Mutter nur des Menschen Jesus ist? Das würde bedeuten, dass Jesus Christus nicht eine, sondern zwei Personen wäre. Dann wäre Maria die Mutter des Menschen Jesus, aber nicht des Gottes Christus. Das wiederum widerspricht der Erkenntnis über Christus, dass er nämlich nicht zwei Personen sein kann, sondern nur eine: eine Person in zwei Naturen. Wenn das so ist – und frühere Konzilien hatten das bereits festgestellt, und es ist auch in sich logisch – dann können wir Maria als Theotokos bezeichnen, als Gottesgebärerin.

Als die Konzilsväter am Abend des 31. Juli 431 den Beschluss verkündeten, gab es bei der vor dem Haus versammelten Bevölkerung einen großen Jubel, denn das gläubige Volk, das ja auch den Hl. Geist hat, hatte sich längst für “Gottesgebärerin” entschieden. Mit einem glanzvollen Fackelzug begleiteten sie die Konzilsväter durch die Stadt.

Wenn wir heute, nach so langer Zeit, auf diesen Begriff Gottesgebärerin schauen, werden uns die Streitereien der damaligen Theologen nicht mehr berühren. Was aber bleibt, und woraus wir auch heute sehr viel Segen empfangen können, ist das Bewusstsein, dass die Jungfrau Maria unser aller Mutter ist. So jedenfalls hat es Christus verfügt, als er im Augenblick seines größten Schmerzes am Kreuz zum Jünger sagte: „Siehe da deine Mutter!“ und zu Maria: „Siehe da dein Sohn!“

In unserer krisengeschüttelten Zeit ist es sicherlich ein Trost zu wissen, dass wir Christen, ja alle Menschen eine himmlische Mutter haben.

Zur Mutter kann man hingehen, wenn alles sehr schwierig wird und wir keine Lösung sehen.

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Quelle

Papst Pius X.: Das Geheimnis und die Bedeutung der Unbefleckten Empfängnis Mariens

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Enzyklika
Ad diem illum laetissimum

Das Geheimnis und die Bedeutung der Unbefleckten Empfängnis Mariens
anlässlich der 50. Jubelfeier der Dogmenverkündigung

(2. Februar 1904)

Pius X.

 

Hinweis/Quelle: Rudolf Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter-Verlag, Würzburg 19542, S. 127–139. Die Nummerierung entspricht der englischen Fassung. Es fehlen in diesem deutschsprachigen Text die Artikel 27–32 (die damaligen Ablassgewährungen). Digitalisiert von Armin Jauch. Die Rechtschreibung wurde an die neue Form angeglichen. Irrtum vorbehalten.

I. Das Jubiläum des Immakulata-Dogmas

1 Noch wenige Monate, und das Jahr bringt uns den freudenvollen Tag heran, an dem vor fünf Jahrzehnten Unser Vorgänger, Papst Pius IX. seligen Angedenkens, inmitten einer glanzvollen Versammlung von Kardinälen und Bischöfen, kraft seines unfehlbaren Lehramtes, feierlich verkündete und erklärte, es sei Gegenstand der göttlichen Offenbarung, dass die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis frei von aller Makel der Sünde bewahrt worden sei. Allgemein ist jedoch bekannt, mit welch festlichen Kundgebungen der Freude und des Dankes von den Gläubigen auf dem ganzen Erdkreis diese Verkündigung aufgenommen wurde. Niemals, soweit wir uns erinnern, hat die Liebe zur hehren Gottesmutter und auch zum Stellvertreter Jesu Christi auf Erden einen so begeisterten und einmütigen Ausdruck gefunden wie damals.

2 Gehen wir in Unserer Erwartung zu weit, ehrwürdige Brüder, wenn Wir Uns der Hoffnung hingeben, dass bei dieser Erinnerungsfeier der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch jetzt, nach Ablauf eines halben Jahrhunderts, ein lebhafter Widerhall dieser heiligen Freude in unseren Herzen spürbar wird und dass allmählich wie damals auch heute der Glaube und die Liebe zur Gottesmutter machtvoll in Erscheinung treten wird? Diesen lebhaften Wunsch erweckt in Uns die Liebe, die Wir zur allerseligsten Jungfrau im Herzen tragen und die, ein Gnadengeschenk übrigens ihrer Güte, Wir allzeit zu vermehren trachteten. Zur sicheren Hoffnung und Erwartung aber, dass dieser Unser Wunsch auch in Erfüllung gehen werde, berechtigt Uns das Bestreben aller wahren Katholiken, die nie müde werden und immer bereit sind, der hehren Gottesmutter stets neue Beweise der Liebe und der Verehrung zu erbringen. Wir wollen indessen nicht verschweigen, dass dieses Unser Verlangen einer gewissen inneren Stimme entspringt, und diese scheint Uns zu sagen, dass nun bald jene Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gehen werden, zu denen Unser Vorgänger Pius, und mit ihm alle Bischöfe, nicht ohne Grund sich gedrängt fühlten, wenn einmal die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis als Glaubenssatz ausgesprochen wäre.

II. Die lmmakulata als Hilfe der Kirche

3 Es gibt freilich nicht wenige, die es bedauern, dass diese Hoffnungen bis auf den heutigen Tag noch nicht ihre letzte Erfüllung gefunden haben, und die glauben, mit Jeremias sprechen zu können: „Wir hofften auf Frieden, und nichts Gutes ist geworden; wir hofften auf die Zeit der Heilung und siehe: Schrecken[1].“ Solche „Kleingläubige“ verdienen Tadel; sie nehmen sich nicht genügend Mühe, die Werke Gottes zu überdenken und ihren tiefen Wahrheitsgehalt auszuschöpfen. Denn wer vermag die geheimen Gnadenschätze zu ermessen und aufzuzählen, die Gott auf die Vermittlung der seligsten Jungfrau hin diese ganze Zeit hindurch der Kirche zugewendet hat? Aber abgesehen davon: Haben wir nicht zur rechten Zeit die Abhaltung des Vatikanischen Konzils erlebt und damit die Glaubenserklärung der Unfehlbarkeit des Papstes, die allen künftigen Irrungen rechtzeitig einen wirksamen Riegel vorschiebt? Sind wir nicht Zeugen ungeahnter und nie da gewesener Beteuerungen der Liebe gewesen, die aus allen Ständen und Länderstrichen die Gläubigen schon seit längerer Zeit hierher zog, dem Stellvertreter Christi Verehrung und Huldigung zu erweisen? Müssen wir nicht geradezu in staunende Bewunderung versinken vor dem Walten der Vorsehung Gottes, die an Unseren zwei Vorgängern, Pius und Leo, sich so wunderbar erwiesen hat? Trotz der sturmvollen Zeit haben sie in einer Regierungsdauer, wie sie keinem anderen beschieden war, die Kirche in Heiligkeit regiert.

III. Maria, Band der Einheit unter den Gliedern der Kirche

4 Dazu kam aber noch ein anderes Ereignis. Kaum hatte Pius die Wahrheit von der unbefleckten Jungfrau Maria als Glaubenssatz ausgesprochen, als sich in dem Städtchen Lourdes die Jungfrau in Wundern zu offenbaren begann und der großartige Prachtbau des Heiligtums der Unbefleckten sich erhob, bei dem auf die Fürbitte der Muttergottes täglich Wunder geschehen, die geeignet sind, den Unglauben der Jetztzeit zu widerlegen. – Es sind tatsächlich viele und große Erweise der Güte, die Gott auf die milde Fürbitte der Jungfrau im Lauf dieser fünfzig Jahre erteilte. Sollen wir da nicht hoffen, „dass unsere Rettung näher ist, als wir glaubten“? Und dies umso mehr, da es erfahrungsgemäß ein Gesetz der göttlichen Vorsehung zu sein scheint, dass Gott am nächsten ist, wo die Gefahr am größten ist. „Nahe ist‘s, dass komme die Zeit, und ihre Tage werden nicht verlängert werden. Denn der Herr erbarmt sich Jakobs und erwählet nochmals Israel[2].“ So haben wir Hoffnung, bald rufen zu können: „Zerbrochen hat Gott den Stab der Gottlosen. Es ruht und schweigt die ganze Erde, sie freut sich und bricht in Jubel aus“[3].

5 Der Hauptgrund aber, weshalb Wir wünschen, dass die fünfzigjährige Jubelfeier der Erklärung der Unbefleckten Empfängnis Mariens als Glaubenssatz in der christlichen Welt eine Bewegung religiöser Vertiefung einleiten möchte, ist jener Wahlspruch, den Wir neulich in Unserem Rundschreiben ausgesprochen haben, „alles in Christus zu erneuern“. Jedem Einsichtigen ist es ja klar, dass es keinen sichereren und leichteren Weg gibt, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die vollkommene Kindschaft zu erlangen, damit wir selig und makellos vor Gott seien, denn Maria.

IV. Jesus und Maria im Glaubensbewusstsein

Als nämlich zu Maria gesagt wurde: „Selig bist du, da du geglaubt hast, dass in Erfüllung gehen wird, was dir vom Herrn gesagt worden ist“[4], so bezog sich das auf die Empfängnis und Geburt des Sohnes Gottes. Und so empfing sie in ihrem Schoße den, der die Wahrheit selber ist, damit er, „auf einem ganz neuen Wege und durch eine ganz neue Geburt erzeugt, unsichtbar seinem Wesen nach, sichtbar in unserer Natur würde“[5]. So ist der Sohn Gottes Mensch geworden, um „Urheber und Vollender des Glaubens zu werden“. Aus all dem aber folgt notwendig, dass seine heiligste Mutter an diesen göttlichen Geheimnissen teilgenommen hat und dass diese ihr zur Bewahrung gleichsam anvertraut sind. Nach Christus muss Maria als das vornehmste Fundament angesehen werden, auf dem das Glaubensgebäude durch alle Jahrhunderte hindurch aufgeführt werden soll.

6 Oder hätte Gott vielleicht nicht auf einem anderen Wege als durch die Jungfrau uns den Wiederhersteller des Menschengeschlechtes und Urheber des Glaubens schenken können? Nun hat es aber der Ewige nach dem Ratschluss seiner göttlichen Vorsehung gefügt, uns den Gottmenschen durch Maria zu geben, die, überschattet vom Heiligen Geiste, ihn in ihrem Schoße getragen; darum bleibt uns gar keine andere Wahl, als dass wir Christus empfangen aus den Händen Mariens. Deshalb erscheint auch jedes Mal, wenn die Heilige Schrift in seherischen Worten von unserer künftigen Erlösung spricht, neben dem Welterlöser seine heilige Mutter. Er wird gesendet als das Lamm, das die Erde beherrscht, aber es kommt von den Felsen in der Wüste; er sprosst als Blume auf, aber aus der Wurzel Jesse. Adam schon erblickte Maria in der Ferne als die Zertreterin des Kopfes der Schlange und gebot bei ihrem Anblick Einhalt den Tränen über den Fluch, der ihn getroffen. An sie dachte Noe, in der rettenden Arche eingeschlossen, und Abraham, als ihm verwehrt wurde, den Sohn zu opfern. Jakob erschaute sie als Leiter, auf der die Engel auf- und absteigen; Moses erkannte sie staunend in dem brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch; David begrüßte sie, als er beim Einzug der Bundeslade sang und tanzte; Elias endlich gewahrte sie in der kleinen Wolke, die aus dem Meere heraufstieg. Kurz, das Endziel des Gesetzes und all die Wahrheit in Vorbildern und Weissagungen finden wir, nächst Christus, in Maria.

V. Durch Maria erkennen wir am sichersten Jesus

7 Niemand fürwahr, der bedenkt, dass die Jungfrau einzig und allein es gewesen, mit der Jesus wie eben ein Sohn mit seiner Mutter dreißig Jahre lang häuslichen Umgang pflegte und durch die innigste Lebensgemeinschaft verbunden war, kann daran zweifeln, dass sie und sonst niemand uns den Zugang zur Erkenntnis Christi zu eröffnen vermag. Wer hätte denn tiefer als sie, die Mutter, das Geheimnis der Geburt und der Kindheit Christi erfassen können, vor allem das Geheimnis der Menschwerdung, das den Anfang und das Fundament des Glaubens bildet? Sie „bewahrte und überdachte nicht bloß in ihrem Herzen“ die Geheimnisse in Bethlehem und im Tempel zu Jerusalem bei der Darbringung, sondern, ganz eingeweiht in die verborgenen Gedanken und Absichten Christi, lebte sie wirklich das Leben ihres Sohnes. Niemand hat deshalb so wie sie Christus ganz erkannt, und so ist sie auch wie niemand anders die geschaffene WeggeIeiterin und die Lehrerin hin zur Erkenntnis Christi.

VI. Maria, Mutter Jesu und Mutter der Gläubigen

8 Deshalb besitzt auch, wie Wir schon angedeutet haben, niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, als diese Jungfrau. Nach Christi Wort ist dies „das wahre Leben, dass sie dich erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus“[6]. Da wir aber durch Maria zur lebendigen Erkenntnis Christi gelangen, so werden wir auch umso leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und Beginn eben Christus ist.

9 Wie werden wir aber erst in dieser Hoffnung bestärkt, wenn wir überdenken, wie viele mächtige Gründe für Maria selbst bestehen, uns die Herrlichkeiten dieser Gnaden zu vermitteln!

10 Oder ist Maria nicht die Mutter Christi? Dann ist sie aber auch unsere Mutter. – Gehen wir zunächst von jener Grundwahrheit aus, die jeder festhalten muss: Jesus, das menschgewordene Wort, ist der Erlöser des Menschengeschlechtes. Wenn er nun als Gottmensch, wie alle anderen Menschen, einen ganz bestimmten Leib angenommen hat, so verfügt er als Erlöser unseres Geschlechtes ebenso über einen geistigen oder mystischen Leib; dieser mystische Leib ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. „Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus[7].“ Nun aber hat die Jungfrau den ewigen Sohn Gottes nicht bloß empfangen, damit er die menschliche Natur annehme und so nur Mensch sei, sondern dass er durch die Annahme dieser Menschennatur aus ihr auch der Erlöser der Menschen würde. Deshalb sagte der Engel den Hirten: „Heute ist euch geboren der Erlöser, welcher ist Christus der Herr[8].“ In einem und demselben Schoße der reinsten Mutter hat er Fleisch angenommen und sich zugleich einen geistigen Leib beigefügt, der aus denen besteht, „die an ihn glauben würden“. So kann man mit Recht sagen: Dadurch, dass Maria in ihrem Schoß den Erlöser umschloss, trug sie in demselben auch die, deren Leben in das Leben des Erlösers einbezogen war. Wir alle also, die wir mit Christus vereinigt und nach den Worten des Apostels „Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und seinem Gebein“[9] sind, sind gleichsam aus dem Schoße Mariens hervorgegangen als ein Leib, der mit dem Haupte vereinigt ist. Somit heißen wir geistiger- und mystischerweise mit Recht Kinder Mariens, und sie ist unser aller Mutter: „Mutter freilich dem Geiste nach, aber doch durchaus Mutter der Glieder Christi, die wir sind“[10].

11 Die allerseligste Jungfrau ist also zugleich Mutter Gottes und Mutter der Menschen. – Ohne Zweifel wird sie deshalb alles aufbieten, damit Christus, „das Haupt des Leibes, der Kirche“[11], uns als seinen Gliedern alle seine Gnadenschätze mitteile, vor allem, damit wir ihn erkennen und „durch ihn leben“[12].

VII. Die Anteilnahme Mariens am Leiden Christi

12 Zum Lobpreis der heiligsten Gottesgebärerin gehört nun nicht bloß, dass sie „dem eingeborenen Sohne Gottes, der mit menschlichen Gliedern geboren werden sollte, die Materie ihres Fleisches bot“[13], um aus demselben die Opfergabe zu bereiten für das Heil der Menschen, sondern dass sie auch das Amt übernahm, dieses Opferlamm zu hüten und zu ernähren, ja es zu seiner Zeit zum Opferaltar hinzugeleiten. So also bestand zwischen dem Sohn und der Mutter eine ununterbrochene Gemeinschaft im Leben und Leiden, und von beiden gilt das Wort des Propheten: „Mein Leben verging in Schmerz und meine Jahre in Seufzern[14].“ Als nun das Lebensende ihres Sohnes herankam, „stand neben dem Kreuze Jesu sie“, seine Mutter. Und zwar war sie keineswegs wie benommen von dem Entsetzlichen, was sie schauen musste, sondern sie empfand sogar noch Freude, „dass ihr Eingeborener für das Heil des Menschengeschlechtes zum Opfer dargebracht wurde; allerdings litt sie so sehr mit, dass sie, wenn dies möglich gewesen wäre, alle Marter ihres Sohnes von Herzen gern mitgelitten hätte“[15]. Durch diese Teilnahme am Leiden und Willen Christi verdiente Maria, dass auch sie mit Recht „die Wiederherstellerin der verlorenen Menschenwelt“ wurde[16] und deshalb auch zur Ausspenderin aller Gnadenschätze, die Christus durch seinen Tod und sein Blut erkaufte, berufen wurde.

13 Damit wollen Wir nicht gesagt haben, dass die Verleihung dieser Gnaden nicht eigentlich und rechtmäßig Christus zustehe; er ausschließlich hat durch seinen Tod die Gnaden uns erworben, und er ist von Amts wegen der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Aber infolge dieser Teilnahme der Mutter an den Leiden und Bedrängnissen des Sohnes ist der hehren Jungfrau das Vorrecht geworden, „bei ihrem Sohn nun die mächtige Mittlerin und Versöhnerin der ganzen Welt“ zu sein[17]. Christus ist die Quelle, „aus deren Fülle wir alle empfangen haben“[18]: „Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch das Band, das Dienst tut … und so erhält der Leib Wachstum zu seinem Aufbau in Liebe“[19].

VIII. Theologische Gründe für die Gnadenvermittlung Mariens

Maria ist nur, nach der richtigen Bemerkung des hl. Bernhard, der „Wasserkanal“[20] oder auch der Hals, der den Leib mit dem Haupte verbindet und seinerseits Leben und Kraft von dem Haupte weitergibt. „Sie ist der Hals unseres Hauptes, durch den alle geistlichen Gaben seinem mystischen Leib mitgeteilt werden[21].“

14 Es braucht nicht mehr eigens betont zu werden, dass wir nie und nimmer der Gottesmutter die Kraft der übernatürlichen Gnadenbewirkung zuschreiben; diese gehört Gott allein an. Weil aber Maria alle an Heiligkeit und inniger Vereinigung mit Christus übertrifft und von ihm selbst zur Vollführung des Erlösungswerkes herangezogen wurde, in der Absicht, dass sie schicklicherweise (de congruo) für uns verdiene, was er von Rechts wegen (de condigno) verdient hat, so ist und bleibt sie die vornehmste Mitwirkerin bei der Gnadenverteilung. „Er sitzt zur Rechten der Majestät im Himmel“[22], Maria aber steht als Königin zu seiner Rechten, als „die bewährte Schützerin und zuverlässigste Helferin aller Gefährdeten. Keine Furcht und kein Zweifel braucht den schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt“[23].

15 Aber nunmehr müssen wir wieder zu unserem Thema zurückkehren. Haben wir nicht mit Fug und Recht behaupten können, dass Maria, nachdem sie so treu zu Jesus gestanden, vom Hause in Nazareth bis zum Fels von Kalvaria, und vertraut wie niemand anders mit den Geheimnissen seines Herzens war, nun auch den Schatz seiner Verdienste, wie es einer Mutter zukommt, mit Recht verwaltet? Es gibt deshalb keinen besseren und sichereren Weg zur Erkenntnis und Liebe Christi als Maria. Sind nicht ein trauriger Beweis dieser Wahrheit leider gerade jene, die, betört durch die List des bösen Feindes oder irregeführt durch falsche Vorurteile, meinen, der Hilfe der Jungfrau entraten zu können? Diese Armen und Unglücklichen bilden sich ein, an Maria vorübergehen zu müssen, um angeblich Christus die Ehre zu geben, und sie wissen nicht, dass das Kind „nicht zu finden ist als bei Maria, seiner Mutter“.

IX. Hauptzweck der Marienverehrung ist die Erkenntnis Jesu

16 Dahin also, ehrwürdige Brüder, sollen nach all diesen Ausführungen Unserem Wunsche gemäß die Festlichkeiten, die zur Ehre der unbefleckten Jungfrau allerorts bereitet werden, zielen. Keine Ehrung ist Maria erwünschter, an keiner hat sie solches Gefallen, als dass wir Jesus wirklich erkennen und lieben. Mögen die Gläubigen nur Festlichkeiten begehen in den Kirchen und mögen die Gemeinden sich rüsten zu feierlichen Veranstaltungen und Freudenbezeugungen: das alles ist gut und trefflich, um Frömmigkeit und Andacht zu fördern. Wenn jedoch dies alles nicht aus dem tiefsten Innern kommt, bleibt es doch bloß äußerer Schein und ein Zerrbild echter Religiosität. Und die seligste Jungfrau könnte dann fürwahr mit Recht die vorwurfsvollen Worte Christi sich auch uns gegenüber zu eigen machen: „Dieses Volk ehrt mich bloß mit den Lippen; ihr Herz aber ist fern von mir[24].

17 Denn wir können nur dann von einer wahren Verehrung der Gottesmutter sprechen, wenn sie vom Herzen kommt. Ohne den inneren Geist hat das äußere Werk weder Wert noch Nutzen. Dieser innerliche Geist muss sich aber vor allem in uns dahin auswirken, dass wir die Gebote ihres göttlichen Sohnes genauestens beobachten. Denn wenn die Liebe echt ist, muss sie notwendig den Willen ergreifen; unser Wollen muss mit dem unserer heiligsten Mutter in Übereinstimmung gebracht werden, nämlich Christus dem Herrn zu dienen. Was die Jungfrau aus tiefster Überzeugung bei der Hochzeit zu Kana den Dienern auftrug: „Was er sagt, das tut“[25], das spricht sie auch zu uns. Christus aber wiederum sagt: „Wenn du zum Leben eingehen willst, halte die Gebote[26].“ Ein jeder möge sich also vor Augen halten: Wenn die Verehrung, die er der seligsten Jungfrau entgegenzubringen vorgibt, ihn nicht von der Sünde abhält und ihn nicht zu dem Entschlusse bringt, böse Gewohnheiten aufzugeben, so ist diese Verehrung Mariens bloß eine Äußerlichkeit und eine Selbsttäuschung ohne echten Kern und ohne heilbringende Frucht.

X. Das Dogma von der lmmakulata und die Flucht vor der Sünde

18 Sollte indessen jemand für diese Wahrheit noch eine Bestätigung erwarten, so lässt sich diese unschwer aus dem Glaubenssatz der Unbefleckten Empfängnis der Muttergottes selbst herleiten. – Sehen wir zunächst ab von der katholischen Überlieferung, die mit der Heiligen Schrift für uns die Quelle der Wahrheit ist: fragen wir nur, wie doch diese Überzeugung von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria zu jeder Zeit so mit dem christlichen Denken verwurzelt sein konnte, dass sie den Gläubigen wie eingegeben und angeboren zu sein scheint? Dionysius der Kartäuser gibt dafür eine Erklärung mit den Worten: „Abscheu und Entsetzen hält uns ab, zu sagen, dass jene, die der Schlange den Kopf zertreten sollte, zu irgendeiner Zeit von der Schlange zertreten wurde, und dass die, welche Mutter des Herrn sein sollte, jemals die Tochter des Teufels war[27].“ Das christliche Volk konnte eben nie und nimmer begreifen und verstehen, wie das heilige, unbefleckte, unschuldige Fleisch Christi in dem Schoß der Jungfrau von einem Fleische genommen sein konnte, dem auch nur einen Augenblick lang die Sündenmakel anhaftete. Und der Grund ist der: Es stehen eben Gott und die Sünde in einem unendlichen und unversöhnlichen Gegensatz zueinander. Und so bildete sich überall in der katholischen Welt die Überzeugung heraus, dass der Sohn Gottes, bevor er uns durch die Annahme der Menschennatur „in seinem Blut von unseren Sünden reinigte“, seine Mutter schon im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein besonderes Gnadenprivileg von jeder Makel der Erbsünde rein bewahren musste.

19 Wenn also Gott dermaßen jede Sünde hasst und verabscheut, dass er die Mutter seines Sohnes nicht bloß von jeder persönlichen freiwilligen Sünde, sondern durch einen besonderen Gnadenerweis im Hinblick auf die Verdienste Christi auch von der Erbsünde, die allen Adamskindern wie ein Erbfluch anhaftet, befreit wissen wollte: dann muss offenbar als erstes von einem, der ein Diener Mariens sein will, verlangt werden, dass er seine schlimme und sündhafte Lebensführung aufgebe und auch all seine Neigungen, die stets von Verbotenem kosten wollen, beherrsche und in Zucht halte.

XI. Die wahre Marienverehrung besteht in der Nachahmung Mariens

20 Sollte aber jemand in sich das Verlangen tragen, was wir eigentlich bei jedem voraussetzen sollten, die seligste Jungfrau auf eine ganz vollkommene Art zu verehren, so muss er natürlich weitergehen und allen Ernstes dahinstreben, auch ihr Beispiel in jeder Weise nachzuahmen. – Gott hat nun einmal festgelegt, dass alle, die selig werden wollen, das Vorbild der Geduld und Heiligkeit Christi nachahmen und in sich selbst ausprägen. „Denn die er vorher erkannte, hat er auch vorbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern[28].“ Aber schwach und hinfällig wie wir nun einmal sind, lassen wir uns durch die Erhabenheit dieses herrlichen Vorbildes leicht entmutigen. Deshalb hat Gott in seiner Güte noch ein anderes Vorbild für uns vorgesehen, das einerseits, soweit es die menschliche Natur vermag, Christus ganz nahe steht, anderseits mit uns die Kleinheit und Schwäche teilt. Dieses Vorbild ist Maria. „So war Maria gestaltet“, sagt Ambrosius, „dass ihr Leben allein schon die Schule aller ist.“ Und daraus folgert er dann ganz richtig: „Als Vorbild diene euch das Leben der seligsten Jungfrau, das gleich einem Spiegel die Keuschheit und jedwede Tugendschönheit wie verkörpert hervorleuchten lässt[29].“

XII. Maria und die theologischen Tugenden

21 Die Kinder einer so heiligen Mutter sollten nun wohl in allem sie zum Vorbild nehmen. Unter den Tugenden sollten die Gläubigen freilich vor allem jenen ihre Aufmerksamkeit schenken, die an erster Stelle stehen und gleichsam der Nerv und das Zentrum unseres ganzen christlichen Denkens und Lebens sind, nämlich Glaube, Hoffnung und die Liebe zu Gott und den Menschen. Diese Tugenden umrahmten in herrlichem Glanz das ganze Leben der seligsten Jungfrau; besondere Leuchtkraft aber entfalteten sie, als Maria ihrem Sohne im letzten Augenblick seines Lebens zur Seite stand. – Da sehen wir nun Jesus am Kreuze hängen und wir hören, wie ihm unter Schmähungen und Verwünschungen vorgeworfen wird, dass er „sich zum Sohne Gottes gemacht habe“[30]. Nicht so Maria. Sie hielt mit bewundernswerter Standhaftigkeit an der Gottheit ihres Sohnes fest und betete sie an. Sie trägt den Leichnam des Sohnes zu Grabe, zweifelt aber keinen Augenblick an seiner Auferstehung. Die Liebe zu Gott, von der sie ganz entbrannt war, hatte ihr die Kraft gegeben, an den Leiden Christi selbst teilzunehmen und sich mit ihm darin zu teilen, und mit ihm bittet sie nun, ihrer Schmerzen vergessend, für die Mörder um Gnade und Verzeihung, während diese in ihrer Verstocktheit wütend schreien: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder[31].“

XIII. Die Erbsünde und die kirchliche Lehre von der Immakulata

22 Doch, um nun zur Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau zurückzukehren, deren Geheimnis ja den Anlass für Unser Rundschreiben abgegeben hat, wie viele mächtige Beweggründe bietet uns gerade jenes Geheimnis, diese Tugenden zu bewahren und zu pflegen! – Was ist wohl das erste, womit hasserfüllte Glaubensfeinde ihre Irrtümer nach allen Seiten zu verbreiten suchen und leider bei vielen den Glauben erschüttern? Sie leugnen, dass der Mensch gefallen sei, gesündigt habe und so seiner ehemaligen Stellung verlustig gegangen sei. Deshalb sind für sie die Erbsünde und alle ihre schlimmen Folgen rein erdichtete Märchen, ebenso die Sündhaftigkeit und die Verderbtheit des Menschengeschlechtes in seiner Wurzel und ihre Ausdehnung auf alle Nachkommen. Nicht weniger belächeln sie die Tatsache, dass dieses Übel alle Menschen erfasste und so einen Erlöser notwendig machte. Die natürliche Folge solcher Voraussetzungen aber ist die, dass es für Christus, für Kirche, für Gnade und eine übernatürliche Ordnung keine Daseinsberechtigung mehr in der Welt gibt. Mit einem Worte, das ganze Gebäude des Glaubens ist dadurch völlig unterhöhlt. – Wenn hingegen die Menschen gläubig bekennen, dass Maria die Jungfrau im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von aller Sündenmakel frei geblieben ist, so bedeutet das ebensoviel, wie die Erbsünde, die Erlösung durch Christus, das Evangelium, die Kirche und selbst das Gesetz des Leidens zugeben und annehmen. Dann ist aber auch dem Rationalismus und dem Materialismus jeder Grund entzogen, und die christliche Weltanschauung darf rühmend für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit verteidigt und geschützt zu haben.

XIV. Der Rationalismus und die Immakulata

Die Glaubensfeinde verfügen indessen über noch andere Mittel, um namentlich heutzutage den Glauben in den Herzen zu Grunde zu richten. Man kündigt nämlich der Autorität der Kirche wie schließlich überhaupt auch jeder menschlichen Autorität Ehrfurcht und Gehorsam auf und verleitet auch die Mitmenschen dazu. Hier stehen wir vor der Keimzelle des Anarchismus, dieser verabscheuungswürdigen Pest, wie sie verhängnisvoller für die natürliche und übernatürliche Ordnung in der Menschenwelt nicht sein kann. Auch diese für die staatliche und kirchliche Ordnung so gefährliche Zeiterscheinung richtet sich im Grunde gegen den Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter; denn gerade diese Lehre verpflichtet uns, der Kirche nicht bloß über unseren Willen, sondern auch über unsern Verstand bestimmenden Einfluss einzuräumen. Und weil wir so auch unseren Verstand in Zucht nehmen, begrüßt das christliche Volk die Gottesmutter mit den Worten: „Ganz schön bist du, Maria, und die erbliche Makel ist nicht in dir[32].“ – So bewahrheitet sich auch der glorreiche Lobpreis, den die Kirche mit Recht der hehren Jungfrau spendet, „dass sie nämlich alle Irrlehren der Welt vernichtet hat“.

23 Der Glaube aber ist, wie der Apostel sagt, „das feste Vertrauen auf das, was man erhofft“[33]. Wenn wir also durch die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau in unserem Glauben bestärkt werden, so gilt dies selbstverständlich erst recht für die Hoffnung. Und dieses umso mehr, da Maria ja nur deswegen von der Erbsünde bewahrt wurde, weil sie Mutter Christi sein sollte; Mutter Christi wurde sie aber, damit in uns die Hoffnung auf die ewigen Güter neu geweckt würde.

XV. Die Immakulata führt zur Gottesliebe

24 Über die Liebe zu Gott brauchen wir keine Worte zu verlieren. Eine besondere Erwägung indessen verdient, wie die Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau uns aufmuntern kann zur Beobachtung jenes Gesetzes, das Jesus mit Vorzug sein Gebot genannt hat, nämlich das Gebot, dass wir einander lieben sollen, wie er selbst uns geliebt hat. – „Ein großes Zeichen“, so beschreibt der Apostel Johannes das ihm zuteil gewordene Gesicht, „ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, den Mond zu ihren Füßen, und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupte[34].“ Jeder aber weiß, dass diese Frau niemand anderen bedeutet als Maria, die als unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt geboren. „Und die Frau“ so fährt der Apostel fort, „war gesegneten Leibes und schrie in ihren Wehen und Geburtsnöten“[35]. Der Apostel sah also die heilige Gottesmutter, obwohl sie bereits beseligt im Himmel war, doch an geheimnisvollen Geburtswehen leiden. Was für eine Geburt mag damit wohl gemeint sein? Zweifellos handelt es sich um die Geburt von uns selbst, die wir, in der irdischen Verbannung noch zurückgehalten, erst zur vollkommenen Liebe Gottes und zur ewigen Glückseligkeit geboren werden müssen. Die Geburtswehen Mariens aber veranschaulichen ihre Liebe und ihr Bemühen, mit denen die Jungfrau auf dem Himmelsthron wacht und durch ihre fortwährende Fürbitte zu bewirken sucht, dass die Zahl der Erwählten ihr Vollmaß erreiche.

XVI. Maria überwindet die modernen Irrlehren

25 Dass nun diese Liebe besonders bei Gelegenheit dieser außerordentlichen Feier der Unbefleckten Empfängnis der Gottesgebärerin das Ziel aller werden möge, dahin geht Unser sehnlichstes Verlangen. Wie grimmig und wütend wird übrigens auch in unserer Zeit Christus verfolgt und die von ihm ins Leben gerufene heilige Religion! Wie viele schweben in augenscheinlicher Gefahr, durch all die schleichenden Irrtümer verführt zu werden und vom Glauben abzufallen? „Wer also zu stehen glaubt, der sehe zu, dass er nicht falle[36].“ Möchten doch alle durch Gebet und demütiges Flehen sich bei Gott verwenden, dass, wer von der Wahrheit abgewichen ist, durch die Fürbitte der Gottesmutter zur Einsicht gelange. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass ein Gebet, das aus einem liebenden Herzen strömt und sich auf die Fürsprache der seligsten Jungfrau berufen kann, nie umsonst ist. Die Kirche wird ja freilich auch weiterhin immer wieder mit Kampf und Verfolgung rechnen müssen: „Denn es müssen ja Spaltungen sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden[37]“. Aber ebenso gewiss ist es, dass die seligste Jungfrau mit uns ist selbst in den verzweifeltesten Lagen; und so wird sie den Kampf fortsetzen, der in ihrer Empfängnis schon begonnen hat, und jeden Tag wird sich von neuem das Wort bewahrheiten: „Heute hat sie der Schlange den Kopf zertreten[38].“

XVII. Das außerordentliche Jubiläum

26 Damit wir nun durch eine reichlichere Gnadenhilfe von oben instandgesetzt werden, um mit den Ehrungen, mit denen wir im Laufe dieses Jahres Maria mehr als sonst überhäufen, auch die Nachahmung ihrer Tugenden zu verbinden, und damit Wir auch Unseren Wahlspruch, „alles in Christus zu erneuern“, um so nachdrücklicher verwirklichen können, haben Wir, wie dies bei Unseren Vorgängern beim Antritt ihres Pontifikates üblich war, beschlossen, einen außerordentlichen Ablass in Form eines Jubiläums dem ganzen katholischen Erdkreis zu gewähren … [Die Ablassbestimmungen wurden hier weggelassen.]

XVIII. Maria, Stärke und Hoffnung der Kirche

33 Wir beschließen nun, ehrwürdige Brüder, dieses Unser Schreiben mit dem erneuten Ausdruck einer Hoffnung, die ganz fest in Unserem Herzen verankert ist. Wir versprechen Uns nämlich von diesem außerordentlichen Jubiläum, das Wir unter dem Schutz der unbefleckten Jungfrau ausgeschrieben haben, dass recht viele, die sich leider von Jesus Christus getrennt haben, zu ihm zurückkehren werden, und dass in der christlichen Welt die Liebe zur Tugend und Frömmigkeit einen neuen Aufschwung nehme. Als Unser Vorgänger Pius vor 50 Jahren die Unbefleckte Empfängnis als Glaubenssatz verkündete, da schien, wie Wir bereits bemerkt haben, ein außerordentlicher Gnadensegen die ganze Erde zu überfluten; und da die Hoffnung und das Vertrauen auf die jungfräuliche Gottesmutter stieg, so nahm auch die Religiosität des Volkes wie ehedem allerorts erfreulich zu. Warum sollten nicht auch wir uns auf Ähnliches und noch Größeres für die Zukunft Hoffnung machen dürfen? Gewiss sind die Zeiten, in denen wir leben, düster verhangen, so dass auch wir mit dem Propheten sagen können: „Es ist keine Wahrheit, kein Erbarmen und keine Erkenntnis Gottes mehr im Lande, Lästerung, Lüge, Mord und Diebstahl nehmen überhand[39].“ Aber seht! Gerade inmitten dieser Sündflut von Übeln erscheint vor unseren Augen dem Regenbogen gleich die gütigste Jungfrau als Friedensstifterin zwischen Gott und den Menschen. „Meinen Bogen setze im ins Gewölk, und er sei zum Bundeszeichen zwischen mir und zwischen der Erde[40].“ Mögen die Stürme auch noch so wüten und mag schwarze Nacht den Himmel bedecken, so braucht doch niemand zu bangen. Ein Blick auf Maria, und Gott ist versöhnt und verschont uns. „Der Bogen wird im Gewölke sein, und ich werde ihn schauen und gedenken des ewigen Bundes[41].“ „Und es werden fürder nicht sein Wasserfluten, zu vertilgen alles Fleisch[42].“ Setzen wir unser ganzes Vertrauen, wie es ja nur billig ist, auf Maria, besonders jetzt, da wir ihre Unbefleckte Empfängnis freudiger verehren als sonst! Dann werden auch wir es inne werden und erfahren, dass sie die mächtige Jungfrau ist, die den Kopf der Schlange mit ihrem jungfräulichen Fuße zertreten hat[43].

34 Zum Unterpfand dieser Himmelsgaben, ehrwürdige Brüder, erteilen Wir euch und euren Gläubigen aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 2. Februar 1904,

im 1. Jahre Unseres Pontifikates.

Pius PP. X.

 


 

[1] Jer 8,15.

[2] Is 14,1.

[3] Is 14,5.7.

[4] Lk 1,45.

[5] S. Leo M., Sermo II de Nativ. Domini, c. c.2.

[6] Joh 17,3.

[7] Röm 12,5.

[8] Lk 2,11.

[9] Eph 5,30.

[10] S. Aug., De sancta Virginitate c. 6.

[11] Kol 1,18.

[12] 1 Joh 4,9.

[13] S. Beda Ven., I. IV in Lk 1.

[14] Ps 30,11.

[15] S. Bonav., I Sent., d. 48, ad litt., dub. 4.

[16] Eadmeri Mon., De Excellentia Virg. Mariae, c. 9.

[17] Pius IX., Litt. Ap., “lnefIabilis“, 8. Dez. 1854.

[18] Joh 1,16.

[19] Eph 4,16.

[20] S. Bern., Serm. de temp., in Nativ. B. V. de Aquaeductu n.4.

[21] S. Bem. Sen., Quadrag. de Evangelio aetemo, Serm. X, a. 3, c. 3.

[22] Hebr 1,3.

[23] Pius IX., Litt. Ap. „Ineffabilis“, 8. Dez. 1854.

[24] Mt 15,8.

[25] Jo 2,5.

[26] Mt 19,17.

[27] Dionys. Carth., 3 Sent. d. 3, q. 1.

[28] Röm 8,29.

[29] S. Ambr., De Virginib., I. II, c. 2.

[30] Jo 19,7.

[31] Mt 27,25.

[32] Grad. Miss. in festo Imm. Conc.

[33] Hebr 11,1.

[34] Offb 12,1.

[35] Offb 12,2.

[36] 1 Kor 10,12.

[37] 1 Kor 11,19.

[38] Off. Imm. Conc. in 2 Vesp. ad Magnif.

[39] Hos 4,1–2.

[40] Gen 9,13.

[41] Gen 9,16.

[42] Gen 9,15.

[43] Off. Imm. Conc. B.M.V.

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Quelle

BENEDIKT XVI.: JAHR DES GLAUBENS — Die Jungfrau Maria: Bild des gehorsamen Glaubens

benedetto-xvi-1

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 19. Dezember 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Auf dem Weg des Advents nimmt die Jungfrau Maria einen besonderen Platz ein als jene, die auf einzigartige Weise die Erfüllung der Verheißungen Gottes erwartet und Jesus, den Sohn Gottes, im Glauben und in ihrem Leib angenommen hat, in völligem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen. Heute möchte ich vom großen Geheimnis der Verkündigung her kurz mit euch über den Glauben Marias nachdenken.

»Chaîre kecharitomene, ho Kyrios meta sou«, »Freue dich, du Gnadenvolle. Der Herr ist mir dir« (Lk 1,28). Dies sind die Worte – vom Evangelisten Lukas wiedergegeben –, mit denen der Erzengel Gabriel sich an Maria wendet. Auf den ersten Blick scheint der Begriff »chaîre«, »freue dich«, ein normaler Gruß zu sein, der im griechischen Sprachraum üblich ist. Auf dem Hintergrund der biblischen Überlieferung erhält dieses Wort jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Derselbe Begriff erscheint viermal im griechischen Text des Alten Testaments, und zwar immer als freudige Verkündigung der Ankunft des Messias (vgl. Zef 3,14; Joël 2,21; Sach 9,9; Klgl 4,21). Der Gruß des Engels an Maria ist also eine Einladung zur Freude, zu einer tiefen Freude. Er verkündet das Ende der Traurigkeit, die in der Welt ist angesichts der Begrenztheit des Lebens, angesichts des Leidens, des Todes, der Bosheit, der Finsternis des Bösen, die das Licht der göttlichen Güte zu verdunkeln scheint. Es ist ein Gruß, der den Beginn des Evangeliums, der Frohen Botschaft, anzeigt.

Warum aber wird Maria eingeladen, sich auf diese Weise zu freuen? Die Antwort findet sich in der zweiten Hälfte des Grußes: »Der Herr ist mit dir«. Auch hier müssen wir uns, um den Sinn des Gesagten richtig zu verstehen, dem Alten Testament zuwenden. Im Buch Zefanja finden wir dieses Wort: »Juble, Tochter Zion … Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte … Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt« (3,14–17). In diesen Worten liegt eine zweifache Verheißung, die an Israel, die Tochter Zion, ergeht: Gott wird als Retter kommen und in der Mitte seines Volkes Wohnung nehmen, im Schoß der Tochter Zion. Im Zwiegespräch zwischen dem Engel und Maria erfüllt sich genau diese Verheißung: Maria wird gleichgesetzt mit dem Volk, mit dem Gott den Bund geschlossen hat, sie ist wirklich die Tochter Zion in Person; in ihr erfüllt sich die Erwartung der endgültigen Ankunft Gottes, in ihr nimmt der lebendige Gott Wohnung.

Im Gruß des Engels wird Maria »Gnadenvolle« genannt; im Griechischen hat der Begriff »Gnade«, »charis«, dieselbe sprachliche Wurzel wie das Wort »Freude«. Auch in diesem Ausdruck wird die Quelle der Freude Marias noch besser erläutert: Die Freude kommt aus der Gnade, sie kommt also aus der Gemeinschaft mit Gott, aus der Tatsache, in so enger Verbindung mit ihm zu stehen, die Wohnung des Heiligen Geistes zu sein, völlig vom Wirken Gottes geprägt. Maria ist das Geschöpf, das auf einzigartige Weise ihrem Schöpfer die Tür weit geöffnet hat, sich ohne Einschränkung in seine Hände gegeben hat. Sie lebt ganz und gar »von« und »in« der Beziehung mit dem Herrn; sie ist in hörender Haltung, achtet darauf, die Zeichen Gottes auf dem Weg seines Volkes zu erfassen; sie ist eingebunden in eine Geschichte des Glaubens und der Hoffnung auf die Verheißungen Gottes, die das Gefüge ihres Daseins darstellt. Und sie unterwirft sich im Glaubensgehorsam freiwillig dem empfangenen Wort, dem göttlichen Willen. Der Evangelist Lukas erzählt die Geschichte Marias durch einen subtilen Parallelismus zur Geschichte Abrahams. Wie der große Erzvater der Vater der Glaubenden ist, der auf den Ruf Gottes geantwortet hat, das Land, in dem er lebte, seine Sicherheiten zu verlassen, um in ein unbekanntes Land aufzubrechen, dessen Besitz ihm von Gott verheißen ist, so vertraut sich Maria mit völligem Vertrauen dem Wort an, das ihr der Bote Gottes verkündigt, und wird zum Vorbild und zur Mutter aller Gläubigen.

Ich möchte einen weiteren wichtigen Aspekt hervorheben: Die Öffnung der Seele für Gott und sein Wirken im Glauben schließt auch das Element der Dunkelheit ein. Die Beziehung des Menschen zu Gott löscht die Entfernung zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht aus, beseitigt nicht das, was der Apostel Paulus angesichts der Tiefe der Weisheit Gottes sagt: »Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!« (Röm 11,33). Aber gerade wer – wie Maria – vollkommen offen ist für Gott, gelangt zur Annahme des göttlichen Willens, auch wenn er geheimnisvoll ist, auch wenn er oft nicht dem eigenen Willen entspricht und ein Schwert ist, das durch die Seele dringt, wie der alte Simeon auf prophetische Weise zu Maria sagen wird, als Jesus später im Tempel dargebracht wird (vgl. Lk 2,35). Zum Glaubensweg Abrahams gehört der Augenblick der Freude über das Geschenk seines Sohnes Isaak ebenso wie der Augenblick der Dunkelheit, als er auf den Berg Morija steigen muß, um eine paradoxe Geste zu vollbringen: Gott fordert ihn auf, den Sohn zu opfern, den er ihm gerade geschenkt hat. Auf dem Berg gebietet ihm der Engel: »Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, daß du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten « (Gen 22,12). Das volle Vertrauen Abrahams in einen Gott, der den Verheißungen treu ist, schwindet auch dann nicht, wenn sein Wort geheimnisvoll und schwierig, fast unmöglich anzunehmen ist. Ebenso ist es für Maria: Ihr Glaube lebt die Freude der Verkündigung, aber er geht auch durch die Dunkelheit der Kreuzigung ihres Sohnes, um zum Licht der Auferstehung gelangen zu können.

Auch für den Glaubensweg eines jeden von uns ist es nicht anders: Wir erleben Augenblicke des Lichts, aber wir erleben auch Zeiten, in denen Gott abwesend zu sein scheint, sein Schweigen auf unserem Herzen lastet und sein Wille nicht dem unseren entspricht – dem, was wir möchten. Aber je mehr wir uns Gott öffnen, das Geschenk des Glaubens annehmen, unser Vertrauen ganz auf ihn setzen – wie Abraham und wie Maria –, desto mehr befähigt er uns, mit seiner Gegenwart jede Situation des Lebens im Frieden und in der Gewißheit seiner Treue und seiner Liebe zu leben. Das bedeutet jedoch, aus sich selbst und aus den eigenen Plänen herauszugehen, damit das Wort Gottes das Licht sei, das unser Denken und unser Handeln leitet.

Ich möchte noch einen anderen Aspekt erwähnen, der in den Berichten des hl. Lukas über die Kindheit Jesu zum Vorschein kommt. Maria und Josef bringen ihren Sohn nach Jerusalem, zum Tempel, um ihn dem Herrn darzubringen und zu weihen, wie das Gesetz des Mose es vorschreibt: »Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein« (vgl. Lk 2,22–24). Diese Geste der Heiligen Familie bekommt einen noch tieferen Sinn, wenn wir sie im Licht der im Evangelium berichteten Episode des zwölfjährigen Jesus betrachten, der nach dreitägiger Suche im Tempel wiedergefunden wird, wo er mit den Schriftgelehrten diskutiert. Auf die sorgenvollen Worte von Maria und Josef: »Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht«, erfolgt die geheimnisvolle Antwort Jesu: »Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2,48–49) – also im Eigentum des Vaters, im Haus des Vaters, wie ein Sohn. Maria muß den tiefen Glauben erneuern, mit dem sie bei der Verkündigung »ja« gesagt hat; sie muß akzeptieren, daß der eigentliche Vater Jesu den Vorrang hat, sie muß den Sohn loslassen können, den sie zur Welt gebracht hat, damit er seiner Sendung folgt. Und das »Ja« Marias zum Willen Gottes, im Glaubensgehorsam, wiederholt sich ihr ganzes Leben lang, bis hin zum schwierigsten Augenblick, dem des Kreuzes.

Angesichts all dessen können wir uns fragen: Wie konnte Maria diesen Weg an der Seite ihres Sohnes mit einem so festen Glauben leben, auch in der Dunkelheit, ohne das volle Vertrauen in das Wirken Gottes zu verlieren? Es gibt eine Grundhaltung, die Maria angesichts dessen, was in ihrem Leben geschieht, annimmt. Bei der Verkündigung erschrickt sie, als sie die Worte des Engels hört – es ist die Furcht, die der Mensch verspürt, wenn er von der Nähe Gottes berührt wird –, aber es ist nicht die Haltung dessen, der Angst vor dem hat, was Gott erbitten könnte. Maria denkt nach, sie überlegt, was dieser Gruß zu bedeuten habe (vgl. Lk 1,29). Der griechische Begriff, der im Evangelium gebraucht wird, um dieses »Nachdenken« zum Ausdruck zu bringen, »dielogizeto«, verweist auf die Wurzel des Wortes »Dialog«. Das bedeutet, daß Maria in einen vertrauten Dialog eintritt mit dem Wort Gottes, das ihr verkündigt wurde. Sie betrachtet es nicht oberflächlich, sondern sie verweilt dabei, läßt es in ihren Verstand und in ihr Herz eindringen, um zu verstehen, was der Herr von ihr will, den Sinn der Verkündigung. Einen weiteren Hinweis auf die innere Haltung Marias gegenüber dem Wirken Gottes finden wir – ebenfalls im Evangelium des hl. Lukas – bei der Geburt Jesu, nach der Anbetung der Hirten. Es heißt, Maria »bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (Lk 2,19). Der griechische Begriff ist »symballon«: Wir könnten sagen, daß sie all das, was ihr geschah, in ihrem Herzen »zusammenhielt«, »zusammenstellte «; sie stellte jedes einzelne Element, jedes Wort, jede Tatsache in das Ganze hinein und verarbeitete es, bewahrte es und erkannte, daß alles aus dem Willen Gottes kommt. Maria macht nicht halt bei einem oberflächlichen Verständnis dessen, was in ihrem Leben geschieht, sondern sie blickt in die Tiefe, läßt sich von den Ereignissen ansprechen, verarbeitet sie, erkennt sie und erlangt jenes Verständnis, das nur der Glaube gewährleisten kann. Es ist die tiefe Demut des gehorsamen Glaubens Marias, der auch das in sich aufnimmt, was sie am Wirken Gottes nicht versteht, indem sie zuläßt, daß Gott ihren Verstand und ihr Herz öffnet. »Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1,45), ruft ihre Verwandte Elisabet aus. Eben aufgrund ihres Glaubens werden alle Geschlechter sie seligpreisen.

Liebe Freunde, das Hochfest der Geburt des Herrn, das wir in einigen Tagen feiern werden, lädt uns ein, dieselbe Demut und denselben Glaubensgehorsam zu leben. Die Herrlichkeit Gottes zeigt sich nicht im Triumph und in der Macht eines Königs, sie erstrahlt nicht in einer berühmten Stadt, in einem prächtigen Palast, sondern sie nimmt Wohnung im Schoß einer Jungfrau, sie offenbart sich in der Armut eines Kindes. Auch in unserem Leben wirkt die Allmacht Gottes mit der oft stillen Kraft der Wahrheit und der Liebe. Der Glaube sagt uns also, daß die wehrlose Macht jenes Kindes am Ende den Lärm der Mächte der Welt besiegt.

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Quelle

‪„Sind wir fähig, danke zu sagen?“

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Marianisches Jubiläum, Petersplatz, 9. Oktober 2016 / © CTV – OSSERVATORE ROMANO

Predigt von Papst Franziskus
bei der Hl. Messe zum Marianischen Jubiläum — Volltext

Anläßlich des Marianischen Jubiläums feierte Papst Franziskus am Sonntag, dem 9. Oktober, die Hl. Messe auf dem Petersplatz.‬

‪Ausgehend vom heutigen Tagesevangelium, das die Geschichte der Heilung von zehn Leprakranken erzählt, von denen nur einer zurück zu Jesus lief, um ihm zu danken, konfrontierte der Papst die Gläubigen und Pilger auf dem Platz mit einer eindringenden Frage. ‪„Sind wir fähig, danke zu sagen?“, so sagte er. ‪‬

„Wie oft sagen wir in der Familie danke, in der Gemeinschaft oder in der Kirche? Wie oft sagen wir jemandem danke, der uns hilft, der uns nahe ist oder der uns im Leben begleitet?“, so fragte er mit Nachdruck. Es sei ja leicht zu Gott zu gehen, um etwas zu erbitten, so betonte der Papst, aber zurückzukehren, um sich zu bedanken? Oft – so sagte er – nähmen wir alles als selbstverständlich hin.‬

Die Muttergottes sei auch hier ein Beispiel und Vorbild für die Jünger Jesu. Nachdem Maria die Botschaft des Engels erhalten habe, richte sie aus ihrem Herzen einen Lob- und Dankesgesang an Gott, so erinnerte der Papst. ‪„Bitten wir die Gottesmutter, uns zu helfen, damit wir verstehen, dass alles Gabe Gottes ist, und damit wir danke zu sagen vermögen. Dann wird unsere Freude vollkommen sein!“, so lud er die Gläubigen ein.‬

Dazu brauche es aber Demut und die Fähigkeit, die Gaben Gottes zu empfangen, genau wie die Gottesmutter, so betonte der Heilige Vater, der weiter daran erinnerte, dass der einzige geheilte Leprakranke, der zu Jesus zurückkehrte, um ihm zu danken, ein Fremder war, ein Samariter. „Wie viele Fremde, auch Menschen anderer Religionen, geben uns ein Beispiel für die Werte, die wir manchmal vergessen oder vernachlässigen“, so unterstrich er.‬

‪Wir dokumentieren den Volltext der Predigt in der offiziellen Übersetzung. (pdm)

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Das Evangelium dieses Sonntags (Lk 17,11-19) lädt uns ein, mit Staunen und Dankbarkeit die Gaben Gottes anzuerkennen. Auf dem Weg, der ihn zum Tod und zur Auferstehung führt, trifft Jesus zehn Aussätzige, die ihm entgegenkommen. Sie bleiben in der Ferne stehen und schreien ihr Übel vor jenem Mann heraus, den ihr Glaube als möglichen Retter erahnt: »Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!« (V. 13). Sie sind krank. Sie suchen jemand, der sie heilt. Jesus antwortet und sagt ihnen, zu den Priestern zu gehen und sich ihnen zu zeigen. Nach dem Gesetz des Mose hatten die Priester nämlich die Aufgabe, eine eventuelle Heilung festzustellen. Auf diese Weise beschränkt Jesus sich nicht darauf, ein Versprechen zu geben, sondern stellt ihren Glauben auf die Probe. Zu diesem Zeitpunkt sind die Zehn nämlich noch nicht geheilt. Sie erlangen die Gesundheit erst auf dem Weg zurück, nachdem sie dem Wort Jesu gehorcht haben. Alle zeigen sich voller Freude den Priestern und gehen dann ihre Wege, wobei sie aber den Geber vergessen, also den Vater, der sie durch seinen Mensch gewordenen Sohn Jesus geheilt hat.

Nur einer macht eine Ausnahme: ein Mann aus Samarien, ein Fremder, der an den Rändern des auserwählten Volkes lebt, fast ein Heide! Dieser Mann gibt sich nicht damit zufrieden, die Heilung mittels des eigenen Glaubens erhalten zu haben, sondern sorgt dafür, dass jene Heilung auch zu ihrer Vollendung kommt. Er kehrt zurück, um seinen Dank für die empfangene Gabe zu bekunden. So erkennt er Jesus als den wahren Priester an, der ihn – nachdem er ihn aufgerichtet und geheilt hat – auf den Weg bringt und in seine Jüngerschaft ruft.

Dank sagen und Lob darbringen können für das, was der Herr für uns tut – wie ist das wichtig! Und dabei mögen wir uns fragen: Sind wir fähig, danke zu sagen? Wie oft sagen wir in der Familie danke, in der Gemeinschaft oder in der Kirche? Wie oft sagen wir jemandem danke, der uns hilft, der uns nahe ist oder der uns im Leben begleitet? Oft nehmen wir alles als selbstverständlich hin. Und das geschieht auch mit Gott. Es ist leicht zu Gott zu gehen, um etwas zu erbitten. Aber zurückzukehren, um sich zu bedanken …? Deshalb unterstreicht Jesus mit Nachdruck das Ausbleiben der neun undankbaren Aussätzigen: »Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?« (Lk 17,17-18).

An diesem Tag des Jubiläums wird uns ein Vorbild empfohlen, ja geradezu das Vorbild, auf das wir schauen sollen: Maria, unsere Mutter. Nachdem sie die Botschaft des Engels erhalten hatte, ließ sie aus ihrem Herzen einen Gesang des Lobes und des Dankes an Gott kommen: »Meine Seele preist die Größe des Herrn …«. Bitten wir die Gottesmutter, uns zu helfen, damit wir verstehen, dass alles Gabe Gottes ist, und damit wir danke zu sagen vermögen. Dann wird unsere Freude vollkommen sein!

Um danke sagen zu können bedarf es auch der Demut. In der ersten Lesung haben wir die eigenartige Geschichte von Naaman, dem Feldherrn des Königs von Aram gehört (vgl. 2 Kön5,14-17). An Aussatz erkrankt, nimmt er, um geheilt zu werden, den Vorschlag einer armen Sklavin an und unterzieht sich den Behandlungen des Propheten Elischa, der für ihn ein Feind ist. Naaman ist jedoch bereit, sich zu demütigen. Und Elischa verlangt nichts von ihm, sondern trägt ihm nur auf, ins Wasser des Jordan einzutauchen. Diese Aufforderung verblüfft Naaman, ja macht ihn verärgert: Kann es wirklich ein Gott sein, der solche Banalitäten verlangt? Er möchte kehrtmachen, aber dann akzeptiert er es, in den Jordan einzutauchen, und wird augenblicklich geheilt.

Das Herz Marias ist mehr als alle anderen demütig und fähig, die Gaben Gottes zu empfangen. Für seine Menschwerdung hat Gott gerade sie erwählt, ein einfaches Mädchen aus Nazaret, die nicht in den Palästen der Macht und des Reichtums wohnte und die keine außerordentlichen Heldentaten vollbracht hatte. Fragen wir uns, ob wir bereit sind, die Gaben Gottes zu empfangen, oder ob wir es lieber vorziehen, uns auf unsere materiellen Sicherheiten, auf unsere intellektuellen Gewissheiten oder auf die Gewähr unserer Planungen zurückzuziehen.

Es ist bedeutsam, dass Naaman und der Mann aus Samaria zwei Fremde sind. Wie viele Fremde, auch Menschen anderer Religionen, geben uns ein Beispiel für die Werte, die wir manchmal vergessen oder vernachlässigen. So mancher, der neben uns lebt und vielleicht gering geschätzt oder ausgegrenzt wird, weil er ein Fremder ist, kann uns jedoch beibringen, wie wir auf dem Weg gehen sollen, den der Herr will. Auch die Muttergottes hat mit ihrem Bräutigam Josef die Ferne von ihrer Heimat erfahren. Für lange Zeit ist sie eine Fremde in Ägypten gewesen, weit weg von ihren Verwandten und Freunden. Ihr Glaube hat jedoch die Schwierigkeiten zu meistern gewusst. Machen wir uns den einfachen Glauben der heiligen Muttergottes zu eigen; bitten wir sie, dass wir lernen, immer zu Jesus zurückzukommen, um ihm danke zu sagen für so viele Wohltaten seiner Barmherzigkeit.

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