VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 2. MARIA, UNSER LEBEN

Maria, unser Leben

Im „salve regina“ grüßen wir Maria als „unser Leben“. Vita, dulcedo et spes nostra, salve! Besteht dieser Titel zurecht? Ist er vielleicht einer augenblicklichen Überschwänglichkeit, einer spontanen Begeisterung des Dichters entsprungen? Ist er vereinbar mit dem Wort des Herrn, indem er selbst sich als das Leben bezeichnet? Ist der Anruf theologisch haltbar?

Die Anrufung Mariens als „vita“ ist zunächst begründet im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Der Tod hat ja seinen Ursprung in der Sünde. Nur durch die Sünde ist der Tod in die Welt gekommen (vgl. Röm. 5, 12). Der Tod ist die ausdrückliche Strafe, die Gott auf die Übertretung des Paradiesgebotes gesetzt hatte, aber diese Strafe ist eine dem Wesen der Sünde entsprechende immanente Folge. Jede Sünde geht ans Leben. Die läßlich Sünde ist Schwächung, Minderung des Leben, die schwere Sünde Tötung des Lebens. Wenn Paulus sagt „Wie demnach durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist, weil alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12), dann darf der Tod nicht auf das leibliche Leben beschränkt werden. Der Verlust des Gnadenlebens fällt zusammen mit der ersten Sünde, sie koinzidieren. Die schwere Sünde selbst ist der Tod. Sie zieht als konsequente Folgerung auch den Tod des leiblichen Lebens nach sich. Der Mensch in der schweren Sünde trägt keimhaft den Tod in sich. Er gebiert im Lauf seines Lebens den Tod, der seine Früchte zeitig in einem Heer von Krankheiten, in einem Meere von Not und Leiden und Tränen, in den tausendfachen Formen des leiblichen Sterbens und schließlich im ewigen Tod, in der ewigen Verdammnis. Das ist der Tod in seiner letzten Vollendung, in seiner definitiven Gestalt, die Statik des Todes. „Das ist der zweite Tod“ (Apok. 20, 15).

Weil Maria als die Unbefleckt Empfangene vor aller Sünde bewahrt wurde, stand sie nicht unter dem Gesetz des Todes. Die Kirche hat die Frage offengelassen, ob Maria den leiblichen Tod auf sich genommen hat oder nicht. In der Enzyklika „Munificentissimus Deus“ heißt es: „Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“. Aber es ist doch die Meinung nahezu aller Theologen, dass Maria gestorben ist. Wenn wir den Gedanken der Miterlöserschaft Mariens zu Ende denken, hat Maria freiwillig aus Liebe zu Christus und seinem Werk den Tod erlitten. Aber dieser Tod wäre durchaus kein Widerspruch gegen den Anruf „Leben“.

Diese Anrufung stützt sich weiter auf das denkbar innige Christusverhältnis Mariens. Weil kein Mensch in einer solchen Christusverbundenheit, in einer solch intimen und intimsten Christusnähe gelebt hat wie sie, muss sie auch der vitalste Mensch, die vitalste Frau sein, die es jemals gegeben hat und geben wird. Wenn schon ein hl. Paulus von sich sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20), wie sehr mag dann dieses Wort auf Maria zutreffen! Hier ist nicht zuerst an die leibliche Nähe Mariens zu Christus gedacht. Auch diese war einzigartig. Jedes Menschenkind ist immer nur zur Hälfte Kind seiner Mutter, es ist ebensosehr Kind seines Vaters. Weil aber das männliche Zeugungsprinzip bei der Empfängnis Mariens ausgeschaltet ist, ist Christus dem Fleische nach ganz und gar Kind Mariens. Niemals hat es ein Kind gegeben, das so „auf seine Mutter gekommen ist“ wie Christus auf Maria. Diese Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind sucht vergeblich eine Parallele.

Viel wesentlicher aber als diese leibliche Nähe ist die geistige. Maria ist ihrem göttlichen Sohn nahe in Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Väter betonen immer wieder, dass Maria Mutter Christi ist „prius mente quam ventre“. Sie hatte ihn zunächst im Schoß ihres Geistes und Herzens und dann im Schoß ihres Leibes empfangen. Nach einem Wort des heiligen Augustinus lebt der Menschen nicht dort, wo er lebt, sondern dort wo er liebt. Maria, die gratia plena, ist auch die caritate plena. Sie liebt Christus mit der ungebrochenen natürlichen und übernatürlichen Liebeskraft eines fraulichen Herzens. Immerzu weilen ihre Gedanken bei ihrem göttlichen Sohn. Sie teilt seine Freuden und Leiden, seine Anliegen und Sorgen, soweit überhaupt ein Mensch Gott zu folgen vermag. Was die Liebeslieder aller Zeiten gesungen haben über die Hingabe des Geliebten an den Geliebten, über ihre Sehnsucht nach ihm, ist im Verhältnis Mariens zu Christus unerhört kühne Wirklichkeit geworden. Maria geht ganz auf in Jesus Christus. Im restlosen und rastlosen Dienst an ihn findet sie die Erfüllung ihres Lebens.

Jede Liebe eint, jede Liebe bindet. Vom Maß der Liebe Mariens können wir den Grad der „Einheit“ bestimmen, die zwischen Maria und Christus bestanden haben muss. Es ist eine Einheit, die bis an die äußerste Grenze des Möglichen geht, wie sie überhaupt zwischen Gott und dem Geschöpf denkbar ist. Die Liebe Mariens duldet keinerlei Trennung von Jesus Christus. Paulus stellt die Frage: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“ „Etwa Trübsal oder Bedrängnis, oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Er führt fast erschöpfend alle Belastungsproben für seine Christusliebe an. Aber Paulus kann sich schlechterdings nichts denken, das seine Christusliebe beeinträchtigen könnte. So darf er voller Vertrauen sagen: „Aber in alledem bleiben wir siegreich durch den, der uns geliebt hat. Ich bin überzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Mächte, weder Hohes noch Niederes, noch sonst etwas Erschaffenes vermag uns von der Liebe Gottes zu scheiden, die da ist in Christus Jesus unserem Herrn“ (Röm. 8, 35f.).

Dieses Wort gilt a fortiori von Maria. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Maria sich von der Seite Christi getrennt hat. Das ließ ihre Liebe nicht zu. Sie ist mit ihm gezogen während der drei Jahre seiner öffentlichen Tätigkeit durch ganz Palästina und hat alle Entbehrungen und Strapazen eines solchen unruhigen Lebens geteilt; sie ist ihm auch bis unter das Kreuz gefolgt, wo ihr Schoß die erste Ruhestätte ihres toten Sohnes wurde.

Die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre einmalige Christusgemeinschaft lassen auf eine Fülle des Lebens schließen, die wir nur dunkel ahnen können, so dass die Anrufung „vita“ berechtigt zu sein scheint. Aber die Anrufung besagt mehr. Sie preist Maria nicht als das Leben schlechthin. Das ist Jesus Christus. Sie preist Maria als unser Leben. Es geht in diesem Anruf um die Beziehung Mariens zu uns. Er stellt ihr Leben in seiner Bedeutung für unser Leben heraus. Es geht hier um die heil- und lebenvermittelnde Rolle Mariens. Die heil- und lebenspendende kommt ihr nicht zu.

Das vitale Verhältnis Mariens zu uns geben wir wieder mit dem uns so lieb und vertraut gewordenen Wort „Mutter“. Kaum ein Marienlied ist so verbreitet und so beliebt beim katholischen Volk wie das Lied: Maria zu lieben. Dieses Lied besingt die kindliche Liebe, die der Katholik zu Maria, seiner himmlischen Mutter, hegt. Dieser Gedanke ist deutlich ausgesprochen in der zweiten Strophe: „Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein.“

Maria ist unser Leben, unsere Mutter in einem zweifachen Sinne, in einem indirekt ontischen und präzeptorischen Sinne. Die indirekt ontische Grundlage der Mutterschaft Mariens betonen nachdrücklich Väter und Theologen. Vielleicht bezeugt Gottfried von Vendôme diese Mutterschaft am klarsten. „Die wahrhaft gute Maria gebar Christus und in Christus die Christen. Es ist also die Mutter Christi Mutter der Christen.“ Eadmerus argumentiert folgendermaßen: „O Herrin, wenn dein Sohn durch dich unser Bruder geworden ist, bist nicht dann auch du durch ihn unsere Mutter?“ Eine ähnliche Argumentation finden wir beim heiligen Anselm. Wie die Väter, lehren auch die Päpste. In der Enzyklika „Ad Diem Illum“ von Pius X heißt es: „Ist Maria nicht etwa Mutter Christi?“ „Also ist sie auch unsere Mutter. Im Schoße seiner reinsten Mutter hat Jesus Christus Fleisch angenommen. Er hat sich auch einen geistigen Leib gebildet, zusammengefügt aus denen, die an ihn glauben. Man kann also sagen: als Maria den Heiland im Schoß trug, da trug sie alle darin, deren Leben im Leben des Heilandes eingeschlossen war. Wir alle, die wir Christus zugehören und nach den Worten des Apostels ‹Glieder seines Leibes sind, von seinem Fleisch und Bein› (Eph. 5, 20), wir sind aus Maria geboren worden als ein Leib, der mit dem Haupte verbunden ist. Deshalb werden wir im geistlichen und mystischen Sinne Kinder Mariens genannt, und sie ist unser aller Mutter dem Geiste nach, aber wirklich Mutter, da wir Glieder Christi sind.“ Pius XII nennt Maria in Mystici corporis die „Hochheilige Gebärerin aller Glieder Christi“. Er unterstreicht sehr kräftig diese Gedanken in „Haurietis Aquas“.

Zu dieser seinsmäßigen Grundlage kommt der ausdrückliche Wunsch Christi hinzu, der uns seine Mutter als christliches Erbe hinterlässt. Zu den letzten sieben Worten des Herrn am Kreuz gehört auch das Wort an seine Mutter: „Weib, siehe da deinen Sohn.“ Und das entsprechende Wort an Johannes: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Wir müssen uns die Situation vor Augen halten, in der diese Worte gesprochen sind. Es ist das letzte Wort des sterbenden Herrn an seine Mutter, bzw. an seinen Lieblingsjünger Johannes. Es handelt sich also um das Vermächtnis Christi. Mit dem Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ drängt sich der Herr von Maria als seine Mutter. Es ist bemerkenswert, dass uns die Schrift an keiner Stelle ein Herrenwort überliefert hat, in dem Christus Maria mit dem Mutternamen angesprochen hat. Aber hier am Kreuz geht Christus einen Schritt weiter: er sagt sich von ihr als Sohn los und übergibt ihr einen anderen Sohn, den Johannes. Das Wort bohrt sich wie ein Schwert in das Herz Mariens. Aber auch bei diesem Wort bleibt Maria sich selbst als der Magd des Herrn treu. Keine Faser ihres Herzens begehrt auf. Ihr Wille ist ganz eins mit dem Willen ihres Sohnes. Christus hat sich geopfert, weil er selbst es wollte. Von derselben Freiwilligkeit ist das Opfer Mariens unter dem Kreuz getragen. Diese Freiwilligkeit wurzelt in ihrer Liebe. Nur der Liebende ist wahrhaftig frei. Mariens Opfer will sich nach Möglichkeit dem Opfer ihres Sohnes angleichen und dessen würdig sein. So kann Mystici Corporis sagen: „Sie hat, immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, ihn auf Golgotha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem ewigen Vater dargebracht als die neue Eva für alle Kinder Adams.“ „Wem Gott eine Tür zumacht, dem öffnet er ein Fenster“ heisst ein Sprichwort. Das bewahrheitet sich auch unter dem Kreuz. Der Sohn stellt seine Mutter eine ganz neue Aufgabe. Sie hat ja ihre Aufgabe an ihm selbst erfüllt. Er wird in wenigen Minuten sprechen „consummatum est“, „es ist vollbracht“. Damit hat aber auch seine Mutter an ihm ihre Aufgabe vollbracht.

Der Auferstandene und zur Rechten des Vaters thronende Herr bedarf keiner Mutter mehr. Sie erübrigt sich. Aber die Kirche, sein Leib, braucht eine Mutter. Alle Mutterliebe und Muttersorge, die Maria ihrem Sohn während seines Erdenlebens geschenkt hat, soll sie jetzt seinem Leib, der Kirche, zuwenden. Dasselbe mütterliche Verhältnis, das sie zu Jesus Christus hatte, hat sie jetzt zu seiner Kirche. In diesem Sinne sagt Mystische Corporis: „So war sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geist Mutter aller seiner Glieder.“

Es gibt kein Vermächtnis, das heiliger, liebevoller gehütet und vollzogen würde als das Vermächtnis des Herrn an seine Mutter. Die Kirche als solche und jedes einzelne Glied an ihr erfahren täglich aufs neue die mütterliche Liebe und Sorge Mariens. Insofern Maria unsere Mutter ist, ist sie auch unser Leben.

Die Sorge einer Mutter ist immer das Leben ihrer Kinder! Zu welch heroischen Opfern ist nicht eine Mutter fähig, sobald das Leben ihres Kindes in Gefahr ist! Da schreckt die rechte Mutter vor nichts zurück. Sie ist bereit, ihr Leben einzusetzen, um das ihres Kindes zu retten. Das Kind selbst weiß um diese mütterliche Opferbereitschaft. Wenn es in Gefahr ist, ruft es unwillkürlich: Mutter. „Alle Not ruft Mutter.“ Wie viele Soldaten haben im Krieg sterbend nach der Mutter gerufen. Der Mensch weiß um den Ursprung seines Lebens. Er hat den instinktiven Glauben, dass der Mensch, der ihm das Leben schenkte, auch die Macht und Kraft hat, es in der Gefahr zu schützen und zu erhalten. Das Symbol für den Schutz, den die Mutter ihrem Kind gewährt, ist Mutters Schürze. Das ängstliche, verfolgte Kind flüchtet sich unter die Schürze seiner Mutter und sucht dort Geborgenheit. Dort fühlt es sich in absoluter Sicherheit.

Was für das kleine Kind die Schürze der Mutter bedeutet, ist für uns der Schutzmantel Mariens. Wenn irgendjemand über unser Christusleben mit liebenden Augen wacht, dann Maria. Und wie oft ist dieses Leben bedroht! Satan, der nicht schläft, liegt immer auf der Lauer, uns dieses Leben zu rauben. Eine echte Marienverehrung ist der sicherste Schutz für alle Bedrohung dieses Lebens. Die wunderbaren Bekehrungen an ihren Gnadenorten sind eine fortwährende Bestätigung für die Anrufung „Du, unser Leben, sei gegrüßt“.

Das Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ wird ergänzt durch das andere an Johannes gerichtete: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Der Herr kennt die Psyche der Frau. Er kennt die Not der Einsamkeit. Er hört die Klage der Frau: „Ich habe keinen Menschen. Niemand versteht mich. Ich bin so allein.“ Die Frau braucht mehr als eine wirtschaftliche Existenz, mehr als ein „Einkommen“ und „Auskommen“. Nach dem Tod des Herrn fehlt Maria alles: wirtschaftliche Sicherung und menschliche Geborgenheit. Sie ist „alleinstehend“. Der Herr sorgt sterbend für beides, indem er sie seinem Lieblingsjünger Johannes zur Obhut übergibt. Den jungfräulichen Jünger wird die Jungfrau anvertraut. Das Vermächtnis Christi wird auf der Stelle angetreten. „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. Maria ist jetzt bei Johannes „zuhause“. Sie hat ein neues Heim gefunden.

Wie der Herr uns seiner Mutter anvertraut, so vertraut er auch umgekehrt seine Mutter uns an. Sie soll bei uns zuhause sein und Hausrechte haben. Nicht nur ihr Bild soll in unseren Häusern einen Ehrenplatz einnehmen, vor allem soll ihr Geist, der Geist des Christusglaubens und der Christusliebe, der Geist des Apostolates, der Geist der Heiligkeit, von uns, ihren Kindern, angenommen und gelebt werden. Dann ist sie durch uns und in uns zu Hause.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

DIE DREI AVE MARIA

Eine Himmelsleiter für Gerechte und Sünder

Eines der größten Heilmittel, eines der sichersten Zeichen der Auserwählten ist unstreitig die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria. Gott hat Maria zum Heile der Menschen eine unermessliche Macht und Güte verliehen, die alle erfahren, die mit Vertrauen und Beharrlichkeit zu ihr fliehen. Gibt es aber eine leichtere, für jedermann fasslichere Andacht, als täglich drei Ave Maria zu beten, zu Ehren der Vorzüge, die der dreieinige Gott der allerseligsten Jungfrau verliehen hat? Diese heilsame Übung ist von der Himmelskönigin der heiligen Mechthild geoffenbart worden, als ein Mittel zur Erlangung der Gnade der Beharrlichkeit und eines guten Todes. Einer der ersten, der sich dieser Andacht bediente, war der große heilige Antonius von Padua. Er wollte durch diese Übung die fleckenlose Jungfräulichkeit Mariens ehren, um mitten in den Gefahren der Welt eine vollkommene Reinheit des Geistes, des Herzens und des Leibes zu bewahren.

Später ließ der heilige Leonhard von Maurizio die drei Ave Maria morgens und abends zu Ehren der unbefleckt Empfangenen beten, um die Gnade zu erlangen, während des Tages oder der Nacht jede Todsünde zu vermeiden. Ja, dieser Heilige versprach mit Sicherheit das Heil denen, die in dieser Übung verharren. Diesen zwei großen Franziskaner folgend, eignete sich der heilige Alfons von Liguori diese fromme Übung an und gab ihr die Stütze seines hohen Ansehens. Er ermahnt besonders die Eltern und Beichtväter, sorgfältig darüber zu wachen, dass die Kinder alle Tage getreulich morgens und abends drei Gegrüßt seist Du, Maria, beten. Nebstdem empfahl er diese Andacht allen, den Frommen wie den Sündern, den Männern wie den Frauen, den Jünglingen wie den Jungfrauen. Selbst Gott geweihte Personen ziehen aus dieser Andacht kostbare Heilsfrüchte. Es steht fest, dass viele Personen durch dieses Mittel ganz außerordentliche Gnaden der Bekehrung, der Beharrlichkeit, oder sogar den Beruf zum Priester- und Ordensstande erhalten haben. Diese Andacht ist eine himmlische Arznei gegen alle Seelenkrankheiten, besonders gegen die Pest der Unkeuschheit, und kann deshalb der Jugend nicht eindringlich genug empfohlen werden.

Die Welt ist gegenwärtig ein wahres System der Versuchungen und die jugendlichen Herzen fallen wie Wachteln ins Netz. Mit der Posaunenstimme der Engel vom Letzten Gerichtstage möchte man allen Eltern und Erziehern zurufen:

„O ihr, denen die kostbarsten Güter des Himmels und der Erde anvertraut sind, die unschuldigen Kinder, wachet über ihre Unschuld, führt die Kinder im Schifflein Mariens durch die Andacht der drei Ave Maria zur Bewahrung ihrer Unschuld; denn das Wohl und das Weh eurer Kinder hängt davon ab. Und ihr alle, denen das Heil der Seelen am Herzen liegt, verbreitet diese Andacht, wo ihr nur immer Gelegenheit habt!“

Grüßen wir Maria aber immer mit Andacht, mit einem Herzen voll inniger Liebe.

Denn nur einem solchen Gebet wird die Erhörung zuteil.

Gegrüßt seist Du, Maria, usw.

Maria, durch Deine Unbefleckte Empfängnis bewahre rein meinen Leib, mache heilig meine Seele!

Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen.

Die Heilige Pönitentiarie verlieh allen jenen, die die drei Ave Maria beten mit der Anrufung:        „Liebe Mutter, bewahre mich vor der Todsünde!“ einen Ablass von 300 Tagen.

Im Wortlaut: Papstpredigt zum Hochfest der Muttergottes

Wir dokumentieren hier im Wortlaut die Predigt, die Papst Franziskus am Hochfest der Muttergottes an diesem Mittwoch bei der Heiligen Messe im Petersdom gehalten hat. Der 1. Januar ist zugleich katholischer Weltfriedenstag.

»Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau« (Gal 4,4). Geboren von einer Frau: so ist Jesus gekommen. Er ist in der Welt nicht als Erwachsener erschienen, sondern wurde, wie uns das Evangelium gesagt hat, »im Mutterleib empfangen« (Lk 2,21): dort hat er unsere Menschheit angenommen, Tag für Tag, Monat für Monat. Im Schoß einer Frau haben sich Gott und die Menschheit verbunden, um sich nie mehr zu trennen. Auch jetzt im Himmel lebt Jesus in dem Fleisch, das er im Schoß der Mutter angenommen hat. In Gott ist unser menschliches Fleisch!

Am Neujahrstag feiern wir diese Hochzeit zwischen Gott und Mensch, die im Schoß einer Frau ihren Anfang genommen hat. In Gott wird für immer unsere Menschheit sein, und Maria wird für immer die Mutter Gottes sein. Sie ist Frau und Mutter, das ist das Wesentliche. Von ihr, der Frau, ist das Heil ausgegangen, und folglich gibt es ohne die Frau kein Heil. Dort hat sich Gott mit uns verbunden und, wenn wir uns mit ihm verbinden wollen, geht es über denselben Weg: über Maria, Frau und Mutter. Deshalb beginnen wir das Jahr im Zeichen der Gottesmutter, der Frau, die die Menschheit Gottes geformt hat. Wenn wir unser Handeln heute menschlich gestalten wollen, müssen wir wieder auf die Frau schauen.

Geboren von einer Frau. Die Wiedergeburt der Menschheit begann mit der Frau. Die Frauen sind Quellen des Lebens. Und doch werden sie ständig beleidigt, geschlagen, vergewaltigt, dazu gebracht, sich zu prostituieren oder das Leben in ihrem Schoß auszulöschen. Jede Gewalt an der Frau ist eine Schändung Gottes, der von einer Frau geboren wurde. Aus dem Leib einer Frau kam das Heil für die Menschheit: Daran, wie wir den Leib der Frau behandeln, erkennen wir den Grad unserer Menschlichkeit. Wie oft wird der Leib der Frau auf den profanen Altären der Werbung, des Gewinns und der Pornographie geopfert, ausgebeutet wie ein Nutzobjekt. Er muss vom Konsumismus befreit werden, er muss geachtet und geehrt werden; er ist das edelste Fleisch der Welt, er hat die Liebe, die uns gerettet hat, empfangen und zur Welt gebracht! Auch heute wird die Mutterschaft gedemütigt, weil das einzige Wachstum, das interessiert, das Wirtschaftswachstum ist. Es gibt Mütter, die beschwerliche Reisen riskieren, um verzweifelt zu versuchen, der Frucht des Leibes eine bessere Zukunft zu geben; sie werden für überschüssig gehalten von Menschen, deren Bauch voll ist, jedoch mit Dingen, und deren Herz leer an Liebe ist.

Geboren von einer Frau. Gemäß der Erzählung der Bibel tritt die Frau am Höhepunkt des Schöpfungswerkes auf, gleichsam als Zusammenfassung der gesamten Schöpfung. Denn sie schließt das Ziel der Schöpfung selbst in sich: die Hervorbringung und die Bewahrung des Lebens, die Gemeinschaft mit allem und die Sorge für alles. Es ist das, was die Gottesmutter heute im Evangelium tut. »Maria aber«, so heißt es im Text, »bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen« (V. 19). Sie bewahrte alles: die Freude über die Geburt Jesu und die Traurigkeit über die verweigerte Gastfreundschaft in Betlehem; die Liebe Josefs und das Staunen der Hirten; die Verheißungen und die Ungewissheiten für die Zukunft. Alles lag ihr am Herzen und in ihrem Herzen legte sie alles zurecht, auch die Widrigkeiten. Denn in ihrem Herzen ordnete sie jede Sache mit Liebe und vertraute Gott alles an.

Diese Handlungsweise Marias kehrt im Evangelium ein zweites Mal wieder. Am Ende des verborgenen Lebens Jesu heißt es nämlich: »Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen« (V. 51). Diese Wiederholung lässt uns verstehen, dass etwas im Herzen zu bewahren nicht eine schöne Geste ist, welche die Gottesmutter ab und zu vollbrachte, sondern ihre Gewohnheit. Es ist der Frau eigen, für das Leben Sorge zu tragen. Die Frau zeigt, dass der Sinn des Lebens nicht darin besteht, immer weiter etwas zu produzieren, sondern für das, was da ist, Sorge zu tragen. Nur wer mit dem Herzen schaut, sieht gut, weil er „nach innen zu sehen“ vermag: die Person jenseits ihrer Fehler, den Bruder oder die Schwester jenseits seiner bzw. ihrer Schwächen, die Hoffnung in den Schwierigkeiten, Gott in allem.

Während wir das neue Jahr beginnen, fragen wir uns: „Kann ich die Menschen mit dem Herzen anschauen? Liegen mir die Leute, mit denen ich lebe, am Herzen? Und vor allem, ist der Herr in der Mitte meines Herzens?“ Nur wenn uns das Leben am Herzen liegt, werden wir fähig sein, dafür auch Sorge zu tragen und die Gleichgültigkeit, die uns umfängt, zu überwinden. Bitten wir um diese Gnade, dass wir dieses Jahr mit dem Wunsch leben, uns die anderen zu Herzen zu nehmen, uns um die anderen zu kümmern. Und wenn wir eine bessere Welt wollen, die ein Haus des Friedens und nicht Schauplatz für Krieg ist, möge uns die Würde jeder Frau am Herzen liegen. Von der Frau wurde der Friedensfürst geboren. Die Frau ist Spenderin und Mittlerin des Friedens und muss an den Entscheidungsprozessen voll beteiligt werden. Denn wenn die Frauen ihre Gaben weitergeben können, dann ist die Welt geeinter und friedvoller. Daher ist eine Errungenschaft für die Frau eine Errungenschaft für die ganze Menschheit.

Geboren von einer Frau. Gleich nach seiner Geburt spiegelte sich Jesus in den Augen einer Frau, im Gesicht seiner Mutter. Von ihr hat er die ersten Liebkosungen erhalten, mit ihr hat er das erste Lächeln ausgetauscht. Mit ihr hat er die Revolution der Zärtlichkeit eingeleitet. Wenn die Kirche auf das Jesuskind blickt, ist sie gerufen, diese fortzuführen. Denn auch sie ist wie Maria Frau und Mutter und erkennt in der Gottesmutter ihre typischen Merkmale. Die Kirche sieht Maria unbefleckt und fühlt sich gerufen, zur Sünde und zur Weltlichkeit „nein“ zu sagen. Sie sieht Maria fruchtbar und fühlt sich gerufen, den Herrn zu verkünden, ihn im Leben der Menschen hervorzubringen. Sie sieht Maria als Mutter und fühlt sich gerufen, jeden Menschen als Sohn oder Tochter anzunehmen.

Wenn sie sich Maria nähert, findet die Kirche sich selbst wieder, sie findet ihre Mitte und Einheit wieder. Der Feind der menschlichen Natur, der Teufel, versucht hingegen, sie zu spalten, indem er die Unterschiede, die Ideologien, die einseitigen Überlegungen und Parteien in den Vordergrund stellt. Wir verstehen die Kirche jedoch nicht, wenn wir sie von Strukturen, Programmen und Strömungen her betrachten: Wir werden etwas von ihr begreifen, aber nicht mit dem Herzen. Denn die Kirche hat das Herz einer Mutter. Und wir rufen heute als Kinder die Mutter Gottes an, die uns als gläubiges Volk vereint. O Mutter, bring in uns die Hoffnung hervor, bring uns die Einheit. Frau des Heils, wir vertrauen dir dieses Jahr an, bewahre es in deinem Herzen. Wir rufen dir zu: Heilige Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes!

(vatican news)

DIE STELLUNG MARIÄ IM WERKE UNSERER HEILIGUNG (Teil 2)

(Fortsetzung vom 2. Kapitel)
(Warum Maria uns notwendig ist zum Werke unserer Heiligung)

Weil Maria die lebendige Form Gottes und der Heiligen ist.

16. Maria wird vom heiligen Augustin genannt, und sie ist es in der Tat, die lebendige Form Gottes, forma Dei. Das will heißen, dass in ihr allein Gott als Mensch so naturgetreu gebildet worden ist, dass ihm auch nicht ein Zug der Gottheit fehlt. Und darum kann auch in ihr allein der Mensch durch die Gnade Jesu Christi naturgetreu in Gott umgestaltet werden, soweit die menschliche Natur dessen fähig ist.

Ein Bildhauer kann eine Figur oder Statue auf zwei Arten naturgetreu herstellen, erstens, indem er seinen Fleiß, seine Kraft und Fachkenntnis aufwendet und gute Werkzeuge gebraucht, um die Statue aus einem harten und ungestalten Material zu verfertigen; er kann sie zweitens modeln. Die erste Art ist lang und beschwerlich und vielen Zufälligkeiten und Gefahren unterworfen; es braucht manchmal nur einen ungeschickten Meißel- und Hammerschlag, um das ganze Werk zu verderben. Die zweite Art ist rasch, leicht und angenehm, fast mühe- und kostenlos, vorausgesetzt, dass die Form vollkommen und naturgetreu ist; vorausgesetzt auch, dass die Materie, deren sich der Künstler bedient, recht gefügig und bildsam ist und in seiner Hand keinerlei Widerstand entgegensetzt.

17. Maria ist die große Form Gottes, die der Heilige Geist gebildet hat, damit in ihr durch die hypostatische (persönliche) Vereinigung Gott Mensch und durch die Gnade der Mensch Gott werde. Auch nicht einen Zug der Gottheit vermisst man an dieser göttlichen Form. Wer in dieselbe gegossen wird und sich darin auch ganz gefügig bearbeiten lässt, der bekommt alle Züge Jesu Christi, des wahren Gottes; er bekommt sie auf sanfte, der menschlichen Schwachheit angepasste Weise ohne schweren Todeskampf und große Mühe, auf sichere Weise, ohne Furcht vor Täuschung; denn Satan hat in Maria, der Heiligsten und Unbefleckten, die frei ist von jedem Schatten auch nur der geringsten Sündenmakel, niemals Zutritt gehabt und wird zu ihr niemals Zutritt haben.

18. O treue Seele, wie groß ist der Unterschied zwischen einer Seele, die durch jene, die sich, wie Bildhauer, auf ihre eigene Kunst und ihren eigenen Fleiß verlassen, auf den gewöhnlichen Wegen in Jesus Christus umgewandelt wird, und einer recht bildsamen, losgeschälten und geschmolzenen Seele, die sich auf keine Weise auf sich selbst verlässt, sondern sich in Maria ergießt und sich in ihr ganz gefügig dem Wirken des Heiligen Geistes überlässt. O wie viele Flecken und Mängel, wieviel Finsternis und Täuschung, wieviel Natürliches und Menschliches findet sich in der ersten Seele, und wie ist die zweite rein, göttlich und Jesus Christus ähnlich!

Weil Maria das Paradies und die Welt Gottes ist.

19. Wenn wir absehen von der Größe Gottes in seiner eigenen Wesenheit, so gab es niemals ein Geschöpf und wird es niemals eines geben, in welchem Gott größer wäre, als in Maria, selbst die Seligen, die Cherubim und höchsten Seraphim im Himmel nicht ausgenommen.

Maria ist das Paradies Gottes, seine unaussprechliche Welt, das Paradies, in welches der Sohn Gottes eintrat, um darin Wunderwerke zu vollbringen, um es zu bewachen und daselbst seine Freude und Wonne zu finden.

Gott schuf eine Welt für den Menschen im Zustand des Erdenwandels, es ist diese sichtbare Welt; er schuf eine Welt für den Menschen im Zustande der Seligkeit, es ist der Himmel; aber er schuf auch noch eine andere Welt für sich, und er nannte sie Maria, eine Welt, die fast allen Sterblichen hienieden unbekannt und allen Engeln und Seligen im Himmel droben unbegreiflich ist. Voll Staunen darüber, Gott so hoch und erhaben über sie alle, so abgesondert und verborgen in seiner Welt, Maria, zu sehen, rufen sie Tag und Nacht: Heilig, Heilig, Heilig!

20. Glücklich, tausendmal glücklich die Seele hienieden, welcher der Heilige Geist das Geheimnis Mariä offenbart, damit sie es erkenne, welcher er diesen verschlossenen Garten erschließt, diesen versiegelten Quell, damit sie daraus schöpfe und in langen Zügen die lebendigen Wasser der Gnade trinke! Eine solche Seele wird in diesem liebenswürdigen Geschöpfe Gott finden, Gott allein ohne irgend ein Geschöpf, aber Gott, wie er zugleich unendlich heilig und erhaben, unendlich herablassend und ihrer Schwachheit angepasst ist.

Da Gott allgegenwärtig ist, so kann man ihn überall finden, sogar in der Hölle. An keinem Ort aber könnte das Geschöpf Gott näher und der eigenen Schwäche mehr angepasst finden, als in Maria, weil er gerade zu diesem Zwecke in Maria hinabgestiegen ist. An jedem andern Orte ist er das Brot der Starken und der Engel, in Maria aber ist er das Brot der Kinder.

Weil Maria kein Hindernis, sondern das vollkommenste Mittel ist, zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.

21. Man bilde sich also nicht ein, wie einige falsche Mystiker es tun, dass Maria als Geschöpf ein Hindernis sei für die Vereinigung mit dem Schöpfer. Nicht mehr Maria ist es, die lebt, sondern Jesus Christus allein, Gott allein lebt in ihr. Ihre Umwandlung in Gott übertrifft die des heiligen Paulus und der übrigen Heiligen mehr als der Himmel die Erde an Erhabenheit überragt. Maria ist nur für Gott geschaffen, und weit entfernt, eine Seele bei sich aufzuhalten, versenkt sie dieselbe vielmehr in Gott und vereinigt sie mit desto größerer Vollkommenheit mit ihm, je mehr sich die Seele mit ihr vereinigt.

Maria ist das wunderbare Echo Gottes, das nichts antwortet als „Gott“, wenn man „Maria“ ruft, das nur Gott verherrlicht, wenn man sie mit der heiligen Elisabeth selig preist.

Wenn die falschen Mystiker, die sogar in Betrachtung und Gebet vom Satan so erbärmlich getäuscht wurden, es verstanden hätten, Maria zu finden und durch Maria Jesus und durch Jesus Gott, so wären sie nicht so schrecklich gefallen. Wenn man einmal Maria gefunden hat und durch Maria Jesus und durch Jesus Gott den Vater, so hat man jegliches Gut gefunden, sagen die heiligen Seelen. Inventa Maria, invenitur omne bonum. Wer sagt „alles“, nimmt nichts aus, also alle Gnade und alle Freundschaft bei Gott, alle Sicherheit gegen die Feinde Gottes, alle Wahrheit gegen die Lüge, alle Leichtigkeit und allen Sieg gegenüber den Hindernissen unseres Heiles, alle Süßigkeit und Freude in den Bitterkeiten des Lebens.

Weil Maria die Gnade verleiht, die Kreuze geduldig und freudig zu tragen.

22. Das will nicht heißen, dass derjenige, der Maria durch eine wahre Andacht gefunden hat, frei sei von Kreuz und Leiden; ganz im Gegenteil; mehr als jeder andere wird er damit überhäuft. Weil nämlich Maria die Mutter der Lebendigen ist, so gibt sie allen ihren Kindern Stücke vom Baume des Lebens. Der Baum des Lebens aber ist das Kreuz Jesu Christi. Jedoch, indem sie ihnen gehörige Kreuze herrichtet, gibt sie ihnen auch die Gnade, dieselben geduldig, ja freudig zu tragen, so dass die Kreuze, die sie denjenigen gibt, die ihr angehören, eher in Zucker eingemachte, als bittere Kreuze sind; oder aber, wenn ihre Kinder eine Zeitlang die Bitterkeit des Kelches verkosten, den man notwendigerweise trinken muss, um ein Freund Gottes zu sein, so werden sie von dem Trost und der Freude, welche die gute Mutter auf die Bitterkeit folgen lässt, so sehr ermutigt, dass sie nach Kreuzen verlangen, die noch schwerer und bitterer sind.

 

Schlussfolgerung.

Um heilig zu werden, muss man Maria, die Mittlerin aller Gnaden, finden,
und zwar durch eine wahre Andacht zu ihr.

23. Die Schwierigkeit liegt also nur darin, Maria wahrhaft zu finden, damit man jede Gnade überreichlich finde.

Da Gott der unumschränkte Herr und Meister ist, kann er unmittelbar mitteilen, was er gewöhnlich nur durch Maria mitteilt, und ohne Vermessenheit ließe sich nicht leugnen, dass er es auch manchmal tut. Nach der Ordnung jedoch, welche die göttliche festgesetzt hat, teilt er sich den Menschen in der Ordnung der Gnade gewöhnlich nur durch Maria mit, wie der heilige Thomas sagt. Um zu ihm emporzusteigen und uns mit ihm zu vereinigen, müssen wir uns des gleichen Mittels bedienen, dessen er sich bedient hat, um zu uns herabzusteigen, um Mensch zu werden und uns seine Gnaden mitzuteilen; und dieses Mittel ist ein wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria.

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Fortsetzung folgt!
Quelle: Ludwig Maria Grignion von Montfort – Gesammelte Werke – Kleinere Schriften (4. Band)

DIE STELLUNG MARIÄ IM WERKE UNSERER HEILIGUNG

 

Erstes Kapitel

Notwendigkeit unserer Heiligung

Unsere Heiligung ist der Wille Gottes

3. O Seele, du lebendiges Ebenbild Gottes, erlöst durch das kostbarste Blut Jesu Christi, Gott will und verlangt von dir, dass du in diesem Leben heilig werdest, wie er, und glorreich, wie er, im andern Leben.

Die Heiligkeit Gottes zu erwerben, ist dein sicherer Beruf. Dahin müssen alle deine Gedanken, Worte und Werke, alle deine Leiden und alle Regungen deines Lebens zielen, oder du widerstehst Gott, indem du nicht tust, wozu er dich erschaffen hat und dich jetzt am Leben erhält.

O welch ein staunenswertes Werk! Der Staub soll in Licht, der Unrat in Reinheit, die Sünde in Heiligkeit, das Geschöpf in den Schöpfer, der Mensch in Gott verwandelt werden! O wie wunderbar ist ein solches Werk, ich wiederhole es, aber wie schwer ist dessen Ausführung; es ist sogar unmöglich für die Natur allein. Nur Gott kann es durch seine Gnade, und zwar eine überreiche und außerordentliche Gnade zustande bringen; und die Schöpfung des ganzen Weltalles ist kein so großes Meisterwerk, wie dieses.

Um heilig zu werden, müssen wir die Tugend üben.

4. O Seele, was willst du nun tun? Welche Mittel willst du wählen, um zu jener Höhe emporzusteigen, wohin Gott dich ruft?

Die Mittel unseres Heiles und unserer Heiligung sind allen bekannt: sie sind niedergeschrieben im Evangelium, erklärt und erläutert von den Lehrern des geistlichen Lebens, sie werden von den Heiligen geübt und sind allen notwendig, die ihre Seele retten und zur Vollkommenheit gelangen wollen. Solche Mittel sind: die Demut des Herzens, das beständige Gebet, die allgemeine Abtötung, die Hingabe an die göttliche Vorsehung, die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes.

Um die Tugend zu üben, brauchen wir notwendig die Gnade Gottes

5. Um all diese Mittel des Heiles und der Heiligung anzuwenden, ist die Gnade und Hilfe Gottes durchaus notwendig. Und die Gnade wird in größerem oder kleinerem Maße allen verliehen; darüber besteht kein Zweifel. Ich sage: in größerem oder kleinerem Maße; denn obgleich Gott unendlich gut ist, so verleiht er doch nicht allen eine gleich kräftige Gnade, allen jedoch eine genügende. Eine Seele, die einer großen Gnade treu entspricht, verrichtet eine große Handlung; entspricht sie einer schwachen Gnade, so vollbringt sie eine kleine Handlung. Der Wert und die Vortrefflichkeit der Gnade, die von Gott verliehen und von der Seele angenommen wird, macht den Wert und die Vortrefflicheit unserer Handlungen aus. Diese Grundsätze sind unanfechtbar.

Um die Gnade Gottes zu finden, müssen wir Maria finden.

6. Es kommt also zu guter Letzt alles darauf an, ein leichtes Mittel zu finden, um von Gott die Gnde zu erlangen, deren wir bedürfen, um heilig zu werden. Und dieses Mittel will ich dich lehren und sage deshalb: um die Gnade Gottes zu finden, muss man Maria finden.

 

Zweites Kapitel

Warum Maria uns notwendig ist zum Werke unserer Heiligung.

Weil Maria allein Gnade gefunden hat bei Gott.

7. Maria allein hat Gnade gefunden bei Gott, sowohl für sich selbst, als für jeden Menschen insbesondere. Die Patriarchen und Propheten, ja alle Heiligen des Alten Bundes haben die Gnade nicht finden können.

Weil Maria allein die Mutter der Gnade ist.

8. Maria ist es, die dem Urheber der Gnade Sein und Leben gab; und darum heißt sie die Mutter der Gnade, Mater gratiae.

Weil sie allein, nach Jesus, die Fülle der Gnade besitzt.

9. Gott, der Vater, von dem alle vollkommene Gabe und jede Gnade als aus ihrer wesenhaften Quelle herabkommt, hat ihr alle seine Gnaden übergeben, indem er ihr seinen Sohn schenkte, so dass ihr, wie der heilige Bernhard sagt, der Wille Gottes übergeben wurde in und mit dem Sohne Gottes.

10. Gott hat sie zur Schatzmeisterin, Verwalterin und Ausspenderin aller seiner Gnaden erwählt, so dass alle seine Gnaden und Gaben durch ihre Hände gehen. Und der heilige Bernhardin lehrt, dass Maria gemäß der ihr von Gott verliehenen Gewalt die Gnaden des Ewigen Vaters, die Tugenden Jesu Christi und die Gaben des Heiligen Geistes ausspendet, wem sie will, wie sie will, wann sie will und soviel sie will.

Weil man Gott nicht zum Vater haben kann, ohne Maria zur Mutter zu haben.

11. Wie in der Ordnung der Natur das Kind einen Vater und eine Mutter haben muss, so muss in der Ordnung der Gnade ein wahres Kind der Kirche Gott zum Vater und Maria zur Mutter haben. Und wenn einer sich rühmt Gott zum Vater zu haben und er hegt nicht Maria gegenüber die Zärtlichkeit eines wahren Kindes, so ist er ein Betrüger und hat nur Satan zum Vater.

Weil die Glieder Jesu nur von der Mutter Jesu gebildet werden können.

12. Da Maria das Haupt der Vorherbestimmten, nämlich Jesus Christus, gebildet hat, so ist es auch an ihr, die Glieder dieses Hauptes, nämlich die wahren Christen zu bilden; denn eine Mutter bildet niemals das Haupt ohne die Glieder, noch die Glieder ohne das Haupt. Wer also ein Glied Jesu Christi sein will, der ist „voll der Gnade und Wahrheit“, der muss in Maria gebildet werden vermittelst der Gnade Jesu Christi, welche in Fülle in Maria wohnt, um den wahren Gliedern Jesu Christi und wahren Kindern Mariä in Fülle mitgeteilt zu werden.

Weil der Heilige Geist die Vorherbestimmten nur durch Maria hervorbringt.

13. Der Heilige Geist hat sich mit Maria vermählt und hat in ihr und durch sie und aus ihr das große Meisterwerk, Jesus Christus, das menschgewordene Wort, hervorgebracht; und da er seine Braut niemals verstoßen hat, fährt er fort, täglich in ihr und durch sie auf geheimnisvolle, aber wirkliche Weise die Vorherbestimmten hervorzubringen.

Weil die Kinder Gottes ihre Nahrung und ihr Wachstum aus Maria ziehen.

14. Maria hat von Gott eine besondere Herrschaft und Gewalt über die Seelen empfangen, damit sie dieselben nähre und ihnen Wachstum in Gott verleihe. Der heilige Augustin sagt sogar, dass die Vorherbestimmten auf dieser Erde alle im Mutterschoße Mariä eingeschlossen sind und dass sie erst dann zur Welt kommen, wenn diese gute Mutter sie zum ewigen Leben gebiert. Gleichwie also das Kind seine ganze Nahrung von der Mutter empfängt, welche hinwieder die Nahrung der Schwäche des Kindes anpasst, so ziehen die Vorherbestimmten ihre ganze geistigen Nahrung und alle ihre Kraft aus Maria.

Weil Maria in den Vorherbestimmten ihre Wohnung aufschlagen muss.

15. Zu Maria hat Gott der Vater gesprochen: In Jacob inhabita. Meine Tochter, nimm Wohnung in Jakob, d.h. in meinen Vorherbestimmten, die in Jakob vorgebildet waren.

Zu Maria hat Gott der Sohn gesprochen: In Israel hereditare. Meine liebe Mutter, in Israel sei dein Erbteil, d.h. in den Vorherbestimmten.

Zu Maria endlich hat der Heilige Geist gesprochen: In electi meis mitte radices. Meine getreue Braut, schlage Wurzeln in meinen Auserwählten.

Wer also auserwählt und vorherbestimmt ist, in dem wohnt Maria, d.h. in dessen Seele, und er lässt sie darin Wurzel schlagen, die Wurzeln tiefer Demut, brennender Liebe und aller Tugenden.

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Fortsetzung folgt!
Quelle: Ludwig Maria Grignion von Montfort – Gesammelte Werke – Kleinere Schriften (4. Band)

Maria, der Tabernakel des Allerhöchsten

Vorbemerkung der Redaktion [DZM – P.O. Schenker]: Zu den im Folgenden (erstmals) veröf­fentlichten «Botschaften der Mutter Gottes an Sr. Reinolda» erhiel­ten wir aus Südafrika von einem Missionspriester folgende erläu­ternde Hinweise.- «Ich schicke Ihnen eine Kopie der Botschaft Mariens von Ngome an Sr. Reinolda sel. (gest. 1981), die auf der Mis­sionsstation in Nongoma (nicht Ngome) stationiert war und dort die Botschaft erhielt. Ngome kannte sie eigentlich ja nur dem Namen nach als Landschaft wie irgendein anderes Gebiet ohne Beziehung zu ihm. – Ich zweifle für mich keinen Augenblick an der Tatsache. Es sind zuviele auffällige außerordentliche übernatürliche und plötzli­che Erhörungen da. Vor ca. 2 Monaten z.B., nachdem ich Ihnen geschrieben hatte, sollte eine Schwester operiert werden gemäß dem Röntgenbefund. Es wurde fest zur Gottesmutter, «Tabernakel des Allerhöchsten» gebetet; über Nacht war alles verschwunden. Der Doktor, nicht wissend, was geschehen war, wollte operieren, öffnete, und fand zu seinem Erstaunen nichts Krankes mehr und nähte den Schnitt wieder zu. Die Schwester war geheilt. Es bestätigt sich immer wieder, was die Gottesmutter denen versprochen hat, die auf ihre Hilfe bauen und auf sie hören. – In der 9. Botschaft findet sich auch noch eine interessante Stelle. «Schau dorthin». Dort stand St. Michael im Panzer, mit Schwert in der Hand; zu seiner Rechten stand ein Cherubim in anbetender Haltung. «Sie können selber sehen, was alles in dieser, wenn auch kurzen, Botschaft drinnen enthalten ist: eine große Aufforderung für unsere Zeit. Aber man geht eben heute leicht darüber hinweg. Man will nicht gern Botschaften hören, noch weniger annehmen und ausführen…»

BOTSCHAFT MARIENS, der MUTTER GOTTES, an Sr. Reinolda, Nongoma

1. Begegnung: 22. August 1955

Kurz nach Empfang der heiligen Kommunion stand Maria in unmittel­barer Nähe vor mir. Sie zeigte sich in wunderbarem Licht, schöner als die Sonne. Sie stand auf einer Kugel, ganz in Weiß gekleidet, mit wallendem Schleier vom Scheitel bis zur Kugel. Auf der Brust ruhte eine große Hostie, umgeben von einem Strahlenkreuz, Leben aus­strahlend. Hände und Füße habe ich nicht gesehen.

Maria sprach folgendes:

  1. Nenne mich Tabernakel des Aller­höchsten. Auch du bist ein solcher Tabernakel; glaube es.
  1. Ich wünsche, dass man mich unter diesem Titel anruft zur Verherrli­chung meines Sohnes.
  1. Ich wünsche, dass man mir mehr sol­cher Tabernakel bereite.
  1. Ich wünsche, dass die Altäre in den Kirchen mehr umlagert sind vom betenden Volk.
  1. Fürchte dich nicht, offenbare es.»
    Frage: Wem?
    Antwort: «Fürchte dich nicht, offen­bare es deinem Priester.

2. Begegnung: 21. Oktober 1955

3. Begegnung: 22. Oktober 1955

Beide male zeigte sich Maria wieder auf die gleiche Weise, die gleiche lebendige Monstranz. Sie wiederholte die gleichen Bitten, fügte aber noch hinzu: «Offen­bare es der ganzen Welt. Fürchte dich nicht. Du bist das Werkzeug Gottes.» Dann ging Christus als Gottmensch aus dieser Hostie hervor. Ich war eins mit Ihm.

4. Begegnung: 15. März 1955

Nach der Messe stand Maria vor mir, sehr ernst. (Immer die gleiche Gestalt) Sie sprach: «Kind, ich weiß um deine Not.» Sie beugte sich über mich und zog mich an sich. «Du wünschest ein Zei­chen?»

Erwiderung: Nicht für mich, sondern für die anderen, damit sie es glauben, man glaubt mir nicht. Maria: «Ich will, dass man mir ein Hei­ligtum errichte an dem Platz, wo sieben Quellen sich treffen. Dort lasse ich meine Gnaden reichlich fließen. Viele Menschen werden sich zu Gott bekeh­ren.»

Als ich dann fragte: Wo ist der Platz? ging ihre linke Hand von der Hostie aus ganz majestätisch nach oben und zeigte eine bestimmte Richtung. Damit war ich sehr glücklich und hatte eine gewisse Sicherheit.

Maria sprach weiter: «Fürchte dich nicht, offenbare es. Es ist mein Werk. Ich sehe dich wieder.»

5. Begegnung: Herz-Jesu-Fest 1956

Bei der Aussetzung nahte sich mir Maria vom Altar aus als lebendige Mon­stranz. Sie sprach nicht.

6. Begegnung: 15. März 1957

«Ich komme, um dich zu stärken. Ich bediene mich deines Nichts. Sei ganz Demut.» (Pause)

Sie zog mich an sich und sprach: «Ich suche die Welt zu retten durch die Hostie, meine Frucht. Ich bin ganz eins mit der Hostie, so wie ich eins war mit Ihm unter dem Kreuz. Furchtbares steht euch bevor, wenn ihr euch nicht bekehrt.»

Frage: Meinst Du die Ordensleute? Antwort.- «Ja, wenn ihr euch nicht bekehrt, wenn die ganze Welt sich nicht bekehrt.»

Ich: «Mutter, gib mir ein Zeichen. Man glaubt es mir nicht.» Maria: «Sei du ganz Liebe und Bereitschaft. Alle Menschen, die diese meine Worte hören und glauben, werden ein Zeichen von mir erhalten. Offenbare alle diese meine Worte. Fürchte dich nicht.»

7. Begegnung: 24. Mai 1957

Ich war schon an der Kommunionbank und hörte deutlich folgende Worte: «Verzage nicht; das Weggehen beschleu­nigt den Sieg; er wird glauben. Ich ma­che ihn zu meinem Werkzeug.» NB. Zwei Personen sind weggegangen.

8. Begegnung: 17. April 1958 (6 p.m.)

Wie ein Befehl: «Geh an deinen Platz.» «Beeilet euch; die Stunde ist vorgerückt. Mit Gewalt muß ich die Ströme der Gnaden zurückhalten, weil ihr euch nicht bemüht, mir behilflich zu sein. Ich verlange nach Hilfe von euch, meinen Auserwählten.»

Frage: «Was sollen wir tun?» fragte ich. Antwort: «Seid Hostien! Bereitet mir Hostien, die sich mir ganz zur Verfü­gung stellen. Nur das Flammenmeer der Hostien kann den Haß der gottlosen Welt und die zürnende Hand des Vaters noch zurückdrängen. Werde du nicht müde. Ich finde Trost, mich dir zu of­fenbaren. Ich werde dich nie verlassen. Frage: «Mutter, wo ist der Platz der Quellen?»

Antwort: «Auf eurem Besitz auf dem Berge. (Mit einer Handbewegung zum zweitenmal die Richtung zeigend) Fürchte dich nicht, beeile dich, es zu of­fenbaren.»

9. Begegnung mit Maria nach lager Zeit: 26. Mai 1970

Ich wurde aufgeweckt vom Schlaf. Es war alles Licht. Wer stand an meiner Seite? Maria, der Tabernakel des Aller­höchsten. Sie nahm mich in ihre Arme, tröstete mich und sagte: «Ich weiß um deine Not. Ich bin dir zur Seite. Ich ver­lasse dich nicht. Ich führe meine Sache zum Sieg.»

Ehe Sie mich verließ, sagte Sie: «Schau zur anderen Seite.» Dort stand St.Michael im Panzer und die Lanze in den Händen. Zu seiner Rechten stand ein Cherubim ganz in Weiß, die Hände über die Brust gekreuzt. Nach 1-2 Mi­nuten verschwanden sie. Alles Licht war weg. Welch ein Trost für mich!

Dieses Bild ist eine Darstellung der Ib. ‚Gottesmutter, wie Sie Sr. Reinolda 1955 er­schienen sein soll unter dem Titel «Tabernakel des Allerhöchsten».

Quelle: DZM [Das Zeichen Mariens] 20/1 Mai 1986

Siehe auch:

Pius IX. zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens

Dogmatische Bulle „Ineffabilis Deus“

zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens (8. Dezember 1854)

Pius IX.

Hinweis/Quelle: Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulusverlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 306–325, Rnr. 510–545; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Waeber V. G). Das lateinische Original von „Ineffabilis Deus“ findet sich in: Pii IX Acta, pars 1a, vol. I, p.597. Elektronische Fassung für http://www.stjosef.at digitalisiert von Armin Jauch. Irrtum vorbehalten.

 

510 Der über alle Worte erhabene Gott, dessen Wege Erbarmen und Wahrheit[1], dessen Wille die Allmacht ist, dessen Weisheit machtvoll wirkt von einem Ende bis zum anderen[2] und in Milde alles lenkt, sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In seinem geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluß beschloß er aber, das erste Werk seiner Güte durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch unbegreiflichere Weise zu ergänzen. Denn der Mensch, der entgegen seinen liebevollen Absichten durch die List des Teufels in Schuld geraten war, sollte nicht zugrundegehen, und das, was durch den ersten Adam gefallen war, sollte durch den zweiten weit glücklicher wieder aufgerichtet werden. 511 Darum wählte er von Anfang an und vor aller Zeit schon für seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus, und bestimmte, daß er von ihr in der seligen Fülle der Zeiten als Mensch geboren werden sollte; ihr wandte er mehr als allen anderen Geschöpfen seine besondere Liebe zu und fand an ihr allein sein höchstes Wohlgefallen. So überhäufte er sie weit mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die er aus der Schatzkammer seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, daß sie allzeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, daß sie ganz schön und vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besaß, daß man, außer in Gott, eine größere sich nicht denken kann und dass niemand außer Gott sie begreifen kann. 512 Und es war auch ganz entsprechend, daß sie stets im Glanze vollkommenster Heiligkeit strahlte, daß sie sogar frei blieb von der Makel der Erbsünde und so über die alte Schlange einen vollen Sieg errang, sie, die verehrungswürdige Mutter, der Gott Vater seinen einzigen Sohn, der aus seinem Schoße ihm wesensgleich hervorgeht und den er liebt wie sich selbst, voll und ganz anvertrauen wollte. So sollte auf Grund natürlicher Bande ein und dieselbe Person das gemeinsame Kind Gott Vaters und der Jungfrau werden. Der Sohn selber aber erwählte sich diese Mutter, und der Heilige Geist wollte und bewirkte, daß der von ihr empfangen und geboren wurde, aus dem er selbst hervorgeht.

513 Diese Reinheit der hochheiligen Jungfrau von der Erbsünde, die ja mit ihrer wunderbaren Heiligkeit und ihrer erhabenen Würde als Gottesmutter zusammenhängt, hat die heilige katholische Kirche, die vom Heiligen Geiste belehrt wird und stets eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, als eine von Gott mitgeteilte und im Glaubensgut der göttlichen Offenbarung enthaltene Lehre stets festgehalten. Sie hat diese Lehre fortwährend und ohne Unterlaß in vielfacher, glänzender Weise von Tag zu Tag immer klarer entwickelt, verkündigt und immer mehr gefördert. Dieser Glaube war nämlich schon von ältester Zeit an vorhanden; er war in den Herzen der Gläubigen fest verwurzelt und wurde durch die eifrigen Bemühungen der Bischöfe in der katholischen Welt wunderbar verbreitet. Die Kirche selbst hat diese Lehre ganz klar zum Ausdruck gebracht, als sie ohne Bedenken die Empfängnis der Jungfrau den Gläubigen zur öffentlichen Verehrung und Andacht vorlegte. Durch diese auffallende Tatsache hat sie offen bekundet, daß die Empfängnis der Jungfrau ganz eigenartig und wunderbar ist, daß sie ganz anders vor sich ging als bei den übrigen Menschen, daß sie ganz heilig und verehrungswürdig ist; denn die Kirche nimmt nur heilige Dinge zum Gegenstand ihrer Feste. Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet und bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau; deren Erschaffung wurde ja auch zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen. Dies alles wurde von den Gläubigen überall gern aufgenommen. 514 Es ist dies ein Beweis dafür, mit welchem Eifer diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch von der Römischen Kirche, der Mutter und Lehrerin aller Kirchen, gepflegt wurde. Dennoch verdienen die wichtigsten Schritte dieser Kirche einzeln aufgezählt zu werden; denn die Würde und das Ansehen dieser Kirche ist so groß, ihr kommt es auch voll und ganz zu, da sie der Zentralpunkt der katholischen Wahrheit und Einheit ist; in ihr allein wurde der Glaube unverfälscht bewahrt; von ihr müssen alle übrigen Kirchen den Glauben übernehmen.

Der Römischen Kirche lag also nichts so sehr am Herzen, als mit den beredtesten Worten die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau vorzutragen, die Andacht zu ihr und die Lehre über sie zu schützen, zu verbreiten und zu verteidigen. Dies beweisen zur Genüge so viele und hervorragende Maßnahmen Unserer Vorgänger, der römischen Päpste, denen in der Person des Apostelfürsten von Christus dem Herrn selber auf göttliche Weise das hohe sorgenvolle Amt anvertraut wurde, die Lämmer und Schafe zu weiden, die Brüder zu stärken und die gesamte Kirche zu leiten und zu regieren.

515 So haben es sich Unsere Vorgänger zum besonderen Ruhme angerechnet, kraft ihrer apostolischen Vollmacht das Fest der Empfängnis in der Römischen Kirche einzuführen; sie haben es mit einem eigenen Stundengebet und einer eigenen Messe, worin das Vorrecht der Bewahrung von der Erbschuld ganz deutlich zum Ausdruck kommt, ausgezeichnet und so das Fest feierlicher gestaltet; 516 sie suchten dann die bereits vorhandene Verehrung mit allen Mitteln zu fördern und zu verbreiten, sei es durch die Gewährung von Ablässen, sei es dadurch, daß sie Städten, Provinzen und Ländern gestatteten, die Gottesmutter unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis als Patronin sich zu erwählen, oder daß sie Vereinigungen, Kongregationen und fromme Bruderschaften bestätigten, die zur Verehrung der Unbefleckten Empfängnis gegründet wurden, oder daß sie den frommen Sinn derer lobten, die Ordenshäuser, Krankenhäuser, Altäre und Gotteshäuser unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis errichteten oder unter einem Eide sich verpflichteten, für die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter nach Kräften einzutreten. 517 Mit ganz besonderer Freude verordneten sie auch, daß das Fest der Empfängnis von jeder Kirche mit der gleichen Feierlichkeit und in dem gleichen Rang zu feiern sei wie das Fest ihrer Geburt, daß das Fest der Empfängnis auch mit einer Oktav von der ganzen Kirche begangen und von allen als ein gebotener Feiertag gehalten werden soll, daß jedes Jahr an dem der Empfängnis der heiligen Jungfrau geweihten Tage in Anwesenheit des Papstes der Gottesdienst in der Patriarchal-Basilika des Liberius stattfinden solle.

518 Beseelt von dem Wunsche, in den Herzen der Gläubigen diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis von Tag zu Tag immer mehr zu verankern und ihren frommen Sinn zur Verehrung und Hochschätzung der unbefleckt empfangenen Jungfrau immer mehr anzuregen, haben sie auch mit großer Freude bereitwilligst gestattet, daß in der Lauretanischen Litanei und selbst in der Präfation der Messe die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau erwähnt werde, damit die Regel für den Glauben durch die Regel für das Beten festgelegt sei. 519 Wir aber sind den Fußstapfen dieser Unserer ausgezeichneten Vorgänger gefolgt und haben nicht nur ihre frommen und weisen Verordnungen gutgeheißen und angenommen, sondern auch eingedenk der Verfügung Sixtus’ IV. ein eigenes Offizium von der Unbefleckten Empfängnis autoritativ bestätigt und dessen Gebrauch mit freudigem Herzen der ganzen Kirche gestattet.

520 Weil das, was zum Gottesdienst gehört, in inniger Verbindung mit seinem Gegenstand steht und nicht Bestand haben kann, wenn der Gegenstand ungewiß und zweifelhaft ist, deshalb haben Unsere Vorgänger, die Päpste, mit allem Eifer die Andacht zur Empfängnis gefördert und sich angelegentlichst bemüht, ihren Gegenstand und ihren Inhalt zu erklären und den Gläubigen einzuprägen. Sie haben klar und deutlich gelehrt, daß das Fest die Empfängnis der Jungfrau zum Gegenstand habe, und sie haben als falsch und mit der Meinung der Kirche unvereinbar die Ansicht jener zurückgewiesen, die meinten und behaupteten, daß nicht die Empfängnis selbst, sondern nur die Heiligung von der Kirche gefeiert werde. Nicht weniger streng gingen sie gegen jene vor, die zur Abschwächung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau einen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Augenblick machten und behaupteten, es werde zwar die Empfängnis gefeiert, aber nicht die, welche im ersten Augenblick erfolgte. 521 So haben es Unsere Vorgänger als ihre Aufgabe betrachtet, das Fest der Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und ihrer Empfängnis vom ersten Augenblick an als den wahren Gegenstand der Verehrung mit allem Eifer in Schutz zu nehmen und zu verteidigen. Darum sprach Unser Vorgänger Alexander VII. die geradezu entscheidenden Worte, und er brachte damit die richtige Auffassung der Kirche zum Ausdruck: „Von altersher ist es die fromme Meinung der Christgläubigen, daß die Seele der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria im ersten Augenblick ihrer Erschaffung und ihrer Vereinigung mit dem Leib auf Grund einer besonderen Gnade Gottes und eines besonderen Vorzuges im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel der Erbsünde rein bewahrt wurde; in diesem Sinne begeht man in feierlicher Weise das Fest ihrer Empfängnis.“[3]

522 Vor allem betrachteten es Unsere Vorgänger als ihre heilige Pflicht, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter mit aller Sorgfalt, mit Eifer und Entschiedenheit unversehrt zu bewahren. So haben sie in keiner Weise geduldet, daß die Lehre selbst von jemandem irgendwie angegriffen oder lächerlich gemacht wurde. Ja, sie sind noch viel weiter gegangen und haben zu wiederholten Malen ganz deutlich erklärt und verkündet, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau stimme voll und ganz mit den Andachtsformen der Kirche überein, sie sei altehrwürdig und fast allgemein verbreitet, die Römische Kirche habe es sich zur Aufgabe gesetzt, sie zu fördern und zu schützen, ja sie verdiene es wirklich, in der heiligen Liturgie und bei feierlichen Bittandachten erwähnt zu werden. Und damit nicht zufrieden, haben sie, damit die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau selbst unangetastet bleibe, strengstens verboten, die entgegengesetzte Ansicht öffentlich oder geheim zu verteidigen, und haben erklärt, sie sei aus verschiedenen Gründen unhaltbar. Damit aber diese wiederholten und offenkundigen Erklärungen nicht als unwirksam angesehen werden, gaben sie ihnen auch die nötige Sanktion bei. All dies faßte Unser schon erwähnter Vorgänger Alexander VII. in folgende Worte zusammen:

523 „Wir erneuern hiermit die Bestimmungen und Beschlüsse, die von Unseren Vorgängern, den römischen Bischöfen, besonders von Sixtus IV., Paul V. und Gregor XV. ergangen sind. Dabei lassen wir Uns von der Erwägung leiten, dass die heilige Römische Kirche die Empfängnis der stets makellosen Jungfrau feierlich als Fest begeht und daß einst Unser Vorgänger Sixtus IV. auf Grund einer frommen, andächtigen und lobenswerten Verordnung eigene Tagzeiten für dieses Fest angeordnet hat. Es ist auch Unser Wunsch, diesen Frömmigkeitssinn und diese Andacht zu begünstigen, so wie es Unsere Vorgänger, die römischen Päpste, taten, und zwar in der gleichen Weise, wie das Fest und die Feier begangen wird und wie sich beides seit ihrer Einsetzung in der Römischen Kirche unverändert erhalten hat. Diese Begünstigung bedeutet zugleich auch einen Schutz dieser Andacht, die darauf abzielt, die seligste Jungfrau zu verehren und zu verherrlichen, nachdem sie durch die zuvorkommende Gnade des Heiligen Geistes vor der Erbsünde bewahrt geblieben ist. Wir versprechen Uns auch von dieser Verehrung die Einheit des Geistes in der Herde Christi, den Frieden durch die Beseitigung von Zwisten und Streitigkeiten und die Tilgung von Ärgernissen. Endlich wollen Wir damit auch den inständigen Bitten der genannten Bischöfe mit den Kapiteln ihrer Kirchen entgegenkommen, sowie auch des Königs Philipp und seiner Länder. Wir schließen Uns also den Bestimmungen Unserer Vorgänger an, nach denen die Seele der seligsten Jungfrau bei ihrer Erschaffung und bei ihrer Vereinigung mit dem Körper von der Gnade des Heiligen Geistes erfüllt und vor der Erbsünde bewahrt wurde; Wir genehmigen deshalb auch die Festfeier von der Empfängnis der unbefleckten Gottesmutter, so wie Wir es eben darlegten, und verhängen gegen Zuwiderhandelnde die gleichen Strafen, wie sie in der genannten Konstitution ausgesprochen sind.“

524 „Damit wenden Wir Uns gegen alle jene, die entgegen den genannten Bestimmungen und Beschlüssen diese Gunstbezeigung, wie sie dem Festgedanken und der Verehrung zugrundeliegt, nach wie vor zu leugnen wagen. Es fehlt ja leider nicht an solchen, die diese Unsere Ansicht, das Fest und die Verehrung bezweifeln. Man verschanzt sich dabei hinter dem Vorwand, die Frage ja nur untersuchen zu wollen, oder die Heilige Schrift, die Väter und die Gottesgelehrten zu erklären und auszulegen. Ganz gleich nun, ob dies schriftlich oder bloß mündlich geschieht, ob in Predigten, Abhandlungen oder auf Konferenzen und Gesprächen, ob mit oder ohne Beweise. Wir verhängen über alle diese jene Strafen, die schon Sixtus IV. ausgesprochen hat, und entziehen ihnen die Erlaubnis zu predigen, Unterricht zu erteilen, die Heilige Schrift zu erklären und Vorlesungen zu halten, sowie das aktive und passive Wahlrecht in geistlichen Wahlhandlungen. Und zwar tritt die Strafe ipso facto in Kraft, so daß sie ohne weitere Erklärung jener genannten Handlungen unfähig sind. Die Lösung von dieser Strafe behalten Wir Uns selbst und Unseren Nachfolgern vor. Wir erklären sie ferner auch jenen Strafen für verfallen, die nach Unserem Ermessen und dem der römischen Päpste, Unserer Nachfolger, über sie verhängt werden, und Wir unterwerfen sie hiermit gerade jenen Strafbestimmungen der obenangeführten Konstitutionen Pauls V. und Gregors XV., die Wir deshalb erneuern.“

525 „Dasselbe gilt auch von Büchern, die nach dem genannten Dekret Pauls V. herausgegeben wurden oder in Zukunft erscheinen, wenn sie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, das Fest oder die Verehrung in Zweifel ziehen oder sich dagegen aussprechen und Gespräche, Predigten, Abhandlungen und Erörterungen dieser Art enthalten. Solche Druckerzeugnisse verbieten Wir und belegen sie mit jenen Zensuren und Strafen, die in dem Verzeichnis der verbotenen Bücher enthalten sind. Wir ordnen deshalb an, daß solche Bücher ohne weiteres schon als verboten anzusehen sind.“[4]

526 Wir alle aber wissen, mit welchem Eifer diese Lehre über die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von den angesehensten Ordensgenossenschaften, von den berühmtesten theologischen Hochschulen und den hervorragendsten Lehrern der göttlichen Wissenschaft vertreten, dargelegt und verteidigt wurde. Ebenso ist bekannt, wie sehr die Bischöfe besorgt waren, auch bei den Kirchenversammlungen öffentlich und vor der ganzen Welt zu bekennen, dass die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria schon im voraus im Hinblick auf die Verdienste unseres Herrn und Erlösers niemals der Erbschuld unterworfen wurde, sondern voll und ganz von der Makel der Erbsünde bewahrt blieb und so auf eine besonders hehre Weise erlöst wurde. 527 Dazu kommt noch eine überaus wichtige und bedeutsame Tatsache. Das Konzil von Trient hatte bei der Verkündigung des Glaubenssatzes von der Erbsünde auf Grund der Zeugnisse der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der rechtmäßigen Kirchenversammlungen festgelegt und entschieden, daß alle Menschen mit der Erbsünde behaftet zur Welt kommen; das gleiche Konzil erklärte indessen ebenso feierlich, es sei nicht seine Absicht, in dieses Dekret und in diese allgemeine Entscheidung die heilige und unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria miteinzuschließen[5]. Durch diese Erklärung haben die Väter von Trient auf die Freiheit der allerseligsten Jungfrau von der Erbsünde den damaligen Verhältnissen entsprechend deutlich genug hingewiesen und ganz klar zum Ausdruck gebracht, daß aus der Heiligen Schrift, aus der Überlieferung und den Zeugnissen der Väter nichts vorgebracht werden kann, was diesem erhabenen Vorzug der Jungfrau irgendwie entgegensteht.

528 So herrscht denn in der Kirche bezüglich dieser Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau eine völlige Übereinstimmung in ihrer Lehrverkündigung und in ihrer sorgfältigen und weise abgewogenen wissenschaftlichen Arbeit. Von Tag zu Tag aber tritt immer deutlicher in Erscheinung, und dies zeigt sich bei allen katholischen Völkern und Nationen auf dem ganzen Erdkreis in staunenswerter Weise, daß diese Lehre wirklich in der Kirche stets als eine von den Vätern überlieferte und mit den Kennzeichen einer geoffenbarten Wahrheit ausgestattete Lehre betrachtet wurde; und dies bestätigen die wichtigsten Denkmäler des ehrwürdigen Altertums aus der östlichen und westlichen Kirche in ganz überzeugender Weise.

Die Kirche Christi ist nämlich nur die treue Bewahrerin und Verteidigerin der in ihr niedergelegten Glaubenswahrheiten, an denen sie nichts ändert, an denen sie keine Abstriche macht und denen sie nichts hinzufügt. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter gleichsam noch im Keim niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten, daß jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben Sinn und in ein- und demselben Gehalt, ein Wachstum aufzuweisen haben.

529 Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl bewanderten Väter und Schriftsteller der Kirche hielten nichts für wichtiger, als in den Werken, die sie zur Erklärung der Schrift, zur Verteidigung des Glaubens und zur Belehrung der Gläubigen verfaßten, die höchste Heiligkeit und Würde der Jungfrau, ihr Freisein von jeder Sündenmakel und ihren herrlichen Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes in vielfacher und bewundernswerter Weise wie in edlem Wettstreit zu verkünden und hervorzuheben. Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen[6]; sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, daß durch diesen Ausspruch Gottes klar und deutlich auf den barmherzigen Erlöser des Menschengeschlechtes, auf den eingeborenen Sohn Gottes, Christus Jesus, hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter, die Jungfrau Maria, und daß damit zugleich die unerbittliche Feindschaft beider mit dem Teufel klar angedeutet werde. Wie also Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, nach der Annahme der menschlichen Natur die Urkunde, die gegen uns zeugte, zerriß und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die heiligste Jungfrau, die ganz innig und unzertrennlich mit ihm verbunden ist, mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Schlange; sie triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit ihrem makellosen Fuß.

530 Diesen herrlichen und ganz einzigartigen Triumph der allerseligsten Jungfrau, ihre ganz ausgezeichnete Unschuld, Reinheit, Heiligkeit und Unversehrtheit von jeder Sünde, diese unaussprechliche Fülle und Erhabenheit aller himmlischen Gnaden, Tugenden und Vorzüge haben die Väter schon in der Arche Noes vorgebildet gesehen, die auf Gottes Anordnung erbaut wurde und dem allgemeinen Untergang der ganzen Welt heil und unversehrt entging. Sie sahen ein Vorbild auch in jener Leiter, die Jakob von der Erde bis in den Himmel reichen sah, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und auf deren oberster Sprosse der Herr selbst ruhte. Auch der Dornbusch gehört hierher, den an heiliger Stätte Moses ringsum brennen sah, der jedoch in den lodernden Flammen des Feuers nicht bloß nicht verzehrt oder im geringsten verletzt wurde, sondern gar anmutig grün aufblühte. Maria gleicht jenem von dem Feind unüberwindlichen Turm, von dem tausend Schilde, Schutzwehr und Rüstung für Helden herabhängen. Sie gleicht dem verschlossenen Garten, den die Tücke des Nachstellers weder zertreten noch schädigen kann. Maria ist die glänzende Stadt Gottes, deren Grundfeste auf dem heiligen Berge ruht; sie ist der hehre Tempel Gottes, der leuchtend im göttlichen Strahlenglanz erfüllt ist von der Herrlichkeit Gottes. Außer diesen Bildern zählen die Väter noch viele andere auf, die die erhabene Würde der Gottesmutter, ihre unversehrte Unschuld und ihre nie von einer Makel getrübte Heiligkeit bedeutungsvoll versinnbilden.

531 Um diese unstreitig höchste unter allen Gottesgaben, eben diese ursprüngliche Unversehrtheit der allerseligsten Jungfrau, von der Jesus geboren wurde, zu erklären, haben die gleichen Kirchenväter sich auch der Aussprüche der Propheten bedient. Und diese wiederum meinen Maria, wenn sie sprechen von der reinen Taube, dem heiligen Jerusalem, dem erhabenen Thron Gottes, der Bundeslade der Heiligung, dem Haus, das die ewige Weisheit sich geschaffen, der Königin, die von Wonnen überfließend und geschmiegt an ihren Geliebten aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging, ganz vollkommen, schön und Gott überaus angenehm und nie von einer Makel der Sünde befleckt.

532 Und schließlich fiel der Blick der Väter und der kirchlichen Schriftsteller auf die Worte des Erzengels Gabriel, der Maria die erhabene Würde einer Mutter Gottes verkündete und sie auf Befehl Gottes selber als die Gnadenvolle[7] bezeichnete. Und so lehrten sie denn, es werde durch diesen einzigartigen, feierlichen und noch nie vernommenen Gruß schon gezeigt, daß die Mutter Gottes der Sitz, die Stätte aller göttlichen Gnaden sei, daß sie mit allen Gaben des Heiligen Geistes geziert sei; in gewissem Sinn sei sie sogar ein unendlicher Schatz und unergründlicher Abgrund eben dieser Gaben, und da sie nie dem Fluch unterworfen war, wurde sie mit ihrem Sohn ewigen Preises würdig. Deswegen durfte sie aus dem Munde der vom Gottesgeist erleuchteten Elisabeth die Worte vernehmen: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes[8].

533 So sind denn die Aussprüche der heiligen Väter über Maria nicht bloß zahlreich, sondern auch einstimmig. Die glorwürdigste Jungfrau, an der Gott in seiner Macht Großes getan hat[9], besitzt Gottes Gnaden und Gaben und die Unschuld in einer solch leuchtenden Fülle, daß sie dadurch gleichsam selber zu einem unaussprechlichen Wunder Gottes oder viel mehr zum Gipfelpunkt aller Wundertaten Gottes geworden ist, wie es sich eben für die Mutter Gottes geziemte. So steht sie Gott am nächsten, soweit dies überhaupt einem geschaffenen Wesen möglich ist, und ihre Würde kann weder ein Lob aus Menschen-, noch aus Engelsmund erreichen. Das ist auch der Grund, warum die Väter Maria auf jede erdenkliche Weise noch höher stellen als Eva, selbst wenn wir diese in ihrem Zustand der Jungfräulichkeit und der unversehrten Unschuld betrachten, als sie noch nicht von den todbringenden Nachstellungen der betrügerischen Schlange hintergangen war. Eva hörte leider auf die Schlange, verlor ihre ursprüngliche Unschuld und wurde die Sklavin der Schlange, während die allerseligste Jungfrau gerade dieses ursprüngliche Geschenk Gottes noch bereicherte, indem sie der Schlange kein Gehör gab und deren Macht mit Gewalt durch göttliche Kraft vollends zu Fall brachte.

534 Deshalb werden die Väter der Kirche nicht müde, die Gottesgebärerin zu nennen: die Lilie unter den Dornen, die ganz Unberührte, Jungfräuliche, Unbefleckte, Makellose, die immer Gesegnete; sie nennen sie das von aller Ansteckung der Sünde freigebliebene Erdreich, aus dem der neue Adam gebildet wurde; sie nennen sie das untadelhafte, helleuchtende, liebliche Paradies der Unschuld, der Unsterblichkeit und Wonne, das Gott selbst gepflanzt und gegen alle Nachstellungen der giftigen Schlange verteidigt hat; sie heißen sie das unverwesliche Holz, das der Sünde Wurm nie benagte, den stets ungetrübten Born, besiegelt durch die Kraft des Heiligen Geistes, den Tempel Gottes, den Schatz der Unsterblichkeit, die einzige Tochter des Lebens und nicht des Todes und des göttlichen Zornes, sondern die Knospe der Gnade, die immer grünt und, behütet von der Vorsehung Gottes, aufsproßt gegen alle bisher geltenden Gesetze und Gewohnheiten aus einer verdorbenen und von der Sünde angesteckten Wurzel.

535 Doch als wären diese schon an sich überschwenglichen Lobeserhebungen noch ungenügend, erklärten die heiligen Väter in neuen, ganz bestimmten Wendungen, daß dort, wo von der Sünde die Rede ist, dies auf Maria nicht zutreffe, weil gerade ihr, um die Sünde allseits zu besiegen, größere Gnade mitgeteilt worden sei. Daher bekannten sie, Maria sei die Wiederherstellerin unserer Stammeltern, die Lebensspenderin für deren Nachkommen; der Allerhöchste habe sie von Anfang an auserwählt und sie sich vorbereitet, als er zur Schlange sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau[10]. Und zweifellos hat ja Maria der Schlange das giftige Haupt zertreten. Und so sagen wiederum die heiligen Väter, daß die allerseligste Jungfrau durch die Gnade von aller Sündenmakel rein bewahrt geblieben sei, frei von aller Ansteckung des Leibes, der Seele und des Verstandes, immer mit Gott vereint, durch ein ewiges Bündnis mit ihm verbunden, niemals in der Finsternis, sondern immer im Lichte; dadurch aber wurde sie zu einer würdigen Wohnung für Christus, nicht so sehr wegen der Beschaffenheit ihres Leibes, als vielmehr wegen dieser einzigartigen Gnade ihres Ursprungs.

Dazu kommen dann noch die herrlichen Aussprüche der Väter, mit denen sie Zeugnis von der Empfängnis der heiligen Jungfrau ablegen, so wenn sie sagen, daß bei Maria die Natur vor der Gnade gewichen sei. Die Natur habe in ihrem Unvermögen voranzuschreiten gleichsam furchtsam stillgehalten; denn es war ja bestimmt, daß die jungfräuliche Gottesmutter nicht eher von Anna empfangen wurde, als bis die Gnade ihre Frucht gebracht hatte; sollte doch die Erstgeborene empfangen werden, die selber wieder den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung empfangen sollte.

536 Weiterhin bezeugen die Väter, daß Maria, obwohl sie dem Leibe nach von Adam stammte, doch die Sünde Adams nicht mitangenommen habe; in dieser Hinsicht sei Maria das von Gott selbst erschaffene Zelt, das vom Heiligen Geiste gebildet und aus Purpur gearbeitet sei; ein neuer Beseleel habe es bunt und mit Gold durchwirkt verfertigt, und so sei sie wirklich die, als die wir sie feiern, Gottes eigenstes und erstes Werk, das von den brennenden Pfeilen des Bösen nicht erreicht worden sei. Schön von Natur und von aller Makel frei, wie die Morgenröte in ihrem vollkommenen Glanze, so sei Maria in ihrer Unbefleckten Empfängnis in der Welt erschienen. Denn es geziemte sich nicht, daß jenes Gefäß der AuserwähIung an dem sonst allen Menschen gemeinsamen Übel Anteil hatte; von den übrigen weit verschieden, habe sie wohl an ihrer Natur, nicht aber an ihrer Schuld teilgenommen. Im Gegenteil; es geziemte sich in jeder Weise, daß der Eingeborene, wie er im Himmel einen Vater hat, den die Seraphim dreimal heilig preisen, so auch auf Erden eine Mutter habe, die nie des Glanzes der Herrlichkeit entbehrte.

537 Somit ist es also nicht verwunderlich, daß diese Lehre so sehr Verstand und Herz unserer Vorfahren ergriff, daß sie in einzigartiger Weise zu Worten und Ausdrücken greifen, die häufig die Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, als die Unschuldige und Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst. Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde keineswegs genügen. Diese Ausdrucksweisen sind, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, sogar in die heilige Liturgie und in die kirchlichen Tagzeiten wie von selbst eingegangen. An vielen Stellen finden wir sie da, ja diese sind sogar vorherrschend. Die Gottesmutter wird darin angerufen und gepriesen als die einzige, unversehrte Taube der Schönheit, als die immer blühende, gänzlich reine, stets unbefleckte und immer selige Rose; sie wird gepriesen als die Unschuld selber, die niemals verletzt wurde, als die zweite Eva, die den Emmanuel gebar.

538 Kein Wunder, wenn die Hirten der Kirche und das gläubige Volk die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter mit immer größerer Frömmigkeit, Verehrung und Liebe auszeichnen. Ist doch diese Lehre nach dem Urteil der Väter in den heiligen Schriften niedergelegt und in so vielen wichtigen Zeugnissen von diesen überliefert; in vielen herrlichen Denkmälern der verehrungswürdigen Vergangenheit kommt sie zum Ausdruck, und zudem hat sie durch das höchste und gewichtigste Urteil der Kirche ihre Verkündigung und Bestätigung erfahren. Hirten und Herde rühmen sich, daß ihnen nichts angenehmer und lieber wäre, als mit tiefster Inbrunst die ohne Erbsünde empfangene jungfräuliche Gottesmutter überall zu verehren, anzurufen und zu preisen. Deshalb haben schon in früheren Zeiten Bischöfe, Priester, Ordensgenossenschaften und sogar Kaiser und Könige den Apostolischen Stuhl gebeten, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Gottesmutter als Glaubenssatz zu erklären. Diese Bitten wurden auch in der Gegenwart wiederholt, und sie wurden besonders Unserem Vorgänger Gregor XVI. seligen Angedenkens und Uns selbst von Bischöfen, von Weltpriestern, von Ordensgenossenschaften, von hochstehenden Fürsten und vom gläubigen Volke vorgetragen.

539 Dies alles wußten Wir sehr wohl und erwogen es ernstlich, und es machte Unserem Herzen besondere Freude. Sobald Wir also ohne Unser Verdienst nach dem unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Vorsehung auf diesen erhabenen Lehrstuhl des heiligen Petrus erhoben wurden und das Steuer der ganzen Kirche übernahmen, betrachteten Wir es als Unsere heiligste Pflicht, entsprechend Unserer großen, von früher Kindheit an gehegten Verehrung, Andacht und Liebe zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, alles durchzuführen, was die Kirche wünscht, damit die Ehre der allerseligsten Jungfrau vermehrt werde und deren Vorzüge in noch hellerem Lichte erglänzen.

Zur reiferen Prüfung dieser ganzen Angelegenheit haben Wir eine besondere Kongregation aus Unseren ehrwürdigen Brüdern, den Kardinälen der heiligen Römischen Kirche, bestellt. Neben diesen durch Religiosität, Klugheit und Wissen in göttlichen Dingen hervorragenden Männern haben Wir aus dem Welt- und Ordensklerus in der Theologie bewanderte Männer ausgewählt, damit sie alles, was die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau betrifft, reiflich erwägen und Uns ihre Ansicht darüber mitteilen. Obwohl Uns auf Grund der erhaltenen Gesuche um die endgültige Entscheidung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau die Ansicht der meisten Oberhirten schon bekannt war, so sandten Wir trotzdem am 2. Februar 1849 von Gaëta aus ein Rundschreiben an alle ehrwürdigen Brüder, die kirchlichen Oberhirten der ganzen katholischen Welt, mit der Aufforderung, sie sollten nach Anrufung des Beistandes Gottes Uns schriftlich kundtun, wie die Andacht ihrer Gläubigen zur Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter beschaffen sei und was besonders sie selber, die Oberhirten, von einer solchen Entscheidung hielten und ob sie ihnen erwünscht sei, damit Wir so auf eine möglichst feierliche Weise Unser letztes Urteil darüber fällen könnten[11].

540 Es erfüllte Uns mit nicht geringem Trost, als Wir die Antwortschreiben Unserer ehrwürdigen Brüder erhielten. Denn diese Antworten zeugten von ihrer ungemeinen Freude und einer Uns völlig zustimmenden Gesinnung. Sie bestätigten nicht bloß neuerdings ihren eigenen Andachtseifer für die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau, sowie den ihrer Geistlichkeit und ihres gläubigen Volkes, sondern sie richteten einstimmig an Uns die Bitte, die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau durch unsere höchste Autorität und Unseren Schiedsspruch zu definieren. Von ebenso großer Freude wurden Wir erfüllt, als Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, die Mitglieder der erwähnten besonderen Kongregation und die obengenannten zur Beratung gewählten Theologen mit gleichem Eifer nach dem Abschluß ihrer sorgsamen Untersuchung Uns um die Definierung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter baten.

541 Folgend nun dem erlauchten Beispiel Unserer Vorgänger und von dem Wunsch beseelt, mit Sicherheit und so, wie es recht ist, vorzugehen, hielten Wir ein Konsistorium ab. Hier richteten Wir eine Rede an Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, und vernahmen zu Unserer großen Befriedigung aus ihrem Munde den Wunsch, die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von Uns dogmatisch definiert zu sehen[12]. So sind Wir denn der festen Überzeugung im Herrn, daß jetzt der günstigste Zeitpunkt gekommen ist, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria als Glaubenssatz zu verkünden; durch die Aussprüche der Heiligen Schrift, die ehrwürdige Überlieferung, die ständige Überzeugung der Kirche, die einzigartige Übereinstimung der katholischen Bischöfe und der Gläubigen, die feierlichen Entscheidungen und Verordnungen Unserer Vorgänger wird sie ja in ganz wunderbarer Weise beleuchtet und erklärt. Nach reiflicher Überlegung all dieser Dinge und nach langen, heißen Gebeten zu Gott glauben Wir auf keinen Fall länger zögern zu dürfen, kraft Unserer höchsten Lehrvollmacht die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau als Glaubenssatz zu erklären und so den frommen Wünschen der katholischen Welt und Unserer eigenen Zuneigung zur allerseligsten Jungfrau entgegenzukommen und zugleich mit ihr ihren eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mehr und mehr zu ehren; denn auf den Sohn geht über, was der Mutter an Ehre und Lob erwiesen wird.

542 Nachdem Wir also ohne Unterlaß in Demut und mit Fasten Unsere persönlichen und auch die gemeinsamen Gebete der Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn dargebracht haben, auf daß er durch den Heiligen Geist Unseren Sinn leite und stärke, nachdem Wir auch den ganzen himmlischen Hof um seine Hilfe angefleht und inständigst den Heiligen Geist angerufen haben, erklären, verkünden und entscheiden Wir nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes zur Ehre der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Verherrlichung der jungfräulichen Gottesmutter, zur Auszeichnung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion, kraft der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.

Wenn also jemand, was Gott verhüten wolle, anders, als von Uns entschieden ist, im Herzen zu denken wagt, der soll wissen und wohI bedenken, daß er sich selbst das Urteil gesprochen hat, daß er im Glauben Schiffbruch erlitten hat und von der Einheit der Kirche abgefallen ist.

Alle diese verfallen außerdem durch ihre Tat schon den vom kirchlichen Rechte bestimmten Strafen, wenn sie das, was sie im Herzen sinnen, mündlich oder schriftlich oder auf was immer für eine Weise nach außen hin zur Kenntnis zu geben wagen.

543 So ist denn von Freude Unser Herz erfüllt und voll von Jubel Unsere Zunge. Wir sagen jetzt und immerdar Unserem Herrn Jesus Christus den demütigsten und höchsten Dank, daß er entgegen Unseren Verdiensten Uns die Gnade verliehen hat, diese Ehre, diesen Ruhm und diesen Lobpreis seiner heiligsten Mutter darzubringen und zu beschließen. Auf sie setzen wir Unsere ganze Hoffnung und Unser vollstes Vertrauen. Ist sie doch ganz schön und ohne Makel; sie hat das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht; sie ist der Ruhm der Propheten und Apostel, die Ehre der Blutzeugen, die Freude und Krone der Heiligen, die sicherste Zuflucht und treue Helferin aller Gefährdeten des ganzen Erdkreises, die mächtige Mittlerin und Versöhnerin bei ihrem eingeborenen Sohne, der herrlichste Schmuck, die Zierde der heiligen Kirche und ihre unüberwindliche Schutzwehr; sie hat stets alle Irrlehren vernichtet und die gläubigen Völker und Nationen den größten Drangsalen entrissen und Uns selbst aus so manchen drohenden Gefahren befreit. Und so erwarten Wir denn von ihr, sie werde durch ihre mächtige Fürbitte bewirken, daß unsere heilige Mutter, die Kirche, nach Beseitigung aller Hindernisse, nach Überwindung aller Irrtümer unter allen Völkern und an allen Orten von Tag zu Tag an Kraft gewinne, blühe und herrsche von Meer zu Meer, vom großen Strom bis zu den Grenzen des Erdenrundes[13], daß sie des Friedens, der Ruhe und der Freiheit sich erfreue. Wir erwarten, daß sie den Schuldigen Verzeihung, den Kranken Heil, den Kleinmütigen Starkmut, den Betrübten Trost, den Gefährdeten Hilfe bringe und alle Irrenden nach Aufhellung der Finsternis des Geistes auf den Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit zurückführe, auf daß ein Hirt und eine Herde werde[14].

544 Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen; sie sollen zur süßen Mutter der Barmherzigkeit und Gnade in jeglicher Gefahr, Angst und Not ihre Zuflucht nehmen und in Zweifeln und Furcht mit allem Vertrauen sich ihr nahen. Keine Furcht und kein Zweifel braucht den zu schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt. Zweifellos ist sie von Mutterliebe gegen uns erfüllt, sie sorgt für unser Heil und ist für das ganze Menschengeschlecht besorgt. Sie ist gesetzt vom Herrn als Königin des Himmels und der Erde, über alle Chöre der Engel erhaben und über alle Heiligen und steht zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wenn sie ihn mit ihren mütterlichen Bitten bestürmt, so hat sie Erfolg; sie findet, was sie von ihm zu erlangen sucht, und ihre Wünsche bleiben nicht unerfüllt.

545 Damit endlich die ganze Kirche zur Kenntnis dieser Unserer Definition über die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau gelange, so verordnen Wir, daß dieses Unser apostolisches Schreiben zum ewigen Gedächtnis aufbewahrt werde. Wir befehlen ferner, daß den abgeschriebenen oder gedruckten Exemplaren, die von einem öffentlichen Notar unterzeichnet und mit dem Siegel einer in kirchlichen Würden stehenden Person versehen sind, von allen jene Glaubwürdigkeit beigemessen wird, die man dem Original selbst beimessen würde, falls es zur Einsichtnahme dargeboten oder vorgelesen würde.

Niemandem sei es also gestattet, die Urkunde dieser Erklärung, Unseres Entscheides und Unserer Definition zu verletzen, noch sich ihr mit vermessenem Ansinnen zu widersetzen oder ihr entgegenzutreten. Wer sich aber erkühnen sollte, solches zu versuchen, der wisse, daß er den Zorn des Allmächtigen und seiner Apostel Petrus und Paulus auf sich ladet.

Gegeben zu Rom bei St. Peter im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1854, am 8. Dezember, im 9. Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PlUS IX.


[1] Tob. 3,2.

[2] Weish. 8,1.

[3] Alexander VII., Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 739.

[4] Alexander VII, Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 740f.

[5] Vgl. Konzil von Trient, Sess. V., 17. Juni 1546, Denzinger Nr.792.

[6] Gen. 3,15.

[7] Luk. 1,28.

[8] Luk. 1,42.

[9] Luk. 1,49.

[10] Gen. 3,15.

[11] Vgl. Pius IX., Rundschreiben Ubi primum, 2. Februar 1849. Pii IX Acta, pars la, vol. I, p. 162. Typ. Bonarum Artium.

[12] Vgl. Pius IX., Ansprache Inter graves beim geheimen Konsistorium vom 1. Dez. 1854. Acta, Pars la, vol. I, p. 594. Typ. Bonarum Artium.

[13] Ps. 71,8.

[14] Joh. 10,16.

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