Kardinal Gerhard Ludwig Müller – Predigt bei Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM, in Rom in der Kirche Sant‘ Agnese in Agone


„Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich“

„Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels.“ Predigt zur Priesterweihe von Frater Michael Sulzenbacher SJM. Von Gerhard Kardinal Müller

Rom (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt des früheren Präfekten der Glaubenskongrefation, Gerhard Kardinal Müller, zur Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM in Rom in der Kirche Sant’Agnese in Agone am 15.9.2018 in voller Länge – kath.net dankt Kardinal Müller für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung

Lieber Mitbruder Michael Sulzenbacher,
ich bewundere – menschlich gesagt – Ihren Mut und – geistlich gesprochen – Ihr Gottvertrauen. In schwieriger Zeit treten Sie an den Weihealtar. Mit Ihrem Adsum sprechen Sie die Bereitschaft aus, Ihr ganzes Sein und Leben Gott zum Opfer darzubringen. Das ist die entscheidende Weichenstellung auf Ihrem irdischen Pilgerweg und eine Stunde der Gnade für das ganze Volk Gottes.

Die Kirche aber, die von Gott gestiftet ist und aus Menschen besteht, befindet sich – nach ihrer menschlichen Seite hin – in urbe et orbe in einer tiefen, von Menschen verschuldeten Krise ihrer Glaubwürdigkeit. In diesem dramatischen Augenblick ahnen und fürchten wir die möglichen negativen Konsequenzen aus Skandalen und Führungsfehlern. Unwillkürlich denken wir an die Spaltung der abendländischen Christenheit im 16. Jahrhundert oder an die Säkularisierung des geistigen Lebens im Gefolge der Aufklärung und der französischen Revolution.

Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels. Die Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich und manifestiert sich in ihr. Die schwere Versündigung an der Heiligkeit der Kirche ohne Gewissensbisse ist die Folge der Relativierung des dogmatischen Fundaments der Kirche. Das ist der wirkliche Grund der Erschütterung und der Enttäuschung von Millionen gläubiger Katholiken. In der Analyse der Ursachen der Abspaltungen von der einen Kirche Christi im 16. Jahrhundert stellte der Kirchenhistoriker Hubert Jedin (1900-1980) im ersten Band seiner „Geschichte des Konzils von Trient“ fest: „Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung.“ (I, 151).
Damals wie auch heute ist viel von Reform die Rede.

Was steckt hinter der schillernden und mediengerechten Propagandaformel „Reform der Kurie und der ganzen Kirche“, wenn nicht – wie ich inständig hoffe – die Erneuerung in der Wahrheit der Offenbarung und der Nachfolge Christi gemeint ist? Nicht die Verweltlichung der Kirche, sondern die Heiligung der Menschen für Gott ist die wahre Reform.

Es ist nicht Reform, sondern eine Irrlehre zu meinen, man könne die Lehre der Kirche bestehen lassen, aber um der schwachen Menschen willen müsse man eine neue Pastoral erfinden, die die Ansprüche der Wahrheit des Wortes Gottes und der christlichen Moral ermäßige.

Die Erlösung von der Sünde gründet in der Wahrheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Ohne die Wahrheit der Inkarnation würde die Kirche auf eine innerweltliche Weltverbesserungsagentur zusammenschrumpfen. Für unsere Sehnsucht nach Gott und das Verlangen nach dem ewigen Leben hätte sie keine Bedeutung. Der Priester wäre nur der Funktionär einer sozialreligiösen Bewegung. Die Kirche gewinnt nicht an Relevanz und Akzeptanz, wenn sie der Welt die Schleppen des Zeitgeistes nachträgt, sondern nur wenn sie ihr mit der Wahrheit Christi die Fackel voranträgt. Wir sollen uns nicht mit sekundären Themen wichtig machen und die Agenda anderer bearbeiten, die nicht glauben wollen, dass Gott allein der Ursprung und das einzige Ziel des Menschen und der ganzen Schöpfung ist.

Denn die wirkliche Gefahr für die Menschheit von heute besteht in den Treibhausgasen der Sünde und im global warming des Unglaubens und des Zerfalls der Moral, wenn niemand mehr den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt und lehrt. Der beste Umweltschützer und Naturfreund ist der Verkünder des Evangeliums, dass es nur mit Gott ein Überleben gibt und zwar nicht nur limitiert und für demnächst, sondern für immer und ewig.

In der Meinung, das christliche Dogma sei nicht mehr Grund und Kriterium von Moral und Pastoral, kommt eine christologische Häresie zum Vorschein. Diese besteht darin, dass man Christus, den Lehrer der göttlichen Wahrheit und Christus den guten Hirten in Gegensatz bringt. Christus ist dagegen ein und dieselbe Person. Vor Pilatus hat er nicht geschwiegen, sondern „das gute Bekenntnis abgelegt und ist als Zeuge für die Wahrheit eingetreten.“ (1 Tim 6,14). Dem Relativismus des Pilatus, der den Zynismus der weltlichen Macht verkörpert, stellt Jesus die erlösendende Macht der Wahrheit Gottes entgegen: „Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ ( Joh 18,37).

Ein- und derselbe Christus sagt von sich „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), der auch als der bonus pastor die Pastoral der Kirche in Person ist, wenn er das Geheimnis seiner Person und Sendung offenbart: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10,11).

Zeuge der Wahrheit Christi zu sein und Diener des guten Hirten: das ist das Geheimnis und der Ursprung des sakramentalen Priestertums in der Kirche des Neuen Bundes.

Das einzige Hohepriestertum „des erhabenen Hirten seiner Schafe“ (Hebr 13,20) schließt jeden anderen Weg zu Gott außer durch Jesus Christus aus, aber die sakramentale und kirchliche Vergegenwärtigung der ein für allemal von Christus erwirkten Erlösung ein, indem Christus selbst den Dienst und die Mission der Apostel gestiftet hat. In den Heiligen Weihen geht die apostolische Vollmacht und Sendung auf die Bischöfe und Priester über.

So gilt Ihnen, lieber Mitbruder, in dieser Stunde das Wort des hl. Paulus an seinen Mit-Apostel und Nachfolger Timotheus: „Fliehe vor der falschen Lehre, sei Diener des Wortes, Verkünder des wahren Glaubens und Kämpfer für die Wahrheit Christi. So ergreifst du das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast.“ (1 Tim 6,12). Diese vielen Zeugen sind heute alle, die hier versammelt sind: Ihre Mutter und Ihr Vater, die Ihnen als erste Zeugen den Glauben an Christus, den „Retter der Welt“ (Joh 4,42), vermittelt haben, mit den Großeltern, Geschwistern und allen Verwandten und Freunden, den Mitbrüdern Ihrer Gemeinschaft, den vielen Priestern und Diakonen und zuletzt auch mir. Als Bischof kommt mir die Vollmacht Christi zu, Ihnen durch die Auflegung meiner Hände und das Weihegebet, Anteil zu geben an der Vollmacht und Sendung des Messias. So vermögen Sie in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, mit der Kraft des Heiligen Geistes, die Gläubigen zu lehren, leiten und heiligen (PO 2), damit sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst.

Der ist ein wahrer Seelsorger, der mit der Liebe Gottes auf die ihm anvertrauten Menschen schaut und sich in seinem geistlichem Wirken und christusförmigen Lebenswandel nach dem Hohenpriester, dem er dient, ausrichtet. Der gute Hirt unterscheidet sich vom Mietling, weil er mit dem Herzen Jesu und Mariens die Menschen liebt und weil er sein Leben für die Herde des Herrn einsetzt. Der Apostel ist „Mitarbeiter Gottes, Diener Christi, Verwalter und Ausspender göttlicher Geheimnisse“ (1 Kor 4,1; 2 Kor 6,1). Ihm geht es nur um eines, „in voller Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen für Christus zu gewinnen.“ (2 Kor 5,11). Ihm ist der Dienst an der Versöhnung zur Verkündigung und sakramentalen Vermittlung übertragen worden. Und darum sind die geweihten Priester wie die Apostel „Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch sie mahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ (2 Kor 5,20).

Gewiss steht er auch in den Reihen der Gläubigen und bedarf auf dem Weg der irdischen Pilgerschaft – wie wir alle – der Gnade für sein geistliches Wirken und der Vergebung Gottes für seine Sünden und Versäumnisse. Die Wahrheit des Glaubens, die er verkündet und das Heil, das er in den Sakramenten vermittelt, hängt aber – Gott sei Dank – nicht von der Tiefe seiner Spiritualität oder der hohen Moralität seines Lebenswandels ab, sondern von der objektiven Heilswirkung der Sakramente. Denn Christus bedient sich der Menschen, aber er macht sich in seinem Heilshandeln nicht von ihnen abhängig. Denn er ist allein der „Urheber des ewigen Heils“ (Hebr 5,9).Während Christus ohne Sünde war, bedürfen jedoch alle Gläubigen und ihre Hirten der Vergebung. Das Bekenntnis unserer Sünden gehört in den Beichtstuhl. Wenn aber gottgeweihte Personen in zynischer Verachtung ihrer Berufung ein Doppelleben führen, gehören diese Taten vor das geistliche Gericht. Böse Taten müssen von der kirchlichen Autorität verurteilt, die Missetäter gerichtet nach Maßgabe des Rechtes bestraft werden. Wer das kirchliche Strafrecht für unvereinbar hält mit dem Evangelium der Liebe, der handelt nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus der Verachtung für die Menschen, die um ihre Rechte und Würde betrogen wurden. „Wehe der Welt mit ihrer Verführung. Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.“ (Mt 18,7). Dies gilt in besonderer Weise denen, die durch das geistliche Amt zu Vorbildern, Typoi, für die Gläubigen eingesetzt und in der heiligen Weihe mit dem Heiligen Geist bestärkt sind.

So möchte ich Ihnen, verehrter Mitbruder, und uns allen vor dem Empfang der heiligen Priesterweihe die Mahnung des Apostels Petrus an seine Mit-Priester in Erinnerung rufen: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde – forma facti gregis ex animo. Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.“ (1 Petr 4,2-4).

Und in umgekehrter Blickrichtung sollen alle Gläubigen sich für ihre Seelsorger verantwortlich fühlen, wenn sie im Hebräer-Brief lesen: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach… Gehorcht ihnen, und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun können und nicht mit Seufzen. Betet für uns.“ (Hebr 13,7.17f).

Lieber Mitbruder Michael, wir beten um die Gnade, dass Sie ein guter Priester werden nach dem Herzen Jesu und seiner lieben Mutter Maria. So sei es! Amen.

Rom am 15. September 2018

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Bischof Stefan Oster SDB: Gottesvergessenheit und Sexualität

Unzeitgemäße Gedanken zu einem biblischen Zusammenhang

1. EINE DER WIEDERKEHRENDEN KERNFRAGEN:
WELCHER SEX IST RECHT VOR GOTT?

Die  Debatten in und außerhalb der Kirche zum Thema Sexualität und allem, was damit zusammen hängt, reißen nicht ab. Sie scheinen in medialen Wellenbewegungen immer neu auf die Kirche zuzurollen – in wechselnden Themen: Mal sind es die wiederverheirateten Geschiedenen, mal der Zölibat, mal der Umgang der Kirche mit Menschen, die homosexuelle Neigungen haben – um nur die am meisten diskutierten Themen aufzugreifen. Und ist es nicht paradox? Da nimmt sich der Papst mit der Bischofssynode des Themas der Familie an und das Wesentliche, was Monate vor, während und nach der Synode vordringlich zum Thema wird, sind zwei Menschengruppen, die gerade nicht in Verhältnissen leben, die den Normalfall von Familie bilden: wiederverheiratete Geschiedene und Homosexuelle. In beiden Fällen geht es aber im Kern der Debatte letztlich um die Praxis gelebter Sexualität, die nicht dem entspricht, was die Kirche in diesem Bereich seit jeher für Weisung und Willen Gottes hält.

Und man muss es ehrlich sagen, auch im Blick auf viele andere Themen, die immer neu diskutiert werden: Ein Kernproblem, eine Kernfrage, um die es sich dann ausgesprochen oder unausgesprochen immer wieder dreht, hängt tatsächlich genau damit zusammen: Was sagen der Glaube, die Schrift, die Tradition, die Kirche über menschliche Sexualität? Und vor allem, was sagen sie über recht vollzogene sexuelle Praxis, die dann dem entspricht und gerecht wird, was Christen für den Willen Gottes und seine Offenbarung halten? Die Tatsache, dass die Kirche hier in ihren Antworten immer ziemlich klar war, ist deshalb beständiger Stein des Anstoßes, beständiger  Stachel im Fleisch. Die öffentlichen Einwände dagegen gehen konsequent immer in die Richtung  nach einer Forderung von veränderter Lehre über genau diese Frage: Welcher Sex ist recht? Die Argumente: „Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen haben sich geändert, die Gesellschaft hat sich geändert, die Beziehungsformen haben sich geändert, die Einsichten über die Sexualität des  Menschen haben sich geändert, also muss sich endlich auch die Lehre der Kirche ändern.“

Freilich, die Tatsache, dass das Thema und seine Klarheit bereits in der Hl. Schrift schon so präsent ist, weist eher das Gegenteil nach, nämlich dass es im Christentum bereits von Anfang an eine heftig angefragte Lehre war und nicht erst heute. Auch in der Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens stehen dessen Lehren über menschliche Sexualität quer zu vielem von dem, was in der damaligen Gesellschaft, vor allem in einer griechisch-römisch geprägten Kultur, aber auch in einem jüdischen Kontext (hier etwa die Möglichkeit zur Mehrehe) gängig oder möglich war.

2. IST DIE KIRCHE SEXFIXIERT?

Der Kirche wird heute häufig vorgeworfen, sie sei manchmal allzu fixiert auf das Sexthema. Dabei scheint es mir auch hier eher umgekehrt. Wann etwa hat der durchschnittliche Kirchgänger zuletzt eine Predigt gehört, in der der Pfarrer so mutig war, die Sexualmoral der Kirche tatsächlich und wahrhaftig und ohne Abstriche zu erläutern oder sich dazu zu bekennen? Es passiert vermutlich eher in seltenen Ausnahmen. Ist es also nicht eher anders herum? Ist nicht die Gesellschaft eher so fixiert auf sexuelle Liberalisierung, dass ihr gerade die Kirche mit ihrer vermeintlich sturen Beharrung so sehr ein Dorn im Auge ist, dass Sie das immer und immer wieder, vor allem medial zum Thema machen muss? Und das, obwohl sich der größere Teil derjenigen, die diese Themen medial so sehr ventilieren, für die wirklichen Kernthemen des kirchlichen Glaubens in der Regel kaum mehr interessieren: Erlösung, Sündenvergebung, Versöhnung mit Gott, Kreuz, Auferstehung….?

Der mediale, der öffentliche und gesellschaftliche Druck auf die Kirche wächst also oder er kommt eben wellenartig wieder. Gleichzeitig sinken bei uns die Mitglieder‐ und Kirchenbesucherzahlen; gleichzeitig auch geht man durch verschiedene Krisen der Glaubwürdigkeit (vgl. Missbrauch, Limburg, Kölner Krankenhausaffäre etc.). Und so neigen wir als Kirchenverantwortliche vielleicht allzu leicht zu der Ansicht, wir könnten endlich einmal „punkten“, wenn sich  am innerkirchlich im Grunde wenig geliebten Sexthema endlich mal ein paar, wenigstens kleine „Fortschritte“ zeigen könnten.

3. WAS SAGEN SCHRIFT, TRADITION UND DER GLAUBE?

Aber wie befragen wir die Möglichkeit von vermeintlichen „Fortschritten“ auf diesem Gebiet? Wie befragen wir, welche Formen gelebter Sexualität gut und recht sind in Gottes Augen? Wir blicken auf das Evangelium und erkennen: Es gibt im Grunde keine einzige Form vollzogener Sexualität außerhalb der Ehe, die von der Hl. Schrift nicht entweder Unzucht oder Ehebruch genannt würde. Wir lesen aber auch, dass das Thema in der Schrift immer wieder prominent behandelt wird. Und wir lesen vor allem, dass da ein geheimnisvoller Zusammenhang hergestellt wird zwischen dem, wie Gott den Menschen sieht und will einerseits und sittlicher und sexueller Reinheit andererseits (vgl. Mt 5,28, Eph 5,3f, 1 Kor 6, 18‐20, Röm 1,21ff, 1 Thess 4,3f, Hebr 12, 14ff). In der Bergpredigt preist Jesus die Menschen selig, die ein reines Herz haben, sie würden Gott schauen (Mt  5,8),um nur wenige Zeilen später zu sagen, dass schon der lüsterne Blick auf eine Frau eben diese Menschenherz in seiner Reinheit eintrübe und in eine quasi ehebrecherische Verfassung bringe  (Mt  5,28)!

Gott will den Menschen seinem Sohn ähnlich machen. Er will ihm die Gnade und Kraft schenken, ein heiliges Leben zu leben. Dabei ist Heiligkeit freilich nicht misszuverstehen als eine Art religiöser Leistungssport, gepaart mit außergewöhnlichen Anstrengungen in der Übung der Tugenden. Heiligkeit ist zunächst das Erfüllt sein des Menschen mit Gottes Gegenwart, das Geschenk überfließender Gnade, die aus ihm, aus Gott selbst kommt. Erst sekundär folgt aus dieser Erfahrung des Beschenktseins von Gott und des Lebens aus dieser Gegenwart die Fähigkeit, in der Freiheit des Christenmenschen gut und selbstlos, also auch tugendhaft zu leben.

4. DAS KERNPROBLEM: GOTTESVERGESSENHEIT

Aber meines Erachtens rühren wir genau hier am entscheidenden Problem: Es ist das Ernstnehmen der Gegenwart Gottes. Und zwar zuerst in seiner Heiligkeit, Majestät, abgründigen Unterschiedenheit von jedem Geschöpf. Er ist der Schöpfer des Alls, er ist der Herr aller Welten. Und er gibt uns die Erlaubnis, ihm nahe zu kommen. Israel hat gewusst, dass solches Näherkommen gefährlich ist. Der Israelit des Alten Bundes wusste, dass er grundsätzlich vor Gottes Angesicht vergehen musste (Ex  33,20); und ganz besonders dann, wenn er sich Gott in einer unangemessenen Weise näherte. Die zahlreichen Reinigungsvorschriften des Volkes für den Vollzug des Kultes hatten eben auch diesen Ursprung, nämlich das Bewusstsein, dass man dem Heiligen Israels nur nahen kann, wenn man selbst rein, heil, ganz ist, eben reingewaschen (z.B.  Ex  30,20‐21).

Das Anliegen Jesu liegt auch ganz auf dieser Linie, aber er weiß, dass die Fülle an Vorschriften, dass „das Gesetz“ dazu tendiert, veräußerlicht verstanden zu werden: „Ich wasche mich (äußerlich), dann bin ich schon rein.“ Doch bereits die Propheten des Alten Bundes kündigen einen neuen Bund an, einen der ein „neues Herz“ (Ez 36,26) schenken will, einen Bund, in dem der Mensch seinen Gott nicht nur durch veräußerlichtes Ritual und Gesetz kennt, sondern persönlich, von Herz zu Herz. Die Taufe des Neuen Bundes rettet uns, sagt der Autor des ersten Petrusbriefes: Und „sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ (1 Petr 3,21). Freilich: Es bleibt auch im Neuen Bund derselbe majestätische Gott, der ganz Andere. Aber Jesus macht in seiner Person deutlich, dass eben dieser andere, der furchteinflößende, der Herr des Alls zugleich der Allliebende ist, derjenige der sich abgründig niederbeugt, konkret zu jedem von uns, der sich klein macht, um den Menschen wieder aufzurichten zu sich selbst und zurück in seine Beziehung zum Vater. In jeder Hl. Messe feiern wir Wandlung. Christus wandelt sich der Welt ein – in den Gestalten von Brot und Wein. Aber er tut es, um uns zu wandeln und zu neuen Menschen zu machen. Lassen wir es zu, halten wir das überhaupt für möglich?

Und genau hier liegt meines Erachtens unser Problem: Der Glaube daran, dass Gott in Christus wirklich da ist, dass er uns real und schon in diesem Leben, berühren, heilen, verwandeln kann in ein neues, besseres, gottbezogenes und gottgefälliges Leben, dieser Glaube scheint in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu verdunsten. Wie viele glauben wirklich noch, dass Christus das Leben eines Einzelnen tatsächlich im Hier und Jetzt spürbar erneuern kann? Wie viele glauben wirklich noch, dass sie durch Christus „neu geboren“ (Joh 3,3) sind, tatsächlich „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) sind? Und zwar so, dass sie es an realen und konkreten Lebensvollzügen festmachen können? Die Schrift ist aber voll davon, dass die Brüder und Schwestern jetzt wo sie den Glauben angenommen haben, ihrem alten Leben entronnen sind, ihrer Gefangenschaft in solchen Bedürfnissen, Trieben und Egoismen, die auf alles mögliche, aber nicht auf Gott hin orientiert waren (vgl. 1 Petr 1,14; 2 Petr 1,9, Hebr 10,32; 1 Thess 1,9; Kol 3,7; Eph 4,17-20 u.a.). Wer hat in volkskirchlichen Breiten, in denen der Glaube von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation schwindet, denn noch die reale Erfahrung von Bekehrung und wer hätte konsequent auch noch zusätzlich das Bestreben, kraft einer geduldigen, beständigen, alltäglichen Bekehrung mit der Hilfe Gottes ein neuer Mensch, ein echter Christ zu werden? Einer, der Gott, der Christus kennt, der ihm wirklich nachfolgen, der sein Kreuz tragen will? Einer, der von ihm die Fülle und die Freude erwartet und diese nicht leicht verwechselt mit den Freuden, die nur diese Welt gibt? All das ist der Kern einer christlichen Anthropologie und des christlichen Menschenbildes, von dem wir – ohne diesen Kern wahrzunehmen – all zu schnell und damit oft auch allzu weich gespült in unserem gesellschaftlichen Diskurs reden.

Wer hätte denn noch wirklich Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes in einem Gotteshaus? Wer fällt hier wirklich angesichts seiner Gegenwart noch voller ernsthafter Demut auf die Knie, weil er weiß, wer Gott ist und wer er selbst im Verhältnis zu diesem Gott ist? Und wer blendet umgekehrt nicht gerne die Tatsache aus, dass der vermeintlich so liebe Jesus in etwa einem Drittel seiner Worte im Neuen Testament Gerichtsworte spricht oder Gerichtsgleichnisse erzählt? Es sind Worte, in denen er den Menschen zur Entscheidung auffordert für ihn und zwar ganz und entschieden. Wer müht sich denn noch „mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12) um sein Heil, wie es Paulus nahe legt, weil nach der Schrift und aus der Sicht Jesu völlig ohne Zweifel die Möglichkeit besteht, auch verloren zu gehen? Viel mehr aber noch ist Paulus von der Hoffnung getragen, dass er, der Allmächtige, uns aus Liebe zu neuen Menschen machen will und schon damit begonnen hat.

In dem Augenblick aber, wo all diese Erfahrungen eben keine mehr sind, nicht mehr nachvollziehbar sind, nicht mehr im Kirchenvolk erlebt, erzählt, tradiert werden, in dem Augenblick kann es im Grunde auch gar nicht mehr sein, dass wir einen Anspruch von Gott selbst an uns wahrnehmen. Einen Anspruch von dem, der uns heiligen will. Der Anspruch wird verdünnt und reduziert auf ein nur mehr gedachtes Gesetz, und von hier ist der nächste Schritt nur ein ganz kleiner, der dann sagt: „Das gedachte Gesetz hat sich die Kirche aus-gedacht, um uns zu knechten. Und jetzt wo die Zeiten sich ändern, muss sie das Gesetz auch ändern!“ Der Anspruch, in der Kirche durch Gottes Gegenwart geheiligt zu werden, ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Gutes Leben ist jetzt, was alle gut finden; die Gesellschaft als Messlatte für einen, hoffentlich nicht allzu zu anspruchsvollen Humanismus. Und nur die Kirche ist dann schlecht und von gestern, weil sie uns unser gutes, heutiges Leben nicht gönnt!

Wenn diese Diagnose zutrifft, dann können auch wir Amtsträger uns nicht aus der Verantwortung nehmen. Es ist nämlich ein Grundgesetz des geistlichen Lebens, dass das spirituelle Niveau einer christlichen Gemeinschaft oder Gemeinde – nicht nur aber auch – vom geistlichen Leiter abhängt. Ich habe den Verdacht (und schließe mich ein): Womöglich haben wir selbst die leidenschaftliche, gläubige Proklamation und Deutung der Gegenwart Gottes nicht allzu intensiv gepflegt – und vielleicht auch gar nicht mehr recht geglaubt? Und womöglich haben wir auch die Liturgie nicht allzu oft derart mit den Gläubigen gefeiert, dass unser Beten darin sehr real und voll liebender Ehrfurcht und Freude auf diese Gegenwart bezogen wäre.

5. DER WILLE GOTTES FÜR JEDEN: VERWANDLUNG UND HEILIGUNG DES GANZEN MENSCHEN, EINSCHLIESSLICH SEINER SEXUALITÄT DURCH GÖTTLICHE LIEB

Die Heiligung, in der Gott sich uns ähnlich machen will, ist vor allem eine Heiligung in und durch Liebe. Und Gott als unsere Antwort auf seine Liebe mit ganzem Herzen und ganzer Seele und allen Gedanken zu lieben und den Nächsten wie uns selbst ist die „Erfüllung des ganzen Gesetzes“ (vgl. Mt 22,40), es ist die Erfüllung dessen, wozu der Mensch in Gott geschaffen ist. Aber die Liebe, um die es hier geht, ist in der Tiefe absichtslos, sie ist umsonst. Und man kann Gott auch nur lieben, wenn man ihn kennengelernt hat, so wie er sich uns eben in Christus zu erkennen gibt; wenn man in einem Leben der Suche nach Gott, im Gebet, im Meditieren der Schrift wirklich immer wieder auf ihn selbst gestoßen ist. Eine Liebe, die aus Gott kommt, meint dann den anderen Menschen wirklich um seinet- und um Gottes Willen. Sie manipuliert nicht hintergründig und will den Geliebten nicht wie einen Besitz „haben“. Zu dieser Liebe will uns Gott nach dem Zeugnis der Schrift befähigen und die Schrift erklärt auch, dass da der ganze Mensch dazu gehört, mit Leib und Seele und Geist.

Deshalb ist die menschliche Sexualität in diese Bewegung der Heilung und Heiligung mit hineingenommen und bleibt gerade nicht davon unberührt. Und von diesem Anspruch her gibt es von Gott bejahte und konkret vollzogene sexuelle Aktivität in ihrer ganzheitlichen Zielrichtung auch nur ganz oder gar nicht. Das heißt nur und ausschließlich in einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, mit der Offenheit auf Lebensweitergabe, mit Verbindlichkeit und Treue und der Sorge um das gegenseitige Wohl der Ehepartner – bis zum Lebensende wenigstens eines der Partner.

Katholische Christen glauben ja, dass Gott in und durch Christus diese Kraft zur Treue schenken kann und will, ja dass er darin selbst als der Treue gegenwärtig ist und bleibt. Das ist, knapp gesagt, der Inhalt dessen, was sie Sakrament nennen. Sie glauben auch, dass Christus darin die Kraft und Schönheit der Sexualität auch reifen lassen und ebenfalls tiefer und heiler machen will. Immer mehr weg von der Möglichkeit bloßer Triebabfuhr oder Triebbefriedigung, hin zu einer ganzheitlichen Erfahrung, in der der eine ganze Mensch in Leib und Seele auf den einen Partner ebenfalls als ganzen Menschen liebend ausgerichtet ist und bleibt.

Das Bemerkenswerte ist also: Schon für den konkreten Weg der Ehe sieht Gott einen Weg der Verwandlung vor – und zwar auch der Sexualität der Partner und ihrer Ausrichtung und Integration. Ehrliche Liebe, die sich von Gott begnadet weiß, verwandelt, heilt und integriert auch das sexuelle Begehren, die Sehnsucht, die Bedürfnisse. Wie gesagt, alles das setzt voraus, dass ich überhaupt an die Gegenwart Christi in meinem Leben glaube und vertraue, dass er mein Leben schon jetzt verwandeln kann und will und wird. Unser christliches Nachdenken über Sexualität hat nur unter dieser Voraussetzung überhaupt Sinn! Anders werden Christen in dem, was sie über Sexualität sagen, gar nicht (mehr) verstanden werden können. Schon gar nicht in stark säkularisierten Zeiten.

Und Christen, die diesen Hintergrund sehen, müssten ihrerseits auch ein mitgehendes Verständnis dafür aufbringen können, dass diese Debatten in gottvergessenen Zeiten immer wieder aufbrechen und womöglich auch noch intensiver werden. Denn dort, wo es Gott nicht mehr gibt, dort ist (nach einem herausforderndem Wort Dostojewskis) im Grunde alles erlaubt, aber in sittlichen Fragen insbesondere das, was mehrheitlich Zustimmung findet. Zustimmende Mehrheit ist freilich noch kein hinreichendes Kriterium für Wahrheit. Das Problem ist nur: Wo Gott „fehlt“, dort gibt es auch gar keinen letzten Orientierungspunkt mehr als entscheidendes Wahrheitskriterium. Und in so einem Fall scheint dann Mehrheit eben doch meist der plausibelste Bezugspunkt.

Das erste in der christlichen Verkündigung – auch über diese Themen – wäre also aus meiner Sicht nicht zuerst die Bekanntgabe von moralischen Vorschriften, sondern das Hineinhelfen in die Berührung mit der Gegenwart eines Gottes, der uns liebt und dem es gerade deshalb nicht egal ist, wie wir leben und zwar auch als sexuelle Wesen.

6. WAS IST MIT DENEN, DIE NICHT HEIRATEN WOLLEN ODER KÖNNEN?

Analoges zu dem, was eben über christliche Ehe gesagt wurde, gilt nun aber auch für diejenigen, die an Christus glauben, die seine Realpräsenz in unserer Welt bejahen, und beispielsweise keinen Partner finden oder etwa einen gleichgeschlechtlichen Partner ersehnen, weil sie Menschen mit homosexuellen Neigungen sind. Die Kirche hat stets daran festgehalten, dass der Glaube an die heiligende Gegenwart Christi, dass der Weg in beständiger Verbundenheit mit ihm selbst hilft, aus dieser Kraft zu leben und sein Leben so zu gestalten, dass es dem Willen Gottes gemäß ist. Christus verwandelt und heilt unsere Sexualität hinein in ein Leben vor ihm und mit ihm selbst. In ein Leben, das von ihm auch die Kraft bezieht, sich selbst und seine sexuelle Kraft verwandeln zu lassen in eine Liebe, die der Seinen ähnlich ist – die im rechten Sinn verstanden immer absichtsloser und lauterer wird. Ehrlicher, tiefer Glaube kann also beispielsweise dem Single helfen, ein froher Single zu bleiben, und er kann dem Menschen mit homosexueller Neigung helfen, auch ohne die volle sexuelle Erfahrung erfüllt zu leben bzw. sich von Gott in ein Leben hinein führen zu lassen, das seinem Willen entspricht. Und er kann auch einem von seinem Partner getrennt lebenden Verheirateten die Kraft geben, diese Situation mit ihm zu tragen. Und all das ist nicht zuerst eine moralische Forderung, das ist nach der Überzeugung von Schrift und Tradition und von zahllosen geistlichen Menschen zuerst ein Geschenk. Wir sprechen von Gnade, von der zuvorkommenden geschenkten Gnade, die dem Menschen Kraft und Vertrauen schenkt, dass er seinen Weg mit Gott gehen kann, auch und gerade dann, wenn es ein Kreuzweg ist.

Freilich ist es auch ein Weg, auf dem keiner von Anfang an fertig ist. Jeder ernsthaft geistlich Suchende, zumal die Erfahrenen, wissen, dass der Weg mit Gott und auf ihn hin ein Ringen bleibt, ein Reifen, ein Suchen, auch ein Kampf. Und auch auf diesem Weg wird und kann es Versagen und Scheitern geben. Gott will ja auf unser Ringen und tiefstes Sehnen nach ihm und auf unser Herz viel eher schauen als auf die Schuld. Und er vergibt immer neu jedes Versagen, das aufrichtig vor ihn gebracht wird.

7. DIE REALE ANWESENHEIT GOTTES REDUZIERT AUF EIN ABSTRAKTES KIRCHENGESETZ

Ich bin daher der Ansicht, dass der Glaube an die reale Gegenwart des Herrn und ihre real verändernde Kraft der alles entscheidende Aspekt ist. Steht dieser Glaube fest in vielen Herzen der Menschen, wird das Verständnis für die Lehre der Kirche zur menschlichen Sexualität verständlich sein und ebenso fest stehen. Verdunstet er aber, dann verdunstet mit ihm auch das Verständnis für das, was Bekehrung, Umkehr, Gnade, Heiligung des Lebens bedeuten. Der Verlust des Beichtsakraments ist dann eine weitere notwendige Folge. Und zugleich damit verschwindet ebenfalls notwendig das Verständnis für die von Gott geschenkte Fähigkeit und Herausforderung, seinem Gebot gemäß Sexualität zu leben und von ihm verwandeln zu lassen. Die Folge ist: Ein von Gottes Präsenz losgelöstes, bloßes „Gesetz der Kirche“ wird dann automatisch wie ein Stachel im Fleisch meiner sexuellen Bedürfnisse betrachtet, das zuerst knechten und nicht befreien will. Der Ruf nach Veränderung wird dann von selbst immer lauter: „Nicht mehr Gott will und kann mich verwandeln, sondern ich will ein ärgerliches Gesetz so gewandelt wissen, dass es mir und meiner Lebensweise nun passt.“ Der Glaube an die Realpräsenz, an die konkrete Vergebung der Sünden und das ernsthafte Ringen um sittliche Qualität des menschlichen Lebens auch in sexueller Hinsicht bilden damit einen unauflöslichen Zusammenhang.

Umgekehrt kann man sagen: Eine beständig vorgetragene Anfrage an die Lehre des kirchlichen Glaubens zur Sexualität ist damit bewusst oder unbewusst zugleich eine Anfrage an die Überzeugung von der verwandelnden Gegenwart Gottes in unserem Leben. Denn wenn er, Gott selbst, und seine Präsenz aus der persönlichen Wahrnehmung und dem kollektiven Gedächtnis der Menschen oder einer Gesellschaft endlich verschwunden ist, dann kann der Mensch gerade in diesem Bereich endlich und erst recht tun, was er will und bleiben, wie er ist.

Das sind meines Erachtens einige geistliche Hintergründe und Zusammenhänge dafür, dass die Wellen des gesellschaftlichen Diskurses über die Sexuallehre der Kirche bei abnehmendem Glauben mit zunehmender Frequenz auf uns zurollen werden. Der kirchliche Stachel im buchstäblichen Fleisch liberalisierter Sexualität will endlich beseitigt werden. Und als Christen werden wir solchen Wellen aus meiner Sicht mit Sicherheit nicht dadurch fruchtbar begegnen können, dass wir der Vielzahl der Bedürfnisse in einer glaubensloser werdenden Welt entgegenkommen und ein paar Lockerungen zulassen. Denn es ist vorhersehbar: Man wird dann mehr nicht ruhen, bis endlich alles gleich-gültig ist. Die hier angesprochenen Themen samt ihren medial vorgetragenen Forderungen wären nur ein Anfang, der dem Zeugnis der Schrift und der Überlieferung zwar schon klar widerspricht. Aber wenn die Tür erst einmal im Namen vermeintlicher Barmherzigkeit geöffnet ist, dann wird wohl kaum ein Thema und am Ende womöglich auch nicht einmal manche sexuelle Perversion im selben Namen ausgespart bleiben. Die Geschichte der Internet-Pornographie und ihrer Ausbreitung dürfte hier ruhig als Lehrstück dienen, aber damit verbunden auch die gesellschaftlich-politische Geschichte sexueller Liberalisierung in vielen Ländern der Welt. Freilich, nicht jede gesellschaftliche Liberalisierung ist schon in sich schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie Heucheleien überwindet. Aber umgekehrt gilt noch mehr, dass längst nicht jede Liberalisierung automatisch sinnvoll und gut wäre, nur weil sie liberal ist: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“, sagt Paulus (Gal 5,13).

8. DIE NÖTIGE UMKEHR SCHEINT HEUTE ALLZU WELTFREMD.

Der stimmigere und notwendigere Weg aus meiner Sicht heißt biblische Bekehrung, also die erneute Hinwendung zum Gott des Lebens, um ihn tiefer im Glauben zu finden und überzeugender zu bekennen, dass Gott in Christus real gegenwärtig ist und bleibt; dass er uns wahrhaftig liebt und unser eigenes, konkretes, oft erbärmliches Leben tatsächlich verwandeln will und kann.

Und um gleich auf die Frage zu antworten, ob das alles nicht ein wenig weltfremd sei? Ja, natürlich, weil es von der Erfahrung ausgeht, dass Gott selbst dieser Welt und womöglich auch vielen Menschen in seiner Kirche ziemlich fremd geworden ist. Nicht von sich, von Gott selbst her, denn er will ja nach dem Zeugnis der Schrift uns nahe sein. Aber von uns Menschen her bedeutet Säkularisierung auch, dass der innere Abstand der Menschen von Gott heute offenbar wieder größer geworden ist. Paulus sieht das genau, die Problemlagen bleiben nämlich von der menschlichen Konstitution her betrachtet, weitgehend konstant: Die Menschen, schreibt Paulus, haben Gott zwar irgendwie „erkannt, ihn aber nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt. Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“ (Röm 1,21f) Die Folge: „Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, so dass sie ihren eigenen Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.“ Der tatsächliche Hintergrund zur Debatte um die sexuelle Liberalisierung in der Kirche ist also aus meiner Sicht zuerst geistlicher Natur, weshalb dann auch die Antworten auf die angesprochenen Fragen ebenfalls zuerst theologisch-geistlich sein müssen und gerade nicht zuerst nur als pragmatisches Eingehen auf geänderte gesellschaftliche Verhältnisse. Nicht nur die je neue Kultur soll dem Evangelium immer wieder ein neues konkretes Gesicht für diese jeweilige Zeit geben, sondern auch die umgekehrte Bewegung ist nötig: das Evangelium (besser: Christus selbst!) will in die Kultur hinein inkarniert werden, damit die Kultur selbst verändert, verwandelt und erneuert wird.

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Franziskus an Bischöfe: Seid Väter und keine Fürsten

Der Papst hat rund hundert Bischöfe aus Missionsgebieten getroffen, die seit vergangenem Montag an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Franziskus empfing sie in Audienz in der Sala Clementina und erinnerte daran, dass ein Bischof „ein Mann des Gebets, der Verkündigung und der Gemeinschaft sein muss, der auf Klerikalismus und Weltlichkeit verzichtet“.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Sorgsame Väter sind keine Fürsten, die über andere herrschen und dabei Abstand halten. Bischöfe seien deshalb berufen, Jesus unter das Volk zu bringen, wie es der Gute Hirte tun würde und auf diese Weise das Evangelium zu verkünden. Immer müsse man bereit sein, auch eigene Opfer zu vollbringen. Mit anderen Worten, ein Bischof müsse „standhaft und voller Liebe zur Kirche sein“, so Papst Franziskus an diesem Samstagmittag zu den kürzlich ernannten Bischöfen der Missionsgebiete, die an dem von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker geförderten Seminar teilnehmen. Die Rede des Papstes war eine Zusammenfassung über das Amt des Bischofs, die mit der Frage beginne, wer ein Bischof eigentlich sei.

Zunächst erinnert Franziskus daran, dass ein Bischof die Eigenschaften des Guten Hirten haben muss, das heißt, dass er „nicht für sich selbst lebt“, sondern Mitgefühl für die anderen haben muss , besonders für diejenigen, die verworfen werden, also diejenigen, die am dringendsten „die Liebe des Herrn“ spüren müssen.

Der Bischof als Mann des Gebets

Der Bischof müsse „ein Mann des Gebets“ sein, der das Gebet nicht als einer seiner vielen Verpflichtungen betrachtet, sondern dies als eine „Notwendigkeit“ sieht. „Ich möchte jedem Bischof die Frage stellen: ,Wie viele Stunden am Tag betest du?´“, fragte der Papst. In der Tat müsse ein Bischof jeden Tag Menschen und Situationen vor den Herrn darbringen und „auf dem Herrn bestehen“ sowie den Mut aufzeigen, „mit Gott über seine Herde zu sprechen“. „Ein Gebet ohne Parrhesien ist kein Gebet“, betonte Franziskus. Unter Parrhesien versteht er, die Offenlegung aller Sünden und Gedanken vor Gott.

Der Bischof werde somit zum „Mann der Verkündigung“. Und das könne er nicht im Sitzen tun, mahnte der Papst, sondern „auf dem Weg“. Ein Bischof setzt nicht auf Komfort, „fühlt sich nicht wie ein Prinz“, sondern „arbeitet für andere“:

„Der Bischof lebt nicht im Büro, als Unternehmensleiter, sondern ist unter den Menschen, auf den Straßen der Welt, wie Jesus. Er bringt seinen Herrn dorthin, wo er nicht bekannt ist, wo er entstellt und verfolgt wird. Und wenn der Bischof aus sich herauskommt, dann findet er sich wieder.“

Der Papst sei sich bewusst, dass „die Verkündigung des Evangeliums unter den Versuchungen der Macht“ und der „Weltlichkeit“ leide. Es bestehe die Gefahr, „Schauspieler statt Zeugen“ zu werden und „ein Evangelium ohne gekreuzigten und auferstandenen Jesus“ vorzuschlagen, doch Verkündigung bedeute, „sein Leben ohne halbe Maßnahmen hinzugeben, bereit zu sein, auch das Opfer seiner selbst anzunehmen“.

Der Bischof als Mann der Gemeinschaft

Ein Bischof müsse somit „ein Mann der Gemeinschaft“ sein, „das Charisma des Zusammenseins“ haben, die Gemeinschaft festigen, die die Kirche brauche. Er sei Bischof für seine Gläubigen und sei ein Christ „mit seinen Gläubigen“:

„Er macht keine Schlagzeilen, er sucht nicht die Zustimmung der Welt, er ist nicht daran interessiert, seinen guten Namen zu schützen, aber er liebt es, die Gemeinschaft zu fördern, indem er sich als erste Person einbringt und mit all seinen Möglichkeiten handelt. Er leidet nicht unter einem Mangel an Protagonismus, sondern lebt verwurzelt im Territorium und lehnt die Versuchung ab, sich häufig von der Diözese zu entfernen, also jener Versuchung des sogenannten ,Flughafenbischofs´, um sich auf diese Weise auf die Suche nach eigenen Ruhm zu gelangen.“

Er dürfe kein Karrieretyp oder ehrgeiziger Mann sein, sondern müsse als Hirte seine Herde weiden.

Bischöfe sollten sich vor „Klerikalismus“ hüten, warnte der Papst. Es sei in der Tat eine „falsche Art und Weise, Autorität in der Kirche zu verstehen, die in vielen Gemeinschaften sehr verbreitet ist, in denen es Verhaltensweisen von Missbrauch, Macht, Gewissen und Sexualität gegeben hat“. „Nein zu sagen zu Missbrauch – ob Macht, Gewissen oder Übergriffe – bedeutet ein Nein zu jeder Form von Klerikalismus“, bekräftigte er und verwies auf seinen Brief an das Volk Gottes vom vergangenen 20. August:

„Möge das Volk Gottes, für das ihr geweiht seid, das Gefühl haben, dass ihr Väter seid, nicht Fürsten; fürsorgliche Väter: Niemand sollte euch gegenüber eine Haltung der Unterwerfung aufzeigen. In dieser Zeit scheinen bestimmte Tendenzen des ,Volksanführertums´ in verschiedenen Teilen verstärkt zu werden. Sich als starke Männer zu zeigen, die Abstand halten und über andere herrschen, mag bequem und fesselnd erscheinen, aber es entspricht nicht dem Evangelium.“

Eine negative Haltung könne „der Herde, für die Christus sein Leben mit Liebe gegeben hat, oft irreparablen Schaden“ zufügen. Bischöfe müssten stattdessen „arm an Gütern und reich an Beziehungen“ sein, „nie hart und mürrisch, sondern freundlich“.

Familien, Jugendliche, Seminare und Arme: Das seine jene Bereiche, die den Bischöfen in besonderer Weise am Herzen liegen müssten. Familien würden heutzutage durch eine Kultur benachteiligt, „die die Logik des Unsteten vermittelt“. Es sei deshalb wichtig, Wege der Vorbereitung auf die Ehe und der Begleitung für sie zu fördern, es sei auch notwendig, „das Leben vom Beginn der Zeugung bis zum Schutz für ältere Menschen“ zu verteidigen.

Der Bischof als Priesterausbilder

Was die Seminare betrifft, so bat der Papst darum, dass sie „von fähigen und reifen Menschen Gottes geleitet werden“, die die Bildung gesunder menschlicher Priester garantieren, und dass die Unterscheidungskraft Vorrang eingeräumt wird, „um die Stimme Gottes unter den vielen zu erkennen, die in den Ohren und im Herzen ertönen“.

Franziskus bat dann, die Wünsche und Zweifel der Jugendlichen, denen die nächste Synode im Oktober gewidmet ist, wahrzunehmen: Auch wenn etliche Jugendliche vom Konsumismus und Hedonismus „infiziert“ seien, sei es wichtig, sie nicht „in Quarantäne zu stellen“, sondern sie aufzusuchen. „Sie sind die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft: Eine bessere Welt hängt von ihnen ab“, erinnerte der Papst.

Der Bischof als Armutsbekämpfer

Sein drittes Anliegen waren die Armen: „Sie zu lieben“, bekräftigt er, „ist der Kampf gegen alle Formen der Armut, sei es geistiger oder materieller Art“. Mit anderen Worten: man muss die existentiellen Peripherien erreichen, ohne Angst davor zu haben, sich die Hände schmutzig zu machen, wiederholte der Papst einer seiner mittlerweile bekannten Konzepte.

Abschließend fasste der Papst seinen Appell an die Bischöfe zusammen:

„Liebe Brüder, bitte achtet auf die Lauheit, die zu Mittelmäßigkeit und Herbheit führt, diesen ,Démon de midi´ – Torschlusspanik. Seid vorsichtig damit. Seid vorsichtig mit der Ruhe, die Opfer vermeidet; mit der pastoralen Eile, die zu Intoleranz führt; mit der Fülle an Gütern, die das Evangelium entstellt. Vergesst nicht, der Teufel kommt durch die Geldbörse rein. Ich wünsche euch stattdessen eine heilige Unruhe um das Evangelium zu verkünden, eine Unruhe, die Frieden gibt.“

Den Einführungskurs der Missionskongregation vom 3. bis 15. September absolvieren neugeweihte Bischöfe aus 34 Ländern. Unter den 74 Teilnehmern sind nach Vatikanangaben 17 afrikanische Nationen, acht asiatische, sechs ozeanische und drei lateinamerikanische vertreten. In vielen ehemaligen Missionsgebieten ist aus historischen Gründen die „Kongregation für die Evangelisierung der Völker“ statt der Bischofskongregation für das Leitungspersonal der Ortskirchen zuständig.

(vatican news/kna)

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Zur Krise der Kirche: Ein Offener Brief an weltliche Medien eines Priesters aus Angola

Referenzbild Foto: Pixabay (CC0)

31 August, 2018 / 8:32 AM

Die Krise der Kirche – aber auch die Berichterstattung darüber in den Medien – erschüttert Priester wie Laien, Frauen wie Männer in aller Welt. CNA veröffentlicht diesen bemerkenswerten Brief aus Angola in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.

Journalisten, verehrte Schwestern und Brüder:

Ich bin ein einfacher katholischer Priester. Ich bin in meiner Berufung glücklich und darüber stolz. Seit zwanzig Jahren lebe ich als Missionar in Angola.

Ich sehe in vielen Massenmedien, besonders in Ihrer Zeitung, eine Vielzahl von Artikeln mit dem Thema von pädophilen Priestern, mit Untersuchungen in einer krankhaften Art und Weise über das Leben einiger Priester.

Einmal sprechen Sie von einer Stadt in den USA in den siebziger Jahren, dann von einer anderen in Australien in den 80-er Jahren, dann wieder von anderen jüngeren Fällen. Sicherlich muss dies verurteilt werden!

Man liest einige ausgeglichene Zeitungsartikel, aber auch andere voller Vorurteile und sogar voller Hass.

Die Tatsache, dass Personen, die die Liebe Gottes offenbaren sollten, wie ein Dolch im Leben von Unschuldigen sind, ruft bei mir einen unendlichen Schmerz hervor. Dafür gibt es keine Worte, die solche Taten rechtfertigen könnten. Und es steht außer Zweifel, dass die Kirche solche Personen nicht an der Seite der Schwächsten und Schutzlosesten lassen kann. Es müssen also alle Mittel des Schutzes angewandt werden, und alle Vorsorge für die Würde von Kindern muss absoluten Vorrang haben.

Man muss aber doch fragen dürfen, warum es ein so großes Unwissen und Unkenntnis betreffs tausender und abertausender Priester gibt, die sich für Millionen von Kindern, für unendlich viele Jugendliche und für die am meisten Benachteiligten auf der ganzen Welt aufreiben!

Ich bin der Ansicht, dass unsere Massenmedien kein Interesse daran haben, z.B. die Nachricht weiterzugeben, dass ich im Jahre 2.002 viele unterernährte Kinder durch Gebiete voller Minen von Cangumbe nach Lwena in Angola bringen musste, weil es weder die Regierung kümmerte noch die NGOs dazu berichtigt waren.

Ich denke auch, dass es Sie nicht kümmert, dass ich mehr als zehn Mal Kinder habe beerdigen müssen, die beim Versuch aus den Gegenden, wo Krieg geführt wurde, umgekommen sind oder die nach Hause zurückkehren wollten, noch dass wir viele Tausende von Menschen in Mexiko dank des einzigen Gesundheitspostens auf einem Gebiet von ca. 90.000 km² und auch dank der Verteilung von Nahrungsmitteln und Saatgut retten.

Es interessiert Sie wohl auch nicht, dass wir in den letzten zehn Jahren mehr als 110.000 Kindern die Möglichkeit von Erziehung und Ausbildung gegeben haben.

In den Massenmedien hatte auch die Tatsache, dass ich gemeinsam mit anderen Priestern bei der menschenbedrohenden Krise 15.000 Menschen in Kriegsgebieten nach ihrer Ergebung beistehen musste, weil weder von der Regierung noch von der UNO Lebensmittel kamen.

In den Medien steht keine Zeile davon, dass P. Roberto, ein 75-jähriger Priester, jede Nacht die Stadt Luanda durchstreift und sich um die Straßenkinder kümmert oder sie zu einem Aufnahmehaus bringt und versucht, sie bei Benzinvergiftung zu entgiften, und dass es Hunderte von Jugendlichen gibt, die nicht lesen und schreiben können.

Auch schreibt niemand eine Zeile darüber, dass andere Priester, wie Pater Stefano, sich darum kümmern, misshandelte und sogar vergewaltigte Kinder aufzunehmen und zu schützen.

Ebenso interessiert es niemanden, dass Bruder Maiato trotz seiner 80 Jahre von Haus zu Haus geht, um kranke und hoffnungslose Menschen zu trösten und beizustehen.

Es gibt auch keine Nachricht davon, dass mehr als 60.000 unter 400.000 Priestern und Ordensleuten ihre eigene Heimat und ihre Familie verlassen haben, um ihren Brüdern im Lepraheimen, in Hospitälern, in den Flüchtlingskamps, in den Einrichtungen zum Schutz von Kindern, die der Hexerei angeklagt sind, oder von AIDS-Waisen, in Schulen für die Allerärmsten, in den Ausbildungszentren, in den Hilfszentren für Aidskranke … oder dass sie schlicht und einfach in ihren Pfarreien und Missionsstationen leben und arbeiten, wobei sie die Menschen dazu ermutigen, zu leben und zu lieben.

Es ist auch keine Nachricht wert, dass mein Freund, Pater Marco Aurelio, während des Kriegs in Angola einige Jugendliche zu ihrer Rettung von Kalulo nach Dondo gebracht hat, er selbst aber auf dem Rückweg von Kugeln durchlöchert worden ist.

Es interessiert nicht, dass Bruder Francesco und fünf Katecheten, die in den abgelegensten Landstrichen auf der Straße bei einem Unfall ums Leben gekommen sind.

Es kümmert niemand, dass viel mehr als zehn Missionare in Angola an einer einfachen Malaria gestorben sind, weil es an ärztlicher Basisversorgung fehlt, und dass andere von einer Mine zerrissen worden sind, als sie ihre Leute besuchten.

Auf dem Friedhof von Kalulo finden wir die Gräber der ersten Priester, die hierher kamen – niemand von ihnen erreichte das 40. Lebensjahr!

Niemand berichtet davon, wenn er etwa einmal das Leben eines „normalen“ Priesters bei seinen Freuden und seinen Schwierigkeiten begleiten würde, während dieser, ohne Lärm zu machen, sein eigenes Leben verbraucht, nur um der ihm anvertrauten Gemeinde zu Diensten zu sein. Es stimmt: Wir sorgen uns nicht darum, Sensationsnachrichten zu machen, aber wir sorgen uns schlicht und einfach darum, die Frohbotschaft zu bringen, die ohne Lärm in der Osternacht begonnen hat.

Es ist wahr: Ein Baum macht mehr Lärm, wenn er zusammenbricht, als ein Urwald, der wächst.

Ich habe nicht die Absicht, eine Verteidigungsschrift für die Kirche oder die Priester zu schreiben. Der Priester ist weder ein Held noch ein Neurotiker. Er ist ein einfacher Mensch, der mit seiner Menschlichkeit versucht, Jesus zu folgen und seinen Brüdern zu dienen. In ihm gibt es wie in jedem Menschenwesen Erbärmlichkeit, Armseligkeiten und Schwächen, aber es gibt in ihm auch Schönheit und Güte wie in jedem Geschöpf.

Wenn man sich aber wie besessen und wie ein Staatsanwalt bei einem einzigen Thema aufhält, wobei man den Blick auf das Gesamte verliert, dann schafft dies wirklich beleidigende Karikaturen des katholischen Priestertums, und genau deshalb fühle ich mich angegriffen.

Journalist, suchen Sie die Wahrheit, das Gute und die Schönheit. All dies macht Sie in Ihrem Beruf ehrenwert.

Mein Freund – nur um dies bitte ich …!

In Christus,

Pater Martín Lasarte, SDB

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Pater Herbert Douteil, CSSp.

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Quelle

Papst Paul VI. über den priesterlichen Zölibat

Sacerdotalis caelibatus

Rundschreiben Papst Pauls VI. über den priesterlichen Zölibat

An die Bischöfe, die Priester und Gläubigen der gesamten katholischen Welt
Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne!

Gruß und apostolischen Segen!

1. Der priesterliche Zölibat, den die Kirche wie einen strahlenden Edelstein in ihrer Krone hütet, steht auch in unserer Zeit in hohem, ehrenvollem Ansehen, mögen sich auch Mentalität und Lebensbedingungen der Menschen tiefgehend gewandelt haben.

Doch offenbarte sich im Aufbruch gewisser neuer Geistesrichtungen zugleich der Wunsch, richtiger gesagt, der ausdrückliche Wille, die Kirche Christi zu drängen, daß sie diese ihr wesensgemäße Einrichtung überprüfe. Die Beibehaltung des Zölibates, so meinen sie, sei in unserer Zeit und bei der heutigen Lebensauffassung schwierig, ja unmöglich.

2. Diese Lage der Dinge, die das Gewissen mancher Priester und Priesterkandidaten beunruhigt und verwirrt und viele Gläubige bestürzt, drängt Uns, nicht länger mit der Erfüllung des Versprechens zu zögern, das Wir den Konzilsvätern gemacht haben. Wir hatten ihnen ja unser Vorhaben angekündigt, dem priesterlichen Zölibat unter Berücksichtigung unserer Zeit neue Würde und Festigkeit zu verleihen. In der Zwischenzeit haben Wir nicht nur lange und inständig den Beistand des Heiligen Geistes um die notwendige Erleuchtung und Hilfe herabgerufen, sondern auch die Bedeutung und das Gewicht der Vorschläge und dringenden Bitten vor Gott erwogen, die von allen Seiten, vor allem aber von vielen Oberhirten der Kirche Gottes zu Uns gelangt sind.

3. Wir gestehen, daß Uns die bedeutsame Frage des priesterlichen Zölibats in der Kirche lange ihrer Tragweite und Wichtigkeit nach innerlich beschäftigt hat. Sollen auch heute noch—so fragten Wir Uns — die Kandidaten, die nach dem Empfang der höheren Weihen streben, zu jenem strengen und hohen Gelöbnis verpflichtet werden? Ist die Befolgung dieser Verpflichtung heute noch möglich, ist sie angebracht? Sollte die Zeit gekommen sein, in der Kirche die enge Verbindung von Priestertum und Zölibat zu lösen? Warum sollte es nicht jedem freistehen, dieses schwere Gesetz zu beobachten? Würde das nicht für das priesterliche Amt fruchtbar werden und den Nichtkatholiken dadurch der Zugang zu uns erleichtern? Wenn aber das Zölibatsgesetz auch in Zukunft beobachtet werden soll: mit welchen Begründungen können Wir es als heilig und angemessen nachweisen?

Und weiter, wie soll man dieses Gesetz halten, und wie soll es aus einer Bürde zu einer Hilfe für das priesterliche Leben werden?

4. Als Wir dies alles überdachten, drängten sich Uns besonders die verschiedenen Einwände auf, die gegen die Beibehaltung des Zölibats vorgebracht worden sind und werden. Bei einem so ernsten und verwickelten Gegenstand sehen Wir Uns um Unseres Apostolischen Amtes willen geradezu gezwungen, sowohl die Sache selbst als auch die einschlägigen Fragen gewissenhaft zu erwägen und, wie es die Uns auferlegte Pflicht und das Uns anvertraute Amt fordern, sie mit dem Lichte Christi zu beleuchten. Dabei sind Wir bestrebt, nicht nur den Willen dessen treu zu befolgen, der Uns dieses Amt übertragen hat, sondern Uns auch wahrhaft als das zu erweisen, was Wir der Kirche gelten: Diener der Diener Gottes.

Einwände gegen den priesterlichen Zölibat

5. Wir müssen anerkennen, daß die Frage des kirchlichen Zölibats zu keiner früheren Zeit gründlicher und ausführlicher untersucht worden ist als heute: unter dem Gesichtspunkt der Glaubenslehre, der Geschichte, der Soziologie, der Psychologie und Pastoral. Das geschah durchweg in ehrlicher Absicht, wenn auch gelegentlich im Ausdruck verfehlt.

Betrachten wir also wohlwollend die hauptsächlichsten Einwände, die gegen das mit dem Priestertum verbundene Gebot des Zölibats gemacht werden.

Der erste Einwand scheint sich aus der Heiligen Schrift zu ergeben und besagt: Das Neue Testament, das doch zunächst die Lehre Christi und der Apostel enthält, fordere nicht geradezu den Zölibat für die Diener Gottes, sondern empfehle ihn nur als eine frei gegebene Antwort auf eine besondere göttliche Berufung oder ein Charisma Gottes. Zudem habe Christus Jesus die Wahl der Apostel nicht vom Zölibat abhängig gemacht, noch seien von den Aposteln nur Unvermählte zu Vorstehern der ersten christlichen Gemeinden bestellt worden.

6. Die enge Beziehung — so sagen einige —, die in vergangenen Zeiten die Kirchenväter und -schriftsteller zwischen der Berufung zum Priestertum und der gottgeweihten Jungfräulichkeit aufstellten, entspringt teils Vorstellungen, teils geschichtlichen Gegebenheiten, die von denen unserer Zeit sehr verschieden sind. In ihren Werken lesen wir oft, daß die Väter den Priestern mehr dazu raten, die eheliche Enthaltsamkeit zu üben, als am Zölibat festzuhalten. Überdies scheinen die Gründe, die die Kirchenväter für die vollkommene Keuschheit der Diener des Heiligtums anführen, zuweilen von einer zu negativen Beurteilung der menschlichen Situation hinsichtlich der natürlichen Lust inspiriert zu sein, oder man erachtet, in einem zu persönlichen Vorurteil befangen, die Reinheit als erforderlich für die, welche die geweihten Gegenstände berühren dürfen. Zudem meinen manche auch, die von den alten Schriftstellern beigebrachten Argumente paßten nicht mehr zu den sozialen Verhältnissen, der Mentalität und den Prinzipien der Menschen, unter denen die Kirche durch ihre Priester in unserer Zeit wirken muß.

7. Andere meinen, hinsichtlich des Zölibats entstehe eine Schwierigkeit insofern, als nach dem geltenden Gesetz das Charisma der göttlichen Berufung zum Priestertum faktisch gleichgesetzt wird mit dem Charisma der vollkommenen Keuschheit, die mit dem Stand der Diener Gottes verbunden ist. Diese fragen deshalb, ob es recht ist, denen den Weg zum Priestertum zu verwehren, die zwar nicht die Neigung zum ehelosen Leben verspüren, wohl aber sich zum priesterlichen Amt hingezogen fühlen.

8. Wieder andere behaupten, daß die Beibehaltung des Zölibats in der Kirche dort großen Schaden anrichtet, wo der vom Zweiten ökumenischen Vatikanischen Konzil festgestellte und bedauerte Priestermangel beklagenswerte Verhältnisse schafft, weil er den Heilsplänen Gottes entgegen steht, und zuweilen sogar ein Hindernis für die erste Verkündigung Christi Jesu bei manchen Menschen bilden kann. Denn einige meinen, der große Priestermangel entstehe aus der Belastung, die die Beobachtung des Zölibats mit sich bringe.

9. Es fehlt auch nicht an solchen, die die Überzeugung hegen, durch Heirat werde den Priestern die Gelegenheit zur Untreue, Verwirrung und beklagenswertem Abfall genommen, Dinge, die der Kirche schmerzliche Wunden zufügen; und die Diener Christi gewännen daraus eher die Fähigkeit, die christlichen Gebote im Bereich der eigenen Familie zu beobachten, was ihr gegenwärtiger Lebensstand ausschließt.

10. Es wird weiter mit Nachdruck behauptet, der Priester befinde sich physisch und psychisch in einer Lage, die nicht nur der Natur widerspreche, sondern auch das innere Gleichgewicht und die Reifung seiner menschlichen Persönlichkeit beeinträchtige. So könne es geschehen, daß der Priester oft innerlich austrockne und nach und nach die Herzenswärme verliere, die ihn zur Teilnahme an der Lebens und Schicksalsgemeinschaft mit den anderen Menschen fähig macht. Er werde zu einem vereinsamten Leben gezwungen, der Ursache so vieler Verbitterung und Niedergeschlagenheit.

Zeigt das nicht — sagen sie —, daß der unverheiratete Priester sich selbst unberechtigte Gewalt antut und die seelischen Werte mißachtet, die Gott der Schöpfer gegeben und Christus der Erlöser übernatürlich erhöht hat?

11. Überblickt man endlich den Weg, der heute den Priesterkandidaten zur Annahme der schweren Last des Zölibats führt, so wenden manche ein, daß er nach einer derartigen Vorbereitung nichts anderes tun kann, als diese Last in Geduld zu tragen. Die überlieferte Ausbildung sei eben nicht zureichend und lasse der rechtmäßigen Freiheit des Menschen nicht genügend Raum. Daraus ergebe sich, daß die jungen Männer, die den Zölibat auf sich nehmen, nicht mit echter, freier Entscheidung handeln; denn ihre persönliche Einsicht, ihre Entscheidungskraft und ihre seelische und körperliche Reife seien der Last des Zölibats mit seinen Schwierigkeiten und seiner Dauer nicht hinreichend gewachsen.

12. Es ist Uns keineswegs unbekannt, daß noch andere Einwände gegen den Zölibat angeführt werden könnten; denn es handelt sich um eine höchst vielschichtige Angelegenheit, die zudem an den Nerv der allgemeinen Lebensauffassung rührt, diese aber auch mit dem Licht der göttlichen Offenbarung erhellt und erfüllt. Eine endlose Reihe von Schwierigkeiten kann sich für die ergeben, die „es nicht fassen können “ und „die Gabe Gottes “ nicht kennen oder vergessen und nicht begreifen, welche überragende Erkenntnis, welche wunderbare Wirkkraft und reiche Fruchtbarkeit dieser Lebensauffassung innewohnt.

13. Ferner scheinen die Einwände in ihrer Gesamtheit nicht allein die alten und erhabenen Zeugnisse der kirchlichen Oberhirten sowie der Lehrer des geistlichen Lebens zu übergehen; sie wollen auch die lebendigen uns vor Augen stehenden Beispiele einer unzähligen Schar heiliger und treuer Diener Gottes übersehen, die dartun, daß diesen der gottgeweihte Zölibat Quelle und Zeichen für ihre freudige Ganzhingabe an das Christusmysterium gewesen ist. Diese auserlesenen Beispiele sind in unserer Zeit nicht geringer an Zahl als in der Vergangenheit, und ihre Stimme klingt auch heute noch laut und klar. Da Wir Unsere Aufmerksamkeit stets auf die aktuellen Gegebenheiten richten, können Wir die Augen vor einer überraschenden und wunderbaren Tatsache nicht verschließen; auch heute noch leben in lauterer und unversehrter Befolgung des freiwillig übernommenen gottgeweihten Zölibats unzählige Diener des Heiligtums — Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe und das überall in der Welt, wo die Kirche ihre Gotteshäuser errichtet hat. Mit ihnen müssen Wir die fast unendlich große Schar der gottgeweihten Männer und Jungfrauen, darunter auch junger Menschen und Laien nennen, die das Versprechen vollkommener Keuschheit treu halten. Und das geschieht nicht etwa aus Geringschätzung der göttlichen Gabe des Lebens, sondern weil sie sich aus übernatürlicher Liebe dem neuen Leben weihen, das aus dem Pascha-Mysterium Christi strömt. Sie leben den Zölibat lauter und unversehrt vor, starkmütig und in sittlicher Strenge, doch in geistlicher Freude, sogar mit einer gewissen Leichtigkeit. Dieses erhabene Schauspiel bezeugt durch sein einzigartiges Dasein, daß das Reich Gottes dem innersten Wesen der menschlichen Gesellschaft gleichsam eingewurzelt ist, der es demütig den wohltätigen Dienst leistet, daß es sich als „Licht der Welt“ und „Salz der Erde “ erweist. Wir sind voller Bewunderung für dieses Schauspiel der keuschen Menschen, in dem sicherlich der Geist Christi weht.

14. Wir meinen daher, daß das bestehende Gebot des Zölibats auch jetzt noch mit dem priesterlichen Amt verbunden sein muß; es muß dem Priester eine Stütze sein bei seinem Entschluß, sich ganz, für immer, einzig und allein der Liebe Christi zu weihen und sein ganzes Wirken der Gottesverehrung und dem Wohl der Kirche zu schenken. Die Zölibatsverpflichtung muß kennzeichnendes Merkmal für den Stand und die Stellung des Priesters sein, und zwar sowohl in der Gemeinde der Gläubigen als auch in der weltlichen Gemeinschaft.

15. Sicher ist das Charisma des göttlichen Rufes zum Priestertum mit seiner Ausrichtung auf den Gottesdienst und den seelsorglichen Dienst am christlichen Volk zu unterscheiden von dem Charisma, das zur Ehelosigkeit als einer gottgeweihten Lebensform anregt. Aber mit diesem göttlichen Ruf zum Priestertum ist noch nichts Endgültiges geschehen: der kirchliche Amtsträger, bei dem Verantwortung und Vollmacht für den Dienst am Volke Gottes liegen, muß ihn prüfen und anerkennen. Deshalb fällt es dem Urteil der kirchlichen Autorität zu, je nach den örtlichen zeitlichen Verhältnissen zu bestimmen, wie sich die Männer, denen das Wohl der Seelen und der Kirche anvertraut werden soll, durch Ansehen und Charakter auszeichnen müssen.

16. Vom Geist des Glaubens gedrängt, ergreifen Wir deshalb gern die von der Vorsehung Gottes gebotene Gelegenheit, um nochmals die berechtigten und ernsten Gründe für die Beobachtung des Zölibats in einer Weise zu erläutern, die der Geisteshaltung der Menschen unserer Zeit entspricht; denn können die Einwände gegen den Glauben zu einer gründlicheren und tieferen Erkenntnis desselben anregen, so gilt das ebenso für die kirchlichen Gesetze, die das Leben der Christen regeln.

Dazu bewegt Uns auch die Freude, den Reichtum an Tugend und die Schönheiten der Kirche Christi staunend zu betrachten, die zuweilen den Augen der Menschen nicht unmittelbar sichtbar sind, weil sie der Liebe des göttlichen Stifters der Kirche entstammen und weil sie sich in jener vollkommenen Heiligkeiten offenbaren, die den menschlichen Geist mit Bewunderung erfüllt und deren Wesen zu verstehen menschliche Kräfte nicht ausreichen.

Erster Teil

1. Begründung des Zölibats

17. Tatsächlich ist nach der Lehre des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils die Jungfräulichkeit „nicht vom Wesen des Priestertums gefordert, wie die Praxis der frühesten Kirche und die Tradition der Ostkirchen zeigt“; aber dasselbe Konzil hat keinen Zweifel gehegt, das bestehende alte, heilige und so wertvolle Gebot des priesterlichen Zölibats in feierlicher Form zu bestätigen; gleichzeitig legte es die Gründe dar, die dafür sprechen, wenn man glaubensreifrig und hochherzig die göttlichen Gnadengaben würdigt.

18. Nicht erst heute untersucht man die „vielfältige Angemessenheit! “ des Zölibats für die Priester; wohl waren die angeführten Gründe verschieden gemäß der verschiedenen Geisteshaltung und den verschiedenen Lebensbedingungen; immer aber beruhten sie auf echt christlichen Gedanken, die konsequent durchgedacht, zu noch tieferen Gesichtspunkten führten. Diese können in noch helleres Licht treten durch die Erfahrung, die im Laufe der Zeit aus einer tieferen Erkenntnis der geistigen Dinge erwachsen ist; das geschieht unter der Einwirkung des Heiligen Geistes, den Christus den Seinen verheißen hat zur Erkenntnis des Zukünftigen und zum deutlichen Verstehen des Mysteriums Christi und der Kirche im Volke Gottes.

Christologische Bedeutung des Zölibats

19. Das christliche Priestertum, das etwas Neues ist, kann nur verstanden werden im Lichte der Neuheit Christi, des Ewigen Hohenpriesters, der das Priesteramt eingesetzt hat, damit seine Diener wahrhaft an seinem, dem einzigen Priestertum teilhaben. Der Diener Christi und Verwalter der Mysterien Gottes hat daher in ihm auch das unmittelbare Urbild und höchste Ideal seines Lebens. Denn der Herr Jesus, der eingeborene Sohn Gottes, den der Vater in die Welt gesandt hat, ist Mensch geworden, damit das der Sünde und dem Tode verfallene Menschengeschlecht wiedergeboren werde und durch die neue Geburt in das Himmelreich eingehe. Diese Neuschöpfung vollendete Jesus in der Ganzhingabe an den Willen des Vaters durch das Paschamysterium. So führte er in die Zeit und indie Welt ein neues, erhabenes und göttliches Leben ein, das auch den Zustand der Menschheit übernatürlich gewandelt hat.

20. Auch die Ehe, die nach dem Willen Gottes das Werk der ersten Schöpfung fortsetzt, erhält, eingefügt in den allgemeinen Heilsplan, neue Bedeutung und neuen Wert. Denn Jesus hat ihre ursprüngliche Würde wiederhergestellt, hat sie geehrt und hat sie zu einem Sakrament und zum geheimnisvollen Zeichen der Einheit erhoben, mit der er selbst der Kirche verbunden ist. So schreiten die christlichen Eheleute in gegenseitiger Liebe, in der Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben und dem eifrigen Streben nach der ihnen eigenen Heiligkeit gemeinsam dem himmlischen Vaterland zu. Aber Christus, der Mittler des erhabenen Bundes, hat noch einen neuen Weg aufgetan. Auf diesem Weg macht der Mensch, der rüdthaltlos Gott anhängt und nur um Gott und seine Sache besorgt ist, deutlich und umfassend die zutiefst erneuernde Kraft sichtbar, die das wesentliche Kennzeichen des Neuen Testamentes ist.

21. Christus, der eingeborene Sohn des Vaters, ist auf Grund seiner Menschwerdung zum Mittler zwischen Himmel und Erde und zwischen dem Vater und dem Menschengeschlecht bestellt. In vollem Einklang mit diesem Auftrag verharrte Christus sein ganzes Leben hindurch im Stand der Jungfräulichkeit; diese Tatsache kennzeichnet seine Ganzhingabe an den Dienst für Gott und die Menschen. Diese so enge Verbindung von Jungfräulichkeit und Priestertum, die in Christus besteht, geht auch auf die über, denen es gegeben ist, an der Würde und dem Auftrag des Mittlers und ewigen Priesters teilzuhaben. Diese Teilhabe ist um so vollkommener, je freier der Diener des Heiligtums von den Bindungen an Fleisch und Blut ist.

22. Jesus wollte, daß die ersten von ihm erwählten Diener des Heiles nicht nur „die Geheimnisse des Himmelreiches kennen „: sie sollten auch, ausgestattet mit einzigartiger Vollmacht, Gehilfen Gottes sein und an seiner Statt „des Amtes walten „: er nannte sie Freunde und Brüder; für sie hat er sich geheiligt, damit sie in Wahrheit geheiligt seien; er verhieß überreichen Lohn allen, die um des Gottesreiches willen Haus, Familie, Frau und Kinder verlassen würden. Ja er empfahl mit geheimnisvollen und Erwartung wedtenden Worten noch eine vollkommenere Lebensweise, wo sich der Mensch auf Grund eines besonderen Charismas dem Himmelreiche weiht durch die Jungfräulichkeit. Das Himmelreich ist der Grund, weshalb jemand dieser Gnadengabe Folge leistet. Ebenso ruft Jesus um des Himmelreiches, des Evangeliums und des Namens Christi willen die Apostel dazu auf, harte Mühen auf sich zu nehmen. Im Ertragen so vieler Widerwärtigkeiten mit ihm vereint, sollten sie inniger an seinem Schicksal teilhaben.

23. Wer so von Jesus berufen ist, den drängt zur Erwählung der Jungfräulichkeit als einer erstrebenswerten Lebensform das Mysterium des neuen Lebens in Christus; es ist das Mysterium, das offenbar macht, was Christus dem Wesen nach ist und welche Würde ihm eignet; es ist die Zusammenfassung aller Ideale des Evangeliums und des Reiches Gottes, ein besonderes Zeichen der Gnade, die aus dem Paschamysterium des göttlichen Erlösers strömt. Die dieser Anregung folgen, tun das nicht allein, um an dem priesterlichen Amt Christi teilzuhaben, sondern auch, um sich zu der gleichen Lebensweise zu verpflichten.

24. Wer dem Ruf Gottes folgt, antwortet in Liebe der Liebe, die uns Christus in unaussprechlicher Weise erwiesen hat. Diese Antwort verbirgt sich geheimnisvoll in der besonderen Liebe Christi zu den Menschen, die er mit erhabenen Worten zu seiner Nachfolge berufen hat. Die Gnade vermehrt mit göttlicher Kraft das Drängen der Liebe, die, wenn sie echt ist, alles mit Liebe umfängt, fest und beständig ist und unwiderstehlich zu heldenmütigem Einsatz entflammt. Deshalb ist der frei erwählte Zölibat immer „als Zeichen und Antrieb für die Liebe “ geachtet worden: Zeichen einer Liebe ohne jeden Vorbehalt, und Antrieb zu einer Liebe, die für alle offensteht. Kann man wohl in einem Leben, das sich aus den angeführten Motiven heraus ganz den anderen hingibt, Zeichen von geistiger Enge und Egoismus erblicken, da es doch ein seltenes und überaus bezeichnendes Beispiel eines Lebens ist und sein muß, dessen Triebkraft und Nahrung die Liebe ist, durch die der Mensch seine erhabene Größe offenbar macht? Kann man wohl an der moralischen und geistigen Vollendung eines solchen Lebens zweifeln, das in so hohem Grade nicht einem beliebigen, wenn auch noch so hohen Ideal geweiht ist, sondern Christus und seinem Werk, das der Erneuerung des Menschengeschlechtes an allen Orten und zu allen Zeiten gilt?

25. In dieser biblischen und theologischen Sicht verbindet sich unser Priestertum als das seiner Diener mit dem Priestertum Christi; und aus dem Leben dessen, der sich klar und ausschließlich seinem Heilswerk hingegeben hat, nehmen wir Beispiel und Beweggrund für unsere Angleichung an die Form der Liebe und des Opfers Christi, des Erlösers. Diese Sicht scheint Uns so tief und fruchtbar an theoretischen und praktischen Wahrheiten zu sein, daß Wir nicht nur euch, ehrwürdige Brüder, und alle, die sich dem Studium der christlichen Lehre widmen, sondern auch die Lehrer des geistlichen Lebens und alle Priester, die fähig sind, ihr Amt in übernatürlichem Licht zu sehen, auffordern, weiterhin diese Sicht sorgfältig zu überdenken und ihre verborgenen und fruchtbaren Wirklichkeiten tiefer zu ergründen. In dieser klaren Schau wird sodann das Band zwischen Priestertum und Zölibat mehr und mehr sichtbar werden, das ebenso das Zeichen eines starken Geistes ist, wie es eine Liebe fordert, die einzig und ausschließlich auf Christus und seine Kirche gerichtet ist.

Ekklesiologische Bedeutung des Zölibats

26. „Ergriffen von Christus< und zur Ganzhingabe an ihn geführt, wird der Priester Christus auch durch jene Liebe ähnlicher, mit der der Ewige Priester seinen Leib, die Kirche, geliebt und sich ganz für sie hingegeben hat, um sie sich als herrliche, heilige und makellose Braut zu bereiten. Die gottgeweihte Jungfräulichkeit der Priester macht in der Tat die jungfräuliche Liebe Christi zu seiner Kirche und zugleich die übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes sichtbar, kraft deren die Kinder Gottes „nicht aus dem Blute und nicht aus dem Wollen des Fleisches “ geboren sind.

27. Indem sich der Priester in voller, durch die Ganzhingabe leichter erlangter Freiheit dem Dienste Christi und seines Mystischen Leibes weiht, verwirklicht er in vollkommener Weise die innere Einheit und Harmonie seines Priesterlebens. Es wächst in ihm die Fähigkeit zum Hören des Wortes Gottes und zu innigem Gebet. Denn das von der Kirche gehütete Wort Gottes erweckt im Priester, der es täglich betrachtet, durch sein Leben anschaulich macht und den Gläubigen verkündet, einen sehr starken und tiefgehenden Widerhall.

28. Wie Christus erhält auch sein Diener, allein auf die Sache Gottes und der Kirche bedacht und den Hohenpriester nachahmend, der immerdar lebt, um bei Gott Fürsprache für uns einzulegen, aus der aufmerksamen und frommen Verrichtung des göttlichen Offiziums, in dem er seine Stimme der Kirche leiht, die zusammen mit Christus betet, beständige Freude und Anregung; ebenso erkennt er die Notwendigkeit des ununterbrochenen Gebetes, das überhaupt eine dem Priester eigene Aufgabe ist.

29. Daraus empfängt auch das ganze übrige Leben des Priesters einen machtvollen Drang zur Heiligkeit. Deshalb erhält der Priester für die Aufgabe der Selbstheiligung, zu der er sich verpflichten muß, Anregung durch den Dienst an der Gnade und der Eucharistie, die „das gesamte geistliche Gut der Kirche enthält „. Der Priester, der ja in der Person Christi handelt, wird inniger mit der dargebrachten Opfergabe verbunden, indem er sein ganzes Leben, das die Zeichen des Versöhnungsopfers an sich trägt, auf dem Altar darbringt.

30. Was könnten Wir noch anführen über das Wachsen des Priesters an innerem Vermögen im Dienst, in der Liebe und eifervollen Hingabe an das ganze Volk Gottes? Christus hat von sich gesagt:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht „; und der Apostel Paulus zauderte nicht, sich täglich dem Tode auszusetzen, um durch die Gläubigen seinen Ruhm zu besitzen in Christus Jesus. So erlangt der Priester, weil er täglich sich selbst stirbt und auf die an sich berechtigte Liebe zu Gattin und Kind um Christi und seines Reiches willen verzichtet, die Herrlichkeit eines in Christus ganz erfüllten und fruchtbaren Lebens, weil er ja wie Christus und in Christus alle Kinder Gottes liebt und sich für sie weiht.

31. Da aber der Priester in der Gemeinde der ihm anvertrauten Gläubigen Christus darstellt, muß er unbedingt in seinem inneren Leben und in seinem priesterlichen Dienst in allem Christi Bild ausprägen und Christi Beispiel nachahmen. Denn der Priester ist seinen Kindern in Christus Zeichen und Unterpfand der erhabenen und neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes, deren Verwalter er ist und die er in besonderer Weise besitzt. Zudem nährt der Priester den Glauben und die Hoffnung aller Christen, die als solche verpflichtet sind, das Gebot der Keuschheit je nach ihrem besonderen Stand zu beobachten.

32. Da außerdem der Priester im Zölibat durch einen neuen und erhabenen Titel Christus geweiht ist, vermag er, wie leicht einzusehen ist, auch im praktischen Leben mit höchster Wirksamkeit und bester Befähigung Denken und Streben der Seele anzuregen. So kann er beständig jene vollkommene Liebe üben, durch die er sich umfassender und eingehender allen zu widmen vermag und durch die er ganz offensichtlich in größerer Freiheit und Verfügbarkeit sein Amt ausüben und voll Liebe und Eifer in der Welt stehen kann, in die ihn Christus gesandt hat, damit er allen Kindern Gottes seine Schuldigkeit, mit der er ihnen verpflichtet ist, gleichsam auf Heller und Pfennig einlöse.

Eschatologische Bedeutung des Zölibats

33. Das Reich Gottes, das „nicht von dieser Welt ist „, ist hier auf Erden im Mysterium verhüllt gegenwärtig und wird seine Vollendung erst bei der triumphalen Wiederkunft des Herrn Jesus erlangen. Keim und Anfang dieses Reiches aber ist die Kirche, die Schritt für Schritt und unbehindert dem vollendeten Reich zustrebt und mit allen Kräften nach der Vereinigung mit ihrem König in der Herrlichkeit verlangt.

Denn das Volk Gottes wandert als Pilger durch die Geschichte seinem himmlischen Vaterland zu, wo nicht nur die göttliche Kindschaft der Erlösten in vollem Licht sich offenbaren, sondern auch die verklärte Schönheit der Braut des göttlichen Lammes ewig erstrahlen wird.

34. Unser Herr und Meister hat gesagt: „Bei der Auferstehung heiraten sie nicht noch werden sie verheiratet, sie werden vielmehr sein wie die Engel im Himmel.“ In der menschlichen Gesellschaft, die zum großen Teil ganz von irdischen Sorgen beansprucht und allzu oft durch fleischliche Begierden verwirrt wird, ist die kostbare und beinahe göttliche Gabe der vollkommenen Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen wahrhaft „ein besonderes Zeichen der himmlischen Güter „. Sie kündigt ja die Gegenwart der letzten Heilszeit auf Erden mit der Entstehung einer neuen Welt an; sie nimmt gewissermaßen die Vollendung des Reiches voraus, dessen Güter, die einst in allen Gotteskindern aufleuchten werden, sie bekräftigt. Diese Gabe ist deshalb ein klares Zeugnis für die unentwegte Anstrengung, mit der das Volk Gottes dem letzten Ziel seiner irdischen Pilgerschaft zustrebt, und allen ein Ansporn, mit Eifer den Blick auf das Himmlische zu richten, „wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“ und wo auch „unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist“, bis es „mit ihm in der Herrlichkeit“ offenbar werden wird.

II. Der Zölibat im Leben der Kirche

35. Es wäre zu weitläufig, wenngleich sehr lehrreich, die Schriften zu studieren, die im Laufe der Jahrhunderte über den kirchlichen Zölibat erschienen sind. So genüge folgender kurzer Hinweis. Im christlichen Altertum bezeugen die Väter und Kirchenschriftsteller, daß die Diener des Heiligtums im Morgen- und Abendland allenthalben den Zölibat aus eigenem Antrieb beobachtet haben, und zwar in der Überzeugung, daß er ihrem gefaßten Entschluß, sich Christus und der Kirche zu weihen, durchaus entspricht.

36. Diese Lebensform hat die abendländische Kirche seit dem Beginn des 4. Jahrhunderts durch verschiedene Provinzialsynoden und durch die Päpste bekräftigt, erweitert und bestätigt. Vor allem durch das Wirken dieser Hirten und Lehrer der Kirche, der Hüter und Deuter des kostbaren Glaubensschatzes und der christlichen Sittenordnung, wurde die Übung des Zölibats in den folgenden Jahrhunderten gefördert, verteidigt und erneuert, und das auch in solchen Zeiten, wo der Priesterstand selbst und der Verfall der Sitten für Tugend und Heroismus nicht günstig waren. Die Verpflichtung zum Zölibat wurde dann von dem Ökumenischen Konzil von Trient feierlich aufgestellt und schließlich in das Gesetzbuch des Kanonischen Rechtes aufgenommen.

37. Gerade die letzten Päpste setzten ihren glühenden Eifer und ihre vorzügliche Lehrweisheit ein, um die Priester über den Zölibat zu unterweisen und sie zu seiner Befolgung anzuspornen. Hier möchten Wir einen besonderen Erweis der Pietät Unserem unmittelbaren Vorgänger gegenüber bekunden, der in den Herzen der Menschen noch weiterlebt.

Er hat auf der Römischen Diözesansynode vor den versammelten Vertretern der Stadt Rom und unter deren Beifall erklärt: „Vor allem betrübt es Uns, daß … manche irrtümlich wähnen, die katholische Kirche habe vor oder halte es für angebracht, das Gesetz des kirchlichen Zölibats abzuschaffen, das Jahrhunderte hindurch der herrliche und strahlende Schmuck des Priestertums war und ist. Das Gesetz des Zölibats und die Sorge um seine treue Beobachtung erinnern immer wieder an die denkwürdigen und berühmten Auseinandersetzungen jener Zeit, in denen die Kirche Gottes hart zu kämpfen hatte und einen dreifachen Sieg davontrug: denn es ist das Kennzeichen für den Sieg der Kirche Christi, alle Kräfte aufzubieten, um frei, rein und katholisch zu sein.“

38. Wenn in der Ostkirche andere Gesetze bezüglich der Übung des Zölibats in Kraft sind, die das Trullanum im Jahre 692 bestätigt und neuerdings das Zweite Vatikanische Konzil öffentlich anerkannt hat, so ist das gewiß anderen sachlichen und örtlichen Gegebenheiten zuzuschreiben, die auf diesen erlesenen Teil der katholischen Kirche Einfluß hatten; und Wir sind fest davon überzeugt, daß in dieser geschichtlichen Entwicklung die Vorsehung und übernatürliche Mitwirkung des Heiligen Geistes gewaltet hat.

Gern wollen wir diese Gelegenheit benutzen, dem gesamten Klerus der orientalischen Kirche Unsere Wertschätzung und Hochachtung auszudrücken und in ihm die Beispiele der Treue und des Hirteneifers anzuerkennen, die ihn aufrichtiger Verehrung würdig machen.

39. Gleichwohl ermutigt und drängt Uns der Lobpreis, den die orientalischen Väter der Jungfräulichkeit zollen, auf der Beobachtung des Zölibats zu beharren. In Unserem Herzen klingt — um nur ein Beispiel anzuführen — das Wort des heiligen Gregor von Nyssa wider, das Uns daran erinnert, daß „das jungfräuliche Leben das Bild jener Glückseligkeit ist, die uns in der zukünftigen Welt erwartet „. Und nicht weniger erbaut und stärkt Uns das Loblied, das der heilige Johannes Chrysostomus dem Priestertum widmet und das Wir heute noch in unablässiger Betrachtung überdenken; denn es geht klar daraus hervor, wie sehr zwischen dem privaten Leben des Dieners des Altares und der auszeichnenden Würde, die ihm zur Erfüllung seiner heiligen Aufgaben verliehen ist, vollkommene Übereinstimmung herrschen muß: “ … es ziemt sich, daß derjenige, der zum Priestertum aufsteigt, so rein ist, als lebte er im Himmel.“

40. Außerdem ist es nicht überflüssig zu beachten, daß auch im Osten nur unverheiratete Priester zu Bischöfen geweiht werden und daß es den Priestern nach ihrer Weihe verwehrt ist, eine Ehe einzugehen. Das macht doch deutlich, daß auch diese verehrungswürdigen Kirchen einen gewissen Raum lassen für den Gedanken einer Verbindung von Priestertum und Zölibat oder doch seine Angemessenheit für das christliche Priestertum, dessen höchste Stufe und Vollendung die Bischöfe besitzen.

41. Wie dem auch sei: Die abendländische Kirche kann nicht wanken in der Treue zu ihrer alten Überlieferung; und es ist undenkbar, daß sie durch so viele Jahrhunderte einem Weg gefolgt wäre, auf dem sie irgendwie die größere Heiligkeit und Tugend der einzelnen Seelen und des Volkes Gottes eher beeinträchtigt als gefördert hätte, oder daß sie durch übertriebene und allzu strenge Gesetze die freie Entfaltung der verborgenen Güter der Natur und Gnade gehemmt hätte. 42. Kraft der grundlegenden Norm, die Wir oben für die Leitung der katholischen Kirche angegeben haben, müssen hier zwei Dinge festgestellt werden: Einerseits bleibt das Gesetz, das denen, die zu den heiligen Weihen zugelassen werden, auferlegt, den Zölibat aus freier Entscheidung und auf Lebensdauer zu erwählen, in seiner Rechtskraft unverändert; andererseits ist es erlaubt, die besondere Situation der verheirateten Diener des Heiligtums zu beachten, die Kirchen oder christlichen Gemeinschaften angehören, welche noch von der katholischen Einheit getrennt sind, wenn diese nach der vollen Teilhabe an dieser Einheit und nach dem priesterlichen Dienst streben und nun zur Ausübung des Priesteramtes bestellt werden sollen; aber auch das muß in einer Weise geschehen, daß dadurch der festgelegten Einrichtung des Zölibats kein Schaden entsteht.

Daß übrigens die Oberhirten der Kirche durchaus bereit sind, eine solche Vollmacht anzuwenden, davon zeugt die Anordnung des letzten t5kumenischen Konzils, daß der Diakonat auch Männern reifen Alters, die in der Ehe leben, übertragen werden kann.

43. Aber das alles bedeutet nicht eine Lockerung dieser Disziplin, die schon so lange besteht, und darf auch nicht als Vorspiel für ihre Abschaffung verstanden werden. Deshalb darf man keiner Meinung folgen, die in den Seelen die Liebeskraft schwächt, aus der dem Zölibat Festigkeit und Freude erwächst, und die sogar die rechte Lehre verdunkelt, die den Zölibat begründet und verherrlicht; vielmehr sollte man solche wissenschaftlichen Untersuchungen fördern, die den erhabenen Begriff und die sittliche Kraft der Jungfräulichkeit und des Zölibats vor jeder Verkennung bewahren.

44. Denn die Jungfräulichkeit muß als eine besondere Gnadengabe anerkannt werden. Aber die gesamte Kirche unserer Zeit, rechtmäßig gegenwärtig in allen ihrer heiligen Pflicht bewußten Hirten, hat, bei allem Festhalten an der Gewohnheit der orientalischen Kirchen —wovon Wir schon sprachen —, ihr festes Vertrauen im Heiligen Geist ausgesprochen, „daß der Vater die Berufung zum ehelosen Leben, das ja dem neutestamentlichen Priestertum so angemessen ist, mi Heiligen Geist freigebig verbleiben wird, wenn nur diejenigen, die durch das Sakrament der Weihe am Priestertum Christi teilhaben, zusammen mit der ganzen Kirche demütig und inständig darum bitten „.

45. Im Blick auf das ganze Volk Gottes rufen wir es dazu auf, in Erfüllung seiner Pflicht, möglichst viele Seelen für das Priestertum zu gewinnen, den Vater aller, den göttlichen Bräutigam der Kirche und den Heiligen Geist, die Seele der Kirche, inständig anzuflehen, daß auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Christi und Mutter der Kirche, gerade in unserer Zeit diese göttliche Gabe, die der Vater bestimmt keinem Bittenden verweigert, in Fülle

ausgegossen werde und daß sich die Seelen durch einen tiefen Glauben und eine hochherzige Liebe dafür bereitmachen. Und so mögen die Priester in unserer heutigen Welt, die der Herrlichkeit Gottes bedarf, durch ihre Lebensweise von Tag zu Tag immer mehr dem Bilde des einzigen Hohenpriesters gleichgestaltet werden und als strahlendes Licht der Ruhm Christi sein; durch sie möge „die Herrlichkeit der Gnade Gottes“ auf der ganzen Welt glorreich offenbar werden.

46. Ja, ehrwürdige und geliebte Brüder im Priestertum, die Wir euch alle „innigst in Jesus Christus“ lieben, unsere heutige Welt, die zwar infolge des technischen Fortschritts und der Wandlung der Lebensverhältnisse von einer schweren Krise erschüttert wird, aber dennoch mit Recht stolz sein kann auf namhafte Erfolge des menschlichen Fleißes, bedarf unbedingt des Zeugnisses derer, die sich ganz den heiligen und höchsten Idealen hingeben, damit auch unsere Zeit nicht des wunderbaren, ja göttlichen Lichtes für den menschlichen Geist entbehrt, der nach dem Höchsten strebt.

47. Unser Herr Jesus Christus zögerte nicht, die übermenschliche Aufgabe, überall das Evangelium zu verkünden, einigen wenigen Männern anzuvertrauen, von denen niemand angenommen hätte, daß sie ihrer Zahl und Fähigkeit nach der Sache gewachsen gewesen wären. Doch er gebot der so kleinen Herde, sich nicht zu fürchten, da sie mit ihm und durch ihn, das heißt mit seinem immer gegenwärtigen Beistand, den Sieg über die Welt erringen würde. Außerdem hat uns Jesus darauf hingewiesen, daß das Reich Gottes durch seine innere und verborgene Kraft fähig ist, zu wachsen und zu reifen, ohne daß der Mensch es weiß. Dieses Reiches „Ernte ist zwar groß, der Arbeiter aber sind — jetzt wie am Anfang — wenige“, ja sie sind niemals so zahlreich gewesen, daß ihre Zahl nach menschlichem Urteil ausreichend erschienen wäre. Aber der himmlische König fordert unser Gebet, daß „der Herr der Ernte Arbeiter in seine Ernte sende“. In diesem Anliegen darf man die Überlegungen menschlicher Klugheit nicht über die geheimnisvolle Weisheit Christi stellen, der in seinem Heilswerk immer die Weisheit und Macht des Menschen durch seine Torheit und Schwachheit zunichte gemacht hat.

48. Daher bringen wir, gestützt auf die Kraft des Glaubens, nun die Überzeugung der Kirche zum Ausdruck: Wenn sie mit freudigem Eifer und größerer Beständigkeit der göttlichen Gnade Folge leistet, wenn sie aufgeschlossener und stärker auf deren geheimnisvolle und unbesiegbare Macht vertraut, wenn sie endlich vor aller Welt und ohne Vorbehalt für das Christusmysterium Zeugnis gibt, hat sie die Sicherheit, daß sie stets ihr erhabenstes Amt, der ganzen Welt das Heil zu bringen, allen menschlichen Berechnungen und falschen Vorstellungen zum Trotz erfüllen wird. Jeder muß wissen, daß er alles in dem vermag, der allein den Seelen die Kraft und seiner Kirche das Wachstum gibt.

49. Aber Wir lassen Uns nicht leicht überzeugen, daß mit der Aufhebung des kirchlichen Zölibats von selbst die Zahl der Priesterberufe sogleich sehr wachsen würde. In unserer Zeit scheint die Erfahrung der Kirchen und anderer religiöser Gemeinschaften, die ihren Amtsträgern die Ehe erlauben, für das Gegenteil zu sprechen. Die Gründe für die Abnahme der Priesterberufe sind vielmehr anderswo zu suchen. Denn sie liegen, um einige Beispiele anzuführen, darin, daß in den einzelnen Menschen und in den Familien der Sinn für das Göttliche und Heilige verloren, fast erloschen ist, sie liegen auch in der Geringschätzung und Mißachtung der Kirche, die doch kraft ihres Amtes durch Glaube und Sakramente für das Heil der Menschen Sorge trägt. Darum muß dieses Problem in seiner Wurzel untersucht werden.

III. Der Zölibat und die menschlichen Werte

50. Wie Wir bereits angeführt haben, weiß die Kirche sehr wohl, daß die Wahl der Ehelosigkeit große Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt, da sie ja viele Verzichte auferlegt, die den Menschen zutiefst berühren; vor allem der heutige Mensch wird von diesen Schwierigkeiten beunruhigt. Es könnte nämlich scheinen, daß der Zölibat nicht im Einklang stehe mit der großartigen Anerkennung, die die Kirche während des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils den menschlichen Werten bekundet hat. Aber bei aufmerksamer Betrachtung wird klar, daß die Priester, die um der Liebe Christi willen auf die menschliche Liebe verzichten, die die Eheleute in ihrer Familie genießen, in Wahrheit viel zur Würde dieser Liebe beitragen. Es ist ja allgemein anerkannt, daß zu allen Zeiten die Menschen Gott solche Opfer dargebracht haben, die des Gebers wie des Empfängers würdig waren.

51. Im übrigen kann und darf die Kirche nicht vergessen, daß der junge Mann bei der Wahl des Zölibats — sofern er sie mit der Klugheit und dem Pflichtgefühl, die ihm als Mensch und als Christ eigen sein müssen, tätigt, von der göttlichen Gnade geleitet wird, die die Natur nicht zerstört und ihr nicht Gewalt antut, sondern sie vielmehr vollendet und ihr übernatürliche Fähigkeiten und Kräfte verleiht. Denn da Gott als Schöpfer und Erlöser um die den Menschen auferlegte Bürde weiß, bietet er ihm die notwendige Hilfe, damit der Mensch verwirklichen kann, was sein Schöpfer und Erlöser von ihm verlangt. Denn, so sagt der heilige Augustinus, der die menschliche Natur aus eigener Erfahrung gründlich und schmerzlich kennengelernt hat: „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst.“

52. Es ist für den Priester sehr nützlich, ja notwendig, die tatsächlichen Schwierigkeiten des Zölibats in ehrlichem Urteil zur Kenntnis zu nehmen und sich so der Forderungen, die damit an ihn herantreten, klar bewußt zu werden, damit der Zölibat wirklich eine Kraftquelle und für ihn selbst und die anderen Menschen nützlich sein kann. Andererseits ist die gleiche ehrliche Überlegung notwendig, um diesen Schwierigkeiten nicht mehr Bedeutung und Gewicht beizumessen als den menschlichen und religiösen Verhältnissen, in denen die Priester normalerweise leben, und sie nicht als unlösbar zu betrachten.

53. Nach allem, was die Wissenschaftler heute festgestellt haben, ist es ungerecht, weiterhin zu behaupten, der Zölibat sei gegen die Natur, als stehe er im Gegensatz zu den berechtigten physischen, psychischen und affektiven Bedürfnissen, deren Befriedigung notwendig sei, um den Menschen in jeder Beziehung zur vollen Entfaltung zu bringen. Der nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffene Mensch ist nicht nur Fleisch, und der Geschlechtstrieb ist nicht das Vorherrschende in ihm; der Mensch ist auch, ja vor allem, Vernunft, Wille und Freiheit; kraft dieser Fähigkeiten ist er das Haupt des Alls und muß sich selbst als solches betrachten; denn gerade durch diese Fähigkeiten hat der Mensch gelernt, die physischen, psychischen und affektiven Begierden zu zügeln.

54. Der wahre und tiefere Beweggrund für den Zölibat beruht — wie Wir bereits gesagt haben — darauf, daß der Priesterkandidat sich zum Nutzen der gesamten Menschheit dem Mysterium Christi und der Kirche enger und rückhaltloser verpflichtend verbinden will. Zweifellos können bei dieser Wahl die erhabensten menschlichen Werte voll und ganz entfaltet werden.

55. Deshalb fordert die Wahl des Zölibats keineswegs eine Nichtbeachtung oder Geringschätzung des Geschlechtstriebes und des Gefühlslebens — was sicher dem physischen und psychischen Gleichgewicht zum Schaden wäre —, sie erfordert vielmehr eine klare Einsicht, eine aufmerksame Selbstzucht und eine weise Erhebung der Seele zu einem höheren Ideal. Auf diese Weise trägt der Zölibat, da er den Menschen zu einer wunderbaren Würde erhöht, wahrhaft zur Vollendung des Menschseins und zur höchsten Entfaltung des Tugendlebens bei.

56. Zugegeben, daß das natürliche und rechtmäßige Verlangen des Mannes nach Frau und Kindern von dem, der an das Zölibatsgesetz gebunden ist, hintangesetzt wird: Es ist aber entschieden abzulehnen, daß Ehe und Familie die einzige und notwendige Lebensform zur Erlangung der vollen menschlichen Reife sind. Im Herzen des Priesters wird die Liebe nicht ausgelöscht. Denn die aus der reinsten Quelle gespeiste Liebe, die in der Nachahmung Gottes und Christi bewahrt wird, fordert — ganz wie jede echte Liebe — vieles vom Priester und drängt ihn zum Werk. Dazu dehnt die Liebe ihr Betätigungsfeld ins Grenzenlose aus; sie vertieft und verstärkt — das klare Zeichen eines reifen Charakters — das Verantwortungsbewußtsein dem übernommenen Amt gegenüber; sie bildet im Priester die starken und zarten Gefühle aus, die Zeichen einer höheren und fruchtbareren Vaterschaft sind und ihn in überströmendem Maße bereichern.

57. Das ganze Volk Gottes muß Zeugnis geben für das Mysterium Christi und sein Reich; aber die Art des Zeugnisses ist unterschiedlich. Den verheirateten Laien trägt die Kirche auf, in einem des christlichen Namens würdigen Ehe- und Familienleben treu und vorbehaltlos Zeugnis abzulegen; von den Priestern verlangt sie das Zeugnis eines Lebens, das ganz auf der Betrachtung des kommenden Gottesreiches und seiner Freuden und auf der Sorge für dieses Reich beruht.

Wenn der Priester den Ehestand auch nicht aus unmittelbarer und persönlicher Erfahrung kennenlernt, kann er dennoch auf Grund seiner Bildung, seines priesterlichen Amtes und der von Gott seinem Stand verheißenen Gnade einen sogar noch tieferen Einblick in die ganze menschliche Natur haben. So vermag er nicht nur alle diese Probleme genau zu durchschauen und ihren Ursprung zu erkennen; er kann auch den Eheleuten und christlichen Familien mit seinem Rat tatkräftig beistehen. Denn der Priester, der hochherzig nach dem Gesetz des Zölibates lebt, wird für die christlichen Eheleute ein klarer Beweis dafür sein, daß die menschliche Liebe, die dieses Namens würdig ist, reich ist an kraftvollen geistlichen Werten; darüber hinaus wird er durch sein persönliches Opfer den christlichen Eheleuten die Gnade einer wahrhaft inneren Verbundenheit verdienen.

58. Wir leugnen zwar nicht, daß der Priester durch den Zölibat ein einsamer Mensch ist. Aber seine Einsamkeit darf nicht für öde und leer gehalten werden, denn sie ist von Gott und dem unermeßlichen Reichtum seines himmlischen Reiches erfüllt. Überdies hat sich der Priester darauf vorbereitet, diese Einsamkeit, die innerlich und äußerlich von der Liebe erfüllt sein muß, zu ertragen, wenn er sie mit Bedacht erwählt hat, und zwar nicht etwa, um sich hochmütig von den anderen Menschen fernzuhalten; nicht, um sich schweren allgemeinen Verpflichtungen zu entziehen; nicht, um sich von seinen Brüdern abzusondern, oder weil er die Welt verachtet. Denn, ausgesondert aus der Welt, ist der Priester dennoch keineswegs vom Volke Gottes getrennt, er ist ja „für die Menschen bestell, gänzlich der Übung der Liebte geweiht und „dem Werk, zu dem ihn Gott erwählt hat“.

59. Bisweilen kann die Einsamkeit schwer auf dem Priester lasten; aber er wird deshalb keineswegs bereuen, diese Lebensweise hochherzig erwählt zu haben. Selbst Christus war in den schwersten Augenblicken seines Lebens allein und von denen verlassen, die er als Zeugen und Gefährten seines Lebens erwählt und „bis zum Ende“ geliebt hatte; dennoch sprach er: “ Ich bin nicht allein, denn der Vater ist mit mir. Wer sich in freier Wahl ganz Christus hingegeben hat, wird in der Vertrautheit mit ihm und in seiner Gnade vor allem die Kraft finden, alle Traurigkeit zu vertreiben und jede Niedergeschlagenheit und Entmutigung zu überwinden; auch wird ihm nicht der liebevolle Schutz der jungfräulichen Gottesmutter und die mütterliche Sorge der Kirche fehlen, der er sich geweiht hat, noch die Fürsorge seines Bischofs, der ihm in der Gnade Christi Vater ist; ebenso wird ihm nicht das innige Band treuer Freundschaft mit den Mitbrüdern im Priesteramt noch die an Trost so reiche Liebe des ganzen Volkes Gottes mangeln. Und wenn Abneigung, Argwohn und Feindseligkeit dem Priester bisweilen das Leben in Einsamkeit bis zum Überdruß schwer machen, so wird er wissen, daß er dadurch in eindrucksvollster Wirklichkeit an dem Schicksal Jesu Christi teilhat; wie der wahre Apostel, der nicht “ größer als der, der ihn gesandt hat „, sein kann, und der Freund, dem der göttliche Freund die geheimsten, von Schmerz und Freude erfüllten Tiefen seines Herzens geoffenbart hat; von ihm ist er ja auserwählt, geheimnisvolle Früchte des Lebens zu bringen, während er ein Leben führt, das das Bild des Todes an sich trägt.

Zweiter Teil

1. Priesterausbildung

60. Aus den Gedanken, die Wir über die Schönheit, die Würde und die innere Angemessenheit der Jungfräulichkeit für die Diener Christi und der Kirche dargelegt haben, erwächst denen, die das Amt des Lehrers und Hirten bekleiden, die überaus schwere Pflicht, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß die Jungfräulichkeit schon von der Zeit der Vorbereitung auf den Empfang dieser herrlichen Gnadengabe an wirklich gepflegt wird.

Die Schwierigkeiten und Belastungen, die einigen Priestern die Beobachtung des Zölibats schwer oder geradezu unmöglich machen, entspringen nicht selten einer Priesterausbildung, die angesichts der Wandlungen der Verhältnisse ganz unzureichend ist, um einen „Mann Gottes“ würdig heranzubilden.

61. Deshalb haben die Väter des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils bereits weise Richtlinien und Vorschriften angegeben, die mit dem Fortschritt der Psychologie und Pädagogik im Einklang stehen und auch auf die in unserer Zeit stark veränderten Lebensbedingungen des einzelnen Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft abgestimmt sind. Es ist darüber hinaus Unser Wille, daß baldmöglichst gesetzliche Normen geschaffen werden, in denen dieses Thema unter Heranziehung von Fachleuten in angemessener Ausführlichkeit behandelt wird, um denen, die in der Kirche die schwere Aufgabe übernommen haben, die Priesterkandidaten auszubilden, alsbald eine geeignete Hilfe zu bieten.

62. Das Priestertum ist ein Amt, das von Christus Jesus zum Dienst an seinem mystischen Leib, der Kirche, eingesetzt ist. Deshalb ist es auch Aufgabe der kirchlichen Obern, nur diejenigen zum Priestertum zuzulassen, die sich nach ihrem Urteil dafür eignen, nämlich solche, denen Gott neben den anderen Zeichen der Berufung zum heiligen Dienst auch das Charisma des Zölibats gewährt hat.

Kraft dieser Gnadengabe, die vom Kanonischen Recht bestätigt wird, wird der Mensch aufgerufen, aus freiem Willen und mit seiner Ganzhingabe dem Rufe Gottes Folge zu leisten und der göttlichen Autorität Geist und Gewissen zu unterwerfen. Gott beruft tatsächlich nur eine Persönlichkeit, die im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten ist, deren Freiheit die himmlische Gnade keineswegs aufhebt. In den Priesterkandidaten also muß die Bereitschaft gepflegt werden, die göttliche Gnadengabe mit gelehrigem Herzen in sich aufzunehmen, für den Ruf Gottes sich bereit zu halten und in erster Linie auf die übernatürlichen Gnadenhilfen zu vertrauen.

63. Aber man muß auch dem physischen und psychischen Zustand des Kandidaten Rechnung tragen, um ihn in angemessener Weise zu dem Ideal des Priestertums hinführen und anleiten zu können. Damit die Erziehung des Kandidaten, dessen wirkliche geistige Anlagen und Fähigkeiten bereits voll und ganz erkannt worden sind, ihr Ziel tatsächlich erreicht, muß deshalb das Wachstum der göttlichen Gnade mit dem der Natur harmonisch zusammengehen. Die geistigen Anlagen müssen mit größter Gewissenhaftigkeit geprüft werden, sobald sich Anzeichen der Berufung zum Priestertum zeigen. Dabei darf sich niemand auf ein voreiliges und oberflächliches Urteil verlassen; deshalb soll auch ein Arzt, oder, um das griechische Wort zu gebrauchen, ein Psychologe herangezogen werden, um bei dieser Prüfung mitzuwirken. Man wird auch nicht auf eine genaue anamnetische Nachforschung verzichten dürfen, um die Eignung des Kandidaten für das Priestertum auch unter der sehr wichtigen Berücksichtigung der Erbfaktoren zu prüfen.

64. Denen aber, die in körperlicher, geistiger und moralischer Hinsicht wenig geeignet erscheinen, muß man sofort vom priesterlichen Beruf abraten. Die Erzieher müssen sich in diesem Punkt ihrer ernsten Pflicht bewußt sein. Sie sollen keine eitle Hoffnung und gefährliche Zuversicht hegen noch in irgendeiner Weise zulassen, daß die Alumnen zum großen Schaden für sich und die Kirche solche Hoffnungen nähren. Denn da die Lebensweise des ehelosen Priesters innerlich und äußerlich einen so vollständigen Einsatz für den Dienst Gottes und eine so große Klugheit erfordert, schließt sie einen Kandidaten, dessen Gaben in physischer, psychischer und moralischer Hinsicht nicht genügen, aus; und man darf nicht erwarten, daß in diesen Dingen die göttliche Gnade ersetzen wird, was der Natur fehlt.

65. Sobald die Eignung des Kandidaten feststeht und man ihm den Weg zum Priestertum freigegeben hat, wird man eifrig dafür sorgen müssen, daß er durch eine entsprechende leibliche, geistige und sittliche Erziehung nach und nach die vollkommene Entfaltung seiner Persönlichkeit bis zu dem Grade erreicht, daß er die natürlichen Anlagen, die Gefühle und Triebe in Schranken zu halten und zu beherrschen vermag.

66. Diese angemessene Erziehung erhält ihre Bestätigung durch die Seelenstärke, mit der jemand aus freien Stücken die persönliche und gemeinschaftliche Lebensordnung, die ein Erfordernis des Priesterlebens ist, annimmt. Man muß bedauern, wenn eine solche Lebensordnung fehlt oder unzureichend ist, was große Gefahren mit sich bringt; sie darf nicht wie eine von außen auferlegte Last getragen werden, sondern muß als notwendiger Bestandteil des geistlichen Lebens in die innere Haltung aufgenommen und eingefügt werden.

67. Die ganze Erziehung muß darauf ausgehen, die jungen Menschen zur Aufrichtigkeit, einer wesentlich evangelischen Tugendi, und zu selbständigem Handeln anzuregen. Das wird geschehen, wenn sie jede gute Initiative fördert, die dazu geeignet ist, daß der junge Mensch sich selbst kennen und seine Kräfte richtig einschätzen lernt; daß er lernt, seine Bürde bewußt auf sich zu nehmen und jene Selbstbeherrschung zu erwerben, die in der Priesterbildung von größter Bedeutung ist.

68. Die Autorität, deren Hauptgrundsätze immer zu bewahren sind, soll in weiser Maßhaltung, seelsorglichem Geist und dialogisch vorgehen. Sie soll auch die Alumnen allmählich praktisch einüben, so daß der Erzieher den Geist des jungen Menschen durchschauen kann und die Erziehung selbst durch das ihr wesentliche Merkmal, der Selbständigkeit, bestimmt ist, und damit ebenso der Kandidat angeregt wird, selbstverantwortlich zu handeln.

69. Die gesamte vollständige Ausbildung des Priesterkandidaten muß auf eine ruhige, bewußte und freie Wahl der schweren Aufgaben zielen, die er einmal mit größter Gewissenhaftigkeit vor Gott und der Kirche übernehmen muß.

Begeisterung und Hochherzigkeit sind bewundernswerte Vorzüge der Jugend; wenn sie richtig ausgebildet und befestigt werden, gewinnen sie ihr nicht nur den himmlischen Schutz, sondern auch die Bewunderung und das Vertrauen der Kirche, ja aller Menschen. Den jungen Menschen, die diese Lebensform erwählen, soll man keine der wirklichen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten, die sie später aus Erfahrung kennenlernen werden, verhehlen, damit ihre Begeisterung nicht flüchtig und oberflächlich dahinschwindet. Aber es wird angebracht sein, zugleich mit den Schwierigkeiten auch den erhabenen Vorzug des erwählten Lebens ebenso ehrlich und deutlich in seinem Lichte darzustellen. Schafft dieses Leben körperlich und geistig auch eine gewisse Leere im Menschen, so schenkt es ihm nichtsdestoweniger eine geistliche Fülle, so groß, daß sie fähig ist, das Leben des Priesters ganz und gar zu ergreifen und zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit emporzuführen.

70. Die jungen Leute sollen überzeugt sein, daß sie diesen steilen Weg nicht zu gehen vermögen ohne eine besondere Aszese, die den Anwärtern für das Priestertum eigen ist und die allgemeinen aszetischen Verpflichtungen aller übrigen Christgläubigen übertrifft.

Wir meinen eine zwar strenge, aber nicht niederdrückende Aszese, die im Zusammenhang mit der bewußten und beharrlichen Übung jener Tugenden stehen soll, durch die sich der Priester von den anderen Menschen unterscheiden muß, nämlich: vollkommene Ganzhingabe — eine notwendige Bedingung für die Nachfolge Christii; Demut und Gehorsam, Zeichen innerer Wahrhaftigkeit und richtig gelenkter Freiheit; Klugheit und Gerechtigkeit, Stärke und Maß-haltung, ohne die ein echt religiöses und beispielhaftes Leben nicht möglich ist; ein ausgeprägtes Verantwortungsbewußtsein; Treue und Redlichkeit in der Führung der Amtspflichten; Harmonie zwischen dem tätigen und beschaulichen Leben; innere Freiheit vom Irdischen und Liebe zur Armut, die der evangelischen Freiheit Kraft und inneren Wert verleiht; mit unausgesetzter Bemühung in schöner Harmonie mit allen anderen natürlichen und übernatürlichen Tugenden errungene Keuschheit; Heiterkeit des Geistes und Sicherheit im Verkehr mit den Menschen, um derentwillen sich der Priesterkandidat dereinst Christus und seinem Reiche weihen will.

Auf diesem Wege wird sich der Priesterkandidat mit der Gnade Gottes zu einer ausgeglichenen, starken und reifen Persönlichkeit entwickeln; seine natürlichen Kräfte werden mit den erworbenen Tugenden im Einklang stehen, und alle Fähigkeiten werden sich wunderbar verbinden im Lichte des Glaubens und in der Einheit mit Christus, der ihn für seinen Dienst und den Dienst für das Heil des Menschengeschlechtes erwählt hat.

71. Aber um größere Sicherheit bezüglich der Eignung eines jungen Mannes für das Priestertum und um Beweise zu erhalten, daß er zu menschlicher und übernatürlicher Reife gelangt ist — „denn in der Seelsorge ist es wegen der äußeren Gefahren noch schwerer, einen vollkommenen Lebenswandel zu führen “ —, muß die Beobachtung des Zölibats von Zeit zu Zeit erprobt werden, bevor sie durch die Priesterweihe fest und endgültig wird.

72. Ist nach Kräften der Erweis erbracht, daß die Reife des Priesterkandidaten genügend gefestigt ist, dann wird er es wirklich vermögen, die schwere und doch sanfte Last der priesterlichen Keuschheit als Ganzhingabe an Christus und seine Kirche auf sich zu nehmen.

So wird der Alumnen, angeregt von der göttlichen Gnade, das Gesetz des Zölibats, das nach dem Willen der Kirche tatsächlich mit der Priesterweihe verbunden ist, mit voller Bewußtheit und innerer Freiheit auf sich nehmen, selbstverständlich nicht ohne den klugen und weisen Rat bewährter Lehrer des geistlichen Lebens, denen es obliegt, die wichtige und freie Wahl nicht als Last aufzuerlegen, sondern bewußter zu machen. Und in dem feierlichen Augenblick, der über sein ganzes künftiges Leben entscheidet, wird der Kandidat dann nicht die Schwere einer von außen auferlegten Last empfinden, sondern vielmehr aus der um die Liebe zu Christus willen getroffenen Wahl große Freude schöpfen.

II. Das Priesterleben

73. Der Priester darf durchaus nicht meinen, die Priesterweihe mache ihm alles leicht und schütze ihn für immer vor jeder Versuchung oder Gefahr. Die Keuschheit erwirbt man nicht ein für allemal, sondern sie ist eine Tugend, die in großer Mühe und täglicher Übung errungen wird. Unsere Zeit unterstreicht stark den positiven Wert der Liebe in ihrer Beziehung zwischen den Geschlechtern, hat aber leider auch die Schwierigkeiten und Gefahren auf diesem Gebiet vervielfältigt. Um das Gut der Keuschheit mit aller Sorgfalt zu hüten und die erhabene Würde dieser Tugend ohne Rückhalt zu bezeugen, muß der Priester seine Situation klar und ruhig erwägen, das heißt er muß wissen, daß er dem geistlichen Kampf gegen die Verlockungen der Begierden in sich selbst und in der Welt ausgesetzt ist; er muß außerdem unablässig den Vorsatz erneuern, mehr und mehr seine unwiderrufliche Selbsthingabe, die ihn zu vollkommener und aufrichtiger Treue verpflichtet, zu verwirklichen.

74. Neue Kraft und neue Freude wird dem Priester daraus erwachsen, daß er täglich in Gebet und Betrachtung die Beweggründe zu seiner Hingabe immer wieder erforscht und Tag für Tag tiefer davon überzeugt ist, daß er den besten Teil erwählt hat. Deshalb wird der Priester demütig und beharrlich um die Gnade der Treue beten, die denen niemals fehlen wird, die sie aufrichtigen Herzens erflehen; gleichzeitig wird er sich der natürlichen und übernatürlichen Mittel bedienen, die ihm zur Verfügung stehen. Vor allem wird er eifrig die aszetischen Anweisungen beachten, die in der Kirche durch Erfahrung anerkannt und die in der heutigen Welt nicht weniger notwendig sind als in vergangener Zeit.

75. Der Priester bemühe sich vor allem mit der ganzen ihm von der göttlichen Gnade geschenkten Liebe um ein inniges Verhältnis zu Christus und um die Ergründung seines unausschöpflichen und beseligenden Mysteriums. Er bemühe sich außerdem, das Mysterium der Kirche immer klarer zu erkennen; losgelöst von diesem, besteht die Gefahr, daß ihm sein priesterliches Leben inhaltlos und sinnlos erscheint.

Nährt sich aber die priesterliche Frömmigkeit an der lauteren Quelle des göttlichen Wortes und der heiligen Eucharistie, lebt sie aus der Feier der Liturgie und stützt sie sich dazu noch auf eine zarte und vertraute Verehrung der heiligsten Jungfrau, der Mutter des Ewigen Hohenpriesters und Königin der Aposteln, dann wird der Priester zu den sprudelnden Quellen eines echten geistlichen Lebens gelangen. Dieses allein ist imstande, der Jungfräulichkeit das stärkste Fundament zu verleihen.

76. Mit der Gnade und dem Frieden im Herzen wird der Priester die Kraft haben, mit Starkmut die vielfältigen Aufgaben seines Lebens und seines Dienstes wahrzunehmen; wenn er sie nur mit Treue und religiösem Eifer angeht, findet er nämlich neue Gelegenheiten, zu bezeugen, daß er ganz Christus und seinem mystischen Leib angehört, um sich und die anderen Menschen zu heiligen. Die Liebe Christi, die ihn drängt, wird ihm helfen, die vorzüglichsten Kräfte seiner Seele nicht in sich zu verbergen, sondern sie im Geist der Ganzhingabe zu veredeln und zu vertiefen, wie der Hohepriester Christus, den die innigste Lebensgemeinschaft mit den Menschen verband, der sie geliebt und für sie gelitten hat, wie auch der Apostel Paulus, der die Sorgen aller mittrug, um in der Welt Zeugnis zu geben von dem Licht und der Kraft der Frohbotschaft von der Gnade Gottes.

77. Mit ängstlicher Sorge auf die Ganzhingabe an Christus bedacht, soll sich der Priester vor Gefühlserregungen hüten, die einen Zustand auslösen, der vom Geist nicht mehr genügend erleuchtet und geleitet wird, und er soll solche wirklich gefährliche Neigungen des Herzens nicht unter dem Vorwand geistlicher und seelsorglicher Verpflichtungen rechtfertigen.

78. Das Priestertum fordert die intensive Pflege einer echten und aufrichtigen Frömmigkeit; aus ihrer Kraft sollen die Diener des Heiligtums im Geiste leben und im Geiste wandeln; es fordert eine wahrhaft mannhafte innere und äußere Aszese, wie sie denen ziemt, die auf besondere Weise Christus dienen und in ihm und um seinetwillen „ihr Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben“; so sollen sie mutig einen harten und langwierigen Kampf auf sich nehmen. Hat er ihn bestanden, dann kann der Diener Christi der Welt klarer die Früchte des Geistes aufweisen, nämlich „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Milde, Treue, Mäßigung, Enthaltsamkeit und Keuschheit.

79. Die Keuschheit des Priesters wird gestärkt, behütet und bewahrt auch durch eine Lebensweise, durch menschliche Beziehungen und Betätigungen, wie sie den Dienern Gottes entsprechen. Darum ist es nötig, jene „innige, sakramentale Brüderlichkeit“ zu pflegen, deren sich alle Priester kraft der heiligen Weihe erfreuen. Unser Herr Jesus hat gelehrt, daß das neue Gebot der Liebe drängt, er hat sie durch sein bewunderungswürdiges Beispiel bezeugt, vor allem als er die Sakramente der hochheiligen Eucharistie und des katholischen Priestertums einsetzte und seinen himmlischen Vater bat, daß die Liebe, mit der der Vater ihn von Ewigkeit geliebt hat, in ihnen sei.

80. Die geistige Verbundenheit unter den Priestern soll also vollkommen sein, und häufiges gemeinsames Gebet, lautere Freundschaft und jederlei gegenseitige Hilfeleistung sollen gepflegt werden. Nie genug kann den Priestern eine gewisse Form des gemeinsamen Lebens empfohlen werden, die das priesterliche Amt stärker mit Frömmigkeit erfüllt; ebenso häufige Zusammenkünfte zu brüderlichem Gedanken und Erfahrungsaustausch und mitbrüderlicher Ermunterung; und schließlich die Förderung von Vereinigungen, die Anregungen zur priesterlichen Heiligung bieten.

81. Die Priester sollen eifrigst die Mahnung des Zweiten Vatikanischen Konzils erwägen, die sie dazu ermuntert, den Gemeinschaftssinn untereinander zu pflegen, damit sie sich voll und ganz für die priesterlichen Mitbrüder verantwortlich fühlen, die von Schwierigkeiten bedrängt werden und deren heiliger Beruf ernstlich gefährdet ist. Sie sollen eine glühende Liebe zu denen hegen, die mehr Liebe als die anderen, mehr Nachsicht, mehr Gebet und mehr verständnisvolle und wirksame Hilfe benötigen und die mit Recht auf die unerschöpfliche Liebe derer bauen, die vor allen anderen im wahrsten Sinne ihre Freunde sind und sein müssen.

82. Schließlich möchten Wir gleichsam zur Ergänzung und Erinnerung dieses brieflichen Gesprächs mit euch, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, und mit euch, Priester und Diener des Altares, anregen, daß sich jeder von euch vornehme, alljährlich am Jahrestag seiner Weihe oder auch alle im Geiste vereint am Gründonnerstag, dem hoch heiligen Tage der Einsetzung des Priestertums, die vertrauensvolle Ganzhingabe an Christus den Herrn zu erneuern, das Bewußtsein der Erwählung zum heiligen Dienst wieder zu wecken, und mit Demut und Starkmut Christus aufs neue das Versprechen beständiger Treue zu seiner unvergleichlichen Liebe und eurer reinsten Hingabe zu geben.

III. Beklagenswerte Untreue

83. Nun aber wendet sich Unser Denken mit väterlicher Liebe, mit großem Bangen und Schmerz jenen unglücklichen, aber stets über alles geliebten Mitbrüdern im Priesteramt zu, die das ihrer Seele eingeprägte heilige Zeichen des Weihesakramentes in sich tragen, und doch so bedauerlich ihren Pflichten, die sie bei der Priesterweihe übernommen haben, untreu geworden sind.

Von ihrem beklagenswerten Zustand und dem daraus erwachsenden öffentlichen und persönlichen Schaden veranlaßt, fragen manche, ob nicht gerade der Zölibat an solchen unglückseligen Vorfällen und Ärgernissen für das Volk Gottes schuld sei. Nein, im Gegenteil, der Zölibat ist nicht schuld daran. In Wirklichkeit liegt die Ursache immer darin, daß die Veranlagung eines Priesterkandidaten nicht immer rechtzeitig zuverlässig und klug beurteilt wurde oder daß die Lebensführung solcher Diener des Heiligtums mit den Verpflichtungen eines Lebens der Ganzhingabe an Gott nicht ganz übereinstimmte.

84. Die Kirche ist in größter Sorge um das traurige Los dieser ihrer Söhne und hält es für ihre Pflicht, alles zu tun, um die Wunden, die ihr durch ihren Abfall zugefügt werden, zu verhüten oder zu heilen. Dem Beispiel Unserer letzten Vorgänger folgend haben Wir angeordnet, daß bei Prozessen bezüglich der Priesterweihe die Untersuchungen auf andere wichtige Fälle und Gründe ausgedehnt werden, die im geltenden Kanonischen Recht nicht vorgesehen sind. Es handelt sich dabei um solche Fälle und Gründe, die zu wirklich ernstem Zweifel berechtigen bezüglich der vollen Freiheit und Verantwortlichkeit der Priesterkandidaten bei der Übernahme ihrer Verpflichtungen und bezüglich ihrer Eignung zum priesterlichen Leben. Das alles geschieht zu dem Zweck, um alle die von ihren Verpflichtungen zu befreien, die in einem gehörigen Prozeß tatsächlich als ungeeignet erklärt worden sind.

85. Diese sogenannten Dispensen, die gegebenenfalls in dieser Hinsicht erteilt werden — es sind in Wirklichkeit nur sehr wenige im Vergleich zu der großen Zahl seelisch gesunder und würdiger Priester —, wollen aus Gerechtigkeit das geistliche Wohl der einzelnen sicherstellen. Zugleich zeigen sie die große Sorge der Kirche um die Weitergeltung des Zölibatsgesetzes und seine unverminderte und treue Beobachtung von seiten aller Diener des Heiligtums.

Wenn die Kirche so handelt, so tut sie es immer mit großem Schmerz, vor allem wenn besonders bedauerliche Fälle vorkommen, wenn nämlich die Weigerung, das sanfte Joch Christi würdig zu tragen, auf eine Glaubenskrise oder auf sittliches Versagen zurückzuführen ist und daher oft wissentlich und für das christliche Volk ärgerniserregend ist.

86. Wenn diese Priester wüßten, wieviel Unruhe, wieviel Schande und wieviel Verwirrung sie der heiligen Kirche Gottes zufügen, wenn sie die Würde und den Vorzug der übernommenen Verpflichtungen bedächten und einsähen, welchen Gefahren sie sich in diesem und im zukünftigen Leben aussetzen, dann würden sie gewiß vorsichtiger und überlegter in ihren Entschlüssen sein, bereiter zum Gebet und gründlicher und tatkräftiger einem derartigen geistlichen und moralischen Versagen vorbeugen.

87. Aber mit ganz besonderer Aufmerksamkeit wendet sich die Mutter Kirche dem Fall zu, daß noch junge Priester zwar mit hoher Begeisterung und großem Eifer dem heiligen Dienst nachgekommen sind, später aber im Gedränge ihrer priesterlichen Aufgaben in eine Art Verzweiflung, Unsicherheit, Leidenschaft und seelischer Verwirrung geraten sind. Deshalb ist die Kirche der Ansicht, daß in einer solchen Situation nichts unversucht bleiben darf, um den wankenden und abgleitenden Mitbruder durch Zureden zur inneren Ruhe, zum Vertrauen, zur Reue und zu seinem ersten freudigen Eifer zurückzuführen. Nur wenn offenkundig geworden ist, daß bei einem Priester auf diese Weise keine Besserung erwartet werden kann, soll der unglückliche Diener Gottes des ihm anvertrauten Amtes enthoben werden.

88. Soweit jemand im Einzelfall für das Priesteramt nicht zurückgewonnen werden kann, aber doch den aufrichtigen und guten Willen zeigt, als Laie ein christliches Leben zu führen, gewährt der Apostolische Stuhl, die Liebe über den Schmerz stellend, nach gewissenhaftester Abwägung aller Umstände und gemeinsamer Beratung mit dem Ordinarius oder dem Ordensobern bisweilen die erbetene Dispens. Dabei werden einige Werke der Frömmigkeit und der Sühne auferlegt, damit in dem unglücklichen und doch immer geliebten Sohn ein heilsames Zeichen des mütterlichen Schmerzes der Kirche und eine lebendige Erinnerung daran verbleibe, daß alle der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen.

89. Dieses strenge und zugleich doch barmherzige Vorgehen, das immer von der Gerechtigkeit und Wahrheit, von höchster Klugheit und Behutsamkeit bestimmt ist, wird ohne Zweifel dazu beitragen, die guten Priester in ihrem Vorsatz zu bestärken, lauter und heilig zu leben; ebenso wird es für die Priesterkandidaten eine Mahnung sein, unter der weisen Führung ihrer Erzieher und Lehrer zum Altar zu schreiten, in vollem Bewußtsein der Verpflichtung, die sie zu übernehmen haben, mit größter Uneigennützigkeit und vom Eifer entflammt, den Anregungen der göttlichen Gnade und dem Willen Christi und seiner Kirche zu gehorchen.

90. Wir wollen schließlich nicht versäumen, Gott mit überaus großer Freude dafür zu danken, daß Wir beobachten können, wie manche von denen, die für einige Zeit untreu geworden sind, sich so eifrig aller geeigneten Hilfsmittel bedient haben — vor allem des demütigen Gebetes, der Übung in der Demut, des zähen geistigen Kampfes und des häufigen Empfanges des Bußsakramentes —, daß sie mit der Gnade des Hohenpriesters auf den rechten Weg zurückgekehrt und zur Freude aller wieder seine vorbildlichen Diener geworden sind.

IV. Geistliche Vaterschaft des Bischofs

91. Damit sich aber Unsere vielgeliebten Priester der übernommenen Pflichten leichter und freudiger annehmen können, ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, haben sie das Recht und zugleich die Pflicht, eure tatkräftige und notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn ihr habt sie unter die Alumnen aufgenommen, ihr habt sie für das Priesteramt bestimmt, ihr habt ihnen die Hände aufgelegt, euch sind sie auf das engste verbunden auf Grund der Würde des Priestertums und kraft des Weihesakramentes, an eurer Stelle stehen sie in den ihnen anvertrauten Gemeinden der Gläubigen. Darum sind sie hoch-gesinnt und starkmutig mit euch verbunden, da sie, jeder nach seiner Stellung, eure Pflichten und – Sorgen mit euch teilen. Indem sie den Zölibat erwählten, folgten sie dem seit alten Zeiten wirksamen Beispiel der Bischöfe des Ostens und Westens. Das führt notwendig zu einem weiteren Band zwischen Bischof und Priester, das sich auf Leben und Werk überträgt.

92. Wie Jesus seine zarte Liebe zu seinen Jüngern am deutlichsten zeigte, als er sie zu Dienern seines wahren und des mystischen Leibes machte‘38, so wißt auch ihr, „in denen der Herr Jesus Christus, der Hohepriester, inmitten der Gläubigen gegenwärtig ist „, sehr wohl, daß es eure Pflicht ist, eure vorzügliche Liebe und Sorge den Priestern und den jungen Priesterkandidaten zuzuwenden. Ihr könnt in der Tat diese eure feste Überzeugung niemals besser bekunden, als wenn ihr im Bewußtsein eurer Pflicht und in aufrichtiger und unerschütterlicher Liebe euch eifrig um die Erziehung der Alumnen bemüht und nach Kräften den Priestern helft, ihrer göttlichen Berufung und ihren Verpflichtungen treu zu bleiben.

93. Die menschliche Einsamkeit des Priesters, nicht selten Anlaß zur Entmutigung und Versuchung, soll besonders durch eure brüderliche und freundschaftliche Gegenwart erleichtert werden. Anstatt Vorsteher und Richter seid euren Priestern lieber Lehrer, Väter, Freunde und Brüder, bereit zur Güte, zur Barmherzigkeit, zur Nachsicht, zum Verzeihen und zur Hilfe. Ermutigt überdies die euch anvertrauten Priester zur Freundschaft und zum vollen Vertrauen zu euch, so jedoch, daß das rechtliche Gehorsamsverhältnis dadurch nicht nur nicht aufhört, sondern durch die Hirtenliebe nur noch fester und der Gehorsam selbst williger, aufrichtiger und sicherer wird. Diese dienstbereite Freundschaft und ein kindliches Verhältnis zu euch werden den Priestern ohne Zweifel leicht möglich machen, euch rechtzeitig ihr Herz zu öffnen und ihre Schwierigkeiten zu offenbaren; ermutigt in der Hoffnung, daß ihr immer für sie da sein werdet, werden sie euch gegebenenfalls Verirrungen anvertrauen ohne knechtische Furcht vor der Strafe, sondern — wie es sich Söhnen ziemt —in Erwartung einer väterlichen Mahnung, der Verzeihung und der Hilfe, die sie anregt, mit neuem Vertrauen den begonnenen Weg weiterzugehen.

94. Ihr seid sicherlich überzeugt davon, ehrwürdige Brüder, daß ihr eine dringende und vornehme Aufgabe erfüllt, die unermeßlich vielen Seelen Nutzen bringt, wenn ihr einem Priester die Freude und Begeisterung für seinen Beruf, den inneren Frieden und die Heilszuversicht wiedergebt. Selbst wenn ihr einmal eure Autorität gebrauchen und heilsame Strenge anwenden müßt gegen die wenigen, die eure Güte zurückweisen und durch ihr schlechtes Beispiel dem Volke Gottes schaden, so sorgt doch dafür, daß ihr bei den notwendigen Maßnahmen gegen sie ihre Besserung vor Augen habt. In der Nachfolge des Herrn Jesus, des Hirten und Bischofs eurer Seelen, sollt ihr das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Wie Jesus heilt die Wunden, rettet, was verloren war, sucht mit sorgender Liebe das verlorene Schaf, um es in die wärmende Geborgenheit der Hürde zurückzubringen, und seid wie Christus bis zum äußersten bemüht, den ungetreuen Freund zurückzugewinnen.

95. Wir sind sicher, ehrwürdige Brüder, daß ihr in eurer Hirtensorge nichts unversucht lassen werdet, euren Priestern in weiser Belehrung das Ideal des gottgeweihten Zölibats unablässig vor Augen zu stellen, und daß ihr niemals die Sorge für diejenigen Priester aufgeben werdet, die das Haus Gottes, das auch ihr Vaterhaus ist, verlassen haben; welches auch immer das Ende ihres traurigen Abfalls sein mag: sie bleiben für alle Zeiten eure Söhne.

V. Die Aufgabe der Gläubigen

96. Da aber die Tugend der Priester ein Gut der ganzen Kirche ist, ein besonderer Schatz und eine Zierde, die dem ganzen Volke Gottes als Vorbild dient und zum Besten gereicht, wollen Wir an alle Gläubigen, unsere Söhne und Töchter in Christus, die liebevolle und dringende Ermahnung richten, sich für die Tugend ihrer Brüder verantwortlich zu fühlen, welche die Aufgabe übernommen haben, ihnen als Priester zu dienen, damit sie das Heil erlangen. Alle sollen daher beten; sie sollen bestrebt sein, denen zu helfen, die von Gott zum Priestertum berufen sind; sie sollen ihren Priestern gefällig und in kindlicher Liebe behilflich sein; sie sollen ihnen in verständnisvoller Mitarbeit beistehen, in der Absicht, durch bereitwilliges Aufnehmen ihrer seelsorglichen Bemühungen ihnen Trost zu schenken. Außerdem sollen sie diese ihre Väter in Christus ermutigen, die Schwierigkeiten jeder Art zu überwinden, die ihnen bei der treuen Erfüllung ihrer anvertrauten Aufgaben begegnen, damit sie für alle Menschen das beste Vorbild seien. Alle sollen in lebendigem Glauben und christlicher Liebe den Priestern gegenüber eine tiefe Ehrfurcht und taktvolle Zurückhaltung bekunden, in dem Wissen, daß es sich um Menschen handelt, die ganz Gott und der Kirche geweiht sind.

97. Unsere Aufforderung richtet sich vor allem an jene Laien, die eifriger und inniger als andere Gott suchen und nach einem vollkommenen christlichen Leben inmitten der profanen Welt streben. Durch ihre ehrerbietige und aufrichtige Freundschaft können sie den Priestern eine große Hilfe bedeuten. Die Laien, die trotz ihrer Inanspruchnahme durch die irdischen Geschäfte dieses Lebens sich bemühen, ihrem Taufgelöbnis Genüge zu leisten, können dem Priester manchmal Licht und Kraft geben, damit er im Dienste Christi und der Kirche nicht unter Umständen durch den verkehrten und verwirrenden Weltgeist Schaden leide an der Unversehrtheit seiner göttlichen Berufung. Daraus ergibt sich ohne Zweifel, daß das ganze Volk Gottes den Herrn Jesus selbst ehrt in denen, die seine Stelle vertreten und von denen er sagt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Er hat ja auch denen reichen Lohn versprochen, die den Boten des Evangeliums irgendwie in Liebe dienen.

Schluß

98. Bevor Wir Unser Schreiben beenden, ermahnen Wir, gedrängt von der Liebe Christi, euch, Unsere ehrwürdigen Brüder, Hirten der

Herde Gottes in allen Teilen der Welt, und euch, geliebte Priester, Unsere Brüder und Söhne, mit neuer Zuversicht und neuer Hoffnung in kindlichem Vertrauen Augen und Herz auf die liebreiche Mutter Jesu Christi und Mutter der Kirche zu richten und ihre mächtige mütterliche Fürbitte für das katholische Priestertum zu erflehen. Sie verehrt ja das Volk Gottes voll Bewunderung als das Urbild und Vorbild der Kirche Christi wegen ihres Glaubens, ihrer Liebe und ihrer vollkommenen Vereinigung mit Christus. Möge darum die jungfräuliche Mutter Maria der Kirche, die ebenfalls als Jungfrau und Mutter gepriesen wird, erflehen, sich beständig in Demut rühmen zu können, daß ihre Priester die erhabene Gnadengabe der Jungfräulichkeit unversehrt bewahren, und zu erleben, wie der Zölibat mehr und mehr blühe und täglich an Wertschätzung gewinne in allen Kreisen der Menschen, so daß von Tag zu Tag die Zahl derer wachse, die dem göttlichen „Lamme folgen, wohin es geht<.

99. So schaut die Kirche im Vertrauen auf Christus voller Hoffnung empor. Wenn sie sich auch wegen des Priestermangels angesichts der religiösen Bedürfnisse aller Völker große Sorge macht, so erwartet sie doch zuversichtlich im Vertrauen auf die unendlichen und geheimnisvollen Quellen der göttlichen Gnade, daß eine vorbildliche religiöse Haltung der Diener des Heiligtums auch die Zahl der Priesterberufe erhöhen wird, „denn bei Gott ist alles möglich „.

In dieser Überzeugung und festen Hoffnung erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, und den euch anvertrauten Priestern und Gläubigen als Unterpfand der göttlichen Gnade und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Fest des h. Johannes des Täufers, dem 24. Juni 1967, im fünften Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PAUL VI.

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Quelle — [ EN  – ES  – FR  – IT  – LA  – PT ]

Auszug aus: Johannes Paul II.: Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

PRIESTERSEIN HEUTE

Fünfzig Jahre Priestertum sind nicht wenig. Was ist nicht alles geschehen in diesem halben Jahrhundert Geschichte! Neue Probleme, neue Lebensgewohnheiten, neue Herausforderungen traten ins Rampenlicht. Da fragt man sich spontan: Was bedeutet Priestersein heute, auf dieser Weltbühne in Bewegung und Um­bruch, während wir auf das dritte Jahrtausend zu­gehen?

Es besteht kein Zweifel, daß der Priester, zusam­men mit der ganzen Kirche, mit seiner Zeit geht und zum aufmerksamen und wohlwollenden, aber zugleich kritischen und wachsamen Hörer all dessen wird, was in der Geschichte zur Reife kommt. Das Konzil hat gezeigt, daß eine echte Erneuerung in voller Treue zum Wort Gottes und zur Überlieferung möglich und nötig ist. Über die gebotene pastorale Erneuerung hinaus bin ich aber davon überzeugt, daß der Priester sich nicht scheuen darf, „außerhalb der Zeit“ zu stehen, weil das menschliche „Heute“ jedes Priesters eingefügt ist in das „Heute“ Christi, des Erlösers. Die größte Aufgabe für jeden Priester und zu jeder Zeit ist es, Tag für Tag dieses sein priesterliches „Heute“ in dem „Heute“ Christi wiederzufinden, in jenem „Heute“, von dem der Hebräerbrief spricht. Dieses „Heute“ Christi ist einge­taucht in die ganze Geschichte — in die Vergangenheit und in die Zukunft der Welt, jedes Menschen und jedes Priesters. „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Wenn wir also mit unserem menschlichen, priesterlichen „Heute“ eingetaucht sind in das „Heute“ Jesu Christi, besteht keine Gefahr, daß wir zu „Gestrigen“, Rückständigen werden … Christus ist das Maß aller Zeiten. In seinem göttlich-mensch­lichen, priesterlichen „Heute“ löst sich der — einst so viel diskutierte — Widerspruch zwischen „Traditionalismus“ und „Progressismus“ an der Wurzel auf.

DIE TIEFGREIFENDEN ERWARTUNGEN
DES MENSCHEN

Analysiert man die Erwartungen des heutigen Men­schen gegenüber dem Priester, so wird man sehen, daß es bei ihm im Grunde nur eine einzige, große Erwar­tung gibt: er dürstet nach Christus. Um das Übrige ­was auf wirtschaftlichem, sozialem, politischem Gebiet dienlich ist — kann er viele andere bitten. Den Priester bittet er um Christus! Und er hat vom Priester das Recht, Christus vor allem durch die Verkündigung des Wortes zu erwarten. Die Priester — so lehrt das Konzil ­„schulden also allen, Anteil zu geben an der Wahrheit des Evangeliums“ (Presbyterorum Ordinis, 4). Aber die Verkündigung zielt auf die Begegnung des Menschen mit Jesus, besonders im Geheimnis der Eucharistie, Herzensmitte der Kirche und des priesterlichen Lebens. Es ist eine geheimnisvolle, erstaunliche Macht, die der Priester angesichts des eucharistischen Leibes Christi besitzt. Aufgrund dieser Macht wird er zum Verwalter des größten Gutes der Erlösung, denn er schenkt den Menschen den Erlöser in Person. Die Feier der Euchari­stie ist die erhabenste und heiligste Funktion jedes Prie­sters. Und für mich ist die Feier der Eucharistie seit den ersten Jahren meines Priestertums nicht nur heiligste Pflicht, sondern vor allem tiefstes Bedürfnis der Seele gewesen.

DIENER DER BARMHERZIGKEIT

Als Verwalter des Sakramentes der Versöhnung erfüllt der Priester den Auftrag, den Christus nach seiner Auf­erstehung den Aposteln erteilt hatte: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Der Priester ist Zeuge und Werkzeug der göttlichen Barmherzigkeit! Wie wichtig ist der Beichtdienst in seinem Leben! Ge­rade im Beichtstuhl verwirklicht sich wahrlich seine geistliche Vaterschaft am vollkommensten. Gerade im Beichtstuhl wird jeder Priester zum Zeugen der großar­tigen Wunder, welche die göttliche Barmherzigkeit in der Seele wirkt, die die Gnade der Umkehr annimmt. Aber es ist notwendig, daß für den Dienst an den Brü­dern und Schwestern im Beichtstuhl jeder Priester durch eigenes regelmäßiges Beichten und unter geist­licher Führung an sich selber die Erfahrung dieser Barmherzigkeit Gottes macht.

Als Verwalter von göttlichen Geheimnissen ist der Priester ein besonderer Zeuge des Unsichtbaren Welt. Er ist in der Tat Verwalter unsichtbarer und uner­meßlicher Güter, die in den Bereich des Geistlichen und Übernatürlichen gehören.

EIN MENSCH, DER MIT GOTT IN VERBINDUNG STEHT

Als Verwalter dieser Güter steht der Priester in ständi­ger, besonderer Verbindung zu der Heiligkeit Gottes. „Heilig, heilig, heilig Gott, Herr aller Mächte und Gewalten! Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.“ Gottes Majestät ist die Majestät der Heiligkeit. Im Priestertum wird der Mensch gleichsam emporgehoben in die Sphäre dieser Heiligkeit, er er­reicht gleichsam die Höhen, in die einst der Prophet Jesaja eingeweiht worden war. Und genau jene pro­phetische Vision findet Widerhall im eucharistischen Hochgebet: Sanctus, Sanctus, Sanctus, Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis.

Gleichzeitig lebt der Priester jeden Tag fortwäh­rend die Herabkunft dieser Heiligkeit Gottes auf den Menschen: „Benedictus qui venit in nomine Domini.“ Mit diesen Worten grüßte die Menge Christus, als er in die Stadt Jerusalem einzog, um das Opfer für die Er­lösung der Welt zu vollenden. Die transzendente, gleichsam „außerweltliche“ Heiligkeit wird in Christus zur „innerweltlichen“ Heiligkeit. Sie wird zur Heilig­keit des Ostergeheimnisses.

ZUR HEILIGKEIT BERUFEN

Da er in ständiger Verbindung zu der Heiligkeit Gottes steht, muß der Priester selbst heilig werden. Sein Amt verpflichtet ihn zu einer von der Radikalität des Evan­geliums inspirierten Lebensform. Dies erklärt die be­sondere Notwendigkeit, daß er vom Geist der evange­lischen Räte Keuschheit, Armut und Gehorsam erfüllt sein muß. In diesem Blickfeld versteht man auch die besondere Angemessenheit des Zölibates. Daher ergibt sich das besondere Bedürfnis nach dem Gebet in seinem Leben: Das Gebet entspringt der Heiligkeit Gottes und ist gleichzeitig die Antwort auf diese Heiligkeit. Ich habe einmal geschrieben: „Das Gebet bringt den Prie­ster hervor, und der Priester entsteht durch das Gebet.“ Ja, der Priester muß vor allem ein Mann des Gebetes sein, überzeugt davon, daß die Zeit, die er der vertrau­lichen Begegnung mit Gott widmet, am besten verwen­det ist, weil sie nicht nur ihm, sondern auch seiner apostolischen Arbeit nützt.

Wenn das II. Vatikanische Konzil von der allgemei­nen Berufung zur Heiligkeit spricht, so muß man beim Priester von einer besonderen Berufung zur Heiligkeit sprechen. Christus braucht heiligmäßige Priester! Die heutige Welt verlangt heiligmäßige Priester! Nur ein heiligmäßiger Priester kann in einer immer stärker säkularisierten Welt ein transparenter Zeuge Christi und seines Evangeliums sein. Nur so kann der Priester für die Menschen zum geistlichen Führer und Lehrer von Heiligkeit werden. Die Menschen, vor allem die jungen, erwarten eine solche Führung. Der Priester kann in dem Maße Führer und Lehrer sein, in dem er ein authentischer Zeuge wird!

DIE „CURA ANIMARUM“

In meiner nunmehr langen Erfahrung in so vielen ver­schiedenen Situationen wurde ich immer mehr in mei­ner Überzeugung bestärkt, daß nur aus dem Boden der priesterlichen Heiligkeit eine wirksame Pastoral, eine echte cura animarum wachsen kann. Das eigentliche Geheimnis glaubwürdiger pastoraler Erfolge liegt nicht in den materiellen Mitteln und noch weniger in den „reichen Geldmitteln“. Die bleibenden Früchte der pastoralen Anstrengungen entstehen aus der Heiligkeit des Priesters. Das ist das Fundament! Natürlich sind dafür unerläßlich: die Ausbildung, das Studium, die Fortbildung; eine angemessene Vorbereitung, die befä­higt, die Dringlichkeiten wahrzunehmen und pastorale Prioritäten festzulegen. Man könnte jedoch behaupten, daß die Prioritäten auch von den Umständen abhängen, und jeder Priester ist angehalten, sie im Einvernehmen mit seinem Bischof und im Einklang mit den Richtlinien der Gesamtkirche genau zu bestimmen und danach zu leben. In meinem Leben habe ich diese Prioritäten im Laienapostolat, insbesondere in der Familienpastoral ­einem Bereich, in dem mir die Laien selbst viel geholfen haben —, in der Jugendseelsorge und im intensiven Dia­log mit der Welt der Wissenschaft und Kultur erkannt. Das alles spiegelte sich in meiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit wider. Auf diese Weise sind die Studie „Liebe und Verantwortung“ und, unter an­derem, ein literarisches Werk „Der Laden des Gold­schmieds“ mit dem Untertitel „Betrachtungen über das Sakrament der Ehe“ entstanden.

Eine unausweichliche Priorität stellt heute die be­vorzugte Aufmerksamkeit für die Armen, Ausgegrenz­ten und Einwanderer dar. Für diese Gruppen muß der Priester wirklich ein „Vater“ sein. Unerläßlich sind sicher auch materielle Mittel, wie die moderne Tech­nologie sie uns anbietet. Das Geheimnis bleibt jedoch immer die Heiligkeit des priesterlichen Lebens, die im Gebet und in der Betrachtung, im Opfergeist und im missionarischen Eifer ihren Ausdruck findet. Wenn ich in Gedanken die Jahre meines pastoralen Dienstes als Priester und als Bischof durchlaufe, bin ich immer mehr davon überzeugt, wie wahr und grundlegend dies ist.

MANN DES WORTES

Ich habe bereits darauf hingewiesen: Um ein glaubwür­diger Leiter der Gemeinde, ein wahrer Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein, muß der Priester auch ein Mann des Wortes Gottes, ein hochherziger und uner­müdlicher Verkünder des Evangeliums sein. Heute sieht man angesichts der ungeheuren Aufgaben der „Neu­evangelisierung“ ihre Dringlichkeit noch deutlicher.

Nach so vielen Jahren des Dienstes am Wort, die mich insbesondere als Papst zum Pilger in alle Teile der Welt werden ließen, kann ich nicht umhin, noch einige Gedanken über diese Dimension des priester­lichen Lebens hinzuzufügen. Es ist ein anspruchsvoller Gesichtspunkt, da die Menschen von heute vom Prie­ster eher das „gelebte“ Wort als das „verkündigte“ Wort erwarten. Der Priester muß „vom Wort leben“. Gleichzeitig wird er sich jedoch um eine intellektuelle Vorbereitung bemühen müssen, um das Wort gründlich kennenzulernen und wirksam zu verkünden. In unserer Zeit, die sich durch hochgradige Spezialisierung in fast allen Lebensbereichen auszeichnet, ist die intellektuelle Bildung wichtiger denn je. Sie ermöglicht es, einen intensiven und kreativen Dialog mit dem zeitgenössischen Denken aufzunehmen. Die humanistischen und philo­sophischen Studien und die Kenntnis der Theologie sind der Weg zu dieser Bildung, die dann das ganze Leben lang weiter vertieft werden muß. Um wirklich formend zu sein, muß das Studium ständig vom Gebet, von der Meditation, von der Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes — Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht — begleitet sein. Der hl. Thomas von Aquin erklärt, wie mit den Gaben des Heiligen Geistes der ganze geistliche Orga­nismus des Menschen für das Licht Gottes, für das Licht der Erkenntnis und auch für die Inspiration der Liebe empfänglich gemacht wird. Das Gebet um die Gaben des Heiligen Geistes hat mich von Jugend an begleitet, und ich bleibe ihm bis heute treu.

WISSENSCHAFTLICHE VERTIEFUNG

Aber natürlich entbindet — wie ebenfalls der hl. Thomas lehrt — die „eingegebene Erkenntnis“, die Frucht des besonderen Zutuns des Heiligen Geistes ist, nicht von der Pflicht, sich um die „erworbene Erkenntnis“ zu kümmern.

Was mich betrifft, so wurde ich, wie schon gesagt, gleich nach der Priesterweihe zur Vervollkommnung der Studien nach Rom geschickt. Später mußte ich mich auf Wunsch meines Bischofs als Ethikprofessor an der Theologischen Fakultät von Krakau und an der Katho­lischen Universität von Lublin mit der Wissenschaft be­schäftigen. Frucht dieser Studien war die Doktorarbeit über den hl. Johannes vom Kreuz und dann die Habili­tationsschrift über Max Scheler: speziell über den Beitrag, den sein phänomenologisch geprägtes ethisches System zum Aufbau der Moraltheologie leisten kann. Dieser Forschungsarbeit habe ich wirklich viel zu ver­danken. In meine vorausgegangene aristotelisch-thomi­stische Ausbildung fügte sich so die phänomenologische Methode ein, was mir ermöglichte, zahlreiche schöpfe­rische Untersuchungen auf diesem Gebiet vorzuneh­men. Ich denke vor allem an das Buch „Person und Akt“. Auf diese Weise reihte ich mich in die moderne Denkströmung des philosophischen Personalismus ein, eine Forschung, die nicht ohne pastorale Früchte blieb. Ich stelle häufig fest, daß viele der in diesen Studien gereiften Überlegungen für mich hilfreich sind bei den Begegnungen mit einzelnen Personen und auch bei den Begegnungen mit den vielen Menschen anläßlich meiner apostolischen Reisen. Diese Bildung vor dem kultu­rellen Horizont des Personalismus hat mir eine tiefere Erkenntnis darüber vermittelt, daß jede Person einmalig und unwiederholbar ist, und diese Erkenntnis halte ich für jeden Priester für sehr wichtig.

DER DIALOG MIT DEM DENKEN
UNSERER ZEIT

Durch Begegnungen und Diskussionen mit Naturfor­schern, Physikern, Biologen und auch Historikern habe ich die Bedeutung der anderen, die wissenschaftlichen Disziplinen betreffenden Wissenszweige schätzen ge­lernt, die auch in der Lage sind, unter verschiedenem Blickwinkel zur Wahrheit zu gelangen. Notwendig ist also, daß der Glanz der Wahrheit — Veritatis splendor ­sie ständig begleitet und den Menschen gestattet, einan­der zu begegnen, Überlegungen auszutauschen und sich gegenseitig zu bereichern. Von Krakau habe ich nach Rom die Tradition periodischer interdisziplinärer Tref­fen mitgebracht, die regelmäßig in der Sommerzeit in Castel Gandolfo stattfinden. Ich versuche, dieser guten Gewohnheit treu zu bleiben.

„Labia sacerdotum scientiam custodiant — „Die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis …“ (vgl. Mal 2,7). Ich beziehe mich gerne auf diese Worte des Propheten Maleachi, die in die Litanei zu Christus, dem Priester und Opfer aufgenommen worden sind, weil sie eine Art programmatischen Wert für den haben, der berufen ist, Diener des Wortes zu sein. In der Tat muß er ein Mann der Wissenschaft im tiefsten und religiösen Sinn des Wortes sein. Er muß jene „Wis­senschaft Gottes“ besitzen und weitergeben, die nicht nur eine Summe von Lehrwahrheiten ist, sondern eine persönliche und lebendige Erfahrung des Geheimnisses, wie sie das Johannesevangelium im großen Hohe-priesterlichen Gebet beschreibt: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (17,3).

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Quelle: Weltbild – ISBN 3-8289-4919-3: Johannes Paul II. – Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

Papst Franziskus an die Regenten der deutschsprachigen Priesterseminare

Papst an deutschsprachige Regenten: Priesterseminare stärken – Vatican News

GRUSSWORT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE REGENTEN DER
DEUTSCHSPRACHIGEN PRIESTERSEMINARE

Konsistoriensaal
Donnerstag, 8. März 2018

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Liebe Mitbrüder,

ich grüße euch herzlich und bedanke mich für dieses brüderliche Miteinander, das uns auf dem Weg der neuen Evangelisierung dieses Kontinents Europa stärkt. Regens Niehues danke ich für seine freundlichen Worte.

Als Menschen und Priester vertrauen wir auf den Schatz unserer Erfahrungen. Doch zugleich erkennen wir, dass heute neue und unterschiedliche Kulturformen entstehen, die sich nicht an unsere üblichen Modelle anpassen. Manches Gewohnte müssen wir ablegen und uns auf Fremdes einlassen. Aber immer dürfen wir dabei auf Jesus blicken, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. Wir dürfen in seinen Wunden, wie auch in den Wunden dieser Welt die Zeichen der Auferstehung sehen. Diese Gewissheit lässt uns immer wieder aufbrechen als Zeugen der Hoffnung.

Liebe Mitbrüder, Berufungen können wir nicht machen. Aber wir dürfen Zeugen sein für den an uns gerichteten Ruf des barmherzigen Gottes. Er ruft uns, dass wir aus dem „Ich“ herausgehen und uns dem „Du“ zuwenden. Dieses „Du“ ist der konkrete Mensch, der bedürftig ist, der die Nähe der Menschen und die Nähe Gottes braucht. Dafür wollen wir auch die jungen Männer sensibilisieren, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten. Zugleich sind wir stets auch in eine größere Gemeinschaft, die kyriakoí, die zum Herrn Gehörigen, berufen. Diese Gemeinschaft trägt uns, um auf den Ruf Gottes mit ganzem Herzen zu antworten.

Der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, empfehle ich euch und die Priesteramtskandidaten in den Ländern deutscher Sprache an. Zugleich bitte ich euch, auch für mich zu beten. Von Herzen erteile ich euch und euren Seminargemeinschaften den Apostolischen Segen.

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Quelle