JOHANNES PAUL II.: Man muß den Menschen lieben, weil er Mensch ist

jean-paul-ii-etait-plutot-progressiste

Ansprache an den Exekutivrat der UNESCO in Paris
am 2. Juni 1980

Herr Präsident der Generalversammlung,
Herr Präsident des Exekutivrates,
Herr Generaldirektor,
meine Damen und Herren!

1. Ich möchte zunächst meinen herzlichsten Dank für die Einladung zum Aus­druck bringen, die Herr Amadou Mahtar-M’Bow, Generaldirektor der UN-Or­ganisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wiederholt an mich gerich­tet hat, und zwar schon beim ersten Besuch, den abzustatten er mir die Ehre ge­macht hat. Aus zahlreichen Gründen freue ich mich, heute die von mir hochge­schätzte Einladung annehmen zu können.

Für die an mich gerichteten, liebenswürdigen Willkommensworte danke ich dem Vorsitzenden der Generalversammlung, Herrn Napoleon Leblanc, dem Präsidenten des Exekutivrates, Herrn Chams Eldine El-Wakil, und dem Gene­raldirektor der Organisation, Herrn Amadou Mahtar-M’Bow. Ich möchte auch alle Damen und Herren grüßen, die sich zur 109. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO hier versammelt haben. Ich kann meine Freude darüber nicht ver­bergen, so viele Delegierte von Nationen der ganzen Welt, so viele hervorra­gende Persönlichkeiten, so viele Sachverständige und so viele bekannte Vertre­ter der Kultur und der Wissenschaft bei dieser Gelegenheit hier versammelt zu sehen.

Mit meiner Intervention möchte ich versuchen, meinen bescheidenen Bau­stein zu dem Gebäude beizutragen, das Sie, meine Damen und Herren, mit Be­harrlichkeit und Ausdauer durch Ihre Überlegungen und Entschließungen auf allen in die Zuständigkeit der UNESCO gegebenen Gebieten errichten.

2. Es sei mir erlaubt, zu Beginn an die Anfänge Ihrer Organisation zu erinnern. Die Ereignisse, die die Gründung der UNESCO bezeichnen, sind für mich An­laß zu Freude und Dankbarkeit gegenüber der göttlichen Vorsehung: die Un­terzeichnung ihrer Satzung am 16. November 1945; das Inkrafttreten dieser Sat­zung und die Errichtung der Organisation am 4. November 1946; und die im sel­ben Jahr von der UN-Vollversammlung angenommene Vereinbarung zwischen der UNESCO und der Organisation der Vereinten Nationen. Ihre Organisation ist wahrhaftig das Werk von Nationen, die nach dem Ende des furchtbaren Zweiten Weltkriegs von einem – wie man sagen könnte – spontanen Wunsch nach Frieden, Einheit und Versöhnung getrieben wurden. Diese Nationen suchten damals nach den Mitteln und den Formen einer Zusammenarbeit, die in der Lage sein sollte, die neugefundene Verständigung zu festigen, zu ver­tiefen und auf Dauer zu sichern. Die UNESCO wurde also als Organisation der Vereinten Nationen geboren, weil die Völker erkannt hatten, daß als Grund­lage der großen Unternehmungen im Dienst des Friedens und des Fortschritts der Menschheit auf dem ganzen Erdball die Einheit der Völker, die gegensei­tige Achtung und die internationale Zusammenarbeit notwendig waren.

3. In Weiterführung des Wirkens, des Denkens und der Botschaft meines gro­ßen Vorgängers Papst Paul VI. hatte ich im vergangenen Oktober auf Einladung von UN-Generalsekretär Kurt Waldheim die Ehre, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen das Wort zu ergreifen. Kurz darauf wurde ich vom Ge­neraldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom, Herrn Edouard Saouma, eingeladen. Bei diesen Gele­genheiten konnte ich Fragen behandeln, die zutiefst mit der Gesamtheit der Probleme um eine friedliche Zukunft des Menschen auf der Erde verbunden sind. Tatsächlich sind alle diese Probleme innerlich miteinander verknüpft. Wir haben sozusagen ein ausgedehntes System kommunizierender Röhren vor uns: Die Probleme der Kultur, der Wissenschaft und der Erziehung erweisen sich im Leben der Völker und in den internationalen Beziehungen als nicht mehr unabhängig von den anderen Problemen der Existenz des Menschen, wie etwa dem Problem des Friedens und des Hungers. Die Probleme der Kultur werden beeinflußt von den anderen Dimensionen menschlicher Existenz, ge­nau wie diese ihrerseits von jenen Problemen beeinflußt werden.

4. Trotzdem gibt es – und ich habe das in meiner Rede vor der UNO unterstri­chen, als ich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hinwies – eine fundamentale Dimension; sie kann die Systeme, die die ganze Menschheit strukturieren, bis in ihre Grundlage verändern und den Menschen in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Existenz von den Drohungen befreien, die auf ihm lasten. Die fundamentale Dimension ist der Mensch selbst – der in­tegrale Mensch, der Mensch, der gleichzeitig in der Sphäre der materiellen und der spirituellen Werte lebt. Die Achtung der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person ist die Grundlage von allem (vgl. Ansprache an die UNO, Nr. 7 und 13). Jede Bedrohung der Rechte des Menschen – sei es im Bereich sei­ner geistigen, sei es im Bereich seiner materiellen Werte – tut dieser fundamen­talen Dimension Gewalt an. Deswegen habe ich in meiner Ansprache an die FAO unterstrichen, daß kein Mensch, kein Land und kein System dieser Erde gegenüber der „Geographie des Hungers“ und den gigantischen Bedrohungen gleichgültig bleiben kann, die sich daraus ergeben werden, wenn die ganze Ausrichtung der Wirtschaftspolitik und speziell die Prioritäten der Investitio­nen sich nicht grundlegend und radikal ändern. Deswegen habe ich, als ich die Anfänge Ihrer Organisation erwähnte, unterstrichen, daß alle Kräfte mobili­siert werden müssen, die der geistigen Dimension der menschlichen Existenz die Richtung weisen und den Vorrang des Geistes im Menschen – die Würde seiner Vernunft, seines Willens und seines Herzens – bezeugen,  damit wir nicht noch einmal der ungeheuerlichen Entfremdung durch das kollektiv Böse un­terliegen, das stets darauf lauert, die materiellen Kräfte im Ausrottungskampf des Menschen gegen den Menschen und der Völker gegen die Völker für sich auszunutzen.

5. Am Ursprung der UNESCO wie auch an der Basis der Allgemeinen Erklä­rung der Menschenrechte stehen also diese ersten, edlen Impulse des mensch­lichen Gewissens, der Vernunft und des Willens. Ich appelliere an diesen Ursprung, diesen Beginn, diese Voraussetzungen und diese ersten Prinzipien. In ihrem Namen komme ich heute nach Paris an den Sitz Ihrer Organisation mit einer Bitte: daß Sie sich nach über 30jähriger Arbeit noch enger auf diese Ideale und Prinzipien des Anfangs einigen möchten. In ihrem Namen auch möchte ich mir jetzt erlauben, Ihnen einige wirklich fundamentale Erwägungen vorzu­legen, denn nur in ihrem Licht erscheint die volle Bedeutung dieser Institution, deren Name UNESCO ist – Organisation der Vereinten Nationen für Erzie­hung, Wissenschaft und Kultur.

6. Genus humanum arte et ratione vivit- das Menschengeschlecht lebt durch sei­ner Hände Kunst und seine Vernunft (vgl. Thomas v. Aquin zu Aristoteles, Post analyt., 1). Diese Worte eines der größten Genies des Christentums, gleich­zeitig ein fruchtbarer Fortsetzer des antiken Denkens, weisen über den Bereich der abendländischen Kultur – der mediterranen wie der atlantischen – hinaus. Ihre Bedeutung trifft auf die gesamte Menschheit zu, in der sich verschiedene Kulturstufen begegnen. Die wesentliche Bedeutung der Kultur nach diesen Worten des hl. Thomas von Aquin besteht in der Tatsache, daß sie ein Wesens­merkmal des menschlichen Lebens an sich ist. Der Mensch lebt nur dank der Kultur ein wahrhaft menschliches Leben. Das menschliche Leben ist auch in dem Sinne Kultur, daß sich der Mensch durch sie von allem unterscheidet, was in der übrigen sichtbaren Welt existiert: Der Mensch kann auf Kultur nicht ver­zichten.

Die Kultur ist eine besondere Form des „Daseins“ und des „Seins“ des Men­schen. Der Mensch lebt immer in den Formen einer Kultur, die zu ihm gehört und die ihrerseits ein Band unter den Menschen schafft, das ebenfalls zu ihnen gehört, weil es den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Charakter der menschlichen Existenz prägt. In der Einheit der Kultur als der eigentüm­lich menschlichen Daseinsweise hat auch der Pluralismus der Kulturen ihre Wurzeln, in denen der Mensch lebt. In dieser Vielfalt entfaltet sich der Mensch, ohne deswegen die wesentliche Verbindung mit der Einheit der Kultur als der fundamentalen und wesentlichen Dimension seiner Existenz und seines Seins zu verlieren.

7. Der Mensch, der in der sichtbaren Welt der einzige Wesensträger der Kultur ist, ist auch ihr einziges Objekt und Ziel. Kultur ist das, wodurch der Mensch als solcher mehr Mensch wird, mehr Mensch „ist“, besser zum „Sein“ gelangt. Das ist auch die Grundlage für die grundlegende Unterscheidung zwischen dem, was der Mensch „ist“, und dem, was er „hat“, zwischen Sein und Haben. Die Kultur steht immer in wesentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist, während ihre Beziehung zu dem, was er hat, zu seinem „Haben“, nicht nur zweitrangig, sondern völlig relativ ist. Das ganze „Haben“ des Menschen ist nur so weit bedeutsam für die Kultur, ist nur in dem Maß ein Kultur schaffender Faktor, wie es dem Menschen als Hilfsmittel zu einem volleren „Sein“ als Mensch dient, wie es ihm verhilft, in vollerem Sinne Mensch in allen Dimensionen seines Daseins und in allem, was seine Menschlichkeit auszeichnet, zu sein. Die Erfahrung der verschiedenen Epochen – einschließ­lich unserer gegenwärtigen – zeigt, daß man über die Kultur in erster Linie in ih­rer Beziehung zur Natur des Menschen denkt und spricht und erst danach in zweitrangiger und indirekter Form in ihrer Beziehung zur Gesamtheit seiner Werke. Dies beeinträchtigt nicht die Tatsache, daß wir das Phänomen Kultur nach dem beurteilen, was der Mensch hervorbringt, oder daß wir daraus gleichzeitig Rückschlüsse über den Menschen ziehen. Ein solcher Zugang ­typisch für den Erkenntnisprozeß „a posteriori“ – enthält in sich die Möglich­keit, im umgekehrten Sinne zu den Seins-kausalen Zusammenhängen vorzu­dringen. Der Mensch, und er allein, ist „Täter“ oder „Baumeister“ der Kultur; der Mensch, und er allein, drückt sich in ihr aus und findet in ihr sein Gleich­gewicht.

8. Wir alle, die wir hier anwesend sind, wir begegnen einander auf dem Boden der Kultur als einer grundlegenden Realität, die uns eint und die Grundlage für die Errichtung und die Zielsetzungen der UNESCO darstellt. Wir begegnen einander in der Sorge um den Menschen, ja in gewissem Sinne in ihm, im Men­schen selbst. Dieser Mensch, der sich in der Kultur und durch die Kultur aus­drückt und objektiviert, ist ein einzigartiges, vollständiges und unteilbares Ganzes. Er ist Subjekt und Baumeister der Kultur in einem. Man kann ihn schon von da her nicht allein als das Produkt all seiner konkreten Daseinsbedin­gungen betrachten, beispielsweise – um nur eines zu nennen- als das Resultat der Produktionsverhältnisse, die in einer bestimmten Epoche vorherrschend waren. Stellt dieses Kriterium der Produktionsverhältnisse deswegen in kei­nem Fall einen Schlüssel zum Verständnis der Geschichtlichkeit des Men­schen, zum Verständnis seiner Kultur und der vielfältigen Formen seiner Ent­wicklung dar? Nein, dieses Kriterium ist sehr wohl ein Schlüssel, sogar ein sehr wertvoller, aber es ist nicht der wesentliche Schlüssel. Ohne Zweifel spiegeln die menschlichen Kulturen die verschiedenen Systeme der Produktionsver­hältnisse wider: dennoch hat nicht dieses oder jenes System die Kultur hervor­gebracht, sondern der Mensch – der Mensch, der in diesem System lebt, der es bejaht oder zu verändern sucht. Man kann sich keine Kultur ohne den Men­schen als Subjekt und ohne den Menschen als Ursache vorstellen. Im Bereich der Kultur ist der Mensch immer die Hauptfigur: Der Mensch ist das wesentli­che und fundamentale Faktum der Kultur.

Und der Mensch ist dies immer in seiner Totalität: in der integralen Ganzheit seiner geistigen und materiellen Subjektivität. Wenn auch die Unterscheidung zwischen geistiger und materieller Kultur im Hinblick auf den Charakter und den Gehalt der Werke, in denen sich die Kultur manifestiert, richtig ist, so müssen doch gleichzeitig zwei Feststellungen getroffen werden: Auf der einen Seite lassen die Werke der materiellen Kultur immer eine „Vergeistigung“ der Materie, eine Unterwerfung des materiellen Elements unter die geistigen Kräf­te des Menschen – seine Vernunft und seinen Willen – erkennen; andererseits stellen die Werke der geistigen Kultur auf eine ihnen eigene Weise eine „Mate­rialisation“ des Geistes, eine Inkarnation des Geistigen dar. Im ganzen Kultur­schaffen scheint dieses doppelte Wesensmerkmal ebenso ursprünglich wie dauerhaft zu sein.

Hier haben wir anstelle einer theoretischen Schlußfolgerung eine hinreichen­de Basis, um die Kultur auf dem Weg über den Menschen in seiner Ganzheit, auf dem Weg über die Realität seiner Subjektivität zu verstehen. Wir haben hier auch – im Bereich des Handelns – eine hinreichende Basis, um in der Kultur im­mer den ganzen Menschen, den Menschen in der ganzen Wirklichkeit seiner geistigen und körperlichen Subjektivität zu suchen: die Basis, die ausreicht, um der Kultur – diesem echt menschlichen System, dieser glänzenden Synthese von Geist und Körper – nicht länger die vorgefaßten Spaltungen und Gegensät­ze überzuordnen. In der Tat bringt weder die Verabsolutierung der Materie in den Strukturen des Subjekts Mensch noch ihre Umkehrung, nämlich die Ver­absolutierung des Geistes, die Wahrheit über den Menschen zum Ausdruck, und weder das eine noch das andere dient seiner Kultur.

9. Ich möchte an dieser Stelle bei einer anderen, wesentlichen Überlegung, ei­ner Realität von ganz anderer Art verweilen. Wir können uns ihr nähern, wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß der Hl. Stuhl bei der UNESCO durch einen Ständigen Beobachter vertreten ist. Seine Anwesenheit erklärt sich aus dem Wesen des Apostolischen Stuhls und seiner Zielsetzung. Sie ist letztlich ein Ausdruck der Natur und des Auftrags der katholischen Kirche, ja indirekt des gesamten Christentums. Ich ergreife die mir heute gebotene Gelegenheit, um eine persönliche, tiefe Überzeugung auszudrücken: Die Präsenz des Apostoli­schen Stuhls bei Ihrer Organisation, die allein schon durch die besondere Sou­veränität des Hl. Stuhls begründet ist, findet darüber hinaus ihre Berechtigung in der organischen Seinsverbindung von Religion im allgemeinen, Christen­tum im besonderen und Kultur. Diese Beziehung hat sich auf die vielfältigen Realitäten ausgewirkt, die in den verschiedensten Geschichtsepochen und an verschiedensten Punkten des Erdballs Ausdruck der Kultur wurden. Es dürfte gewiß nicht übertrieben sein, zu behaupten, daß insbesondere Europa als gan­zes – vom Atlantik bis zum Ural – durch eine Vielfalt von Fakten in der Ge­schichte jeder einzelnen Nation wie in der Geschichte der Gesamtheit der Na­tionen die Bindung zwischen Kultur und Christentum bezeugt.

Wenn ich daran erinnere, möchte ich damit in keiner Weise das Erbe anderer Kontinente noch die Besonderheit und den Wert des Erbes, das aus anderen Quellen religiöser, humanistischer und ethischer Inspiration stammt, schmä­lern. Vielmehr möchte ich allen Kulturen der Menschheitsfamilie – von den äl­testen bis zu denen unserer Tage – tiefste und aufrichtigste Ehrerbietung erwei­sen. Im Gedanken an alle Kulturen möchte ich heute hier, in Paris, am Sitz der UNESCO, mit lauter Stimme ausrufen: „Seht da: der Mensch!“ Ich möchte meine Bewunderung für den schöpferischen Reichtum des menschlichen Gei­stes und für seine unermüdlichen Bemühungen um eine immer bessere Er­kenntnis und Bestätigung der Identität des Menschen verkünden: dieses Menschen, der immer und in allen Sonderformen der Kultur präsent ist.

10. Wenn ich umgekehrt über den Platz der Kirche und des Apostolischen Stuhles bei Ihrer Organisation spreche, denke ich nicht nur an all jene kulturel­len Werke, in denen sich im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende der Mensch ausdrückt, der Christus und das Evangelium angenommen hat; ich denke auch nicht nur an die verschiedenen Institutionen, die aus gleicher Inspiration heraus in den Bereichen der Erziehung, des Unterrichts, der Wohlfahrt, der Caritas und in so vielen anderen entstanden sind. Ich denke vor allem, meine Damen und Herren, an die fundamentale Verbindung des Evangeliums, daß heißt der Botschaft Christi und der Kirche mit dem Menschen und seiner Menschlichkeit selbst. Diese Verbindung ist in der Tat in ihrem Fundament selbst kultur­schaffend. Um Kultur zu schaffen, muß man den Menschen bis in seine letzten Konsequenzen und ganzheitlich als einen besonderen und autonomen Wert betrachten, als das Subjekt, das Träger der Transzendenz der Person ist. Man muß den Menschen seinetwegen und nicht aus irgendeinem anderen Motiv oder Grund bejahen, einzig und allein seinetwegen. Mehr noch: Man muß den Menschen lieben, weil er Mensch ist. Man muß Liebe zum Menschen fordern wegen seiner besonderen Würde, die er besitzt. Die volle Bejahung des Men­schen gehört zum Wesen der christlichen Botschaft und der Sendung der Kir­che selbst trotz allem, was kritische Geister in dieser Sache erklärt haben, und allem, was die verschiedenen, der Religion im allgemeinen und dem Christen­tum im besonderen feindlichen Strömungen unternehmen konnten.

Erziehung läßt den Menschen Mensch werden

Im Lauf der Geschichte waren wir mehr als einmal und sind immer noch Zeu­gen des Prozesses eines sehr bezeichnenden Phänomens. Da, wo die religiösen Institutionen unterdrückt wurden, da, wo die Ideen und Werke religiöser Inspi­ration, insbesondere christlicher Inspiration, ihrer Rechte im Staat beraubt wurden, finden die Menschen wieder die gleichen Gegebenheiten außerhalb der institutionellen Wege. Dies geschieht durch eine Konfrontation, die sich in der Wahrheit und der inneren Bemühungen innerhalb dessen vollzieht, was zu ihrer Menschennatur gehört und den Inhalt der christlichen Botschaft bildet. Meine Damen und Herren! Sie werden mir diese Behauptung verzeihen. Wenn ich sie vortrage, will ich niemandem zu nahetreten. Ich bitte Sie, zu verstehen, daß ich im Namen dessen, was ich bin, nicht darauf verzichten kann, dieses Zeugnis zu geben. Es enthält in sich auch die Wahrheit – ich kann dies nicht ver­schweigen – über die Kultur, wenn man in ihr das Menschliche sucht, das, wor­in der Mensch sich ausdrückt oder wodurch der Mensch Träger seines Daseins sein will. Wenn ich das sage, möchte ich gleichzeitig meinen Dank äußern für die Bande, die die UNESCO mit dem Apostolischen Stuhl verbindet. Eine Ver­bindung, für die meine heutige Präsenz ein besonderer Ausdruck sein will.

11. Aus all dem ergeben sich einige wesentliche Schlußfolgerungen. In der Tat beweisen die von mir vorgebrachten Überlegungen bis zur Evidenz, daß die er­ste und wesentlichste Aufgabe der Kultur im allgemeinen und auch jeder Kul­tur die Erziehung ist. Die Erziehung besteht doch darin, daß der Mensch immer mehr Mensch wird; daß er mehr „sein“ kann und nicht nur mehr „haben“ kann; daß er versteht, mehr und mehr voll Mensch „zu sein“. Deshalb ist es notwen­dig, daß der Mensch versteht, „mehr zu sein“, nicht nur „mit“ den anderen, son­dern auch „für“ die anderen. Die Erziehung ist von fundamentaler Bedeutung für die Bildung der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen. Auch hier befinde ich mich auf dem Boden einer Fülle von Axiomen, auf dem die aus dem Evangelium hergeleiteten Traditionen des Christentums sich mit der er­zieherischen Erfahrung so vieler recht geleiteter und sehr kluger Menschen treffen, die in allen Jahrhunderten der Geschichte so zahlreich waren. Sie fehlen auch in unserer Zeit nicht: Menschen, die einfach groß sind durch ihre Menschlichkeit, mit der sie an anderen, vor allem an der Jugend Anteil zu nehmen verstehen. Gleichzeitig beweisen Krisensymptome aller Art, denen das Milieu und die Gesellschaft, vor allem die bessergestellten Gesellschaften, unterliegen – Krisen, die besonders die jüngere Generation anfallen -, zur Ge­nüge, daß die Erziehung des Menschen sich nicht nur mit Hilfe von Institu­tionen, organisierten und materiellen Mitteln vollzieht, mögen diese auch aus­gezeichnet sein. Sie beweisen auch, daß das wichtigste immer der Mensch ist, der Mensch und seine moralische Autorität, die sich aus der Wahrheit seiner Prinzipien und der Übereinstimmung seiner Handlungen mit diesen Prinzi­pien ergibt.

Erste Dimension der Kultur: eine gesunde Moral

12. Insofern die Weltorganisation die größte Kompetenz in allen Fragen der Kultur hat, kann die UNESCO die andere wichtige Frage nicht vernachlässi­gen: Was läßt sich für die Erziehung des Menschen vor allem in der Familie tun?

Welcher Status der öffentlichen Moral sichert der Familie und vor allem den Eltern die nötige moralische Autorität in dieser Zielsetzung? Welche Form der Bildung, welche Formen der Getzgebung unterstützen diese Autorität bzw. schwächen oder zerstören sie? Die Ursachen des Erfolgs und Mißerfolgs bei der Erziehung des Menschen durch seine Familie liegen immer gleichzeitig im fundamental-schöpferischen Milieu der Kultur, das die Familie ist, und auch auf höherer Ebene, nämlich der Zuständigkeit des Staates und seiner Organe, von denen die Familie abhängig ist. Diese Probleme müssen in einem Forum, in dem sich qualifizierte Vertreter der Staaten begegnen, zum Nachdenken und zur Besorgnis führen.

Es besteht kein Zweifel, daß das erste und grundlegende kulturelle Faktum der geistig reife Mensch ist, d.h. der vollerzogene Mensch, der Mensch, der fähig ist, sich selbst und andere zu erziehen. Es besteht kein Zweifel, daß die erste und grundlegende Dimension der Kultur ihre gesunde Moral ist: also die mora­lische Kultur.

13. Gewiß, man findet in diesem Bereich zahlreiche Sonderprobleme, aber die Erfahrung zeigt, daß alles darauf hinausläuft und daß diese Fragen sich in ei­nem klaren System wechselseitiger Abhängigkeit stellen. Ist z.B. in dem Ge­samtzusammenhang des Erziehungsprozesses, der Schulerziehung im beson­deren, nicht eine einseitige Abwertung der Erziehung im strengen Sinn des Wortes geschehen? Wenn man die Stellungnahmen zu diesem Phänomen wie auch das systematische Anwachsen der Erziehung betrachtet, die sich einseitig auf das bezieht, was der Mensch „hat“, ist es dann nicht so, daß der Mensch selbst sich mehr und mehr verloren geht? Dieser Trend ist eine wirkliche Selbst­entfremdung der Erziehung: Statt für das zu arbeiten, was der Mensch „sein“ muß, arbeitet die Erziehung einseitig für das, was der Mensch sich im Bereich des „Habens“, des „Besitzes“ zunutze machen kann. Die nächste Stufe dieser Selbstentfremdung ist es, den Menschen, indem man ihn seiner eigenen Sub­jektivität beraubt, daran zu gewöhnen, Objekt vielfältiger Manipulationen zu sein – ideologischer oder politischer Manipulationen, die durch die öffentliche Meinung gemacht werden; Manipulationen, die sich in Monopol oder Kontrol­le, in wirtschaftlichen oder politischen Mächten und in Medien auswirken; Manipulationen schließlich, deren Lehre zufolge das Leben nichts anderes ist als typische Selbstmanipulation.

Es scheint, daß solche Gefahren in Sachen Erziehung vor allem die technisch hochentwickelten Gesellschaften bedrohen. Diese Gesellschaften stehen vor einer spezifischen Krise des Menschen. Sie besteht in einem mangelnden Ver­trauen in seine eigene Humanität, in die Bedeutung des Menschseins und die Bejahung und Freude, die sich daraus ergeben und Quelle der Kreativität sind. Die zeitgenössische Zivilisation versucht, dem Menschen eine Reihe schein­barer Imperative aufzulegen, die ihre Befürworter durch den Rückgriff auf das Prinzip der Entwicklung und des Fortschritts rechtfertigen. So z.B. wird anstel­le der Achtung vor dem Leben der Imperativ gesetzt, sich das Leben vom Hals zu schaffen und es zu zerstören; an die Stelle der Liebe, die verantwortliche Ge­meinschaft von Personen ist, wird der Imperativ größtmöglichen sexuellen Vergnügens außerhalb jeden Sinnes für Verantwortung gesetzt; anstelle des Primats der Wahrheit in den Handlungen wird der Primat des modischen, des subjektiven und des unmittelbaren Erfolgs gesetzt.

In alledem drückt sich indirekt ein großer, systematischer Verzicht auf einen gesunden Ehrgeiz aus: den Ehrgeiz, Mensch zu sein. Machen wir uns keine Illu­sionen: ein auf der Grundlage dieser falschen Imperative, dieser fundamenta­len Verzichte gebildetes System kann die Zukunft des Menschen und die Zu­kunft der Kultur entscheiden.

14. Ja, man muß im Namen der künftigen Kultur verkünden, daß der Mensch das Recht hat, mehr zu „sein“. Aus dem gleichen Grund muß man einen gesun­den Primat der Familie in der gesamten Erziehungsarbeit des Menschen zu ei­ner wirklichen Humanität fordern. Man muß das Recht der Nation in die glei­che Linie stellen; man muß den Menschen auch zur Grundlage der Kultur und Erziehung machen.

Die Nation ist in der Tat die große Gemeinschaft der Menschen, die geeint sind durch verschiedene Bande, aber vor allem gerade durch die Kultur. Die Nation besteht „durch“ die Kultur und „für“ die Kultur. Sie ist deshalb die große Erzie­herin der Menschen zu dem, was sie „mehr sein“ könnten in der Gemeinschaft. Sie ist die Gemeinschaft, die eine Geschichte besitzt und gleichzeitig über die Geschichte des Individuums und der Familie hinausgeht. Es ist jene Gemein­schaft, die die Familie ihr Erziehungswerk beginnen läßt, und zwar angefangen beim einfachsten, nämlich der Sprache. Die Sprache gibt dem Menschen, so­bald er sprechen kann, die Möglichkeit, Mitglied der Gemeinschaft der Familie und der Nation zu werden. Bei allem, was ich jetzt sage und was ich noch weiter­entwickeln werde, übersetzen meine Worte eine eigene Erfahrung und geben ein besonderes Zeugnis wieder: Ich bin Sohn einer Nation, die im Lauf ihrer Geschichte die meisten Erfahrungen damit machte, daß ihre Nachbarn sie zum Tod verurteilt haben, zu wiederholten Malen, die aber überlebt hat, sie selbst geblieben ist. Sie hat ihre Identität bewahrt und sie hat trotz der Teilungen und fremden Besatzungen nationale Souveränität bewahrt, indem sie sich nicht auf die Mittel physischer Gewalt gestützt hat, sondern einzig und allein auf ihre Kultur. Diese Kultur hat sich als eine Macht herausgestellt, die größer ist als alle anderen Mächte. Das, was ich hier sage, das Recht der Nation auf die Grundlage ihrer Kultur und ihre Zukunft betreffend, ist nicht das Echo irgend­eines Nationalismus, sondern es geht hier um ein festes Element menschli­cher Erfahrung und menschlicher Vorstellung von der Entwicklung des Men­schen. Es gibt eine fundamentale Souveränität der Gesellschaft, die sich in der Kultur der Nation manifestiert. Es geht um die Souveränität, durch die gleich­zeitig der Mensch höchster Souverän ist. Wenn ich mich so ausdrücke, denke ich in gleicher Weise mit tiefer innerer Bewegung an die Kulturen so vieler alter Völker. Diese ließen sich nicht verdrängen, als sie sich mit den Zivilisationen der Eindringlinge konfrontiert sahen. Sie blieben weiter für den Menschen die Quelle seines Mensch-„Seins“ in der inneren Wahrheit seiner Menschlichkeit. Ich denke auch voll Bewunderung an die Kulturen neuer Gesellschaften, die zum Leben der Gemeinschaft der eigenen Nation erwacht sind – ganz wie mei­ne Nation zu dem Leben erwacht ist, das sie seit tausend Jahren hat – und die kämpfen, um ihre eigene Identität und ihre eigenen Werte zu behalten, gegen die Einflüsse und den Druck der ihnen von außen vorgeschlagenen Modelle.

Souveränität, die sich aus der Kultur ergibt

15. Wenn ich mich an Sie wende, meine Damen und Herren, die Sie hierherge­kommen sind, an diesen Ort, der seit 30 Jahren im Namen des Primats der kul­turellen Wirklichkeit des Menschen, der menschlichen Gemeinschaft, der Völ­ker und Nationen besteht, sage ich: Wachen Sie mit allen Mitteln, die zu Ihrer Verfügung stehen, über die grundlegende Souveränität, die jede Nation kraft ihrer eigenen Kultur besitzt. Schützen Sie sie wie Ihren Augapfel für die Menschheitsfamilie. Schützen Sie sie! Lassen Sie nicht zu, daß diese grundle­gende Souveränität die Beute politischer oder wirtschaftlicher Interessen wird. Erlauben Sie nicht, daß sie Opfer von Totalitarismen, Imperialismen oder He­gemonien wird, für die der Mensch nicht mehr ist als Gegenstand der Beherr­schung und nicht Träger seiner menschlichen Existenz. Für alle diese zählt die Nation – die eigene und die anderen – nur noch als Objekt der Beherrschung und als Köder verschiedener Interessen und nicht als Subjekt: nämlich Subjekt der Souveränität, die sich aus der Kultur ergibt und ihr zu eigen ist. Gibt es nicht auf der Karte von Europa und der Welt Nationen, die eine großartige histori­sche Souveränität besitzen, die sich aus ihrer Kultur ergibt, und die gleichzeitig ihrer vollen Souveränität beraubt sind? Ist sie nicht ein wichtiger Punkt für die Zukunft der menschlichen Kultur – wichtig vor allem für unsere Epoche, in der die Beseitigung der Reste des Kolonialismus dringend erforderlich ist.

16. Diese Souveränität, die ihren Ursprung in der eigenen Kultur der Nation und der Gesellschaft, dem Primat der Familie bei der Erziehung und schließ­lich der persönlichen Würde jedes Menschen hat, muß das grundlegende Krite­rium für die Behandlung des für die heutige Menschheit wichtigen Problems der Mittel der sozialen Kommunikation bleiben. (Der Information, die mit ih­nen verbunden ist, und auch dessen, was man Massenkultur nennt.)

Angesichts der Tatsache, daß diese Medien „gesellschaftliche“ Kommunika­tionsmittel sind, dürfen sie nicht Mittel zur Herrschaft der anderen sein seitens der Beauftragten der politischen Macht oder seitens der finanziellen Mächte, die ihr Programm und Modell bestimmen. Sie müssen Mittel – und was für ein mächtiges Mittel – des Ausdrucks der Gesellschaft sein, die sich ihrer bedient und die ihre Existenz sichert. Sie müssen den wahren Bedürfnissen der Gesell­schaft Rechnung tragen. Sie müssen der Kultur der Nation und ihrer Geschich­te Rechnung tragen. Sie müssen die Verantwortung der Familie im Bereich der Erziehung achten. Sie müssen das Gemeinwohl des Menschen, seine Würde berücksichtigen. Sie dürfen nicht dem Interesse, der Sensation und dem unmit­telbren Erfolg unterworfen sein, sondern wenn sie die Forderung der Ethik be­rücksichtigen, müssen sie dem Bau eines „menschlicheren“ Weges dienen.

17. Genus humanum arte et ratione vivit – das Menschengeschlecht lebt durch seiner Hände Kunst und seine Vernunft. Es wird allgemein bejaht, daß der Mensch durch die Wahrheit er selbst ist und er durch die immer vollkommene­re Kenntnis der Wahrheit noch mehr er selbst wird. Ich möchte hier, meine Da­men und Herren, alle Verdienste Ihrer Organisation anerkennen und gleichzei­tig für das Engagement und alle Bemühungen der Staaten und den durch sie re­präsentierten Nationen meine Anerkennung aussprechen für die Bemühun­gen um die Verbreitung der Bildung auf allen Stufen und Ebenen, um die Be­seitigung des Analphabetismus, der den Mangel an jeder, auch der elementar­sten Bildung bedeutet und der nicht nur vom Gesichtspunkt der elementaren Kultur, der Individuen und ihrer Umwelt bedauerlich ist, sondern auch vom Gesichtspunkt des sozial-wirtschaftlichen Fortschritts. Es gibt beunruhigende Anzeichen der Verzögerung in diesem Bereich. Sie hängen zusammen mit der häufig von Grund auf ungleichen und ungerechten Verteilung der Güter. Den­ken wir auch an jene Situationen, in denen es neben einer Oligarchie von weni­gen Superreichen eine Menge Bürger gibt, die im Elend hungern. Diese Verzö­gerung kann nicht auf dem Weg des blutigen Kampfes um die Macht beseitigt werden, sondern vor allem auf dem Weg der systematischen Alphabetisierung durch die Verbreitung der Bildung im ganzen Volk. Eine so orientierte Bemü­hung ist notwendig, wenn man jene Veränderungen bewirken will, die im so­zial-wirtschaftlichen Bereich notwendig sind. Der Mensch, der mehr „ist“, weil er mehr „hat“ und deshalb mehr „besitzt“, muß verstehen zu besitzen, d.h. ler­nen, die Mittel, die er besitzt, zu verteilen und zu verwalten für sein eigenes Wohl wie für das Gemeinwohl. Zu diesem Ziel ist die Bildung unerläßlich.

Das Bildungsproblem ist mit der Sendung der Kirche verknüpft

18. Das Bildungsproblem war immer eng mit der Sendung der Kirche ver­knüpft. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sie Schulen aller Art gegründet; sie hat die Universitäten des Mittelalters entstehen lassen, in Europa die in Paris und in Bologna, in Salamanca und Heidelberg, in Krakau und Löwen. Auch in unse­rer Zeit leistet sie den gleichen Beitrag überall dort, wo ihr Eingreifen auf die­sem Gebiet gewünscht und geachtet wird. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle für die katholischen Familien das Recht zu beanspruchen, das allen Familien zusteht, nämlich ihre Kinder in Schulen erziehen zu lassen, die ihrer Weltan­schauung entsprechen, und zumal das strenge Recht, als gläubige Eltern ihre Kinder nicht in den Schulen Lehrprogrammen ausgesetzt zu sehen, die vom Atheismus geprägt sind. Es handelt sich hier tatsächlich um eins der Grundrechte des Menschen und der Familie.

19. Das Erziehungssystem ist organisch verbunden mit dem System der unter­schiedlichen Orientierung, die man der Praxis und Förderung der Verbreitung des Wissens gibt; dazu dienen die Höheren Lehranstalten, die Universitäten sowie auch angesichts des heutigen Entwicklungsstandes der Spezialisierung und der wissenschaftlichen Methoden die Fachinstitute. Es geht hier um Ein­richtungen, von denen man kaum ohne tiefe Ergriffenheit sprechen kann. Sind sie doch jene Stätten, an denen die Berufung des Menschen zur Erkenntnis und das naturgegebene Band, das die Menschheit mit der Wahrheit als Ziel der Er­kenntnis verbindet, tägliche Wirklichkeit werden und sozusagen das tägliche Brot so vieler Lehrer und verehrter Größen der Wissenschaft sind. An ihrer Sei­te finden sich junge Forscher, die sich der Wissenschaft und ihrer Anwendung verschrieben haben, ferner die große Schar der Studenten, die diese Zentren der Wissenschaft und Erkenntnis besuchen.

Wir stehen hier gleichsam auf den höchsten Stufen der Leiter, die der Mensch von Beginn an emporsteigt, um die Wirklichkeit der ihn umgebenden Welt zu erkennen und die Geheimnisse seines Menschseins zu ergründen. Dieser ge­schichtliche Vorgang hat in unserer Zeit bisher ungekannte Möglichkeiten er­reicht. Er hat dem menschlichen Geist bis dahin ungeahnte Horizonte eröffnet. Nur schwer könnte man sich hier auf Einzelheiten einlassen, denn auf dem Weg der Erkenntnis sind die besonderen Aspekte der Spezialisten ebenso zahl­reich wie die Entwicklung der Wissenschaft umfassend ist.

20. Ihre Organisation ist ein Ort der Begegnung, einer Begegnung, die im weite­sten Sinn den gesamten so wesentlichen Bereich der menschlichen Kultur um­faßt. Dieses Gremium ist daher auch der angemessene Ort, um alle Wissen­schaftler zu grüßen und zumal denen Ehre zu erweisen, die hier anwesend sind und die für ihre Arbeiten höchste Anerkennung und die größten Auszeichnun­gen auf Weltebene erlangt haben. Es sei mir aber gestattet, an dieser Stelle auch einige Wünsche vorzutragen, die zweifellos Geist und Herz der Mitglieder die­ser hohen Versammlung beschäftigen.

Die Zukunft des Menschen ist radikal bedroht

Was immer uns bei der wissenschaftlichen Arbeit erbauen mag – es erbaut uns wirklich und schenkt uns tiefe Freude: ich denke an den Weg der zweckfreien Erkenntnis der Wahrheit, der sich der Gelehrte mit größter Hingabe verschrie­ben hat, zuweilen trotz der Gefahr für seine Gesundheit und sogar für sein Le­ben -, so muß uns doch andererseits all das beunruhigen, was dem Grundsatz der Zweckfreiheit und Objektivität widerspricht, all das, was aus der Wissen­schaft ein Werkzeug zur Erreichung von Zielen macht, die nichts mit ihr zu tun haben, Gewiß müssen wir uns um alles Sorge machen, was nichtwissenschaftli­chen Zielsetzungen dient oder solche voraussetzt, was von den Wissenschaft­lern Dienstbarkeit verlangt, ohne ihnen über die Zielsetzungen ein Urteil oder eine Entscheidung in voller Unabhängigkeit des Geistes, in menschlicher und sittlicher Aufrichtigkeit zu gestatten, was sie bedroht, sie hätten im Fall einer Verweigerung der Mitarbeit mit Konsequenzen zu rechnen.

Muß man diese unwissenschaftlichen Zielsetzungen, von denen ich rede, und dieses Problem, auf das ich hier hinweise, noch beweisen oder näher erläutern? Sie wissen, worauf ich mich beziehe. Es mag genügen, die Tatsache zu erwäh­nen, daß unter denen, die nach dem Ende des letzten Weltkriegs vor internatio­nale Gerichte gestellt wurden, auch Wissenschaftler waren. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, verzeihen Sie mir diese Worte, aber ich wäre den Ver­pflichtungen meines Amtes untreu, wenn ich sie nicht aussprechen würde. Es geht mir nicht um die Vergangenheit; es geht mir um die Verteidigung der Zu­kunft der Wissenschaft und der menschlichen Kultur, ja noch mehr: um die Ver­teidigung der Zukunft des Menschen und der Welt! Ich denke an Sokrates, der in seiner ungewöhnlichen Gradheit die Meinung vertreten konnte, die Wissen­schaft sei auch eine sittliche Tugend. Wenn er sich die Erfahrungen unserer Zeit vor Augen führen könnte, so müßte er seine Gewißheit erneut bekräftigen. 21. Wir sind uns bewußt, meine Damen und Herren, daß die Zukunft des Men­schen und der Welt bedroht, radikal bedroht ist, trotz der gewiß edlen Absich­ten der Menschen des Wissens und der Wissenschaft. Sie ist bedroht, weil die glänzenden Ergebnisse ihrer Forschungen und Entdeckungen, vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, auf Kosten des ethischen Imperativs für Zielsetzungen ausgenutzt wurden und werden, die nichts zu tun haben mit den Erfordernissen der Wissenschaften selbst. Bis hin zu bewußter Zerstörung und Tötung, und das in einem bisher völlig ungeahnten Ausmaß mit wahrhaft un­vorstellbaren Zerstörungen. Während die Wissenschaft aufgerufen ist, sich in den Dienst des menschlichen Lebens zu stellen, stellt man allzuoft fest, daß sie Zielsetzungen dienstbar gemacht wird, die die wahre Würde des Menschen, die das menschliche Leben zerstören. Das ist der Fall, wenn die wissenschaftliche Forschung selber sich solche Ziele setzt oder wenn ihre Ergebnisse in den Dienst von Zielen gestellt werden, die dem Wohl der Menschheit zuwiderlau­fen. Das ist der Fall bei genetischen Manipulationen, bei biologischen Experi­menten und beim Vervollkommnen chemischer, bakteriologischer und nu­klearer Waffen.

Zwei Überlegungen veranlassen mich, Ihrem Nachdenken vor allem die nu­kleare Bedrohung zu empfehlen, die auf der Welt heute lastet und die, wenn nicht abgewendet, zur Zerstörung der Errungenschaften der Kultur, der Ergeb­nisse der Zivilisation führen kann, die in Jahrhunderten von vielen Generatio­nen aufgebaut wurden, die an den Primat des Geistes geglaubt und weder Kraft noch Mühe geschont haben. Die erste Überlegung ist folgende: geopolitische Gründe, wirtschaftliche Probleme von weltweitem Ausmaß, schreckliche Mißverständnisse, verletzter Nationalstolz, der Materialismus unserer Zeit und das Schwinden der moralischen Wertungen haben unsere Welt in eine Situation der Unbeständigkeit und in ein labiles Gleichgewicht gebracht, das jeden Au­genblick infolge von Fehlurteilen, Fehlinformationen oder Fehldeutungen auseinanderbrechen kann.

Zu dieser beunruhigenden Aussicht kommt noch ein anderer Gedanke. Kann man in unseren Tagen noch sicher sein, daß die Zerstörung des Gleichgewichts nicht zum Kriege führt, und zwar zu einem Krieg, bei dem der Rückgriff auf nukleare Waffen nicht ausgeschlossen ist? Bis vor kurzem hat man noch be­hauptet, die Nuklearwaffen seien ein Mittel der Abschreckung, das den Aus­bruch eines größeren Krieges verhindert, und das stimmt vermutlich. Man kann sich aber fragen, ob das immer so bleiben wird. Die Nuklearwaffen, wel­cher Art und Größe sie auch sein mögen, werden Jahr für Jahr vollkommener; sie werden auch in immer mehr Ländern ein Bestandteil der Rüstung. Wie darf man dann noch sicher sein, daß der Einsatz von Nuklearwaffen, auch als Mittel nationaler Verteidigung oder bei begrenzten Konflikten, nicht zu einer unver­meidlichen Eskalation führt und damit zu einem Ausmaß an Zerstörung, das die Menschheit sich nicht vorstellen, aber auch nicht bejahen kann? Muß ich nicht gerade Ihnen als Wissenschaftlern und Kulturschaffenden nahelegen, Ihre Augen nicht vor dem zu verschließen, was ein Atomkrieg für die ganze Menschheit bedeuten kann? (vgl. Predigt am Weltfriedenstag, 1. Januar 1980). 22. Meine Damen und Herren, die Welt kann nicht mehr lange auf diesem Weg weitergehen. Jeden Menschen, der sich der wirklichen Lage und der Gefahr be­wußt geworden ist, der, wenn auch nur elementar, die jedem obliegende Ver­antwortung kennt, drängt sich die Überzeugung auf, die zugleich ein morali­scher Imperativ ist: Wir müssen das Gewissen wachrütteln! Wir müssen die Macht des Gewissens in dem Maß steigern, in dem die Spannung zwischen Gut und Böse gewachsen und dem Menschen gegen Ende des zweiten Jahrtau­sends als Aufgabe gestellt ist. Wir müssen überzeugt sein vom Vorrang der Ethik gegenüber der Technik, vom Primat der Person gegenüber den Sachen, von der Überlegenheit des Geistes gegenüber der Materie (vgl. Redemptor hominis, Nr. 16). Die Sache des Menschen kommt voran, wenn sich die Wissen­schaft mit dem Gewissen zusammenschließt. Der Wissenschaftler wird der Menschheit einen echten Dienst leisten, wenn er „den Sinn für die Transzen­denz des Menschen gegenüber der Welt und Gottes gegenüber dem Men­schen“ bewahrt (Ansprache vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, 10. November 1979, Nr. 4).

So wende ich mich heute, bei Gelegenheit meiner Anwesenheit am Sitz der UNESCO, als Sohn der Menschheit und Bischof von Rom direkt an Sie Wis­senschaftler, an Sie hier Versammelte, an Sie höchste Autoritäten auf allen Gebieten des modernen Wissens. Ich wende mich durch Sie zugleich an Ihre Kol­legen und Freunde in allen Ländern und Kontinenten.

Ich wende mich an Sie im Namen dieser schrecklichen Bedrohung, die auf der Menschheit lastet, und zugleich im Namen der Zukunft und des Wohls der Menschheit in der ganzen Welt. Ich bitte Sie dringend: Vereinen wir unsere Kräfte, um auf allen Gebieten der Wissenschaft den Primat des Sittlichen wie­der aufzurichten und zu achten. Vereinen wir vor allem unsere Kräfte, um die Menschheitsfamilie vor der fürchterlichen Aussicht auf einen Atomkrieg zu bewahren.

Macht der Vernunft und des Gewissens

Ich bin auf dieses Thema vor der Vollversammlung der Organisation der Ver­einten Nationen in New York am 2. Oktober letzten Jahres eingegangen. Ich lege es auch Ihnen heute vor. Ich appelliere an Ihre Vernunft und an Ihr Herz, jenseits aller Leidenschaften, Ideologien und Grenzen. Ich wende mich an all jene, die ob ihrer politischen oder wirtschaftlichen Macht in der Lage sein können und es oft sind, den Wissenschaftlern die Arbeitsbedingungen und Zielsetzungen vorzuschreiben. Ich wende mich vor allem an jeden einzelnen Wissenschaftler persönlich und an die gesamte Gemeinschaft der internationa­len Wissenschaft. Sie alle zusammen sind eine gewaltige Macht: eine Macht der Vernunft und des Gewissens! Erweisen Sie sich mächtiger als die Mächtig­sten unserer zeitgenössischen Welt! Entschließen Sie sich, den Beweis Ihrer edelsten Solidarität mit der Menschheit zu erbringen, einer Solidarität, die auf der Würde der menschlichen Person gründet. Erbauen Sie den Frieden auf sei­nen Fundamenten, auf der Achtung aller Rechte des Menschen, derer, die mit seiner materiellen und wirtschaftlichen Situation, aber auch derer, die mit der geistigen und inneren Dimension seines Daseins in dieser Welt verbunden sind. Möge die Weisheit Ihnen Leitstern sein! Möge die Liebe Sie führen, jene Liebe, die die wachsende Drohung des Hasses und der Zerstörung besiegt! Männer und Frauen der Wissenschaft, bieten Sie alle Ihre moralische Autorität auf, um die Menschheit vor der nuklearen Zerstörung zu retten!

23. Es war mir heute vergönnt, einen der lebhaftesten Wünsche meines Her­zens zu verwirklichen. Es war mir vergönnt, hier ins Innere des Areopags zu ge­langen, des Areopags der ganzen Welt. Es war mir vergönnt, Ihnen allen etwas zu sagen, Ihnen, den Mitgliedern der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Ihnen, die Sie arbeiten für das Wohl und für die Versöhnung der Menschen und Völker auf allen Gebieten der Kultur, Erziehung, Wissenschaft und Information. Ihnen zu sagen und aus der Tiefe des Herzens zuzurufen: Ja, die Zukunft des Menschen hängt von der Kultur ab!

Ja, der Friede der Welt hängt vom Primat des Geistes ab! Ja, die friedliche Zu kunft der Menschheit hängt von der Liebe ab!

Ihr persönlicher Beitrag, meine Damen und Herren, ist wichtig, ja er ist lebenswichtig. Er besteht im richtigen Angehen der Probleme, deren Lösung Sie Ihren Dienst widmen.

So heißt mein letztes Wort: Lassen Sie nicht nach, machen Sie weiter, immer weiter!