Bischof Vitus Huonder: Themenschwerpunkte bis 2019

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge

Wie in meinem Interview mit der “Luzerner Zeitung” vom 4. Mai 2017 angekündigt, möchte ich die beiden Jahre, um die Papst Franziskus meinen Dienst als Diözesanbischof verlängert hat, nutzen, um einige pastorale Themen aufzugreifen, die mir vordringlich scheinen. Ich habe sie mittlerweile im Bischofsrat zur Diskussion gestellt und möchte sie Ihnen nun vorstellen, verbunden mit der Bitte, sie sich zu eigen zu machen und bei ihrer Bearbeitung sowie Umsetzung behilflich zu sein.

1. Erarbeitung von diözesanen Standards für die Ehevorbereitung

Das vordringlichste Anliegen, geradezu ein Gebot der Stunde, scheint mir die Ehevorbereitung zu sein. Wer den Bund der Ehe eingeht, geht ihn, wie man zu sagen pflegt, “für’s Leben” ein. Deshalb ist es wichtig, dass dies nicht unüberlegt oder unvorbereitet geschieht, sondern wohlbedacht und gut informiert, getragen von der Kirche und ihrer Glaubenslehre. Gerade die vielen Krisen, welche es bekanntlich heute in Ehen gibt, und die nicht selten zu einer zivilen Ehescheidung führen, müssen uns Ansporn sein, in der Pastoral einen Schwerpunkt bei der Vorbereitung auf den Empfang dieses Sakraments zu setzen.

Das Anliegen einer erneuerten, verbesserten, den heutigen Erfordernissen angemessenen Ehevorbereitung ist zuletzt von Papst Franziskus betont worden. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben “Amoris Laetitia” (205-211) ruft der Papst dazu auf, diesem Aspekt der Seelsorge Beachtung zu schenken. Und er lädt die einzelnen Ortskirchen, also die Diözesen, ein, tätig zu werden: “Es gibt verschiedene legitime Weisen, die unmittelbare Vorbereitung auf die Ehe zu gestalten, und jede Ortskirche soll unterscheiden, was für sie das Beste ist” (207).

Die Verhältnisse sind nicht nur unter den einzelnen Ortskirchen unterschiedlich. Auch innerhalb unserer Ortskirche gibt es aufgrund der sozialen Verschiedenheiten sowie der geschichtlichen, demographischen und konfessionellen Prägungen beträchtliche Unterschiede. Es kann deshalb für uns nicht darum gehen, einen einzigen Ehevorbereitungskurs zu entwerfen. Was aber dennoch getan werden kann und getan werden muss, ist die Erarbeitung von Standards für die Ehevorbereitung, die von allen gewahrt werden müssen, die sich in diesem pastoralen Feld engagieren.

Ich habe deshalb den Aufrag gegeben an den Verantwortlichen für die Jugendpastoral, Weihbischof Marian Eleganti, und an den Pastoralamtsleiter, Bischofsvikar Christoph Casetti, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten zu Handen des Bischofsrats. In einer späteren Phase sollen dann auch der Priesterrat und der Rat der Laientheologinnen, Laientheologen und Diakone konsultiert werden. Ziel muss es sein, den Eheleuten wirklich das mitzugeben, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg benötigen, um das Sakrament der Ehe in seiner Fülle, dauerhaft und fruchtbar zu leben, zum Aufbau der Kirche und im Dienst an der Welt.

2. Weiterbearbeitung der Frage Bistumseinteilung

Die von der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich im 2012 an mich herangetragene Frage, ob man das Bistum Chur aufteilen solle, hat bekanntlich viel Aufsehen erregt. Ich habe das Anliegen aufgenommen und eine breit angelegte Konsultation durchgeführt. Auf dieser Basis haben später Gespräche stattgefunden, unter anderem mit den Vertretern der kantonalen staatskirchenrechtlichen Körperschaften (“Biberbrugger Konferenz”). Die Tatsache, dass schliesslich der Tag näher kam, an dem ich dem Papst meine Demission anbieten würde, hat möglicherweise dazu geführt, dass das Thema dann geruht hat. Nun, da wir wieder für zwei Jahre Planungssicherheit haben, möchte ich das Thema Bistumseinteilung nochmals aufgreifen und mit der “Biberbrugger Konferenz” weiter diskutieren. Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting und Bischofsvikar Joseph M. Bonnemain gebeten, ein Schreiben aufzusetzen, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

3. “Gender-Ideologie”

Seit längerem beschäftigt mich das Thema der “Gender-Ideologie”. Ich habe dazu im Jahr 2013 ein Wort des Bischofs (http://www.bistum-chur.ch/startseite/gender-die-tiefe-unwahrheit-einer-theorie-wort-des-bischofs-zum-tag-der-menschenrechte-vom-10-dezember-2013-2/) verfasst. Die deutlichen und mit meiner Haltung übereinstimmenden Aussagen von Papst Franziskus zu diesem Thema zeigen, dass das Thema weiterhin aktuell ist. Die Stellungnahmen von Papst Franziskus zeigen, wie man vom Standpunkt des Christentums diese Ideologie beurteilen soll. Auch Franziskus bezeichnet in “Amoris Laetitia” “Gender” ausdrücklich als “Ideologie” (56). Er betont, dass sie die anthropologischen Grundlagen der Familie aushöhle. Und er sieht die Gefahr, dass diese Ideologie Erziehungspläne und Gesetzgebungen unterwandert. Sie unterwandert leider auch die katholische Kirche, wie man dem in der Schweiz veröffentlichen Werk “Familienvielfalt” entnehmen kann. “Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen”, ruft uns demgegenüber Papst Franziskus in “Amoris Laetita” (56) zu.

In seiner Ansprache an die polnischen Bischöfe im Jahr 2016 (http://m.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/july/documents/papa-francesco_20160727_polonia-vescovi.html) hat der Papst “Gender” sogar als “ideologischen Kolonialismus” bezeichnet.  Er zitiert Papst Benedikt XVI., welcher zu ihm gesagt hat: “Heiligkeit, dies ist die Zeit der Sünde gegen den Schöpfergott”. Und in einer Generalaudienz im April 2015 hatte Franziskus bereits gesagt, die Beseitigung der Geschlechterdifferenz sei “das Problem, nicht die Lösung” (https://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2015/documents/papa-francesco_20150415_udienza-generale.html). In Georgien schliesslich bezeichnete Franziskus 2016 die Gender-Theorien als “grossen Feind der Ehe” und sagte: “Es gibt heute einen weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören. Heute gibt es ideologische Kolonialismen, die zerstörerisch sind: Man zerstört nicht mit Waffen, sondern mit Ideen. Darum muss man sich gegen die ideologischen Kolonialismen verteidigen” (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/october/documents/papa-francesco_20161001_georgia-sacerdoti-religiosi.html).

Ferner bleibt grundlegend für das Problem der “Gender-Ideologie” die Ansprache von Papst Benedikt dem XVI. vom 21. Dezember 2012 an die Römische Kurie, in welcher er die die “tiefe Unwahrheit” dieser Theorie aufgezeigt hat (http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html).

Es geht hier, wie die Versuche zeigen, “Gender” in Erziehungsplänen und Gesetzen zu etablieren, keineswegs nur um eine akademische Debatte. Wir sind als Glieder der Kirche aufgerufen, hier unsere Stimme zu erheben. Denn es geht um den Menschen. Papst Benedikt XVI. hat dies eindringlich betont in der erwähnten Ansprache: “Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen”.

Ich habe deshalb Bischofsvikar Christoph Casetti den Auftrag gegeben, dieses Thema in die Diözesane Pastoralkonferenz einzubringen. Dieses Gremium dient ja als Koordinationsgremium der kantonalen Seelsorgeräte. Diese bitte ich, sich auf der Basis der Lehre der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihrerseits Multiplikatoren in die Kantone hinein zu sein, damit die Kirche auch in unserem Bistum dieser verderblichen Ideologie etwas entgegenzusetzen hat.

4. Kirche und Politik

Ein Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aktuell war, ist die Haltung der Kirche zu Fragen der Politik. Es gibt regelmässig Konflikte, wenn in Politik und Medien die Stimme der Kirche für (partei-)politische Anliegen instrumentalisiert wird. Wenn ich bedenke, wie viele Gläubige in den letzten Jahren ihren Austritt aus den staatskirchenrechtlichen Körperschaften erklärt haben, weil kirchliche Amtsträger die Kirche für tagespolitsche Anliegen missbraucht haben, dann müssten auch die Körperschaften an diesem Thema interessiert sein.

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Es gibt eine sehr große Zahl von Fragen, zu denen man als Christ getrost und mit vernünftigen Argumenten dieser oder jener Meinung sein kann. Wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, wie man mit der Energie und den verschiedenen Formen ihrer Erzeugung richtig umgeht, wie man die Natur effektiv schützt, wie man die wirtschaftlichen Lasten so verteilt, dass niemand verarmt, aber auch der Leistungswille des einzelnen nicht frustriert wird: Hier gibt es einen legitimen Pluralismus und gute Gründe für diese oder jene parteipolitische Haltung. Und es brüskiert viele Gläubige, bis hin zum ominösen “Austritt”, wenn sie von amtlichen Vertretern der Kirche als nicht ganz katholisch, irgendwie unmoralisch oder egoistisch hingestellt werden, nur weil sie zu bestimmten politischen Optionen andere Ansichten haben. Das II. Vatikanische Konzil hat in LG 37 ausdrücklich betont: “Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen“.

Diese Frage hat auch mit der Sendung der Laien zu tun, wie sie das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat. Die Laien haben den Auftrag, mitten in der Welt das Reich Gottes auszubreiten, auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens. Sie tun es nicht als amtliche Vertreter der Kirche. Genau darin besteht ihr Mündigkeit. So lange wir aber dazu neigen, die Kirche mit der Hierarchie zu identifizieren und dann zu bedauern, die Laien seien von der Mitwirkung an der kirchlichen Sendung ausgeschlossen, kommen wir nicht weiter, auch nicht zu einer Kirche, die hinausgeht, bis an die Ränder, von der Papst Franziskus immer wieder spricht. Es ist gerade Papst Franziskus, der diese Binnenfixierung bedauert hat in seinem Apostolischen Schreiben “Evangelii Gaudium”: “Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft. Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar” (102).

Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting den Auftrag gegeben, mir Vorschläge für Initiativen zu machen, wie wir in diesen beiden Fragen eine positive Wende herbeiführen können. Das Thema ist wichtig. Ich erinnere dazu gerne an den französischen Philosophen Alexis de Tocqueville, der einmal gesagt hatte, die Religionsgemeinschaften, welche ihre Autorität über die religiösen Dinge hinaus ausdehnten, würden Gefahr laufen, in keiner Sache mehr Glauben zu finden.

Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie in den nächsten zwei Jahren mithelfen, bei der Behandlung und Umsetzung der hier angeführten vier Themen mitzuwirken. Sie werden Ihnen in den Räten des Bistums, aber auch in Anregungen für die Verkündigung und in der praktischen Seelsorge begegnen.

Gerne benütze ich die Gelegenheit, Sie zu ermutigen, sich von neuem in der Pastoral mit aller Kraft einzusetzen. Für alles, was Sie dort zum Aufbau des Reiches Gottes tun, danke ich Ihnen herzlich und grüsse Sie, verbunden mit meinem bischöflichen Segen, freundlich

+ Vitus Huonder
Bischof von Chur

Chur, 23. Mai 2017

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Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Priesterweihe vom Samstag, 29. April 2017 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn, lieber Diakon Dominik

In der Seminarkapelle von Wigratzbad werden im Chorfenster die Stufen zum Weihesakrament dargestellt: auf den Empfänger der Tonsur – was keine Weihe ist – folgen der Ostiarier, der Lektor, der Exorzist, der Akolyth, der Subdiakon, der Diakon, der Priester: sieben Stufen. Es fehlt nur die Stufe des Bischofs.

Diese Darstellung in Stufen vermittelt den Eindruck eines Aufstieges. Der Weg zum Priestertum ist ein Aufstieg. Ja, dieser Weg ist tatsächlich ein Aufstieg. Dieser Aufstieg ist pädagogisch zu deuten. Der Berufene, der Kandidat, soll in das Priestertum nach und nach hineinwachsen. Das Priestertum braucht eine lange Vorbereitung. Denn die Kirche weiß, dass das Priestertum etwas so Wertvolles, Bedeutendes und Heiliges ist, dass der Weg zum Priestertum ein langer Weg sein muss, ein Weg der Bewährung, ein Weg der Prüfung, ein Weg nach oben. So ist dieser Aufstieg zu deuten.

Es ist auch ein Aufstieg im Leben der Gnade. Er macht bewusst, mit welcher Gnade das Priestertum verbunden ist und verbunden sein muss. Das Priestertum ist eine große Gnade Gottes. Deshalb müssen wir mit dieser Gnade gewissenhaft umgehen. Der Priester darf kein Ärgernis geben. Dessen muss er sich bewusst sein. Dominik muss sich dieser Gnade bewusst sein und der Folgen, welche diese Gnade für sein Leben haben muss. Er muss sich bewusst sein, dass er mit dieser Gnade sorgfältig umgehen muss. Durch ein glaubwürdiges Leben muss er diese Gnade zum Leuchten bringen. Betet doch der Bischof im Weihegebet, welches in diesem Punkt in beiden Formularen gleich lautet – im Ordo Antiquior und im Novus Ordo: Da quaesumus, omnipotens Pater, in hunc famulum tuum presbyterii dignitatem: innova in visceribus eius spiritum sanctitatis; ut acceptum a Te Deus, secundi meriti munus obtineat, censuramque morum exemplo suae conversationis insinuet. – Allmächtiger Vater, wir bitten dich, gib diesem deinem Diener die Würde des Priestertums; erneuere in seinem Innersten den Geist der Heiligkeit, damit er das von dir erhaltene Amt des zweiten Ranges auf sich nehme und durch seinen vorbildlichen Wandel eindringlich christliche Zucht und Sitte nahelege. Es fällt auf, mit welchem Nachdruck die bestimmenden sakramentalen Worte der Priesterweihe (verba essentialia oder verba formae sacramentalis) auf das heilige Leben eines Priesters legen. Die Weihegnade soll ihnen nicht nur priesterliche Vollmacht geben, sondern eine Hilfe sein, für die Heiligkeit des Lebens. Warum? Weil die priesterliche Vollmacht nur dann zum Leuchten kommt, wenn der Träger dieser Vollmacht ein heiliges Leben führt und für die ihm anvertrauten Seelen ein Beispiel für ein heiliges Leben ist. Deshalb darf man diesen Aufstieg zum Priestertum nicht mit einer Karriere vergleichen. Es ist keine Auszeichnung mit dem Anspruch, höher zu stehen und mehr Ehrerbietung zu verdienen. Die Priesterweihe ist kein Adelstitel und keine Beförderung in einen höheren Stand. Oder, wenn wir bei der Karriere bleiben wollen: Der Weg zur Priesterweihe ist eine Karriere der Demut, ein Weg der Demut. Ein Priester, der nicht demütig ist, hat wohl die Vollmacht des Priestertums. Es fehlt ihm aber der Geist des Priestertums, jene innere Haltung, welche Jesus die Armut im Geiste nennt (Mt 5,3) . Wenn dieser Geist der Armut fehlt, fehlt das Feuer, welches die Herzen der Menschen entzündet und zur Liebe Gottes bewegt.

Ich komme zurück auf die Darstellung des Aufstiegs zum Priestertum in der Seminarkapelle von Wigratzbad. Diese Darstellung muss durch eine anderen Darstellung ergänzt werden – wenigstens im Geiste, wenn dies bildhaft nicht zu erbringen ist, nämlich durch die Darstellung des Abstieges. Ich möchte dies mit einem Wort aus der Heiligen Schrift verdeutlichen, aus dem Brief an die Philipper: Jesus Christus war in Gottes Gestalt, hielt aber nicht (eifersüchtig) wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, nahm die Gestalt eines Sklaven an, wurde den Menschen gleich und dem Äußern nach ganz als Mensch wahrgenommen. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuz (Phil 2,6-8). Der Weg unseres Herrn war nicht ein Aufstieg. Er war ein Abstieg zu uns Menschen, eine Erniedrigung, eine Entäußerung, ein Weg der Demut; ein Weg auf dem unser Herr Kränkung, Erniedrigung, Beleidigung, Entmenschlichung, Gewaltanwendung erfahren musste. Das alles hat der Herr auf sich genommen. Er hat nie gesagt: Du musst mich ehren, denn ich bin Gottes Sohn. Wie sprichst du mit mir, ich bin doch Gottes Sohn. Du musst mich anständig behandeln, denn ich bin Gottes Sohn. Ja, er hat dem Teufel widerstanden, der wollte, dass er sich als Gottes Sohn profiliere und bestätige (Mt 4,1-11). Nur wer diesen Weg des Abstieges mit dem Herrn beschreitet, kann wirklich aufsteigen zur Gnade des Priestertums und als Priester so wirken, wie der Herr selber gewirkt hat. Nur auf diese Weise kann er seinen Auftrag echt in persona Christi erfüllen und sich vor allem des Dienstes am Altar würdig erweisen. Deshalb wird auch die Übergabe des Messgewandes mit der Liebe, mit der caritas, in Verbindung gebracht: Accipe vestem Sacerdotalem, per quam caritas intelligitur; potens est enim Deus, ut augeat tibi caritatem et opus perfectum. – Empfange das priesterliche Gewand, das die Liebe darstellt; denn Gott ist mächtig, die Liebe in dir zu vermehren und zur Vollkommenheit zu führen. Diese Liebe ist die Frucht der Demut, der vollkommenen Verleugnung seiner selbst, des Abstieges mit unserem Herrn, um dem verlorenen Menschen den Aufstieg zu Gott, zum Himmel zu erbitten und zu ermöglichen. Um diese Liebe und um diese Demut sollen Sie, mein lieber Weihekandidat Dominik, immer wieder bitten mit dem Gebet jenes Heiligen, dessen 600 Jahre-Jubiläum seit seiner Geburt wir in unserem Lande feiern, des heiligen Bruder Klaus: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gibt alles mir, was mich führet zur dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Als Priester fügen Sie diesem Gebet noch hinzu: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich daran hindert, ein guter, heiliger Priester zu sein. Amen.

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Papst Franziskus verlängert Amtszeit von Bischof Vitus Huonder

Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch geprüft, das ihm der Bischof von Chur am 21. April 2017 übermittelt hat. Nach Abwägung aller Umstände hat der Papst entschieden, die Amtszeit des Bischofs um zwei Jahre zu verlängern, bis Ostern 2019.

Dies bedeutet, dass Bischof Vitus Huonder als Diözesanbischof mit allen Rechten und Pflichten zwei weitere Jahre im Amt bleibt. Erst danach wird die Neubesetzung des Bischofssitzes stattfinden.

Der Bischof freut sich über das Vertrauen des Papstes, das in dieser Entscheidung zum Ausdruck kommt.

Brief des Bischofs an die Mitarbeitenden

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Palmsonntag, 9. April 2017, in der Kathedrale in Chur

Kathedrale Chur mit Haupteingang | © 2015 Georges Scherrer

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Der Tod Jesu kommt wie ein Schmerz über den Tempel. Der Vorhang reißt entzwei. Es ist, als würde dem Heiligtum jede Würde, jede Ehre, die ganze Weihe genommen. Es ist, als würde das Haus Gottes in tiefe Trauer sinken. Es ist, als würde der Tempel wahrnehmen, dass Unerhörtes geschehen ist.

Der Tod Jesu erschüttert aber auch die Natur. Der Tod des Herrn dringt vor bis in die Unterwelt. Die Heiligen, die Entschlafenen, verlassen ihre Gräber.

Der Tod Jesu erschreckt anderseits die umstehenden Menschen. Denn wahrhaft Unerhörtes ist geschehen. Erst jetzt werden Menschen sich dessen bewusst: Sie haben nicht irgend einen Menschen gekreuzigt, sie haben den Herrn gekreuzigt, den Herrn der Herrlichkeit (vgl. 1 Kor 2,8). Ihn, durch den die Welt geworden ist, haben sie nicht erkannt (vgl. Joh 1,10). Sie haben ihren Spott mit ihm getrieben (vgl. Mt 27,32). Sie haben ihn verhöhnt (vgl. Mt 27,42). Sie haben Jesus, den Sohn Gottes, getötet (1 Thess 2,15). Sie haben ihn „durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht (vgl. Apg 2,23). Ja, Unerhörtes ist geschehen, und wir erinnern uns an den Propheten Joel und an seine Aufforderung: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ (Joel 2,13). „Vollzieht eine Umkehr des Geistes, des Herzens, nicht ein Ritual, nicht eine symbolische Geste“. „Klagt um ihn, wie man am Grabe um den Einzigen klagt. Trauert und weint um ihn, wie man um den dahingerafften Erstgeborenen weint“ (vgl. Sach 12,10). Denn sie haben den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten (Apg 3,14). Sie haben den Urheber des Lebens getötet (Apg 3,15).

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Betrachten wir in diesen Tagen den Sohn Gottes in seinem Leiden und Sterben. Bedenken wir, was dieses Leiden und Sterben für uns bedeutet: Erlösung und ewiges Heil. Lassen wir es in unser Herz dringen. Bedenken wir, dass sich uns durch den zerrissenen Vorhang hindurch das Reich Gottes öffnet; dass die Zeit des Neuen, des Ewigen Bundes beginnt.
Schließen wir uns bei dieser Betrachtung zum Leiden und Sterben des Herrn einem Karfreitagsgebet des seligen John Henry Newman an: „O Du, mein Herr, der am Kreuz für mich Sünder starb, gib, dass ich Dich erkenne, an Dich glaube, Dich liebe und Dir diene; dass ich stets Deine Ehre suche, für Dich und in Dir lebe; dass ich dem Nächsten ein gutes Beispiel gebe! Und lass mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die Dir zur Verherrlichung und mir zum Heile gereiche!“ (Betrachtungen und Gebete 157). – Amen.

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Bernhard Lehner starb vor 73 Jahren. Domvikar Schwager: „Wir brauchen eine auffällige Gebetserhörung“

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Am 2. April 2011 wurde Bernhard Lehner der heroische Tugendgrad zuerkannt. Der Bub aus Herrngiersdorf, der 1930 geboren wurde und vor 73 Jahren starb, ist auf dem Weg zur Seligsprechung. Das berichtet Domvikar Georg Schwager, Leiter der Abteilung Heilig- und Seligsprechungsverfahren in Regensburg. Todestag des Bernhard, der Priester werden wollte und das Knabenseminar Obermünster in Regensburg besuchte, ist der 24. Januar 1944. Er starb an schwerer septischer Diphterie, einer Infektionskrankheit, die auf die Infektion der oberen Atemwege zurückgeht.

Für die Ärzte unerklärlich geheilt

Domvikar Schwager erklärt: „Wir sind dankbar, wenn uns Verehrer des kleinen Bernhard von Gebetserhörungen wissen lassen, die ihm zugeschrieben werden.“ Weiter sagt der Leiter der Abteilung Heilig- und Seligsprechungsverfahren: „Wir brauchen dringend eine auffällige Gebetserhörung.“ Bislang hat er Gebetserhörungen gesichtet, allerdings noch keine auffällige gefunden. Von einer auffälligen Erhörung ist die Rede, wenn etwa eine zu Tode erkrankte Person für die Ärzte unerklärlich geheilt wird.

Erzbischof Michael Buchberger hat das Seligsprechungsverfahren in Gang gesetzt. Bernhard Lehner war in einer außergewöhnlichen Weise verstorben. „Er hat einen Glauben an das ewige Leben bezeugt, den man von einem jungen Menschen in diesem Augenblick nicht erwarten würde“, sagt der Domvikar. So sagte Bernhard: „Wer wird denn weinen, wenn man in den Himmel kommt?“

Nicht dem Trend der Zeit entsprechen

Domvikar Georg Schwager erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass sich die Bischofssynode im kommenden Jahr eigens den Jugendlichen zuwenden wird. „Es ist daher wichtig, den Jugendlichen Vorbilder und Beispiele echter Frömmigkeit zu geben, die nicht dem Trend der Zeit entsprechen und die echt sind, keine Schablonen.“ Das Kind Bernhard Lehner habe eine große Furcht vor der Sünde gehabt, bezeugte seine Mutter. Domvikar Schwager: „Wer spricht heute noch davon, dass man die Sünde fürchten muss?“ Gleichzeitig sei er im Umgang unbefangen und natürlich gewesen. Georg Schwager weiter: „Denken wir noch daran, dass unser Leben Gott gefallen muss?“ Der Leiter der Abteilung Heilig- und Seligsprechungen vergleicht ihn mit den Seherkindern von Fátima. „So ist Bernhard Lehner eine Zierde für unsere Diözese.“

Mit Bezug zur Diözese Regensburg werden derzeit außerdem die Seligsprechungsverfahren im Falle von Bischof Georg Michael Wittmann und der Resl Neumann geführt. Auch laufen die Verfahren für mehrere Ordensleute. Verfahren, die zu einer Seligsprechung geführt haben, laufen automatisch weiter unter der Frage, ob daraus auch eine Heiligsprechung wird.

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Augsburg: Bischof Konrad über die Trennung der Kirchen

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Katholische Basilika St. Ulrich & Afra — Evangelische St. Ulrichskirche (Mitte), Augsburg / Wikimedia Commons – Otto Schemmel, CC BY-SA 3.0

„Schmerzlicher Verlust und herbe Enttäuschung“

Bischof Dr. Konrad Zdarsa hat gestern Abend in der evangelischen St. Ulrichskirche die Trennung der christlichen Kirchen als „schmerzlichen Verlust und eine herbe Enttäuschung“ bezeichnet. In seiner Predigt, die er aus Anlass des ökumenischen Gottesdienstes zur weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen hielt, bezog er sich dabei auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32). Es war zuvor vom Pfarrer der Ulrichskirche, Frank Kreiselmeier, vorgetragen worden. Was wir aus unseren Familien her kennen, die Erfahrung von Verlust und Enttäuschung, finde eine Entsprechung in der Beziehung zwischen den Kirchen und Konfessionen, so Bischof Konrad.

„Wenn wir einmal die zwei Jahrtausende passieren lassen, in denen Christen auf dem Weg durch die Zeit gehen, dann werden wir auch mit dem Schmerz mancher Trennungsgeschichte konfrontiert“, richtete sich Bischof Konrad von der Kanzel der Ulrichskirche aus an die rund 120 Gläubigen, die am Gebet teilnahmen. Doch Jesus wolle, dass die Seinen eins seien. Der Bischof weiter: „Danken wir dem Herrn 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation, dass er uns anhält, auf dem Weg der Einheit und der Gemeinschaft voranzuschreiten.“ Gerade nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hätten die ökumenischen Begegnungen und Dialoge greifbare Erfahrungen gebracht, „auch in unserer Stadt“, so Bischof Konrad. „Das ermutigt zum Weitermachen.“ Zugleich rief er die Gläubigen mit Blick auf die Ökumene dazu auf, in sich zu gehen und eine Gewissenserforschung zu halten. Die Reform der Kirche geschehe „nicht durch uns, sondern in uns“.

Auch Regionalbischof Michael Grabow, der dem Gottesdienst vorstand, erinnerte an den Beginn der Reformation. Die Liebe Christi dränge uns, Diener der Versöhnung zu sein. „Lasst uns in der Einheit des Heiligen Geistes miteinander Gott loben und diesen Gottesdienst feiern.“ Gott möge uns helfen, Diener der Versöhnung zu sein und die Spaltung der Kirche zu heilen, damit wir besser als Werkzeuge des Friedens in dieser friedlosen Welt wirken könnten, so der Regionalbischof.

Während des Gottesdienstes wurden als sichtbares Zeichen des Sündenbekenntnisses Steine nach vorne getragen und abgelegt. Die Steine symbolisierten dabei unter anderem Mauern der Lieblosigkeit, des Hasses und der Verachtung, der Trennung und der Intoleranz, der Verleumdung und des Hochmuts zwischen den Menschen und den Kirchen. In jede der Vergebungsbitten stimmte die Gemeinde mit der Bitte aus dem Vaterunser ein: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Einen ökumenischen Akzent gab es während des Gottesdienstes auch bei der Kirchenmusik. Zu ihr trugen Organist Wolfgang Kärner, Kirchenmusikdirektor der evangelischen St. Ulrichskirche, und der Gospelchor der katholischen Ulrichsbasilika unter der Leitung von Peter Bader bei.

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 26.01.2017)

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Papst Franziskus über den gelebten Glauben, die Familie, Vergebung und Glaubenszweifel

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Pastoralbesuch Setteville

Besuch von Papst Franziskus in römischer Gemeinde
„Santa Maria“ in Setteville di Guidonia

„Aber warum sind sie Jesus begegnet?“, fragte Papst Franziskus zu Beginn seiner frei gehaltenen Homilie am Sonntag, als er am Nachmittag die römische Gemeinde „Santa Maria“ in Setteville di Guidonia besuchte und bis zum Abend mit den Menschen verweilte. Erst um 19.40 Uhr kehrte der Papst nach einem Nachmittag voller Begegnungen und Gespräche in den Vatikan zurück.

Sein Besuch in der östlichen Peripherie der Hauptstadt begann um 15.40 Uhr mit dem Besuch bei dem stellvertretenden Gemeindepriester, Don Giuseppe Berardino, der erst 50 Jahre alt seit zwei Jahren wegen einer schweren Form amyotropher Lateralsklerose paralysiert ans Bett gefesselt ist. Papst Franziskus sprach dem gelähmten und mittlerweile sprachunfähigen Priester ermutigende Worte zu und betete schweigend; danach erteilte er ihm während der zehnminütigen Begegnung das Sakrament der Krankensalbung.

Anschließend folgte ein Treffen mit den Gemeindemitgliedern, darunter 30 alte Menschen und Kranke, drei Kinder mit Down-Syndrom, die Mitglieder der Katechismusgruppe und der Pfadfindergruppe. Rund eine halbe Stunde verbrachte der Papst mit den Jugendlichen, danach begrüßte der Papst die Kinder, die im letzten Jahr das Taufsakrament empfangen hatten, und ihre Eltern. Auch die rund 100 Gemeindehelfer um Don Luigi Tedoldi hatten Gelegenheit, mit Papst Franziskus zu sprechen, der Ratschläge erteilte und die Bedeutung der Missionsarbeit betonte. Seine seelsorgerische Arbeit setzte der Papst in der Sakristei fort, wo er einem jungen Paar, das sich um den kranken Priester kümmert, einem Jugendlichen und dem Vater eines kranken Kindes die Beichte abnahm. Um 17.40 Uhr, zwei Stunden nach seiner Ankunft in der Gemeinde, feierte Papst Franziskus mit der Gemeinde die heilige Messe.

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Die Frage, die Papst Franziskus zu Beginn seiner Predigt stellte, beantwortete er sogleich: „Weil es einen Zeugen gab, weil es einen Mann gab, der Zeugnis von Jesus ablegte. So geschieht es in unserem Leben.“ Genau darin liege das Wesen eines Christen, Zeugnis von Jesus abzulegen. Auf diese Weise sei der christliche Glaube verbreitet worden.

Am Beispiel der Apostel zeigte Papst Franziskus auf, dass jeder ein Zeuge sein könne. Man müsse nicht heilig sein, sondern arm, bewusst, ein Sünder zu sein. Die Apostel seien Sünder gewesen, hätten den Herrn verraten, aber nicht schlecht übereinander gesprochen, betonte der Papst. In einer guten Gemeinde gebe es keine üble Nachrede, sondern man spreche direkt miteinander. Papst Franziskus erteilte den Gläubigen abschließend den Rat, sich darin zu üben.

Papst Franziskus verbrachte während seines Besuchs eine halbe Stunde mit den Jugendlichen, die bereits gefirmt worden sind, und unterhielt sich mit ihnen. Viele kehrten nach der Firmung nicht in die Gemeinde zurück, stellte der Papst fest, das sei ein Problem. Dem Wort des Herrn zuzuhören und Freude zu empfinden, wiederholte Papst Franziskus die Worte eines der Kinder und kritisierte, dass das Wort Gottes manchmal traurig und langweilig weitergegeben werde und keine Freude vermittle. Im weiteren Gespräch stellten der Papst und die Jugendlichen fest, dass wahrer Glaube gelebter Glaube mit dem Herzen und den Händen sei und nicht nur mit Worten.

Dazu müsse man dem Herrn und dem Nächsten zuhören, und zwar mit den Ohren und dem Herzen. Außerdem müsse man sich klein machen und auf die Menschen zugehen, erklärte ein junges Mädchen. Helfen, z.B. mit den Werken der Barmherzigkeit, nannte Papst Franziskus als Beispiel.

Im Laufe des Gesprächs wurde die Frage angesprochen, wie man auf einen ungläubigen Freund reagieren solle. Papst Franziskus erklärte, dass man den ungläubigen Freund nicht bekehren wollen dürfe, indem man ihm den Glauben darlege, sondern vielmehr den Glauben vorleben müsse, sodass er schließlich wissen wolle, weshalb man sich auf eine bestimmte Weise verhalte.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der den Jugendlichen am Herzen lag, war die Vergebung. Papst Franziskus stellte fest, dass es schwierig sei, aber vergeben könne man, vergessen nicht immer, da oftmals Narben zurückblieben.

Papst Franziskus legte den Jugendlichen im folgenden die Bedeutung der Familie dar, die er als das größte Geschenk Gottes bezeichnete, vor allem die Großeltern seien in der Familie wichtige Bezugsfiguren.

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Auf die Frage, ob er selbst nie den Glauben verloren habe, antwortete Papst Franziskus den Jugendlichen ehrlich, dass er auch dunkle Momente erlebt habe und erlebe, aber den Glauben immer wieder gefunden habe. Um den Jugendliuchen zu verdeutlichen, welchen Herausforderungen sich die Menschen im Leben teilweise stellen müssten, erzählte er von der Taufe der Neugeborenen, die aus den Erdbebengebieten mit ihren Eltern in den Vatikan gekommen waren. Ein Vater erzählte dem Papst, er habe seine Frau, seine Liebe, bei dem Erdbeben verloren. Papst Franziskus erzählte den Jugendlichen, geschwiegen zu haben, da er sich habe vorstellen können, dass der Vater am Glauben zweifle. Daher habe er ihm nur beigestanden und versucht, ihn zu begleiten. Der Glaube komme dann von allein wieder.

Abschließend erteilte Papst Franziskus den Jugendlichen seinen Segen und vertraute sie dem Schutz der Jungfrau Maria an, versicherte sie seiner Gebete und bat, auch ihn in die ihren einzuschließen.

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Silvesterpredigt von Bischof Dr. Felix Genn

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Bischof Dr. Felix Genn (Bistum Münster)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, welch ein Jahr geht am heutigen Tag zu Ende! Es ist sicher, dass es in die Geschichte eingeht: Die Morde im Januar und am 13. November in Paris – allein diese schrecklichen Ereignisse, deren geistige Ursachen in einer radikalen Verbindung von Religion und Gewalt liegen, und die noch nicht abzusehenden Auswirkungen werden auch spätere Generationen noch beschäftigen.

Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, vor allem im Krieg, der seit Jahren in Syrien tobt, aber auch die unbewältigten Probleme des afrikanischen Kontinents sind Ursachen für große Flüchtlingsströme, die nach Europa drängen, und für viele Menschen ist das Mittelmeer zu ihrem Grab geworden. Wie sehr die Situationen in den einzelnen Ländern, aus denen die Menschen kommen, verschieden sind, sie verlassen massenweise ihr Land, drängen in die freiheitlichen Länder Europas, weil sie hier eine Besserung ihrer Lebensverhältnisse erwarten. So wird das Jahr 2015 zu einem Jahr einer neuen Völkerwanderung. Für uns hier in Europa werden die politischen Auseinandersetzungen über die Stellung des Islam, bisweilen spürbare Fremdenfeindlichkeit, die Sorge gegenüber einem Zuviel an Flüchtlingen, über das Jahr 2015 hinaus bestimmend bleiben.

Auch innerkirchlich ist dieses Jahr bedeutsam gewesen: Der Abschluss der zweiten Synode über das Evangelium von der Familie, ihre Berufung und Sendung in der Welt, in der Kirche und in der Gesellschaft hat große Aufmerksamkeit geweckt und wird uns ebenso im kommenden Jahr weiter beschäftigen. Weniger Aufmerksamkeit in der großen Öffentlichkeit hat das „Jahr des geweihten Lebens“ gefunden. Mit ihm wollte Papst Franziskus den Blick auf die Menschen richten, die in Orden und Geistlichen Gemeinschaften in der Nachfolge Christi ihr Leben gestalten und für die Kirche und die Menschen wirken. Dies fordert neu heraus, in unserer Gegenwart für solche Berufungen zu beten und sie zu fördern. Wir denken an diesem Silvestertag auch an das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus in der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik, in Bangui, und am Fest der Unbefleckten Empfängnis im Petersdom eröffnet hat. Allein diese Verbindung halte ich für bemerkenswert: Eine der unbedeutendsten Städte Afrikas, Hauptstadt eines Landes, das von großer Armut und vielen politischen Konflikten gezeichnet ist, wird neben der zentralen Kirche des katholischen Erdkreises, dem Petersdom, zu einem geistlichen Zentrum zur Verkündigung der Frohen Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes in die ganze Welt!

Und wie mag Ihr persönlicher Rückblick aussehen, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie beim gemeinsamen Feiern heute Abend und in das neue Jahr hinein mit Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis die zwölf Monate überschauen? Freude und Leid werden sich vielleicht nicht die Waage halten. Manches wird sich als gewöhnlicher Alltag zeigen, manches als Frage weitergehen in das neue Jahr hinein, und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie alle Unsicherheit, aber auch die Dankbarkeit, die Sie erfüllt, in die Hände dessen legen, der Sie am besten kennt.

In unserem Bistum müssen wir auch an diesem Tag uns an das unsägliche Leid erinnern, das Menschen in Haltern und darüber hinaus betroffen hat, die durch einen schrecklichen Flugzeugabsturz ihnen nahe stehende Menschen, besonders Kinder und Enkel, verloren haben. Im Gebet sind wir ihnen jetzt ebenso verbunden wie den vielen Helferinnen und Helfern, den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die sich bis an den Rand der Erschöpfung um die Trauernden bemüht haben. Und jetzt kurz nach Weihnachten sind wieder Familien aus Haltern durch tödliche Unfälle von drei Menschen in Österreich verwundet. Auch an sie wollen wir betend denken.

Liebe Schwestern und Brüder, am Ende dieses Jahres möchte ich Ihren Blick noch einmal auf die Sozialenzyklika richten, mit der Papst Franziskus die Bewahrung der Schöpfung in umfassender und tiefer Weise betrachtet hat. Ich möchte einige Akzente benennen und bringe sie in Verbindung mit dem „Jahr der Barmherzigkeit“. Die Eigenschaft, barmherzig zu sein, bezieht sich natürlich zunächst einmal auf den Mitmenschen und auch auf uns selber. Wir denken nicht unmittelbar daran, dass Barmherzigkeit etwas mit Schöpfung zu tun haben könnte. Genau daran ist Papst Franziskus gelegen.

Der ungewöhnliche Titel ‚Laudato Si‘ greift den Lobgesang des heiligen Franziskus von Assisi auf, der in diesem Lied Sonne und Mond, aber auch die Erde besingt und die Erde als unsere Schwester bezeichnet. Aus diesem Grund nennt Papst Franziskus als Grundanliegen seines Lehrschreibens „die Sorge für das gemeinsame Haus“: Die Erde ist unser gemeinsames Haus, und sie braucht eine besondere Sorge. Man könnte auch sagen: Einen barmherzigen Umgang; denn der Papst betont: „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“.(1)

Liebe Schwestern und Brüder, Barmherzigkeit bedeutet, sich bewusst zu werden, dass wir alle vom Erbarmen der Mitmenschen und dem Erbarmen Gottes leben. Wer darüber nachdenkt, wird von selbst zu einer inneren Umkehr aufgerufen, weil er spürt: Ich brauche angesichts meines Versagens die Barmherzigkeit Gottes. Ich bin auf sie angewiesen. In diesem Sinne wird auch diese Enzyklika zu einem Aufruf an die ganze Welt, eine ökologische Umkehr zu leben. Dieser Gedanke ist übrigens nicht neu, haben doch bereits der heilige Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. an verschiedenen Orten zu verschiedenen Anlässen ebenfalls auf die Notwendigkeit dieser Umkehr hingewiesen. In der Tat ist es so, dass weder ein internationaler Klimagipfel, wie wir ihn kürzlich in Paris erlebt haben, noch politische Vereinbarungen genügen, wenn sie von der Bevölkerung nicht mitgetragen werden. Es bedarf einer Umkehr im Bewusstsein aller und der Bereitschaft, diese Umkehr auch konkret zu leben. Damit kann jeder in seinem eigenen Umkreis anfangen.

Im Anschluss an Papst Benedikt spricht Papst Franziskus von der Notwendigkeit „einer tiefgreifenden inneren Umkehr“, und er gibt zu, „dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln. Andere sind passiv, entschließen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern. … Es fehlt ihnen also eine ökologische Umkehr, die beinhaltet, alles, was ihnen aus ihrer Begegnung mit Jesus Christus erwachsen ist, in ihren Beziehungen zu der Welt, die sie umgibt, zur Blüte zu bringen.“ Ausdrücklich betont er deshalb: „Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist weder etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung“.(2)

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie alle einladen, sich dieses Dokument zu Eigen zu machen und es nicht nur bestimmten Gruppen in unseren Gemeinden, die sich schon seit Jahren um die Eine-Welt-Arbeit bemühen und in vielfältiger Hinsicht engagiert sind, zu überlassen. Es geht um eine innere Umkehr von uns allen. Sie fängt beim Einzelnen an. Freilich betont der Papst zu Recht, genügt die Besserung des Einzelnen nicht; denn „Auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden“.(3) Können wir die Fragen der Umwelt, des Klimawandels, der ökologischen Krise nicht auch zum Thema in Pfarreiräten und Kirchenvorständen, auf Familienfeiern und Partys im Freundeskreis machen?

Liebe Schwestern und Brüder, eine solche Umkehr des Herzens beginnt ganz einfach: Ein Leben, das von einer Haltung der Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit geprägt ist. Wer im Bewusstsein lebt, dass die Welt „ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk“ ist, für den sind Maß, verantwortungsbewusster Konsum, ein Lebensstil, der Formen der Ausbeutung und des exklusiven Besitzes ausschließt, konkrete Arten und Weisen, um neue Sensibilität zu entwickeln. Daraus ergibt sich für den Papst, Verzicht zu üben, „ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und großzügig zu handeln, auch wenn niemand es sieht oder anerkennt“(4)…

Liebe Schwestern und Brüder, das hat Folgen für unseren Lebensstil, zum Beispiel darin, dass weniger mehr sein kann, dass wir Wachstum mit Mäßigkeit verbinden, zur Einfachheit zurückkehren und dankbar bleiben für alle Möglichkeiten, die uns das Leben schenkt. Das bedeutet auch Genügsamkeit. Eine solche Haltung kann sich schlicht und einfach schon darin äußern, dass das Tischgebet neu gepflegt wird. Auf all das weist Papst Franziskus hin.(5)

Wenn ich hier noch einmal einen Blick in die große Politik werfen kann, möchte ich als Erstes sagen: Welcher Verzicht wäre es, wenn wir aufhören, Waffen in Krisenzonen zu exportieren! Sicherlich ein Verzicht auf Gewinne, ja ein Verlust. Aber müssen wir nicht als Christen die Frage des Waffenhandels äußerst kritisch betrachten? Vor allem, wenn die Waffen in Länder gehen, deren Regime nicht glaubwürdig sind, z. B. Saudi Arabien.

Vielleicht klingt das alles zu romantisch und etwas sehr schlicht. Franziskus provoziert uns, wenn er von Genügsamkeit und Demut spricht. Umkehr wird dann nicht ein veraltetes Wort, sondern bekommt höchste Aktualität und Konkretion im einfachen Alltag unseres täglichen Miteinanders und wird sich ausprägen auf das gesellschaftliche und politische Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, ein letzter Hinweis aus diesem reichen Päpstlichen Schreiben: Der Papst spricht davon, dass die Natur „voll ist von Worten der Liebe“, und sagt dann wörtlich: „Doch wie können wir sie hören mitten im ständigen Lärm, in der fortdauernden und begierigen Zerstreuung oder im Kult der äußeren Erscheinung? Viele Menschen spüren eine tiefe Unausgeglichenheit, die sie dazu bewegt, alles in Höchstgeschwindigkeit zu erledigen, um sich beschäftigt zu fühlen, in einer ständigen Hast, die sie wiederum dazu führt, alles um sich herum zu überfahren. … Eine ganzheitliche Ökologie beinhaltet auch, sich etwas Zeit zu nehmen, um den ruhigen Einklang mit der Schöpfung wiederzugewinnen … um den Schöpfer zu betrachten, der unter uns und in unserer Umgebung lebt und dessen Gegenwart nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden muss“.(6) Wie wahr und notwendig auch für den, der von Termin zu Termin geführt – oder soll man besser sagen „gejagt“ – wird!

Liebe Schwestern und Brüder, das Ende dieses Jahres lässt uns sagen: Lautato Si: Gepriesen seist du Herr für die Gabe des Lebens, für die Gabe der Natur, für die Gaben der Schöpfung, auch für die Gabe, von Ihm durch dieses Jahr geführt worden zu sein. Es lädt uns auch ein, barmherziger zu werden mit uns selbst, mit den Menschen um uns herum, mit der Natur und der Schöpfung. Es ist etwas zutiefst Christliches, im Bewusstsein zu leben, das Machen die zweite Stelle hat, das Empfangen und Beschenkt-Werden aber der Ursprung unseres Wesens überhaupt ist. Gerade ein Jahreswechsel lädt dazu ein, tiefer zu sehen, wie beschenkt wir sind, und wie gut es tut, mit Geschenken zart und sensibel umzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch im Namen meiner Mitbrüder im Domkapitel einen guten Ausgang dieses Jahres und über den kommenden Monaten, die vor uns liegen, den Segen unseres Schöpfers und Herrn. Amen.

Anmerkungen:
(1) Im Folgenden werde ich in den Zitaten nur die Nummer der Enzyklika ‚Laudato Si‘ angeben. Hier: 2.
(2) 217.
(3) 219.
(4) 220. Ich verweise auch auf die Botschaft des Papstes in: OR 2015, Nr. 49, S. 14.
(5) Vgl. 222, 227.
(6) 225 mit Verweis EG 71.

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