Bruch oder Kontinuität? Zur Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils

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Vortrag von Prof. Dr. Rudolf Voderholzer,

Trier / Regensburg am 12. Oktober 2012 in Passau

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Sie haben mich eingeladen, anlässlich der 50. Wiederkehr der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils zu Ihnen zu sprechen und ich habe vorgeschlagen, eines der gegenwärtig am heftigsten diskutierten Themen aufzugreifen, nämlich die Frage: Bedeutet das Konzil einen „Bruch“ oder ist vielmehr die „Kontinuität“ mit der vorausgehenden Geschichte bei der Interpretation zu beachten. Ich will meine Antwort einbetten in eine, notgedrungen, knappe Gesamtwürdigung des Konzils und abschließen mit der Benennung einiger „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit dem bevorstehenden „Jahr des Glaubens“ im Kontext der notwendigen Neuevangelisierung  Europas.

 

I.  Das Zweite Vatikanische Konzil – ein Konzil nicht wie die vorigen 

Am 11. Oktober 1962, gestern also vor 50 Jahren, wurde das Zweite Vatikanische Konzil nach einer Vorbereitungszeit von fast vier Jahren mit einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom eröffnet.

An einem symbolträchtigen Festtag hatte Papst Johannes XXIII. die Einberufung des Konzils angekündigt: Es war der 25. Januar 1959 gewesen, das Fest der Bekehrung des Apostels Paulus und zugleich Ende und Höhepunkt der Gebetswoche für die Einheit der Christen – für viele nicht ganz zu Unrecht auch schon, was die inhaltliche Ausrichtung des Konzils angeht, ein Signal: das Konzil als Erfüllung der Gebete um die Einheit der Kirche!

Auch der Tag der feierlichen Eröffnung war damals, 1962, ein Feiertag: Das Fest der Gottesmutterschaft Mariens, von Papst Pius XI. 1931 anlässlich der 1500-Jahr-Feier des Konzils von Ephesus 431, das den Titel „theotokos“ für Maria definitiv für legitim und richtig erklärte, eingeführt. Es gehört paradoxerweise zu den Auswirkungen des Konzils, dass der Festtag, an dem es eröffnet wurde, im Zuge der Liturgiereform abgeschafft wurde. Der 11. Oktober ist heute auch in der Kirche ein normaler Werktag, es sei denn, er wird, wie in Passau, als Gedenktag für den seligen Papst Johannes XXIII. begangen.

Den Festtag freilich, an dem das Konzil 1965 feierlich beendet wurde, am 8. Dezember nämlich, den gibt es noch. Eingerahmt, hineingestellt zwischen diese zwei Marien-Feste vertraut sich die Kirche, das wird damit gesagt, der besonderen Fürsprache der Gottesmutter Maria an, die in der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ als Urbild der Kirche und des Glaubens neu vor Augen gestellt wird (LG, VIII. Kapitel).

Das Zweite Vatikanische Konzil, das als das 21. Ökumenische Konzil in der Liste der Konzilien geführt wird – ökumenisch im Sinne von „nicht nur eine Teilkirche“, sondern die ganze Weltkirche betreffend und weltweit in der katholischen Kirche rezipiert – unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den Konzilien früherer geschichtlicher Epochen:1

1.  „Verheutigung“ („Aggiornamento“) statt Verurteilung 

Anders als die allermeisten der vorangegangenen Konzilien war es nicht notwendig geworden, um einen innerkirchlichen Streitfall zu lösen, etwa eine Irrlehre zurückzuweisen oder einen umstrittenen theologischen Standpunkt zu klären. Nicht eine innerkirchliche Frage motivierte Johannes XXIII. zur Einberufung des Konzils, sondern die ihm notwendig scheinende „Aktualisierung“ der Botschaft, die „Verheutigung“, das „Aggiornamento“, der christlichen Botschaft in Bezug auf die sich rasant verändernde Welt als Adressatin ihrer Botschaft. Der Begriff „Aggiornamento“ kommt aus der Sprache der Buchhaltung; Rechnungsbücher auf den neuesten Stand bringen, ist ganz ursprünglich damit gemeint. Im theologischen Zusammenhang ist „Verheutigung“ wohl der beste Übersetzungsversuch. Es geht nicht um „Modernisierung“ (wie manchmal zu hören ist), schon gar nicht um „Anpassung“, sondern um ein Neu-Verkünden der Botschaft so, dass sie verstanden werden kann (ob sie geglaubt wird, hat der Verkünder nicht in der Hand).

2.  Das „Heilmittel der Barmherzigkeit“ (Johannes XXIII., Eröffnungsansprache)

Demgemäß sollte nach dem Willen Johannes XXIII. das Konzil eine ausdrücklich „pastorale“ Ausrichtung bekommen, nicht Irrtümer verurteilen – die es gewiss immer auch gegeben hat und gibt – und keine neuen Dogmen im strengen Sinne verkünden. Ich zitiere aus der Eröffnungsansprache Papst Johannes XXIII.:

„Die Kirche hat diesen Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen.“2

Diese „pastorale“ Ausrichtung des Konzils ist freilich bisweilen auch missverstanden worden. Denn es ist paradox: Ein Konzil – der Papst spricht es in der Rede selbst an – ist eben auch Organ des außerordentlichen Lehramtes der Kirche und seine Aussagen sind nicht bloß fromme Anmutungen. Die darin sich ausdrückende Spannung wird von verschiedenen Seiten interpretiert und instrumentalisiert: Die einen sagen, etwas salopp formuliert: „Kein Dogma!? Dann brauchen wir es auch nicht so ernst nehmen.“ Die anderen sagen: „Kein Dogma!! Aha, die Kirche hat endlich kapiert, dass Dogmen sowieso Unsinn sind und es auf die Pastoral ankommt.“ Beide Ansichten werden dem Konzil nicht gerecht! Auch das Zweite Vatikanische Konzil verkündet eine verbindliche Lehre, wenn auch nicht in den Formen der lehramtlichen Sprache des 19. Jahrhunderts.3

3.  Die Notwendigkeit einer „Verstehenslehre“ (Hermeneutik) 

Das Zweite Vatikanische Konzil hat, eine Folge des „Erklärens“ der Lehre, mehr Texte verabschiedet, als alle vorangehenden Konzilien zusammen. Die Theologen unter Ihnen haben vielleicht alle Texte schon gelesen, manche vielleicht sogar mehrmals, aber für den Laien ist es eine schier unlösbare und kaum zu bewältigende Aufgabe. Die Kirchenkonstitution LG und mehr noch die Pastoralkonstitution GS haben den Umfang jeweils eines kleinen Buches, Texte mit dichtem Inhalt, um die lange gerungen wurde, und wo man ohne Kommentar oft gar nicht erkennt, worauf es genau ankommt.

Andererseits zeigt schon ein erster Blick, dass die 16 Texte untereinander eine innere Zu- und Rangordnung aufweisen. Nicht alle Texte haben dasselbe Gewicht: Grundsätzlich sind zu unterscheiden die vier „Konstitutionen“ – die wichtigste Textgruppe4 – von den „Dekreten“, neun an der Zahl, die so etwas sind wie „Ausführungsbestimmungen“, Entfaltungen des in den Konstitutionen Gesagten. Und schließlich sind da drei „Erklärungen“, Texte mit einem nach „außen“ gerichteten Inhalt: Die „Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen“, die „Erklärung über die Religionsfreiheit“ und „über die Christliche Erziehung“.

Aus dieser inneren Rangordnung der Texte ergibt sich bereits ein erster Hinweis für die Interpretation: die Erklärungen und Dekrete müssen im Licht der Konstitutionen gelesen werden, nicht umgekehrt, zumal zwei der Konstitutionen auch noch ausdrücklich als „dogmatische“ Konstitutionen (diejenigen über die Offenbarung und über die Kirche) präsentiert werden.5

Und hier nun stellt sich das Problem der Interpretation der Texte, die Herausforderung einer „Hermeneutik“ der Konzilsaussagen, einer „Verstehenslehre“ für die große Fülle von Texten. Wie ordnen sich die Texte und ihre Lehren ein in die bisherige Lehre der Kirche. Worin besteht das Neue?

Bevor ich mich dieser Frage, die ja die Themafrage des Vortrags selbst ist, ausdrücklich zuwende, möchte ich wenigstens eine Beobachtung vorausschicken, die meines Erachtens bereits entscheidend Licht wirft auf die Lehre des Konzils.

 

4.   Ein erstes Signal: Christozentrik („Lumen gentium“ und „Dei Verbum“) überwindet Ekklesiozentrik 

Das I. Vatikanum war 1870 wegen des deutsch-französischen Krieges abgebrochen worden und hatte das Thema „Kirche“ nur fragmentarisch behandelt. Lediglich die Aussagen über den Jurisdiktionsprimat des Papstes und über die päpstliche Unfehlbarkeit waren zur Verabschiedung gekommen. Dies hatte manche zu dem Fehlschluss verleitet, über die Kirche gebe es darüber hinaus nichts zu sagen. So war dem Zweiten Vatikanischen Konzil von seiner Vorgeschichte her das Thema „Kirche“, also die Vollendung des Ersten Vatikanums und die Integration des Themas Papsttum in eine umfassende Sicht von Kirche, insbesondere die Lehre von den Bischöfen und dem Bischofskollegium, aber auch die Bestimmung des in Taufe und Firmung gründenden Christseins überhaupt, die Frage der Kirchenzugehörigkeit usw. vorgegeben. Und nicht wenige gingen wie selbstverständlich davon aus, dass das Zweite Vatikanische Konzil „ein Konzil der Kirche vornehmlich über die Kirche selbst“ werden würde. Doch hier gilt es genau hinzusehen! Denn wenn es auch richtig bleibt, dass das Zweite Vatikanum die vom I. Vatikanum übrig gelassenen Themen „aufgearbeitet“ hat und wenn wir der neuen Kirchenversammlung die erste umfassende Selbstpräsentation der Kirche verdanken, die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ nämlich, so ist auch zu beachten und gar nicht hoch genug zu veranschlagen, dass das erste Wort der Kirchenkonstitution ein Christusbekenntnis ist. Der erste Satz der Kirchenkonstitution, nach ihren Anfangsworten „Lumen gentium“ (vgl. Jes 42,6 und 49,6 in Lk 2,32) genannt, lautet vollständig: „Lumen gentium cum sit Christus – Christus ist das Licht der Welt.“6 Die Kirche verweist von sich weg auf Christus, „relativiert“ sich gewissermaßen selbst, „relativieren“ jetzt nicht im Sinn von Minderung ihrer Bedeutung, aber einer „In-Beziehungsetzung“. Erster Daseinszweck der Kirche ist, auf Christus zu verweisen, und jedes Kreisen um sich selbst, jede „Nabelschau“ steht im Widerspruch zur Sendung der Kirche.

Und dasselbe gilt auch für die Offenbarungskonstitution, die nach den programmatischen Anfangsworten „Dei Verbum“ heißt. „Dei Verbum“, also „Wort Gottes“ ist hier erst einmal nicht die Bibel, sondern das Fleisch gewordene Wort Gottes, Christus selbst. Es ist darum wichtig, das „Verbum“ hier groß zu schreiben. Die Botschaft lautet: Das Christentum ist keine „Buchreligion“, sondern eine „Personreligion“.7 Und das Christliche ist nicht in erster Linie eine Lehre oder eine Institution, sondern Gemeinschaft, Beziehung zwischen ihm und unter denen, die seinen Namen tragen dürfen.

Nach diesen ersten Hinweisen zur Deutung der Texte jetzt aber zur eigentlichen Frage:

 

II.  Bruch, Kontinuität – oder Reform?

Dass das Konzil etwas Neues zu sagen hatte, ist trivial. Wenn es nur das gesagt hätte, was die Kirche immer schon gesagt hat, wenn es nur dieselben Aussagen – vielleicht etwas neu formuliert – wiederholt hätte, die in den bisherigen Enzykliken und im Katechismus überall nachzulesen waren, hätte man kein neues Konzil gebraucht. Die Frage spitzt sich zu auf die Alternative: Hat das Zweite Vatikanische Konzil in wesentlichen Fragen mit der Lehr-Tradition der Kirche gebrochen, also einen kompletten „Neustart“ hingelegt oder steht die Lehre auch des Zweiten Vatikanischen Konzils in Kontinuität zur bisherigen Glaubens- und Lebensgeschichte der Kirche.

Eine (meist unreflektiert vorausgesetzte) Antwort – ob in diese oder in jene Richtung – auf diese Frage geht der Beschäftigung mit dem Konzil und seinen Text voraus und bedarf im Vorhinein einer bewussten Klärung.

 

1.  Eine Parallele in der Bibelhermeneutik – das Verhältnis von AT zu NT 

Diese Frage nach Kontinuität und/ oder Diskontinuität hat eine bemerkenswerte Parallele in der Bibelhermeneutik – was gerade in den letzten Jahren – und hier nicht zuletzt als eine Folge des Konzils – wieder besonders ins Bewusstsein getreten ist: die Frage nach dem Zueinander nämlich von Altem und Neuem Testament. Bringen das Auftreten Jesu Christi, seine Lehre, sein Tod und seine Auferstehung etwas vollkommen und komplett Neues, so dass man das Alte Testament auf die religionsgeschichtliche Müllhalde werfen müsste? Bekanntlich müssen Erwachsenenbildung und Verkündigung in der Bibelarbeit viel Mühe aufwenden, um Missverständnisse und Vorbehalte dem Alten Testament gegenüber abzubauen. Noch im 20. Jahrhundert hat ein so gelehrter Mann wie Adolph von Harnack die Tatsache, dass die Kirche das Alte Testament nicht endlich abgestoßen hat, als Ausdruck ihrer Lähmung und  Lebensuntüchtigkeit  gebrandmarkt.8

Heute wissen wir um die tiefe innere Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament, verbunden durch die Geschichte ein und desselben Gottes mit seinem Volk. Denken Sie an das Evangelium vom vergangenen (27.) Sonntag (Lesejahr B): Mk 10,2 – 16. Auf die Fangfrage der Pharisäer nach der Ehescheidung lässt sich Jesus nicht auf die Kasuistik seiner Zeitgenossen ein, sondern er greift auf den Ursprung, den Schöpfungswillen Gottes, zurück und korrigiert eine mosaische Tradition – das Zugeständnis an die Hartherzigkeit der Menschen – von der ursprünglichen Schöpfungsabsicht Gottes her.

Ein bemerkenswertes Beispiel für Diskontinuität und Kontinuität im Hinblick auf Altes und Neues Testament.

Nun liegt es mir natürlich ferne, das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Höhepunkt der Heilsgeschichte, dem Christusereignis selbst, auf ein- und dieselbe Stufe zu stellen. Aber wenn schon zwischen Altem und Neuem Testament eine viel größere Kontinuität herrscht – Jesus war ja nicht gekommen, um eine neue Religion zu gründen, sondern das Volk Israel, Gottes Braut und Eigentumsvolk neu zu sammeln und in ihm die ganze Menschheit zum Vater zu führen, dann kann erst recht nicht zwischen der kirchengeschichtlichen Phase vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Zäsur angenommen oder behauptet werden, die es rechtfertigen würde, von vorkonziliar und nachkonziliar im Sinne eines Gegensatzes zu reden.

 

2.  In der Rede vom „Bruch“ treffen sich Progressisten und Traditionalisten

Einen solchen „Bruch“ unterstellen freilich bestimmte Kreise, und interessanter Weise sind es die Extreme auf der progressistischen wie auf der so genannten traditionalistischen Seite, die sich, wie so oft, berühren.

Vertreter der Priesterbruderschaft St. Pius X. unterstellen dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen „Bruch“ in entscheidenden Lehrfragen und leiten daraus nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht ab, gegenüber diesen Lehren ungehorsam zu sein und den Bruch mit der Kirche um des wahren Glaubens willen zu wagen (wobei die Verantwortung für den „Bruch“ natürlich bei den anderen liegt). Dabei geht es gar nicht einmal in erster Linie um die konkrete Durchführung der Liturgiereform – der Liturgiekonstitution hatte Erzbischof Lefebvre bekanntlich ja sogar zugestimmt – sondern um die Erklärung zur Religionsfreiheit und zur Stellung den nichtchristlichen Religionen gegenüber. Auf der anderen Seite sind die „Progressisten“, für die der angebliche Bruch das entscheidende des Konzils gewesen ist, ja denen oft die Durchführung des „Neustarts“ gar nicht weit genug geht und die daher bereits ein Drittes Vatikanum gefordert haben, das diese noch nicht vollzogene Aufgabenstellung endlich durchführen solle. Mich erinnern solche Positionen manchmal an einen übertriebenen Paulinismus, eine Haltung also, die im Hinblick auf das Alte Testament nicht nur die Einhaltung des Zeremonialgesetzes, sondern die ganze alttestamentliche Heilsgeschichte als Familiengeschichte des Christentums in der Hochstimmung einer „Befreiungserfahrung“ meinen verabschieden zu sollen. Es bedarf aber wohl nicht eines allzu großen Begründungsaufwandes, um zu zeigen, dass diese Auffassung genauso verfehlt ist wie die negative Wertung eines angeblichen „Bruches“.

 

3.  Reform aus dem Ursprung

Kardinal Koch hat in dem jüngst veröffentlichten Buch, das er mit dem Schülerkreis des Papstes zusammen im St. Ulrich Verlag in Augsburg herausgebracht hat, mit Recht darauf hingewiesen, dass die Kategorien „Bruch“ bzw. Kontinuität und Diskontinuität überstiegen werden müssen hin auf die Rede von Reform der Kirche, die immer notwendig ist. Er verweist dabei auf Worte Papst Benedikts XVI. selbst, der in seinem Brief „in Sachen Aufhebung der Exkommunikation der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe“ ausdrücklich sagt:

„Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahre 1962 einfrieren – das muss der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das Zweite Vatikanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.“9

Bereits 1975, also zehn Jahre nach Abschluss des Konzils, hat er in einem kurzen Beitrag, der jetzt in Band 7 der JRGS erstmals auf Deutsch veröffentlicht werden wird, eine Formulierung geprägt, die nun auch als Motto für die in zwei Teilbände aufgeteilte Edition dienen wird: „Es ist unmöglich, sich für das Vaticanum II und gegen Trient und Vaticanum I zu entscheiden. – Es ist ebenso unmöglich, sich für Trient und Vaticanum I, aber gegen das Vaticanum II zu entscheiden.“10

Dies ist nicht deshalb so, weil aus unerfindlichen Gründen die Kirchenoberen sich als zu borniert erweisen, eine „Modernisierung“ der Kirche zu betreiben, sondern weil die Kirche selbst ein Groß-Subjekt, eine Person ist, die die Zeiten und Räume überdauert. Es ist undenkbar, dass die Märtyrer des vierten Jahrhunderts, die Mönche des Mittelalters und die Märtyrer, die in den Konzentrationslagern für Christus ihr Leben hingegeben haben, für einen jeweils grundlegend anderen Glauben gestorben wären oder dass sie vollkommen anders gebetet oder die Heilige Messe in einer vollkommen anderen Weise und in einem gänzlich anderen Verständnis gefeiert hätten. Tradition sei Demokratie für und mit den schon Gestorbenen, hat sinngemäß einmal Josef Pieper gesagt.

Ich will die Hauptaufgabe des Konzils, eine Reform unter Maßnehmen am Ursprung anzuregen, exemplifizieren an dem von traditionalistischer Seite am meisten kritisierten Thema:

 

4.  Ein Fallbeispiel: die Erklärung über die Religionsfreiheit 

Bekanntlich war Erzbischof Marcel Lefebvre und seinen Anhängern nicht die Liturgiekonstitution, sondern vor allem die Erklärung zur Religionsfreiheit zum Stein des Anstoßes geworden.

In seiner Ansprache vom 22. Dezember 2005, die dem Thema der Konzilsinterpretation gewidmet ist, geht Benedikt XVI. implizit auf die Vorwürfe der Traditionalisten ein, das Konzil habe sich in der Frage der Religionsfreiheit dem modernen Zeitgeist ausgeliefert und dem „Recht auf Irrtum“ das Wort geredet. Ich zitiere:

„Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten.“

Der christliche Märtyrer als der exemplarische Zeuge lässt sich – ganz in der Verähnlichung mit Christus – lieber für seinen Glauben totschlagen, als dass er ihn mit Gewalt anderen aufdrängt. Wir dürfen es in diesem Zusammenhang nicht zulassen, wenn ein aktueller Seitenblick gestattet ist, dass der Begriff des „Märtyrers“ auch nur im Ansatz für die „Selbstmordattentäter“ aus islamistischen Kreisen verwendet wird, die in verbrecherischer Weise andere unschuldige Menschen mit in den Tod reißen.

Zum Glauben kann niemand gezwungen werden. Er ist die freie Antwort des Menschen mit Verstand und Herz auf den Ruf Gottes. Und in seiner Ansprache fuhr Benedikt XVI. fort:

„Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann.“

Die Traditionalisten dagegen trauern einem Staat nach, der seine Untergebenen zu einer bestimmten Form des Glaubens verpflichtet und ihnen gleichsam verbietet, einer „falschen Religion“ anzugehören. Dies aber entspricht weder der Lehre Jesu noch dem Wesen des religiösen Glaubensaktes noch der ursprünglichen Tradition der Kirche, sondern entspricht einer Staatsform, die in gewisser Weise modern genannt werden kann.

Schon der Konzilstheologe Joseph Ratzinger bemühte sich in einem Redeentwurf für Kardinal Frings um die Vertiefung einer bloß philosophisch begründeten Religionsfreiheit. Die Erklärung über die Religionsfreiheit solle vor allem mit dem Hinweis auf die Lehre und das Beispiel Jesu argumentieren!11 Es geht also um eine Reform aus dem Ursprung und in Treue zu den für alle Zeiten der Kirche maßgeblichen Quellen.

 

III.  Der Schlüssel zum Konzil: Jenseits von versteinerter Tradition und   Traditionslosigkeit

 

1.  Der „Geist des Konzils“ aus den Quellen der liturgischen, biblischen und patristischen Erneuerung (Henri de Lubac) 

Ich möchte den Hinweis auf den entscheidenden Schlüssel zum Konzil mit einem Konzils-Theologen in den Blick nehmen, der mir in meinen Studien sehr wichtig geworden ist (und von dem auch Papst Benedikt bekennt, dass er ihm maßgebliche Einsichten verdankt): Henri de Lubac, französischer Jesuit (1896 bis 1991). Er gehört zweifellos und anerkanntermaßen zu den geistigen Wegbereitern des Konzils. Noch in den 1950-er Jahren war er wegen vermeintlich modernistischer Auffassungen (man sprach damals von „Nouvelle théologie“) von seinen Ordensoberen von seinem Lehrstuhl in Lyon entfernt worden. Wenige Jahre nach dem Konzil sah sich derselbe Mann, den man gerade noch als „Modernist“ verdächtigt und schlecht gemacht hatte, in den Kreis der ewig Gestrigen abgeschoben. Wir haben ein ganz ähnliches Phänomen auch im Hinblick auf Joseph Ratzinger! Wie kommt das? Hat Henri de Lubac (und auch andere), haben sie nach dem Konzil eine „Rolle rückwärts“ gemacht?

Henri de Lubac hat mit Recht versichert: Nicht er habe sich gewandelt, sondern die Wahrnehmung, der Kontext, habe sich radikal verändert. In seinem Schriftenrückblick versuchte er dieses Phänomen verständlich zu machen durch eine Klärung des Traditionsverständnisses: Die römische Schule, die das Konzil anfangs meinte dominieren zu können und sich als Sachwalterin der Tradition und der wahren Lehre der Kirche betrachtete, eine Schule, die für gewöhnlich mit „Neuscholastik“ bezeichnet wird, hat sich eigentlich gar nicht wirklich auf die große, auch das 1. Jahrtausend und die Erfahrung der Ostkirche integrierende Tradition berufen, sondern auf eine sehr kurzatmige Tradition, die im Grunde nichts anderes war als eine gewisse Moderne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.12 Wiederum Konzils-Peritus Joseph Ratzinger beklagt ein ums andere Mal, dass die von der römischen Schule vorbereiteten Schemata kaum die Kirchenväter, schon gar nicht die des Ostens, kaum die Heilige Schrift in einer verantwortbaren Weise, und auch nicht die Liturgie usw. zitieren, sondern die Enzyklikentheologie der zurückliegenden 50 bis maximal 100 Jahre. Das aber ist nicht die Tradition der Kirche. Das ist, in kirchlichen Maßstäben formuliert, die „Moderne“, nicht selten einfach nur die moderne rationalistische Theologie des späten 19. Jahrhunderts. Diese römische Schule aber war im Konzil grandios gescheitert. Zum Unglück der Kirche riss sie in ihren Untergang die Sache der Tradition selbst mit hinein. In der Wahrnehmung vieler Beobachter war mit dieser Schule die Tradition selbst gescheitert, eine Tradition, die sie wenn überhaupt nur bruchstückhaft repräsentierte. De Lubac kam zu dem Urteil, dass in den Jahren unmittelbar nach dem Konzil eine „versteinerte Moderne“, die sich für traditionsverbunden hielt, von einer „richtungslosen Moderne“13 abgelöst wurde. Mit Henri de Lubac weitergedacht wird man sagen können: Die so genannten Traditionalisten sind nicht etwa die Bewahrer der apostolischen Tradition als der Gegenwartsweise der göttlichen Offenbarung im Leben der Kirche, sondern Anhänger der Moderne des späten 19. Jahrhunderts.

Was fehlt und neu errungen werden muss und allein den hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis von Buchstabe und Geist des Konzils liefert, ist ein vertieftes Verständnis von apostolischer Tradition. Sie ist in den theologischen Bewegungen, wie sie das Konzil maßgeblich vorbereitet haben, lebendig erarbeitet worden: Bibelbewegung, Liturgische Bewegung, patristische Bewegung – und durchzogen alle von der ökumenischen Bewegung. Die Zuwendung zu den wahren Quellen wird, das ist die Überzeugung auch schon des Professors Ratzinger gewesen, auch die Einheit der Kirche befördern, und zwar in nachhaltigerer Weise als es durch eine bloß administrative und letztlich äußere und äußerliche Einigungsbewegung je geschehen kann.

 

2.  „Vatikanum II birgt große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche“ (Benedikt XVI., Porta fidei)

Angesichts dieser unfruchtbaren Alternative („versteinerte“ oder „richtungslose“ Moderne) und der noch nicht erledigten Wiedergewinnung des wahren Schlüssels zum Konzil verwundert es nicht, dass nach Auffassung mancher Interpreten die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils noch gar nicht richtig begonnen habe.

In seinem Schreiben „Porta fidei“, mit dem Papst Benedikt das Gedenkjahr der Eröffnung des Konzils zum „Jahr des Glaubens“ erklärt, geht der Papst nicht ganz so weit, er drückt aber seine Überzeugung aus, dass die intensive Beschäftigung mit den Konzilstexten große Chancen für die Erneuerung des Glaubens berge:

„Ich war der Meinung, den Beginn des Jahres des Glaubens auf das Datum des fünfzigsten Jahrestags der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu legen, könne eine günstige Gelegenheit bieten, um zu begreifen, daß die von den Konzilsvätern als Erbe hinterlassenen Texte gemäß den Worten des seligen Johannes Paul II. ‚weder ihren Wert noch ihren Glanz verlieren. Sie müssen auf sachgemäße Weise gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können als qualifizierte und normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition der Kirche […] Ich fühle mich mehr denn je dazu verpflichtet, auf das Konzil als die große Gnade hinzuweisen, in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.‘[…] Auch ich“ – und nun spricht Benedikt XVI. wieder in eigenem Namen, „möchte mit Nachdruck hervorheben, was ich wenige Monate nach meiner Wahl zum Nachfolger Petri in Bezug auf das Konzil gesagt habe: ‚Wenn wir es mit Hilfe der richtigen Hermeneutik lesen und rezipieren, dann kann es eine große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche sein und immer mehr zu einer solchen Kraft werden.‘“

Diese notwendige Hermeneutik ist die Hermeneutik der Reform mit ihrem Maßnehmen an der ganzen Tradition: Bibel, Patristik, Liturgie.

Im Licht dieser Hermeneutik der Reform erschließen sich etliche noch unerledigte Punkte in der Konzilsrezeption bzw. auch Aspekte einer verzerrten Rezeption. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien zum Schluss wenigstens ein paar Aspekte genannte, „Hausaufgaben“ im Bezug auf die Konzilsrezeption für das kommende „Jahr des Glaubens“.

IV. Einige Aspekte der Lehre des Konzils, die noch einer vertieften Aneignung bedürfen

 

1.  Erfassung der „Sakramentalität der Kirche“ und „eucharistische Ekklesiologie“ 

Dass die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kategorie „Volk Gottes“ für die Kirche wieder neu betont und unterstrichen hat, ist eines der in der Wahrnehmung des Konzils fest verankerten Themen. Dass es dabei nicht um „Demokratisierung“ geht, sondern vor allem um die Kontinuität mit dem Volk des Alten Bundes und um den Charakter der Vorläufigkeit der Kirche, ist schon weniger bekannt. Dass aber die Kirche im ersten Artikel von LG von sich selbst sagt, sie sei gleichsam („veluti“) das Sakrament, d. h. „in Christus“ das sichtbare Zeichen der Vereinigung Gottes mit den Menschen und der Einheit der Menschen untereinander, ist außer vielleicht von einigen Theologen kaum wirklich verstanden, geschweige denn angenommen worden. Die Kirche selbst ist ein Sakrament. Nicht ein achtes Sakrament neben den sieben von Christus eingesetzten, sondern als deren Lebensgrund und Frucht zugleich. Die Kirche lebt aus der Feier der Sakramente, vor allem der Feier der Eucharistie, und sie wird von dort her selbst zu einem Zeichen.

„Volk Gottes vom Leib Christi her“ – ist die geniale Formel, auf die wiederum Professor Ratzinger schon vor dem Konzil und als Ergebnis seiner Augustinus-Studien das Wesen der Kirche auf den Punkt gebracht hat. Eine der zentralen Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils ist dementsprechend auch, was man „eucharistische Ekklesiologie“ nennt. Eucharistiefeier und Kirche gehören auf das engste zusammen und bilden den Hintergrund für die konziliare Rede von der Kirche selbst als Sakrament.

Wie weit wir im allgemeinen Bewusstsein von einem solchen Verständnis entfernt sind, zeigt eine Meinungsumfrage, die jüngst im Umfeld des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts erstellt wurde. Das Gericht hatte ja entschieden, dass es einen Teilaustritt aus der Kirche nicht geben könne. Prompt wurde das Ergebnis der Meinungsumfrage der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen in der Kirche hingerieben: Mehr als 80% der Befragten sind der Meinung, dass man Christ sein könne auch ohne die Kirche. Natürlich muss man hier genau hinsehen und fragen, was in diesem Kontext mit „Kirche“ gemeint ist: offenkundig die Körperschaft öffentlichen Rechts, der nach deutschem Recht die Kirchensteuer zukommt.

Im Licht der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinem Kirchenverständnis betrachtet ist die Rede vom „Christsein ohne Kirche“ aber vollends widersinnig. Kirche ist nämlich zuallererst die gottesdienstliche Versammlung; ihr Höhepunkt und größtmögliche Verdichtung ist die sonntägliche Eucharistiefeier als der Quell und Höhepunkt christlicher Existenz. Eucharistie ist nicht eine Frömmigkeitsform neben anderen, sondern der Ort, an dem Kirche zuallererst als sie selbst vom Herrn auferbaut wird. Eucharistie ist auch nicht eine Stufe auf dem Weg zur Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit der Kirche, sondern ihre vollkommene Darstellung. In jeder Eucharistiefeier, gefeiert in der Einheit mit dem Papst, dem Ortsbischof, Bischofskollegium und allen Gläubigen – und wird sie noch so bescheiden und klein in einem Kirchlein in der Diaspora gefeiert – ist Darstellung und Verwirklichung der ganzen Kirche.

„Sine domenica non possumus“ – ohne den Sonntag, das heißt ohne die sonntägliche Eucharistiefeier, können wir nicht leben. Mit diesem Wort rechtfertigten sich frühchristliche Märtyrer, die beim vom Staat verbotenen sonntäglichen Herrenmahl erwischt worden waren. „Ohne den Sonntag können wir nicht leben.“ Ist das die Haltung der überwiegenden Mehrheit unserer Kirchenglieder?

Gewiss, der Priestermangel erlaubt nicht mehr überall die sonntägliche Eucharistiefeier. Aber Angesichts der heutigen Mobilität kann jeder und jede am Sonntag die Eucharistie mitfeiern, wenn nur der wirkliche Wille und die Sehnsucht danach bestehen. Aufs Ganze gesehen sind wir vom Angekommensein einer wirklich katholischen eucharistischen Ekklesiologie in den Herzen der Menschen noch weit entfernt; von einer inneren Beziehung zur Eucharistie, die darin sowohl die Darstellung des Höhepunktes des christlichen Lebens, die Quelle der Spiritualität, aber auch den Ausdruck der Anbetung des himmlischen Vaters, vermittelt durch den Sohn im Heiligen Geist, sieht.

Ein zweites Thema, das nach meiner Überzeugung im kommenden „Jahr des Glaubens“ besondere Aufmerksamkeit verdient,14 ist:

 

2.  Laienapostolat richtig verstanden

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen nach einer Phase der kontroverstheologischen Vernachlässigung des Themas wieder ausdrücklich als Lehre der Kirche formuliert und über die grundsätzlichen Aussagen dazu in der Kirchenkonstitution (LG 30 – 38) dem „Laienapostolat“ auch ein Dekret gewidmet: „Apostolicam actuositatem“. Dies ist eine große Errungenschaft, die auf keinen Fall preisgegeben werden darf. Der Begriff „Laie“ im Sinne von „Nicht-Fachmann“ oder „Nicht-Fachfrau“ ist eigentlich vollkommen ungeeignet, die Existenz zu beschreiben, die durch Taufe und Firmung begründet wird.

Trotzdem scheint mir, dass dieser Aspekt in der aktuellen Debatte oft verkürzt wird auf die Frage der Mitwirkung der getauften und gefirmten Christen an der Leitung der Kirche selbst. Das Konzil hatte nicht im Sinn, dass sich jetzt plötzlich alle, Priester und die so genannten „Laien“, im Altarraum auf die Füße steigen. Das Konzil spricht vielmehr vor allem und zentral vom so genannten „Weltdienst“ der Laienchristen, die berufen sind, durch und mit ihrer beruflichen Kompetenz in den so genannten weltlichen Berufen für das Reich Gottes zu arbeiten. Um es an ein paar Beispielen zu verdeutlichen:

Wir können doch gar nicht genug Lehrerinnen und Lehrer haben in unseren Schulen, die als glaubwürdige Christen beispielsweise im Deutschunterricht oder im Geschichtsunterricht die Literatur und die Geschichte deuten unter der Rücksicht der Gottoffenheit und der Gottsuche des Menschen, die einen Unterricht geben, der dem Religionsunterricht zuarbeitet und ihn nicht untergräbt. Wir brauchen in den naturwissenschaftlichen Fächern Physik, Biologie etc. Frauen und Männer, die – jenseits der geistlosen Alternative Evolutionismus oder Fundamentalismus – die tiefe Vereinbarkeit von Glauben und Naturwissenschaft leben und lehren und an die junge Generation weitergeben.

Wir können in Naturwissenschaft und Medizin selbst gar nicht genug Frauen und Männer haben, die erfüllt sind von Ehrfurcht vor dem Leben, und die von vorneherein ausschließen, Menschen dadurch zu heilen, dass sie andere dafür umbringen.

Oder in den Altenheimen und Krankenhäusern: Wir können gar nicht genug Schwestern und Pfleger haben, die im Patienten nicht einfach nur einen Kostenfaktor sehen, sondern einen Menschen, letztlich Christus selbst, der uns nahe ist gerade auch im Kranken und Leidenden. Das Gleiche gilt für den Bereich der Politik und der Medienwelt. Dort, wo die Meinung gemacht und veröffentlicht wird, dort, wo die Entscheidungen für das Wohl und Wehe unseres Landes gefällt werden, dort vor allem auch braucht es Frauen und Männer, die sich vor Gott verantwortlich wissen und ihren Beruf als Berufung von Jesus Christus her verstehen.15

Oder denken Sie an den Bereich der Kunst. Welch großartige Werke sind im Laufe der Kirchengeschichte entstanden, die den Glauben zum Ausdruck bringen, feiern und vermitteln – sei es in der Musik, der Literatur oder der darstellenden Kunst! Wir können doch gar nicht genug Interpreten haben, die diese Schätze immer wieder neu heben und den Menschen erschließen und ihnen so den Glauben zu Herzen gehen lassen jenseits von Apologetik und Indoktrination. Die Kirche, die über viele Jahrhunderte lang Auftraggeber, Mäzen und Inspirator der Kunst in ihren verschiedenen Dimensionen gewesen ist, hat, wie es scheint, den Anschluss zur modernen Kunst verloren. Das muss nicht nur an der Kirche liegen. Zweifellos liegt aber doch auch darin ein höchst lohnendes und wichtiges Betätigungsfeld für die getauften und gefirmten Christen.

Bevor die Kirchenkonstitution nach der Behandlung der Themen „Hierarchische Ordnung“  und „Laienchristen“ zum Thema „Ordenschristen“ übergeht, betont sie die „Berufung aller Getauften zur Heiligkeit“ (LG 39 – 42).

Ein letzter Punkt, der mit den vorangegangenen in Verbindung steht, aber vielleicht doch eigens erwähnt zu werden verdient:

 

3.  Bibelspiritualität – eingebettet in ein Mitleben mit der Kirche 

Wenn das Christentum auch keine Buchreligion sondern eine „Person-Religion“ ist, dann heißt das nicht, dass die Bibel unwichtig wäre, im Gegenteil. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Offenbarungskonstitution, die keine reine Bibelkonstitution ist, dennoch alle Weichen gestellt für eine Vertiefung der Bibelkenntnis und des Lebens aus der Heiligen Schrift. Die Bibel ist das wichtigste Buch auf dem Schreibtisch und auf dem Betschemel des Theologen. Das Evangelium muss das Hausbuch der christlichen Familie sein. Die Schrift nicht kennen, heißt mit einem viel zitierten Wort des heiligen Hieronymus: Jesus Christus nicht kennen! Gerade auch katholische Christen lassen sich in der Liebe zur Bibel und in der Bibelkenntnis von niemandem übertreffen! Das ist der Inhalt der letzten Kapitel der Offenbarungskonstitution. Das Studium der Heiligen Schrift ist die Seele der Theologie und auch Dreh- und Angelpunkt unseres geistlichen Lebens in unseren Pfarrgemeinden.

Wir brauchen eine neue Kultur des Bibellesens. Als Katholiken können wir da durchaus von den evangelischen Mitchristen lernen. Aber es gibt auch katholische Traditionen. Früher war es in vielen Familien üblich, am Samstagabend aus der Hauspostille des Pater Goffiné vorzulesen und sich so auf den Sonntag einzustimmen. Das war zwar nicht die Bibel, aber es war eine von der Liturgie geprägte, zur Sonntagsliturgie und ihren Schriftlesungen hinführende Weise, die Bibel kennenzulernen. Viele, die mit dem Goffiné groß geworden sind, haben, das ist meine Erfahrung, die Bibel besser gekannt als Heutige, die die Bibel zwar original lesen dürfen, denen aber oft der Zugang fehlt und der Kontext der kirchlichen Tradition. Wir brauchen wieder eine Kultur des gemeinsamen Bibellesens zu Hause, in den verschiedenen Gruppen und Kreisen, das Ganze eingebettet in das ganze kirchliche Leben! Dies wiederum würde mit Sicherheit auch die beiden vorangegangenen Bereiche befruchten. Ohne den lebendigen Kontakt mit der Urkunde des Glaubens wird dieser nicht gedeihen können. Auch die Ökumene wird davon nur profitieren können.

Der Themen also sind viele. Das Tor des Glaubens steht uns offen. An uns ist es, erst selbst hineinzugehen und dann andere mitzunehmen und zu begleiten. Ich wünsche uns allen dazu Glaubensmut, Zuversicht und viel Heiligen Geist. 

 


Fußnoten:

1  Peter Hünermann, … in mundo huius temporis … Die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils im kulturellen Transformationsprozess der Gegenwart: Das Textcorpus des Zweiten Vatikanischen Konzils ist ein konstitutioneller Text des Glaubens, in: Jan- Heiner Tück (Hg.), Erinnerung an die Zukunft. Das Zweite Vatikanische Konzil, Freiburg 2012, 21 – 53, hier besonders 33f.

2  Johannes , Gaudet Mater Ecclesia, lat. AAS 54 (1962) 786 – 796, zitiert nach der in Her-Korr veröffentlichten Übersetzung: Her- Korr 17 (1962 / 1963) 85 – 96.

3  Vgl. dazu Jan-Heiner Tück, Ein reines „Pastoralkonzil“? Zur Verbindlichkeit des Vatikanum II, in: IKaZ 41 (2012) 441– 457.

4  Die von der Deutschen Post anlässlich des Konzilsjubiläums herausgegebene 45 Cent Sonderbriefmarke greift diese Einsicht in mustergültiger Weise auf! dazu das Titelbild sowie den erläuternden Text auf dem Umschlag.

5  Einen ersten Hinweis auf die Architektur des Konzils unter der Rücksicht der chronologischen Reihenfolge der Verabschiedung der Konstitution gibt auch Joseph Ratzinger, Die Ekklesiologie der Konstitution Lumen gentium [2002], in: JRGS 8, 573 – 596, hier 575 : „Das Vaticanum wollte durchaus die Rede von der Kirche der Rede von Gott ein- und unterordnen, es wollte eine im eigentlichen Sinn theologische Ekklesiologie vorlegen, aber die Rezeption des Konzils hat bisher dieses bestimmende Vorzeichen vor den einzelnen ekklesiologischen Aussagen übersprungen, sich auf einzelne Stichworte gestürzt und ist damit hinter der großen Perspektive der Konzilsväter zurückgeblieben. Etwas Ähnliches kann man übrigens gegenüber dem ersten Text feststellen, den das II. Vaticanum verabschiedete – gegenüber der Konstitution von der heiligen Liturgie. Dass sie am Anfang stand, hatte zunächst pragmatische Gründe. Aber rückschauend muss man sagen, dass dies in der Architektur des Konzils einen guten Sinn hat: Am Anfang steht die Anbetung. Und damit Gott. Dieser Anfang entspricht dem Wort der Benedikt-Regel (XLIII): Operi Dei nihil praeponatur. Die Kirchenkonstitution, die dann als zweiter Text des Konzils folgt, sollte man damit innerlich verklammert sehen. Die Kirche leitet sich aus der Anbetung her, aus dem Auftrag, Gott zu verherrlichen. Ekklesiologie hat von ihrem Wesen her mit Liturgie zu tun. Und so ist es dann auch logisch, dass die dritte Konstitution vom Wort Gottes spricht, das die Kirche zusammenruft und allzeit neu erschafft. Die vierte Konstitution zeigt, wie sich Verherrlichung Gottes im Ethos darstellt, wie das von Gott empfangene Licht in die Welt hineingetragen und erst so die Verherrlichung Gottes ganz wird.“

6  Tatsächlich hieß es in dem Textentwurf, der dann schließlich zur Kirchenkonstitution führte, zunächst „Lumen gentium cum sit ecclesia“, also: „Die Kirche ist das Licht der “ Im Karl-Rahner-Archiv befindet sich ein vom Jesuitentheologen und Berater des Erzbischofs von Wien, Kardinal Franz König, Karl Rahner korrigiertes Exemplar, worin das Wort „ecclesia“ an dieser Stelle durchgestrichen und durch „Christus“ ersetzt wird. Vgl. Günther Wassilowsky, Universales Heilssakrament Kirche. Karl Rahners Beitrag zur Ekklesio- logie des II. Vatikanums (= Innsbrucker Theologische Studien 59), Innsbruck 2001, 366, mit Abbildung der entsprechenden Seite.

7  Darauf macht durchgängig aufmerksam: Henri de Lubac, Die göttliche Kommentar zum Vorwort und zum ersten Kapitel der Offenbarungskonstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils (franz. Original: La révélation divine, 1968), übersetzt und eingeleitet von Rudolf Voderholzer, Freiburg 2001.

8  „[D]as AT im Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu enthalten vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung“ (Adolph von Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig ²1924, 217 [Hervorhebung von Harnack]).

9   Benedetto XVI, Lettera ai vescovi sulla remissione della scomunica ai quattro presuli consecrati dall’arcivescovo Lefebvre, in: Insegnamenti di Benedetto XVI, V,1, Città del Vaticano 2010, hier 358 –359.

10   JRGS 7, 1062.

11   Vgl. JRGS 7 (im Druck). Tatsächlich hat die Erklärung „Dignitatis humanae“ dann auch zwei Teile: Der erste argumentiert eher philosophisch von der Würde der menschlichen Person her und betont, dass die Wahrheit nur in Freiheit angenommen werden könne. Der zweite Teil „Die Religionsfreiheit im Licht der Offenbarung“: DH 9 – 15) rekurriert auf das Beispiel und die Lehre Jesu und der frühen Kirche.

12   Vgl. auch Joseph Ratzinger rückblickend in einer Würdigung von Frings zu dessen 80. Geburtstag, wo er davon spricht, der Kölner Kardinal sei auf dem Konzil einer „traditionsentfremdeten Enzyklikentheologie“ entgegengetreten, „die beinahe nur noch mit den päpstlichen Verlautbarungen der letzten hundert Jahre arbeitete und darüber die Tradition des ersten christlichen Jahrtausends fast ganz übersah“ (Joseph Ratzinger, Kardinal Frings. Zu seinem 80. Geburtstag [6.2.1967], in: CiG 19 (1967) 52. (Demnächst auch in JRGS 7.)

13  Vgl. Henri de Lubac, Meine Schriften im Rückblick, Freiburg 1996, 475; vgl. ders., Zwanzig Jahre danach, München / Zürich, 20.

14  Ich knüpfe im Folgenden an Überlegungen an, die ich 2003 aus Anlass des 40-jährigen Konzilsjubiläums vorgetragen habe: Rudolf Voderholzer, Christsein mit dem Vatikanischen Konzil. Sechs Fastenpredigten (= Predigten aus St. Peter in München, 10), München 2003, 14 f.

15   Ausdrücklich sagt das Dekret über die soialen Kommunikationsmittel: „Die mit den sozialen Kommunikationsmitteln arbeitenden Laien sollen vor allem durch Erfüllung ihrer jeweiligen Berufsaufgabe mit Sachverstand und in apostolischem Geiste bereitwillig für Christus Zeugnis ablegen“ (IM 13).

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Quelle

PAPST PAUL VI.: TRADITION – „WURZEL, KEINE FESSEL“

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Papst Paul VI. beim II. Vatikanischen Konzil

Bei der Generalaudienz am 7. August 1974

Das Ohr des modernen Menschen hört zunächst mit einem gewissen Mißfallen diesen Ausdruck, der zur Annahme einer Erbschaft aus früherer Zeit verpflichtet. Dem oberflächlichen Urteil vieler unserer Zeitgenossen nach ist nun die Vergangen­heit ein Hemmschuh; sie möchten ungehindert auf neuen We­gen in die Zukunft eilen, ohne an eine als wertlos, veraltet und überholt betrachtete Tradition gebunden zu sein.Wir laden euch diesmal ein, ein Wort Christi zu betrach­ten, das, so meinen wir, eines der verbreitetsten und ernstesten Probleme unserer Zeit betrifft. Im Evangelium heißt es: „Da sagte der Herr zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52). Über dieses kurze Gleichnis ließe sich viel sagen; aus der Lehre über die höhere Bestimmung des Menschen, zumeist „Himmelreich“ genannt, wird so eine Pädagogik, väterlich und familiär zugleich. Ihr unerschöpfli­cher Reichtum ist die religiöse Wahrheit, in die uns Christus selbst eingeführt hat und der man neue und alte Lehren ent­nehmen kann. Nova et vetera: nehmen wir diese gebräuchliche Formulierung an, die die Lösung der Spannung zwischen re­ligiösem Wissen und der Geschichte beinhaltet. Diese hat einen Namen, der einen guten Teil unseres Glaubens und unserer religiösen Kultur umfaßt; er ist auch euch wohlbekannt und lautet: Tradition.

Diese klare Ausrichtung des menschlichen Geistes auf das Neue, auf die Zukunft hin, durchdringt nicht nur das philo­sophische und religiöse Denken, mit dem wir uns hier beschäf­tigen, sondern die gesamte moderne Mentalität. Diese Menta­lität wird leicht unduldsam, manchmal sogar unruhig, zornig und revolutionär, sobald sie irgendwie mit der Vergangenheit in Berührung kommt. Eine solche Reaktion ist bei einem Groß­teil der Jugend instinktiv; die Jugend gewinnt erst Selbstbe­wußtsein und erträgt nur unwillig das, was ihr aus der Ver­gangenheit angeboten und als verpflichtend vorgelegt wird. Ihr Unwille äußert sich oft in Undankbarkeit und Ablehnung; der Klugheit und Erfahrung früherer Generationen zieht sie das Abenteuer einer noch verborgenen Zukunft vor. In der heutigen Zeit macht sich überdies das Neue, d. h. der Fort­schritt, mit so großartigen Eroberungen und Versprechungen auf allen Gebieten des Wissens und Handelns breit, daß er für die psychologische Einstellung der Jugend immer Sieger bleibt. Das gilt auch dort, wo er — wie das z.B. bei einer gewissen dekadenten Kunst und Moral der Fall ist — diesen Namen nicht mehr verdient, sondern ganz offensichtlicher Rückschritt ist. Er ist etwas Neues, und das genügt; er ist der Weg in die kommende Zeit oder zumindest die Form, die Mode für die heutige Zeit. Und Mode, das wissen wir, ist Königin.

Zudem begünstigt die heute übliche, pragmatische und auf Nützlichkeit gerichtete Denkweise diese Haltung zum Schaden anderer Werte, die diesem unruhigen und fortgesetzten Um­wandlungsprozeß Widerstand zu leisten scheinen. Die Ge­schichte, Mutter der Vergangenheit und der Zukunft, bewahrt diese als ewige Werte in ihrem Besitz — nicht etwa, weil sie sie selbst geschaffen hätte, sondern weil sie aus ihrem Wirken hervorgegangen ist. Dieser Prozeß hat im übrigen seine Berech­tigung und seine Vorteile: Die Zeit ist es, die geheimnisvolle Zeit, die ihn vorantreibt. Und dabei lehrt sie uns gerade durch diese unerbittliche Dynamik, daß den Dingen Unzulänglichkeit innewohnt; sie prägt ihnen dadurch ihre grundsätzliche Be­zeichnung „Geschöpf“ auf. Das wiederum treibt den denken­den Geist zu der ewigen Frage: Wo ist dann der Schöpfer? Das ist Metaphysik, hier ist der Zugang zur Religion.

Und hier wollen wir einhalten — oder vielmehr: wir wollen von einer rein rational und natürlich aufgefaßten Religion wei­tergehen zu unserer Religion. Sie wird uns vom Glauben dar­geboten, und dessen objektiver Inhalt wird uns aus einer genau beschriebenen Geschichte überliefert, die in der Zeit, oder bes­ser: in der Vergangenheit unter genauer Orts- und Zeitangabe, ihren Platz hat (vgl. Lk 2, 1; 3, 1; ff). Wir kennen das Evan­gelium. Es ist eingemeißelt in den Ablauf der Geschichte. Und wir kennen die Autorität, die es dort eingemeißelt hat: Chri­stus. Er ist der Angelpunkt für all die Zeit vor ihm, die wir nun als Altes Testament bezeichnen, und er ist der Angelpunkt für all die Zeit nach ihm, das Neue Testament, bis in unsere Zeit hinein, und sie reicht bis zu seiner letzten Wiederkehr, „bis er wiederkommt“ (Mt 10, 23). Nur aus diesem Verständ­nis des Laufs der Zeit erhält die Geschichte einen Sinn, eine innere Logik, eine Möglichkeit, sie in ihrem Gesamtzusammen­hang zu verstehen. Nennen wir nur einige Namen, die man gewöhnlich in diesem Zusammenhang erwähnt: den heiligen Augustinus, Bossuet, Vico. Vico zum Beispiel sagt, daß Gott die Geschichte entwirft und der Mensch sie im einzelnen aus­führt.

So kommt es, daß wir Gläubigen den Blick unverrückbar auf die Vergangenheit geheftet haben, auf eine ganz bestimmte, historische, unauslöschliche Vergangenheit. „Daher ist die christliche Heilsordnung“, sagt das Konzil (Dei Verbum, Nr. 4), „nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus (vgl. 1 Tim 6, 14; Tit 2, 13). Wir sind glücklicherweise von einer „Tra­dition“ getragen.

Hier müßten wir nun erklären, was wir unter Tradition in diesem religiösen Sinn verstehen. Da ist einmal jene Überlie­ferung, die zusammen mit der Heiligen Schrift die göttliche Offenbarung wesentlich ausmacht. Daneben verstehen wir un­ter Überlieferung die unverfälschte und verpflichtende Weiter­gabe der Offenbarung durch das Lehramt der Kirche, das dabei vom Heiligen Geist geleitet wird. Doch glauben wir, daß diese Begriffe wohl allgemein bekannt sind und man sie des­wegen auch genügend von jenen „Traditionen“ unterscheidet, die man besser Gewohnheiten, Bräuche, Stile, in jedem Fall veränderliche und vergängliche Formen menschlichen Zusam­menlebens nennen sollte, denn ihnen fehlt das Charisma einer Wahrheit, die sie unveränderlich und verpflichtend macht. Ja, wir möchten hinzufügen, daß diese rein geschichtlichen und menschlichen Überlieferungen nicht nur zahlreiche zufällige und wenig dauerhafte Elemente enthalten, denen gegenüber die Kritik frei urteilen und Reformen vorschlagen kann; oft genug müssen sie sogar kritisiert und verbessert werden, denn die menschlichen Dinge veralten leicht, sie können entarten, und dann müssen sie eben gereinigt oder auch ersetzt werden. Wir sprechen nicht umsonst von „aggiornamento“ und Er­neuerung, und ihr wißt, mit wieviel Energie und auf wie vie­len Gebieten wir an ihr arbeiten.

Das Neue, das wir suchen und fördern möchten, besteht oft in dem Bemühen, zu den Ursprüngen zurückzukehren und aus den alten, echten Quellen der Überlieferung Kraft und An­regung für eine lebensvolle Zukunft zu schöpfen. Das Franzö­sische bietet hier das neu gebildete Wort „ressourcement“ an. Die wahre Tradition ist eine Wurzel, keine Fessel. Sie ist ein unersetzliches Erbe, ist Nahrung, Reichtum, Lebenskraft. Wel­ches nun freilich genau dieser Schatz ist, aus dem der weise Christ Altes und Neues hervorholt, wie der Herr gesagt hat, ist nicht leicht in wenigen Worten zu beschreiben. Hier haben wir eine besondere Hilfe nötig, nämlich das kirchliche Lehr­amt, dem vor allem in den entscheidenden Aussagen der Bei­stand des „Geistes der Wahrheit“ (Joh 14, 17; 16, 13) ver­heißen ist. Es hat den Auftrag, die Glaubenslehre zu verkün­den, zu hüten und auszulegen und ihre Anwendung im täg­lichen Leben genauer aufzuzeigen (vgl. DS 1501, 3006; Konst. Dei Verbum, Nr. 8-10).

Dabei kann es bekanntlich vor allem zu zwei Abweichungen kommen: einmal engt man den Bereich des Glaubens aus­schließlich auf die Heilige Schrift ein, obwohl feststeht, daß die Heilige Schrift selber aus der mündlichen Verkündigung ent­standen ist, also aus der Überlieferung der Urkirche. Andere erheben den Anspruch, dem christlichen Glauben ihre eigene oder die ursprüngliche oder eine willkürliche Deutung geben zu können, ihn frei prüfen zu dürfen, und zwar ohne Rück­sicht auf das Lehramt dessen, der die Verpflichtung hat, „das anvertraute Gut zu bewahren“ (1 Tim 6, 20) und — wie der hl. Paulus mahnt — sich „fernzuhalten von dem leeren Ge­schwätz und den falschen Lehren der sogenannten Erkenntnis“ (ebd. 1 Tim 1, 6).

Damit ist nicht gesagt, die Wahrheiten des Glaubens dürf­ten und müßten nicht studiert, untersucht, vertieft und dann auch formuliert werden, wie es bestimmten Kulturräumen und Geistesrichtungen entspricht. Die Glaubenslehre des Glaubens kennt sehr wohl eine gedanklich zusammenhängende Entwick­lung, ja sie geht sogar gern auf die Forderungen des Denkens und auf die Pflicht zur Kontemplation ein; der hl. Paulus selbst ermuntert ja dazu, „in der Erkenntnis Gottes zu wach­sen“ (Kol 1, 10; vgl. Eph 1, 17; vgl. Newman). Aber die ka­tholische Glaubenslehre bleibt eindeutig. Sie hält treu an ihrer wesentlichen ursprünglichen Bedeutung fest, bleibt sich selber gleich, so wie Christus sie verkündet hat und wie die Kirche sie unter der Führung des Heiligen Geistes zum Heil der Men­schen noch heute darbietet, verteidigt und wachsen läßt. Denn die Wirklichkeit, um die es hier geht, ist göttlich und unaus­sprechlich, der Blick findet keine Grenze. Altes und Neues! Vergeßt es nicht!

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974 – Libreria Editrice Vaticana

Antimodernist.org: „Schlage den Hirten…“

Zitat aus ANTIMODERNIST.ORG: „Schlage den Hirten…

6. Freilich ist auch der „Sedisvakantismus“ nicht ohne Schwierigkeiten. Zu normalen Zeiten würde die Kirche eine eingetretene Sedisvakanz feststellen, sie würde aufzeigen, daß der Papst „schon gerichtet ist“, wie Innozenz III. es oben erklärt hat. Aber wo ist heute die Kirche, die so etwas feststellen kann? Wo sind die katholischen Bischöfe, die katholischen Kardinäle, wo die geschlossene katholische Laienschaft, vertreten womöglich durch den Kaiser des heiligen römischen Reiches? Zur Zeit des großen abendländischen Schismas gab es sie noch, und so konnte diese Krise überwunden werden. Heute gibt es sie nicht mehr. Ein kleiner Rest von katholischen Gläubigen, Priestern und vielleicht ein paar wenigen Weihbischöfen kann diese Aufgabe nicht übernehmen. Wie sollten sie verbindlich erklären, daß der Mann in Rom gar nicht Papst ist, daß alle seine Akte, auch als Staatsoberhaupt des Vatikan, als Verwalter von dessen Gütern, daß all seine Entscheidungen als Kirchenoberhaupt wie etwa Bischofsernennungen etc., daß all das und vieles mehr ungültig ist? Und wenn sie es erklären würden, wer würde davon überhaupt Notiz nehmen und nicht allenfalls darüber lachen?

Es hat nicht an „Sedisvakantisten“ gefehlt, die dennoch diesen Versuch unternommen haben und dann auch gleich den nächsten Schritt taten und einen Papst wählten (weshalb sie denn auch eigentlich gar keine „Sedisvakantisten“ mehr sind). So kam es zu einer nicht unbeträchtlichen Schar von teilweise recht bunten „Papst“-Gestalten wie Linus II., Pius XIII., Michael I., Clemens XV., Leo XIV., Gregor XVII., Petrus II. und vielen anderen. Jeder dieser „Heiligen Väter“ verfügt über eine recht begrenzte Anhängerschaft und wird selbstverständlich von den Anhängern der anderen „Päpste“ keinesfalls anerkannt. Dieses Geschwader von wie Pilze aus dem Boden sprießenden „Gegenpäpsten“ ist sicher ein weiterer Beweis für das heutige Fehlen einer wahren kirchlichen Autorität.

Es soll nicht verschwiegen werden, daß einige „Sedisvakantisten“ auch der Versuchung nicht widerstehen konnten, aus ihrer theologisch klaren Lehre eine Ideologie zu machen – wie man denn aus allem eine Ideologie machen kann -, und daß es nicht an Strolchen fehlt, die unter dem Deckmäntelchen des „Sedisvakantismus“ ihr Unwesen treiben bis hin zur Simonie. Vielleicht haben diese alle ja eine Mitschuld an dem schlechten Ruf der „Sedisvakantisten“. Vor allem dürfte dieser jedoch ähnlich begründet sein, wie man es zu allen Zeiten verstanden hat, die treuen und konsequenten Katholiken mit abwertenden Titeln zu belegen und zu verunglimpfen, um sie auf diese Weise ins sektiererische Abseits zu schieben. „Die Kirchengeschichtschreiber verzeichnen eine lange Liste von häßlichen Schimpfworten, mit denen sich unsere Väter im Glauben, jene bewunderungswürdigen Geistesmänner, deren die Welt nicht wert war, mußten behandeln lassen: Lichtscheue, Ungebildete, Bauern, Tölpel, Idioten, Narren, vernagelte, ungehobelte, viehische Ungeheuer, Eselsanbeter und dgl. mehr. Da dürfen wir viele Jahrgänge unserer Zeitungen, die uns ja auch nicht eben glimpflich behandeln, durchgehen, bis wir nur annähernd eine ähnliche Summe von Beleidigungen zusammenbringen.“ So schreibt Albert Maria Weiß, selbst als „Ultramontanist“ und „Antimodernist“ verschrieen.

7. „Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen“ (Zach 13,7; vgl. Mt 26,31; Mk 6,34). Ohne sichtbaren Oberhirten mußte sich die Herde zerstreuen. Das ist evident. Nur ein wahrer, katholischer Papst kann und wird sie wieder einen.

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Lesen Sie unbedingt den ganzen Artikel in Antimodernist.org – und kommentieren Sie, wenn Sie wollen, hier!

„TRADITIONELLE MODERNISTEN“?

Das ist die „Etikettierung“ unseres Mitkommentators „Stephan“, die er zusammenfassend für alle jene gebraucht, die den vermeintlichen „Mittelweg“ zwischen dem Sedisvakantismus und dem Anti-Sedisvakantismus der traditionsverbundenen Kleriker und Gläubigen beschreiten.

Demnach wären (implizit) namentlich Erzbischof Lefebvre und seine Priesterbruderschaft St. Pius X., seine Bischöfe, seine Priester und Gläubigen, aber auch die Petrusbruderschaft und die „Ecclesia-Dei-Gemeinschaften“ mit ihrer jeweiligen Geistlichkeit und Anhängerschaft „traditionelle Modernisten“; denn treu-gläubig katholisch kann nach seinen Prinzipien nur sein, wer erkennt und bekennt, dass die „Konzilspäpste“ allesamt formelle Häretiker und deshalb ungültige „Päpste“ und damit ihre Akte null und nichtig („nul et non avenu“, „null and void“) sind.

Damit eröffne ich hier einen eigenen Diskussions-Thread und bitte meine Leser, dazu ihre/n SACHLICHEN Kommentar/e und auf ebensolche SACHLICHEN Gegen-Kommentare ihre REPLIK(EN) abzugeben.

Das war meine Beurteilung der postkonziliaren Lage im Frühjahr 1990

«Prüfet alles (auch das Neue)!»

«Das Gute (auch des Neuen) behaltet!»

Die katholischen sogenannten „Traditionalisten“ gehören ganz allgemein zu denjenigen, die dem wahren Glauben am treuesten sind. Sie bekennen sich am mutigsten und selbstlosesten und unverbrüchlichsten zum ganzen, unverkürzten katholischen Glauben aller Zeiten, d.h. zur Tradition, zum Glaubenserbe, zum Depositum Fidei! Sie haben nicht nach (äußerlichen) Reformen gerufen. Vielmehr leiden sie darunter, weil diese Reformen in großem Ausmaß rein kosmetische und sogar entstellende sind. Innere, geistig-seelische Verbesserungen sind dabei ja fast durchwegs ausgeblieben, ja das Gegenteil ist eingetreten: das Niveau ist schrecklich gesunken! Gewiß, man kann nicht sagen, daß solches beabsichtigt war, jedenfalls nicht von der Kirchenleitung. Aber von Anfang an wollte man auch an höchster Stelle die (kompetenten) warnenden Stimmen nicht (mehr) ernst nehmen. Man hatte sich nun einmal in der Überzeugung fixiert, daß das katholische Haus einer Generalüberholung, einer umfassenden Außen-Renovation, einer Modernisierung bedürfe, und man ging ziemlich hastig und radikal ans Werk. Sobald die schon lange wartenden Handwerks- und Abbruchleute das Signal bekamen und wahrnahmen, zögerten sie keinen Augenblick mehr. Wie es mit unzähligen Kirchenbauten aus Stein und Holz ging, so geschah es mit dem geistigen Kathedralbau „Römisch-Katholische Kirche“! Unsachverständig, verächtlich oft, erbarmungslos mitunter wurde da Altes, Ehrwürdiges relegiert, entfernt, niedergerissen, „kurz- und kleingeschlagen“ und auf den Schutt geworfen oder verbrannt. Wieviele Tränen der besten Gläubigen sind da geflossen, und wieviele sind in Hälsen würgend, in Herzen — sie (beinahe oder gänzlich) brechend — steckengeblieben!? Und an die Stelle des (gewachsenen) Alten, Ehrwürdigen, Stillen, Armen, Heiligen, kam (künstliches) Neues, Funkelndes, Prangendes, Protzendes.

Die „Traditionalisten“ — übrigens eine ganz schlechte Bezeichnung für die Treugläubigen — haben dies nicht gewollt. Kein Heiliger der ganzen Heilsgeschichte hat jemals nach solchen  Reformen gerufen. Aber das, was wir in unserer Kirche bis unmittelbar vor dem Konzil hatten, das waren Zeugnisse und Zeugen heiligen Glaubens und heiligmäßiger Gläubiger! Wenn ich an unsere — jetzt vielerorts verunstalteten, wenn nicht zweckentfremdeten oder gar zerstörten — Kapellen und Kirchlein und Kirchen und Dome und Kathedralen unserer Jugendzeit und der Zeit unserer Eltern und Großeltern denke und sie mit den konziliaren und postkonziliaren Gemeindezentren, Mehrzweckgebäuden und Versammlungshallen vergleiche, dann fährt mir ein eisiger Schauer durch Knochen und Mark! Schon allein an diesen Äußerlichkeiten erkennt man den Geist, sowohl den guten derer, die das einstmals verwirklichten, was wir heute — weil malträtiert oder mißbraucht, entfernt oder zerstört — betrauern, wie den schlechten derer, die das Moderne, Minderwertige eigenmächtig an seine Stelle setzten. Zum Glück gibt es auch heute noch die vielen erhaltengebliebenen materiellen Zeugen der Vergangenheit. Nur dank diesen aber sieht an so vielen Orten das, was die „Konzilskirche“ heute tut, noch einigermaßen „katholisch“ aus! Wäre manchenorts der katholische Raum, das katholische Gebäude, der katholische Rahmen (als Kleid, als Hülle oder Maske) nicht noch von früher her vorhanden, dann könnte kein von den Toten zurückkehrender Vorkonziliarer das Tun seiner heutigen „Glaubensbrüder“ auf den ersten Blick als wahrhaft katholisches erkennen. Noch nicht überall, aber wohl an den meisten religiösen Stätten, ist von dem, was einst auf der ganzen Welt als der schönste, herrlichste, sublimste Kult galt, nicht mehr viel übriggeblieben! Und das ist das Werk einer Generation von Kirchenfürsten!

Und wenn ich an unsere ehemaligen Organisationen, Vereine, Gesellschaften, Orden, Missionen denke, und sie mit dem Erbärmlichen, dem Ausgemergelten, dem Skelettösen vergleiche, was heute davon noch geblieben oder an ihre Stelle getreten ist, dann durchfährt ein stechender Schmerz mein ohnehin betrübtes und beinahe untröstliches Herz.

Wäre es nun nicht an der Zeit, Rom würde sich darauf besinnen, all die guten noch existierenden bewahrenden Kräfte zu unterstützen, statt sie zu verleugnen, zu verdrängen und sogar in die Abkapselung, in die Ein-Igelung zu treiben (und dann dort zu belassen)? Diejenigen, die (auch im Äußeren, Sinnfälligen) beim Alten, beim Allzeitigen, beim Immergewesenen bleiben wollen, können nicht im Fehler sein. Wenn Rom neue, bisher ungewohnte, unvorstellbare Wege geht oder mitgeht, dann hat es (auch vor Gott) kein Recht, daß ihm alle blind oder vertrauensselig folgen. Der Mensch ist kein Herdentier (sollte es aufgrund Gottes Bestimmung und Berufung nicht sein!). Der gläubige Mensch kennt vor allem einen Hirten, und das ist JESUS CHRISTUS, das ist GOTT selbst. Jeder Gläubige hat das Recht, ja die Pflicht, Menschen, selbst religiösen Führern, selbst einem Papst, nicht zu folgen, wenn er zurecht oder zuunrecht) die ehrliche Überzeugung hat, daß diese von dem abweichen, was JESUS, was GOTT will. Die Herde ist ihnen nicht (zum Besitz) ausgeliefert. Sie ist ihnen (als Verwaltungsgut) anvertraut! Und ihre Herden sind nicht Herden von vernunftlosen Tieren, sondern von vernunftbegabten, mit freiem Willen ausgerüsteten Menschen, von Seelen, von mitdenkenden, mitverantwortlichen, mitentscheidenden ewigen Geist-Wesen! Keine Seele kann sich vor Gott auf einen schlechten Hirten berufen, auf ihn die persönliche Schuld abwälzen, wenn sie verlorengeht oder (vielleicht für längere Zeit) ins Purgatorium muß, auch nicht auf einen (hohen, höchsten) Stellvertreter Christi!

In vielem von dem nun, was unsere Oberhirten (die Bischöfe!) unter der Leitung, bzw. Nicht-Leitung des Vatikans, der Konzilspäpste, geändert haben, erblicken Treugläubige (schwere) Gefahren für ihren Glauben. Und deshalb haben sie vor Gott das Recht, sich entsprechend zu schützen. Oberstes Gebot für einen Christen ist ja, alles zu tun, den Glauben nicht zu gefährden, nicht aufs Spiel zu setzen. Und so folgt, daß wenn ein Gläubiger in seiner Pfarrei durch das moderne, modernistische Treiben seiner „Geistlichkeit“ einer Neuinterpretation seines Glaubens ausgesetzt wäre, er das Recht und sogar die Pflicht hat, sich dieser Gefahr zu entziehen. Und daraus folgt wiederum, daß er das Recht und die Pflicht hat, sich mit seinen (von ihm als solche erkannten) wahren Glaubensbrüdern zusammenzutun und den Gottesdienst und das Glaubensleben so zu gestalten, wie er es vor Gott als richtig, als am besten erkennt, und nicht so, wie es eine neue Wege diktierende Kirchenführung will!

Wer also etwas Zentrales unserer heiligen Religion markant reformiert, bzw. deformiert, was allzeit gleiche Gestalt und gleichen Gehalt hatte, der hat keinen Anspruch auf Gefolgschaft, auch wenn er mit dem höchsten Führungsamt betraut ist. Die katholische Meßliturgie (das Herzstück unseres Glaubens) nun ist durch den ganzen von uns Heutigen einigermaßen einsehbaren verflossenen Zeitraum bis zum II. Vatikanum (bis auf Nebensächlichkeiten) stets gleich geblieben! Deshalb gibt es keine menschliche Autorität auf der ganzen Welt, die eine Legitimation hätte, die Gläubigen und die Seelsorger, die Laien und den Klerus, von dieser höchstgeheiligten göttlichen Liturgie zwangsweise abzubringen. Paul VI. hat einen kapitalen, katastrophalen Fehler begangen, hat sich objektiv schwer verfehlt, als er den Novus Ordo Missae zwingend vorschrieb. Sowenig wie er z.B. den (unierten!) Orthodoxen je hätte befehlen können, daß sie ihre jahrhundertealte Liturgie modernisieren, an den lateinischen Ritus anpassen oder gar (jetzt) gänzlich zugunsten des postkonziliaren aufgeben, sowenig kann ein Papst den Angehörigen des Lateinischen Ritus den neuen, in fast allem geänderten und modernisierten befehlen! Und Johannes Paul II. als sein Nachfolger, begeht denselben schlimmen, verhängnisvollen Fehler, wenn er weiterhin darauf besteht, daß alle sich diesem liturgischen Diktat zu beugen haben, (abgesehen von ein paar Ausnahmen auf der Grundlage von schäbigen „Indulten“)! Solange er die alte, altehrwürdige, aufs höchste kanonisierte („tridentinische“) Opferliturgie nicht völlig freigibt  und damit wieder zu der ihr gebührenden Anerkennung und Ehre und möglichen Bevorzugung bringt, besteht der vorhandene Widerstand der sogenannten Traditionalisten, in welcher (angemessenen, christenwürdigen) Form auch immer, auch derjenige der Sedisvakantisten, zurecht. Und GOTT duldet ihn nicht nur, sondern er SEGNET ihn, Er erhält ihn und vermehrt ihn, bis dem Papst, irgendeinem Papst einmal, die Augen aufgehen, was wir alle hoffen und worum wir alle BETEN!

Das war die eine Seite der Problematik. Die andere aber ist das Neue, wie es sich inzwischen konsolidiert und etabliert hat. Wie ist es zu werten? Wie haben wir uns ihm gegenüber zu verhalten? Auch darin herrscht für die meisten keine Klarheit. Ich möchte dieser Seite darum diesmal mehr Gewicht geben. Wie stehe ich persönlich zu den konziliaren und postkonziliaren offiziellen Reformen?

Nun, was meine Wenigkeit betrifft, ich „schlucke“, ich akzeptiere sie, insofern sie anhand der traditionellen katholischen Lehre und Praxis theologisch und pastoral (einigermaßen) zu rechtfertigen sind. Es ist nach meiner persönlichen Überzeugung nicht alles Neue schlecht, einfach weil es neu, noch nie dagewesen ist. Und es ist demgemäß auch nicht alles Alte gut oder immer noch gut oder immer noch besser, nur weil es früher gang und gäbe war oder als unübertrefflich galt. Viel Gewesenes bedurfte einer Reform. Viel Zeitbedingtes konnte (mit Vorteil) und viel Anachronistisches mußte (um — auf die Länge — Schaden zu vermeiden) an die neuen Gegebenheiten angepaßt werden. Es war nicht verboten, eine Liturgie zu schaffen und anzubieten, die dem besonders Rechnung trägt, was den heutigen Menschen allgemein (mehrheitlich) besser anspricht. Die Kirchenführung hat fraglos das Recht, ja sogar die Pflicht vor Gott, „die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen, zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen“ und deshalb „sich um Erneuerung und Pflege der Liturgie zu sorgen.“ („Konstitution über die hl. Liturgie“, II. Vatikanum, Einleitung) Aber sie hat kein Recht, einen jahrhundertelang von ganzen Völkern und Generationen ununterbrochen bis in unsere Zeit hinein segensreichst praktizierten und noch dazu (in der lateinischen Ritus-Kirche) (sozusagen) exklusiv vorgeschriebenen, natürlich und übernatürlich gewachsenen Ritus durch ein päpstliches Dekret und Bischofskonferenz-Erlasse zu verbieten! Sie mag Priester und Volk dazu einladen, die Liturgie nach (erprobten!) approbierten neuen Formen zu vollziehen. Aber sie kann und darf die geheiligten alten Formen nicht außer Kraft setzen und nicht verbieten und die ihr treu Verbundenen nicht ächten, bzw. ächten lassen! Hätte sie so gehandelt: hätte sie es jedem (Priester wie Laien) freigestellt, am Neuen teilzunehmen und/oder am Alten, je nach seelischem Bedürfnis, dann wäre das nicht geschehen, was jetzt geschehen ist. Die Besten hätten keine Veranlassung gehabt, das Vertrauen in die Vorgesetzten zu verlieren und das Neue zu beargwöhnen und sogar zu verurteilen. Da man das Neue zwangsweise an die Stelle des Alten gesetzt hat, war es vielen allein deswegen schon verdächtig. Einheit aber erwächst nicht aus Einheitlichkeit, aus Uniformität, aus Gleichschaltung. Einheit erwächst aus Geistes-Weite und Geistes-Tiefe, aus (gegenseitiger) Achtung alles Positiven!

Aber ist dies Neue nun nicht doch solcherart, daß man es als etwas Schlechtes, etwas Schädliches, ja den Glauben Zerstörendes betrachten muß? Ist die Messe, die Eucharistiefeier nach dem Novus Ordo Missae nicht intrinsisch (ihrer Wesensnatur nach) schlecht, wenn eventuell auch (mitunter) gültig?

Ich habe in Antworten auf Leserbriefe bereits mehrmals angedeutet, daß ich eine solche Auffassung nicht teile. (Vgl. auch meine Entgegnung auf den Brief von Bernhard Zaby in dieser Ausgabe!) Das vom Konzil, von Paul VI. und auch von Johannes Paul II. offiziell gutgeheißene und promulgierte Neue kann nach meiner persönlichen Überzeugung zurecht als etwas in vielem (leicht bis schwer) Mangelhaftes, aber nicht als etwas in sich Schlechtes, Negatives also Gottwidriges betrachtet werden. Sonst hätten die Konzilspäpste tatsächlich aufgehört, Päpste zu sein, bzw. wären es gar nicht erst geworden. Und somit wäre die Kirche Gottes (in ihrem sichtbaren Teil) seit 25 Jahren „kopflos“! Nein, hier muß man sich nun wirklich hüten, ins (andere) Extrem zu verfallen. Mißtrauen gegenüber dem Neuen, wohlan, das ist begreiflich und aufgrund aller notorischen Mißstände auch vertretbar. Sollen die die neuen Formen pflegen, die nach ihnen gerufen haben, die sich damit unschwer abfinden können oder sich in ihnen gar wohlfühlen. Aber sie allen einfach aufdrängen und aufzwingen, nur um einer so ohnehin nicht möglichen Einheit, bzw. Einheitlichkeit willen, nein, tausendmal nein! Wenn die Bischöfe unter der Leitung Roms dazu nicht imstande sind, den an den Hochformen der Liturgie hangenden besten Gläubigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dann haben sie eben ihren Kredit verspielt, sie und es! Das tut mir selber furchtbar leid. Aber ich vermag nichts dagegen. Wenn ich vor mir und vor aller Welt so täte, wie wenn ich ein Herz und eine Seele mit der Hierarchie wäre, es würde nichts fruchten. Ich will kein Heuchler sein! Und unsere Hirten, unsere Oberhirten sollten es auch nicht sein. Unsere Kardinäle, Bischöfe, Priester und führenden Laien zelebrieren  aber vornehmlich Einheit mit dem Papst (soweit der Papst ihnen willfährt!). Sie haben keinen Mut, ihr eigenes Denken und Empfinden — wenn es (zugunsten der Traditionsverbundenen) abweicht von dem seinigen — zu verkünden. Sie haben keinen Mut, ihm ins Angesicht zu widerstehen, wenn sie selbst vor ihrem Gewissen, vor GOTT erkennen, daß sie es tun müßten. Sie verschanzen sich lieber hinter der bequemen Ausrede, „der Heilige Vater muß es ja besser wissen“. Nein, der Heilige Vater muß es nicht besser wissen. Er hat von Christus nicht das Charisma empfangen, immer alles besser zu wissen. Sondern er hat von ihm die Sondergabe erhalten, mit höchster Autorität zu lehren und zu regieren. Aber natürlich nicht wie ein HERR, wie ein HERRSCHER, wie ein DESPOT (Willkürherrscher), sondern wie ein DIENER! („Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“ Matth. 20,26, Markus 10,43, „Wer der Größte unter euch ist, werde vielmehr wie der Geringste, der Vorgesetzte wie der Diener.“ Lukas 22,26!)

Nun glaube ich, daß sie, daß Johannes XXIII., Paul VI. und auch Johannes Paul II., das schon auch woll(t)en. Ich erkenne klar, daß sie DIENEN und nicht herrschen wollen. Ich empfinde die Art des Umgangs vor allem auch Johannes Pauls II. mit seinen Untergebenen, mit Klerus und Volk und allen Menschen weltweit, als wohltuend (entkrampft), als erfrischend unkompliziert, absolut nicht als herrscherisch. Aber genau das müßte nun auch übergreifen auf den Teil der Herde Christi, der seit dem Konzil so stiefmütterlich behandelt worden ist. Natürlich ist Erzbischof Lefebvre mit seinen Mitverantwortlichen rein kirchenrechtlich im „Unrecht“ dem Heiligen Vater gegenüber. Die Exkommunikation hat er, der Papst, tatsächlich auch nicht (mutwillig) über sie verhängt. Er hat nicht „den Bannfluch gegen sie geschleudert“, sondern er hat einfach öffentlich und amtlich festgestellt, daß er, daß sie durch ihre Tat sich selbst die Exkommunikation zugezogen haben. Und ihn ehrt (persönlich), daß er dies (bis zuletzt) einigermaßen zu verhindern trachtete. Aber er (mit seinen nächsten Mitarbeitern) hat nicht genug getan, vor allem offenbar nicht das Richtige zur richtigen Zeit. Aber es ist müßig, moralische Schuld zu verteilen. Ich habe schon wiederholt das Bekenntnis abgelegt, daß ich glaube, daß sie, sowohl Johannes Paul II., wie auch Erzbischof Lefebvre, moralisch absolut integer, ja heiligmäßig sein können, und daß es GOTT dennoch zulassen kann, daß sie einander in der Sache (lange Zeit) nicht näherkommen, ja meinen, einander Widerstand leisten und sogar bekämpfen zu müssen. Sie können auch beide tatsächlich gleichzeitig im Recht sein. Der Menschen Erkennen und Handeln ist Stückwerk! Der Papst hat Erzbischof Lefebvre voraus, daß er die höhere, die höchste Autorität hat. Erzbischof Lefebvre hat dem Papst voraus, daß er nichts anderes will, als das allzeit Gewesene bewahren, d.h. es sich (und den Seinen) nicht durch (verblendete) Amtswillkür entreißen zu lassen!

Nun hat Johannes Paul II. allerdings etwas getan, was seinen (unser aller) Forderungen entgegenkam: Er hat als erster Papst nach Vatikanum II und nach Inkraftsetzung der Liturgiereform die hl. Messe nach vorkonziliarem (tridentinischem) Ritus ein gutes Stück weit wieder erlaubt. Aber eben: wie oben bereits gesagt: dieses Entgegenkommen hat die Zweifel und den Argwohn (noch) nicht auszuräumen vermocht, weil es eindeutig zuwenig weit ging. Niemals kann es genügen, diese altehrwürdige Liturgie nur in einer „Nische“, in einem „Verlies“, in einer „Katakombe“ zu „dulden“, mit schäbigen, beschämenden Auflagen und Restriktionen! Niemals kann es akzeptiert werden, diesen Ritus zugestanden zu bekommen, „um ihn auslaufen zu lassen“, wie es Kardinal Ratzinger einmal sagte. Das war der Kapitalfehler in seinem Pontifikat bisher, daß er es noch nicht eingesehen hat, daß für einen Großteil der katholischen Christenheit das heilige Meßopfer nach tridentinischem Ritus etwas so Unverzichtbares, etwas so Wesentliches bedeutet, daß sie alle, die vielen Tausenden, es sogar vorziehen, ohne ihn, den Stellvertreter Christi, auszukommen, in der (Kirchen-)Verbannung zu leben, als diese Gottesdienstform aufzugeben! Und man glaube nur nicht, daß dies etwa wegen Erzbischof Lefebvre und seiner Priesterbruderschaft so sei. Auch wenn es ihn und sie nicht gäbe, wäre dem so. Hunderttausende auf dieser Erde sind und bleiben dem altehrwürdigen Ritus treu verbunden. Da wird kein noch so hohes kirchliches Amt etwas dagegen vermögen, auch eine ganze Reihe von Päpsten nicht, auch ein eventuelles (gleichgeschaltetes) nächstes Konzil nicht! Es ist aber auch himmelschreiend ungerecht, daß Rom in dieser Zeit alles erlaubt und sogar fördert, was es da an Riten und Neuriten und Unriten weltweit gibt, sogar die abartigsten „Inkulturationen“, und nur den einen, ausgerechnet den einen und einzigen heiligsten seit dem Konzil so verächtlich, so wegwerfend behandelt! Warum nur, warum!? Haben sie angst, ihr Reformwerk könnte hinweggeblasen werden, so wie um das Jahresende 1989 das mehr als 70jährige Reformwerk (Revolutionswerk) der (marxistischen) Kommunisten wie ein Dominospiel gefallen ist? Seht, so geht es, wenn man die Natur, die Natur der Dinge und der Menschen vergewaltigt! Die Liturgiereform war — so wie sie durchgeführt wurde — in weiten Teilen nichts anderes als eine Vergewaltigung der Gläubigen!

Vielleicht wird uns die Tatsache, daß jetzt der „Eiserne Vorhang“ gefallen ist, zu Hilfe kommen. Die Liturgien der Kirchen des Ostens, ihre Einrichtungen und liturgischen Bräuche, ihre Überlieferungen und ihre christliche Lebensordnung sind ja zum Glück weitgehend unangetastet geblieben. „In diesen Werten von ehrwürdigem Alter leuchtet ja eine Überlieferung auf, die über die Kirchenväter bis zu den Aposteln zurückreicht. Sie bildet ein Stück des von Gott geoffenbarten und ungeteilten Erbgutes der Gesamtkirche. Für diese Überlieferung sind die Ostkirchen lebendige Zeugen“ (Dekret über die katholischen Ostkirchen, Art. 1)

Und wenn man versuchen sollte, nun auch diese in den konziliaren Reformprozeß einzubinden und damit auch ihre altehrwürdigen Liturgien zu modernisieren (umzufunktionieren), dann bleiben —zur Verhinderung einer Gleichschaltung — immer noch die Bastionen der nicht-unierten Ostkirchen, der vorchalkedonensischen und der chalkedonensischen Orthodoxie, die „kanonischen orthodoxen“ Kirchen (die „autokephalen“ und die „autonomen“ Kirchen) und schließlich die orthodoxen Kirchen, deren Kanonizität nicht überall anerkannt wird.

Aber ich unterstelle dem Papst und seinen Mannen eine solche Absicht nicht. Vielmehr habe ich soviel auf Gott abgestütztes Vertrauen auch in ihn und in sie, auch jetzt noch, auch noch nach allem, was bereits geschehen ist, daß ich nicht aufhöre zu hoffen, daß eine alle Seiten befriedigende Lösung möglich, realisierbar ist. Dazu wären m.E. zwei Stoßrichtungen der Kirchenführung erforderlich: zum einen müßte der Heilige Vater seine Kommission „Ecclesia Dei“ mit traditionsverbundenen Kräften verstärken und nochmalige, diesmal aber weitergehende, intensive Verhandlungen mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. zwecks einer Versöhnung anberaumen. Zum zweiten müßte er gleichzeitig weltweit vor allem die Bischöfe und Priester zu einer Neubesinnung auf die vorkonziliare, auf die allzeitige Liturgie aufrufen, jedenfalls müßte er sie energisch, und das heißt mit persönlichem vollem Engagement, dazu anhalten, jene nicht mehr zu ächten, die zu dieser Liturgie halten. Die minimalste Lösung aber wäre die, daß er der Priesterbruderschaft St. Pius X. freizügig einen Status verleihen würde, dem ähnlich, den jetzt die Priesterbruderschaft St. Petrus bereits besitzt, mit dem gewichtigen Unterschied allerdings, daß er dafür Erzbischof Lefebvre und seine Anhänger nicht dazu zwingt, das Konzil und die Konzils- und Postkonzilsreformen tels quels zu anerkennen und damit innerlich mitzuvollziehen und damit sich dafür (vor Gott und den Menschen) mitverantwortlich zu machen. Er müßte ihnen den notwendigen (und möglichen!) Differenzierungsspielraum zugestehen. Solange er mit seinen zuständigen Mitarbeitern in Rom darauf beharrt, daß alle alles,  so wie es ist, und so wie sie es interpretieren, und so wie es bisher praktiziert wurde, anerkennen müssen, wird es keine Lösung geben. Je länger dieser trostlose Zustand dann aber dauert, desto schlimmer wird er werden.

Aber ich sehe noch die Möglichkeit, daß — wider allen Anschein — doch alles noch zu einem guten oder wenigstens passablen Ende kommt. Es sind ja letztendlich nicht die Menschen, die das abschließende Sagen und Entscheiden haben. Über ihnen waltet GOTT. Und ER hat uns die wunderbare Verheißung gegeben: „Fürchtet euch nicht“! „Die Pforten der Hölle werden SIE (die Kirche) nicht überwältigen“!

In diesem Sinn wollen wir weiterhin beten und wirken.

Paul O. Schenker

Was wollen die katholischen „Traditionalisten“?

Von Niklas Freiherr von Schrenck und Notzing

Unter den Millionen von Menschen, die sich katholisch nennen, bilden die Traditionalisten nur eine Minderheit. Wo sie sich um eine Zeitschrift oder um eine Persönlichkeit geschart haben, sind sie in der pluralisierten Kirche von heute nur eine kleine Gruppe unter vielen. Sie heben sich klar und deutlich von der herrschenden Richtung der postkonziliaren Kirche ab, die ihnen denn auch den Dialog verweigert, sie totschweigt, verspottet, verdächtigt oder exkommuniziert. Die Hierarchie unterdrückt die alte römisch-katholische Messe der Traditionalisten, fast der einzige untersagte Ritus im „neuen Reichtum“ liturgischer Vielfalt. Im Zeichen des Ökumenismus und der Mitmenschlichkeit ist für den schrift- und traditionsgläubigen Christen bald kein Platz mehr in der postkonziliaren Kirche.

Sind die Traditionalisten also Sektierer? Nein, wenn man nicht jede religiöse Minderheit als Sekte betrachtet; wenn man eine religiöse Bewegung nicht an der Steuerkraft ihrer Mitglieder, sondern an den Quellen ihres Glaubens mißt; wenn man als Sektierer jene bezeichnet, die sich aus einzelnen Elementen ihrer Religion eine neue zusammenstellen und sich einen eigenen Glauben, eine eigene Liturgie und eigene kirchliche Strukturen gestalten. Sektierer glauben sich im Besitz religiöser Wahrheiten, die ihrer Ursprungsreligion verborgen blieben. Die Traditionalisten aber glauben nichts anderes als die katholische und apostolische Kirche seit fast 2000 Jahren als den wahren christlichen Glauben bezeugt. Sektierer sind esoterisch und elitär, sie kennen keine Autorität als ihre eigene Verkündigung; ihre Lehre übersteigert einseitig einzelne Thesen und Gesichtspunkte und ist oft örtlich und zeitlich gebunden. Die Traditionalisten aber charakterisiert die Bewahrung des „Katholischen“ in einer religiös, geistig, liturgisch und territorial zerrissenen Kirche. Sie bleiben unbeirrbar bei der ewig und allgemein gültigen, allen Menschen gleich gerechten und gleich zugänglichen, eben katholischen Glaubenslehre. Diese Lehre ist für sie die übernatürliche Offenbarung Jesu Christi, das Evangelium, wie es durch die Heilige Schrift und durch die kirchliche Tradition auf uns gekommen ist. Für sie hat das Lehr-und Hirtenamt der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes das Evangelium wahr und rein, ganz und integer durch die Jahrhunderte bewahrt. Was dieser Tradition entgegen ist, halten die Traditionalisten für falsch und verderblich. Ob etwas rechtgläubig oder häretisch ist, hängt für sie allein von der Übereinstimmung oder Unvereinbarkeit mit der katholischen Lehre ab. Papst und Bischöfe haben von Christus das Lehramt anvertraut erhalten. Sie stehen also nicht über ihm, sondern unter ihm. Sie sind an Schrift und Tradition gebunden wie jeder andere. Deshalb können auch sie zu Häretikern werden und vom katholischen Glauben abfallen.

Wenn die Traditionalisten nun keine Sektierer sind, sondern die traditionsgläubige Richtung innerhalb der Kirche bilden, sind sie dann nicht wenigstens Extremisten? Weichen doch ihre Ansichten von der „gesunden Mitte“ aller Meinungen ab, nach „rechts“ etwa, wenn die Progressisten „links“ sind! Liegt denn die Wahrheit nicht immer in der Mitte? Um diese Frage zu beantworten, muß zunächst geklärt werden, was man unter „Mitte“ versteht. Da ist einmal das „statische, rückwärtsgewandte, autoritäre“ Weltbild, das einen persönlichen Gott kennt, ein absolutes Sein, eine absolute Wahrheit und eine gottgeschaffene Ordnung der Dinge. Die Mitte ist das ewige — für den Christen der ewige dreieinige Gott —, die Quelle alles Wahren, Guten und Lebendigen, das Zentrum der rechten Ordnung und echten Welt. Was sich von dieser zentralen Mitte entfernt, wird mit der zentrifugalen Kraft des Irrtums und der Selbstsucht, der Lüge und des Bösen hinausgetragen an die Peripherie des Seins, wo es von der lebendigen Wirklichkeit getrennt in der Verblasenheit des Nichts endet. Dann gibt es aber auch das „evolutionäre, fortschrittliche, demokratische“ Weltbild der modernen Dialektik. Es kennt keine absolute, nur eine geschichtlich sich wandelnde, progressive Wahrheit. Sie liegt als Synthesis in der Mitte von Thesis und Antithesis. Die dialektische Mitte liegt zwischen den beiden extremen Positionen der These und Antithese, beiden gleich weit entfernt. Die Mitte ist also das Produkt ihrer Extreme. Sie ist immer von einem theoretischen Gegensatzpaar „rechts“ und „links“ abhängig und damit ständiger Veränderung unterworfen. Die Wahrheit dieser Mitte ist nicht wirklich, sondern manipuliert.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“, sagt Christus. Er ist das Haupt der Kirche und ihrer Mitte. In Schrift und Tradition bewahrt die Kirche seine Offenbarung. Sie ist die Mitte des katholischen Glaubens. Wer sich von dieser Mitte entfernt, wird von den zentrifugalen Kräften der Häresie und des Sektierertums erfaßt. Für den christlichen Katholiken kann es daher keine Wahrheit des dialektischen Kompromisses geben. Eine sich stets wandelnde Wahrheit leugnet die absolute Wahrheit. Eine Wahrheit in der Mitte zwischen zwei theologischen Lehrgebäuden leugnet die übernatürliche Offenbarung. Die Mitte zwischen in Schrift und Tradition niedergelegter katholischer Lehre und einer Häresie ist selbst bereits Häresie, da sie sich von der zentralen Mitte entfernt hat. Sie ist auch Menschenwerk, da sie in der Willkür dessen liegt, der mit dem extremen Ort seiner Lehre zugleich auch die von ihm gewünschte dialektische Mitte bestimmt. Man nennt das heute „die Akzente nach links verrücken“. Der Christ, der den in Schrift und Tradition bezeugten Glauben bekennt, befindet sich nicht an der Peripherie der Kirche, sondern in ihrer Mitte. Für den Traditionalisten kann es daher nur eine Frage geben: ob er nämlich wirklich an der Tradition, an der Wahrheit festhält. Ob er sich in der Mitte zwischen irgendwelchen Irrtümern aufhält, ist für ihn ohne Belang.

Aber entfernen sich die Traditionalisten nicht von der echten Mitte, indem sie versteinerte, fossile, petrefakte Traditionen bewahren statt der lebendigen? Fehlt ihnen nicht die notwendige Unterscheidung der äußeren Formen der Tradition von deren Inhalt? Nun ist zunächst ganz allgemein jede Tradition, soweit sie Tradition ist, fest geformt und versteinert wie ein Fels. Darin liegt ja gerade ihr Wesen, daß sie so und nicht anders als etwas Vollendetes von den vorderen Generationen übernommen, aus den zeitbedingten Wandlungen herausgehoben und über diese gestellt worden ist. Verändere ich eine Tradition, so mache ich sie neu. Mache ich sie neu, so zerstöre ich sie und setze eine Neuschöpfung. Das hat nichts damit zu tun, daß es richtige und falsche, gute und schlechte Traditionen gibt, daß die meisten Anschauungen sowohl Überliefertes als auch Neues in sich vereinigen. Auch die aufgewärmte Suppe des Modernismus hat ihre Tradition! Für den katholischen Traditionalisten nun ist das Evangelium Christi absolute Wahrheit. Diese Wahrheit wird, so glaubt er, vom Lehramt der Kirche in der ununterbrochenen, auf die Apostel zurückreichenden Tradition bewahrt, entfaltet und geformt. Alles was endgültig definierte oder unverändert überlieferte katholische Lehre ist, kann daher nicht geändert und reformiert werden, ohne diese Lehre selbst zu zerstören und damit das Evangelium zu leugnen. Der Angriff auf die kirchliche Tradition ist ein Angriff auf den Glauben; und wenn er von päpstlichen Theologen und Bischöfen vorgetragen wird. Unter diesen Aspekten muß auch die Behauptung gesehen werden, man könne in der kirchlichen Tradition immer eine veränderliche Form jüngerer Herkunft und einen gültigen ursprünglichen Inhalt trennen, man könne oder müsse sogar die Form verändern, um den Inhalt zu bewahren. Form und Inhalt bilden aber gerade in der Tradition oft ein derart einheitliches Ganzes, daß das eine nicht ohne das andere zerstört werden kann. Die so und nicht anders festgelegte Form dient ja gerade zur unverfälschten Bewahrung des Inhaltes. Das gilt für den Wortlaut, mit dem ein Dogma endgültig definiert wurde; das gilt für die Meßliturgie, soweit sie vom Konzil von Trient und dem heiligen Papst Pius V. endgültig geordnet wurde; das gilt für den Primat des Papstes, dem im Felsen Petri versteinerten Lehramt. Wenn man dann noch sieht, wie sich manche Glaubenswahrheit beim Volke nur noch in der äußeren, liturgischen Form erhalten hat, so dürfte es keinen Zweifel mehr geben, daß der Angriff auf die „veränderliche“ Form den „unveränderlichen“ Inhalt meint. Es gibt aber in allen Religionen eine üble Erscheinung, die durch das Festhalten an bestimmten Traditionen hervorgerufen wird: Der Pharisäismus. Der Pharisäismus, der hier gemeint ist, besteht in der Überordnung der in der Tradition verankerten priesterlichen Jurisdiktion über die Glaubens- und Sittenlehre. Einem Parasiten gleich überwuchert das Gesetz die Lehre, trennt sich von ihr und gewinnt ein Eigenleben. Der Knecht macht sich zum Herrn. Das Gesetz hört auf, Weisung und Hilfe auf dem Weg zum ewigen Leben zu sein, den der Gläubige in Erfüllung des göttlichen Gebotes aus dem Glauben geht. Es maßt sich an, selbst dieser Weg zu sein. Der Pharisäer glaubt allein durch den Gehorsam gegen das priesterliche Gesetz das ewige Heil zu erringen; nach Gebot und Willen Gottes fragt er nicht, denn für ihn ist nur heilsentscheidend, daß er alle Gesetze gleichermaßen, blind und buchstabengetreu äußerlich erfüllt. So werden die Worte des Herrn verständlich: Ihr verlasset das Gebot Gottes und haltet die Menschensatzungen, das Waschen der Krüge und Becher. Auch die Kirche kennt den Pharisäismus. Er war es, durch den sie immer mehr an Substanz verloren hat, der immer mehr Gewohnheitschristen und eingeschriebene Mitglieder züchtete, der die Katholiken der Widerstandskraft gegen den vom Zweiten Vatikanischen Konzil virulent gemachten Abfall beraubte. Der Pharisäismus leugnet die bischöfliche Autorität, die er zu verteidigen vorgibt, indem er ihre Wurzel leugnet. Er macht vielen den katholischen Glauben unglaubwürdig und treibt sie den Irrlehrern zu. Pius XII. hatte ihn erkannt und bekämpft. Heute aber feiert er bei den Gemäßigten fröhliche Urständ. Papst, Kurie und Bischöfe glauben durch ihn der schweren Krise der Kirche Herr zu werden, deren Ursache er doch ist. Denn die schweigende Befolgung des Gesetzes wird dem verwirrten Katholiken als Weg gewiesen, nicht die aus dem Glauben erwachsende Fügung in die göttlichen Gebote. Und da jeder Bischof seine eigenen Gesetze machen darf, soll der Katholik jeweils seinem augenblicklichen Ortsbischof gehorchen; der rechtlichen Einheit wegen. Dagegen wird der Traditionalist als katholischer Christ den kirchlichen Gesetzen gehorchen, solange sie dem in Schrift und Tradition niedergelegten Glauben und Willen der Kirche entsprechen. Er wird aber nichts tun, was seinen christlichen Glauben zerstören kann. Er wird seinen von Gott gesetzten Oberhirten Gefolgschaft leisten, solange und soweit sie als römisch-katholische Bischöfe gemäß ihrer apostolischen Sukzession und gemäß ihrem Amtseid handeln. Wie soll er das aber erkennen? Schon an den Anfängen der Kirche wurde die Antwort auf diese Frage gegeben. Der Apostel Paulus schreibt in seinem (2.) Brief an Timotheus: „Du aber halte fest an dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt doch, von wem du es gelernt hast. Auch kennst du von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich zum Heil unterweisen können durch den Glauben, der in Christus Jesus gegründet ist.“

Niklas Freiherr von Schrenck