Auszug aus: Johannes Paul II.: Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

PRIESTERSEIN HEUTE

Fünfzig Jahre Priestertum sind nicht wenig. Was ist nicht alles geschehen in diesem halben Jahrhundert Geschichte! Neue Probleme, neue Lebensgewohnheiten, neue Herausforderungen traten ins Rampenlicht. Da fragt man sich spontan: Was bedeutet Priestersein heute, auf dieser Weltbühne in Bewegung und Um­bruch, während wir auf das dritte Jahrtausend zu­gehen?

Es besteht kein Zweifel, daß der Priester, zusam­men mit der ganzen Kirche, mit seiner Zeit geht und zum aufmerksamen und wohlwollenden, aber zugleich kritischen und wachsamen Hörer all dessen wird, was in der Geschichte zur Reife kommt. Das Konzil hat gezeigt, daß eine echte Erneuerung in voller Treue zum Wort Gottes und zur Überlieferung möglich und nötig ist. Über die gebotene pastorale Erneuerung hinaus bin ich aber davon überzeugt, daß der Priester sich nicht scheuen darf, „außerhalb der Zeit“ zu stehen, weil das menschliche „Heute“ jedes Priesters eingefügt ist in das „Heute“ Christi, des Erlösers. Die größte Aufgabe für jeden Priester und zu jeder Zeit ist es, Tag für Tag dieses sein priesterliches „Heute“ in dem „Heute“ Christi wiederzufinden, in jenem „Heute“, von dem der Hebräerbrief spricht. Dieses „Heute“ Christi ist einge­taucht in die ganze Geschichte — in die Vergangenheit und in die Zukunft der Welt, jedes Menschen und jedes Priesters. „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Wenn wir also mit unserem menschlichen, priesterlichen „Heute“ eingetaucht sind in das „Heute“ Jesu Christi, besteht keine Gefahr, daß wir zu „Gestrigen“, Rückständigen werden … Christus ist das Maß aller Zeiten. In seinem göttlich-mensch­lichen, priesterlichen „Heute“ löst sich der — einst so viel diskutierte — Widerspruch zwischen „Traditionalismus“ und „Progressismus“ an der Wurzel auf.

DIE TIEFGREIFENDEN ERWARTUNGEN
DES MENSCHEN

Analysiert man die Erwartungen des heutigen Men­schen gegenüber dem Priester, so wird man sehen, daß es bei ihm im Grunde nur eine einzige, große Erwar­tung gibt: er dürstet nach Christus. Um das Übrige ­was auf wirtschaftlichem, sozialem, politischem Gebiet dienlich ist — kann er viele andere bitten. Den Priester bittet er um Christus! Und er hat vom Priester das Recht, Christus vor allem durch die Verkündigung des Wortes zu erwarten. Die Priester — so lehrt das Konzil ­„schulden also allen, Anteil zu geben an der Wahrheit des Evangeliums“ (Presbyterorum Ordinis, 4). Aber die Verkündigung zielt auf die Begegnung des Menschen mit Jesus, besonders im Geheimnis der Eucharistie, Herzensmitte der Kirche und des priesterlichen Lebens. Es ist eine geheimnisvolle, erstaunliche Macht, die der Priester angesichts des eucharistischen Leibes Christi besitzt. Aufgrund dieser Macht wird er zum Verwalter des größten Gutes der Erlösung, denn er schenkt den Menschen den Erlöser in Person. Die Feier der Euchari­stie ist die erhabenste und heiligste Funktion jedes Prie­sters. Und für mich ist die Feier der Eucharistie seit den ersten Jahren meines Priestertums nicht nur heiligste Pflicht, sondern vor allem tiefstes Bedürfnis der Seele gewesen.

DIENER DER BARMHERZIGKEIT

Als Verwalter des Sakramentes der Versöhnung erfüllt der Priester den Auftrag, den Christus nach seiner Auf­erstehung den Aposteln erteilt hatte: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Der Priester ist Zeuge und Werkzeug der göttlichen Barmherzigkeit! Wie wichtig ist der Beichtdienst in seinem Leben! Ge­rade im Beichtstuhl verwirklicht sich wahrlich seine geistliche Vaterschaft am vollkommensten. Gerade im Beichtstuhl wird jeder Priester zum Zeugen der großar­tigen Wunder, welche die göttliche Barmherzigkeit in der Seele wirkt, die die Gnade der Umkehr annimmt. Aber es ist notwendig, daß für den Dienst an den Brü­dern und Schwestern im Beichtstuhl jeder Priester durch eigenes regelmäßiges Beichten und unter geist­licher Führung an sich selber die Erfahrung dieser Barmherzigkeit Gottes macht.

Als Verwalter von göttlichen Geheimnissen ist der Priester ein besonderer Zeuge des Unsichtbaren Welt. Er ist in der Tat Verwalter unsichtbarer und uner­meßlicher Güter, die in den Bereich des Geistlichen und Übernatürlichen gehören.

EIN MENSCH, DER MIT GOTT IN VERBINDUNG STEHT

Als Verwalter dieser Güter steht der Priester in ständi­ger, besonderer Verbindung zu der Heiligkeit Gottes. „Heilig, heilig, heilig Gott, Herr aller Mächte und Gewalten! Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.“ Gottes Majestät ist die Majestät der Heiligkeit. Im Priestertum wird der Mensch gleichsam emporgehoben in die Sphäre dieser Heiligkeit, er er­reicht gleichsam die Höhen, in die einst der Prophet Jesaja eingeweiht worden war. Und genau jene pro­phetische Vision findet Widerhall im eucharistischen Hochgebet: Sanctus, Sanctus, Sanctus, Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis.

Gleichzeitig lebt der Priester jeden Tag fortwäh­rend die Herabkunft dieser Heiligkeit Gottes auf den Menschen: „Benedictus qui venit in nomine Domini.“ Mit diesen Worten grüßte die Menge Christus, als er in die Stadt Jerusalem einzog, um das Opfer für die Er­lösung der Welt zu vollenden. Die transzendente, gleichsam „außerweltliche“ Heiligkeit wird in Christus zur „innerweltlichen“ Heiligkeit. Sie wird zur Heilig­keit des Ostergeheimnisses.

ZUR HEILIGKEIT BERUFEN

Da er in ständiger Verbindung zu der Heiligkeit Gottes steht, muß der Priester selbst heilig werden. Sein Amt verpflichtet ihn zu einer von der Radikalität des Evan­geliums inspirierten Lebensform. Dies erklärt die be­sondere Notwendigkeit, daß er vom Geist der evange­lischen Räte Keuschheit, Armut und Gehorsam erfüllt sein muß. In diesem Blickfeld versteht man auch die besondere Angemessenheit des Zölibates. Daher ergibt sich das besondere Bedürfnis nach dem Gebet in seinem Leben: Das Gebet entspringt der Heiligkeit Gottes und ist gleichzeitig die Antwort auf diese Heiligkeit. Ich habe einmal geschrieben: „Das Gebet bringt den Prie­ster hervor, und der Priester entsteht durch das Gebet.“ Ja, der Priester muß vor allem ein Mann des Gebetes sein, überzeugt davon, daß die Zeit, die er der vertrau­lichen Begegnung mit Gott widmet, am besten verwen­det ist, weil sie nicht nur ihm, sondern auch seiner apostolischen Arbeit nützt.

Wenn das II. Vatikanische Konzil von der allgemei­nen Berufung zur Heiligkeit spricht, so muß man beim Priester von einer besonderen Berufung zur Heiligkeit sprechen. Christus braucht heiligmäßige Priester! Die heutige Welt verlangt heiligmäßige Priester! Nur ein heiligmäßiger Priester kann in einer immer stärker säkularisierten Welt ein transparenter Zeuge Christi und seines Evangeliums sein. Nur so kann der Priester für die Menschen zum geistlichen Führer und Lehrer von Heiligkeit werden. Die Menschen, vor allem die jungen, erwarten eine solche Führung. Der Priester kann in dem Maße Führer und Lehrer sein, in dem er ein authentischer Zeuge wird!

DIE „CURA ANIMARUM“

In meiner nunmehr langen Erfahrung in so vielen ver­schiedenen Situationen wurde ich immer mehr in mei­ner Überzeugung bestärkt, daß nur aus dem Boden der priesterlichen Heiligkeit eine wirksame Pastoral, eine echte cura animarum wachsen kann. Das eigentliche Geheimnis glaubwürdiger pastoraler Erfolge liegt nicht in den materiellen Mitteln und noch weniger in den „reichen Geldmitteln“. Die bleibenden Früchte der pastoralen Anstrengungen entstehen aus der Heiligkeit des Priesters. Das ist das Fundament! Natürlich sind dafür unerläßlich: die Ausbildung, das Studium, die Fortbildung; eine angemessene Vorbereitung, die befä­higt, die Dringlichkeiten wahrzunehmen und pastorale Prioritäten festzulegen. Man könnte jedoch behaupten, daß die Prioritäten auch von den Umständen abhängen, und jeder Priester ist angehalten, sie im Einvernehmen mit seinem Bischof und im Einklang mit den Richtlinien der Gesamtkirche genau zu bestimmen und danach zu leben. In meinem Leben habe ich diese Prioritäten im Laienapostolat, insbesondere in der Familienpastoral ­einem Bereich, in dem mir die Laien selbst viel geholfen haben —, in der Jugendseelsorge und im intensiven Dia­log mit der Welt der Wissenschaft und Kultur erkannt. Das alles spiegelte sich in meiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit wider. Auf diese Weise sind die Studie „Liebe und Verantwortung“ und, unter an­derem, ein literarisches Werk „Der Laden des Gold­schmieds“ mit dem Untertitel „Betrachtungen über das Sakrament der Ehe“ entstanden.

Eine unausweichliche Priorität stellt heute die be­vorzugte Aufmerksamkeit für die Armen, Ausgegrenz­ten und Einwanderer dar. Für diese Gruppen muß der Priester wirklich ein „Vater“ sein. Unerläßlich sind sicher auch materielle Mittel, wie die moderne Tech­nologie sie uns anbietet. Das Geheimnis bleibt jedoch immer die Heiligkeit des priesterlichen Lebens, die im Gebet und in der Betrachtung, im Opfergeist und im missionarischen Eifer ihren Ausdruck findet. Wenn ich in Gedanken die Jahre meines pastoralen Dienstes als Priester und als Bischof durchlaufe, bin ich immer mehr davon überzeugt, wie wahr und grundlegend dies ist.

MANN DES WORTES

Ich habe bereits darauf hingewiesen: Um ein glaubwür­diger Leiter der Gemeinde, ein wahrer Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein, muß der Priester auch ein Mann des Wortes Gottes, ein hochherziger und uner­müdlicher Verkünder des Evangeliums sein. Heute sieht man angesichts der ungeheuren Aufgaben der „Neu­evangelisierung“ ihre Dringlichkeit noch deutlicher.

Nach so vielen Jahren des Dienstes am Wort, die mich insbesondere als Papst zum Pilger in alle Teile der Welt werden ließen, kann ich nicht umhin, noch einige Gedanken über diese Dimension des priester­lichen Lebens hinzuzufügen. Es ist ein anspruchsvoller Gesichtspunkt, da die Menschen von heute vom Prie­ster eher das „gelebte“ Wort als das „verkündigte“ Wort erwarten. Der Priester muß „vom Wort leben“. Gleichzeitig wird er sich jedoch um eine intellektuelle Vorbereitung bemühen müssen, um das Wort gründlich kennenzulernen und wirksam zu verkünden. In unserer Zeit, die sich durch hochgradige Spezialisierung in fast allen Lebensbereichen auszeichnet, ist die intellektuelle Bildung wichtiger denn je. Sie ermöglicht es, einen intensiven und kreativen Dialog mit dem zeitgenössischen Denken aufzunehmen. Die humanistischen und philo­sophischen Studien und die Kenntnis der Theologie sind der Weg zu dieser Bildung, die dann das ganze Leben lang weiter vertieft werden muß. Um wirklich formend zu sein, muß das Studium ständig vom Gebet, von der Meditation, von der Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes — Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht — begleitet sein. Der hl. Thomas von Aquin erklärt, wie mit den Gaben des Heiligen Geistes der ganze geistliche Orga­nismus des Menschen für das Licht Gottes, für das Licht der Erkenntnis und auch für die Inspiration der Liebe empfänglich gemacht wird. Das Gebet um die Gaben des Heiligen Geistes hat mich von Jugend an begleitet, und ich bleibe ihm bis heute treu.

WISSENSCHAFTLICHE VERTIEFUNG

Aber natürlich entbindet — wie ebenfalls der hl. Thomas lehrt — die „eingegebene Erkenntnis“, die Frucht des besonderen Zutuns des Heiligen Geistes ist, nicht von der Pflicht, sich um die „erworbene Erkenntnis“ zu kümmern.

Was mich betrifft, so wurde ich, wie schon gesagt, gleich nach der Priesterweihe zur Vervollkommnung der Studien nach Rom geschickt. Später mußte ich mich auf Wunsch meines Bischofs als Ethikprofessor an der Theologischen Fakultät von Krakau und an der Katho­lischen Universität von Lublin mit der Wissenschaft be­schäftigen. Frucht dieser Studien war die Doktorarbeit über den hl. Johannes vom Kreuz und dann die Habili­tationsschrift über Max Scheler: speziell über den Beitrag, den sein phänomenologisch geprägtes ethisches System zum Aufbau der Moraltheologie leisten kann. Dieser Forschungsarbeit habe ich wirklich viel zu ver­danken. In meine vorausgegangene aristotelisch-thomi­stische Ausbildung fügte sich so die phänomenologische Methode ein, was mir ermöglichte, zahlreiche schöpfe­rische Untersuchungen auf diesem Gebiet vorzuneh­men. Ich denke vor allem an das Buch „Person und Akt“. Auf diese Weise reihte ich mich in die moderne Denkströmung des philosophischen Personalismus ein, eine Forschung, die nicht ohne pastorale Früchte blieb. Ich stelle häufig fest, daß viele der in diesen Studien gereiften Überlegungen für mich hilfreich sind bei den Begegnungen mit einzelnen Personen und auch bei den Begegnungen mit den vielen Menschen anläßlich meiner apostolischen Reisen. Diese Bildung vor dem kultu­rellen Horizont des Personalismus hat mir eine tiefere Erkenntnis darüber vermittelt, daß jede Person einmalig und unwiederholbar ist, und diese Erkenntnis halte ich für jeden Priester für sehr wichtig.

DER DIALOG MIT DEM DENKEN
UNSERER ZEIT

Durch Begegnungen und Diskussionen mit Naturfor­schern, Physikern, Biologen und auch Historikern habe ich die Bedeutung der anderen, die wissenschaftlichen Disziplinen betreffenden Wissenszweige schätzen ge­lernt, die auch in der Lage sind, unter verschiedenem Blickwinkel zur Wahrheit zu gelangen. Notwendig ist also, daß der Glanz der Wahrheit — Veritatis splendor ­sie ständig begleitet und den Menschen gestattet, einan­der zu begegnen, Überlegungen auszutauschen und sich gegenseitig zu bereichern. Von Krakau habe ich nach Rom die Tradition periodischer interdisziplinärer Tref­fen mitgebracht, die regelmäßig in der Sommerzeit in Castel Gandolfo stattfinden. Ich versuche, dieser guten Gewohnheit treu zu bleiben.

„Labia sacerdotum scientiam custodiant — „Die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis …“ (vgl. Mal 2,7). Ich beziehe mich gerne auf diese Worte des Propheten Maleachi, die in die Litanei zu Christus, dem Priester und Opfer aufgenommen worden sind, weil sie eine Art programmatischen Wert für den haben, der berufen ist, Diener des Wortes zu sein. In der Tat muß er ein Mann der Wissenschaft im tiefsten und religiösen Sinn des Wortes sein. Er muß jene „Wis­senschaft Gottes“ besitzen und weitergeben, die nicht nur eine Summe von Lehrwahrheiten ist, sondern eine persönliche und lebendige Erfahrung des Geheimnisses, wie sie das Johannesevangelium im großen Hohe-priesterlichen Gebet beschreibt: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (17,3).

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Quelle: Weltbild – ISBN 3-8289-4919-3: Johannes Paul II. – Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

Papst Franziskus an die Regenten der deutschsprachigen Priesterseminare

Papst an deutschsprachige Regenten: Priesterseminare stärken – Vatican News

GRUSSWORT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE REGENTEN DER
DEUTSCHSPRACHIGEN PRIESTERSEMINARE

Konsistoriensaal
Donnerstag, 8. März 2018

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Liebe Mitbrüder,

ich grüße euch herzlich und bedanke mich für dieses brüderliche Miteinander, das uns auf dem Weg der neuen Evangelisierung dieses Kontinents Europa stärkt. Regens Niehues danke ich für seine freundlichen Worte.

Als Menschen und Priester vertrauen wir auf den Schatz unserer Erfahrungen. Doch zugleich erkennen wir, dass heute neue und unterschiedliche Kulturformen entstehen, die sich nicht an unsere üblichen Modelle anpassen. Manches Gewohnte müssen wir ablegen und uns auf Fremdes einlassen. Aber immer dürfen wir dabei auf Jesus blicken, der gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. Wir dürfen in seinen Wunden, wie auch in den Wunden dieser Welt die Zeichen der Auferstehung sehen. Diese Gewissheit lässt uns immer wieder aufbrechen als Zeugen der Hoffnung.

Liebe Mitbrüder, Berufungen können wir nicht machen. Aber wir dürfen Zeugen sein für den an uns gerichteten Ruf des barmherzigen Gottes. Er ruft uns, dass wir aus dem „Ich“ herausgehen und uns dem „Du“ zuwenden. Dieses „Du“ ist der konkrete Mensch, der bedürftig ist, der die Nähe der Menschen und die Nähe Gottes braucht. Dafür wollen wir auch die jungen Männer sensibilisieren, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten. Zugleich sind wir stets auch in eine größere Gemeinschaft, die kyriakoí, die zum Herrn Gehörigen, berufen. Diese Gemeinschaft trägt uns, um auf den Ruf Gottes mit ganzem Herzen zu antworten.

Der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche, empfehle ich euch und die Priesteramtskandidaten in den Ländern deutscher Sprache an. Zugleich bitte ich euch, auch für mich zu beten. Von Herzen erteile ich euch und euren Seminargemeinschaften den Apostolischen Segen.

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Quelle

 

Das glorreiche Kreuz Christi: Maß der Liebe Gottes

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Christsein, Priestertum und Sendung. Die übernatürliche Dimension des Lebens wiederentdecken. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das Wetter hatte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ursprünglich hätte Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner 27. Reise innerhalb Italiens am 13. Mai 2012 das Franziskus-Heiligtum auf dem Berg La Verna 45 Kilometer nördlich von Arezzo im Casentino-Tal besuchen sollen. Dort hatten ihn verschiedene Minoritengemeinschaften, die Klarissenschwestern der Toskana und die Ordensschwestern von Chiusi della Verna erwartet. Aufgrund heftiger Windböen und Nebel jedoch musste der Besuch nach langer Überlegung kurzfristig abgesagt werden. Der päpstliche Hubschrauber hatte den auf 1.283 Meter Höhe gelegenen Ort nicht anfliegen können.

Für Benedikt XVI. hat La Verna eine besondere Bedeutung, an die er noch als Kardinal bei einem früheren Besuch im Jahr 1988 erinnert hatte. Der Ort inspirierte den Kirchenlehrer Bonaventura von Bagnoreggio (1221-1274) und Lehrer Joseph Ratzingers zu seinem mystischen Hauptwerk „Itinerarium mentis in Deum“ („Reisebericht des Geistes zu Gott“. Der Papst hatte für seine Begegnung mit den Ordensleuten eine tiefgehende Meditation vorbereitet, in deren Mittelpunkt er in direkter Verbindung mit dem franziskanischen Pilgerort Christsein, Priestertum und Sendung stellte und über die Betrachtung des Kreuzes nachdachte.

„Das glorreiche Kreuz Christi fasst die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen“.

Nur wenn man sich von der Liebe Gottes erleuchten lasse, „können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt“, so Benedikt XVI. Das Blut des Gekreuzigten, „das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist“.

Die Betrachtung des Gekreuzigten „ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe“.

Die für den ausgefallenen Besuch beim Heiligtum von La Verna vorbereitete Ansprache Benedikts XVI., 13. Mai 2012): 

Der geplante Kurzbesuch beim Heiligtum von La Verna musste wegen Schlechtwetter ausfallen. Im folgenden die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. vorbereitet hatte. 

Liebe Minderbrüder,
liebe Töchter der heiligen Mutter Klara,
liebe Brüder und Schwestern

Der Herr schenke euch Frieden! Das Kreuz Christi betrachten! Wir sind als Pilger auf den »Sasso Spicco« von La Verna gestiegen, wo sich dem hl. Franziskus »zwei Jahre vor seinem Tod« (Celano, Vita prima, III, 94: FF, 484) die Wundmale des glorreichen Leidens Christi in seinen Leib einprägten. Sein Weg als Jünger hatte ihn zu einer so tiefen Vereinigung mit dem Herrn geführt, daß er auch die äußeren Zeichen des höchsten Akts der Liebe am Kreuz mit ihm teilte. Dieser Weg hatte in San Damiano begonnen, vor dem Gekreuzigten, den er mit dem Verstand und mit dem Herzen betrachtete. Die beständige Betrachtung des Kreuzes an diesem heiligen Ort war der Weg zur Heiligung für viele Christen, die über acht Jahrhunderte hinweg niedergekniet sind, um in Stille und Sammlung zu beten.

Das glorreiche Kreuz Christi faßt die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen. An diesem Ort sind auch wir aufgerufen, die übernatürliche Dimension des Lebens wiederzuentdecken, die Augen von dem zu erheben, was unwesentlich ist, um uns wieder völlig dem Herrn anzuvertrauen, mit freiem Herzen und voll Freude, und den Gekreuzigten zu betrachten, auf daß er uns mit seiner Liebe verwunde. »Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen« (Sonnengesang: FF, 263).

Nur wenn wir uns vom Licht der Liebe Gottes erleuchten lassen, können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt. Das Blut des Gekreuzigten, das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist, auf daß ein jeder wieder die Freude finde, sich auf den Weg zur Heiligkeit zu machen, aufzusteigen zu Gott. An diesem gesegneten Ort schließe ich mich dem Gebet aller Franziskaner und Franziskanerinnen der Erde an: »Wir beten dich an, o Christus, und preisen dich hier und in allen Kirchen der Welt, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. «

Hingerissen von der Liebe Christi! Man steigt nicht nach La Verna herauf, ohne sich durch das Gebet Absorbeat des hl. Franziskus leiten zu lassen, in dem es heißt: »Mit dem Feuer deiner überaus beglückenden Liebe, reinige mich, o Herr, von allem, was unter dem Himmel ist, damit ich all dem aus Liebe zu deiner Liebe absterbe, der du aus Liebe zu meiner Liebe zu sterben dich gewürdiget hast« (Gebet Absorbeat, 1: FF, 277). Die Betrachtung des Gekreuzigten ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe.

Ebenfalls an diesem Ort verfaßte Bruder Bonaventura von Bagnoregio, ein berühmter Sohn des hl. Franziskus, sein Itinerarium mentis in Deum, in dem er uns den Weg aufzeigt, den man beschreiten muß, um sich aufzumachen zu den Höhen, wo man Gott findet. Dieser große Kirchenlehrer teilt uns seine eigene Erfahrung mit und lädt uns ein zum Gebet. Vor allem muß der Verstand auf das Leiden des Herrn ausgerichtet werden, denn das Kreuzesopfer löscht unsere Sünde aus, eine Verfehlung, die nur von der Liebe Gottes bedeckt werden kann. Er schreibt: »Ich ermahne den Leser vor allem zum inständigen Gebet durch den gekreuzigten Christus, dessen Blut die Makel unserer Schuld reinigt« (Itinerarium mentis in Deum, Prol. 4).

Um wirksam zu sein, bedarf unser Gebet jedoch der Tränen, also der inneren Anteilnahme, unserer Liebe, die auf die Liebe Gottes antwortet. Außerdem bedarf es jener »admiratio«, die der hl. Bonaventura in den Kleinen des Evangeliums erkennt, die über das Heilswerk Christi staunen können.

Und eben die Demut ist das Tor jeder Tugend. Denn nicht durch den intellektuellen Stolz der in sich selbstverschlossenen Suche kann man zu Gott gelangen, sondern durch die Demut, wie es in einem bekannten Wort des hl. Bonaventura heißt: »Niemand möge glauben, ihm genüge die Lesung ohne Salbung, die Spekulation ohne Hingabe, die Forschung ohne Verehrung, die Umsicht ohne Begeisterung, der Fleiß ohne Frömmigkeit, die Wissenschaft ohne Liebe, der Verstand ohne Demut, das Studium ohne die göttliche Gnade, die Beobachtungsgabe ohne die göttlich inspirierte Weisheit« (ebd.).

Die Betrachtung des Gekreuzigten hat eine außerordentliche Wirkkraft, weil sie uns von der Ebene der gedachten Dinge zur gelebten Erfahrung übergehen läßt, vom erhofften Heil zum seligen Vaterland. Der hl. Bonaventura sagt: »Wer [den Gekreuzigten] aufmerksam betrachtet … führt mit ihm das Pascha, also den Übergang aus« (ebd., VII, 2). Das ist das Herzstück der Erfahrung von La Verna, der Erfahrung, die der »Poverello« von Assisi hier gemacht hat. Auf diesem heiligen Berg lebt der hl. Franziskus in sich selbst die tiefe Einheit von »sequela«, »imitatio« und »conformatio Christi«.

Und so sagt er auch zu uns, daß es, um Christen zu sein, weder ausreicht, sich als Christen zu bekennen, noch zu versuchen, gute Werke zu tun. Man muß Christus ähnlich werden, durch ein langsames, fortschreitendes Bemühen, das eigene Sein nach dem Abbild des Herrn zu verwandeln, damit durch die göttliche Gnade jedes Glied seines Leibes, der Kirche, die nötige Ähnlichkeit mit dem Haupt, dem Herrn Christus, aufweist. Und auch diesen Weg beginnt man – wie uns die mittelalterlichen Meister nach dem Vorbild des großen Augustinus lehren – bei der Selbsterkenntnis, bei der Demut, aufrichtig in sich selbst hineinzuschauen.

Die Liebe Christi bringen! Wie viele Pilger haben diesen heiligen Berg bestiegen und besteigen ihn, um die Liebe des gekreuzigten Gottes zu betrachten und sich von ihm hinreißen zu lassen. Wie viele Pilger sind heraufgestiegen auf der Suche nach Gott, der der wahre Grund ist, warum es die Kirche gibt: um eine Brücke zwischen Gott und den Menschen zu schlagen. Und hier begegnen sie auch euch, den Söhnen und Töchtern des hl. Franziskus. Denkt immer daran, daß das geweihte Leben die besondere Aufgabe hat, durch das Wort und das Vorbild eines Lebens nach den evangelischen Räten die faszinierende Liebesgeschichte zwischen Gott und der Menschheit zu bezeugen, die die Geschichte durchzieht.

Das franziskanische Mittelalter hat ein unauslöschliches Zeichen in eurer Kirche von Arezzo hinterlassen. Das wiederholte Hindurchziehen des »Poverello« von Assisi und sein Aufenthalt in eurem Gebiet sind ein kostbarer Schatz. Außerordentlich und grundlegend war das Ereignis von La Verna durch die Einzigartigkeit der Wundmale, die sich in den Leib des seraphischen Paters Franziskus eingeprägt haben, aber auch durch die gemeinsame Geschichte seiner Ordensbrüder und der Menschen in eurem Gebiet, die beim »Sasso Spicco« noch immer die Zentralität Christi im Leben des Gläubigen wiederentdecken. Montauto di Anghiari, »Le Celle« in Cortona und die Einsiedeleien von Montecasale und von Cerbaiolo, aber auch andere kleinere Orte des toskanischen Franziskanertums prägen weiterhin die Identität der Gemeinschaft von Arezzo, Cortona und Sansepolcro.

Viele Lichter haben diese Gegend erleuchtet, wie die hl. Margareta von Cortona, eine kaum bekannte franziskanische Büßerin, die in der Lage war, in sich selbst mit außerordentlicher Lebendigkeit das Charisma des »Poverello« von Assisi nachzuerleben, indem sie die Betrachtung des Gekreuzigten mit der Nächstenliebe gegenüber den Geringsten vereinte.

Die Liebe zu Gott und zum Nächsten beseelt auch weiterhin das kostbare Werk der Franziskaner in eurer kirchlichen Gemeinschaft. Die Profeß der evangelischen Räte ist ein Königsweg, um die Liebe Christi zu leben. An diesem gesegneten Ort bitte ich den Herrn, auch weiterhin Arbeiter in seinen Weinberg zu senden, und vor allem an die jungen Menschen richte ich die dringende Einladung, daß jeder, der von Gott berufen ist, mit Großherzigkeit antworten und den Mut haben möge, sich im geweihten Leben und im Priesteramt hinzuschenken. Ich bin als Nachfolger Petri nach La Verna gepilgert, und ich möchte, daß jeder von uns noch einmal die Frage hört, die Jesus dem Petrus stellt: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? … Weide meine Lämmer!« (Joh 21,15).

Die Liebe zu Christus liegt dem Leben des Hirten ebenso wie dem des Geweihten zugrunde: eine Liebe, die Einsatz und Mühe nicht scheut. Bringt diese Liebe dem Menschen unserer Zeit, der oft verschlossen ist in den eigenen Individualismus; seid Zeichen der unermeßlichen Barmherzigkeit Gottes.

Die priesterliche Frömmigkeit lehrt die Priester, das zu leben, was sie feiern, das eigene Leben zu brechen für jene, denen wir begegnen: im Teilen des Schmerzes, in der Aufmerksamkeit auf die Probleme, im Begleiten des Glaubensweges. Ich danke Generalminister José Carballo für seine Worte, der ganzen franziskanischen Familie und euch allen. Beharrt wie euer heiliger Vater in der Nachahmung Christi, damit alle, die euch begegnen, dem hl. Franziskus begegnen – und indem sie dem hl. Franziskus begegnen, dem Herrn begegnen.

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Johannes Paul II. über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
ORDINATIO SACERDOTALIS
VON PAPST JOHANNES PAUL II.

AN DIE BISCHÖFE
DER KATHOLISCHEN KIRCHE
ÜBER DIE NUR MÄNNERN
VORBEHALTENE PRIESTERWEIHE

 

Verehrte Brüder im Bischofsamt!

1. Die Priesterweihe, durch welche das von Christus seinen Aposteln anvertraute Amt übertragen wird, die Gläubigen zu lehren, zu heiligen und zu leiten, war in der katholischen Kirche von Anfang an ausschließlich Männern vorbehalten. An dieser Tradition haben auch die Ostkirchen getreu festgehalten.

Als die Frage der Ordination von Frauen in der anglikanischen Gemeinschaft aufkam, war Papst Paul VI. darauf bedacht, in Treue zu seinem Amt, die apostolische Überlieferung zu schützen und ebenso in der Absicht, ein neues Hindernis auf dem Weg zur Einheit der Christen zu vermeiden, den anglikanischen Brüdern in Erinnerung zu rufen, worin der Standpunkt der katholischen Kirche besteht: „Sie hält daran fest, daß es aus prinzipiellen Gründen nicht zulässig ist, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Zu diesen Gründen gehören: das in der Heiligen Schrift bezeugte Vorbild Christi, der nur Männer zu Aposteln wählte, die konstante Praxis der Kirche, die in der ausschließlichen Wahl von Männern Christus nachahmte, und ihr lebendiges Lehramt, das beharrlich daran festhält, daß der Ausschluß von Frauen vom Priesteramt in Übereinstimmung steht mit Gottes Plan für seine Kirche“.[1] Da die Frage jedoch auch unter Theologen und in manchen katholischen Kreisen umstritten war, beauftragte Paul VI. die Kongregation für die Glaubenslehre, die diesbezügliche Lehre der Kirche darzulegen und zu erläutern. Das geschah durch die Erklärung Inter Insigniores, deren Veröffentlichung der Papst nach Bestätigung des Textes anordnete.[2]

2. Die Erklärung wiederholt und erläutert die von Paul VI. dargelegten Gründe dieser Lehre, wobei sie schlußfolgert, daß die Kirche für sich nicht die Vollmacht in Anspruch nimmt, „Frauen zur Priesterweihe zuzulassen“.[3] Zu solchen fundamentalen Gründen fügt jenes Dokument noch theologische Gründe hinzu, die die Angemessenheit jener göttlichen Verfügung für die Kirche erläutern, und es zeigt deutlich, daß die Handlungsweise Christi nicht auf soziologischen oder kulturellen Motiven der damaligen Zeit beruhten. So führte Papst Paul VI. dann erläuternd aus, „der wahre Grund liegt darin, daß Christus es so festgelegt hat, als er die Kirche mit ihrer grundlegenden Verfassung und ihrer theologischen Anthropologie ausstattete, der dann in der Folge die Tradition der Kirche stets gefolgt ist“.[4] In dem Apostolischen Schreiben Mulieris Dignitatem habe ich selbst diesbezüglich geschrieben: „Wenn Christus nur Männer zu seinen Aposteln berief, tat er das völlig frei und unabhängig. Er tat es mit derselben Freiheit, mit der er in seinem Gesamtverhalten die Würde und Berufung der Frau betonte, ohne sich nach den herrschenden Sitten und nach der auch von der Gesetzgebung der Zeit gebilligten Tradition zu richten“.[5]

In der Tat bekunden die Evangelien und die Apostelgeschichte, daß diese Berufung gemäß dem ewigen Plan Gottes erfolgte: Christus erwählte die, die er wollte (vgl. Mk 3,13-14; Joh 6,70), und er tat das zusammen mit dem Vater „durch den Heiligen Geist“ (Apg 1,2), nachdem er die Nacht im Gebet verbracht hatte (vgl. Lk 6,12). Darum hat die Kirche bei der Zulassung zum Amtspriestertum[6] stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte (vgl. Offb 21,14). Sie übernahmen in der Tat nicht nur eine Funktion, die dann von jedem beliebigen Mitglied der Kirche hätte ausgeübt werden können, sondern sie wurden in besonderer Weise und zutiefst mit der Sendung des fleischgewordenen Wortes selbst verbunden (vgl. Mt 10,1.7-8; 28,16-20; Mk 3,13-15; 16,14-15). Die Apostel taten das gleiche, als sie Mitarbeiter wählten,[7] die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten.[8] In diese Wahl waren auch jene eingeschlossen, die durch die Zeiten der Geschichte der Kirche hindurch die Sendung der Apostel fortführen sollten, Christus, den Herrn und Erlöser, zu vergegenwärtigen.[9]

3. Im übrigen zeigt die Tatsache, daß Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, nicht den eigentlichen Sendungsauftrag der Apostel und auch nicht das Amtspriestertum erhalten hat, mit aller Klarheit, daß die Nichtzulassung der Frau zur Priesterweihe keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung ihr gegenüber bedeuten kann, sondern die treue Beachtung eines Ratschlusses, der der Weisheit des Herrn des Universums zuzuschreiben ist.

Auch wenn die Gegenwart und die Rolle der Frau im Leben und in der Sendung der Kirche nicht an das Amtspriestertum gebunden ist, so bleiben sie doch absolut notwendig und unersetzbar. Wie von der Erklärung Inter Insigniores herausgestellt wurde, wünscht die Heilige Mutter Kirche, „daß die christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewußt werden: ihre Aufgabe ist heutzutage von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, daß die Gläubigen das wahre Antlitz der Kirche wieder neu entdecken“.[10] Das Neue Testament und die ganze Kirchengeschichte erweisen umfassend die Präsenz von Frauen in der Kirche, als wahre Jüngerinnen und Zeugen Christi in der Familie und im bürgerlichen Beruf oder in der vollkommenen Weihe an den Dienst für Gott und das Evangelium. „In der Tat hat die Kirche, indem sie für die Würde der Frau und ihre Berufung eintrat, Verehrung und Dankbarkeit für jene zum Ausdruck gebracht, die – in Treue zum Evangelium – zu allen Zeiten an der apostolischen Sendung des ganzen Gottesvolkes teilgenommen haben. Es handelt sich um heilige Märtyrerinnen, Jungfrauen, Mütter, die mutig ihren Glauben bezeugt und dadurch, daß sie ihre Kinder im Geiste des Evangeliums erzogen, den Glauben und die Überlieferung der Kirche weitergegeben haben“.[11]

Auf der anderen Seite ist die hierarchische Struktur der Kirche vollkommen auf die Heiligkeit der Gläubigen ausgerichtet. Daher ruft die Erklärung Inter Insigniores in Erinnerung, „das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsträger, sondern die Heiligen“.[12]

4. Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für diskutierbar, oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu.

Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.

Während sich auf euch, verehrte Brüder, und auf das ganze christliche Volk den beständigen göttlichen Beistand herabrufe, erteile ich allen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 22. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1994, dem 16. meines Pontifikates.

JOANNES PAULUS PP II

 

ANMERKUNGEN

[1] Vgl. PAUL VI., Antwortschreiben an Seine Gnaden den Hochwürdigsten Herrn Dr. F. D. Coggan, Erzbischof von Canterbury, über das Priestertum der Frau, 30. November 1975: AAS 68 (1976), 599-600: „Your Grace is of course well aware of the Catholic Church’s position on this question. She holds that it is not admissible to ordain women to the priesthood, for very fundamental reasons. These reasons include: the example recorded in the Sacred Scriptures of Christ choosing the Apostles only among men; the constant practice of the Church, which has imitated Christ in choosing only men; and her living teaching authority which has consistently held that the exclusion of women from the priesthood is in accordance with God’s plan for his Church“ (S. 599).

[2] Vgl. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores über die Frage der Zulassung von Frauen zum Amtspriestertum, 15. Oktober 1976: AAS 69 (1977), 98-116.

[3] Ebd., 100.

[4] PAUL VI., Ansprache über die Rolle der Frau im Heilsplan, 30. Januar 1977: Insegnamenti, Bd. XV, 1977, 111. Vgl. auch JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 30. Dezember 1988, Nr. 51: AAS 81 (1989), 393-521; Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1577.

[5] Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, 15. August 1988, Nr. 26: AAS 80 (1988), 1715.

[6] Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 28; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2.

[7] Vgl. 1 Tim 3,1-13; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9.

[8] Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1577.

[9] Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 20 und Nr. 21.

[10] KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores, VI: AAS 69 (1977), 115-116.

[11] JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, Nr. 27: AAS 80 (1988), 1719.

[12] KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores, VI: AAS 69 (1977), 115. aus: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 117: Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II. über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe (1994); Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt (1976), hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, S. 4-7.

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Quelle

 

Eine Tragödie für die Kirche: der Verlust des Bußsakraments

„Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament.“ Vortrag von Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, zum Thema „Umkehr und Mission.“

Ein Beitrag von Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen zum Abschluß des Priesterjahres in der Basilika St. Paul vor den Mauern (Rom, 9. Juni 2010).
[© Romano Siciliani]

Liebe Mitbrüder! Ich werde mit Ihnen jetzt nicht eine neue Buß- und Missionstheologie zu entfalten suchen. Aber ich möchte mich zusammen mit Ihnen vom Evangelium selbst zur Umkehr führen lassen, um dann, vom Heiligen Geist gesendet, den Menschen die Botschaft Christi zu überbringen. 
Auf diesem Weg möchte ich jetzt zusammen mit Ihnen 15 gedankliche Schritte vorangehen. 

1. Wir müssen wieder – wie mein Vorgänger als Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, zu sagen pflegte – eine „Geh-hin-Kirche“ werden. Das geht nicht auf Befehl. Dazu bewegt uns der Heilige Geist. Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament. Für uns Priester hatte das einen ungeheuren inneren Profilverlust zur Folge. Wenn mich gläubige Christen fragen: „Wie können wir unseren Priestern helfen?“, dann antworte ich ihnen immer: „Gehen Sie zu ihnen beichten!“. Dort, wo der Priester nicht mehr Beichtvater ist, wird er zum religiösen Sozialarbeiter. Ihm fehlt dann die Erfahrung großer pastoraler Erfolge, wo er mitwirken darf, dass ein Sünder auch durch seine Hilfe den Beichtstuhl wieder als Geheiligter verlässt. Im Beichtstuhl darf der Priester in die Herzen vieler Menschen schauen und bekommt von daher Impulse, Ermutigungen und Anregungen für die eigene Christusnachfolge. 

2. Vor den Toren von Damaskus stürzt ein kleiner kranker Mann, der heilige Paulus, geblendet zu Boden. Im 2. Korintherbrief zitiert er selbst den Eindruck seiner Gegner über seine Person, er sei körperlich matt und rhetorisch schwach (vgl. 2 Kor 10, 10). Den Städten Kleinasiens und Europas aber wird in den nächsten Jahren durch diesen kleinen kranken Mann das Evangelium verkündet werden. Die Wunder Gottes geschehen nie im Rampenlicht der Weltgeschichte. Sie ereignen sich immer im Abseits, eben vor den Toren der Stadt, eben in der Verborgenheit des Beichtstuhles. Das darf für uns alle ein großer Trost sein, die wir mit großen Aufgaben betraut sind, aber gleichzeitig um unsere oftmals kleinen Möglichkeiten wissen. Es gehört zur Strategie Gottes, mit kleinen Ursachen große Wirkungen hervorzurufen. Paulus vor den Toren von Damaskus geschlagen, wird zum Eroberer der Städte Kleinasiens und Europas. Seine Sendung ist die Sammlung der Berufenen in die Kirche, in die Ecclesia Gottes, hinein. Obwohl sie – von außen gesehen – nur ein kleines bedrängtes Häufchen ist, von innen angefochten, vergleicht Paulus sie mit dem Leib Christi, ja, er identifiziert sie sogar mit dem Leib Christi, der eben die Kirche ist. Diese Möglichkeit aus den Händen des Herrn zu empfangen, heißt in unserer menschlichen Erfahrung „Bekehrung“. Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda“, und darin sind der Priester und der Bischof ein „semper reformandus“, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barmherzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet. 

3. Darum genügt es nicht, dass wir in unserer pastoralen Arbeit nur Korrekturen an den Strukturen unserer Kirche vornehmen wollen, um sie augenscheinlich attraktiver zu machen. Das reicht nicht! Was Not tut, ist eine Bekehrung des Herzens, meines Herzens. Nur ein bekehrter Paulus konnte die Welt verändern, nicht aber ein Ingenieur kirchlicher Strukturen. Der Priester ist durch die Aufnahme in die Lebensweise Jesu so von ihm bewohnt, dass Jesus im Priester für andere berührbar wird. Bei Johannes 14, 23 lesen wir: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23). Das ist nicht nur ein schönes Bild! Wenn das Herz des Priesters Gott liebt und die Gnade hat, so kommt der dreieinige Gott persönlich und schlägt seine Wohnung im Herzen des Priesters auf. Gewiss, Gott ist allgegenwärtig. Gott wohnt überall. Die ganze Welt ist wie eine große Kirche Gottes, aber das Herz des Priesters ist wie ein Tabernakel in der Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller und besonderer Weise. 

4. Das größte Hindernis, Christus durch uns berührbar werden zu lassen, ist die Sünde. Sie verhindert die Gegenwart des Herrn in unserem Dasein, und darum ist nichts notwendiger für uns als die Bekehrung, und zwar auch um der Mission willen. Es geht dabei – bringen wir es auf einen Punkt – um das Bußsakrament. Ein Priester, der nicht häufig auf beiden Seiten des Beichtgitters anzutreffen ist, leidet auf Dauer Schaden an seiner Seele und an seiner Mission. Hier liegt sicher eine wesentliche Ursache für die vielfältigen Krisen, in die das Priestertum in den letzten 50 Jahren geraten ist. Das ist ja die besondere Gnade des Priestertums, dass der Priester auf beiden Seiten des Beichtgitters zu Hause sein kann: als Bekennender und als Vergebender. Wo sich der Priester vom Beichtstuhl entfernt, dort gerät er in eine schwerwiegende Identitätskrise. Das Bußsakrament ist der bevorzugte Ort für die Vertiefung der Identität des Priesters, der dazu berufen ist, sich selbst und die Gläubigen zurück zu binden an die Fülle Christi. 
Im hohepriesterlichen Gebet spricht Jesus zu seinem und unserem Vater über diese Identität: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17, 15-17). Es geht im Bußsakrament um die Wahrheit in uns. Wie kommt es, dass wir der Wahrheit nicht gern ins Gesicht schauen? 

Jesus beim Mahl mit den Sündern, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

5. Wir müssen uns daher fragen lassen: Haben wir denn noch nicht die Freude erfahren, einen Fehler zu erkennen, ihn einzugestehen und den von uns Beleidigten aufzusuchen? – „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15, 18). – Kennen wir nicht die Freude, dann zu sehen, wie der Andere die Arme gleich dem Vater des verlorenen Sohnes ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15, 20). Können wir denn nicht die Freude des Vaters darüber erahnen, dass er uns wieder gefunden hat: „Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk15, 24)? Da dieses Fest jedes Mal, wenn wir zurückkehren, im Himmel begangen wird, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir – ich spreche in Menschenweise – so geizig gegenüber Gott und den Heiligen des Himmels und lassen ihnen so selten die Freude, ein Fest zu feiern, weil wir uns vom Herrn, vom Vater, ans Herz drücken ließen? 

6. Wir lieben diese ausdrückliche Vergebung oft nicht. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er vergibt. Gott ist die Liebe! Er ist Schenken in Person! Er verschenkt die Gnade der Vergebung. Aber am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis der Liebe überwindet: die Sünde. Die größte Gnade ist die Begnadigung, und die kostbarste Gabe ist die „Vergabung“, die Vergebung. Gäbe es keine Sünder, die der Verzeihung mehr bedürfen als des täglichen Brotes, wir würden die Tiefe des göttlichen Herzens gar nicht kennen. Der Herr betont es ausdrücklich: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte die es nicht nötig haben umzukehren“ ( Lk 15, 7). Wie kommt es – fragen wir nochmals -, dass ein Sakrament, das so große Freude im Himmel hervorruft, so viel Abneigung auf Erden weckt? Das liegt an unserem Stolz, der ständigen Neigung unseres Herzens sich zu verschanzen, sich selbst zu genügen, sich zu isolieren, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Was ziehen wir eigentlich vor, Sünder zu sein, denen Gott verzeiht, oder scheinbar ohne Sünde zu sein, d.h. in der Illusion der Selbstgerechtigkeit zu leben – ohne die Offenbarung der Liebe Gottes? Reicht es wirklich, zufrieden zu sein mit sich selbst? Was sind wir denn ohne Gott? Nur eine kindliche Demut, wie sie die Heiligen haben, lässt uns fröhlich den Vergleich zwischen unserer Unwürdigkeit und der Herrlichkeit Gottes ertragen. 

7. Es ist nicht der Sinn der Beichte, dass wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken. Die Beichte schenkt uns vielmehr Zugang in ein Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Gott sagt in uns: „Du hast doch nur gesündigt, weil du nicht glauben kannst, dass ich dich genug liebe, dass mir genug an dir liegt, dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist, dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zustimmung bezeugt, um dir alles zu verzeihen, was du in die Beichte hineinbringst. Wissen wir um eine solche Verzeihung, um eine solche Liebe, dann werden wir geradezu überflutet sein von Freude und Dankbarkeit, sodass uns dann auch allmählich die Lust zum Sündigen vergeht und die Beichte zu einem regelmäßigen Ereignis der Freude in unserem Leben wird. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher zu gestalten, sich erneut sagen zu lassen und wirksam zu erfahren – denn Beichte ist ja nicht nur Zuspruch von außen –, dass Gott uns liebt; beichten heißt, wieder anfangen, daran zu glauben und zugleich entdecken, dass wir bisher niemals tief genug daran geglaubt haben, und dass man hierfür um Verzeihung bitten muss. Vor Jesus fühlt man sich als Sünder, man entdeckt sich als Sünder, der nicht seinen Erwartungen entspricht. Beichten heißt, sich vom Herrn auf sein göttliches Niveau heben zu lassen. 

8. Der verlorene Sohn verlässt das väterliche Haus, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr an die Liebe des Vaters, die ihm genügen würde, und daher verlangt er sein Erbteil, um seine Angelegenheit ganz allein zu ordnen. Als er sich entschließt, zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir unvollkommene Reue! Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts mehr als der Gedanke, der Sohn könnte eines Tages heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm nicht einmal die Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren, von ihr erfüllt zu werden. Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seine Unverschämtheit und seine Ungerechtigkeit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, dem Vater gegenüber offen und vertrauend, wird er wieder lebendig: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ ( Lk 15, 32), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn. 

Der Beichtstuhl des heiligen Pfarrers von Ars. [© Romano Siciliani]

9. Der ältere Sohn, der Gerechte, hat eine ähnliche Wandlung erfahren – so möchten wir das Gleichnis hoffnungsvoll weiterdenken. Der Fall dieses Sohnes ist aber sehr viel schwieriger. Man darf nicht sagen, dass Gott die Sünder mehr liebt als die Gerechten! Eine Mutter liebt das kranke Kind, dem sie ihre besondere Sorge zuwendet, nicht mehr als die gesunden Kinder, die sie allein spielen lässt, denen sie ihre – nicht weniger tiefe – Liebe aber auf andere Weise bekundet. Soweit die Menschen sich weigern, ihre Sünden anzuerkennen und zu bekennen, soweit sie stolze Sünder sind, zieht Gott ihnen die demütigen Sünder vor. Mit allen hat er Geduld. Auch mit dem daheim gebliebenen Sohn hat der Vater Geduld. Er bittet ihn, und er redet ihm gut zu: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“ ( Lk 15, 31). Die Verzeihung der Hartherzigkeit des Älteren wird dabei noch nicht einmal ausgesprochen, sondern ist impliziert. Wie groß muss die Beschämung des älteren Sohnes vor solcher Milde sein. Alles hatte er vorhergesehen, nur nicht diese demütige Zärtlichkeit des Vaters. Plötzlich findet er sich entwaffnet, verwirrt, teilnehmend an der allgemeinen Freude. Und er fragt sich, wie er nur daran denken konnte, absichtlich fern zu bleiben, wie er es nur einen Augenblick lang habe vorziehen können, ganz allein unglücklich zu sein, während alle einander liebten und einander verziehen. Glücklicherweise ist der Vater da und erwischt ihn rechtzeitig. Zum Glück ist der Vater nicht wie er! Zum Glück ist der Vater viel besser als sie alle zusammen! Gott allein kann die Sünden vergeben. Er allein vermag diese Geste der Gnade, der Freude und des Überflusses der Liebe zu vollziehen. Darum ist das Bußsakrament die Quelle permanenter Erneuerung und Revitalisierung unseres priesterlichen Seins. 

10. Für mich wird darum die geistliche Reife für den Empfang des Weihesakramentes eines Priesteramtskandidaten darin deutlich, dass er regelmäßig, und zwar mindestens im Rhythmus von einem Monat, das Bußsakrament empfängt. Denn im Bußsakrament begegne ich dem barmherzigen Vater mit den kostbarsten Gaben, die er zu vergeben hat, nämlich die Vergabung, die Vergebung und die Begnadigung. Wenn aber einer durch seine mangelnde Beichtpraxis dem Vater sagt: „Behalte deine kostbaren Gaben für dich! Ich brauche dich und deine Gaben nicht!“, dann hört er auf, Sohn zu sein, indem er ihm sein Vatersein aufkündigt, weil er ihm seine kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt. Und wenn man nicht mehr Sohn des himmlischen Vaters ist, kann man nicht Priester werden, denn der Priester ist durch die Taufe zunächst einmal Sohn des Vaters, und dann ist er durch die Priesterweihe mit Christus Sohn mit dem Sohn. Dann erst kann er den Menschen wirklich Bruder sein. 

11. Der Umstieg von der Umkehr in die Mission kann sich zunächst darin zeigen, dass ich von der einen Seite des Beichtgitters auf die andere wechsele, von der Seite des Pönitenten auf die Seite des Beichtvaters. Der Verlust des Bußsakramentes ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Kirche und im Leben des Priesters. Und die so genannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So ist Gott. Er wartet auf uns lebenslang. Ich kenne aus meiner 35-jährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, – bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war, wie man so sagt, der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wird der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen umzusteigen in die persönliche Not eines Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich ausbluten, d.h. aussprechen kann. Und es kann sich nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst einmal, nicht zu reden, sondern zu hören. Wie viel innere Anregung für seine eigene Christusnachfolge erfährt und erhält der Beichtvater gerade in seiner Tätigkeit bei der Spendung des Bußsakramentes, wenn er spürt und erfährt, wie weit ihm einfache katholische Männer, Frauen und Kinder in der Christusnachfolge voraus sind. 

12. Wenn uns dieser wesentliche Bereich des priesterlichen Dienstes weitgehend verloren geht, sinken wir Priester leicht auf eine Beamtenmentalität oder auf das Niveau einer reinen Pastoraltechnik herab. Unsere Verortung diesseits und jenseits des Beichtgitters bringt uns durch unser Zeugnis dazu, Christus für die Menschen berührbar werden zu lassen. Um es zunächst an einem Negativbeispiel deutlich zu machen: Wer mit radioaktiver Materie in Berührung kommt, wird selbst radioaktiv verseucht. Wenn ein solcher nun einen anderen berührt, dann wird er ebenfalls von seiner Radioaktivität negativ angesteckt. Nun aber das Beispiel positiv: Wer mit Christus in Berührung kommt, der wird christoaktiv. Und wenn der Priester dann als ein solcher Christoaktiver mit anderen Menschen in Berührung kommt, dann werden sie selbstverständlich von seiner Christoaktivität angesteckt. Das ist Mission, wie sie von Anfang an im Christentum präsent war. Die Menschen drängten sich um die Person Jesu herum, um ihn zu berühren, und wenn es nur der Saum seines Gewandes war. Und selbst, wenn es dieser nur von hinten war, dann wurden sie gesund: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ ( Lk 6, 19). 

13. Uns laufen die Menschen oft davon, sie drängen sich nicht mehr um uns, um mit uns in Berührung zu kommen. Im Gegenteil, sie laufen uns davon. Damit das nicht geschieht, müssen wir uns konkret fragen: Was berühren die Menschen denn, wenn sie mit mir in Berührung kommen? – Jesus Christus in seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen, oder irgendwelche theologischen Privatmeinungen oder Gejammer über die Zustände in der Kirche und der Welt? Berühren sie bei uns Jesus Christus? Wenn das der Fall ist, dann kommen die Menschen. Sie sprechen untereinander von einem solchen Priester. Sie bringen es in solche Ausdrücke wie „Mit dem kann man reden. Der versteht mich. Der kann einem wirklich helfen“. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Menschen nach solchen Priestern Sehnsucht haben, in denen sie authentisch Christus begegnen, der sie frei macht von allen Verstrickungen und sie an seine Person bindet. 

Jesus vergibt der Ehebrecherin, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

14. Damit wir recht verzeihen können, brauchen wir viel Liebe. Die einzige Verzeihung, die wir recht gewähren könnten, ist jene, die wir von Gott empfangen haben. Nur wenn man den barmherzigen Vater erfahren hat, wird man barmherziger Bruder der Menschen. Wer nicht verzeiht, der liebt nicht. Wer wenig verzeiht, der liebt auch wenig. Wer viel verzeiht, der liebt viel. Wenn man den Beichtstuhl als Ausgangspunkt unserer Mission verlässt, von welcher Seite des Beichtstuhls auch immer, aber besonders von der Seite des Pönitenten, dann möchte man am liebsten alle umarmen, sie um Verzeihung bitten. Ich selbst habe so beglückend Gottes verzeihende Liebe erfahren, dass ich nur dringend bitten kann: „Nimm auch du seine Verzeihung an! Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich nun Überfluss habe. Vergib mir, dass ich sie dir so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und in die Bruderliebe hinein, in die Vereinigung mit Gott und mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde ausgeschlossen hatte. Wir können und müssen alle Menschen lieben, wenn Gott uns aufs Neue zu lieben gelehrt hat. Wäre es nicht so, dann wäre es ein Zeichen dafür, dass wir falsch gebeichtet haben und daher nochmals beichten müssten. 
Der wohl größte Beichtvater unserer Kirche ist der heilige Pfarrer von Ars. Ihm verdanken wir das Priesterjahr und damit unsere jetzige Zusammenkunft als Priester und Bischöfe mit dem Heiligen Vater hier in Rom. Mit diesem heiligen Pfarrer habe ich über das Geheimnis der heiligen Beichte nachgedacht. Denn sein täglicher Dienst der Versöhnung im Beichtstuhl in Ars ließ ihn zum großen Weltmissionar werden. Man sagt, er habe als Beichtvater die Französische Revolution geistlich überwunden. Was mir im geistlichen Dialog mit Jean-Marie Vianney aufgegangen ist, das habe ich hier verkündet. Dabei hat er mich noch an etwas ganz Wichtiges erinnert: 

15. Wir lieben alle, wir verzeihen allen! Hüten wir uns indessen, einen zu vergessen! Ein Wesen existiert nämlich, das uns enttäuscht und belastet, ein Wesen, mit dem wir ständig unzufrieden sind. Und das sind wir selbst. Wir haben uns oft so satt. Wir sind unserer Mittelmäßigkeit überdrüssig und müde unserer eigenen Monotonie. Wir leben in einem Zustand der Kälte und sogar einer unglaublichen Gleichgültigkeit gegenüber diesem nächsten Nächsten, den Gott uns anvertraut, damit wir ihn von seiner Vergebung berühren lassen. Und das sind wir selbst. Es heißt doch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (vgl. Lev 19, 18). Wir sollen also auch uns lieben, wie wir unseren Nächsten zu lieben suchen. Dann müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschungen unseres Ehrgeizes. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit, die Nachsicht und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir den Überdruss an uns selbst los werden, der uns überall hin begleitet und uns oft nicht einmal beschämt. Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung im Hinblick auch auf uns selbst zu ändern, ohne Gott selbst zu uns Recht zu geben, wenn er uns liebt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns, mit unseren Menschenbrüdern und -schwestern und mit der ganzen Welt. Sie macht uns zu authentischen Missionaren. Glaubt ihr das, liebe Brüder? – Probiert es aus – heute noch! 

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Quelle

BENEDIKT XVI. – KATECHESE ZUM HEILIGEN PFARRER VON ARS

BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 5. August 2009

Hl. Jean-Marie Vianney, des Pfarrers von Ars

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Katechese möchte ich kurz auf das Leben des heiligen Pfarrers von Ars eingehen und dabei einige Aspekte hervorheben, die auch den Priestern unserer Zeit als Vorbild dienen können. Gewiß unterscheidet sich unsere Zeit von der, in der er lebte, aber sie ist in vielerlei Hinsicht von den gleichen grundlegenden menschlichen und geistlichen Herausforderungen geprägt. Gestern war der 150. Jahrestag seiner Geburt zum Himmel: Am 4. August 1859, um zwei Uhr morgens, ging Johannes Maria Vianney nach Beendigung seines irdischen Lebens dem himmlischen Vater entgegen, um das Reich in Besitz zu nehmen, das seit Erschaffung der Welt für jene bestimmt ist, die treu seiner Lehre folgen (vgl. Mt 25,34). Welch großes Fest muß im Paradies gewesen sein bei der Ankunft eines so eifrigen Hirten! Welch einen Empfang muß ihm die Schar der Kinder bereitet haben, die durch seine Arbeit als Pfarrer und Beichtvater mit dem himmlischen Vater versöhnt wurden! Ich habe diesen Jahrestag zum Anlaß genommen, um das Priester-Jahr auszurufen, das bekanntlich unter dem Thema steht: »Treue Christi, Treue des Priesters«. Von der Heiligkeit hängt die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses und letztlich auch die Wirkkraft der Sendung eines jeden Priesters ab.

Johannes Maria Vianney wurde am 8. Mai 1786 in dem kleinen Dorf Dardilly in einer Bauernfamilie geboren, die arm war an materiellen Gütern, aber reich an Menschlichkeit und Glauben. Wie es in der Zeit guter Brauch war, wurde er noch am Tag seiner Geburt getauft. Die Jahre seiner Kindheit und Jugend verbrachte er mit Feldarbeit und beim Weiden der Tiere, und so war er im Alter von 17 Jahren noch Analphabet. Er wußte jedoch die Gebete auswendig, die seine fromme Mutter ihm beigebracht hatte, und er nährte sich von der religiösen Atmosphäre, die bei ihm zu Hause herrschte. Die Biographen berichten, daß er von frühester Jugend an versuchte, auch bei der Verrichtung der bescheidensten Aufgaben den Willen Gottes zu erfüllen. Im Herzen hegte er den Wunsch, Priester zu werden, aber es fiel ihm nicht leicht, ihn zu verwirklichen. Erst nachdem er nicht wenige Widrigkeiten und viel Unverständnis überwunden hatte, gelangte er zur Priesterweihe, dank der Hilfe weiser Priester, die nicht bei der Betrachtung seiner menschlichen Grenzen stehenblieben, sondern darüber hinausblickten und intuitiv den Horizont der Heiligkeit wahrnahmen, der sich in diesem wirklich einzigartigen jungen Mann abzeichnete. So wurde er am 23. Juni 1815 zum Diakon geweiht und am 13. August desselben Jahres zum Priester. Im Alter von 29 Jahren konnte er endlich nach vielen Ungewißheiten, nicht wenigen Mißerfolgen und vielen Tränen an den Altar des Herrn treten und seinen Lebenstraum verwirklichen.

Der heilige Pfarrer von Ars bewies stets große Hochachtung vor dem Geschenk, das er erhalten hatte. Er sagte: »Wie großartig ist doch das Priestertum! Man wird es erst im Himmel wirklich verstehen … und verstünde man es auf Erden, so würde man sterben, nicht vor Angst, sondern aus Liebe!« (Abbé Monnin, Esprit du Curé d’Ars, S. 113). Als kleiner Junge hatte er sich auch der Mutter anvertraut: »Wenn ich Priester wäre, wollte ich viele Seelen gewinnen« (Abbé Monnin, Procès de l’ordinaire, S. 1064). Und so war es. Im Hirtendienst, der ebenso einfach wie außergewöhnlich fruchtbar war, konnte dieser unbekannte Pfarrer eines abgelegenen Dorfes in Südfrankreich sich so sehr mit seinem Priesteramt identifizieren, daß er – auch sichtbar und allgemein erkenntlich – zum »alter Christus« wurde, zum Bild des guten Hirten, der im Gegensatz zum bezahlten Knecht sein Leben hingibt für die Schafe (vgl. Joh 10,11). Nach dem Vorbild des guten Hirten gab er in den Jahrzehnten seines priesterlichen Dienstes sein Leben hin. Seine ganze Existenz war eine lebendige Katechese, die ganz besondere Wirkkraft bekam, wenn die Menschen sahen, wie er die Messe feierte, in Anbetung vor dem Tabernakel kniete oder viele Stunden im Beichtstuhl verbrachte.

Der Mittelpunkt seines ganzen Lebens war also die Eucharistie, die er mit frommer Hochachtung feierte und anbetete. Ein weiteres Grundmerkmal dieses außergewöhnlichen Priesters war der unermüdliche Dienst im Beichtstuhl. In der Praxis des Bußsakraments erkannte er die logische und natürliche Erfüllung des priesterlichen Apostolats, gehorsam gegenüber dem Auftrag Christi: »Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20,23). Der hl. Johannes Maria Vianney zeichnete sich also als hervorragender und unermüdlicher Beichtvater und geistlicher Lehrer aus. »In einer einzigen inneren Bewegung« ging er über »vom Altar zum Beichtstuhl«, wo er einen großen Teil des Tages verbrachte, und »versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte« (vgl. Schreiben zum Beginn des Priesterjahres).

Die pastoralen Methoden des hl. Johannes Maria Vianney mögen für die gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse wenig geeignet erscheinen. Wie soll ein heutiger Priester ihn nachahmen, in einer Welt, die sich so sehr verändert hat? Es ist wahr, daß die Zeiten sich ändern und viele Charismen personengebunden, also unnachahmlich sind. Dennoch gibt es einen Lebensstil und eine tiefe Sehnsucht, die zu pflegen wir alle berufen sind. Genauer betrachtet war das, was den Pfarrer von Ars heiliggemacht hat, seine demütige Treue zu der Sendung, zu der Gott ihn berufen hatte, seine immerwährende vertrauensvolle Hingabe in die Hände der göttlichen Vorsehung. Nicht kraft seiner menschlichen Fähigkeiten und auch nicht ausschließlich durch den Einsatz seines Willenseifers – so lobenswert dieser auch sein mag – gelang es ihm, die Herzen der Menschen zu berühren. Er eroberte die Seelen, auch die widerspenstigsten, indem er ihnen das vermittelte, was er im Innersten lebte: seine Freundschaft mit Christus. Er war in Christus »verliebt«, und das wahre Geheimnis seines pastoralen Erfolgs war seine Liebe zum verkündigten, gefeierten und gelebten eucharistischen Geheimnis. Sie wurde zur Liebe für die Herde Christi, für die Christen und für alle Menschen, die Gott suchen. Sein Zeugnis erinnert uns daran, liebe Brüder und Schwestern, daß für jeden Getauften, und noch mehr für den Priester, die Eucharistie »nie bloß ein Geschehen zu zweien, ein Dialog zwischen Christus und mir [ist]. Die eucharistische Kommunion zielt auf eine totale Umgestaltung des eigenen Lebens ab. Sie bricht das ganze Ich des Menschen auf und schafft ein neues Wir« (Joseph Ratzinger, Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio, S. 69).

Die Gestalt des hl. Johannes Maria Vianney darf also keinesfalls auf ein – wenn auch bewundernswertes – Beispiel für die durch Frömmigkeit geprägte Spiritualität des 19. Jahrhunderts reduziert werden. Im Gegenteil: man muß die prophetische Kraft wahrnehmen, die seine äußerst aktuelle Persönlichkeit als Mensch und Priester auszeichnet. Im nachrevolutionären Frankreich, das eine Art von »Diktatur des Rationalismus« erlebte, die darauf ausgerichtet war, die Anwesenheit der Priester und der Kirche in der Gesellschaft auszulöschen, lebte er zunächst – in seiner Jugendzeit – einen heroischen Glauben im Untergrund und ging in der Nacht kilometerweit, um an der heiligen Messe teilzunehmen. Dann – als Priester – zeichnete er sich durch eine einzigartige und fruchtbare pastorale Schaffenskraft aus, was beweist, daß der damals vorherrschende Rationalismus in Wahrheit weit davon entfernt war, die wahren Bedürfnisse des Menschen zu stillen und daß er daher letztendlich nicht lebbar war.

Liebe Brüder und Schwestern, 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Pfarrers von Ars sind die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft nicht weniger anspruchsvoll; vielleicht sind sie sogar komplexer geworden. Wenn es damals die »Diktatur des Rationalismus« gab, so läßt sich in der heutigen Zeit in vielen Bereichen eine Art »Diktatur des Relativismus« verzeichnen. Beide sind keine geeignete Antwort auf den berechtigten Wunsch des Menschen, seine Vernunft in vollem Maße einzusetzen als charakteristisches und formendes Element seiner eigenen Identität. Der Rationalismus war dafür ungeeignet, weil er die Grenzen des Menschen außer Acht ließ und den Anspruch erhob, nur die Vernunft zum Maß aller Dinge zu erheben, die er so zur Göttin machte; der gegenwärtige Relativismus demütigt die Vernunft, weil er soweit geht zu behaupten, daß der Mensch nichts mit Gewißheit erkennen kann, was über den empirischen wissenschaftlichen Bereich hinausgeht. Ebenso wie damals ist der Mensch, der »nach Sinn und Erfüllung fleht« auch heute ständig auf der Suche nach erschöpfenden Antworten auf die grundlegenden Fragen, die er sich unablässig stellt.

Die Väter des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils hatten diesen »Durst nach Wahrheit«, der im Herzen eines jeden Menschen brennt, präsent, als sie sagten, daß den Priestern als »Erziehern im Glauben« die »Bildung einer echten christlichen Gemeinschaft« obliegt, die »allen Menschen den Weg zu Christus ebnet«, ihnen »eine echte Mütterlichkeit« bezeigt und denen, die nicht glauben, »den Weg zu Christus« und zu seiner Kirche »weist und bahnt« und »auch die Gläubigen anregt, stärkt und zum geistlichen Kampf rüstet« (vgl. Presbyterorum ordinis, 6). Der heilige Pfarrer von Ars lehrt uns in diesem Zusammenhang auch weiterhin, daß der Priester an die Basis eines solchen pastoralen Einsatzes die innige persönliche Vereinigung mit Christus stellen muß, die Tag für Tag gepflegt und vertieft werden muß. Nur wenn er in Christus verliebt ist, kann der Priester allen diese Vereinigung lehren, diese enge Freundschaft mit dem göttlichen Meister, kann er die Herzen der Menschen berühren und sie öffnen für die barmherzige Liebe des Herrn. Nur so kann er folglich in den Gemeinden, die der Herr ihm anvertraut, Begeisterung und geistliche Lebenskraft erwecken. Beten wir darum, daß durch die Fürsprache des hl. Johannes Maria Vianney Gott seiner Kirche heilige Priester schenken möge und daß in den Gläubigen der Wunsch erwachsen möge, ihren Dienst durch ihre Mitarbeit zu unterstützen. Diese Bitte wollen wir Maria anvertrauen, die wir heute als »Muttergottes vom Schnee« verehren.

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Quelle

Papst Benedikt anlässlich des 150. Jahrestages des „Dies Natalis“ von Johannes Maria Vianney

SCHREIBEN VON PAPST
BENEDIKT XVI.
ZUM BEGINN DES PRIESTERJAHRES
ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES DES „DIES NATALIS“
VON JOHANNES MARIA VIANNEY

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

am kommenden Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, Freitag, dem 19. Juni 2009 – dem Tag, der traditionsgemäß dem Gebet um die Heiligung der Priester gewidmet ist – möchte ich anläßlich des 150. Jahrestags des „dies natalis“ von Johannes Maria Vianney, dem Schutzheiligen aller Pfarrer der Welt[1], offiziell ein „Jahr der Priester“ ausrufen. Dieses Jahr, das dazu beitragen möchte, das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern, wird 2010 wiederum an diesem Hochfest seinen Abschluß finden. „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu“, pflegte der heilige Pfarrer von Ars zu sagen.[2] Diese bewegende Formulierung veranlaßt uns vor allem, uns innerlich angerührt und dankbar bewußt zu werden, welch unermeßliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind. Ich denke an all die Priester, die in Demut Tag für Tag den Christgläubigen und der ganzen Welt die Worte und Taten Christi nahebringen, indem sie versuchen, mit ihren Gedanken, ihrem Willen, ihren Gefühlen und ihrem gesamten Lebensstil mit ihm übereinzustimmen. Wie könnte man es versäumen, ihre apostolischen Mühen, ihren unermüdlichen und verborgenen Dienst und ihre im Grunde allumfassende Liebe zu unterstreichen? Und was soll man zu der mutigen Treue so vieler Priester sagen, die – wenn auch inmitten von Schwierigkeiten und Unverständnis – ihrer Berufung treu bleiben, „Freunde Christi“ zu sein, die von ihm in besonderer Weise gerufen, erwählt und ausgesandt sind?

Ich selbst trage noch die Erinnerung an den ersten Pfarrer im Herzen, an dessen Seite ich meinen Dienst als junger Priester ausübte: Er hinterließ mir das Beispiel einer rückhaltlosen Hingabe an seine seelsorgliche Aufgabe bis zu seinem Tod, der ihn ereilte, als er einem Schwerkranken das Sakrament der Wegzehrung brachte. Und dann kommen mir die unzähligen Mitbrüder in den Sinn, denen ich begegnet bin und immer noch begegne, auch während meiner Pastoralreisen in die verschiedenen Nationen – Mitbrüder, die großherzig in der täglichen Ausübung ihres priesterlichen Dienstes aufgehen. Aber die vom heiligen Pfarrer von Ars gebrauchte Formulierung ruft auch die Erinnerung an das durchbohrte Herz Christi und an die Dornenkrone auf seinem Haupt wach. Folglich gehen die Gedanken zu den unzähligen Situationen des Leidens, in die viele Priester hineingezogen sind, sei es weil sie Anteil nehmen an den menschlichen Erfahrungen von Schmerz in der Vielfalt seiner Ausdrucksformen, sei es weil sie bei denjenigen, denen ihr Dienst gilt, auf Unverständnis stoßen: Wie könnte man die vielen Priester vergessen, die in ihrer Würde verletzt, in ihrer Sendung behindert, manchmal sogar bis hin zum extremen Zeugnis der Hingabe des eigenen Lebens verfolgt werden?

Leider gibt es auch Situationen, die nie genug beklagt werden können, in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener. Die Welt findet dann darin Grund zu Anstoß und Ablehnung. Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewußtsein der Größe des Geschenkes Gottes, das in leuchtender Weise Gestalt angenommen hat in großherzigen Hirten, in von brennender Liebe zu Gott und den Menschen erfüllten Ordensleuten, in erleuchteten und geduldigen geistlichen Führern. In diesem Zusammenhang können die Lehren und die Beispiele des heiligen Johannes Maria Vianney allen einen bedeutsamen Anhaltspunkt bieten: Der Pfarrer von Ars war äußerst demütig, doch er wußte, daß er als Priester ein unermeßliches Geschenk für seine Leute war: „Ein guter Hirte, ein Hirte nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Geschenke der göttlichen Barmherzigkeit.“[3] Er sprach vom Priestertum, als könne er die Größe der dem Geschöpf Mensch anvertrauten Gabe und Aufgabe einfach nicht fassen: „Oh, wie groß ist der Priester! … Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben … Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein…“[4] Und als er seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: „Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles! … Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen.“[5] Diese Aussagen, die aus dem priesterlichen Herzen eines heiligen Priesters hervorgegangen sind, mögen übertrieben erscheinen. Doch in ihnen offenbart sich die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegenbrachte. Er schien überwältigt von einem grenzenlosen Verantwortungsbewußtsein: „Wenn wir recht begreifen würden, was ein Priester auf Erden ist, würden wir sterben: nicht vor Schreck, sondern aus Liebe … Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt … Was nützte uns ein Haus voller Gold, wenn es niemanden gäbe, der uns die Tür dazu öffnet? Der Priester besitzt den Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter  … Laßt eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten … Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch.“[6]

Als er nach Ars, einem kleinen Dorf mit 230 Einwohnern, kam, war er vom Bischof bereits vorgewarnt worden, daß er eine religiös prekäre Situation vorfinden werde: „Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen.“ Folglich war er sich völlig bewußt, daß er dorthin gehen mußte, um die Gegenwart Christi zu verkörpern, indem er dessen heilbringende Sanftmut bezeugte. „[Mein Gott,] gewährt mir die Bekehrung meiner Pfarrei; ich will dafür alles erleiden, was Ihr wollt, mein ganzes Leben lang!“ – mit diesem Gebet begann er seine Mission.[7] Der Bekehrung seiner Pfarrei widmete sich der heilige Pfarrer mit all seinen Kräften und stellte die christliche Bildung des ihm anvertrauten Volkes in all seinem Denken an erste Stelle. Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, erbitten wir vom Herrn Jesus die Gnade, daß auch wir die pastorale Methode des Johannes Maria Vianney erlernen können! Was wir als erstes lernen müssen, ist die völlige Identifizierung mit der eigenen Aufgabe. In Jesus fallen Person und Sendung im Grunde zusammen: Sein gesamtes Heilshandeln war und ist Ausdruck seines „Sohn-Ich“, das von Ewigkeit her vor dem Vater steht in einer Haltung liebevoller Unterwerfung unter dessen Willen. In bescheidener und doch wahrer Analogie muß auch der Priester diese Identifizierung anstreben. Natürlich geht es nicht darum zu vergessen, daß die substanzielle Wirksamkeit des Dienstes von der Heiligkeit des Priesters unabhängig bleibt; doch man darf auch die außerordentliche Fruchtbarkeit nicht außer Acht lassen, die aus dem Zusammentreffen der objektiven Heiligkeit des Dienstes und der subjektiven des Priesters hervorgeht. Der Pfarrer von Ars begann sofort mit dieser demütigen und geduldigen Arbeit, sein Leben als Priester mit der Heiligkeit des ihm anvertrauten Dienstes in Einklang zu bringen und sagte, daß er sogar materiell in seiner Pfarrkirche „wohne“: „Kaum war er angekommen, wählte er die Kirche zu seinem Wohnsitz … Vor dem Morgenrot betrat er die Kirche und kam erst nach dem abendlichen Angelus wieder heraus. Dort mußte man ihn suchen, wenn man ihn brauchte“, heißt es in seiner ersten Biographie.[8]

Die fromme Übertreibung des ehrfurchtsvollen Hagiographen darf uns nicht veranlassen zu übersehen, daß der heilige Pfarrer auch aktiv im gesamten Gebiet seiner Pfarrei zu „wohnen“ verstand: Er besuchte systematisch die Kranken und die Familien; er organisierte Volksmissionen und Patronatsfeste; er sammelte und verwaltete Geld für seine karitativen und missionarischen Werke; er verschönerte seine Kirche und stattete sie mit Kirchengerät aus; er kümmerte sich um die Waisenmädchen der „Providence“ (einer von ihm gegründeten Einrichtung) und ihre Erzieherinnen; er kümmerte sich um die Schulausbildung der Kinder; er gründete Bruderschaften und forderte die Laien zur Zusammenarbeit mit ihm auf.

Sein Beispiel veranlaßt mich, das Feld der Zusammenarbeit zu betonen, das immer mehr auf die gläubigen Laien auszudehnen ist, mit denen die Priester das eine priesterliche Volk bilden[9] und in deren Mitte sie leben, um kraft des Weihepriestertums „alle zur Einheit in der Liebe zu führen, ‚indem sie in Bruderliebe einander herzlich zugetan sind, in Ehrerbietung einander übertreffen‘ (Röm 12, 10)“.[10] In diesem Zusammenhang ist an die lebhafte Aufforderung zu erinnern, mit der das Zweite Vatikanische Konzil die Priester ermutigt, „die Würde der Laien und die bestimmte Funktion, die den Laien für die Sendung der Kirche zukommt, wahrhaft [zu] erkennen und [zu] fördern … Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit erkennen können.“[11]

Seine Pfarreimitglieder belehrte der heilige Pfarrer vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens. Durch sein Vorbild lernten die Gläubigen zu beten und für einen Besuch beim eucharistischen Jesus gern vor dem Tabernakel zu verharren.[12] „Es ist nicht nötig, viel zu sprechen, um gut zu beten“, erklärte ihnen der Pfarrer. „Man weiß, daß Jesus dort ist, im heiligen Tabernakel: Öffnen wir ihm unser Herz, freuen wir uns über seine heilige Gegenwart. Das ist das beste Gebet.“[13] Und er ermunterte sie: „Kommt zur Kommunion, meine Brüder, kommt zu Jesus. Kommt, um von ihm zu leben, damit ihr mit ihm leben könnt…“[14] „Es stimmt, daß ihr dessen nicht würdig seid, aber ihr habt es nötig!“[15] Diese Erziehung der Gläubigen zur eucharistischen Gegenwart und zum Kommunionempfang wurde besonders wirkkräftig, wenn die Gläubigen ihn das heilige Meßopfer zelebrieren sahen. Wer ihm beiwohnte, sagte, daß „es nicht möglich war, eine Gestalt zu finden, welche die Anbetung besser ausgedrückt hätte … Er betrachtete die Hostie liebevoll“.[16] „Alle guten Werke zusammen wiegen das Meßopfer nicht auf, denn sie sind Werke von Menschen, während die heilige Messe Werk Gottes ist“[17], sagte er. Er war überzeugt, daß von der Messe der ganze Eifer eines Priesterlebens abhängt: „Die Ursache der Erschlaffung des Priesters liegt darin, daß er bei der Messe nicht aufmerksam ist! Mein Gott, wie ist ein Priester zu beklagen, der so zelebriert, als ob er etwas Gewöhnliches täte!“[18] Und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei der Zelebration immer auch das eigene Leben aufzuopfern: „Wie gut tut ein Priester, wenn er Gott allmorgendlich sich selbst als Opfer darbringt!“[19]

Dieses persönliche Sicheinfühlen in das Kreuzesopfer führte ihn – in einer einzigen inneren Bewegung – vom Altar zum Beichtstuhl. Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen. Zur Zeit des heiligen Pfarrers war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, daß die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zugleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben. Später war es dann die wachsende Menge der Bußfertigen aus ganz Frankreich, die ihn bis zu 16 Stunden täglich im Beichtstuhl hielt. Man sagte damals, Ars sei „das große Krankenhaus der Seelen“[20]  geworden. „Die Gnade, die er empfing [für die Bekehrung der Sünder], war so stark, daß sie ihnen nachging, ohne ihnen einen Moment der Ruhe zu lassen“, sagt der erste Biograph.[21] Der heilige Pfarrer sah das nicht anders, wenn er sagte: „Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder nach und läßt ihn zu sich zurückkehren.“[22] „Dieser gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, daß er uns überall sucht.“[23]

Wir Priester müßten alle spüren, daß jene Worte, die er Christus in den Mund legte, uns persönlich angehen: „Ich beauftrage meine Diener, den Sündern zu verkünden, daß ich immer bereit bin, sie zu empfangen, daß meine Barmherzigkeit unbegrenzt ist.“[24] Vom heiligen Pfarrer von Ars können wir Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen in das Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum unserer pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des „Dialogs des Heils“, der sich darin vollziehen muß. Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise. Wer zu seinem Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den „Strom der göttlichen Barmherzigkeit“ einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt. Und wenn jemand niedergeschlagen war beim Gedanken an seine Schwäche und Unbeständigkeit und sich vor zukünftigen Rückfällen fürchtete, offenbarte der Pfarrer ihm das Geheimnis Gottes mit einem Ausspruch von rührender Schönheit: „Der liebe Gott weiß alles. Noch bevor ihr sündigt, weiß er schon, daß ihr wieder sündigen werdet, und trotzdem vergibt er euch. Wie groß ist die Liebe unseres Gottes, der so weit geht, freiwillig die Zukunft zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann!“[25] Wer sich dagegen lau und fast gleichgültig anklagte, dem bot er durch seine eigenen Tränen die ernste und erlittene deutliche Einsicht, wie „abscheulich“ diese Haltung sei: „Ich weine, weil ihr nicht weint“[26], sagte er. „Wenn der Herr bloß nicht so gut wäre! Aber er ist so gut! Man muß ein Barbar sei, um sich einem so guten Vater gegenüber so zu verhalten!“[27] Er ließ die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er sie zwang, das im Gesicht des Beichtvaters gleichsam „verkörperte“ Leiden Gottes wegen der Sünden mit eigenen Augen zu sehen. Wer sich dagegen voll Verlangen und fähig zu einem tieferen geistlichen Leben zeigte, dem öffnete er weit die Tiefen der Liebe, indem er ihm erklärte, wie unbeschreiblich schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben: „Alles unter den Augen Gottes, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen … Wie schön ist das!“[28] Und er lehrte sie zu beten: „Mein Gott, erweise mir die Gnade, dich so sehr wie nur möglich zu lieben.“[29]

Der Pfarrer von Ars hat in seiner Zeit das Herz und das Leben so vieler Menschen zu verwandeln vermocht, weil es ihm gelungen ist, sie die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen zu lassen. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit der Liebe dringend: Deus caritas est (1 Joh 4, 8). Mit dem Wort und den Sakramenten seines Jesus wußte Johannes Maria Vianney sein Volk aufzubauen, auch wenn er, überzeugt von seiner persönlichen Unzulänglichkeit, oft schauderte, so daß er mehrmals wünschte, sich der Verantwortung des Dienstes in der Pfarrei zu entziehen, dessen er sich unwürdig fühlte. Trotzdem blieb er in vorbildlichem Gehorsam stets an seinem Posten, denn die apostolische Leidenschaft für das Heil der Seelen verzehrte ihn. Durch eine strenge Askese versuchte er, seiner Berufung völlig nachzukommen: „Das große Unglück für uns Pfarrer“, beklagte der Heilige, „besteht darin, daß die Seele abstumpft“[30], und er meinte damit ein gefährliches Sich-Gewöhnen des Hirten an den Zustand der Sünde oder der Gleichgültigkeit, in der viele seiner Schafe leben. Mit Wachen und Fasten zügelte er den Leib, um zu vermeiden, daß dieser sich seiner priesterlichen Seele widersetzte. Und er schreckte nicht davor zurück, sich selbst zu kasteien zum Wohl der ihm anvertrauten Seelen und um zur Sühne all der Sünden beizutragen, die er in der Beichte gehört hatte. Einem priesterlichen Mitbruder erklärte er: „Ich verrate Euch mein Rezept: Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle.“[31] Jenseits der konkreten Bußübungen, denen der Pfarrer von Ars sich unterzog, bleibt in jedem Fall der Kern seiner Lehre für alle gültig: die Seelen sind mit dem Blut Jesu erkauft, und der Priester kann sich nicht ihrer Rettung widmen, wenn er sich weigert, sich persönlich an dem „teuren Preis“ ihrer Erlösung zu beteiligen.

In der Welt von heute ist es ebenso nötig wie in den schwierigen Zeiten des Pfarrers von Ars, daß die Priester sich in ihrem Leben und Handeln durch ein starkes Zeugnis für das Evangelium auszeichnen. Paul VI. hat zu Recht bemerkt: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“[32] Damit in uns nicht eine existenzielle Leere entsteht und die Wirksamkeit unseres Dienstes nicht gefährdet wird, müssen wir uns immer neu fragen: „Sind wir wirklich durchtränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und von den Dingen dieser Welt? Kennen wir es wirklich? Lieben wir es? Gehen wir innerlich damit um, so daß es wirklich unser Leben prägt, unser Denken formt?“[33] Wie Jesus die Zwölf rief, damit sie bei ihm sein sollten (vgl. Mk 3, 14), und sie erst danach zum Predigen aussandte, so sind auch in unseren Tagen die Priester berufen, jenen „neuen Lebensstil“ anzunehmen, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben.[34]

Gerade die rückhaltlose Annahme dieses „neuen Lebensstils“ war ein Merkmal des priesterlichen Einsatzes des Pfarrers von Ars. In der Enzyklika Sacerdotii nostri primordia, die 1959, hundert Jahre nach dem Tod von Johannes Maria Vianney, publiziert wurde, stellte Johannes XXIII. dessen asketische Wesensart unter besonderer Bezugnahme auf das Thema der „drei evangelischen Räte“ dar, die er auch für die Priester als notwendig erachtete: „Auch wenn dem Priester zur Erlangung dieser Heiligkeit des Lebens die Verwirklichung der evangelischen Räte nicht aufgrund seines klerikalen Standes auferlegt ist, bietet sie sich ihm wie allen Jüngern des Herrn doch als der normale Weg der christlichen Heiligung an.“[35] Der Pfarrer von Ars verstand es, die „evangelischen Räte“ in der seiner Situation als Priester angemessenen Weise zu leben. Seine Armut war nämlich nicht die eines Ordensmannes bzw. eines Mönches, sondern die, welche von einem Weltpriester erwartet wird: Obwohl er mit viel Geld wirtschaftete (da die wohlhabenderen Pilger nicht versäumten, sich seiner karitativen Werke anzunehmen), wußte er, daß alles seiner Kirche, seinen Armen, seinen Waisen, den Mädchen seiner „Providence“[36], den am meisten notleidenden Familien zugedacht war. Darum war er „reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst“.[37] Er erklärte: „Mein Geheimnis ist einfach: Alles geben und nichts behalten.“[38] Wenn er mit leeren Händen dastand, sagte er zufrieden zu den Armen, die sich an ihn wendeten: „Heute bin ich arm wie ihr, bin einer von euch.“[39] So konnte er am Ende seines Lebens in aller Ruhe sagen: „Ich habe nichts mehr. Nun kann der liebe Gott mich rufen, wann er will!“[40] Auch seine Keuschheit war so, wie sie für den Dienst eines Priesters nötig ist. Man kann sagen, es war die angemessene Keuschheit dessen, der gewöhnlich die Eucharistie berühren muß und der sie gewöhnlich mit der ganzen Begeisterung seines Herzens betrachtet und sie mit derselben Begeisterung seinen Gläubigen reicht. Man sagte von ihm, „die Keuschheit strahle in seinem Blick“, und die Gläubigen bemerkten es, wenn er mit den Augen eines Verliebten zum Tabernakel schaute.[41] Auch der Gehorsam von Johannes Maria Vianney war ganz und gar verkörpert in der leidvoll errungenen inneren Einwilligung in die täglichen Anforderungen seines Amtes. Es ist bekannt, wie sehr ihn der Gedanke an seine Unzulänglichkeit für den Dienst des Pfarrers quälte und wie sehr ihn der Wunsch umtrieb, zu fliehen „um in Einsamkeit sein armes Leben zu beweinen“.[42] Nur der Gehorsam und seine Leidenschaft für die Seelen konnten ihn überzeugen, an seinem Platz zu bleiben. Sich selbst und seinen Gläubigen erklärte er: „Es gibt nicht zwei gute Arten, Gott zu dienen. Es gibt nur eine einzige: ihm so zu dienen, wie er es will.“[43] Die goldene Regel für ein Leben im Gehorsam schien ihm diese zu sein: „Nur das tun, was dem lieben Gott dargebracht werden kann.“[44]

Im Zusammenhang mit der Spiritualität, die durch die Übung der evangelischen Räte gefördert wird, möchte ich die Priester in diesem ihnen gewidmeten Jahr gern ganz besonders dazu aufrufen, den neuen Frühling zu nutzen, den der Geist in unseren Tagen in der Kirche hervorbringt, nicht zuletzt durch die kirchlichen Bewegungen und die neuen Gemeinschaften. „Der Geist ist vielfältig in seinen Gaben … Er weht, wo er will. Er tut es auf unerwartete Weise, an unerwarteten Orten und in vorher nicht ausgedachten Formen … aber er zeigt uns auch, daß er auf den einen Leib hin und in der Einheit des einen Leibes wirkt.“[45] In diesem Zusammenhang gilt die Anweisung des Dekretes Presbyterorum ordinis: „Sie [die Priester] sollen die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind, und die vielfältigen Charismen der Laien, schlichte und bedeutendere, mit Glaubenssinn aufspüren, freudig anerkennen und mit Sorgfalt hegen.“[46] Diese Gaben, die viele zu einem höheren geistlichen Leben drängen, können nicht nur den gläubigen Laien, sondern den Priestern selbst hilfreich sein. Aus dem Miteinander von geweihten Amtsträgern und Charismen kann nämlich „ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt“ entspringen.[47] Außerdem möchte ich in Bezugnahme auf das Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis von Papst Johannes Paul II. ergänzen, daß das geweihte Amt eine radikale „Gemeinschaftsform“ hat und nur in der Gemeinschaft der Presbyter mit ihrem Bischof erfüllt werden kann.[48] Es ist nötig, daß diese im Weihesakrament begründete und in der Konzelebration ausgedrückte Gemeinschaft der Priester untereinander und mit ihrem Bischof sich in den verschiedenen konkreten Formen einer effektiven und affektiven priesterlichen Brüderlichkeit verwirklicht.[49] Nur so können die Priester die Gabe des Zölibats vollends leben und sind fähig, christliche Gemeinschaften aufblühen zu lassen, in denen sich die Wunder der ersten Verkündigung des Evangeliums wiederholen.

Das Paulusjahr, das sich seinem Ende zuneigt, richtet unsere Gedanken auch auf den Völkerapostel, in dem vor unseren Augen ein glänzendes Beispiel eines ganz und gar seinem Dienst „hingegebenen“ Priesters aufleuchtet. „Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen“, schreibt er, „da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (vgl. 2 Kor 5, 14). Und er fügt hinzu: „Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5, 15). Gibt es ein besseres Programm, das man einem Priester vorschlagen könnte, der damit beschäftigt ist, auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten?

Liebe Priester, die Feier des 150. Todestags des heiligen Johannes Maria Vianney (1859) schließt sich unmittelbar an die kaum abgeschlossenen Feiern zum 150. Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes (1858) an. Schon 1959 hatte der selige Papst Johannes XXIII. bemerkt: „Kurz bevor der Pfarrer von Ars seine lange verdienstvolle Laufbahn beendet hatte, war in einem anderen Teil Franreichs die Unbefleckte Jungfrau einem demütigen und reinen Mädchen erschienen, um ihm eine Botschaft des Gebetes und der Buße zu übermitteln, deren enorme geistliche Resonanz seit einem Jahrhundert wohlbekannt ist. Tatsächlich war das Leben des heiligen Priesters, dessen Gedenken wir feiern, im voraus eine lebendige Darstellung der großen übernatürlichen Wahrheiten, die der Seherin von Massabielle vermittelt wurden. Er selbst hegte für die Unbefleckte Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau eine glühende Verehrung – er, der 1836 seine Pfarrei der ohne Sünde empfangenen Maria geweiht hatte und dann die dogmatische Definition von 1854 mit so viel Glauben und Freude aufnehmen sollte.“[50] Der heilige Pfarrer erinnerte seine Gläubigen immer daran, daß „Jesus Christus, nachdem er uns alles gegeben hatte, was er uns geben konnte, uns noch das Wertvollste als Erbe hinterlassen wollte, das er besitzt, nämlich seine Mutter“[51].

Der Allerseligsten Jungfrau vertraue ich dieses Jahr der Priester an und bitte sie, im Innern jedes Priesters eine großherzige Wiederbelebung jener Ideale der völligen Hingabe an Christus und an die Kirche auszulösen, die das Denken und Handeln des heiligen Pfarrers von Ars bestimmten. Mit seinem eifrigen Gebetsleben und seiner leidenschaftlichen Liebe zum gekreuzigten Jesus nährte Johannes Maria Vianney seine tägliche rückhaltlose Hingabe an Gott und an die Kirche. Möge sein Beispiel die Priester zu jenem Zeugnis der Einheit mit dem Bischof, untereinander und mit den Laien bewegen, das heute wie immer so notwendig ist. Trotz des Übels, das es in der Welt gibt, sind die Worte Christi an seine Apostel im Abendmahlssaal stets aktuell: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33). Der Glaube an den göttlichen Meister gibt uns die Kraft, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen. Liebe Priester, Christus rechnet mit euch. Nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars laßt euch von ihm vereinnahmen, dann seid in der Welt von heute auch ihr Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens!

Von Herzen erteile ich euch meinen Segen.

Aus dem Vatikan, am 16. Juni 2009

 

BENEDICTUS PP. XVI

 


[1] Dazu hat Papst Pius XI. ihn 1929 erklärt.[2] Le Sacerdoce, c’est l’amour du cœur de Jésus” (in Le curé d’Ars. Sa pensée – Son cœur. Présantés par l’Abbé Bernard Nodet, éd. Xavier Mappus, Foi Vivante, 1966, S. 98). In der Folge: Nodet. Dieser Satz ist unter der Nummer 1589 auch im Katechismus der Katholischen Kirche zitiert.

[3] Nodet, S. 101.

[4] Ebd., S. 97.

[5] Ebd., S. 98–99.

[6] Ebd., S. 98–100.

[7] Ebd., 183.

[8] Monnin A., Il curato d’Ars. Vita di Gian-Battista-Maria Vianney, Bd. I, ed. Marietti, Turin 1870, S. 122.

[9] Vgl. Lumen gentium, 10.

[10] Presbyterorum ordinis, 9.

[11] Ebd.

[12] „Die Beschauung [ Kontemplation] ist gläubiges Hinschauen auf Jesus. ‚Ich schaue ihn an, und er schaut mich an‚, sagte zur Zeit seines heiligen Pfarrers ein Bauer von Ars, der vor dem Tabernakel betete“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2715).

[13] Nodet, S. 85.

[14] Ebd., S. 114.

[15] Ebd., S. 119.

[16] Monnin A., a.a.O., II, S. 430ff.

[17] Nodet, S. 105.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 104.

[20] Monnin A., a.a.O., II, S. 293.

[21] Ebd., S. 10.

[22] Nodet, S. 128.

[23] Ebd., S. 50.

[24] Ebd., S. 131.

[25] Ebd., S. 130.

[26] Ebd., S. 27.

[27] Ebd., S. 139.

[28] Ebd., S. 28.

[29] Ebd., S. 77.

[30] Ebd., S. 102.

[31] Ebd., S. 189.

[32] Evangelii nuntiandi, 41.

[33] Benedikt XVI., Homilie in der Chrisam-Messe, 9.4.2009.

[34] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16.3.2009.

[35] Teil I.

[36] Diesen Namen gab er dem Haus, in dem er über 60 verlassene Mädchen aufnehmen und erziehen ließ. Um es zu erhalten, war er zum äußersten bereit: „J’ai fait tous les commerces imaginables – Ich habe dafür alle Geschäfte gemacht, die man sich nur vorstellen kann“, sagte er lachend (Nodet, S. 214).

[37] Nodet, S. 216.

[38] Ebd., S. 215.

[39] Ebd., S. 216.

[40] Ebd., S. 214.

[41] Vgl. Ebd., S. 112.

[42] Vgl. Ebd., S. 82-84; 102-103.

[43] Ebd., S. 75.

[44] Ebd., S. 76.

[45] Benedikt XVI., Homilie zur Pfingstvigil, 3.6.2006.[46] Nr. 9.

[47] Benedikt XVI., Ansprache an die Bischöfe, die der Fokolarbewegung und der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nahestehen, 8.2.2007.

[48] Vgl. Nr. 17.

[49] Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis, 74.

[50] Enzyklika Sacerdotii nostri primordia, Teil III.

[51] Nodet, S. 244.

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Quelle