Spanien: 115 Opfer des Bürgerkriegs selig gesprochen

Valle de los Caídos bei Madrid: Hier sind über 30.000 Opfer des Bürgerkriegs begraben

115 neue Selige auf einen Streich: Ein Vatikan-Kardinal hat am Samstag 115 Opfer des Spanischen Bürgerkriegs ins Buch der Seligen eingetragen. Dazu war Angelo Amato, der Präfekt der Heiligen-Kongregation, extra nach Almería gereist. Die neuen Seligen sind Priester und Laien, Männer und Frauen – was sie verbindet, ist die Tatsache, dass sie 1936 um ihres Glaubens willen gefoltert und getötet wurden. Und dass sie, Zeugenaussagen zufolge, ihren Mördern vergeben haben.

„In diesen Jahren hat sich in Spanien der Hass gegen die Kirche, ihre Diener und ihre Gläubigen, entfesselt“, sagt uns Kardinal Amato in einem Interview. „Eine große Verfolgung, die Tausende von Menschen das Leben kostete, nur weil sie Katholiken waren. Alle Bistümer Spaniens haben damals ihren Blutzoll entrichtet. Jetzt hat Papst Franziskus die Seligsprechung von 115 Märtyrern aus dem Bistum Almería verfügt. Wir erinnern an sie, um dieses Erbe des Gehorsams zu Gott nicht unbeachtet links liegen zu lassen. Wir erinnern an sie auch, um zu betonen, dass das Christentum die Religion des Lebens ist und jeder Art von Gewalt eine Absage erteilt.“

In Spanien heute an den Bürgerkrieg zu erinnern, ist ganz schön heikel, immer noch. Denn nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im November 1975 hat es keine richtige Aufarbeitung der blutigen dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gegeben, um das zarte Pflänzchen der spanischen Demokratie nicht zu gefährden. Bis heute ist das Thema nahezu Tabu; werden Massengräber von Hingerichteten des Bürgerkriegs freigelegt, kochen die Emotionen hoch.

Wer sind die neuen Seligen? Amato nennt einen für alle: Don José Álvarez- Benavides de la Torre, Dekan der Kathedrale von Almería. „Die Zeugen sagen, dass er eine Ausnahme-Persönlichkeit war. Er wurde 1936 festgenommen und zunächst auf einem Schiff festgehalten, auf dem Eisen transportiert wurde. Seine Kleider und die der anderen Verhafteten waren schwarz wie Kohle, es war Sommer, es war unerträglich heiß auf dem Schiff. Trotzdem hat Don José bei seinen Mitgefangenen für ein Klima der inneren Sammlung und des Gebets gesorgt. Er wurde wiederholt grausam gefoltert und aufgefordert, seinem Glauben abzuschwören, dem hat er sich bis zum Schluß wiedersetzt. Da haben sie ihn erschossen, während er seinen Henkern vergab.“

Das macht man als Vatikan-Kardinal so, dass man erst mal von einem heldenhaften Kleriker erzählt. Aber unter den neuen Seligen sind auch viele Laien, fährt Amato fort. „Da kann ich zum Beispiel Herrn Luis Belda y Soriano de Montoya nennen: 34 Jahre alt, Mitglied der Katholischen Aktion, Rechtsanwalt. Ein frommer Mann, der immer versuchte, den Bedürftigen zu helfen, die sich an ihn wandten. Er ging jeden Tag zur heiligen Messe, besuchte Kranke, hielt Vorträge über das Thema Familie und Erziehung, über den Schutz der Ungeborenen. Dieser Mann hat sich freiwillig den Milizen gestellt, damit seine Familie ungeschoren davonkommen konnte. Der einzige Grund, warum er in Haft kam, bestand in seinem Katholischsein. Seine letzten Worte waren die, die er vor der Erschießung seiner Frau vom Schiff aus zurief: „Ich vergebe allen, die mich beleidigt haben, und allen, die mir Böses tun.“ Man fand seine Leiche im Meer schaukelnd, nahe am Strand.“

Auch Frauen sind unter den neuen Seligen – etwa die 49-jährige Carmen Godoy Calvache. Eine Frau, die ihr Geld oft daransetzte, dass arme Leute ihre Kinder zum Arzt schicken konnten. „Als die Verfolgung losging, verlor sie ihr ganzes Geld: Die Milizen räumten sogar ihre Bankkonten leer und besetzten ihr Haus. Sie wurde verhaftet und misshandelt; die Milizen machten sich einen Spaß daraus, sie hungern und dürsten zu lassen. Man hat sie mit Messerstichen verletzt und beinahe im Meer ertränkt. An Silvester 1936 wurde sie an ihrer Brust verstümmelt und dann lebendig begraben. In der Hafenkneipe besoffen sich derweil ihre Peiniger und rühmten sich all der Folterungen, die sie dem armen Opfer zugefügt hatten.“

Schreckliche Geschichten, die der Vatikan da ans Licht gezogen hat. Das seien nur drei Beispiele, sagt Kardinal Amato. Alle Märtyrer seien „gute Menschen“ und „unschuldig“ gewesen. „Wir stehen hier vor der Würde des Guten auf der einen und der sinnlosen Dummheit des Bösen auf der anderen Seite. Oder wie eine Schriftstellerin (Hanna Arendt, Anm.d.Red.) gesagt hat: der Banalität des Bösen.“

(rv 26.03.2017 sk)

Ein tief frommer Reformer – und bald ein seliger Papst?

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Wird Papst Benedikt XIII. bald seliggesprochen? Am 24. Februar 2017 wurde der diözesane Informationsprozess mit Übergabe der Akten an die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse abgeschlossen.

Von Angela Ambrogetti

Ein tüchtiger Reformer, der die Menschen liebte, gegen den Pomp und Luxus kämpfte – und vor allem in tiefer Frömmigkeit lebte, könnte bald selig gesprochen werden: Benedikt XIII. Er war der – bis heute – letzte Papst aus dem Dominikaner-Orden.

Pius XI. war es gewesen, der seine Seligsprechungsprozess ins Rollen brachte und ihn 1931 zum Diener Gottes erklärte. Jetzt wurde der Prozess feierlich abgeschlossen – 86 Jahre später – und fünf Jahre nach Eröffnung des diözesanen Prozesses zu Benedikt XIII.

Kardinalvikar Agostino Vallini stand am 24. Februar in der Aula della Conciliazione des Lateranpalastes der Abschlusszeremonie vor. Anwesend waren ebenso die Mitglieder des diözesanen Gerichtes, die die Untersuchung durchgeführt hatten: Monsignore Giuseppe D’Alonzo, der delegierte Richter, der Kirchenanwalt Don Giorgio Ciucci und der Gerichtsschreiber, Notar Marcello Terramani.

Pier Francesco Orsini, der spätere Papst Benedikt XIII., war der bis dato letzte Papst, der Dominikaner gewesen war. Daher wurde er 1733 in der Basilika Santa Maria sopra Minerva beerdigt.

Ein Spross aus adliger Familie – und mit 23 Kardinal

Benedikt XIII. wurde 1949 in Gravina in einer adeligen Familie geboren. Bald trat er ins Kloster ein und wurde 1668 Ordensmann mit dem Namen Frater Vincenzo Maria. Mit 22 Jahren war er Priester und wurde das Jahr darauf, auf Beschluss von Papst Clemens X., Kardinal.

Er wollte nicht annehmen und trat seinen Dienst in Rom letztendlich nur aus Gehorsam an. Er war Präfekt der Kongregation für das Konklave, Mitglied vieler Kongregationen und wurde 1675 zum Erzbischof von Manfredonia ernannt.

Er war als Hirte sehr aktiv, vor allem durch zahlreiche Pastoralbesuche und durch die Einberufung der ersten diözesanen Synode. Außerdem begann er das Experiment einer Form landwirtschaftlichen Kredits: Der sogenannte „Getreideberg“, der später in Benevent noch weiter gefördert und verbreitet wurde.

Das Kardinalskolleg wählte ihn für seine Heiligkeit

Von Manfredonia ging er nach Cesena und als er erfuhr, dass in Manfredonia ein extremer Getreidemangel herrschte, kaufte er in der Romagna Weizen und kümmerte sich persönlich darum, dass er transportiert und an die Armen verteilt würde. Auch in Cesena war der pastorale Stil des Kardinals ein besonderer und er ließ Volksmissionen abhalten. Zuletzt kam er nach Benevent, wo er sich – vor allem als zwei Erdbeben wüteten – ganz dem Hirten- und Lehrdienst widmete.

Nach dem Tod Innozenz´ XIII. im Jahr 1724 wurde Vincenzo Maria Orsini nach einem dreimonatigen Konklave zum Papst gewählt, da ihn das Kardinalskolleg als den Heiligsten ansah. Das Datum seiner Wahl war der 29. Mai 1724. Auch in diesem Fall, wie beim Kardinalstitel, weigerte er sich zunächst, bezeichnete sich als unzulänglich und beteuerte seine Unwürdigkeit. Aber am Ende gehorchte er und wählte den Namen Benedikt XIII.

Er führte das Leben in heiliger Demut auch auf dem Stuhl Petri weiter; er pflegte die Frömmigkeit, Demut, Einfachheit, die Loslösung von allen Eitelkeiten, aber vor allem bewahrte er die Liebe zu den Armen. Im Vergleich zu ihnen, glaubte er, immer zu viel zu besitzen, obwohl er in äußerster Bescheidenheit lebte.

Ihm verdankt man die erste drastische Verkleinerung der Kurie. Zu den Priestern, die mit ihm arbeiteten und die von seiner Vertaulichkeit überrascht waren, sagte er, dass er in der Öffentlichkeit der Papst sei, privat aber immer Frater Vincenzo Maria bleibe.

Auf ihn geht auch die Einrichtung des ältesten Kardinals als Dekan des Kardinalskollegs zurück.

Er tat viel für Rom, angefangen mit der Errichtung des Krankenhauses San Gallicano für Hautkranke und des neuen Krankenhauses von Santa Maria della Pieta, wo jene hingebracht wurden, die man damals die „Verrückten“ nannte. Er bemühte sich auch, die Haftbedingungen in den Gefängnissen zu verbessern.

Ein besonderer Augenblick seiner pastoralen Vorbildhaftigkeit war das Jubiläumsjahr 1725. In diesem Jahr berief er im Lateran ein Konzil ein; seit den Zeiten von Innozenz dem III. war in Rom keines mehr abgehalten worden.

Er war 81 Jahre alt als er 1730 an einem Fieber starb.

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Quelle

„Immer das Herz und die Hände offen haben“

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Angelus, 29. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 29. Januar 2017

Das Herz der Katechese von Papst Franziskus vor dem Angelusgebet am Sonntag, dem 29. Januar 2017, war die Perikope aus dem Matthäus-Evangelium über die Bergpredigt und die Seligpreisungen (5,1-12a), die Papst Franziskus als die ‪„Magna Charta“ des Neuen Testamentes bezeichnete. Es sei die Offenbarung des Willens Gottes, die Menschen zum Glück zu führen, so der Papst.

Diese Botschaft sei schon von den Propheten verkündet worden, betonte er: Gott sei den Armen und Unterdrückten nahe und befreie sie von ihren Peinigern. In der Bergpredigt verfolge Jesus aber einen Sonderweg, so Franziskus. Er beginne mit dem Begriff „selig“, d.h. „glücklich“, erkläre danach die Voraussetzung, um glücklich zu sein, und ende mit einer Verheißung.

Wie Franziskus betonte, handele es sich nicht um einen automatischen Mechanismus, sondern um einen Lebensweg in der Nachfolge des Herrn. Dieser verlange aber eine Bekehrung. „Man ist nicht selig, wenn man keine Bekehrung gemacht hat, fähig die Gaben Gottes zu schätzen und zu leben“, erklärte der Papst, der sich in der heutigen Katechese mit der ersten Seligpreisung befasste: ‪„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“.

Arm vor Gott sein, bedeute die Gefühle und die Haltung jener Armen anzunehmen, die in ihrer Lage nicht rebellisch seien, sondern demütig, gehorsam und bereit für die Gnade Gottes, erklärte Franziskus.

Das Glück der ‪„Armen vor Gott“ habe eine zweifache Dimension. Er sei einerseits „mäßig“ gegenüber den Gütern der Welt. Dies bedeute nicht notwendig Verzicht, erläuterte Franziskus, sondern die Fähigkeit, das Wesentliche zu kosten, des Teilens, die Fähigkeit, jeden Tag das Staunen über die Güte der Dinge zu erneuern.

Gegenüber Gott bedeute dies andererseits Lobpreis und die Anerkennung, dass die Welt ein Segen sei und dass ihr Ursprung die schöpfende Liebe des Vaters sei.

Er sei auch offen gegenüber Gott und seiner Herrschaft. ‪„Er ist es, der Herr, er ist der Große, nicht ich bin groß, weil ich so viele Dinge habe!“, betonte der Papst.

Der Arme vor Gott sei der Christ, der nicht auf sich selbst vertraue, auf materielle Reichtümer, der nicht auf seiner eigenen Meinung beharre, sondern respektvoll zuhöre und sich bereitwillig den Entscheidungen anderer füge. „Wenn es in unseren Gemeinden mehr Arme vor Gott gäbe, dann würde es weniger Spaltungen, Kontraste und Auseinandersetzungen geben‪“, so Franziskus.‪

„Die Demut, wie die Nächstenliebe, ist eine wesentliche Tugend für das Zusammenleben in den christlichen Gemeinden“, so erklärte der Papst, der die Gläubige dazu einlud, das Teilen dem Besitz vorzuziehen. ‪„Immer das Herz und die Hände offen haben, nicht geschlossen“, so sagte er, während er seine Worte mit den entsprechenden Gesten unterstrich.

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Er schwor Gott die Treue, nicht Hitler: Josef Mayr-Nusser wird seliggesprochen

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Josef Mayr-Nusser war Mitglied des Andreas-Hofer-Bundes und ist eine Leitfigur des katholischen Südtiroler Widerstandes gegen die Nazis. Foto: CNA/Gemeinde Bozen

Das Martyrium eines Laien, der Nein zum Nationalsozialismus gesagt hat, wird anerkannt: Der Südtiroler Josef Mayr-Nusser wird seliggesprochen.

Papst Franziskus hat in einer Audienz Kardinal Angelo Amato, den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, empfangen und den Erlass des entsprechenden Dekrets autorisiert.

Josef Mayr-Nusser war Mitglied des Südtiroler Widerstands, der sich im Andreas-Hofer-Bund organisierte, ein Leiter in der Azione Cattolica, der Katholischen Aktion, und wurde wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zum Tode verurteilt, starb aber noch während der Fahrt zum Lager in Dachau (1945) an den Entbehrungen und der Misshandlung durch die Nazis.

Josef Mayr-Nusser wird 1910 in eine sehr gläubige Familie von Weinbauern in Bozen geboren. Er hat den Sport im Blut, liebt Schlittschuhlaufen, liest begierig anspruchsvolle Bücher, pflegt eine intensives geistliches Leben. Ihm gefällt Thomas Morus, der unbeugsame Kanzler des XVI. Jahrhunderts, der sich dem König Englands widersetzt, nur um seinen Glauben nicht zu verlieren und von diesem enthauptet lassen wird. Als jemandem, der die Jugendlichen leidenschaftlich mitreißt, wird ihm die Vorstandschaft der Südtiroler katholischen Jugend angeboten. Er heiratet mit 22 Jahren und bekommt schon bald einen Sohn.

Das Leben von Josef erhält 1944 eine Wendung, als er zwangsweise zur SS eingezogen wird: Am 7. September 1944 macht er sich auf den Weg zu einer Ausbildungskaserne. Als der Augenblick der Ablegung des Eides kommt, verweigert er ihn aus religiösen Gründen. Es wird ihm der Prozess gemacht und er wird zum Tode verurteilt. Er wird verhaftet und in einem Viehwagon zum Konzentrationslager Dachau geschickt, stirbt aber unterwegs am 24. Februar 1945 in Erlangen aufgrund der erlittenen Misshandlungen, Hunger und Durst.

Die Seligsprechung von Josef Mayr-Nusser ist sicherlich ein starkes Zeichen von Papst Franziskus. Katholischer Widerstand statt windelweiches Mauscheln mit Mächtigen, unchristlichen Politikern und dem jeweiligen Zeitgeist sind auch heute aktuell und notwendig.

Der Leichnam von Josef Mayr-Nusser wurde 1958 zurück nach Bozen gebracht und ruht nun in der kleinen Kirche St. Josef in Lichtenstern am Ritten.

Die Feier der Seligsprechung wird am 18. März 2017 im Dom von Bozen stattfinden. Dies teilte Monsignore Ivo Muser, Bischof von Bozen-Brixen mit. Das liturgische Fest des neuen Seligen wird das erste Mal am 3. Oktober 2017 gefeiert werden.

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Quelle

Die Reliquie des Seligen Papstes Paul VI.

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Papst Paul VI. am 27. November 1970 in Manila unmittelbar nach dem Mordversuch.

Nach der Seligsprechung Papst Pauls VI. wurde ein Reliquiar mit einem blutbefleckten Gewand des Seligen zum Altar gebracht. kath.net-Interview mit Ulrich Nersinger
Vatikan (kath.net) Am 19.10.2014 wurde der 1978 verstorbene Papst Paul VI. seliggesprochen. Während der Seligsprechung durch Papst Franzikus wurde ein Reliquiar (Foto) zum Altar gebracht. Der Historiker und Vatikankenner Ulrich Nersinger, der eine wichtige Biografie über den neuen Seligen geschrieben hat, erläutert gegenüber kath.net, woher diese Reliquie stammt.

kath.net: Herr Nersinger, woher stammt die Reliquie, die während der Seligsprechung auf dem Petersplatz ausgestellt wurde?

Ulrich Nersinger: Im November und Dezember 1970 hatte der neue Selige eine neuntägige Pastoralreise nach Asien und Australien unternommen. Unmittelbar nach der Landung auf dem Airport von Manila (Philippinen) stürmte der 35jährige bolivianische Kunstmaler Benjamin y Amor Flores auf den Papst zu und versuchte ihn zu erdolchen. Das Messer des Attentäters, der ein Priestergewand trug, traf Paul VI. zweimal, in der Brust und am Hals, zwar nur oberflächlich, aber doch so, dass die Wunden bluteten. Der Begleitung des Papstes gelang es, Mendoza niederzuringen.

Der Papst deutete sofort an, von dem Vorfall kein Aufhebens zu machen. Bei der anschließend zelebrierten Heiligen Messe verdeckten die liturgischen Gewänder die kleinen Verletzungen des Papstes.

Nach der Eucharistiefeier versorgte der mitgereiste päpstliche Leibarzt die beiden Wunden und gab seinem Patienten eine Tetanusspritze. Ein weiteres Mal gab der Heilige Vater den Umstehenden ein Zeichen, das Geschehene nicht publik zu machen.

kath.net: Doch die Nachricht drang dann doch an die Öffentlichkeit?

Nersinger: Ja, und zwar sehr schnell. Das italienische Parlament unterbrach sogar für kurze Zeit seine Sitzung. In Italien berichteten die Medien, der Privatsekretär Pauls VI., Don Pasquale Macchi, habe den Attentäter wie „ein Halbgewichtsboxer“ blockiert. Auf den Philippinen bemühte man sich, den dortigen Staatspräsidenten und den Erzbischof von Manila als Verhinderer des Anschlags darzustellen. In den USA sah man Monsignore Paul Casimir Marcinkus vom Päpstlichen Staatssekretariat als den Retter des Papstes; „ein Filipino war mit dem Messer auf Papst Paul VI. losgestürmt, Marcinkus, 1,94 Meter groß, ein Zentner schwer, hatte ihn einfach zu Boden gedrückt“ (The Washington Post). Als päpstlicher ‚Bodyguard’ war der „zupackende Amerikaner“, so eine italienische Zeitung, „fortan für die Auslandsreisen seines Chefs verantwortlich“.

kath.net: Wie stand der Papst selber zu dem Attentat?

Nersinger: Er war bemüht, es bis in die Bedeutungslosigkeit hinunterzuspielen. Gegenüber dem späteren Kurienkardinal Sergio Pignedoli zeigte sich der Papst vor allem über den Wettstreit seiner „Leibwächter“ amüsiert.

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Artikel auf http://www.kath.net/news/47986
20. Oktober 2014

kath.net-Buchtipp
Paul VI.
Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs
Von Ulrich Nersinger
Taschenbuch, 140 Seiten
2014 Patrimonium
ISBN 978-3-86417-027-0
Preis 15.30 EUR

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Siehe auch:

Papst Franziskus will „Völkermord“-Opfer seligsprechen

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In einem syrischen Kloster

Papst Franziskus will ein Opfer der türkischen Christen- und Armenierverfolgung während des Ersten Weltkriegs seligsprechen. Er bestätigte am Samstag im Vatikan das Martyrium des syrisch-katholischen Bischofs Flavian Michele Melki (1858-1915). Dieser war am 29. August 1915 im Zuge der Ausschreitungen, die der Papst unlängst als „Völkermord“ eingestuft hat, in seiner Bischofsstadt Djezireh „aus Hass auf den Glauben“ getötet worden. Djezireh liegt in der heutigen Türkei.

Der künftige Selige gehörte zur Gemeinschaft von St. Ephrem; er war 1858 in Kalaat Mara, ebenfalls in der heutigen Türkei, geboren worden. „Er hat eine fundamentale Rolle gespielt beim Ermutigen der Menschen, trotz aller Schwierigkeiten der damaligen Epoche, während der Verfolgungen im Osmanischen Reich, ihren Glauben zu leben“, sagt der Postulator im Seligsprechungsverfahren, Pater Rami al-Kabalan. „Bischof Melki lebte selbst in extremer Armut; er verkaufte sogar seine Messgewänder, um den Armen zu helfen, und er war unermüdlich in den Pfarreien unterwegs. Es gibt da einen Satz von ihm, der mich immer sehr bewegt: Als sie versuchten, ihn zwangsweise zum Islam zu bekehren, hat er einfach geantwortet ‚Ich verteidige meinen Glauben bis aufs Blut!’.

Ein genaues Datum für die Seligsprechung des Bischofs steht noch nicht fest. Fest steht allerdings, dass sie noch in einiger zeitlicher Nähe zum Gedenken an den Völkermord vor hundert Jahren liegen wird. „Hundert Jahre nach diesen Ereignissen erleben wir Christen des Nahen Ostens jetzt fast dieselben Verfolgungen, wenn auch unter anderen Vorzeichen… Darum gibt uns dieser Märtyrer Mut, unseren Glauben zu leben und zu verteidigen. Wir sollten keine Angst haben, auch wenn unsere Lage im Irak, in Syrien und anderswo in Nahost sehr schwierig geworden ist. Ich glaube persönlich, dass die Seligsprechung wirklich eine sehr starke kirchliche Bedeutung bekommen wird im heutigen Kontext: Die Figur des Märtyrers ist nicht überholt, sie bleibt in der Kirche und im Gedenken der Gläubigen, wir alle sind, auf verschiedene Weise, zum Martyrium gerufen.“

Der syrisch-katholische Geistliche legt noch einmal nach: „Unsere Kirche ist die kleinste von denen, die mit dem Nachfolger Petri verbunden sind. Wir wurden im Irak angegriffen und in Mossul ausgelöscht; in Aleppo, jetzt in Karyatain, im Bistum Homs sind wir unter Druck – wir sind wirklich die am stärksten verwundete Kirche, wir werden überall verfolgt…“

(rv 09.08.2015 sk)

Johannes Paul II.: Seligsprechung der Diener Gottes Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner

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PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND (21.-23. JUNI 1996)

SELIGSPRECHUNG DER DIENER GOTTES
BERNHARD LICHTENBERG UND KARL LEISNER

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Olympiastadion Berlin – Sonntag, 23. Juni 1996

 

Liebe Schwestern und Brüder!

»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können«, (Mt10, 28)

1. Die einst von Christus an seine Jünger im Heiligen Land gerichteten Worte beziehen sich auf alle Christen über die Jahrhunderte hinweg. Sie gelten für alle geographischen Längen und Breitengrade, Sie gewannen eine besondere Bedeutung für jene Jünger Christi, deren Seligsprechung wir heute in Berlin feiern: Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner.

Diese Feier ist eine Gnadenstunde für die Kirche von Berlin und von Münster. Und sie ist auch eine Gnadenstunde für das ganze deutsche Volk. In der großen Danksagung der Kirche, der Eucharistie, dürfen wir am heutigen Tag einen zusätzlichen und besonderen Dank sagen. Es ist der Dank an Gott, der seiner Kirche und der Welt zwei Menschen geschenkt hat, die in der bedingungslosen Nachfolge Jesu Christi Zeugnis abgelegt haben für den Sieg des Glaubens.

Die Geschichte stellte beide auf eine harte Probe, aber sie fürchteten sich nicht »vor denen, die den Leib töten«. Das furchtbare totalitäre System gestattete mit einer Großzügigkeit sondergleichen den Tod für die, die sich dem System nicht unterwarfen. Auf diese Weise versuchte man, die Seelen zu beherrschen. Unsere Seligen jedoch schöpften aus den Worten Christi die Gewißheit, daß jene »die Seele nicht töten können«. Von hier aus ist ihr Sieg zu verstehen. Sie haben diesen Sieg errungen, indem sie Christus vor den Menschen bekannten: »Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen« (Mt 10, 32).

Der vor den Menschen bekannte Christus war ihre Stärke. Christus blieb ihnen auch nach dem Märtyrertod treu. Er ist ihr Zeuge vor dem Vater, und in diesem Zeugnis ist das »Urteil ihrer Heiligkeit« enthalten – das »Urteil«, das heute im Olympiastadion von Berlin von der Kirche öffentlich bekannt gemacht wird. Genau an dem Ort, wo das nationalsozialistische Regime vor 60 Jahren die Feier der olympischen Spiele zu einem Triumph für seine menschenverachtende Ideologie nutzen wollte, an dem Ort, wo der Idealismus der Jugend mißbraucht und Menschen statt zum friedlichen Miteinander zu Haß und Feindschaft angestachelt wurden, triumphieren heute zwei selige Märtyrer.

Wir grüßen euch, unerschrockene Diener Christi, des Königs mit der Dornenkrone. Möge diese Stadt, die Zeugin des Kampfes Bernhard Lichtenbergs gegen die Macht des Bösen und Zeugin des Gefängnisses, der Folter und des Todes wurde, heute Zeugin eurer Erhöhung in der Kirche des lebendigen Gottes werden.

2. Um die Umstände zu verstehen, unter denen unsere beiden Seligen von heute ihren geistlichen Kampf gekämpft haben, greift die Liturgie auf den Propheten Jeremia zurück: »Hörte ich doch das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen« (Jer 20, 10). Diese Worte wurden vor zweitausendfünfhundert Jahren geschrieben – aber sie klingen, als würden sie sich auf die jüngste Zeit beziehen. Das System bediente sich der Methode »Terror alter Orten«, um freie Menschen in Denunzianten zu verwandeln.

Jeremia ist die Gestalt Christi und durch Christus die Gestalt aller, die sich nicht betören ließen (ebd.); aller, die auf die Macht Gottes vertrauten und so den Sieg davongetragen haben. »Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und kommen nicht auf« (Jer 20, 11). Der Herr »rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter« (Jer20, 13).

Im Text des Propheten Jeremia finden wir einen hinreichend klaren Bezug auf die zwei Seligen von heute: Bernhard und Karl. Sie lebten in Zeiten des systematischen Terrors. Durch ihren Glauben und durch ihr Bekenntnis haben sie gesiegt.

Nicht der Beifall der Welt, sondern das treue Bekenntnis zu Jesus Christus ist der Ausweis einer echten Nachfolge Christi. Der Herr verlangt von seinen Jüngern kein Allerweltsbekenntnis, sondern ein Glaubensbekenntnis, das bereit ist, auch Opfer zu bringen. Dieses Bekenntnis haben Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner abgelegt, nicht nur mit Worten, sondern mit ihrem Leben und ihrem Sterben. Sie haben sich in einer unmenschlich gewordenen Welt zu Christus bekannt, der allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

3. Christus ist der Weg, Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner haben dies in einer Zeit bezeugt, in der viele den rechten Weg verlassen hatten und aus Opportunismus oder Angst in die Irre gegangen sind. Wer den Weg der beiden Märtyrer betrachtet, weiß Ihr Martyrium war kein zufälliges Mißgeschick auf ihren Lebensweg, sondern die letzte und zwangsläufige Konsequenz. eines Lebens, das in der Nachfolge Christi gelebt wurde.

Schon in früher Jugend haben sich beide auf den Weg gemacht, auf den Gott sie gerufen hat und den er mit ihnen gehen wollte. »Christus, du hast mich gerufen. Ich spreche bescheiden und bestimmt: „Hier bin ich, sende mich“«, schreibt Karl Leisner zu Beginn seines Theologiestudiums. Er, der frühzeitig den antichristlichen Charakter der damals herrschenden Partei erkannt hatte, fühlte sich berufen, durch den angestrebten Dienst als Priester den Menschen den Weg Gottes zu lehren und keine Zugeständnisse an die sogenannte »völkische Weltanschauung« zu machen. Noch bevor er in Dachau gefangen war, entwickelte er bereits eine tiefe Marienverehrung, zu der er von Pater Kentenich und der Schönstattbewegung angeregt worden war.

Sein Glaubensmut und seine Begeisterung für Christus sollen vor allem den jungen Menschen, die in einem weithin von Unglauben und Gleichgültigkeit geprägten Umfeld leben, Anstoß und Vorbild sein. Denn nicht nur politische Diktatoren schränken die Freiheit ein; es braucht ebenso Mut und Kraft, sich gegen den Sog des Zeitgeistes zu behaupten, der sich an Konsum und egoistischem Lebensgenuß orientiert oder gelegentlich mit Kirchenfeindschaft, ja sogar mit militantem Atheismus liebäugelt. Der Dienst an den Menschen verlangte von Bernhard Lichtenberg seinen ganzen Einsatz und seine ganze Hingabe. Sein unerschütterlicher Glaube gab ihm dazu die Kraft. »Er stand mit jeder seiner Faser hinter jedem Wort: er predigte durch sich selbst … Er hatte den Glauben, der Berge versetzt«, schreibt einer seiner Zeit genossen später übet ihn.

Bernhard und Karl ermuntern uns, auf dem Weg zu bleiben, der Christus heißt. Wir dürfen nicht müde werden, auch wenn dieser Weg manches Mal dunkel erscheint und Opfer verlangt. Hüten wir uns vor den falschen Propheten, die uns andere Wege weisen wollen. Christus ist der Weg, der ins Leben führt. Alle anderen Wege werden sich als Umwege oder Irrwege erweisen.

4. Christus ist die Wahrheit. Dafür hat Bernhard Lichtenberg his zum letzten Atemzug Zeugnis abgelegt. Gegen die Lüge der nationalsozialistischen Ideologie bekannte Lichtenberg darum mutig: »Mein Führer ist Christus!«. Jeden Tag betete er in den Fürbitten des Abendgebetes »für die schwerbedrängten „nichtarischen Christen“, für die verfolgten Juden, für die Gefangenen in den Konzentrationslagern…«.

Daß der neue Selige ein Heiliger des fürbittenden Gebetes war, zeigt sich nicht nur in diesem Gebet für die Juden und die Häftlinge in den Konzentrationslagern, es zeigt sich ebenso in seinem Gebet für die geistlichen Berufe. Er war ein unermüdlicher Förderer des Apostolats für Priesterberufe. Seine Seligsprechung soll deswegen ein Anruf sein, den Welttag und die monatlichen Gebetstage für geistliche Berufe mit neuer Hingabe und Zuversicht zu begehen, Ich möchte Euch auch ermutigen, in den Gemeinden und besonders im Päpstlichen Werk für geistliche Berufe im Sinn Bernhard Lichtenbergs die Sorge der Kirche mitzutragen.

Bernhard Lichtenberg erkannte klar, daß dort, wo die Wahrheit Gottes nicht mehr geachtet wird, auch die Würde des Menschen verletzt wird. Wo die Lüge herrscht, regiert auch immer das falsche und böse Handeln: »Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden Taten nicht richtig sein … Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen«, schreibt er im Protokoll seiner ersten Vorführung vor den Nazirichtern, Und er nannte auch einige dieser falschen Grundsätze klar und deutlich beim Namen: »… die Beseitigung des Religionsunterrichtes an den Schulen. Kampf gegen das Kreuz … Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung … «.

Auf der Basis seiner klaren Grundsätze sprach und agierte Bernhard Lichtenberg eigenständig und unerschrocken. Dennoch war er von Glück und Freude fast überwältigt, als ihm sein Bischof Konrad von Preysing beim letzten Besuch im Gefängnis eine Botschaft meines Vorgängers Pius XII. überbrachte, in der ihm dessen innigstes Mitgefühl und väterliche Anerkennung bezeugt wurde. Wer sich nicht auf billige Polemik beschränkt, weiß sehr wohl, was Pius XII. über das Nazi-Regime dachte und wieviel er unternommen hat, um unzähligen Menschen, die von jenem Regime verfolgt wurden, zu helfen.

Für Bernhard Lichtenberg war das Gewissen »der Ort … der heilige Raum, in dem Gott zum Menschen spricht …« (Enzyklika Veritatis splendor, 58). Und die Würde des Gewissens beruhte für ihn immer auf der Wahrheit (ebd. 63).

Liebe Schwestern und Brüder! Das Beispiel des seligen Bernhard ruft uns auf, »Mitarbeiter für die Wahrheit« (vgl. 3 Joh 8) zu werden. Laßt Euch nicht beirren, wenn Gott und der christliche Glaube auch in unseren Tagen schlecht gemacht oder verspottet werden. Bleibt der Wahrheit treu, die Christus ist. Meldet euch mutig zu Wort, wenn falsche Grundsätze wieder zu falschen Taten führen, wenn die Würde des Menschen verletzt oder die sittliche Ordnung Gottes in Frage gestellt wird.

In diesem Zusammenhang zeigt uns die zweite Lesung an die Römer in gewissem Sinne eine tiefere Dimension der Wirklichkeit, in die das Leben und die Berufung der beiden Seligen eingebettet war. Es handelt sich um die Wurzeln des Bösen selbst in der Geschichte der Abstammung von Adam (»durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod« [Röm5, 12]).

»Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden« (Röm 5, 15).

Zu Zeiten, als sich »die Sünde« durch das System absolut walt Tätigkeit und Grausamkeit als Herrin aufspielte, gewinnen diese den Zeugen Christi, die aus seiner Gnade die Kraft zum Sieg schöpfen, eine besondere Bedeutung. Die heutige Seligsprechung ist Beweis dafür. In ihr drückt sich »die Erinnerung« der Kirche aus: »die Taten Gottes nicht vergessen« (Ps 77[78], 7). Mit Gottes Hilfe werden wir dann wie Bernhard Lichtenberg und wie der Apostel Paulus vor den kommenden Generationen sagen können: »… wir haben ihnen nicht nachgegeben, damit euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe« (Gal 2, 5).

5. Christus ist das Leben: Das war die Überzeugung, für die Karl Leisner gelebt hat und für die er schließlich starb. Er hat sein Leben lang die Nähe Christi gesucht im Gebet, in der täglichen Schriftlesung und in der Meditation. Und er hat diese Nähe schließlich in besonderer Weise gefunden in der eucharistischen Begegnung mit dem Herrn, Das eucharistische Opfer, das Karl Leisner nach seiner Priesterweihe im Konzentrationslager Dachau dann doch noch als Priester feiern durfte, war für ihn aber nicht nur Begegnung mit dem Herrn und Kraftquelle für sein Leben. Karl Leisner wußte auch: Wer mit Christus lebt, tritt ein in die Schicksalsgemeinschaft mit dem Herrn. Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg sind nicht Zeugen des Todes, sie sind Zeugen des Lebens: eines Lebens, das über den Tod hinausgeht. Sie sind Zeugen für Christus, der das Leben ist, und der gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10, 10). In einer Kultur des Todes haben beide Zeugnis abgelegt für das Leben.

Wie die beiden Seligen sind wir alle dazu berufen, für das Leben Zeugnis zu geben. Darum haltet fest am Leben, das Christus ist. Widersteht der Kultur des Hasses und des Todes, unter welchem Gewand sie auch immer auftritt. Und werdet nicht müde, Euch gerade für die einzusetzen, deren Leben und Lebenswürde bedroht ist: die Ungeborenen, die Schwerstkranken, die Alten und die vielen Notleidenden unserer Weit. In ihrem Sterben haben Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner das Leben sichtbar gemacht, das Christus ist und das Christus gibt. Die Kirche wird sie und ihr Zeugnis für immer in Ehren halten.

6. Das Zeugnis, das die beiden Seligen abgelegt haben, war ihnen nicht zuletzt möglich durch das leuchtende Beispiel, das ihnen ihre eigenen Bischöfe gegeben haben: Konrad von Preysing in Berlin und Clemens August von Galen in Münster. Gerade in einer Zeit und Umwelt, die den Wert des christlichen Glaubens oftmals nicht mehr erkennen kann oder will und damit auch die Grundlage ihrer Kultur in Frage stellt, ist ein solches Zeugnis nötig. Dabei geht es nicht nur um das Zeugnis des Wortes, sondern eben um das Zeugnis eines Lebens, das in Gottes Wort seinen Grund hat, so wie es Karl Sonnenschein, der Berliner Großstadtapostel, bereits 1927 formuliert hat: »Vor den heidnischen Menschen der Großstadt ist Apologetik des Wortes fruchtlos … Nur eines reicht an diese Menschen heran, die das Christentum auch nicht mehr aus den Erzählungen ihrer Väter kennen, auch nicht mehr vom Rosenkranz ihrer Mutter, auch nicht aus dem Religionsunterricht der eigenen Schulzeit …: Die am eigenen Leibe, an eigener Seele, an eigener Not erlebte Güte dieser Religion in ihren Vertretern«. Dieses Zeugnis des Wortes und des Lebens haben nicht nur in dieser so lange Zeit zweigeteilten Stadt, sondern auch in dem Gebiet der ehemaligen DDR Bischöfe und Laien in großer Treue gegeben. In Dankbarkeit nenne ich die Berliner Bischöfe Wilhelm Weskamm, Julius Kardinal Döpfner, Alfred Kardinal Bengsch und schließlich – unter uns weilend – Joachim Kardinal Meisner. Ich sage ebenso an diesem Tag einen herzlichen Dank den vielen Laien, Frauen und Männern, ja auch Kindern und Jugendlichen, die über Jahrzehnte in der Unterdrückung dem katholischen Glauben und ihren Gemeinden treu geblieben sind.

7. Liebe Schwestern und Brüder! Unser Weltauftrag verlangt von uns Christen nicht, daß wir zu angepaßten und bequemen Zeitgenossen werden und dafür unsere Identität preisgeben. Er verlangt vielmehr, daß wir Christen bleiben, daß wir unseren Glauben bewahren und leben und als wesentlichen Anteil in die menschliche Gesellschaft einbringen. Darum dürfen wir wir an diesem Auftrag durch niemanden gehindert werden, auch nicht durch den Staat. Bei Wahrung gegenseitiger Freiheit und Unabhängigkeit ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland auf Kooperation hin angelegt und nicht auf Trennung. Die geschichtlich gewachsene Beziehung verpflichtet den Staat zum Schutz der Institutionen, die gesellschaftlich wichtige Aufgaben wahrnehmen, und verbietet jegliche Form von staatlichem Eingriff. In diesem Zusammenhang ist darauf zu achten, daß der vollen Durchsetzung des Grundgesetzes sowohl dem Geist als auch dem Buchstaben nach auch in den neuen Bundesländern Rechnung getragen wird. Unter Berücksichtigung der Dienstfunktion des Staates ist die Religionsfreiheit zu gewährleisten, vor allem im erzieherischen Bereich und in der religiösen Erziehung. Neutral ist der Staat und nicht der Religionsunterricht!

8. Meine besondere Verbundenheit bekunde ich in dieser Stunde dem Erzbischof von Berlin, Georg Maximilian Kardinal Sterzinsky, sowie den anwesenden Kardinälen, dem Bischof von Münster als Heimatbischof von Karl Leisner, dem Herrn Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und den Bischöfen aus Deutschland und den Nachbarländern, allen Priestern, Diakonen und Ordensleuten. Sehr herzlich begrüße ich den Herrn Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, die Frau Präsidentin des Deutschen Bundestages, den Herrn Bundeskanzler, die Minister der Bundesregierung, den Herrn Regierenden Bürgermeister von Berlin mit Mitgliedern des Senats, die Ministerpräsidenten der Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und des Freistaates Thüringen sowie Repräsentanten der Landesregierungen und Landesparlamente, der übrigen Verfassungsorgane und die zahlreichen Vertreter des Diplomatischen Corps.

Schließlich grüße ich Euch alle, die zahllosen Gläubigen, und danke für Euer Kommen und für die Mitfeier. Besonders begrüße ich die Angehörigen unserer zwei neuen Seligen, wie auch die Gruppe ehemaliger Häftlinge der Konzentrationslager,  Frauen und Männer.

Vor allem grüße ich auch die große Zahl von Jugendlichen. Ihr habt die vergangene Nacht gewacht und gebetet und seid heute früh mit dem Kreuz des Heiligen Jahres, das zum Symbol der Weltjugendtreffen wurde, ins Stadion gezogen. Ich danke Euch von Herzen für dieses mutige Bekenntnis Eures Glaubens! Wie könnte ich in diesem Augenblick vergessen, daß ich mich im August nächsten Jahres zu einer erneuten Begegnung mit der Jugend der Welt nach Paris begeben möchte. Schon heute lade ich Euch alle herzlich zu diesem großen Fest ein. Kommt selbst und bringt viele Eurer Altersgenossen mit. Die Weltjugendtreffen sind für alle, die sich einfinden, immer eine Stunde außergewöhnlicher Gnade.

Ferner begrüße ich die große Zahl meiner Landsleute. Eure heutige Anwesenheit in Berlin und die gemeinsame Feier ist ein beredtes Zeichen der Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen, zu deren Gelingen die Bischöfe und Gläubigen in beiden Ländern wesentlich beigetragen haben. Es würde mich freuen, zahlreiche Schwestern und Brüder aus Deutschland im Mai nächsten Jahres in Breslau anläßlich des eucharistischen Weltkongresses wieder begrüßen zu können.

9. Der ganzen Kirche in Deutschland möchte ich Mut machen, unserer christlichen Sendung treu zu bleiben und stets auf das Vorbild der beiden seligen Märtyrer Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner zu blicken, »Mater habebit curam« die himmlische Mutter wird sorgen! Mit diesem hoffnungsfrohen Wort Karl Leisners empfehle ich Euch der Fürsprache Mariens, die als erste Christin ihr Jawort zum unbegreiflichen Willen Gottes gesagt hat.

Von Herzen segne ich Euch alle in der Liebe unseres Herrn Jesus Christus, denn Dank sei und die Ehre in Ewigkeit.

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