Vatikan veröffentlicht neues Direktorium für die Katechese

Erzbischof Rino Fisichella bei der Vorstellung des neuen Handbuchs für den Glaubensunterricht am 25. Juni 2020 im Vatikan. Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Wird dieses Direktorium helfen, Glaubenslücken zu schließen, die das katholische Leben in der Kirchenkrise belasten – und kann es helfen, den Glauben unverkürzt zu verbreiten, in der eigenen Familie wie im ganzen Leben?

Das ist der große Anspruch des Dokuments, das der Päpstliche Rat für die Neuevangelisierung im Vatikan heute vorgelegt hat. Das „Direktorium für die Katechese“ – so der offizielle Titel – legt daher „die grundlegenden theologisch-pastoralen Prinzipien und einige allgemeine Orientierungen, die für die Praxis der Katechese in unserer Zeit von Bedeutung sind“, erklärt Kardinal Rino Fisichella in der Einleitung.

Zu den Themen, die in diesem Direktorium neu behandelt werden, gehören die Bioethik, Geschlecht und Gender, die Bewahrung der Schöpfung sowie die Todesstrafe.

Das Buch, das am heutigen 25. Juni nur in italienischer Sprache vorgestellt wurde, liegt noch nicht in einer offiziellen deutschen Übersetzung vor. Als Direktorium fungiert es als eine Erweiterung und Fortführung seiner Vorgänger der Jahre 1997 und 1971 – Fisichella nennt dies eine „dynamische Kontinuität“.

Im Dienst der Evangelisierung

Die Katechese „muss die eigentlichen Merkmale der Evangelisierung“ aufweisen, ohne diese jedoch zu ersetzen, sagte Fisichella auf der Pressekonferenz am 25. Juni: Die Evangelisierung habe immer Vorrang vor der Katechese.

Das in drei Abschnitte unterteilte Werk dient – so der Kardinal weiter – genau gesehen der „Vertiefung des Verständnisses der Kirche von der Rolle der Katechese im Bereich der Evangelisierung“.

Die Einleitung des Direktoriums stellt fest, dass jedes Direktorium auch im Einklang mit der Lehre der Kirche stehen muss, einschließlich dem Katechismus der Katholischen Kirche und päpstlichen Enzykliken.

In Bezug auf die Bioethik betont das Verzeichnis den Unterschied zwischen „therapeutischer Intervention und Manipulation“, insbesondere wenn dadurch das Risiko entsteht, Eugenik zu praktizieren.

Das Dokument bekräftigt auch Gottes Schöpfung der menschlichen Person als „männlich und weiblich“. Es stellt fest, dass sich die Kirche zwar der persönlichen Komplexität bewusst ist, die manche Menschen im Bereich von Geschlecht und Sexualität erfahren, „sie ist sich jedoch bewusst, dass Sexualität in einer Perspektive des Glaubens nicht nur ein physisches Datum ist, sondern eine persönliche Realität, ein Wert, der der Verantwortung der Person anvertraut ist“.

Angesichts der modernen Herausforderungen in den Bereichen Bioethik und Gender sagt das Direktorium, dass Katecheten eine Erziehung fördern sollten, die im Glauben und in der christlichen Moral verwurzelt ist, alles im Lichte des Lehramtes der Kirche.

Das Buch bietet einige grundlegende Elemente, die die Katecheten hervorheben sollten, nämlich: „Gott ist der erste und letzte Bezugspunkt des Lebens, von seiner Empfängnis bis zum natürlichen Tod; die Person ist immer die Einheit von Geist und Körper; die Wissenschaft steht im Dienst der Person; das Leben muss in jedem Zustand angenommen werden, denn es ist durch das Ostergeheimnis Jesu Christi erlöst“.

Was die Todesstrafe betrifft, so betont das Direktorium die „innere und unveräußerliche Würde“ jeder menschlichen Person und verweist auf die Änderung des Katechismus durch Papst Franziskus, mit dem dieser die Todesstrafe für „unzulässig“ erklärte.

„Die Katechese wird daher alle Anstrengungen unternehmen müssen, um die Lehre der Kirche verständlich zu machen und zur Schaffung einer neuen Kultur beizutragen“, heißt es in dem Dokument.

Hinsichtlich der Pflege des gemeinsamen Hauses verweist das Verzeichnis auf die Notwendigkeit einer „ökologischen Umkehr“ angesichts der sich beschleunigenden und komplexen ökologischen Probleme.

„Eine Katechese, die für die Bewahrung der Schöpfung sensibel ist, fördert eine Kultur der Aufmerksamkeit sowohl für die Umwelt als auch für die Menschen, die dort leben“, heißt es und fügt hinzu, dass ein Teil der Verantwortung für die Umwelt die Verantwortung und der Respekt für andere Menschen ist, indem man ein Leben in Tugend führt, das frei von Konsumismus ist.

Das Dokument befasst sich auch mit den neuen Herausforderungen der digitalen Kultur und der Kultur der Globalisierung.

Das Verzeichnis unterstreicht die Notwendigkeit der Ausbildung in diesen Bereichen, da beide Themen „so miteinander verbunden sind, dass sie sich gegenseitig bedingen und Phänomene hervorbringen, die einen radikalen Wandel in der Existenz der Menschen aufzeigen“.

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Quelle

Vatikan legt umfassendes Dokument zur Umwelt- und sozialen Krise vor

Petersplatz

Die Schöpfung zu bewahren und Menschenleben zu schützen, ist kein zweitrangiger Auftrag, sondern im christlichen Leben Pflicht. Das steht in einem umfassenden Vatikan-Dokument, das Behörden der Kurie und des Vatikanstaats zwei Jahre lang gemeinsam erarbeitet haben. Es trägt den Titel „Unterwegs zur Pflege des gemeinsamen Hauses”, vertieft Aussagen der vor genau fünf Jahren erschienenen Papstenzyklika „Laudato Si” und wurde am Donnerstag im Vatikan vorgestellt.

„Unterwegs zur Pflege des gemeinsamen Hauses” (im Original: „In cammino per la cura della casa comune – A cinque anni dalla Laudato si’”) besteht aus zwei Hauptteilen. Der erste Teil unterstreicht die Notwendigkeit einer ökologischen Umkehr, eines groß angelegten Mentalitätswandels. Ziel müsse eine echte Sorge um das Leben und die Schöpfung sein sowie das Bewusstsein, dass die ökologischen und sozialen Problemen der Welt zutiefst miteinander verknüpft sind. „Man kann die Natur nicht verteidigen, wenn man nicht jeden Menschen verteidigt“, hält das Schreiben fest. Gerade unter jungen Menschen sei die Vorstellung der „Sünde gegen das menschliche Leben“ zu entwickeln. Statt einer „Kultur des Wegwerfens”, deren fatale Auswirkungen Papst Franziskus oft beklagt, sei „Kultur der Fürsorge“ zu entwickeln.

Hauptort einer solchen Erziehung zur ganzheitlichen Ökologie sei die Familie: sie müsse zu einem „privilegierten Bildungsort werden, an dem man lernt, Mensch und Schöpfung zu respektieren“. Ebenfalls wichtige Aufgaben kommen der Schule und der Universität zu. Der Heilige Stuhl regt an, bei den Schülern und Schülerinnen ein neues Modell von Beziehung zu fördern, das über den Individualismus hinausgeht und auf Solidarität, Verantwortung und Fürsorge setzt. Universitäten und Akademien sollten Lehre, Forschung und Dienst an der Gesellschaft neu um das Rückgrat der integralen Ökologie ausrichten und Studierende für Berufe qualifizieren, die positive Umweltveränderungen ermöglichen. Besonders regt der Heilige Stuhl an, die Theologie der Schöpfung und der Beziehung des Menschen zur Welt zu vertiefen.

„ein integraler Bestandteil des christlichen Lebens“

Die Verpflichtung zur Pflege des gemeinsamen Hauses sei „ein integraler Bestandteil des christlichen Lebens“ und nicht eine zweitrangige Option, heißt es in dem Dokument. Zugleich biete das Thema starke ökumenische und interreligiöse Anknüpfungspunkte: Mit ihrer Weisheit können die Religionen einen zeitgemäßen, „kontemplativen und nüchternen“ Lebensstil fördern, der „den Verfall des Planeten” aufhalte.

Nahrung, Wasser, Landraub

Der zweite Teil des Dokuments beginnt mit dem Thema Lebensmittel und einem Verweis auf Franziskus, der daran erinnerte, dass „Nahrung, die weggeworfen wird, gleichsam vom Tisch des Armen […] geraubt wird“ (Laudato Si, 50). Verschwendung von Nahrungsmitteln sei ein Akt der Ungerechtigkeit, es brauche eine „diversifizierte und nachhaltige“ Landwirtschaft. Der Heilige Stuhl mahnt auch zum Kampf gegen Landraub und gegen Verschmutzung durch agroindustrielle Großunternehmen. Wasser, so heißt es weiter, sei „ein grundlegendes Menschenrecht“, das man nicht privatisieren dürfe.

Mit Nachdruck fordert der Heilige Stuhl auch den Ausstieg aus der Kohle und stattdessen Investionen in saubere, erneuerbare und für alle zugängliche Energie. Dazu müssten Subventionen für fossile Brennstoffe überdacht und Steuern auf CO2-Emissionen erhoben werden. Dringend notwendig sei der weitere Ausbau der Recycling-Wirtschaft, weil diese die verfügbaren Rssourcen langfristig nutzt. Überhaupt gelte es den Begriff „Abfall” zu überwinden: jede Ressource habe Wert. Das Vatikandokument verweist hier auf technologische Innovation.

Im Bereich Arbeit und Beschäftigung spricht sich der Heilige Stuhl in dem neuen Dokument für eine vielschichtige Strategie aus, um Armut zu beseitigen: menschenwürdige Arbeit, gerechte Löhne, Kampf gegen Kinder- und Schwarzarbeit sowie gegen Sklaverei und Menschenhandel. Nicht die Rede ist von einem bedingungslosen Grundeinkommen für arbeitende Arme, wie Papst Franziskus es am Ostersonntag in einem Brief an Beschäftigte im informellen Bereich angeregt hatte.

Finanzwelt muss ihren Beitrag leisten

Auch die Finanzwelt muss ihren Beitrag leisten, heißt es in dem Schreiben aus dem Vatikan. Sie müsse das Gemeinwohl im Blick haben und versuchen, Armut auszurotten. An dieser Stelle verurteilt der Heilige Stuhl Spekulationen auf dem Rücken Benachteiligter in der Corona-Pandemie. Steuerparadiese seien zu schließen, Finanzinstitutionen, die in illegale Geschäfte verwickelt sind, zu bestrafen und die Kluft zu verringern zwischen denen, die Zugang zu Krediten haben, und denen, die keinen Zugang haben.

Die Klimaproblematik habe eine tief greifende ökologische, ethische, wirtschaftliche, politische und soziale Relevanz, „die sich vor allem auf die Ärmsten auswirkt“, so das Dokument. Deshalb brauche die Welt „ein neues Entwicklungsmodell“, das den Kampf gegen den Klimawandel und den Kampf gegen die Armut synergetisch miteinander verbindet, und zwar – so der Heilige Stuhl – „im Einklang mit der Soziallehre der Kirche“. Man könne „nicht alleine handeln kann“, so das Papier mit einem unausgesprochenen Verweis auf die besondere Verantwortung reicher Nationen. Der Heilige Stuhl benannte eine Verpflichtung zu einer CO2-armen, nachhaltigen Entwicklung. Dazu gehöre die Wiederaufforstung von Regenwäldern wie in Amazonien und die Unterstützung des internationalen Prozesses, der darauf abzielt, die Kategorie „Klimaflüchtling“ zu definieren, um den „notwendigen rechtlichen und humanitären Schutz“ zu gewährleisten.

Umweltschutz im Vatikanstaat?

Das letzte Kapitel des Dokuments widmet sich den ökologischen Bemühungen des Staates des Vatikanstadt. Der Papst-Staat setzt die Vorgaben aus Laudato Si in vier Bereichen um, heißt es hier: Umweltschutz (z.B. Einführung einer getrennten Abfallsammlung in allen Einrichtungen); Wasserschutz (z.B. geschlossene Kreisläufe für Brunnenwasser); Pflege von Grünflächen (z.B. schrittweise Reduzierung schädlicher Pflanzenschutzmittel) und Energieverbrauch. Seit 2008 ist auf dem Dach der Aula Nervi eine Photovoltaikanlage installiert, und die neuen Beleuchtungssysteme in der Sixtinischen Kapelle, auf dem Petersplatz und im Petersdom senkten den Stromverbrauch bzw. die Kosten um bis zu 80 Prozent.

Seltenheit: ein Vatikan-Dokument mit vielen Eltern

An dem Dokument haben viele Einheiten im Vatikan mitgewirkt, was nicht häufig vorkommt. Erzbischof Paul Richard Gallagher, der „Außenminister“ des Heiligen Stuhles, sprach bei der Vorstellung des Schreibens am Donnerstag im Vatikan von einem „dikasterienübergreifenden Tisch des Heiligen Stuhles zur integralen Ökologie“. Als mitwirkende Einheiten nannte er die Glaubenskongregation, das Dikasterium für Laien, Familie und Leben, das Dikasterium für Kommunikation, die vier päpstlichen Räte für die Einheit der Christen, für den interreligiösen Dialog, für die Kultur und für die Förderung der Neuevangelisierung, darüber hinaus die Päpstlichen Akademiene für Wissenschaft und für Sozialwissenschaft, die Bischofssynode, viele Bischofskonferenzen und deren Zusammenschlüsse, die Vereinigungen der Ordensoberen und der Ordensoberinnen sowie einige NGOs wie die CIDSE („Coopération Internationale pour le Développement et la Solidarité“, also: „Internationale Zusammenarbeit für Entwicklung und Solidarität“, eine Dachorganisation für katholischen Entwicklungsagenturen von Europa und Nordamerika.) Auch die Apostolischen Nuntiaturen, die Botschaften des Heiligen Stuhles in den Ländern der Welt, hätten mitgewirkt, indem sie nachahmenswerte lokale Beispiele der Umsetzung von „Laudato Si“ schilderten, so Gallagher.

(vatican news – gs)

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Unser Sonntag: Das älteste Fest – Dreifaltigkeit

Prof. Dr. Stefan Mückl

Zum Dreifaltigkeitssonntag erinnert Prof. Mückl daran, dass das „Ideenfest“ bereits um das Jahr 1000 in den fränkischen und gallischen Benediktinerklöstern gefeiert wurde. Mit einem Zitat von Papst Benedikt XVI. erläutert er das Fest tiefer und lädt uns ein, beispielsweise im Kreuzzeichen, die Anrufung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit wieder bewusster zu beten.

Prof. Dr. Stefan Mückl – Vatikanstadt

Dreifaltigkeitssonntag

Joh 3, 16–18

Hätten sich die Bestimmungen des Zisterzienserordens in der gesamten Kirche durchgesetzt, würde heute diese Sendung entfallen. Seit dem 14. Jahrhundert betrachten es die Gepflogenheiten der Söhne des hl. Bernhard als nicht angebracht, am Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit in den Kapitelsämtern zu predigen – propter difficultatem materiae, wie es zur Begründung heißt, wegen der Schwierigkeit des Themas.

„Was ist der Sinn dieses Festes, warum feiern wir eine „Idee“, eine Wahrheit unseres Glaubens als solche?“

Der Inhalt des heutigen Dreifaltigkeitsfestes ist demgegenüber eher abstrakt. Liturgiewissenschaftler pflegen, manche mit einem gewissen Unterton, von einem „Ideenfest“ zu sprechen, einem Fest also, das nicht ein konkretes Ereignis, sondern einen bestimmten Aspekt der Lehre oder Frömmigkeit in den Mittelpunkt stellt. Unter ihnen – denken wir an Fronleichnam oder das Herz-Jesu-Fest, die wir demnächst feiern werden, oder auch an das jüngste dieser Feste, den vom hl. Papst Johannes Paul II. eingeführten Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit – ist das Dreifaltigkeitsfest das älteste. Um das Jahr 1000 wird es bereits in den fränkischen und gallischen Benediktinerklöstern gefeiert. Nicht wenige der verwendeten liturgischen Texte sind noch älter, so die Präfation der hl. Messe, welche seit Mitte des 8. Jahrhunderts bis heute gebetet wird. Wenn wir uns heute mit all den Betern der Jahrhunderte vereinigen, können und sollen wir uns fragen: Was ist der Sinn dieses Festes, warum feiern wir eine „Idee“, eine Wahrheit unseres Glaubens als solche?

Gott, den wir in drei Personen bekennen…

Nun, schon aus unserer rein menschlichen Erfahrung wissen wir, daß eine Person und ihr Handeln miteinander zusammenhängen und miteinander verwoben sind: Was eine Person ausmacht, zeigt sich in ihrem Tun, und je besser wir eine Person kennen, desto mehr verstehen wir ihr Handeln. Ebenso verhält es sich bei Gott, den wir in drei Personen bekennen: Seine Werke ermöglichen uns eine Annäherung an Sein Wesen, und umgekehrt verhilft uns das gläubige Eindringen in das Geheimnis Seines Wesens, alle Seine Werke besser und tiefer zu begreifen und zu erfassen. Schon der Zeitpunkt des heutigen Festes – seit Alters her der erste Sonntag nach Pfingsten – ist mit Bedacht gewählt worden, faßt es doch, in den Worten von Papst Benedikt XVI., „in gewissem Sinne die Offenbarung Gottes zusammen, die sich in den österlichen Geheimnissen ereignet hat: Tod und Auferstehung Christi, Seine Himmelfahrt zur Rechten des Vaters und die Ausgießung des Heiligen Geistes.“ Ganz ähnlich formuliert der hl. Paulus im Epheserbrief: im gekreuzigten und auferstandenen Christus haben wir … in dem einen Geist Zugang zum Vater (Eph 2,18).

…überschreitet und übersteigt jede menschliche Erfahrung

Zugang zu Gott, zu Gott als Vater – den Gläubigen des Alten Testaments blieb eine solche Sicht verschlossen. Bei allen Andeutungen hinsichtlich des Messias (also Jesu Christi) und des Geistes, der schon zu Beginn der Schöpfung über dem Wasser schwebte (vgl. Gen 1,2), erscheint Gott vor allem als transzendent. Er überschreitet und übersteigt jede menschliche Erfahrung. Einen kleinen Eindruck davon vermittelt die erste Lesung des heutigen Festes, in der eine Begegnung zwischen Gott und Moses geschildert wird: Der Herr stieg in der Wolke herab und stellte sich … neben ihn hin und ging an ihm vorüber (Ex 34,5-6). Zwar durfte Moses wie kein anderer im Alten Testament einen vertrauten Umgang mit Gott pflegen – es heißt, sie redeten miteinander … wie einer mit seinem Freund spricht (Ex 33,11) –, aber Gott schauen kann er nicht: An anderer Stelle im Buch Exodus bittet Moses Gott ausdrücklich: Laß mich doch deine Herrlichkeit schauen, um sogleich zu erfahren: Du kannst mein Angesicht nicht schauen … du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen (Ex 33,18.20.23).
Niemand hat Gott je gesehen, so wird zunächst auch am Schluß des Prologs des Johannes-Evangeliums bekräftigt, um dann aber hinzuzufügen: Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, Er hat Kunde gebracht (Joh 1,18). Plastisch gesprochen, bekommt Gott in Jesus Christus ein Gesicht – Er offenbart sich selbst dem Menschen, der Ihn aus eigenem Vermögen niemals erkennen könnte: In Christus sehen wir das Ebenbild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15), den Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens (Hebr 1,3). Ihn zu verherrlichen, ist die vornehmste Aufgabe des Heiligen Geistes, gesandt vom Vater in Christi Namen (vgl. Joh 14,26). So leitet er uns in der ganzen Wahrheit (Joh 16,13) und führt uns zu unserer Bestimmung, Söhne zu werden durch Jesus Christus (Eph 1,5), an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben (Röm 8,29).

„Denn dieser Gott …(ist) Gemeinschaft des Lichtes und der Liebe, geschenktes und empfangenes Leben in einem ewigen Dialog zwischen dem Vater und dem Sohn im Heiligen Geist. (Benedikt XVI.)“

All das hat uns Gott im Neuen Testament geoffenbart, und dieses sein Heilshandeln gibt uns einige grundlegende Einblicke in Sein innerstes Wesen. Das wiederum ermöglicht es uns, das sehr transzendente Gottesbild des Alten Testaments zu präzisieren. Denn dieser Gott, weiterhin unermeßlich und unbegreiflich, ist „keineswegs unendliche Einsamkeit …, sondern Gemeinschaft des Lichtes und der Liebe, geschenktes und empfangenes Leben in einem ewigen Dialog zwischen dem Vater und dem Sohn im Heiligen Geist“ (Benedikt XVI.). Gott ist die Liebe, schreibt der hl. Johannes (1 Joh 4,8.16). „Liebe“ ist dabei kein abstrakter Begriff, sondern personales Geschehen: Dem hl. Augustinus, der sich zwei Jahrzehnte hindurch in einer großen Schrift um die Durchdringung des Geheimnis der Dreifaltigkeit be- und gemüht hat, verdanken wir die anregende Sicht, daß in Gott Liebender, Geliebter und Liebe zusammentreffen (De Trinitate 8,10,14).
Diese Liebe Gottes ist, so der hl. Paulus, ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegegeben ist (Röm 5,5). Und der Herr selbst hat uns verheißen: Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen (Joh 14,23). Die Seele, die Gott liebt, ist Wohnstatt der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Das Kreuzzeichen: bewusst und gesammelt beten

Was heißt das nun für unser persönliches Glaubensleben?
Wie so oft, geht es zunächst nicht darum, „mehr“ zu tun, sondern einfach, das, was wir tun, bewußt und gesammelt zu tun. Am Anfang jeder liturgischen Feier, oftmals auch unseres persönlichen Gebetes, steht die Anrufung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit im Zeichen des Kreuzes. Zahlreiche liturgische Gebete, in der hl. Messe und im Stundengebet, enden mit dem trinitarischen Lobpreis, der sog. Schlußdoxologie. Es wäre ein schöner Vorsatz, diese uns altvertrauten Formeln nicht einfach routiniert zu sprechen, sondern sie bewußt zu beten.
Aus einem solchen Gebet mag sich dann als Frucht eine wahrlich persönliche Beziehung zu jeder der drei göttlichen Personen zu entwickeln. Gewiß, die Theologie lehrt uns, daß bei den nach außen erkennbaren Heilwerken Gottes alle drei göttlichen Personen zusammenwirken: Wir habe die Taufe empfangen „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Die hl. Messe ist das Erlösungsopfer des Sohnes an den Vater im Heiligen Geist. Das entscheidende Heilsereignis – das Kreuzesopfer Christ – hat die christliche Kunst des Abendlandes eindrücklich im Motiv des Gnadenstuhls dargestellt: Der Vater hält das Kreuz mit dem toten Sohn, zwischen beiden schwebt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes und berührt mit ihren Schwingen die Lippen von Vater und Sohn. Dies im Blick, wird nicht selten ein bestimmter Aspekt unserer Existenz in besonderer Weise mit einer der göttlichen Personen in Verbindung gebracht – die Schöpfung mit dem Vater, die Erlösung mit dem Sohn, die Heiligung mit dem Heiligen Geist. Das mag eine gute Hilfe und Anregung für das persönliche Gebet sein.

Die Heiligung ist das Heilswirken Gottes

Speziell die Heiligung ist das beständige Heilswirken Gottes an uns, das sich nicht in einem Akt erschöpft, sondern uns immer wieder neu herausfordert und unsere ständige Mitwirkung erfordert. Der vertraute Umgang mit Gott in unserem vertrauten, persönlichen, ja intimen Gebet möge uns wirklich in Gott ruhen lassen und Ihn so als den Urgrund unserer eigenen Existenz erfahren. Tiefgründig drückt dies ein Gebet der hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit aus:
„O mein Gott, Dreifaltiger, den ich anbete, hilf mir, mich ganz zu vergessen, um in dir begründet zu sein, unbewegt und friedvoll, als weilte meine Seele schon in der Ewigkeit.“
Stimmen wir mit dem Hymnus des Lesehore des heutigen Festes in den Lobpreis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ein, voll des Dankes über alles Heilswirken in der Geschichte wie in unserem persönlichen Leben:
„Dich Gott Vater, ohne Ursprung und End‘, Dich Sohn, der liebend den Vater erkennt, Dich Heiligen Geist, der aus beiden entbrennt …
Dich Gott Vater, allgewaltig an Macht, Dich Sohn, der ewiges Heil uns gebracht, Dich Heiligen Geist, der die Herzen entfacht.
Dich Eine hohe Dreifaltigkeit: preisen die Engel voll Seligkeit, feiert auf Erden die Christenheit jetzt und allezeit. Amen.“

(radio vatikan – claudia kaminski)

Vatikan öffnet Petersdom nach 68 Tagen wieder für Gläubige

Die Petersbasilika im Vatikan: Kirche des Papstes

Der Petersdom in Rom steht ab diesem Montag wieder für Gläubige offen. Das geht aus einem Beitrag der italienischen Ausgabe von Vatican News hervor. 68 Tage, fast zehn Wochen, waren Petersplatz und Petersdom geschlossen gewesen, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu unterbinden.

„Alles ist bereit, um die Gläubigen zu empfangen, die ab Montag zum Gebet am Grab des heiligen Petrus zurückkehren können, unter Einhaltung der geltenden Vorschriften, um der Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken”, heißt es in dem Bericht.

Demzufolge ist die Petersbasilika am Montagvormittag wieder zugänglich, allerdings nicht wie gewohnt um 7 Uhr. Um diese Zeit feiert Papst Franziskus in der Kirche die Gedenkmesse zum 100. Geburtstag des heiligen Papstes Johannes Paul II. Der Gottesdienst findet am Altar über dem Grab Johannes Pauls statt, das im rechten Seitenschiff in der zweiten Kapelle, neben der Pietà von Michelangelo, liegt.

Papst mahnt zur Befolgung von Sicherheitsmaßnahmen

Über das Feiern Heiliger Messen durch andere Priester und eventuelle Sicherheitsmaßnahmen dazu macht der Text auf dem italienischen Portal von Vatican News keine Angaben. Vor einigen Tagen hatte der Vatikan offiziell bekanntgegeben, er werde in Zukunft vor Papstmessen Thermoscanner einsetzen, um den teilnehmenden Gläubigen zu ihrem eigenen Schutz die Temperatur zu messen. Papst Franziskus selbst hatte beim Mittagsgebet an diesem Sonntag Gläubige, die in ihren Ländern wie etwa Italien nun wieder zu öffentlichen Messen gehen könne, zur skrupelhaften Befolgung von Sicherheitsauflagen gemahnt. Den Vatikan erwähnte er dabei nicht.

In den vergangenen Tagen war der Petersdom einer gründlichen Desinfektion in mehreren Phasen unterzogen worden. Auch Sankt Paul vor den Mauern und die Bischofskirche des Papstes, Sankt Johann im Lateran, stehen am Montag nach einer Grundreinigung wieder offen.

Der Vatikan hatte sich am Vormittag des 10. März dazu entschlossen, Petersdom und Petersplatz zu sperren, um niemanden zu gefährden. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie stand der Petersdom ausnahmslos an allen Tagen im Jahr offen.

(vatican news – gs)

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Pius XII.: Über den kirchlichen Gehorsam

Papst Pius XII., portraitiert von Luis Fernández-Laguna Foto: Luis Fernández García / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Von Thorsten Paprotny

Papst Pius XII. richtete am 23. September 1950 an die Priester das Apostolische Mahnwort „Menti nostrae„. Er erinnert an die Dimensionen der Heiligkeit des Priesterlebens. Ein Wort, das an Kleriker gerichtet ist, dürfen auch gläubige Laien, also Weltchristen – damals wie heute – vernehmen, studieren und bedenken.

Pius bittet eindringlich darum, „dass die Bemühungen der Hirten und Priester, die das christliche Volk anleiten sollen, das Böse zu meiden, die Gefahren zu überwinden und nach Heiligkeit zu streben, von Tag zu Tag wirksamer werden“. Die Priester, als Diener Christi, leben „mitten im Volke“, so sind sie also „mit seinen Entbehrungen und Leiden, körperlichen und seelischen Nöten vertraut“: „Doch kann das Priesteramt seine volle Wirksamkeit, die ganz den Forderungen dieser unserer Zeit entspräche, nur dann entfalten, wenn die Priester ihrem Volk durch den voranleuchten; sie sollen würdige »Diener Christi« sein, treue »Verwalter der Geheimnisse Gottes« (vgl. 1 Kor 4, 1), wirksame »Helfer Gottes« (vgl. 1 Kor 3, 9) ausgerüstet zu jedem guten Werk (vgl. 2 Tim 3, 17).“ Durch Heiligkeit sollen sie sich auszeichnen: „Das ist die Aufgabe, die ihr frei und freudig auf euch genommen habt: seid heilig, wie euer Dienst heilig ist.“

Der Priester solle seine Augen zu jeder „auf Christus richten“. Pius XII. erinnert deutlich und zu Recht an den kirchlichen Gehorsam: „Wie das priesterliche Leben von Christus ausgeht, so muss es jederzeit voll und ganz auf ihn gerichtet sein. Christus aber ist das Wort Gottes, das nicht verschmähte, die menschliche Natur anzunehmen; das hier auf Erden lebte im Gehorsam gegen den Willen des Ewigen Vaters; das um sich den Glanz der Liebe verbreitete; das in Armut lebte.“ Christliche Vollkommenheit beruhe auf der Demut: „Der Priester vertraue nicht auf seine eigene Kraft, freue sich nicht zu sehr über seine Gaben, hasche nicht nach Achtung und Lob der Menschen; er strebe nicht gierig nach höheren Ämtern, sondern ahme Christus nach, »der nicht kam um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen« (Mt 20,28).“

Alle Gläubigen mögen auch heute ernsthaft bedenken, was Pius XII. über den gebotenen kirchlichen Gehorsam sagt: „Das Streben nach dieser im Lichte des Glaubens erstrahlenden Demut führt den Menschen zur Aufopferung des eigenen Willens in schuldigem Gehorsam. Christus selbst hat in der von ihm gegründeten Gemeinschaft eine rechtmäßige Autorität eingesetzt, die seine eigene beständig weiterführt, daher gehorcht dem göttlichen Erlöser selber, wer den kirchlichen Vorgesetzten gehorcht.“

Dieses Wort gilt. Es ist die Lehre der Kirche, zu der wir uns im Credo bekennen. Darf jemand aus der Schar der zum priesterlichen Dienst Erwählten kirchlichen Ungehorsam billigen oder sogar fordern? Vielleicht sind auch Sie durch manche Stellungnahmen verunsichert oder irritiert? Jeder von uns, auch jeder Kleriker, wird sich für das, was er sagt und tut, eines Tages verantworten müssen. Wir sind dazu bestellt, füreinander zu beten, nicht einander zu richten.

Pius XII. schreibt weiter: „In unserer Zeit, welche die Grundlagen der Autorität freventlich zu erschüttern sucht, ist es unbedingt notwendig, dass der Priester, der den Sinn fest auf die Gebote des Glaubens richtet, eben diese Autorität anerkennt und nach Gebühr ihr folgt, nicht nur als der notwendigen Sicherung der Religion und der Gesellschaft, sondern auch als der Grundlage seiner persönlichen Heiligung. Während die Feinde Gottes in verbrecherischer List Einzelne aufstacheln und sie zu einem Widerstand gegen die Weisungen ihrer heiligen Mutter, der Kirche, verführen, loben Wir die große Schar der Priester und ermuntern sie väterlich, ihren christlichen Gehorsam klar zu zeigen und die unbedingte Treue gegen Christus und gegen die von ihm eingesetzte Obrigkeit aufrecht zu erhalten, da sie »für würdig erfunden wurden, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden« (Apg 5, 41), und nicht nur Schmach, sondern Verfolgungen, Kerker, ja selbst den Tod.“ Pius XII. ruft auch zur Milde auf, die aber ausgerichtet ist auf Christus und Seine Kirche: „Ferner erstrahle euer apostolischer Eifer im Lichte größter Milde. Wenn es auch unumgänglich unser aller Pflicht ist, die Irrtümer zu widerlegen und die Laster zu bekämpfen, so darf dennoch der Priester niemals das Gefühl des Mitleids verlieren.“ Wer Irrtümer benennt, tut dies nicht, als sei er selbst zum Richter bestellt: „Die Irrtümer müssen mit aller Kraft bekämpft werden, doch die irrenden Brüder muss man lieben und durch Liebe auf den Weg des Heils zurückführen.“ Und das ist nicht weniger wichtig: Nicht nur vom kirchlichen Gehorsam, sondern auch von der christlichen Liebe ist niemand dispensiert.

Pius XII. gibt praktische Ratschläge: „Die jungen Seminaristen sollen schon früh lernen, ihren Oberen kindlichen und aufrichtigen Gehorsam zu leisten. So werden sie später auch ihren Bischöfen bereitwillig gehorchen, nach der Mahnung des glorreichen Bekenners Christi, Ignatius von Antiochien: »Gehorchet alle dem Bischof, wie Jesus Christus dem Vater gehorcht hat« (Ad Smyrnaeos, VIII, 1). »Wer den Bischof ehrt, wird von Gott geehrt; wer hinter dem Rücken des Bischofs handelt, dient dem Teufel« (Ebd., IX, 1, 714, 715). »Tut nichts ohne den Bischof, hütet euren Leib, wie den Tempel Gottes, liebt die Einigkeit, flieht die Zwietracht, seid Nachahmer Jesu Christi, wie er der Nachahmer seines Vaters war« (Ad Philadelphienses VII, 2).“ Ist das nur an Seminaristen adressiert? Klingen Pius‘ Worte für Sie altmodisch – oder unerwartet aktuell?

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Wir alle spüren in diesen Tagen der Wüste den Hunger nach der Feier der heiligen Messe, scheint mir, nach dem Brot des Lebens und nach der vollen Teilhabe an den Sakramenten. Die Worte des großen Papstes Pius XII., den viele einfach gläubige Katholiken wie einen Heiligen verehren, scheinen mir sehr bedenkenswert und beherzigenswert zu sein. Im Geist der gotteskindlichen Demut denke ich in diesen Tagen oft darüber nach, besonders im Gebet für die Einheit der Christen und der Kirche. Ja, Papst Pius XII. hat an die Kleriker geschrieben. Zum Streben nach Heiligkeit sind wir alle aufgerufen – und dazu, Christus und Seiner Kirche treu zu sein. Dieses päpstliche Mahnschreiben ist fast 70 Jahre alt. Es spricht in unsere Zeit. Vielleicht wäre es gut, in diesen nicht einfachen Zeit der Corona-Pandemie die Worte von Pius XII. zu lesen und darüber nachzudenken.

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Quelle

Lesen Sie auch die Apostolische Exhoration „Menti Nostrae“ von Papst Pius XII.

Unser Sonntag: Palmsonntag

Das war einmal – der Petersplatz mit Gläubigen (Vatican Media)

Prof. Gerl-Falkovitz greift die unfassbare Stimmung des Palmsonntags auf: Das Volk war großenteils auf der Seite Jesu, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig, aber Jubel bei Jesu Einzug in Jerusalem.

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


Mt 21, 1-11 Palmsonntag

Sechs Tage vor der Tötung Jesu scheint sich noch einmal das Geschehen umzudrehen. Der Verrat durch Judas ist schon eingefädelt, die Anklage vor dem Hohen Rat eine beschlossene Sache. Umso mehr, als die vor wenigen Tagen erfolgte Auferweckung des Lazarus von den Toten in Betfage, vor den Toren der Stadt, die Gemüter wieder erregt hatte. Immer wieder geschah dieses Unheimliche: dass der nicht zu greifende, nicht zu begreifende Mann Dinge tat, die nicht zu leugnen, noch weniger zu erklären waren.

„Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.“

Die Hypothese, er tue dies mit dem Beelzebub, spukte in den Gelehrtenköpfen, andererseits überzeugte das nicht wirklich, und doch: Schon die Behauptung, Sünden zu vergeben, klang wie eine Lästerung, und die Erweckung von den Toten verwies auf – ja, was genau?

Das Volk wiederum war großenteils auf seiner Seite, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Es galt, alles klug einzufädeln und endgültig ein Ende zu machen. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.

Jesus rüstet sich zum Äußersten

Als Jesus nun in die Stadt einzog, jubelte das Volk, es rollte eine Welle der Zustimmung und der Freude an. Vor dem Pessach strömten immer zahlreiche Pilger nach Jerusalem; wie die biblische Forschung herausstellte, holte man häufig Pilgergruppen an den Toren ab und begleitete sie durch die Straßen zum Tempel. Diesmal aber brandet der Jubel ungewöhnlich auf, Jesus wird gehuldigt, tatsächlich wie einem König, mit Kleidern als Teppichen, mit Palmen, mit Rufen: „die ganze Stadt erbebte…“ Mit dem einzigartigen Propheten strömt die immer weiter anwachsende Menge in den Tempel, Kinder rufen den Hosanna-Ruf und springen mit. Es ist eine Stunde, in der das Volk „von einer ungeheuren Erregung“ ergriffen wird; Guardini, der den Einzug in seinem Meisterwerk „Der Herr“ beschreibt, meint, die Stunde sei „voll von Mächten des Geistes… In diesen letzten Tage ist es überhaupt so, als hole Jesus Kraft um Kraft aus sich heraus und rüste sich zum Äußersten“. Es ist die große Stunde des Messias, die Stunde des Geistes, ruach oder pneuma. Erst an Pfingsten wird eine vergleichbare Erregung über das Volk kommen. Als die Tempelbehörden den Jubel eindämmen wollen, wehrt Jesus ab, dann würden die Steine schreien…

In der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation

Was ist in dieser Szene zu sehen? Zutiefst die Bestätigung des Messias durch das Volk; in der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation, sie gilt dem unvergessenen größten König Israels, David, und seinem jetzt als solchen wahrgenommenen späten Sohn. Freilich ist die Kraft der Begeisterung so unstrukturiert, dass sie allein nicht ausreicht, um die spätere Verurteilung abzuwehren. Das hässliche Gesicht der religiösen Autoritäten taucht auf; sie behalten die Oberhand. Daher mischt sich die Schuld eben dieser Autoritäten an der Tötung Jesu, eine unerhörte Schuld, bereits in die Rufe.
Bleiben wir noch beim Volk. Trotz allem ist es wunderbar zu sehen, wie das Volk die Gestalt Jesu erfasst hat. Natürlich nicht als den Sohn Gottes in unserem Sinn, solches ist erst mit der Auferstehung denkbar. Aber doch als einen Großen, ja, den Größten nach dem Verstummen der alten Propheten. In diese Wahrnehmung schimmert bei aller Undeutlichkeit doch schon ein Widerschein des späteren Glaubens. Wie rasch zündet nach Pfingsten das Feuer, diesen Einzigartigen anzunehmen, für den man damals noch keine andere Auslegung hatte als die eines Propheten. Die Apostel tun sich nicht mehr schwer mit der Botschaft vom Sohn Gottes, nicht mehr nur vom Sohn Davids. Nicht Hunderte, sondern Tausende bekehren sich auf ihr Wort hin – da war die Saat schon längst in den Boden gefallen und begann nun zu wachsen; die Drohungen der Behörden rissen die Wurzeln nicht mehr aus. Die vielen, die Jesus geheilt hatte, die vielen, deren Seele durch sein Wort gereinigt, verjüngt, lebendig geworden war, sie alle sind in der Menge, die durch die Straßen Jerusalems ziehen, sie alle hören Wochen später das lösende Wort von seiner lebendigen Begegnung mit den Jüngern, von seiner Zusage, bis ans Ende der Welt zu bleiben, von der verliehenen Macht, weiterhin zu heilen, Sünden abzuwaschen, ja selbst Tote zu erwecken. Und so bleiben die Zeichen der Macht bei seinen Freunden; sie ernten, was von ihm in Tränen gesät worden war.

Die Geheilten leben mitten im Volk

Es ist das Volk, das verstanden hat – nicht weil es klug war, sondern weil es einfach zu sehen gelernt hatte: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige (am Leib wie am Herzen) werden rein… Und diese Geheilten leben mitten unter dem Volk. Wie kann da der gelehrte Zweifel gegen den Augenschein greifen? Wie kann nicht sein, was doch ist? Zum Glauben braucht man nur das Einfachste: sehen, was ist. Und doch scheint es unmöglich, wenn der Geist schon voreingenommen und betäubt ist. „Was ist das Schwerste zu sehen? Was vor den Augen dir liegt“, sagt Goethe.
So ist die Ablehnung Jesu ein Urteilsspruch über eine Gelehrsamkeit, die das Offenkundige nicht mehr sieht und es zurechtbiegen muss. Heute kann solche Wissenschaft darin bestehen, dass sie das offenkundig Zusammengehörige auseinanderpflücken kann: Sie kann Embryonen von ihren leiblichen Eltern trennen, Väter austauschen, mehrere Mütter anbieten: Eimutter, Leihmutter, Bei-Mutter. Was möglich ist, wird auch noch ethisch abgesichert: Es diene dem Wohl der Erwachsenen, dem Kind werde nichts fehlen, da die Erwachsenen es ja gewollt haben. (In Klammer gefragt: Was geschieht, wenn dieses Wollen reißt? Über die Jahre hinweg?)

„Man tötet nie so gut, wie wenn man mit gutem Gewissen tötet, sagte Solschenyzin.“

Ecce Homo

Es gab Menschen, die nicht Gott suchen wollten, sondern die Wahrheit. Nicht selten begriffen sie später, dass der Weg zur Wahrheit immer dieselbe Mündung hat: Gott. Das ist entlastend, denn Wahrheit fordert zunächst nicht Glauben, sondern Verstehen, aus sich selbst heraus Begreifen. Wahrheit ist Offenlegung, Abräumen von Verdecken und Vergessen, lethe. Wahrheit macht frei, sie zwingt nicht. Oder anders: Sie zwingt auf ihre leise Art, durch die Offenbarung der Lüge, durch das Einströmen von Licht = Erkennen. Wer Wahrheit und Gott ineinander münden sieht, kann sich freiwillig öffnen. Kurz nach dem Verhör erhält dieser König seine Krone: aus Dornen. Auch in dieser schauerlichen Krönung liegt Wahrheit: die Wahrheit über uns und die Welt und über ihre Lüge, nämlich dass sie Gott sagt und ihn in Wirklichkeit ausstößt. Ecce homo.
Hosanna ruft die Menge. „Du allein der Herr.“ Das ist kein bloß kultischer Zuruf im Gloria der Liturgie, darin ist überragende Herrschaft sichtbar geworden. Seitdem wissen wir von göttlicher Gerechtigkeit. All das wird im „heiligen Spiel“ der Liturgie gefeiert. Hosanna dem Sohne Davids, Hosanna über alles behördliche, skeptische Besserwissen hinweg. Herodes, Kaiphas, Pilatus – sie verschwinden ins Nichts vor dem Einzug des einzigen Königs.

(radio vatikan – claudia kaminski)

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ANDACHT UND SONDERSEGEN
ZUR ZEIT DER EPIDEMIE

UNTER VORSITZ DES HEILIGEN VATERS

PAPST FRANZISKUS

Vorplatz des Petersdoms
Freitag, 27. März 2020

[Multimedia]


 

»Am Abend dieses Tages« (Mk 4.35). So beginnt das eben gehörte Evangelium. Seit Wochen scheint es, als sei es Abend geworden. Tiefe Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Straßen und Städte gelegt; sie hat sich unseres Lebens bemächtigt und alles mit einer ohrenbetäubenden Stille und einer trostlosen Leere erfüllt, die alles im Vorbeigehen lähmt: Es liegt in der Luft, man bemerkt es an den Gesten, die Blicke sagen es. Wir sind verängstigt und fühlen uns verloren. Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot … befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: »Wir gehen zugrunde« (vgl. V. 38), so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen.

Leicht finden wir uns selbst in dieser Geschichte wieder. Schwieriger ist es da schon, das Verhalten Jesu zu verstehen. Während die Jünger natürlich alarmiert und verzweifelt sind, befindet er sich am Heck, in dem Teil des Bootes, der zuerst untergeht. Und was macht er? Trotz aller Aufregung schläft er friedlich, ganz im Vertrauen auf den Vater – es ist das einzige Mal im Evangelium, dass wir Jesus schlafen sehen. Als er dann aufgeweckt wird und Wind und Wasser beruhigt hat, wendet er sich vorwurfsvoll an die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (V. 40).

Versuchen wir zu verstehen. Worin besteht der Glaubensmangel der Jünger, der im Kontrast steht zum Vertrauen Jesu? Sie hatten nicht aufgehört, an ihn zu glauben, sie flehen ihn ja an. Aber schauen wir, wie sie ihn anrufen: »Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (V. 38). Kümmert es dich nicht: Sie denken, dass Jesus sich nicht für sie interessiert, dass er sich nicht um sie kümmert. Im zwischenmenschlichen Bereich, in unseren Familien, ist es eine der Erfahrungen, die am meisten weh tun, wenn einer zum anderen sagt: „Bin ich dir egal?“ Das ist ein Satz, der schmerzt und unser Herz in Wallung bringt. Das wird auch Jesus erschüttert haben. Denn niemand sorgt sich mehr um uns als er. In der Tat, als sie ihn rufen, rettet er seine mutlosen Jünger.

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, „wegzupacken“ und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar „heilbringenden“ Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

Mit dem Sturm sind auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser „Ego“ in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene (gesegnete) gemeinsame Zugehörigkeit offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle Brüder und Schwestern sind.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: „Wach auf, Herr!“

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, du appellierst an uns, du appellierst an den Glauben. Nicht nur an den Glauben, dass es dich gibt, sondern an den Glauben, der uns vertrauensvoll zu dir kommen lässt. In dieser Fastenzeit erklingt dein eindringlicher Aufruf: »Kehrt um« (Mk 1,15); »kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen« (Joël 2,12). Du rufst uns auf, diese Zeit der Prüfung als eine Zeit der Entscheidung zu nutzen. Es ist nicht die Zeit deines Urteils, sondern unseres Urteils: die Zeit zu entscheiden, was wirklich zählt und was vergänglich ist, die Zeit, das Notwendige von dem zu unterscheiden, was nicht notwendig ist. Es ist die Zeit, den Kurs des Lebens wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten. Und dabei können wir auf das Beispiel so vieler Weggefährten schauen, die in Situationen der Angst mit der Hingabe ihres Lebens reagiert haben. Es ist das Wirken des Heiligen Geistes, das in mutige und großzügige Hingabe gegossen und geformt wird. Es ist das Leben aus dem Heiligen Geist, das in der Lage ist, zu befreien, wertzuschätzen und zu zeigen, wie unser Leben von gewöhnlichen Menschen – die gewöhnlich vergessen werden – gestaltet und erhalten wird, die weder in den Schlagzeilen der Zeitungen und Zeitschriften noch sonst im Rampenlicht der neuesten Show stehen, die aber heute zweifellos eine bedeutende Seite unserer Geschichte schreiben: Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskräfte, Transporteure, Ordnungskräfte, ehrenamtliche Helfer, Priester, Ordensleute und viele, ja viele andere, die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet. Angesichts des Leidens, an dem die wahre Entwicklung unserer Völker gemessen wird, entdecken und erleben wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21). Wie viele Menschen üben sich jeden Tag in Geduld und flößen Hoffnung ein und sind darauf bedacht, keine Panik zu verbreiten, sondern Mitverantwortung zu fördern. Wie viele Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer zeigen unseren Kindern mit kleinen und alltäglichen Gesten, wie sie einer Krise begegnen und sie durchstehen können, indem sie ihre Gewohnheiten anpassen, den Blick aufrichten und zum Gebet anregen. Wie viele Menschen beten für das Wohl aller, spenden und setzen sich dafür ein. Gebet und stiller Dienst – das sind unsere siegreichen Waffen.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Der Anfang des Glaubens ist das Wissen, dass wir erlösungsbedürftig sind. Wir sind nicht unabhängig, allein gehen wir unter. Wir brauchen den Herrn so wie die alten Seefahrer die Sterne. Laden wir Jesus in die Boote unseres Lebens ein. Übergeben wir ihm unsere Ängste, damit er sie überwinde. Wie die Jünger werden wir erleben, dass wir mit ihm an Bord keinen Schiffbruch erleiden. Denn das ist Gottes Stärke: alles, was uns widerfährt, zum Guten zu wenden, auch die schlechten Dinge. Er bringt Ruhe in unsere Stürme, denn mit Gott geht das Leben nie zugrunde.

Der Herr fordert uns heraus, und inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken und zu aktivieren, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben. Der Herr erwacht, um unseren Osterglauben zu wecken und wiederzubeleben. Wir haben einen Anker: durch sein Kreuz sind wir gerettet. Wir haben ein Ruder: durch sein Kreuz wurden wir freigekauft. Wir haben Hoffnung: durch sein Kreuz sind wir geheilt und umarmt worden, damit nichts und niemand uns von seiner erlösenden Liebe trennen kann. Inmitten der Isolation, in der wir unter einem Mangel an Zuneigung und Begegnungen leiden und den Mangel an vielen Dingen erleben, lasst uns erneut die Botschaft hören, die uns rettet: Er ist auferstanden und lebt unter uns. Der Herr ruft uns von seinem Kreuz aus auf, das Leben, das uns erwartet, wieder zu entdecken, auf die zu schauen, die uns brauchen, und die Gnade, die in uns wohnt, zu stärken, zu erkennen und zu ermutigen. Löschen wir die kleine Flamme nicht aus (vgl. Jes 42,3), die niemals erlischt, und tun wir alles, dass sie die Hoffnung wieder entfacht.

Das eigene Kreuz anzunehmen bedeutet, den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen. Durch sein Kreuz sind wir gerettet, damit wir die Hoffnung annehmen und zulassen, dass sie alle möglichen Maßnahmen und Wege stärkt und unterstützt, die uns helfen können, uns selbst und andere zu beschützen. Den Herrn umarmen, um die Hoffnung zu umarmen – das ist die Stärke des Glaubens, der uns von der Angst befreit und uns Hoffnung gibt.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Liebe Brüder und Schwestern, von diesem Ort aus, der vom felsenfesten Glauben Petri erzählt, möchte ich heute Abend euch alle dem Herrn anvertrauen und die Muttergottes um ihre Fürsprache bitten, die das Heil des Volkes Gottes und der Meerstern auf stürmischer See ist. Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab. Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost. Du möchtest, dass wir keine Angst haben; doch unser Glaube ist schwach und wir fürchten uns. Du aber, Herr, überlass uns nicht den Stürmen. Sag zu uns noch einmal: »Fürchtet euch nicht« (Mt 28,5). Und wir werfen zusammen mit Petrus „alle unsere Sorge auf dich, denn du kümmerst dich um uns“ (vgl. 1 Petr 5,7).

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Quelle

 

Franziskus betet auf leerem Petersplatz für Ende der Corona-Pandemie

Papst Franziskus, allein zum Gebet auf dem Petersplatz

Papst Franziskus hat die Menschheit angesichts der globalen Corona-Pandemie zu Nächstenliebe und dem Erkennen der wirklichen Prioritäten im Leben aufgerufen. Es sei nicht die Zeit des Urteils Gottes, „sondern unseres Urteils“, sagte Franziskus bei einem eigens anberaumten Gebet auf dem menschenleeren Petersplatz im Regen. Am Ende des Gebets spendete der Papst den außerordentlichen Segen „Urbi et Orbi“.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Der traditionsreiche Segen für „Rom und den Erdkreis“, so der Name, hat für gewöhnlich zu Ostern, zu Weihnachten und nach einer Papstwahl einen festen Platz in den Feierlichkeiten in Rom. An diesem Abend kam er in einer ungewohnten Form zum Zug. Franziskus spendete den „Urbi et Orbi“ als eucharistischen Segen, mit dem Allerheiligsten in der Monstranz, vom Eingang der Petersbasilika der Stadt Rom zu. Mit dem Segen war ein Ablass verbunden, und zwar auch für all jene, die nicht die Möglichkeit hatten, per Fernsehen oder Internet der Feier zu folgen, wie Kardinalvikar Angelo Comastri kurz vor dem Segen erklärte.

„Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“

In seiner langen Predigt lud Franziskus dazu ein, für sich zu entscheiden, „was wirklich zählt und was vergänglich ist“. Es sei „die Zeit, den Kurs des Lebens wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten“, so der Papst. Er beklagte, dass viele sich in der Vergangenheit ganz von materiellen Dingen und Eigensucht hätten leiten lassen. „Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört“, so der Papst. „Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“, sagte Franziskus mit den Worten des Evangeliums (Mk 4, 35-41), das die Jünger in Seenot zeigt, wie sie den schlafenden Jesus wecken, damit er ihnen hilft.

„Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab“

Der Papst mahnte die von der Seuche betroffene Menschheit dazu, „den Mut zu finden, alle Widrigkeiten der Gegenwart anzunehmen und für einen Augenblick unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag“. Konkret rief Franziskus dazu auf, „neue Formen der Gastfreundschaft, Brüderlichkeit und Solidarität zuzulassen“. Er würdigte jene, die sich für eine Überwindung der Krise einsetzten. Ausdrücklich nannte er Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuer, Transporteure, Ehrenamtliche Helfer und Geistliche. Es seien viele, „die verstanden haben, dass niemand sich allein rettet“.

Neuerlich erflehte der Papst Gottes Trost und Beistand in der Not der Pandemie. „Von diesen Kolonnaden aus, die Rom und die Welt umarmen, komme der Segen Gottes wie eine tröstende Umarmung auf euch herab“, rief er am Ende der Predigt. „Herr, segne die Welt, schenke Gesundheit den Körpern und den Herzen Trost.“

Zwei Ikonen, die sich in Seuchen bewährt haben

Zum Gebet des Papstes waren zwei altehrwürdige Ikonen aus dem religiösen Leben Roms auf den Petersplatz gebracht worden: das Marienbildnis Salus Populi Romani („Heil des römischen Volkes“) sowie das Pest-Kruzifix aus der Kirche San Marcello. Vor beiden hielt Franziskus im Gebet inne; die Füße der Christusfigur auf dem Kruzifix küsste er in Verehrung. Beide Bildnisse hatte der Papst bereits vor knapp zwei Wochen in einer Art Wallfahrt durch das menschenleere Rom aufgesucht, um dort ein Ende der Seuche zu erflehen.

Eucharistische Anbetung

Nach dem Verehren der beiden Ikonen hielt der Papst eine eucharistische Anbetung vor dem Allerheiligsten in einer Monstranz, die in der Vorhalle von Sankt Peter auf einem eigens für diese Feier aufgerichteten Altar ruhte. Hinter dem Altar stand das zentrale Portal des Petersdoms offen und ließ ganz hinten den Baldachin erkennen, unter dem das Grab des Heiligen Petrus liegt.

Eine Orgel sowie eine Auswahl des päpstlichen Männerchors, der Cappella Sistina, begleiteten das Gebet. Die Anbetung des Allerheiligsten erfolgte wie gewöhnlich still. Auf dem riesigen, leeren Petersplatz assistierten dem Papst beim Gebet nur wenige Männer, darunter Zeremonienmeister Guido Marini.

Ostern in Rom: ohne Volk

Den nächsten regulären Segen „Orbi et Orbi“ wird Papst Franziskus am Ostersonntag spenden. Wie der Vatikan an diesem Freitag bekanntgab, finden sämtliche Papstliturgien der Kar- und Ostertage ohne Volk im Petersdom statt, wo Franziskus sie am Kathedra-Altar feiern wird. Den Kreuzweg am Karfreitag, der sonst am Kolosseum mit Zehntausenden Gläubigen stattfindet, wird er 2020 auf den Stufen zum Petersdom halten.

(vatican news)

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 2. MARIA, UNSER LEBEN

Maria, unser Leben

Im „salve regina“ grüßen wir Maria als „unser Leben“. Vita, dulcedo et spes nostra, salve! Besteht dieser Titel zurecht? Ist er vielleicht einer augenblicklichen Überschwänglichkeit, einer spontanen Begeisterung des Dichters entsprungen? Ist er vereinbar mit dem Wort des Herrn, indem er selbst sich als das Leben bezeichnet? Ist der Anruf theologisch haltbar?

Die Anrufung Mariens als „vita“ ist zunächst begründet im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Der Tod hat ja seinen Ursprung in der Sünde. Nur durch die Sünde ist der Tod in die Welt gekommen (vgl. Röm. 5, 12). Der Tod ist die ausdrückliche Strafe, die Gott auf die Übertretung des Paradiesgebotes gesetzt hatte, aber diese Strafe ist eine dem Wesen der Sünde entsprechende immanente Folge. Jede Sünde geht ans Leben. Die läßlich Sünde ist Schwächung, Minderung des Leben, die schwere Sünde Tötung des Lebens. Wenn Paulus sagt „Wie demnach durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist, weil alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12), dann darf der Tod nicht auf das leibliche Leben beschränkt werden. Der Verlust des Gnadenlebens fällt zusammen mit der ersten Sünde, sie koinzidieren. Die schwere Sünde selbst ist der Tod. Sie zieht als konsequente Folgerung auch den Tod des leiblichen Lebens nach sich. Der Mensch in der schweren Sünde trägt keimhaft den Tod in sich. Er gebiert im Lauf seines Lebens den Tod, der seine Früchte zeitig in einem Heer von Krankheiten, in einem Meere von Not und Leiden und Tränen, in den tausendfachen Formen des leiblichen Sterbens und schließlich im ewigen Tod, in der ewigen Verdammnis. Das ist der Tod in seiner letzten Vollendung, in seiner definitiven Gestalt, die Statik des Todes. „Das ist der zweite Tod“ (Apok. 20, 15).

Weil Maria als die Unbefleckt Empfangene vor aller Sünde bewahrt wurde, stand sie nicht unter dem Gesetz des Todes. Die Kirche hat die Frage offengelassen, ob Maria den leiblichen Tod auf sich genommen hat oder nicht. In der Enzyklika „Munificentissimus Deus“ heißt es: „Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“. Aber es ist doch die Meinung nahezu aller Theologen, dass Maria gestorben ist. Wenn wir den Gedanken der Miterlöserschaft Mariens zu Ende denken, hat Maria freiwillig aus Liebe zu Christus und seinem Werk den Tod erlitten. Aber dieser Tod wäre durchaus kein Widerspruch gegen den Anruf „Leben“.

Diese Anrufung stützt sich weiter auf das denkbar innige Christusverhältnis Mariens. Weil kein Mensch in einer solchen Christusverbundenheit, in einer solch intimen und intimsten Christusnähe gelebt hat wie sie, muss sie auch der vitalste Mensch, die vitalste Frau sein, die es jemals gegeben hat und geben wird. Wenn schon ein hl. Paulus von sich sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20), wie sehr mag dann dieses Wort auf Maria zutreffen! Hier ist nicht zuerst an die leibliche Nähe Mariens zu Christus gedacht. Auch diese war einzigartig. Jedes Menschenkind ist immer nur zur Hälfte Kind seiner Mutter, es ist ebensosehr Kind seines Vaters. Weil aber das männliche Zeugungsprinzip bei der Empfängnis Mariens ausgeschaltet ist, ist Christus dem Fleische nach ganz und gar Kind Mariens. Niemals hat es ein Kind gegeben, das so „auf seine Mutter gekommen ist“ wie Christus auf Maria. Diese Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind sucht vergeblich eine Parallele.

Viel wesentlicher aber als diese leibliche Nähe ist die geistige. Maria ist ihrem göttlichen Sohn nahe in Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Väter betonen immer wieder, dass Maria Mutter Christi ist „prius mente quam ventre“. Sie hatte ihn zunächst im Schoß ihres Geistes und Herzens und dann im Schoß ihres Leibes empfangen. Nach einem Wort des heiligen Augustinus lebt der Menschen nicht dort, wo er lebt, sondern dort wo er liebt. Maria, die gratia plena, ist auch die caritate plena. Sie liebt Christus mit der ungebrochenen natürlichen und übernatürlichen Liebeskraft eines fraulichen Herzens. Immerzu weilen ihre Gedanken bei ihrem göttlichen Sohn. Sie teilt seine Freuden und Leiden, seine Anliegen und Sorgen, soweit überhaupt ein Mensch Gott zu folgen vermag. Was die Liebeslieder aller Zeiten gesungen haben über die Hingabe des Geliebten an den Geliebten, über ihre Sehnsucht nach ihm, ist im Verhältnis Mariens zu Christus unerhört kühne Wirklichkeit geworden. Maria geht ganz auf in Jesus Christus. Im restlosen und rastlosen Dienst an ihn findet sie die Erfüllung ihres Lebens.

Jede Liebe eint, jede Liebe bindet. Vom Maß der Liebe Mariens können wir den Grad der „Einheit“ bestimmen, die zwischen Maria und Christus bestanden haben muss. Es ist eine Einheit, die bis an die äußerste Grenze des Möglichen geht, wie sie überhaupt zwischen Gott und dem Geschöpf denkbar ist. Die Liebe Mariens duldet keinerlei Trennung von Jesus Christus. Paulus stellt die Frage: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“ „Etwa Trübsal oder Bedrängnis, oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Er führt fast erschöpfend alle Belastungsproben für seine Christusliebe an. Aber Paulus kann sich schlechterdings nichts denken, das seine Christusliebe beeinträchtigen könnte. So darf er voller Vertrauen sagen: „Aber in alledem bleiben wir siegreich durch den, der uns geliebt hat. Ich bin überzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Mächte, weder Hohes noch Niederes, noch sonst etwas Erschaffenes vermag uns von der Liebe Gottes zu scheiden, die da ist in Christus Jesus unserem Herrn“ (Röm. 8, 35f.).

Dieses Wort gilt a fortiori von Maria. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Maria sich von der Seite Christi getrennt hat. Das ließ ihre Liebe nicht zu. Sie ist mit ihm gezogen während der drei Jahre seiner öffentlichen Tätigkeit durch ganz Palästina und hat alle Entbehrungen und Strapazen eines solchen unruhigen Lebens geteilt; sie ist ihm auch bis unter das Kreuz gefolgt, wo ihr Schoß die erste Ruhestätte ihres toten Sohnes wurde.

Die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre einmalige Christusgemeinschaft lassen auf eine Fülle des Lebens schließen, die wir nur dunkel ahnen können, so dass die Anrufung „vita“ berechtigt zu sein scheint. Aber die Anrufung besagt mehr. Sie preist Maria nicht als das Leben schlechthin. Das ist Jesus Christus. Sie preist Maria als unser Leben. Es geht in diesem Anruf um die Beziehung Mariens zu uns. Er stellt ihr Leben in seiner Bedeutung für unser Leben heraus. Es geht hier um die heil- und lebenvermittelnde Rolle Mariens. Die heil- und lebenspendende kommt ihr nicht zu.

Das vitale Verhältnis Mariens zu uns geben wir wieder mit dem uns so lieb und vertraut gewordenen Wort „Mutter“. Kaum ein Marienlied ist so verbreitet und so beliebt beim katholischen Volk wie das Lied: Maria zu lieben. Dieses Lied besingt die kindliche Liebe, die der Katholik zu Maria, seiner himmlischen Mutter, hegt. Dieser Gedanke ist deutlich ausgesprochen in der zweiten Strophe: „Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein.“

Maria ist unser Leben, unsere Mutter in einem zweifachen Sinne, in einem indirekt ontischen und präzeptorischen Sinne. Die indirekt ontische Grundlage der Mutterschaft Mariens betonen nachdrücklich Väter und Theologen. Vielleicht bezeugt Gottfried von Vendôme diese Mutterschaft am klarsten. „Die wahrhaft gute Maria gebar Christus und in Christus die Christen. Es ist also die Mutter Christi Mutter der Christen.“ Eadmerus argumentiert folgendermaßen: „O Herrin, wenn dein Sohn durch dich unser Bruder geworden ist, bist nicht dann auch du durch ihn unsere Mutter?“ Eine ähnliche Argumentation finden wir beim heiligen Anselm. Wie die Väter, lehren auch die Päpste. In der Enzyklika „Ad Diem Illum“ von Pius X heißt es: „Ist Maria nicht etwa Mutter Christi?“ „Also ist sie auch unsere Mutter. Im Schoße seiner reinsten Mutter hat Jesus Christus Fleisch angenommen. Er hat sich auch einen geistigen Leib gebildet, zusammengefügt aus denen, die an ihn glauben. Man kann also sagen: als Maria den Heiland im Schoß trug, da trug sie alle darin, deren Leben im Leben des Heilandes eingeschlossen war. Wir alle, die wir Christus zugehören und nach den Worten des Apostels ‹Glieder seines Leibes sind, von seinem Fleisch und Bein› (Eph. 5, 20), wir sind aus Maria geboren worden als ein Leib, der mit dem Haupte verbunden ist. Deshalb werden wir im geistlichen und mystischen Sinne Kinder Mariens genannt, und sie ist unser aller Mutter dem Geiste nach, aber wirklich Mutter, da wir Glieder Christi sind.“ Pius XII nennt Maria in Mystici corporis die „Hochheilige Gebärerin aller Glieder Christi“. Er unterstreicht sehr kräftig diese Gedanken in „Haurietis Aquas“.

Zu dieser seinsmäßigen Grundlage kommt der ausdrückliche Wunsch Christi hinzu, der uns seine Mutter als christliches Erbe hinterlässt. Zu den letzten sieben Worten des Herrn am Kreuz gehört auch das Wort an seine Mutter: „Weib, siehe da deinen Sohn.“ Und das entsprechende Wort an Johannes: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Wir müssen uns die Situation vor Augen halten, in der diese Worte gesprochen sind. Es ist das letzte Wort des sterbenden Herrn an seine Mutter, bzw. an seinen Lieblingsjünger Johannes. Es handelt sich also um das Vermächtnis Christi. Mit dem Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ drängt sich der Herr von Maria als seine Mutter. Es ist bemerkenswert, dass uns die Schrift an keiner Stelle ein Herrenwort überliefert hat, in dem Christus Maria mit dem Mutternamen angesprochen hat. Aber hier am Kreuz geht Christus einen Schritt weiter: er sagt sich von ihr als Sohn los und übergibt ihr einen anderen Sohn, den Johannes. Das Wort bohrt sich wie ein Schwert in das Herz Mariens. Aber auch bei diesem Wort bleibt Maria sich selbst als der Magd des Herrn treu. Keine Faser ihres Herzens begehrt auf. Ihr Wille ist ganz eins mit dem Willen ihres Sohnes. Christus hat sich geopfert, weil er selbst es wollte. Von derselben Freiwilligkeit ist das Opfer Mariens unter dem Kreuz getragen. Diese Freiwilligkeit wurzelt in ihrer Liebe. Nur der Liebende ist wahrhaftig frei. Mariens Opfer will sich nach Möglichkeit dem Opfer ihres Sohnes angleichen und dessen würdig sein. So kann Mystici Corporis sagen: „Sie hat, immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, ihn auf Golgotha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem ewigen Vater dargebracht als die neue Eva für alle Kinder Adams.“ „Wem Gott eine Tür zumacht, dem öffnet er ein Fenster“ heisst ein Sprichwort. Das bewahrheitet sich auch unter dem Kreuz. Der Sohn stellt seine Mutter eine ganz neue Aufgabe. Sie hat ja ihre Aufgabe an ihm selbst erfüllt. Er wird in wenigen Minuten sprechen „consummatum est“, „es ist vollbracht“. Damit hat aber auch seine Mutter an ihm ihre Aufgabe vollbracht.

Der Auferstandene und zur Rechten des Vaters thronende Herr bedarf keiner Mutter mehr. Sie erübrigt sich. Aber die Kirche, sein Leib, braucht eine Mutter. Alle Mutterliebe und Muttersorge, die Maria ihrem Sohn während seines Erdenlebens geschenkt hat, soll sie jetzt seinem Leib, der Kirche, zuwenden. Dasselbe mütterliche Verhältnis, das sie zu Jesus Christus hatte, hat sie jetzt zu seiner Kirche. In diesem Sinne sagt Mystische Corporis: „So war sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geist Mutter aller seiner Glieder.“

Es gibt kein Vermächtnis, das heiliger, liebevoller gehütet und vollzogen würde als das Vermächtnis des Herrn an seine Mutter. Die Kirche als solche und jedes einzelne Glied an ihr erfahren täglich aufs neue die mütterliche Liebe und Sorge Mariens. Insofern Maria unsere Mutter ist, ist sie auch unser Leben.

Die Sorge einer Mutter ist immer das Leben ihrer Kinder! Zu welch heroischen Opfern ist nicht eine Mutter fähig, sobald das Leben ihres Kindes in Gefahr ist! Da schreckt die rechte Mutter vor nichts zurück. Sie ist bereit, ihr Leben einzusetzen, um das ihres Kindes zu retten. Das Kind selbst weiß um diese mütterliche Opferbereitschaft. Wenn es in Gefahr ist, ruft es unwillkürlich: Mutter. „Alle Not ruft Mutter.“ Wie viele Soldaten haben im Krieg sterbend nach der Mutter gerufen. Der Mensch weiß um den Ursprung seines Lebens. Er hat den instinktiven Glauben, dass der Mensch, der ihm das Leben schenkte, auch die Macht und Kraft hat, es in der Gefahr zu schützen und zu erhalten. Das Symbol für den Schutz, den die Mutter ihrem Kind gewährt, ist Mutters Schürze. Das ängstliche, verfolgte Kind flüchtet sich unter die Schürze seiner Mutter und sucht dort Geborgenheit. Dort fühlt es sich in absoluter Sicherheit.

Was für das kleine Kind die Schürze der Mutter bedeutet, ist für uns der Schutzmantel Mariens. Wenn irgendjemand über unser Christusleben mit liebenden Augen wacht, dann Maria. Und wie oft ist dieses Leben bedroht! Satan, der nicht schläft, liegt immer auf der Lauer, uns dieses Leben zu rauben. Eine echte Marienverehrung ist der sicherste Schutz für alle Bedrohung dieses Lebens. Die wunderbaren Bekehrungen an ihren Gnadenorten sind eine fortwährende Bestätigung für die Anrufung „Du, unser Leben, sei gegrüßt“.

Das Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ wird ergänzt durch das andere an Johannes gerichtete: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Der Herr kennt die Psyche der Frau. Er kennt die Not der Einsamkeit. Er hört die Klage der Frau: „Ich habe keinen Menschen. Niemand versteht mich. Ich bin so allein.“ Die Frau braucht mehr als eine wirtschaftliche Existenz, mehr als ein „Einkommen“ und „Auskommen“. Nach dem Tod des Herrn fehlt Maria alles: wirtschaftliche Sicherung und menschliche Geborgenheit. Sie ist „alleinstehend“. Der Herr sorgt sterbend für beides, indem er sie seinem Lieblingsjünger Johannes zur Obhut übergibt. Den jungfräulichen Jünger wird die Jungfrau anvertraut. Das Vermächtnis Christi wird auf der Stelle angetreten. „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. Maria ist jetzt bei Johannes „zuhause“. Sie hat ein neues Heim gefunden.

Wie der Herr uns seiner Mutter anvertraut, so vertraut er auch umgekehrt seine Mutter uns an. Sie soll bei uns zuhause sein und Hausrechte haben. Nicht nur ihr Bild soll in unseren Häusern einen Ehrenplatz einnehmen, vor allem soll ihr Geist, der Geist des Christusglaubens und der Christusliebe, der Geist des Apostolates, der Geist der Heiligkeit, von uns, ihren Kindern, angenommen und gelebt werden. Dann ist sie durch uns und in uns zu Hause.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Ansprache von Papst Franziskus vor dem Diplomatischen Corps

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
BEIM NEUJAHRSEMPFANG FÜR DAS DIPLOMATISCHE KORPS 
 

Sala Regia
Donnerstag, 9. Januar 2020

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Exzellenzen, meine Damen und Herren,

ein neues Jahr liegt offen vor uns, und wie die ersten Laute eines neugeborenen Kindes lädt es uns zur Freude und zu einer Haltung der Hoffnung ein. Ich möchte, dass dieses Wort – Hoffnung –, das für die Christen eine Grundtugend ist, den Blick belebt, mit dem wir in die Zeit, die uns erwartet, eintreten.

Gewiss, das Hoffen erfordert Realismus. Es erfordert ein Bewusstsein für die vielen Fragen, die unsere Zeit bewegen, und die Herausforderungen, die sich am Horizont abzeichnen. Es verlangt, dass wir Probleme beim Namen nennen und den Mut haben, uns ihnen zu stellen. Es verlangt, dass wir nicht vergessen, dass die menschliche Gemeinschaft die Zeichen und die Wunden der Kriege, die im Laufe der Zeit mit wachsender Zerstörungskraft aufeinander gefolgt sind, trägt und dass sie nicht aufhören, besonders die Ärmsten und Schwächsten zu treffen[1]. Leider scheint das neue Jahr nicht gerade voll von ermutigenden Zeichen zu sein, sondern die Spannungen und die Gewalt scheinen sich zu verschärfen.

Doch gerade angesichts dieser Umstände dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Und Hoffen erfordert Mut. Es verlangt das Bewusstsein, dass das Böse, das Leid und der Tod nicht siegen werden und dass selbst die komplexesten Fragen angegangen und gelöst werden können und müssen. Die Hoffnung ist »die Tugend, die uns aufbrechen lässt, die uns die Flügel verleiht, um weiterzugehen, selbst dann, wenn die Hindernisse unüberwindlich scheinen«[2].

In diesem Sinne begrüße ich Sie heute, liebe Botschafterinnen und Botschafter, um Ihnen meine besten Wünsche für das neue Jahr zu übermitteln. Ich danke in besonderer Weise dem Doyen des Diplomatischen Korps, S.E. Herrn George Poulides, dem Botschafter von Zypern, für die herzlichen Worte, die er in Ihrer aller Namen an mich gerichtet hat, und ich bin Ihnen dankbar für Ihre so zahlreiche und bedeutende Anwesenheit sowie für den Einsatz, den Sie jeden Tag für die Festigung der Beziehungen leisten, die den Heiligen Stuhl mit Ihren Ländern sowie mit Ihren internationalen Organisationen zugunsten eines friedlichen Zusammenlebens der Völker verbinden.

Der Frieden und die ganzheitliche menschliche Entwicklung sind in der Tat das Hauptziel des diplomatischen Engagements des Heiligen Stuhls. Die Bemühungen des Staatssekretariats und der Dikasterien der Römischen Kurie wie auch der Päpstlichen Repräsentanten sind darauf ausgerichtet, und ich danke ihnen allen für die Hingabe, mit der sie die ihnen anvertraute doppelte Aufgabe erfüllen, den Papst sowohl den Ortskirchen als auch Ihren Regierungen gegenüber zu vertreten.

In diesem Zusammenhang sind auch die im vergangenen Jahr unterzeichneten oder ratifizierten Abkommen allgemeiner Art mit der Republik Kongo, mit der geschätzten Zentralafrikanischen Republik, mit Burkina Faso und Angola zu sehen, wie auch die Übereinkunft zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Italien zur Umsetzung des Übereinkommens von Lissabon über die Anerkennung von Qualifikationen im Hochschulbereich der europäischen Region.

Auch die apostolischen Reisen sind für den Nachfolger des Apostels Petrus nicht nur eine besondere Gelegenheit, seine Brüder und Schwestern im Glauben zu stärken, sie bieten auch Gelegenheit zur Weiterführung des Dialogs auf politischer und religiöser Ebene. Im Jahr 2019 hatte ich die Gelegenheit zu verschiedenen wichtigen Besuchen. Ich möchte mit Ihnen diese Stationen nochmals durchgehen und die Gelegenheit nutzen, einen weiteren Blick auf einige Probleme unserer Zeit zu werfen.

Anfang letzten Jahres, anlässlich des 34. Weltjugendtages, traf ich in Panama junge Menschen aus den fünf Kontinenten, die voller Träume und Hoffnungen waren und sich dort versammelt hatten, um zu beten und den Wunsch und die Verpflichtung, eine menschlichere Welt zu schaffen, neu zu beleben[3]. Es ist immer eine Freude und eine große Chance, junge Menschen zu treffen. Sie sind die Zukunft und die Hoffnung unserer Gesellschaften, aber auch ihre Gegenwart.

Doch wie schmerzlich bekannt ist, haben nicht wenige Erwachsene, darunter auch etliche Mitglieder des Klerus, sich schwerster Verbrechen gegen die Würde von Jugendlichen, Kindern und Heranwachsenden schuldig gemacht, indem sie deren Unschuld und ihr Innerstes verletzt haben. Das sind Verbrechen, die Gott beleidigen, den Opfern physischen, psychischen und spirituellen Schaden zufügen und das Leben ganzer Gemeinschaften schädigen[4]. Im Anschluss an die Begegnung mit den Bischöfen der ganzen Welt, die ich im Februar letzten Jahres im Vatikan einberufen habe, erneuert der Heilige Stuhl seine Verpflichtung, die begangenen Missbrauchsfälle aufzuklären und den Schutz der Minderjährigen zu gewährleisten, und zwar durch eine breite Palette von Normen, die es ermöglichen, diese Fälle kirchenrechtlich wie auch durch die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden auf nationaler und internationaler Ebene zu behandeln.

Angesichts solch schwerwiegender Verletzungen ist es jedoch umso dringlicher, dass die Erwachsenen sich nicht dem ihnen zukommenden Erziehungsauftrag entziehen, sondern sich mit größerem Eifer dieser Aufgabe stellen, um die Jugendlichen zu geistlicher, menschlicher und sozialer Reife zu führen.

Aus diesem Grund möchte ich für eine internationale Veranstaltung am 14. Mai diesen Jahres werben, die eine Wiederherstellung des globalen Bildungspakts zum Thema hat. Es handelt sich dabei um »ein Treffen zur Wiederbelebung des Engagements für und mit den jungen Menschen, bei dem die Begeisterung für eine offenere und integrativere Bildung, die fähig ist, geduldig zuzuhören, einen konstruktiven Dialog und gegenseitiges Verständnis zu fördern, erneuert wird. Noch nie zuvor war es so notwendig, die Bemühungen in einem breiten Bildungsbündnis zu vereinen, um reife Menschen zu formen, die in der Lage sind, Spaltungen und Gegensätze zu überwinden und das Gefüge der Beziehungen für eine geschwisterlichere Menschheit wiederherzustellen.«[5]

Jede Veränderung, wie auch dieser epochaler Wandel, in dem wir uns befinden, erfordert einen Bildungsprozess, die Errichtung eines Dorfes der Bildung[6], das ein Netzwerk menschlicher und offener Beziehungen schafft. Ein solches Dorf muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen, Kreativität und Verantwortung für eine langfristige Entwicklung fördern und Menschen heranbilden, die bereit sind, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.

Es bedarf daher eines Bildungskonzepts, das die vielfältigen Lebenserfahrungen und Lernprozesse umfasst und die jungen Menschen als Einzelne und als Gemeinschaft in die Lage versetzt, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Bildung geschieht nicht nur in den Klassenzimmern der Schulen oder in den Hörsälen der Universitäten, sondern wird in erster Linie durch die Achtung und Stärkung des primären Rechts der Familie, ihre Kinder zu erziehen und des Rechts der Kirchen und sozialen Gruppen, die Familien bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, gewährleistet.

Erziehung erfordert einen aufrichtigen und ehrlichen Dialog mit den Jugendlichen. Sie sind es vor allem, die uns auf die Dringlichkeit jener Solidarität zwischen den Generationen aufmerksam machen, die in den letzten Jahren leider abhandengekommen ist. Tatsächlich besteht in vielen Teilen der Welt die Tendenz, sich in sich selbst zu verschließen und erworbene Rechte und Privilegien zu schützen; eine Tendenz, die Welt nur innerhalb eines begrenzten Horizonts zu begreifen, der die alten Menschen mit Gleichgültigkeit behandelt und vor allem keinen Raum mehr für das entstehende Leben bietet. Die allgemeine Überalterung eines Teils der Weltbevölkerung, insbesondere im Westen, macht dies auf traurige und sinnbildliche Weise sichtbar.

Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass die Jugendlichen auf das Wort und das Beispiel der Erwachsenen warten, andererseits aber müssen wir uns gleichzeitig bewusst sein, dass sie mit ihrem Enthusiasmus, ihrem Engagement und ihrem Durst nach Wahrheit viel zu bieten haben, denn dadurch erinnern sie uns beständig daran, dass die Hoffnung keine Utopie ist und Frieden immer möglich ist.

Wir haben dies an der Art und Weise gesehen, mit der sich viele junge Menschen dafür engagieren, das Bewusstsein für den Klimawandel bei den politisch Verantwortlichen zu erhöhen. Die Sorge um unser gemeinsames Haus muss allen ein Anliegen sein und darf nicht zum Gegenstand ideologischer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Wirklichkeitsauffassungen sein, und noch weniger zwischen den Generationen, denn »im Kontakt mit der Natur« – daran erinnerte Benedikt XVI. – »findet der Mensch seine rechte Dimension wieder; er entdeckt sich von neuem als kleines aber zugleich einzigartiges Geschöpf, das „gottfähig“ ist, weil es in seinem Inneren für den Unendlichen offen ist«[7]. Die Bewahrung des Lebensraumes, der uns vom Schöpfer geschenkt wurde, kann daher weder vernachlässigt noch als ein elitäres Problem heruntergespielt werden. Die Jugendlichen sagen uns, dass dies nicht so sein kann, denn es gibt eine dringende Herausforderung auf allen Ebenen, unser gemeinsames Haus zu schützen und »die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen«[8]. Sie erinnern uns an die dringenden Notwendigkeit einer ökologischen Umkehr, die »ganzheitlich zu verstehen [ist], als eine Veränderung unserer Beziehungen zu unseren Schwestern und Brüdern, zu den anderen Lebewesen, zur Schöpfung in ihrer so reichen Vielfalt und zum Schöpfer, dem Urgrund allen Lebens«[9].

Leider scheint die Dringlichkeit dieser ökologischen Umkehr von der internationalen Politik nicht erfasst worden zu sein, denn ihre Antwort auf die Probleme, die durch globale Fragen wie den Klimawandel entstehen, ist noch sehr schwach und sehr besorgniserregend. Die 25. UN-Klimakonferenz (COP25), die im Dezember letzten Jahres in Madrid stattfand, ist ein ernstes Alarmzeichen hinsichtlich der Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft, das Phänomen der globalen Erwärmung weise und wirksam anzugehen. Dies erfordert eine kollektive Antwort, die in der Lage ist, das Gemeinwohl über Einzelinteressen zu stellen.

Diese Überlegungen lenken unsere Aufmerksamkeit wieder auf Lateinamerika, insbesondere auf die Sonderversammlung der Bischofssynode für die Amazonas-Region, die im vergangenen Oktober im Vatikan stattfand. Die Synode war ein im Wesentlichen kirchliches Ereignis, bewegt von dem Wunsch, auf die Hoffnungen und Herausforderungen der Kirche im Amazonasgebiet zu hören und neue Wege zur Verkündigung des Evangeliums an das Volk Gottes, besonders an die indigenen Völker, zu eröffnen. Dennoch kam die Synodenversammlung nicht umhin, ausgehend von einer ganzheitlichen Ökologie auch andere Themen anzusprechen, die das Leben in dieser Region betreffen, die so groß und wichtig für die ganze Welt ist, denn »der Urwald Amazoniens ist das „biologische Herz“ der Erde, das mehr und mehr bedroht wird«[10].

Besorgniserregend ist neben der Situation im Amazonasgebiet auch die Zunahme politischer Krisen in einer wachsenden Zahl von Ländern des amerikanischen Kontinents mit Spannungen und ungewöhnlichen Formen der Gewalt, die soziale Konflikte verschärfen und schwerwiegende sozioökonomische und humanitäre Folgen nach sich ziehen. Die immer stärkeren Polarisierungen tragen nicht dazu bei, die realen und dringenden Probleme der Bürger, insbesondere der ärmsten und schwächsten, zu lösen. Ebenso wenig vermag das die Gewalt, die aus keinem Grund als Mittel zum Umgang mit politischen und sozialen Problemen eingesetzt werden darf. An dieser Stelle möchte ich besonders an Venezuela erinnern, auf dass die Bemühungen um Lösungen nicht nachlassen.

Auch wenn den Konflikten in Südamerika unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen, haben sie generell doch die starke Ungleichheit, die Ungerechtigkeit und eine endemische Korruption, sowie verschiedene Formen der Armut, die die Würde der Menschen verletzen, gemeinsam. Die politisch Verantwortlichen müssen sich daher dringend um die Wiederherstellung einer Kultur des Dialogs zum Wohle der Allgemeinheit und um die Stärkung der demokratischen Institutionen wie auch um die Förderung der Achtung der Rechtsstaatlichkeit bemühen, um antidemokratische, populistische und extremistische Tendenzen zu verhindern.

Meine zweite Reise im Jahr 2019 führte mich in die Vereinigten Arabischen Emirate, was der erste Besuch eines Nachfolgers Petri auf der Arabischen Halbinsel war. In Abu Dhabi unterzeichnete ich mit dem Großimam von Al-Azhar Ahmad Al-Tayyib das Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt. Es handelt sich dabei um einen wichtigen Text, der darauf abzielt, das gegenseitige Verständnis zwischen Christen und Muslimen und das Zusammenleben in zunehmend multiethnischen und multikulturellen Gesellschaften zu fördern. Indem dieses Dokument es scharf verurteilt »den Namen Gottes zu benutzen, um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen«[11], erinnert es nämlich an die Bedeutung einer Auffassung von Bürgerrecht, die »auf der Gleichheit der Rechte und Pflichten [beruht], unter deren Schutz alle die gleiche Gerechtigkeit genießen«[12]. Dies erfordert eine Achtung der Religionsfreiheit und ein Bemühen, auf die diskriminierende Verwendung des Begriffs „Minderheiten“ zu verzichten, der den Keim des Gefühls der Isolation und Minderwertigkeit in sich trägt und den Boden für Feindseligkeit und Zwietracht bereitet, da er Bürger aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert[13]. Zu diesem Zweck ist es besonders wichtig, die künftigen Generationen im interreligiösen Dialog zu schulen, der den besten Zugang zum Kennenlernen und Verstehen und zur gegenseitigen Unterstützung zwischen Angehörigen verschiedener Religionen darstellt.

Frieden und Hoffnung standen auch im Mittelpunkt meines Besuchs in Marokko, wo ich mit Seiner Majestät König Mohammed VI. einen gemeinsamen Appell zu Jerusalem unterzeichnete, »in Anerkennung der Einzigartigkeit und Sakralität Jerusalems / Al Qods Acharifs und im Anliegen seiner geistlichen Bedeutung und seiner besonderen Berufung als Stadt des Friedens«[14]. Und wenn von Jerusalem die Rede ist, einer Stadt, die den Gläubigen der drei monotheistischen Religionen am Herzen liegt und die dazu berufen ist, ein symbolischer Ort der Begegnung und des friedlichen Zusammenlebens zu sein, wo gegenseitiger Respekt und Dialog gepflegt werden[15], denke ich zwangsläufig an das ganze Heilige Land, um an die Dringlichkeit zu erinnern, dass die gesamte internationale Gemeinschaft mit Mut und Aufrichtigkeit und unter Achtung des Völkerrechts ihre Verpflichtung zur Unterstützung des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses erneut bekräftigt.

Ein beständigeres und wirksameres Engagement der internationalen Gemeinschaft ist auch in anderen Teilen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens dringender denn je. Ich beziehe mich in erster Linie auf den Mantel des Schweigens, der den Krieg zu verdecken droht, der Syrien im Laufe des letzten Jahrzehnts verwüstet hat. Es ist von besonderer Dringlichkeit, angemessene und weitsichtige Lösungen zu finden, die es dem vom Krieg erschöpften geliebten syrischen Volk ermöglichen, zum Frieden zurückzufinden und mit dem Wiederaufbau des Landes zu beginnen. Der Heilige Stuhl begrüßt jede Initiative, die darauf abzielt, die Grundlagen für die Lösung des Konflikts zu schaffen, und spricht Jordanien und dem Libanon erneut seinen Dank dafür aus, dass dort – unter nicht geringen Opfern – tausende syrischer Flüchtlinge aufgenommen und versorgt wurden. Leider führen neben den Anstrengungen zur Aufnahme der Flüchtlinge auch andere Faktoren wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit im Libanon und in anderen Staaten zu Spannungen in der Bevölkerung und gefährden die fragile Stabilität des Nahen Ostens zusätzlich.

Besorgniserregend sind vor allem die Signale, die infolge der wachsenden Spannung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten aus der ganzen Region kommen und vor allem den langsamen Prozess des Wiederaufbaus des Irak gefährden, wenn daraus nicht sogar die Basis eines umfangreichen Konflikts entsteht, den wir alle verhindern möchten. Ich erneuere daher meinen Appell an alle Beteiligten, man möge eine weitere Eskalation vermeiden und unter voller Achtung der internationalen Rechtsordnung »die Flamme des Dialogs und der Selbstbeherrschung«[16] am Brennen halten.

Meine Gedanken richten sich auch auf den Jemen, der in einem Klima allgemeiner Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft eine der schwersten humanitären Krisen der jüngeren Geschichte durchlebt, und sie gehen nach Libyen, das sich seit vielen Jahren in einer konfliktträchtigen Situation befindet, die sich durch das Eindringen extremistischer Gruppen und einer weiteren Verschärfung der Gewalt in den letzten Tagen verstärkt hat. Ein solches Umfeld ist ein fruchtbarer Boden für die Geißel der Ausbeutung und den Menschenhandel, der von skrupellosen Menschen genährt wird, die die Armut und das Leiden derer ausnutzen, die vor Konflikten oder extremer Armut fliehen. Viele von ihnen enden als Beute echter organisierter Kriminalität, die sie unter unmenschlichen und erniedrigenden Bedingungen wie auch unter Folter, sexueller Gewalt und Erpressung gefangen halten.

Generell ist festzustellen, dass es weltweit mehrere Tausend Menschen mit berechtigtem Asylbegehren gibt, die nachweislich humanitärer Hilfe und des Schutzes bedürfen, die aber nicht ausreichend identifiziert werden. Viele riskieren ihr Leben auf gefährlichen Reisen zu Land und vor allem zu Wasser. Mit Schmerz sehen wir weiterhin, dass das Mittelmeer ein großer Friedhof bleibt[17]. Es wird daher immer dringlicher, dass alle Staaten Verantwortung für dauerhafte Lösungen übernehmen.

Der Heilige Stuhl blickt seinerseits mit großer Hoffnung auf die Bemühungen vieler Länder, die Last der Wiedereingliederung von Migranten mitzutragen und ihnen, insbesondere den aus humanitären Notlagen geflüchteten, einen sicheren Ort zum Leben, zur Ausbildung, zur Arbeit sowie zur Familienzusammenführung zu bieten.

Liebe Botschafterinnen und Botschafter,

auf meinen Reisen im vergangenen Jahr konnte ich auch drei Länder Osteuropas besuchen, zunächst Bulgarien und Nordmazedonien und dann Rumänien. Es handelt sich um drei unterschiedliche Länder, denen jedoch gemeinsam ist, dass sie im Laufe der Jahrhunderte Brücken zwischen Ost und West und Kreuzungspunkte von verschiedenen Kulturen, Ethnien und Zivilisationen waren. Bei diesen Besuchen konnte ich einmal mehr erleben, wie wichtig der Dialog und die Kultur der Begegnung sind, um friedliche Gesellschaften aufzubauen, in denen jeder seine ethnische und religiöse Zugehörigkeit frei zum Ausdruck bringen kann.

Stets im Zusammenhang mit Europa möchte ich darauf hinweisen, wie wichtig es ist, den Dialog und die Beachtung der internationalen Rechtsordnung zu unterstützen, um die festgefahrenen Konflikte auf dem Kontinent zu lösen, von denen manche schon Jahrzehnte fortdauern. Sie erfordern eine Lösung, angefangen bei der Lage auf dem Westbalkan und im Südkaukasus, darunter Georgien. An dieser Stelle möchte ich ferner die Unterstützung des Heiligen Stuhls für die Verhandlungen zur Wiedervereinigung Zyperns zum Ausdruck bringen. Sie würde die Zusammenarbeit in der Region verstärken und die Stabilität des ganzen Mittelmeerraumes begünstigen. Desgleichen ist es mir ein Anliegen, die Versuche zur Lösung des Konflikts in der Ostukraine und zur Beendigung des Leids der dortigen Bevölkerung zu würdigen.

Der Dialog – und nicht die Waffen – ist das wesentliche Mittel, um die Auseinandersetzungen zu lösen. Diesbezüglich möchte ich hier den Beitrag erwähnen, den zum Beispiel die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Ukraine geleistet hat. Eben in diesem Jahr wird der 45. Jahrestag der Schlussakte von Helsinki begangen, mit der die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) abgeschlossen wurde, die 1973 zur Förderung der Entspannung und Zusammenarbeit zwischen den Ländern West- und Osteuropas im damals noch durch den Eisernen Vorhang geteilten Kontinent eröffnet wurde. Es handelte sich um eine wichtige Etappe eines Prozesses, der auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs begonnen wurde und der im Konsens und Dialog ein wesentliches Mittel für die Lösung von Auseinandersetzungen erblickte.

Bereits 1949 wurde in Westeuropa mit der Gründung des Europarates und der späteren Annahme der Europäischen Menschenrechtskonvention der Grundstein für den europäischen Integrationsprozess gelegt. Die Erklärung des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman vom 9. Mai 1950 stellte hierfür einen Grundpfeiler dar. Schuman sagte: »Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.« Die Gründerväter des modernen Europa waren sich bewusst, dass sich der Kontinent nur dann von den Wunden des Krieges und von den neuen fortdauernden Spaltungen erholen konnte, wenn Ideale und Ressourcen in einem schrittweisen Prozess gemeinsam geteilt wurden.

Der Heilige Stuhl hat das europäische Projekt von seinen ersten Jahren an mit Interesse verfolgt. Dieses Jahr sind es fünfzig Jahre, dass der Heilige Stuhl als Beobachter beim Europarat vertreten ist und auch diplomatische Beziehungen mit den damaligen Europäischen Gemeinschaften aufgenommen wurden. Es handelt sich um ein Interesse, das die Idee eines inklusiven Aufbaus unterstreichen will, der von einem partizipativen und solidarischen Geist beseelt ist und der aus Europa im Zeichen seiner zugrundeliegenden gemeinsamen Werte ein Beispiel an Aufnahme und sozialer Gerechtigkeit machen kann. Das europäische Projekt ist weiterhin eine wesentliche Garantie der Entwicklung für alle, die seit längerem daran teilnehmen, und stellt für jene Länder, die eine Teilnahme anstreben, nach turbulenten Konflikten und Verwundungen eine Gelegenheit zum Frieden dar.

Europa möge also seinen Sinn für Solidarität, der es über Jahrhunderte, auch in seinen ganz schwierigen Momenten, ausgezeichnet hat, nicht verlieren. Es möge nicht den Geist verlieren, der unter anderem in der römischen pietas und in der christlichen caritas wurzelt, welche die Seele der europäischen Völker gut beschreiben. Der Brand der Kathedrale von Notre Dame in Paris hat gezeigt, wie brüchig und leicht zerstörbar auch das ist, was solide scheint. Die Schäden an einem Gebäude, das nicht nur den Katholiken teuer ist, sondern für ganz Frankreich und die gesamte Menschheit von Bedeutung ist, haben die Frage nach den geschichtlichen und kulturellen Werten Europas und seiner Wurzeln neu geweckt. In einem Kontext, wo Richtwerte fehlen, ist es einfacher, Elemente der Spaltung als des Zusammenhalts zu finden.

Der dreißigste Jahrestag des Falls der Berliner Mauer hat uns wieder eines der erschütterndsten Symbole der jüngeren Geschichte des Kontinents vor Augen geführt und zugleich daran erinnert, wie leicht es ist, Barrieren zu errichten. Die Berliner Mauer bleibt ein Sinnbild für eine Kultur der Teilung, die Menschen voneinander entfernt und dem Extremismus und der Gewalt die Türen öffnet. Wir sehen dies immer mehr an der Sprache des Hasses, die im Internet und in den sozialen Kommunikationsmitteln weite Verbreitung findet. Den Barrieren das Hasses ziehen wir die Brücken der Versöhnung und der Solidarität vor, gegenüber dem, was Entfernung schafft, bevorzugen wir das, was Annäherung bringt. Denn wir sind uns bewusst, dass, wie vor hundert Jahren mein Vorgänger Benedikt XV. schrieb, »sich kein Friede festigen kann […] wenn nicht gleichzeitig Hass und Groll durch eine auf gegenseitiger Nächstenliebe gegründete Versöhnung besänftigt werden«[18].

Liebe Botschafterinnen und Botschafter,

Zeichen des Friedens und der Versöhnung konnte ich während meiner Reise nach Afrika erblicken, wo die Freude derer ersichtlich scheint, die sich gemeinsam als Volk fühlen und die täglichen Strapazen in einem Geist des Miteinanders anpacken. Ich habe die konkrete Hoffnung in zahlreichen ermutigenden Handlungen erlebt, angefangen bei den weiteren Fortschritten, die in Mozambik mit der Unterzeichnung des Abkommens vom vergangenen 1. August zur endgültigen Einstellung der Feindseligkeiten erzielt wurden.

In Madagaskar konnte ich feststellen, dass es möglich ist, Sicherheit zu schaffen, wo Unsicherheit herrschte, Hoffnung zu sehen, wo man nur Schicksalsergebenheit vorfand, Leben zu erkennen, wo viele Tod und Zerstörung ankündigten.[19] Hierzu sind die Familie und der Gemeinschaftssinn notwendig, der es erlaubt, das Grundvertrauen herzustellen, das die Basis jeder menschlichen Beziehung bildet. Auf Mauritius habe ich bemerkt, »wie die verschiedenen Religionsgemeinschaften […] entsprechend ihren jeweiligen Identitäten zusammenarbeiten, um zum sozialen Frieden beizutragen und den transzendenten Wert des Lebens gegen jede Art von Relativismus in Erinnerung zu halten«[20]. Ich vertraue darauf, dass die Begeisterung, die ich während meiner Reise mit Händen greifen konnte, in der Gastfreundschaft sowie in Projekten zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit weiter konkret Gestalt annimmt und Mechanismen der der Abschottung vermeidet.

Wenn wir den Blick auf andere Teile des Kontinents lenken, schmerzt es hingegen festzustellen, wie Vorfälle der Gewalt gegen Unschuldige – darunter viele Christen, die wegen ihrer Treue zum Evangelium verfolgt und getötet werden – weitergehen, insbesondere in Burkina Faso, Mali, Niger und Nigeria. Ich fordere die internationale Gemeinschaft auf, die Anstrengungen dieser Länder im Kampf zur Überwindung der Plage des Terrorismus, der immer mehr in ganzen Teilen Afrikas wie auch in anderen Regionen der Welt Blut fließen lässt, zu unterstützen. Im Licht dieser Ereignisse ist es notwendig, dass Strategien umgesetzt werden, die nicht nur Maßnahmen im Sicherheitsbereich beinhalten, sondern auch im Hinblick auf die Armutsreduzierung, auf die Verbesserung des Gesundheitswesens, auf die humanitäre Entwicklung und Fürsorge, auf die Förderung der good governance und der Bürgerrechte. Dies sind die Pfeiler einer echten sozialen Entwicklung.

Gleichfalls müssen die Initiativen gestärkt werden, welche die Brüderlichkeit zwischen allen Formen kultureller, ethnischer und religiöser Art auf dem Kontinent fördern, vor allem am Horn von Afrika, in Kamerun sowie in der Demokratischen Republik Kongo, wo besonders in den östlichen Regionen des Landes die Gewalt anhält. Die Konfliktsituationen und die humanitären Notlagen, verschärft durch klimatisch bedingte Verwüstungen, erhöhen die Zahl der Vertriebenen und wirken sich auf die Menschen aus, die bereits in schwerer Armut leben. Viele der von diesen Situationen betroffenen Länder haben keine angemessenen Strukturen, die es ihnen erlauben würden, den Bedürfnissen der Vertriebenen entgegenzukommen.

Diesbezüglich möchte ich hervorheben, dass es leider noch keine konsequente internationale Antwort gibt, um dem Phänomen der Binnenvertreibung entgegenzutreten. Zum Großteil harrt sie nämlich einer gemeinsamen internationalen Definition, da sie innerhalb nationaler Grenzen erfolgt. Das Ergebnis ist, dass die Binnenvertriebenen nicht immer den Schutz erhalten, den sie verdienen, und von der Politik des Staates, in dem sie sich befinden, wie auch von seiner Fähigkeit, darauf zu reagieren, abhängen.

Vor kurzem wurde die Arbeit des United Nations High-Level Panel on Internal Displacement aufgenommen, die, wie ich hoffe, die globale Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Vertriebenen fördern und zugleich konkrete Empfehlungen entwickeln kann.

Unter diesem Blickwinkel schaue ich auch auf den Sudan in der Hoffnung, dass seine Bürger in Frieden und Wohlergehen leben können und am demokratischen Aufbau und wirtschaftlichen Wachstum mitwirken können; ferner auf die Zentralafrikanische Republik, wo letzten Februar ein globales Abkommen zur Beendigung des seit über fünf Jahren andauernden Bürgerkrieges unterzeichnet wurde; wie auch auf den Südsudan, den ich, so hoffe ich, im Laufe dieses Jahres besuchen kann. Ihm habe ich im vergangenen April einen Einkehrtag gewidmet, an dem die führenden Personen des Landes teilnahmen und an dem der Erzbischof von Canterbury Justin Welby und der frühere Moderator der Presbyterianischen Kirche von Schottland John Chalmers bedeutend mitgewirkt haben. Ich vertraue darauf, dass mit der Hilfe der internationalen Gemeinschaft die politischen Verantwortungsträger den Dialog fortführen werden, um die erzielten Vereinbarungen umzusetzen.

Die letzte Reise des gerade zu Ende gegangenen Jahres führte nach Ostasien. In Thailand konnte ich das harmonische Zusammenleben feststellen, zu dem die zahlreichen ethnischen Gruppen des Landes mit ihrer philosophischen, kulturellen und religiösen Vielfalt beitragen. Es handelt sich um eine wichtige Mahnung im gegenwärtigen Kontext der Globalisierung mit ihrer Tendenz, die Unterschiede zu verflachen und sie in erster Linie in wirtschaftlich-finanzieller Hinsicht zu betrachten, was die Gefahr mit sich bringt, die wesentlichen Merkmale zu beseitigen, welche die verschiedenen Völker auszeichnen.

In Japan schließlich konnte ich gleichsam selbst erfahren, welchen Schmerz und Schrecken wir Menschen einander zuzufügen fähig sind.[21] Als ich die Zeugnisse einiger Hibakusha, der Überlebenden der Atombombenangriffe von Hiroshima und Nagasaki, hörte, schien es mir offensichtlich, dass ein echter Frieden nicht auf der Bedrohung einer möglichen totalen Vernichtung der Menschheit durch Nuklearwaffen aufgebaut werden kann. Die Hibakusha erhalten »das kollektive Bewusstsein lebendig […] Sie bezeugen nämlich den nachfolgenden Generationen das schreckliche Geschehen vom August 1945 und die unsäglichen Leiden, die bis heute daraus erwachsen sind. Auf diese Weise ruft ihr Zeugnis das Gedächtnis an die Opfer wach und bewahrt es, damit das menschliche Gewissen immer stärker werde gegenüber jedem Willen zur Vorherrschaft und zur Zerstörung«[22], besonders der Zerstörung, die von Sprengkörpern mit so hohem Vernichtungspotenzial verursacht wird wie Nuklearwaffen. Diese begünstigen nicht nur ein Klima der Angst, der Misstrauens und der Feindseligkeit, sondern vernichten auch die Hoffnung. Ihr Einsatz ist unmoralisch, »ein Verbrechen […] nicht nur gegen den Menschen und seine Würde, sondern auch gegen jede Zukunftsmöglichkeit in unserem gemeinsamen Haus«[23].

»Eine Welt ohne Atomwaffen [ist] möglich und vonnöten«[24], und es ist an der Zeit, dass alle politischen Verantwortungsträger sich dessen voll bewusst werden. Denn nicht der Besitz leistungsfähiger Massenvernichtungsmittel zur Abschreckung macht die Welt sicherer, sondern die geduldige Arbeit aller Menschen guten Willens, die sich konkret, jeder in seinem Bereich, dafür einsetzen, eine Welt des Friedens, der Solidarität und der gegenseitigen Achtung aufzubauen.

Das Jahr 2020 bietet eine bedeutsame Möglichkeit in dieser Richtung, da vom 27. April bis zum 22. Mai in New York die 10. Überprüfungskonferenz des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (Atomwaffensperrvertrag) stattfinden wird. Ich hoffe sehr, dass es der internationalen Gemeinschaft bei dieser Gelegenheit gelingen möge, einen endgültigen proaktiven Konsens über die Ausführungsmodalitäten dieses internationalen Rechtsmittels zu finden, das sich in einem Augenblick wie dem gegenwärtigen als noch wichtiger erweist.

Am Ende dieses Überblicks der Orte, die ich im Laufe des letzten Jahres aufgesucht habe, gehen meine Gedanken besonders zu einem Land, das ich nicht besucht habe, nämlich Australien. In den vergangenen Monaten wurde es von anhaltenden Bränden hart getroffen, deren Auswirkungen auch andere Regionen Ozeaniens erreicht haben. Dem australischen Volk, insbesondere den Opfern und allen Menschen in den von den Bränden betroffenen Gegenden, möchte ich meine Nähe und mein Gebet versichern.

Exzellenzen, Damen und Herren,

dieses Jahr gedenkt die internationale Gemeinschaft des 75. Jahrestages der Gründung der Vereinten Nationen. Nach den Tragödien der zwei Weltkriege haben sechsundvierzig Staaten mit der Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen am 26. Juni 1945 eine neue Form der multilateralen Zusammenarbeit ins Leben gerufen. Die im Artikel 1 der Charta umrissenen vier Ziele der Organisation sind auch heute noch gültig, und wir können sagen, dass der Einsatz der Vereinten Nationen in diesen 75 Jahren großenteils ein Erfolg war, besonders bei der Vermeidung eines weiteren Weltkrieges. Die Gründungsprinzipien der Organisation – der Wunsch nach Frieden, die Suche nach Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenwürde, die humanitäre Zusammenarbeit und Unterstützung – sind Ausdruck des rechten Strebens des menschlichen Geistes und stellen die Ideale dar, die den internationalen Beziehungen zugrunde liegen sollten.

Anlässlich dieses Jahrestages wollen wir die Absicht der ganzen Menschheitsfamilie, für das Gemeinwohl zu arbeiten, bekräftigen. Denn das Gemeinwohl ist der Orientierungsmaßstab für das sittliche Handeln und die Perspektive, die jedes Land zur Zusammenarbeit verpflichtet, um die Existenz und Sicherheit in Frieden aller anderen Staaten zu gewährleisten. Dies geschieht in einem Geist der Gleichheit der Würde und aktiver Solidarität sowie im Rahmen einer Rechtsordnung auf der Grundlage der Gerechtigkeit und der Suche nach gerechten Kompromissen.[25]

Ein solches Handeln wird umso wirksamer, je mehr man jenen transversalen Ansatz zu überwinden sucht, der im Sprachgebrauch und den Dokumenten internationaler Institutionen verwendet wird. Dieser ist nämlich bestrebt, die Grundrechte an kontingente Situationen zu binden, und vergisst dabei, dass diese zutiefst in der Natur des Menschen selbst gründen. Wenn der Terminologie der internationalen Organisationen eine klare objektive Verankerung fehlt, läuft man Gefahr, anstatt einer Annäherung eine Entfremdung der Mitglieder der internationalen Gemeinschaft zu begünstigen. Das führt zu einer Krise des multilateralen Systems, wie wir heute leider augenscheinlich feststellen können. In diesem Zusammenhang scheint es dringlich, den Weg zu einer umfassenden Reform des multilateralen Systems wiederaufzunehmen, beginnend beim System der Vereinten Nationen. Dadurch möge es unter gebührender Beachtung des gegenwärtigen geopolitischen Kontexts effektiver werden.

Liebe Botschafterinnen und Botschafter,

zum Abschluss dieser Überlegungen möchte ich noch zwei Jubiläen erwähnen, die wir dieses Jahr begehen. Auf den ersten Blick haben sie nichts mit unserem heutigen Treffen zu tun. Das erste ist der 500. Todestag von Raffaello Sanzio, dem großen Künstler aus Urbino, der am 6. April 1520 in Rom verstorben ist. Raffael haben wir ein beachtliches Erbe von unermesslicher Schönheit zu verdanken. Wie das Genie des Künstlers unterschiedliche Rohmaterialien, Farben und Töne harmonisch zu verbinden vermag und daraus ein einziges Gesamtkunstwerk entstehen lässt, so ist die Diplomatie aufgerufen, die Besonderheiten der verschiedenen Völker und Staaten untereinander in Einklang zu bringen, um eine gerechte und friedvolle Welt aufzubauen, die das schöne Bild darstellt, das wir bewundern wollen.

Raffael war ein bedeutender Vertreter einer Epoche, der Renaissance, welche die gesamte Menschheit bereichert hat. Es war eine Zeit, die nicht frei von Schwierigkeiten und doch von Zuversicht und Hoffnung beseelt war. Über diesen berühmten Künstler möchte ich dem italienischen Volk meine herzlichsten Glückwünsche zukommen lassen. Möge es diesen Geist der Offenheit auf die Zukunft hin wieder neu entdecken, der die Renaissance ausgezeichnet hat und der diese Halbinsel so schön und reich an Kunst, Geschichte und Kultur gemacht hat.

Eines der Lieblingsobjekte der Malerei Raffaels war Maria. Ihr hat er zahlreiche Gemälde gewidmet, die heute in verschiedenen Museen auf der Welt bewundert werden können. Die katholische Kirche feiert dieses Jahr den 70. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas der Aufnahme der Jungfrau Maria in den Himmel. Mit dem Blick auf Maria möchte ich 25 Jahre nach der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking allen Frauen einen besonderen Gedanken widmen. Auf der ganzen Welt möge die wertvolle Rolle der Frau für die Gesellschaft immer mehr anerkannt werden. Jede Form von Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Gewalt ihnen gegenüber möge enden. »Jede Gewalt an der Frau ist eine Schändung Gottes.«[26] Gewalt gegen eine Frau zu verüben oder sie auszunützen ist nicht einfach eine Straftat, sondern ein Verbrechen, das die Harmonie, die Poesie und die Schönheit zerstört, die Gott der Welt schenken wollte[27].

Die Aufnahme Mariens in den Himmel lädt uns auch dazu ein, weiter auszuschauen, auf das Ende unseres irdischen Weges, auf den Tag, an dem die Gerechtigkeit und der Frieden voll wiederhergestellt werden. Wir fühlen uns so – durch die Diplomatie, unsere unvollkommenes, aber immer wertvolles menschliche Bemühen – ermutigt, mit Eifer zu arbeiten, damit die Früchte dieser Sehnsucht nach Frieden schon vorweg reifen, weil wir wissen, dass das Ziel erreicht werden kann. Mit dieser Verpflichtung drücke ich Ihnen allen, liebe hier anwesende Botschafterinnen, Botschafter und werte Gäste, wie auch Ihren Ländern erneut meine herzlichen Wünsche für ein neues Jahr reich an Hoffnung und Segen aus.

Danke!


[1] Vgl. Botschaft zum 53. Weltfriedenstag, 8. Dezember 2019, 1.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Begegnung mit den Vertretern des öffentlichen Lebens und der Zivilgesellschaft sowie mit dem Diplomatischen Korps, Panama, 24. Januar 2019.

[4] Vgl. Motu proprio Vos estis lux mundi, 7. Mai 2019.

[5] Botschaft zum Start des Bildungspakts, 12. September 2019.

[6] Vgl. ebd.

[7] Angelus, Les Combes, 17. Juli 2005.

[8] Vgl. Enzyklika Laudato si’, 24. Mai 2015, 13.

[9] Botschaft zum 53. Weltfriedenstag, 8. Dezember 2019, 4.

[10] Schlussdokument der Sonderversammlung der Bischofssynode für Amazonien: Amazonien. Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie, 2.

[11] Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt, Abu Dhabi, 4. Februar 2019.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Appell Seiner Majestät König Mohameds VI. und Seiner Heiligkeit Papst Franziskus zu Jerusalem / Al Qods als Heiliger Stadt und Ort der Begegnung, Rabat, 30. März 2019.

[15] Vgl. ebd.

[16] Angelus, 5. Januar 2020.

[17] Vgl. Ansprache an den Europarat, Straßburg, 25. November 2014.

[18] Enzyklika Pacem, Dei munus pulcherrimum, 23. Mai 1920.

[19] Vgl. Grußwort beim Besuch der Stadt der Freundschaft – Akamasoa, Antananarivo, 8. September 2019.

[20] Ansprache an die Vertreter der Regierung, der Zivilgesellschaft und an das Diplomatische Korps, Port Louis, 9. September 2019.

[21] Vgl. Ansprache über Atomwaffen, Nagasaki, 24. November 2019.

[22] Botschaft zum 53. Weltfriedenstag8. Dezember 2019, 2.

[23] Ansprache beim Friedenstreffen, Hiroshima, 24. November 2019.

[24] Ansprache über Atomwaffen, Nagasaki, 24. November 2019.

[25] Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris, 11. April 1963, 54.

[26] Homilie am Hochfest der Gottesmutter Maria, 1. Januar 2020.

[27] Vgl. Die Frau ist die Harmonie der Welt. Tagesmeditation in der Kapelle des Gästehauses Domus Sanctae Marthae, 9. Februar 2017.