DIE ABSCHLIEßENDE LÄUTERUNG – DAS PURGATORIUM

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Basilique Notre-Dame de Montligeon

Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

Zum: ARTIKEL 12 „ICH GLAUBE DAS EWIGE LEBEN“

III  Die abschließende Läuterung – das Purgatorium

 

1030 Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können.

1031 Die Kirche nennt diese abschließende Läuterung der Auserwählten, die von der Bestrafung der Verdammten völlig verschieden ist, Purgatorium [Fegefeuer]. Sie hat die Glaubenslehre in bezug auf das Purgatorium vor allem auf den Konzilien von Florenz [Vgl. DS 1304] und Trient [Vgl. DS 1820; 1580] formuliert. Im Anschluß an gewisse Schrifttexte [Vgl. z.B. 1 Kor 3,15, 1 Petr 1,7] spricht die Überlieferung der Kirche von einem Läuterungsfeuer:

„Man muß glauben, daß es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, daß, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm ‚weder in dieser noch in der zukünftigen Welt‘ vergeben wird (Mt 12,32). Aus diesem Ausspruch geht hervor, daß einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können“ (Gregor d. Gr., dial. 4,39).

1032 Diese Lehre stützt sich auch auf die Praxis, für die Verstorbenen zu beten, von der schon die Heilige Schrift spricht: „Darum veranstaltete [Judas der Makkabäer] das Sühnopfer für die Verstorbenen, damit sie von der Sünde befreit werden“ (2 Makk 12,45). Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehren gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer [Vgl. DS 856] dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können. Die Kirche empfiehlt auch Almosen, Ablässe und Bußwerke zugunsten der Verstorbenen.

„Bringen wir ihnen Hilfe und halten wir ein Gedächtnis an sie. Wenn doch die Söhne Ijobs durch das von ihrem Vater dargebrachte Opfer geläutert wurden [Vgl. Ijoh 1,5], wie sollten wir dann daran zweifeln, daß unsere Opfergaben für die Toten ihnen Trost bringen? Zögern wir nicht, den Verstorbenen Hilfe zu bringen und unsere Gebete für sie aufzuopfern“ (Johannes Chrysostomus, horn. in 1 Cor. 41,5).

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Quelle

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Notre-Dame de Monligeon

 


Das „Vater unser“ der hl. Mechthild

Es ist ein uraltes wirksames Gebet für die Armen Seelen.
Sooft die heilige Mechthild dieses Gebet sprach,
sah sie ganze Scharen von Armen Seelen in den Himmel einziehen.

 

Vater unser, der du bist im Himmel: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen, die Du selbst als Deine Kinder angenommen hast, dass sie Dich nicht geliebt und Dich von sich gestoßen und Dir die schuldige Ehre nicht erwiesen haben. Zur Sühne und Buße opfere ich Dir alle Liebe und Güte Deines überaus vielgeliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, auf.

Geheiligt werde Dein Name: Ich bitte Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen, dass sie Deinen heiligen Namen nicht verherrlicht und oft unwürdig im Mund geführt und oft unandächtig ausgesprochen haben. Zur Sühne und Buße opfere ich Dir alle Predigten auf, womit Dein überaus geliebter Sohn, unser Herr Jesus Christus, auf Erden Deinen heiligen Namen verherrlicht hat.

Zu uns komme Dein Reich: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib und verzeih den Armen Seelen, dass sie Dein Reich nicht mit brennender Liebe und sehnsüchtigem Verlangen begehrt, sondern sich oft mit irdischen Gütern bereichert haben. Zur Sühne und Buße für diese vielfältigen Sünden opfere ich Dir die große Begierlichkeit Deines überaus vielgeliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, auf, womit er verlangt, alle in Dein heiliges Reich aufzunehmen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen, dass sie sich Deinem heiligen Willen nicht untertänigst unterworfen haben, sondern gar oft nach ihrem eigenen Willen gehandelt und dadurch Deinen heiligen Willen nicht erfüllt haben. Zur Sühne und Buße opfern wir das heilige, göttliche Herz Jesu und seine große Unterwürfigkeit auf.

Gib uns heute unser tägliches Brot: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen, dass sie Dein hochwürdigstes Sakrament des Altars nicht mit völliger Andacht und Liebe empfangen, sondern sich viele desselben unwürdig gemacht und es selten oder nie empfangen haben. Für alle diese ihre Sünden opfere ich Dir die große Heiligkeit und Andacht Deines Sohnes sowie auch seine innige Liebe und sein unaussprechliches Verlangen auf, womit Er uns diesen kostbaren Schatz geschenkt hat.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen ihre schwere Sündenschuld, dass sie ihre Feinde nicht geliebt haben und nicht verzeihen wollten. Zur Sühne und Buße opfere ich Dir die heiligen Worte Deines überaus geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, auf, womit er am Kreuz gesprochen hat: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Führe uns nicht in Versuchung: Wir bitten Dich demütig, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen, dass sie in den Versuchungen keinen Widerstand geleistet haben, sondern den Lockungen des Bösen gefolgt sind und sodann in das Verderben gestürzt wurden. Zur Sühne und Buße opfern wir den Gehorsam, die mühevollen Arbeiten und all das bittere Leiden und Sterben Deines überaus vielgeliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, auf.

Sondern erlöse uns von den Übeln: Wir bitten Dich, ewiger, gütiger, barmherziger Vater, vergib den Armen Seelen und führe sie und unsere Seele durch die Verdienste Deines überaus vielgeliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, in das Reich Deiner Herrlichkeit, welches Du selber bist. Amen.

 

Von Otto Zischkin: Aus dem Heftchen: „Hilferufe aus dem Fegfeuer„, Mediatrix-Verlag, Kapuzinerstraße 7, 84503 Atötting

Johannes Paul II.: Generalaudienz-Katechesen über „Himmel“, „Fegfeuer“ und „Hölle“

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Mittwoch, 21. Juli 1999   

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn diese Welt vergangen sein wird, werden sich die, die Gott in ihrem Leben angenommen haben und für seine Liebe – zumindest in der Todesstunde – aufrichtig offen gewesen sind, an jener Fülle der Gemeinschaft mit Gott erfreuen können, die das Ziel des menschlichen Daseins ist.

Wie der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt, wird »dieses vollkommene Leben mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit, diese Lebens- und Liebesgemeinschaft mit ihr, mit der Jungfrau Maria, den Engeln und allen Seligen ›der Himmel‹ genannt. Der Himmel ist das letzte Ziel und die Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte des Menschen, der Zustand höchsten, endgültigen Glücks« (Nr. 1024).

Wir wollen heute versuchen, den biblischen Sinn von »Himmel« zu erfassen, um die Wirklichkeit besser begreifen zu können, auf die dieser Ausdruck verweist.

2. Im biblischen Sprachgebrauch ist der »Himmel «, wenn er mit der »Erde« verbunden ist, ein Teil des Universums. In Bezug auf die Schöpfung sagt die Schrift: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1).

Im übertragenen Sinn wird der Himmel verstanden als Wohnung Gottes, der sich dadurch von den Menschen unterscheidet (vgl. Ps104,2 f.; 115,16 ; Jes 66,1). Von der Höhe des Himmels schaut er herab und richtet er (vgl. Ps 113,4-9) und steigt herab, wenn er angerufen wird (vgl. Ps 18,7.10; 144,5). Dennoch macht die biblische Metaphorik gut verständlich, daß Gott sich weder mit dem Himmel identifiziert noch daß er in den Himmel eingeschlossen werden kann (vgl. 1 Kön 8,27); und das ist wahr, auch wenn in einigen Textabschnitten des ersten Buches der Makkabäer »der Himmel« einfach ein Name Gottes ist (1 Makk 3,18.19.50.60; 4,24.55).

Zu der Darstellung des Himmels als transzendenter Aufenthaltsort des lebendigen Gottes tritt auch diejenige hinzu von einem Ort, zu dem auch die Gläubigen durch Gnade aufsteigen können, wie aus dem Alten Testament durch das Leben Henochs (vgl. Gen5,24) und Elijas (vgl. 2 Kön 2,11) hervorgeht. Der Himmel wird so zum Bild für das Leben in Gott. In diesem Sinn spricht Jesus vom »Lohn im Himmel« (Mt 5,12) und fordert auf, »Schätze im Himmel zu sammeln« (ebd., 6,20; vgl. 19,21).

3. Das Neue Testament vertieft die Vorstellung vom Himmel auch in Bezug auf das Mysterium Christi. Um zu zeigen, daß das Opfer des Erlösers vollkommenen und endgültigen Wert annimmt, bestätigt der Brief an die Hebräer, daß Christus »die Himmel durchschritten hat« (Hebr 4,14) und »nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen [ist], in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst« (ebd., 9,24). Die Glaubenden, die auf eine besondere Weise vom Vater geliebt werden, werden mit Christus auferstehen und Bewohner des Himmels werden. Es lohnt sich zu hören, was diesbezüglich der Apostel Paulus uns in einem sehr eindringlichem Text mitteilt: »Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, daß er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen« (Eph 2,4-7). Die Menschen erfahren das Vatersein Gottes, das reich an Erbarmen ist, durch die Liebe des Gottessohnes, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Er sitzt als Herr im Himmel zur Rechten des Vaters.

4. Die Teilhabe am erfüllten Vertrautsein mit dem Vater nach Ablauf unseres irdischen Lebens geschieht durch die Einbeziehung in das österliche Geheimnis Christi. Der hl. Paulus betont diesen unseren Gang zu Christus in den Himmel am Ende des Leidens mit lebendiger, räumlicher Bildhaftigkeit: »Dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein. Tröstet also einander mit diesen Worten« (1Thess 4,17-18).

In dem Bild der Offenbarung wissen wir, daß der »Himmel« oder die »Seligkeit«, in der wir sein werden, weder abstrakte Begriffe noch physische Orte zwischen den Wolken sind, sondern eine lebendige und persönliche Beziehung zur Heiligen Dreifaltigkeit. Es ist die Begegnung mit dem Vater, die sich im auferstandenen Christus durch die Gemeinschaft des Heiligen Geistes verwirklicht.

Es ist nötig, immer eine gewisse Nüchternheit beizubehalten, wenn man diese »letzten Wirklichkeiten « beschreibt, weil ihre Wiedergabe immer unangemessen bleibt. Heutzutage gelingt es der personalistischen Sprache auf weniger unangemessene Weise, die Situation der Glückseligkeit und des Friedens auszudrücken, in der sich die endgültige Gemeinschaft mit Gott festigen wird.

Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt die kirchliche Lehre bezüglich dieser Wahrheit zusammen und bekräftigt, daß »durch seinen Tod und seine Auferstehung […] uns Jesus Christus den Himmel ›geöffnet‹ [hat]. Das Leben der Seligen besteht im Vollbesitz der Früchte der Erlösung durch Christus. Dieser läßt jene, die an ihn geglaubt haben und seinem Willen treu geblieben sind, an seiner himmlischen Verherrlichung teilhaben. Der Himmel ist die selige Gemeinschaft all derer, die völlig in ihn eingegliedert sind« (Nr. 1026).

5. Diese endgültige Situation kann allerdings in gewisser Weise heute vorweggenommen werden, sei es im sakramentalen Leben, dessen Zentrum die Eucharistie ist, oder sei es in der Hingabe seiner selbst durch die brüderliche Nächstenliebe. Wenn wir uns an den Gütern recht erfreuen können, die uns der Herr jeden Tag schenkt, werden wir gewiß diese Freude und diesen Frieden erfahren, deren wir uns eines Tages vollkommen erfreuen werden. Wir wissen, daß in diesem irdischen Lebensabschnitt alles im Zeichen der Grenze steht. Dennoch hilft uns der Gedanke an die »letzte« Wirklichkeit, um gut in der »vorletzten« Wirklichkeit zu leben. Wir sind uns bewußt, daß wir, während wir in dieser Welt unterwegs sind, berufen sind, »nach dem [zu suchen], was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt« (Kol 3,1), um mit ihm in der eschatologischen Er füllung zu sein, wenn er im Geist »alles im Himmel und auf Erden« (Kol 1,20) mit dem Vater wieder vollkommen vereinigen wird.


Heute möchte ich zu Euch über den Begriff “Himmel” in der Bibel sprechen. Zunächst ist damit ein Teil des Universums gemeint. Im übertragenen Sinn aber umschreibt dieses Wort die Wohnung Gottes. Dann wird es zum umfassenderen Bild für das Leben des Menschen in Gott.

Im Neuen Testament wird dieser Begriff weiter vertieft und in Zusammenhang mit der Menschwerdung und der Sendung Jesu Christi gebracht. Die Menschen erfahren das Vatersein Gottes durch die Liebe seines Sohnes, der gekreuzigt wurde und in den Himmel aufgefahren ist. Jetzt sitzt er dort zur Rechten des Vaters.

Durch die Einbeziehung in das österliche Geheimnis, gelangen auch wir Menschen nach unserem irdischen Dasein zur vollen Teilhabe an der Liebe des Vaters.

“Himmel” meint also eine lebendige und persönliche Beziehung zur Heiligen Dreifaltigkeit. Dieser Begriff beschreibt die Begegnung mit dem Vater, die im auferstandenen Christus geschieht durch die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Dieses ist unser aller Ziel.

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Mittwoch, 28. Juli 1999

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Gott ist ein unendlich guter und barmherziger Vater. Aber der Mensch, berufen, ihm in Freiheit zu antworten, kann sich leider dafür entscheiden, dessen Liebe und Vergebung zurückzuweisen. Er entzieht sich so für immer der freudvollen Gemeinschaft mit ihm. Tatsächlich ist dieser tragische Augenblick von der christlichen Glaubenslehre dargelegt, wenn sie vom Verderben oder von der Hölle spricht. Es handelt sich nicht um eine von außen verhängte Strafe Gottes, sondern um eine Entwicklung von Voraussetzungen, die schon vom Menschen in diesem Leben geschaffen wurden. Dieselbe Dimension an Unglück, die dieser dunkle Zustand mit sich bringt, kann in bestimmter Weise durch das Licht einiger unserer schrecklichen Erfahrungen erahnt werden, die das Leben, wie man gewöhnlich sagt, zur »Hölle« machen.

Im theologischen Sinn ist die Hölle dennoch etwas anderes: es ist die letzte Auswirkung der Sünde selbst, die wieder auf den zurückfällt, der sie begangen hat. Es ist die Situation, in die sich endgültig der stellt, der die Barmherzigkeit des Vaters auch im letzten Augenblick seines Lebens zurückweist.

2. Um diese Wirklichkeit zu beschreiben, bedient sich die Heilige Schrift einer symbolischen Sprache, die sie nach und nach präzisieren wird. Im Alten Testament war der Zustand der Toten noch nicht ganz durch die Offenbarung erhellt. Tatsächlich dachte man häufig, daß die Toten im »Sheol« [Totenreich] aufgenommen werden würden, ein Ort der Finsternis (vgl. Ez 28,8; 31,14; Ijob10,21 f; 38,17; Ps 30,10; 88,7.13), eine Versenkung, aus der man nicht aufsteigt (vgl. Ijob 7,9), ein Ort, an dem es unmöglich ist, Gott zu preisen (vgl. Jes 38,18; Ps 6,6).

Das Neue Testament wirft ein neues Licht auf den Zustand der Toten, vor allem durch seine Verkündigung, daß Christus durch seine Auferstehung den Tod besiegt und seine erlösende Macht auch im Reich der Toten verbreitet hat.

Die Erlösung bleibt dennoch ein Heilsangebot, das dem Menschen zukommt, es in Freiheit aufzunehmen. Darum wird jeder »nach seinen Werken« (Offb 20,13) beurteilt werden. Das Neue Testament greift auf Bilder zurück und stellt den für die Urheber des Bösen bestimmten Ort als ein glühendes Feuer dar, wo »sie heulen und mit den Zähnen knirschen werden« (Mt 13,42; vgl. 25,30.41), oder als »Gehenna« [Strafstätte] vom »nie erlöschenden Feuer« (Mk 9,43). Dies alles ist erzählerisch im Gleichnis vom reichen Verschwender ausgedrückt, in dem verdeutlicht wird, daß die Unterwelt ein Ort endgültiger Strafe ist, ohne Möglichkeit zurückzukehren oder den Schmerz zu mildern (vgl. Lk 16,19–31).

Auch die Offenbarung stellt anschaulich in einem »Feuersee« jene dar, die sich dem Buch des Lebens entziehen und so »dem zweiten Tod« (Offb 20,13 f) entgegengehen. Wer also darauf besteht, sich nicht dem Evangelium zu öffnen, stellt sich auf »ewiges Verderben, fern vom Angesicht des Herrn und von seiner Macht und Herrlichkeit« (2 Thess 1,9) ein.

3. Die Bilder, durch welche die Heilige Schrift uns die Hölle darstellt, müssen richtig gedeutet werden. Sie zeigen die ganze Vereitelung und Leere eines Lebens ohne Gott. Die Hölle stellt mehr als einen Ort dar, nämlich die Situation, in der sich jener wiederfinden wird, der sich freiwillig und endgültig von Gott, Quelle des Lebens und der Freude, entfernt. So faßt der Katechismus der Katholischen Kirche die Aussagen des Glaubens über dieses Thema zusammen: »In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluß für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man ›Hölle‹« (Nr. 1033).

Das »Verderben« wird deshalb nicht der Veranlassung Gottes zugeschrieben, weil er in seiner barmherzigen Liebe nichts anderes als das Heil derer will, die von ihm geschaffen wurden. In Wirklichkeit ist es die Kreatur, die sich seiner Liebe verschließt. Die »Verdammnis« besteht wirklich aus der endgültigen Entfremdung von Gott, die vom Menschen gewählt und mit dem Tod bestärkt wurde, der jene freie Wahl für im-mer besiegelt. Das Gottesurteil bestätigt diesen Zustand.

4. Der christliche Glaube lehrt, daß in dem Wagnis des »Ja« und des »Nein«, welche die Freiheit der Geschöpfe kennzeichnet, schon einer nein gesagt hat. Es handelt sich um geistige Kreaturen, die sich der Liebe Gottes widersetzen und Dämonen genannt werden (vgl. 4. Laterankonzil: DS, 800-801). Für uns menschliche Wesen klingt ihr Schicksal wie eine Ermahnung: es ist ein beständiger Aufruf, die Tragödie zu vermeiden, in welche die Sünde mündet, und unsere Existenz nach der von Jesus zu formen, die sich im Zeichen des »Ja« zu Gott entfaltet.

Die Verdammnis bleibt eine reale Möglichkeit. Aber uns ist es nicht gegeben, ohne besondere göttliche Offenbarung zu wissen, welche Menschen wirklich davon betoffen sind. Die Vorstellung von der Hölle – um so weniger der unangebrachte Gebrauch der biblischen Bilder – darf keine Psychosen oder Ängste her vorrufen, sondern stellt eine notwendige und heilsame Ermahnung an die Freiheit dar, an das Innere der Verkündigung, daß der auferstandene Jesus den Satan besiegt hat und uns den Geist Gottes gegeben hat, der uns rufen läßt: »Abba, Vater« (Röm 8,15; Gal 4,6).

Diese hoffnungsvolle Aussicht überwiegt in der christlichen Verkündigung. Sie spiegelt sich eindrucksvoll in der liturgischen Überlieferung der Kirche wider, wie zum Beispiel die Worte des Römischen Meßkanons bezeugen: »Nimm gnädig an, o Gott, diese Gaben deiner Diener und deiner ganzen Gemeinde … rette uns vor dem ewigen Verderben und nimm uns auf in die Schar deiner Erwählten.«

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Quelle


Gott ist ein unendlich guter und barmherziger Vater. Aber der Mensch in seiner Freiheit kann seine Liebe und seine Vergebung endgültig ablehnen und sich somit seiner Gemeinschaft für immer entziehen. Diese tragische Situation wird von der christlichen Lehre als ”Verdammnis” oder ”Hölle” bezeichnet.

Die Bilder, mit denen die Heilige Schrift die Hölle darstellt, müssen richtig interpretiert werden. Sie wollen die völlige Leere eines Lebens ohne Gott aufzeigen. Die Hölle meint nicht so sehr einen bestimmten Ort, sondern vielmehr die Situation dessen, der sich frei und endgültig von Gott entfernt hat.

Der Gedanke an die Hölle soll uns nicht in Angst versetzen, denn wir sind aufgerufen, unseren Lebensweg frohgemut mit Jesus Christus zu gehen, der den Satan und den Tod für immer besiegt hat. Dieser Glaube voller Hoffnung ist der Kern der christlichen Verkündigung.


Mittwoch, 4. August 1999    

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wie wir in den beiden vorangegangenen Katechesen gesehen haben, steht der Mensch wegen der endgültigen Entscheidung für oder gegen Gott vor einer Alternative: entweder lebt er mit dem Herrn in ewiger Glückseligkeit oder er bleibt dessen Gegenwart fern.

Von denen, die sich in einem Zustand des Offenseins für Gott befinden, jedoch in einer unvollkommenen Weise, fordert der Weg zur vollen Glückseligkeit eine Läuterung, die der Glaube der Kirche durch die Lehre vom »Purgatorium« [Fegefeuer] verdeutlicht (vgl.Katechismus der Katholischen Kirche, 1030-1032).

2. In der Heiligen Schrift kann man einige Elemente finden, die hilfreich sind, den Sinn dieser Lehre zu erfassen, auch wenn sie nicht auf formale Weise dargelegt ist. Sie drücken die Überzeugung aus, daß man nicht zu Gott gelangen kann, ohne irgendeine Läuterung durchzumachen.

Nach der religiösen Gesetzgebung des Alten Testaments muß nämlich jeder, der für Gott bestimmt ist, vollkommen sein. Folglich ist vor allem auch die körperliche Unversehrtheit gefordert für die Wirklichkeiten, die mit Gott auf der Ebene des Opfers in Berührung kommen, wie zum Beispiel die Opfertiere (vgl. Lev 22,22), oder auf der institutionellen Ebene, wie im Fall der Priester und der Kultdiener (vgl. Lev 21,17-23). Dieser körperlichen Unversehrtheit muß eine völlige Hingabe der einzelnen und der Gemeinschaft (1Kön 8,61) entsprechen zu dem Gott des Bündnisses auf der Linie der großen Lehren des Deuteronomiums (vgl. 6,5). Es geht darum, Gott mit seinem ganzen Dasein, mit der Reinheit des Herzens und mit dem Zeugnis der Werke zu lieben (vgl. ebd., 10,12f).

Die Notwendigkeit der Unversehrtheit nach dem Tod zum Eintritt in die vollkommene und endgültige Gemeinschaft mit Gott ist offensichtlich vorausgesetzt. Wer diese Unversehrtheit nicht hat, muß die Läuterung durchmachen. Eine Schrift des hl. Paulus bestätigt diese Meinung. Der Apostel spricht über den Wert des Werkes eines jeden, das an dem Tag des Gerichts offenbar wird, und sagt: »Hält das stand, was er [auf Christus] aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muß er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch« (1 Kor 3,14-15).

3. Um einen Zustand vollkommener Unversehrtheit zu erreichen, ist manchmal die Fürsprache oder die Vermittlung durch eine Person notwendig. Zum Beispiel erhält Moses die Vergebung für das Volk durch ein Gebet, in dem er das Heilswerk, von Gott in der Vergangenheit erfüllt, benennt und seine Treue gegenüber dem Eid, den dieser den Vätern gegeben hat, anruft (vgl. Ex 32,30 und V. 11-13). Die Gestalt des Gottesknechtes, beschrieben im Buch Jesaja, steht auch für die Funktion des Fürsprechens und des Büßens zugunsten vieler; am Ende seiner Leiden »wird er das Licht erblicken« und »viele gerecht machen«, indem er sich ihrer Sünden annimmt (vgl. Jes 52,13-53,12, bes. 53,11).

Psalm 51 kann nach der Sichtweise des Alten Testamentes als eine Zusammenfassung des Reintegrationsprozesses gesehen werden: Der Sünder bekennt und gesteht die eigene Schuld ein (V. 6), verlangt beharrlich gereinigt oder »gewaschen « (V. 4.9.12.16) zu werden, um den göttlichen Ruhm verkünden zu können (V. 17).

4. Im Neuen Testament ist Christus als Fürsprecher dargestellt, der in sich die Funktionen des Hohenpriesters am Versöhnungstag aufnimmt (vgl. Hebr 5,7; 7,25). Aber in ihm stellt das Priestertum eine neue und endgültige Form dar. Er tritt ein einziges Mal in das himmlische Allerheiligste ein mit der Absicht, vor Gottes Angesicht für uns Fürsprache einzulegen (vgl. Hebr 9,23-26, bes. 24). Er ist zugleich Priester und »Sühne für unsere Sünden« für die Sünden der ganzen Welt (vgl. 1 Joh 2,2).

Als großer Fürsprecher, der für uns büßt, wird Jesus sich am Ende unseres Lebens ganz offenbaren, wenn er sich durch das Angebot der Barmherzigkeit äußert, aber auch durch das unvermeidliche Urteil über denjenigen, der die Liebe und die Vergebung des Vaters ablehnt.

Das Angebot der Barmherzigkeit schließt nicht die Pflicht aus, daß wir rein und unversehrt vor Gottes Angesicht hintreten, reich an jener Liebe, die Paulus »das Band [nennt], das alles zusammenhält und vollkommen macht« (Kol 3,14).

5. Indem wir der Aufforderung im Geist des Evangeliums, vollkommen wie der Vater im Himmel zu sein (vgl. Mt 5,48), während unseres irdischen Lebens folgen, sind wir berufen, in der Liebe zu wachsen, um untadelig und unerschütterlich vor Gottvater zu stehen, »wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt« (1 Thess 3,12f). Auf der anderen Seite sind wir aufgefordert, »uns von aller Unreinheit des Leibes und des Geistes zu reinigen« (2 Kor 7,1; vgl. 1 Joh 3,3), weil die Begegnung mit Gott eine vollkommene Reinheit verlangt.

Jede Spur der Bindung an das Böse muß ausgelöscht, jede Unförmigkeit der Seele ausgeglichen werden. Die Läuterung muß abgeschlossen sein, und dies ist es eben, was die Lehre der Kirche mit Fegefeuer bezeichnet. Dieser Begriff weist nicht auf einen Ort hin, sondern auf einen Lebenszustand. Diejenigen, die nach dem Tod in einem Zustand der Reinigung leben, sind schon in der Liebe Christi, der sie von den Resten der Unvollkommenheit befreit (vgl. Konzil von Florenz, Decretum pro Graecis: DH 1304; Konzil von Trient, Decretum de iustificatione: DH 1580; Decretum de purgatorio DH 1820).

Man muß sich klar machen, daß der Zustand der Reinigung keine Fortsetzung des irdischen Lebens ist, als wäre nach dem Tod eine letzte Möglichkeit gegeben, das eigene Schicksal zu ändern. Die Lehre der Kirche ist in dieser Beziehung unmißverständlich und ist durch das II. Vatikanische Konzil bekräftigt worden, das genauso lehrt: »Da wir aber weder Tag noch Stunde wissen, so müssen wir nach der Mahnung des Herrn standhaft wachen, damit wir am Ende unseres einmaligen Erdenlebens (vgl. Hebr 9,27) mit ihm zur Hochzeit einzutreten und den Gesegneten zugezählt zu werden verdienen und nicht wie böse und faule Knechte ins ewige Feuer weichen müssen, in die Finsternis draußen, wo ›Heulen und Zähneknirschen sein wird‹ (Mt 22,13 und 25,30)« (Lumen gentium, 48).

6. Ein letzter wichtiger Aspekt, den die kirchliche Überlieferung immer hervorgehoben hat, wird heute aufgegriffen: Es ist die Dimension der Gemeinschaft. Tatsächlich sind die, die sich im Zustand der Läuterung befinden, sowohl an die Glücklichen gebunden, die sich ganz des ewigen Lebens erfreuen, als auch an uns, die wir in dieser Welt zum Haus des Vaters gehen (vgl. KKK, 1032).

Wie im irdischen Leben sind die Gläubigen untereinander im einzigen mystischen Leib vereint. So erfahren nach dem Tod jene, die im Zustand der Läuterung leben, dieselbe Solidarität der Kirche, die im Gebet, in den Fürbitten und in der Liebe der anderen Brüder im Glauben wirkt. Die Läuterung wird im wesentlichen Band erfahren, das zwischen diesen entsteht, die das Leben der gegenwärtigen Zeit leben, und jenen, die sich schon ewiger Glückseligkeit erfreuen.


In den letzten beiden Katechesen haben wir die Alternative beleuchtet, die den Menschen vor die Wahl stellt: entweder mit dem Herrn in Ewigkeit zu leben oder seiner Gegenwart fern zu bleiben. Anders gesagt: Der Mensch hat die Wahl zwischen Himmel und Hölle.
Viele haben sich zwar Gott geöffnet, aber das Leben mit Gott blieb unvollkommen. Um die volle Seligkeit zu erlangen, bedarf der Mensch einer Art „Reinigung“, die der Glaube der Kirche mit dem Begriff „Fegefeuer“ umschreibt. Diese Bezeichnung meint keinen Ort, sondern einen Zustand. Alle, die nach dem Tod für die Begegnung mit Gott noch „gereinigt“ werden, sind schon in der Liebe Christi. Dabei ist das Fegfeuer nicht die Verlängerung des irdischen Lebens. Der Mensch kann sich nicht noch einmal neu entscheiden. Er kann im Fegfeuer nicht nachholen, was er einst auf Erden versäumt hat.
Gleichzeitig bleibt ihm aber die Solidarität der Kirche nicht versagt. Die pilgernde Kirche tritt für ihn ein durch Gebet und Werke der Liebe. So wird die Reinigung von einem Band gehalten, das besteht zwischen denen, die noch auf dieser Welt leben, und jenen, die schon die ewige Seligkeit genießen dürfen.

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Quelle

ZUR FEGFEUERLEHRE DER HEILIGEN KATHARINA VON GENUA

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Schlußüberlegungen zur Fegfeuerlehre der heiligen Catharina

Wenn man nach der Lektüre des “Traktats über das Fegfeuer” überlegt, worin das Wesen des Zustandes der Armen Seelen im Fegfeuer in der Sicht der hl. Catharina von Genua besteht, so ist folgendes zusagen:

Die Seele hat das furchtbare Gericht Gottes glücklich hinter sich gebracht; sie konnte, weil im Gnadenstand befunden, vor dem ewigen Richter bestehen. In der ersten Begegnung mit dem göttlichen Richter ist die Seele durch das Licht der ewigen Wahrheit erleuchtet worden. Sie erkennt einerseits die unendliche Güte Gottes, seine strenge Gerechtigkeit, seine wahrhaft göttliche Reinheit und Heiligkeit, anderseits aber auch die Tatsache, daß sie selbst noch nicht würdig ist, vor dem Angesicht ihres Herrn und Geliebten zu erscheinen. Auf seiten Gottes gibt es zwar kein Hindernis für den Eintritt der Seele in die ewige Seligkeit als nur seine unendliche, ganz vollkommene und absolut reine und heilige Wesenheit, die im Kontrast steht zu der noch vorhandenen Unvollkommenheit der Seele, die in ihrer Liebe zu Gott, dem höchsten und liebenswürdigsten Gut, noch gehemmt ist und noch behindert wird in der ersehnten, über alles beglückenden Vereinigung mit Gott. Die im Erdenleben begangenen Sünden sind zwar vergeben, aber sie haben in der Seele Wunden zurückgelassen, “Rostflecken” gleichsam, die noch aus dem Gold der von Gott ganz rein und schön geschaffenen Seele herausgebrannt werden müssen. Eine geheimnisvolle Kraft zieht zwar die im Gnadenstand ins Jenseits hinübergegangene Seele zu Gott hin, gleichzeitig aber wird sie durch eine innere Kraft noch von Gott zurückgehalten. Aus dieser Verzögerung der Vereinigung der Gott liebenden, im Gnadenstand befindlichen Seele mit dem liebenden, aber sie ganz rein und vollkommen erwartenden Gott entsteht in der Seele eine Art Feuer, das zwar dem in der Hölle ähnlich und doch von diesem wieder ganz verschieden ist. Dieses Feuer reinigt und läutert die Seele von allem “Rost der Sünde”. Wenn man eine Art Psychologie der Seelen im Fegfeuer entwerfen sollte, könnte man etwa folgendes skizzieren:

  1. Es gibt in den Armen Seelen schmerzvollste Pein und dennoch zugleich heilige Freude: Die Ursache der schmerzvollen Pein ist eine dreifache: a) das Wissen darum, noch etwas an sich zu haben, das Gott mißfällt, b) das Wissen darum, daß Gottes Liebe die Seele schon bei sich im ewigen Glück haben möchte, daß aber in ihr noch jenes Hindernis vorhanden ist, das durch die Sünde der Vereinigung mit Gott entgegengestellt wurde, c) das Wissen darum, daß die Erlangung der beseligenden Anschauung Gottes, die von der Seele so glühend herbeigesehnt wird und ihr schon gewiß ist, durch sie selbst noch eine Verzögerung erfährt. Eigenartig ist, daß die schmerzliche Pein der Seelen im Fegfeuer nicht etwa mehr und mehr ab-nimmt, sondern in der Sicht der hl. Catharina von Genua immer stärker und stärker wird, je mehr es der Befreiung aus dem Fegfeuer entgegengeht: Die immer mehr wachsende Erkenntnis Gottes, mit der wachsenden Sehnsucht, Ihn zu schauen, und wachsende Liebe verbunden sind, verstärkt den Schmerz über die Verzögerung der Anschauung Gottes. Zusammen mit schmerzvollster Pein gibt es in den Seelen aber ganz große Freude. Auch diese wächst immer mehr, je mehr es Gott entgegengeht. Quelle der Freude in den Armen Seelen ist neben der zweifelsfreien Gewißheit, das ewige Heil sicher zu erlangen, das Wissen darum, daß der liebende Gott in großer Barmherzigkeit die Läuterung der Seele verfügt hat, um so seiner Gerechtigkeit Genugtuung zu verschaffen.
  2. Es gibt in den Armen Seelen im Fegfeuer eine ganz große Gottesliebe. Diese Liebe zu Gott, der mit sanfter Gewalt die von Ihm geliebte Seele an sich zieht, bringt in der Seele im Fegfeuer eine sechsfache Wirkung hervor: a) Diese Liebe bewirkt eine Umgestaltung der Seele, die immer mehr Gott ähnlich wird. b) Diese Liebe bewirkt völlige Ergebung in die vom liebenden Gott für sie getroffene Anordnung und damit eine immer vollständigere Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes. c) Diese Liebe adelt die Seele, die von jedem Egoismus frei wird, sich selbst ganz vergißt, dem Leiden gegenüber ganz indifferent wird, vielmehr sich sogar immer stärker nach dem läuternden Leiden sehnt. d) Diese Liebe reinigt die Seele immer mehr: Den von Gott ausgehenden reinigenden Strahlen des Feuers göttlicher Liebe antwortet die Seele mit immer intensiverer Gegenliebe. So wird die Seele von allen Rostflecken begangener Sünden frei. f) Diese Liebe vernichtet schließlich alles in der Seele, was noch unvollkommen in ihr ist. g) Diese Liebe weckt in der von falscher Eigenliebe völlig frei gewordenen Seele ganz große Freude, die der Vorgeschmack der ihr zuteil werdenden ewigen Freude der beseligenden Anschauung Gottes ist. Weil sich die Seele ganz und gar vergessen hat und ganz von Gott beschlagnahmt ist durch die Liebe, erträgt sie auch die schmerzvollste Pein des Fegfeuers mit größter Freude.

Aus allen Überlegungen der hl. Catharina von Genua über das Fegfeuer spürt man heraus, daß hier jede ungute Materialisierung des Ortes (sofern man überhaupt davon sprechen kann) und des Zustandes des Fegfeuers fehlt; sie sieht alles vergeistigt im Feuer der Liebe, das von Gott, der die Liebe selber ist, ausgeht und das in der noch nicht ganz reinen, noch nicht ganz vollkommenen und der lautersten Reinheit und Heiligkeit Gottes noch nicht voll entsprechenden Seele vollkommene Läuterung schafft.

Hl. Catharina von Genua — Die Theologin des Fegfeuers

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Quelle

KARDINAL SARAH: »GOTT ODER NICHTS« (8)

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(Fortsetzung zum 7. Beitrag)

VIII

DAS GEHEIMNIS DER SÜNDE
UND DIE GROSSEN ZWEIFEL

»Mit Ausnahme unserer eigenen Sünden
sind viele Pläne zur Entmenschlichung des Menschen
ein Werk Satans, einfach deshalb, weil er den Menschen hasst.«

Papst Franziskus,

Tagesmeditation am 29. September 2014

 

NICOLAS DIAT: Was sagen Sie zum Skandal der pädophilen Priester?

KARDINAL ROBERT SARAH: Wenn Kinder einem Pries­ter anvertraut sind, damit er sie zu Gott führe, und diese klei­nen, schwachen Wesen Opfer sexueller Gewalt werden, dann handelt es sich hier um ein ausgesprochen schwerwiegendes sündhaftes und kriminelles Verhalten. Pädophilie stellt eine der verabscheuungswürdigsten moralischen Abweichungen dar.

Die Bischöfe, die diese Skandale willentlich vertuscht ha­ben, bilden eine kleine Minderheit. Ihr schlechtes Führungs­verhalten hat der Kirche jedoch zweifellos großen Schaden zugefügt. Wir dürfen allerdings auch nicht vergessen, dass viele der schuldigen Priester oder Ordensleute spitzfindige Strategien entwickelt hatten, um ihre Straftaten geheim zu halten. Leider haben viele Opfer solche Situationen oft nicht angezeigt, weil sie psychologisch schrecklich darunter gelit­ten haben. Ich bin mir über die Tatsache im Klaren, dass die Achtung vor der Gestalt des Priesters auch eine Rolle dabei gespielt haben kann, dass sich eine Kultur des Schweigens aus­gebreitet hat.

Unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. hat Joseph Rat­zinger großen Mut gezeigt, weil er die Augen vor diesen Ver­brechen nicht verschließen wollte. Man muss sich das unnach­giebige Wort Christi in Erinnerung rufen: »Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühl­stein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde« (Mt 18,5­6). Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass Jesus hier unerbitt­lich ist und genauso wenig verzeiht, dass Kinder zum Bösen verführt werden, wie er die Lauheit unseres Glaubens nicht duldet: »Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien« (Offb 3,15-16).

Die Bischöfe, die pädophile Priester von einer Gemeinde in die nächste versetzt haben, um ihre Missbrauchshandlun­gen zu vertuschen, haben sich falsch verhalten. Wie konnte man nur die Vorstellung haben, diese Verbrechen würden wie durch ein Wunder aufhören?

Dieser Praxis hat man sich insbesondere in Irland bedient, wo der sexuelle Missbrauch einen außergewöhnlich hohen Grad erreicht hat. Der im März 2010 veröffentlichte Brief von Benedikt XVI. an die irischen Katholiken hat das Ausmaß der Dramen, die auf den Treuebruch durch Mitglieder des Klerus zurückzuführen waren, nicht verschleiern wollen.

Als ich Erzbischof von Conakry war, habe ich in meiner Diözese nie ein Problem mit Pädophilie gehabt und es ist unbestritten, dass dieser Skandal Afrika kaum berührt hat. Andererseits hatte ich es mit Priestern zu tun, die heimli­che Beziehungen zu Frauen unterhielten; die Gläubigen wa­ren immer sehr schockiert über solche Entgleisungen ihrer Hirten. Übrigens ist die Situation der Priester, die ein Dop­pelleben mit Frau und Kindern führen und so das Bild des Hohepriesters Jesus Christus und die priesterliche Gnade ent­heiligen, nicht weniger schwerwiegend. »Täuscht euch nicht«, sagt der heilige Paulus, »Gott lässt keinen Spott mit sich trei­ben; was der Mensch sät, wird er ernten. Wer im Vertrauen auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten« (Gal 6,7-8).

Ich glaube, dass viele Bischöfe nicht darauf vorbereitet wa­ren, mit so schweren Problemen konfrontiert zu werden. Au­ßerdem wissen wir oft nicht viel über die Komplexität der Nachsorge bei Pädophilen. Die Leiter einer Anzahl von Diö­zesen mussten Beziehungen zu entsprechendem medizini­schem Fachpersonal aufnehmen, was ebenfalls eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich brachte.

Heute bin ich der Meinung, dass sich die Kirche dem Prob­lem der Triebtäter mit großem Mut und echter Effizienz ge­stellt hat. Es ist wichtig, zu verstehen, dass Johannes Paul II. von dieser Frage wirklich nichts wusste. Die Krankheit hat ihn daran gehindert, sich bewusst zu werden, welches Aus­maß der Treuebruch einiger Männer angenommen hatte. Mit großer Hellsichtigkeit hat Joseph Ratzinger einen neuen Weg beschritten. Benedikt XVI. und nach ihm Franziskus haben sich radikaler Methoden bedient, um die Wurzel dieser Ent­setzlichkeiten auszureißen.

In vielen Ländern könnten sich die zivilen Einrichtungen, die mit ähnlichen Problemen zu tun haben, von der Transpa­renz der Kirche inspirieren lassen. Ich scheue mich nicht, zu sagen, dass wir auf eine Weise gehandelt haben, dass die Vor­gehensweise der Kirche jetzt ein Vorbild ist.

Wie lässt sich der erschütternde Satz von Franziskus während der Pressekonferenz auf der Reise ins Heilige Land am besten verstehen, in dem er die Handlungen pädophiler Priester mit schwarzen Messen verglichen hat?

Der Papst hat reiflich über das Ausmaß eines solchen Ver­gleichs nachgedacht. Franziskus hat beschlossen, diesen Satz auszusprechen, weil er denkt, dass Pädophilie ein satanischer Akt ist. Ich stimme dieser Anschuldigung des Heiligen Vaters nachdrücklich zu. Wie kann ein Priester, der sich mit uner­hörter Gewalt an ein unschuldiges und reines Kind herange­wagt hat, anschließend die heilige Messe zelebrieren?

Nachdem er ein so schwerwiegendes Sexualverbrechen be­gangen hat, kann ein Priester nicht mehr die geweihte Hos­tie in seinen Händen halten. Wenn er beschließt, weiterhin die Messe zu zelebrieren, ist seine Respektlosigkeit gegenüber dem Sohn Gottes so groß, dass er – bewusst oder unbewusst – mit dem Teufel paktiert. Ein pädophiler Priester, der die Messe liest, begeht ein Sakrileg.

Ein pädophiler Akt erschüttert das Priestersein auf ontolo­gische Weise; das priesterliche Band, das ihn mit Christus ver­bindet, reißt. Dieser Bruch ist so stark, dass er nicht mehr in Gemeinschaft mit Jesus treten kann.

Wie kann ein Priester zu einer solchen Verderbnis gelan­gen und die heiligen, ernsten und folgenschweren Worte sei­ner Priesterweihe vergessen: »Empfange die Gaben des Vol­kes für die Feier des Opfers. Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes«?

Franziskus wollte die schwarzen Messen anprangern, um den Teufel zu vertreiben und seine Verbrechen ans Licht zu bringen. Eine pädophile Handlung stellt eine Beschmutzung der Unschuld dar, eine Verneinung der Schöpfung Gottes; der Kampf gegen die göttliche Reinheit ist das, woran sich der Teufel im Wesentlichen erfreut. Der Leib eines Kindes ist un­schuldig und der Satan kann diese Unschuld nicht ertragen.

Man muss Franziskus für seinen Mut dankbar sein. Denn der Teufel wird versuchen, sich zu rächen.

Wie kann man ohne unnötige Polemik und ganz objektiv über den Treuebruch einiger Männer der Kirche sprechen?

In den Seminaren ist es einer kleinen Minderheit von Män­nern gelungen, Probleme zu verbergen, die eine tiefe Diskre­panz zu ihrer Berufung als Priester darstellten. Ich kann nicht verstehen, warum sie die Ordination angenommen haben, die sie dann in die Situation brachte, die Sakramente zu entweihen.

In seinem Hirtenbrief an die Katholiken in Irland hat Be­nedikt XVI. sehr strenge Worte gegen die Priester und Or­densleute geschrieben, die Kinder missbraucht haben: »Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, missbraucht und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zu­ständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Ach­tung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. Die Priester unter Euch haben die Heiligkeit des Weihesakraments verletzt, in dem Christus sich selbst in uns und unseren Handlungen vergegenwärtigt. Mit dem immensen Leid, das Ihr den Opfern angetan habt, wurde auch der Kirche und der öffentlichen Wahrnehmung des Priestertums und des Ordenslebens großer Schaden zu­gefügt. Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Ver­antwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. Ehrliche Reue öffnet die Tür zu Gottes Vergebung und die Gnade wahrhafter Bes­serung. Durch Gebet und Buße für die, denen Ihr Unrecht getan habt, sollt Ihr persönlich für Euer Handeln Sühne leis­ten. Christi erlösendes Opfer hat die Kraft, sogar die größte Sünde zu vergeben und sogar aus dem schlimmsten Übel Gu­tes erwachsen zu lassen. Zugleich ruft uns Gottes Gerechtig­keit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Gebt offen zu, dass Ihr schuldig seid. Stellt Euch den Forderungen der Rechtsprechung, aber zwei­felt nicht an der Barmherzigkeit Gottes.«

Ein Mann der Kirche, der solche Sünden begeht, belügt sich selbst und verrät Gott. Christus hat ihm alle Mittel gegeben, um sein Priesteramt zu verwirklichen, doch er hat es vorgezo­gen, mit den Mächten der Finsternis zu paktieren. So wird die am Tag der Weihe geschenkte Gnade zerstört. Ein Seminarist ist niemals gezwungen, Priester zu werden. Wie ist es also zu verstehen, dass sich ein Mann, der solche krankhaften Regun­gen verspürt, für den Weg zum Priesteramt entscheiden kann? Einige Fachleute zu diesen Fragen sagen, dass ein Pädophiler immer ein Umfeld sucht, von dem er weiß, dass er dort Kin­dern begegnen wird. Diese Erklärung macht deutlich, inwie­weit die Kirche ihre Kontrollen verstärken muss, um diese Art von Personen – gewiss eine Minderheit – ausfindig zu machen.

Ein Pädophiler macht sich eines dreifachen Treuebruchs schuldig: gegenüber sich selbst, gegenüber der Kirche und ge­genüber dem Volk der Getauften, doch er widerspricht auch auf radikale Weise der Lehre Christi. Der größte Verbrecher behält immer die Möglichkeit zur göttlichen Vergebung, doch der pädophile Priester stellt sich in einem Frontalkampf gegen den Sohn Gottes.

Welche Lehre soll man aus der schrecklichen Geschichte Pater Martial Maciels ziehen, des Gründers der Legionäre Christi?

Ich habe eben das Problem der Bischöfe erwähnt, die nichts von den entsetzlichen Taten wussten, die einige Priester be­gangen haben. Erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine persönli­che Geschichte zu erzählen. Als ich Erzbischof von Conakry war, habe ich ein Buch von Pater Maciel über die Ausbildung von Seminaristen und Priestern gelesen. Ich fand seine Aus­führungen wunderbar … Ich wusste absolut nichts über sein wirkliches Leben und sein unwürdiges Verhalten. Wie hätte ich mir außerdem vorstellen können, dass dieses Werk nicht von seiner Hand geschrieben war und – schlimmer noch ­ganze Passagen aus anderen Abhandlungen über Spiritualität entwendet waren?

Bevor ich nach Rom kam, hatte ich nur eine begrenzte Vor­stellung von dieser Kongregation. Außerdem bin ich Pater Maciel nie begegnet. Später, als ich bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker gearbeitet habe, war ich über­rascht über den Luxus der Ausbildungshäuser und der geistli­chen Zentren der Legionäre; in diesem Zusammenhang habe ich mir häufig die Frage gestellt, ob sie geeignet seien, in arme Missionsländer aufzubrechen.

Ich war jedoch beeindruckt über die große Zahl von Pries­terberufungen, die sie hervorbrachten. Bei einem theologi­schen Kongress am Päpstlichen Athenaeum Regina Aposto­lorum, das den Legionären Christi untersteht, hatte ich das würdevolle Betragen all dieser Seminaristen bewundert, die vor allem aus Lateinamerika stammten. Sie waren ein Sym­bol für die Neuevangelisierung, die Johannes Paul II. sich wünschte. Meine Bewunderung für diese jungen Männer der Legionäre Christi hat nie nachgelassen. Denn Gott lässt oft Spreu und Weizen bis zur Ernte nebeneinander bestehen. Und wir können die großherzige Hingabe ihres Lebens und ihre Begeisterung bei der Nachfolge Christi bewundern.

Eine Frage brennt einem natürlich immer noch auf den Lippen: Wie hat ein so verdorbener Mann wie Pater Maciel über so viele Jahre die römischen Behörden und selbst die Päpste hintergehen können? Ich glaube, der Gründer der Le­gionäre Christi hat die Gnade verraten, die der Himmel ihm geschenkt hatte. Der Teufel hat sich nach und nach seiner Seele bemächtigt und ihm all die schändlichen Taten eingege­ben, die wir jetzt kennen. Ich kann mir unmöglich vorstellen, dass dieser Mann je auch nur einen Tag in Verbindung mit Jesus Christus gestanden hat. Es scheint mir eindeutig, dass er immer wieder die Hilfe abgelehnt hat, die der Sohn Gottes ihm hätte geben können.

Den Enthüllungen zufolge, die die Nachforschungen über sein Leben hervorgebracht haben, hat Martial Maciel schon als sehr junger Mann schändliche Handlungen begangen. Seine Doppelgesichtigkeit macht einen umso größeren Ein­druck, da es ihm gelungen ist, die Leitung der Legionäre in den Dienst all seiner Fehlentwicklungen zu stellen. Es bleibt ein Geheimnis, denn er hat eine blühende religiöse Familie gegründet. Pater Maciel hat ein Werk zum Wohl der Kirche errichtet, ohne je von seiner Sünde abzulassen.

Dieser Mann hat ein Werk Gottes aufgebaut und gleichzei­tig selbst den Keim der Zerstörung in sich getragen. Es hat einen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen gegeben; Gott hat viel gegeben, während heimliche und bösartige Akte unaufhörlich ihr teuflisches Gift verbreiteten. Zur selben Zeit, in der Gott ein wunderbares Werk errichtete, hat der Teufel auf immer abscheulichere Weise verbissen dafür gekämpft, das Werk bis auf seine Grundfeste zu vernichten.

Man darf nicht vergessen, dass die Legionäre Christi im Laufe der letzten fünfzig Jahre unglaublich viel für die Kirche geleistet haben. Der Blick, mit dem Johannes Paul II. die Legi­onäre betrachtete, war vor allem ein Blick der Wertschätzung für ihre echte Missionsarbeit.

Ich bin sicher, dass nach so vielen Schwierigkeiten und Angriffen des Teufels das Gute siegen wird. Wir müssen uns dankbar daran erinnern, auf welche Weise Joseph Ratzinger mutig und hellsichtig ein so komplexes Problem zu betrach­ten wusste, von dem andere so taten, als sähen sie es nicht. In vieler Hinsicht hat Benedikt XVI. die Legionäre Christi vor ei­nem großen Chaos bewahrt.

Was ist eigentlich das Böse?

Gott ist Liebe und Freiheit. Er stellt es jedem frei, ihn zu lieben oder nicht; seine Liebe zwingt niemanden. Das Böse ist also das genaue Gegenteil Gottes. Der heilige Johannes schreibt, dass das Böse grundsätzlich einen Kampf gegen Gott darstellt. Unser Vater ist das höchste Gut und das Böse stellt in allem das dar, was Gott nicht ist.

Was ist der Ursprung des Bösen? Ich denke, es entstammt dem Vermögen jeden Geschöpfes, sich frei für das Gute oder für das Böse zu entscheiden. Der Offenbarung zufolge kommt das Böse vom Teufel, von Satan, der sich gegen Gott aufge­lehnt und unsere »ersten Eltern« angestiftet hat, sich von Got­tes Willen abzuwenden. Das Böse ist im Wesentlichen eine Rebellion gegen Gott, gegen das Gute und gegen die Liebe.

Obwohl niemand das Böse will, zögern wir paradoxer­weise nicht, an ihm mitzuwirken. »Wir wissen, dass das Ge­setz selbst vom Geist bestimmt ist; ich aber bin Fleisch, das heißt: verkauft an die Sünde. Denn ich begreife mein Han­deln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, erkenne ich an, dass das Gesetz gut ist. Dann aber bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so han­delt, sondern die in mir wohnende Sünde. […] Ich unglückli­cher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?«, rief der heilige Paulus, der versuchte, das Böse zurückzuweisen (Röm 7,14-20.24).

Im Brief an die Römer beschreibt der Apostel auf diese aus­gesprochen realistische Weise den Kampf, der jedem Men­schen innewohnt. Wir wissen, was verboten ist; dennoch sün­digen wir. In der Tat schließt das Verbot die Sünde nicht aus, ganz im Gegenteil. Alles geschieht so, als ob das Gesetz selbst den Wunsch hervorriefe, es zu übertreten.

Letztlich kann das Böse nur in der Beziehung zum Guten definiert werden. Ohne Gott fehlt der Sünde ihr voller Sinn, denn es ist unmöglich, auf wirklich zuverlässige Weise das Wesen von Gut oder Böse zu ermessen. Wenn der Mensch versucht, Gott zu verdrängen, will er selbst die Grenzen von Gut und Böse festsetzen. Hier stehen wir vor dem Drama des zeitgenössischen Menschen. Wenn der Mensch ein Gott wird, stürzt er in eine tiefschwarze Nacht, wo die Werte keinen Sinn haben, weil Gut und Böse nicht mehr existieren. So könnte die Menschheit in eine Form von Chaos versinken, denn ohne die Grenze zwischen Gut und Böse werden auf gefährliche Weise die Wurzeln der Gerechtigkeit gekappt.

Im Plan Gottes bleibt das Böse ein großes Geheimnis für uns. Nach dem Tod werden wir vieles verstehen können, was hier auf Erden schwer zu akzeptieren ist.

Von Beginn seines Pontifikats an hat Franziskus häufig über die Existenz des Teufels gesprochen. Ist das nicht ein schwer zu be­greifendes Thema?

Die Offenbarung lehrt uns eindeutig, dass böse Geister exis­tieren, die sich Gott widersetzen, indem sie sich weigern, Ihm zu dienen, und die den Menschen drängen, sich gegen Gott aufzulehnen. Der Teufel ist derjenige, der spaltet, der die Menschen in Gegensatz zueinander bringt. Nichts lässt die Existenz des Teufels besser verstehen als seine Werke. Wie alle Geister ist er unsichtbar. Der Satan liebt nichts mehr als die Dunkelheit, in der er sich verbirgt; je besser der Teufel ver­steckt ist, desto effizienter ist er.

Der Fürst dieser Welt ist auch an allen Versuchungen zu erkennen, denen wir erliegen. Aus der Schrift wissen wir, dass er Christus in Versuchung geführt hat. Der heilige Lu­kas schreibt: »Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jor­dangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher und dabei wurde Jesus vom Teufel in Ver­suchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwer­fen und ihm allein dienen. Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu be­hüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab« (Lk 4,1-13).

Ich möchte außerdem einen Text Pauls VI. vom 29. Juni 1972 bei einer Messe im Petersdom zitieren. Der Papst hat seine Sorgen und seine Ängste nicht verschwiegen: »Ange­sichts der Situation der heutigen Kirche haben wir den Ein­druck, dass der Rauch Satans durch irgendeinen Spalt in den Tempel Gottes eingedrungen ist. Wir sehen Zweifel, Unsi­cherheit, Problematik, Unruhe, Unzufriedenheit, Konfron­tationen. Man vertraut der Kirche nicht mehr. Man vertraut dem erstbesten weltlichen Propheten, der aus einer Zeitung oder von einer sozialen Bewegung zu uns spricht, und läuft ihm nach, um ihn nach der Formel des wahren Lebens zu fra­gen, ohne zu merken, dass wir sie bereits besitzen, dass wir sie lehren. Zweifel ist in unser Bewusstsein gedrungen und er ist durch Fenster eingedrungen, die offen für das Licht sein sollten. Kritik und Zweifel kommen von der Wissenschaft, die doch eigentlich dazu da ist, uns Wahrheiten zu geben, die uns nicht von Gott entfernen, sondern uns ihn noch intensiver su­chen und lauter preisen lassen. Die Wissenschaftler sind diejenigen, die am Ende sagen: ›Ich weiß nichts. Wir wissen nichts. Wir können nichts wissen.‹ Die Schule wird zu einem Ort der Verwirrung und manchmal absurder Widersprüche. Man fei­ert den Fortschritt, um ihn dann durch die seltsamsten und ra­dikalsten Revolutionen zu zerstören, um alle Errungenschaf­ten zu leugnen, um wieder primitiv zu werden, nachdem man die Fortschritte der modernen Welt so enthusiastisch gefeiert hat. Auch in der Kirche herrscht dieser Zustand der Ungewiss­heit. Man dachte, nach dem Konzil sei ein sonniger Tag für die Kirche angebrochen. Stattdessen kam ein wolkenverhange­ner, stürmischer, dunkler Tag der Suche und der Ungewissheit. Wir predigen die Ökumene und entfernen uns immer weiter voneinander. Wir heben Gräben aus, statt sie zuzuschütten. Wie konnte das geschehen? Eine feindliche Macht hat einge­griffen, eine Macht die den Namen ›Teufel‹ trägt, dieses ge­heimnisvolle Wesen, das der heilige Petrus in seinem Brief er­wähnt. Wie oft spricht Christus im Evangelium über diesen Feind der Menschen! Wir glauben an das Wirken Satans, das sich heute in der Welt entfaltet, um Unruhe zu stiften, um die Früchte des Ökumenischen Konzils zu ersticken und um die Kirche daran zu hindern, in einen Gesang der Freude darüber auszubrechen, dass sie sich ihrer selbst wieder vollkommen bewusst geworden ist. Deswegen wollen wir heute mehr denn je das von Gott dem Petrus übergebene Amt ausüben können, unsere Brüder im Glauben zu stärken. Wir möchten euch die­ses Charisma der Gewissheit übermitteln, die der Herr dem verleiht, der ihn auf Erden vertritt, wie unwürdig er auch sein mag. Der Glaube gibt uns Gewissheit, Sicherheit, solange er auf dem Wort Gottes gründet, das als mit unserer Vernunft und unserer menschlichen Seele übereinstimmend angenom­men und erkannt wird« (Auszug einer vom »Osservatore Ro­mano« veröffentlichten schriftlichen Zusammenfassung der Predigt, die Papst Paul VI. am 29. Juni 1972 gehalten hat).

Der heilige Jean-Marie Vianney sagte zu Recht, der Heilige Geist vertreibe den Nebel, den der Teufel uns schickt, damit wir vom Weg zum Himmel abkommen.

Es ist daher wichtig, dass die Diözesen gut vorbereitete Ex­orzisten haben, die von Heiligkeit umgeben sind und unter dem Schutzmantel der Jungfrau Maria stehen. Der Teufel of­fenbart sich heute auf schwerwiegende und weitreichende Weise. Unter seinem Einfluss sind die Sünden von gestern zu Tugenden geworden. Der Teufel kann endlich zufrieden sein, denn er häuft kräftige Gewinne an. Wir dürfen dennoch nicht zweifeln, denn den endgültigen Sieg wird nur Gott davon­tragen. Der heilige Matthäus überliefert uns diesen wunder­baren Satz Christi an Petrus: »Ich aber sage dir: Du bist Pet­rus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen« (Mt 16,18).

Gott hat uns den Sieg über die Mächte des Bösen verspro­chen. Unsere Hoffnung muss ungeteilt bleiben.

»In jedem Menschen sind zu jeder Stunde gleichzeitig zwei Be­gehren mächtig, das eine nach Gott, das andere nach Satan. Der Ruf nach Gott, die Geistigkeit, ist ein Wunsch, emporzusteigen, der nach Satan, der tierische Trieb, in die Lust zu sinken.« Finden Sie diesen Gedanken von Charles Baudelaire einleuchtend?

Dieser große Dichter stimmt überein mit den Äußerungen des heiligen Paulus über die Schwierigkeit, das Gute zu tun. Ru­fen Sie sich in Erinnerung, dass der Apostel gesagt hat: »Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Ge­setz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht wer­den.« Der Mensch verspürt Sehnsucht nach Gott, eine wesent­liche Verbundenheit, die ihn dazu drängt, zum Vater zu ge­hen. Doch der Mensch bleibt gespalten, hin- und hergerissen zwischen seiner Suche nach dem Guten und den Mächten der Finsternis. Der Teufel versucht täglich, uns im Netz der Ver­suchung zu fangen. Der Mensch blickt zum Himmel, doch die Schwerkraft des Teufels zieht ihn immer wieder an. Von die­sem Gesichtspunkt ist das durch die Buße unterstützte Gebet ein Akt des Widerstands, ein Zeichen, sich dem Fürsten der Welt nicht unterwerfen zu wollen. Ich glaube, dass die christli­che Philosophin Simone Weil zu Recht in ihrem Buch »La Pe­santeur et la grace« (»Schwerkraft und Gnade«) geschrieben hat: »Die Schöpfung: das stückweise im Bösen verteilte Gute. Das Böse ist das Unbegrenzte, doch es ist nicht das Unendliche. Nur das Unendliche begrenzt das Unbegrenzte.« Diese Überle­gung zeigt die Wahrheit unseres irdischen Daseins. Gleicher­maßen hat sie aus dieser Verheißung den richtigen Schluss für den Ausgang unseres Kampfes gezogen: »Zu sagen, dass die Welt nichts wert ist, dass dieses Leben nichts wert ist, und dann das Böse als Beweis dafür anzuführen, ist absurd, denn wenn das alles nichts wert ist, wessen beraubt das Böse uns dann?«

Gott hat uns versprochen, dass das Böse in der Geschichte der Menschheit nicht das letzte Wort haben wird. In der Drangsal dieses großen Kampfes brauchen wir Unterstützung. Ohne die Hilfe der Gnade sind wir verloren; der Mensch ist wie eine Liane, die versucht, zur Sonne emporzusteigen, doch dafür eines festen Baums bedarf. Für die Menschheit ist dieser Baum die Kirche; und für die Kirche ist Christus dieser Baum, um den sie sich windet, um ihre Kinder zum Himmel empor­steigen zu lassen.

Zum Schluss die Frage: Gibt es die Hölle oder handelt es sich um ein furchterregendes Märchen, das überholt ist?

Die Hölle bezeichnet eine endgültige Trennung zwischen Gott und dem Menschen. Doch Gott schickt niemals in die Hölle; die Verdammnis ist das Ergebnis einer freien Entscheidung. So gibt es die Hölle durch den unbeugsamen Willen, sich von Gott loszumachen.

Doch auch wenn niemand das Leiden sucht, bringt die Ent­scheidung, Gott nicht anzuerkennen, unvermeidliche Konsequenzen mit sich. Sich vom Vater zu trennen, ist ein schwer­wiegender Akt, denn der Mensch macht sich los von Gott, dessen Kind er ist. Die Hölle ist das Gegenteil von der Entfal­tung in Gott. Dieses Leiden wird mit einem brennenden Feuer verglichen, denn es gibt nichts Schrecklicheres, als seine Eltern zu töten, sie endgültig aus dem Herzen und dem Blick zu drän­gen.

Heute stellt die Hölle ein Problem dar, das vollständig aus der zulässigen Reflexion verschwunden ist; der Satan erscheint sogar mittlerweile nur noch als romanhafte Gestalt. Darüber freut sich der Teufel mächtig, denn sein Handeln gerät in Ver­gessenheit und geschieht im Verborgenen.

Doch die Höllenvisionen der großen Heiligen der Kirche sind furchterregend. Ich möchte die Worte des heiligen Mar­kus zitieren, die besonders eindeutig sind: »Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Hän­den in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelan­gen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden« (Mk 9,43-39).

Die Hölle ist eine Realität, keine Idee. Die Darstellungen des Jüngsten Gerichts auf den Tympana der Kathedralen sind eindeutig. Gewiss, im Westen haben wir großspurig beschlos­sen, die Frage der Hölle zu vermeiden. Doch in Afrika glau­ben wir an die feindlichen Mächte des Bösen. Niemand käme auf die Idee, seine Existenz, seine schlimmen Folgen und seine Methoden zu leugnen.

Die höchste List des Teufels besteht immer noch darin, den Glauben zu verbreiten, er existiere nicht. Papst Franziskus hat sich jedoch nicht gescheut, bei der ersten Messe nach seiner Wahl auf den Stuhl Petri vom Satan zu sprechen und zu erklä­ren: »Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, da kommt mir das Wort von Léon Bloy in den Sinn: ›Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.‹ Wenn man Jesus Christus nicht be­kennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlich­keit des Bösen.«

Im Evangelium sagt Christus ausdrücklich, dass es nur mit Hilfe des Gebets und des Fastens möglich ist, den Teufel zu­rückzuweisen. Die Kirche kann eine so starke Lehre nicht tot­schweigen.

Wie lässt sich das Fegefeuer definieren?

Ich weiß natürlich, dass es sich hier um einen Begriff handelt, der sehr schwer zu verstehen ist. Heilige wie Caterina von Si­ena haben viel über dieses Thema gesprochen. Ihrem Beicht­vater berichtete sie über ihren »mystischen Tod«: »Ich habe auch die Strafen der Verdammten gesehen und die Leiden de­rer, die im Fegefeuer sind. Sie können mit keinem Wort aus­reichend geschildert werden, und wenn die unseligen Men­schen auch nur die geringste jener Qualen sehen könnten, würden sie lieber zehn leibliche Tode wählen, wenn es mög­lich wäre, als auch nur die kleinste Qual für einen Tag erlei­den« (Raimund von Capua: 33 Jahre für Christus. Das Leben der hl. Caterina von Siena, hg. v. Werner Schmid, Kleinhain 2006).

Auch der heilige Augustinus hat nicht gezögert, sich in seinen Predigten zu diesem Thema zu äußern: »Der Apostel sagt: ›Er wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hin­durch …‹ Man beachtet dieses Feuer nicht genug, aufgrund der Worte ›er wird gerettet werden‹. Es ist jedoch gewiss, dass dieses erlösende Feuer schrecklicher sein wird als alle Leiden, die einem Menschen im Leben widerfahren können.«

Wer hat recht? Der heilige Augustinus oder wir, die wir der mehr oder weniger deutlichen Meinung anhängen, das Fegefeuer sei eine altmodische Vorstellung und nicht von Inte­resse?

Ich möchte einmal von meinen afrikanischen animisti­schen Wurzeln ausgehen. Bei meinen heidnischen Vorfah­ren wird, wenn ein Mensch an einer unerwarteten Krankheit oder bei einem tragischen Unfall stirbt, der Leichnam befragt. Man fragt den Verschiedenen selbst, was seinen plötzlichen Tod verursacht hat.

Ich erinnere mich zum Beispiel noch genau an einen aus einem Nachbarort stammenden heidnischen Mann, der in­folge sehr schwerer Verbrennungen in Ourous verstorben war. Um ihn nach Hause zu bringen, hätte der Leichenzug ei­nen Fluss überqueren müssen. Doch die Bräuche verbieten, den Fluss mit einem Toten zu überqueren. Er wurde also nicht weit von Ourous in einem kleinen Wald begraben. Während der Beisetzung sah ich, wie die Träger seines Leichnams erst vorwärtsgingen, dann rückwärts, um dann gleich nach rechts und links zu gehen. Ich habe meine Mutter nach den Grün­den dieser seltsamen Bewegungen gefragt. Sie hat mir erklärt, es sei notwendig, den Toten zu befragen, der antworte, in­dem er den Trägern die Bewegungen anzeige … Ich war sehr skeptisch, aber meine Mutter erläuterte mir, es sei die Macht des Toten, die diese Gesten erkläre. Ich erinnere mich, dass der Zeremonienmeister dem Verstorbenen die verschiedens­ten Fragen stellte: wie die Beziehung zu seiner Frau gewesen sei, ob er die Bräuche geachtet habe, bei der Arbeit ehrlich gewesen sei, die Ahnen respektiert habe. So irrt die Seele im Glauben der Animisten durch Leid und Qualen, gezwungen zu erniedrigenden Sklavendiensten, bis sie von allen irdischen Fehlern reingewaschen ist. Dann, nach dieser Zeit der Läute­rung, wird sie zum Dorf der Ahnen gelangen können, das die Entsprechung zum Paradies darstellt. Ohne dieses Ritual, das ein Moment der Wahrheit ist, könnte die Seele vor Sehnsucht vergehen, isoliert, ohne Verbindung zu ihren Geschwistern. Wenn die Seele herumstreift, kann sie die Ruhe und die gu­ten Geschäfte der Lebenden stören; Opfer zu Füßen geheiligter Stelen sind dafür bestimmt, diesen Seelen zu helfen, zum Dorf der Ahnen zu gelangen.

In vielen primitiven Religionen ist das Fegefeuer ein Mo­ment des Herumirrens vor dem »Paradies«, das der Mensch kennenlernen kann, wenn seine Seele nach den überlieferten Vorschriften gereinigt ist. Die Animisten haben über mehrere Jahrhunderte hinweg die Offenbarung nicht gekannt, aber sie hatten die natürliche Intuition, dass es einen Ort des Über­gangs geben muss.

Der heilige Augustinus ist in einer heidnischen Kultur auf­gewachsen, dann hat er die Entscheidung getroffen, sich zum Christentum zu bekehren. Seine Sicht des Fegefeuers ist also besonders interessant. An verschiedenen Stellen seines Werks führt er diesen Glauben genauer aus. Sein Einfluss scheint groß gewesen zu sein, vor allem hinsichtlich zweier Punkte. Einerseits macht Augustinus die Zeit für das Fegefeuer im Jenseits fest: Diese Prüfung findet zwischen dem individuel­len Gericht nach dem Tod eines jeden Menschen und dem allgemeinen Gericht oder dem Jüngsten Gericht am Ende der Zeiten statt. Andererseits weist er darauf hin, dass diese ver­pflichtende Prüfung, die zum Paradies führt, nicht als eine Er­leichterung betrachtet werden darf, um das Heil zu erlangen, weil sie wirklich ganz furchtbar ist.

Für die Christen ist das Paradies der Ort, wo die Menschen in vollkommener Gemeinschaft mit Gott leben. Es ist nicht möglich, zu diesem Licht zu gelangen, solange unsere Seele mit ihren irdischen Sünden befleckt ist. Das Fegefeuer ist also eine Zeit der Läuterung, ein Moment der Vorbereitung auf die große Reise zu Gott. Wie bei einer langen Schiffsreise handelt es sich um eine Art Quarantäne für kranke Seelen.

Wir können uns Gott nicht nähern, wenn wir nicht eine vollkommen geläuterte Seele besitzen; wir müssen ganz vom Feuer seiner Liebe verzehrt sein. Um in das Licht des Vaters einzutreten, muss man von seinem Licht bestrahlt sein.

Die heilige Theresia von Lisieux hat erstaunliche Sätze über das Fegefeuer geschrieben: »Hört, wie weit euer Vertrauen ge­hen muss! Es muss euch glauben lassen, dass das Fegefeuer nicht für euch ist, sondern nur für die Seelen, die die barmher­zige Liebe verkannt oder an ihrer reinigenden Kraft gezweifelt haben. Denen gegenüber, die sich bemühen, diese Liebe zu erwidern, ist Jesus ›blind‹ und ›zählt nicht‹ beziehungsweise er zählt, um sie zu reinigen, nur auf dieses Feuer der Liebe, das ›alle Fehler bedeckt‹ und vor allem auf die Früchte sei­nes ständigen Opfers. Ja, trotz eurer kleinen Treulosigkeiten könnt ihr darauf hoffen, direkt in den Himmel zu kommen, denn der gute Gott wünscht sich das noch mehr als ihr und er wird euch sicher geben, was ihr von seiner Barmherzigkeit erwartet. Es ist euer Vertrauen und eure Hingabe, die er be­lohnen wird; seine Gerechtigkeit, die eure Schwäche kennt, ist so wunderbar eingerichtet, dass es gelingen kann. Doch wenn ihr euch auf diese Sicherheit stützt, achtet umso mehr darauf, dass es Ihm nicht an Liebe fehlt!«

Der moderne westliche Rationalismus hat zweifellos große Schwierigkeiten, die Realität des Fegefeuers zu verstehen. Bei einem solchen Thema spüren wir die Distanz, die es zwischen dem Religiösen und bestimmten Gesellschaften geben kann. Sie können darin nur eine esoterische Geschichte sehen.

Dem Menschen, der das Fegefeuer nicht verstehen will, kann es im Grunde nicht mehr gelingen, zu wissen, wer Gott ist. Wenn Gott die Liebe ist, dann glüht er in maßloser Ab­solutheit. Als Mose Gott begegnet, sieht er eine brennende Flamme, aus der eine Stimme tönt, die zu ihm sagt: »Ich bin der ›Ich-bin-da‹.« Sie fordert ihn auf, nicht näher heranzu­kommen und seine staubigen Schuhe abzulegen.

Wir können nicht wie romantische Spaziergänger zu Gott kommen, auf der Suche nach schönen Empfindungen in ei­nem englischen Garten …Gott fordert von uns, dass wir uns von allen nicht geordneten Zuständen läutern, die unser Herz belasten und unsere Seele überschatten.

Die Heiligen gelangen unmittelbar zur himmlischen Freude. Doch für den Großteil der Menschen ist das Fegefeuer ein schweres und karges Vorzimmer zu unserem Schöpfer, der uns unsere zeitlichen Sünden vergeben möchte. Gott hat keine Rachegefühle; sein Maß ist nicht das der Menschen. Das Fe­gefeuer stellt daher eine Wiederherstellung des Menschen dar. Der alte Mensch geht und der neue Mensch kommt in der rei­nigenden Zärtlichkeit Gottes.

Das Fegefeuer entspringt also der göttlichen Liebe. Es ist ein reinigendes Feuer, das einige mit Gott selbst gleichsetzen.

Warum haben wir manchmal das Gefühl, dass Gott schläft?

Um Ihre Frage zu beantworten, möchte ich zunächst folgende Worte von Benedikt XVI. während seiner letzten Mittwochs­audienz am 27. Februar 2013 zitieren: »Acht Jahre [nach mei­ner Wahl] kann ich sagen, dass der Herr mich wirklich geführt hat, er ist mir nahe gewesen, täglich habe ich seine Gegenwart wahrnehmen können. Es war eine Wegstrecke der Kirche, die Momente der Freude und des Lichtes kannte, aber auch Mo­mente, die nicht leicht waren; ich habe mich gefühlt wie Pet­rus mit den Aposteln im Boot auf dem See Gennesaret: Der Herr hat uns viele Sonnentage mit leichter Brise geschenkt, Tage, an denen der Fischfang reichlich war, und es gab Mo­mente, in denen das Wasser aufgewühlt war und wir Gegen­wind hatten, wie in der ganzen Geschichte der Kirche, und der Herr zu schlafen schien. Aber ich habe immer gewusst, dass in diesem Boot der Herr ist, und ich habe immer gewusst, dass das Boot der Kirche nicht mir, nicht uns gehört, sondern ihm. Und der Herr lässt sie nicht untergehen; er ist es, der sie lenkt, sicherlich auch durch die Menschen, die er erwählt hat, denn so hat er es gewollt. Das war und ist eine Gewiss­heit, die durch nichts verdunkelt werden kann. Und das ist der Grund, warum mein Herz heute voll Dankbarkeit gegenüber Gott ist, weil er es der ganzen Kirche und auch mir nie an sei­nem Trost, seinem Licht, seiner Liebe hat fehlen lassen.«

Wir stellen oft die Frage, warum Gott abwesend ist, wenn wir die massive Präsenz des Bösen in unserer Welt sehen. Wenn ich an Orte der Welt gefahren bin, an denen sich be­sonders schlimme Katastrophen ereignet hatten, etwa auf die Philippinen nach dem Taifun oder nach Jordanien in die La­ger der Kriegsflüchtlinge aus Syrien, war es durchaus vorstell­bar, dass man sich fragte, wo der Herr eigentlich war. Wenn ich mir die verfolgten Christen ansehe, die aus ihren Häusern vertrieben, die zum Exil in vollkommener Mittellosigkeit ge­zwungen werden, die im Stich gelassen und überall auf der Welt gedemütigt werden, dann weiß ich, dass die Verzweif­lung weitgehend verständlich ist. Wir hätten gern, dass Gott wie im Alten Testament unsere Feinde schlägt und vernich­tet. Warum antwortet Gott uns in diesen dramatischen Mo­menten nicht? Dennoch gelangt Tag und Nacht unsere ängstliche Stimme zu ihm: »Nein, um deinetwillen werden wir getötet Tag für Tag, behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! Warum verbirgst du dein Gesicht, vergisst unsere Not und Bedrängnis? Steh auf und hilf uns! In deiner Huld erlöse uns!« (Ps 44,23-25.27).

Das große Wort Christi am Kreuz ist der genaue Wider­hall unserer Zweifel. Er fragt seinen Vater: »Mein Gott, wa­rum hast du mich verlassen?« Doch der Schrei Jesu ist ein Akt immerwährenden Vertrauens, um Gott zu sagen, dass er nur auf Ihn zählt. Es ist kein Schrei des Aufstands, sondern eine kindhafte Klage. Noch heute, wenn wir uns verloren fühlen wie die Zeugen bei der Kreuzigung, bleibt unser Zweifel eine Hoffnung. Wenn wir Gott anrufen, dann deshalb, weil wir Vertrauen haben. Der christliche Zweifel ist kein Moment der Verzweiflung, sondern eine zusätzliche Liebeserklärung.

Gott schläft nicht; Er ist gegenwärtig trotz unserer manch­mal allzu ausschließlich rationalen Suche. Wir sind Kinder, die weinen und nicht verstehen, dass unser Vater für immer an unserer Seite bleiben wird.

Die größten Heiligen haben die Erfahrung von dunklen Tunneln des Glaubens gemacht, wie etwa die heilige Theresia von Lisieux oder Mutter Teresa von Kalkutta …

Ja, die heilige Theresia hat sehr schmerzvolle Erfahrungen gemacht. Als sie im Karmel war, hat sie sogar an der Exis­tenz Jesu, des Erlösers der Menschen, gezweifelt. Sie hat diese schrecklichen Momente schwärzester Nacht gekannt, wo Gott seltsam schweigsam scheint. Doch Theresia hat immer ge­wusst, dass sie nicht allein war und dass am Ende des Tunnels schließlich das Licht hervorbrechen würde. Sie wusste, dass Gott sie nicht für immer in der Dunkelheit lassen würde. Alle Heiligen haben diese Momente großer Zweifel gekannt. Die­ses Gefühl der Verlassenheit ähnelt dem, das Jesus am Kreuz empfindet; Golgota stellt für ihn allein die Zusammenfassung all unserer dunklen Nächte dar.

Der Zweifel ist ein Moment der Reinigung und der Stär­kung. Infolgedessen stellt sich eine einzige Frage: Glauben wir auch dann weiter, wenn die Nacht hoffnungslos dunkel bleibt? Bewahren wir die Hoffnung über die Zeit der Mühelosigkeit hinaus? Der Glaube ist Vertrauen oder er ist kein Glaube.

Mutter Teresa stellte fest, dass der Zweifel ein Hilfsmittel war, um das wahre Antlitz Gottes zu entdecken. Es ist nicht möglich, Gott im Überfluss und im leichten Glück zu ver­stehen. Nach ihrer Auflehnung gegen die Prüfungen der Ar­mut, die sie täglich erlebte, hat sie begriffen, dass Gott niemals kommt, um unsere kleinen Kümmernisse oder unsere ego­zentrische Auflehnung zu trösten. Gott ist die vollkommene Liebe; Er kann sich also nur in der Liebe offenbaren.

Ich fahre häufig in Gebiete, in denen Krieg herrscht, in Ge­biete, die von Hungersnot oder Erdbeben heimgesucht sind. Dabei denke ich immer wieder mit Theresia von Lisieux, dass der kleine Weg, sich immerwährend der göttlichen Liebe zu überlassen, der einzig mögliche Weg ist.

Ja, man muss glauben, trotz des Leids und der schreckli­chen Gewalttaten, die mit dem Wahnsinn der Menschen verbunden sind. Angesichts von so viel Leid stehen uns zwei Wege offen: die Auflehnung, die immer weitere Schwierigkei­ten hervorruft, und die Liebe, die uns näher zu Gott führt.

Mutter Teresa hat die schlimmsten Gräuel gesehen. Doch sie hat auch verstanden, dass das Leid eine neue Solidarität, ein noch nie dagewesenes Glück, eine unbezwingbare Hoff­nung herbeiführen konnte.

Im Übrigen machen wir Gott häufig für viel Böses verant­wortlich, ohne unsere eigene Verantwortung zu überneh­men …

Ohne Gott wäre die Welt eine einzige Hölle. Mit Gott exis­tiert die Gnade; sie ist die Zärtlichkeit und die Liebkosung des Himmels.

Wie kann man »trotz allem« weiter glauben, wie der heilige Jo­semaria, der Gründer des Opus Dei, es ausdrückt?

Die Kirche muss uns ständig die Tatsache unserer Gotteskind­schaft in Erinnerung rufen. Dank ihrer erfreuen wir uns der Freude und des Friedens, die von Gott kommen, und selbst unsere Schwäche entmutigt uns nicht.

Wir dürfen nie den Moment des Todes Jesu vergessen. Ver­zweiflung scheint alles zu überziehen, die Finsternis scheint stärker als das Licht. Die Apostel waren am Boden zerstört. Trotz dieses unendlichen Dramas haben die Frauen nicht auf­gegeben. Maria und Maria Magdalena, die Sünderin, aus der Jesus sieben Dämonen ausgetrieben hatte, wollten sich um den Leichnam Jesu kümmern und über seine würdevolle Bei­setzung wachen. Sie konnten nicht glauben, dass das Böse den Sohn Gottes besiegt hatte. Maria ist über den Tod hinaus dort geblieben, denn ihr Glaube war ein unsinkbarer Fels; sie ist über das Menschenmögliche hinausgegangen.

Noch heute können wir alle Enttäuschungen überwinden, die wir gegenüber der Kirche oder allem anderen Menschli­chen oder Christlichen empfinden, wenn wir durch das Gebet mit Gott verbunden bleiben. Wir müssen absolutes Vertrauen auf die Tatsache bewahren, dass wir nicht allein sind. Ohne Gott vermögen wir nichts.

Trotz der Leiden, trotz der Niederlagen, trotz des Bösen: Unser Glaube ist unser Sieg. Der heilige Johannes schreibt: »Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?« (1 Joh 5,4-5).

Manchmal kann der verbissene Kampf gegen das Wort des Papstes, gegen die Lehre der Kirche, gegen die Moral an­nehmen lassen, dass das Böse die Schlacht gewonnen habe. Gewisse dunkle philosophische Kräfte möchten der Kirche Schweigen auferlegen, um die Welt besser nach egoistischen, merkantilen, unbarmherzigen Prinzipien beherrschen zu können. Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlas­sen, gegen den Lärm, der das gesamte innere Leben des Men­schen zerstören will, indem er ihn mithilfe von Bildern und Informationen stumpfsinnig werden lässt, die echte Drogen sind.

Man muss trotz allem glauben, denn dazu sind wir als Christen berufen. Man muss an die Zukunft der Kirche glau­ben, die schon viele Krisen überstanden hat. Man muss glau­ben, dass Christus Sieger bleibt. Man muss mit großer, liebe­voller Geduld glauben.

Noch einmal wende ich mich dem heiligen Augustinus zu, der auf wunderbare Weise von unserem Menschsein spricht: »Denn wer sich an sich selbst freuen will, wird traurig sein; wer aber an Gott sich freuen will, wird sich immer freuen, weil Gott ewig ist. Willst du eine ewige Freude haben? Schließe dich an den an, der ewig ist!«

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Quelle: Robert Kardinal Sarah und Nicolas Diat: GOTT oder Nichts – Ein Gespräch über den Glauben – mit einem Vorwort von Georg Gänswein. fe-medienverlag GmbH, D-88353 Kißlegg. ISBN 978-3-86357-133-7. 1. Auflage 2015

 

Brief des Opus-Dei-Prälaten (November 2015)

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Die christliche Sicht des Todes ist das beste Mittel gegen die logische Furcht, die uns angesichts dieses unbekannten Schritts befallen mag, der aber „unerbittlich kommen wird“ (Hl. Josefmaria).

4. November 2015

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Ich bin sehr glücklich über die Diakonatsweihe einiger eurer Brüder, die ich gestern in der Basilika Sant’ Eugenio vorgenommen habe. Diese meine Söhne werden für die apostolischen Unternehmungen der Prälatur arbeiten, die ein lebendiger Teil des mystischen Leibes Christi ist, und so mit ganzer Seele der Kirche dienen. Sie hat geweihte Amtsträger, die darum kämpfen, entsprechend dem Wunsch des hl. Josefmaria ihre geistliche Berufung heiligmäßig, gelehrt, froh und sportlich zu leben, dringend nötig. Bitten wir Gott intensiv darum, dass dieses Geschenk in der ganzen Welt niemals fehlen möge, dass es in allen Diözesen heilige Seminaristen und Priester gibt.

Der Beginn dieses Monats erinnert uns an die tröstliche Wahrheit der Gemeinschaft der Heiligen. Heute denken wir besonders an die Gläubigen, die im Himmel schon die Anschauung der Heiligsten Dreifaltigkeit genießen, und morgen werden wir in unseren Gebeten der verstorbenen Gläubigen gedenken, die sich noch im Fegefeuer reinigen. Mit ihnen sollten wir eine tiefe Freundschaft pflegen.

Mir ist noch gut in Erinnerung, mit welcher Andacht unser Vater diesen Tag durchlebte. Es war sein großer Wunsch, dass die Armen Seelen – dank der Fürbitte, die die Kirche für sie einlegt – den vollkommenen Erlass ihrer zeitlichen Sündenstrafen erhalten und so zur beseligenden Gegenwart Gottes gelangen können. Dieser Akt der Barmherzigkeit und der Liebe lag ihm so sehr am Herzen, dass er festlegte, dass die Feier der Messe, der Empfang der Kommunion und das Gebet des Rosenkranzes häufig für die ewige Ruhe seiner Töchter und Söhne, unserer Eltern und Geschwister, der verstorbenen Mitarbeiter und für alle Verstorbenen aufgeopfert werden sollte. Tun wir dies großherzig, und fügen wir von unserer Seite hinzu, was uns angebracht erscheint; vor allem die Aufopferung einer vollkommen getanen Arbeit, die wir mit frohen Gebets- und Opfergeist verrichtet haben.

Die Empfehlung, die Paulus gibt, ist sehr treffend: cotídie móriror[1], täglich sehe ich dem Tod ins Auge, sterbe ich der Sünde, um mit Christus Jesus aufzuerstehen. Der hl. Josefmaria griff diesen Rat des Apostels auf und lud uns ein, oft an das Ende unseres irdischen Lebens zu denken, um uns so gut wie möglich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Der Tod ist eine Wirklichkeit, die alle ohne Ausnahme trifft. Viele fürchten sie und tun daher alles, um ihn zu vergessen. Bei einem konsequent nach seinem Glauben lebenden Christen sollte das nicht so sein. „Die »anderen« lähmt der Tod, und sie sind entsetzt. – Uns weckt der Tod (das Leben) auf und treibt uns voran. Für sie ist er Ende, für uns Anfang.“[2]

Trotzdem ist dieser Übergang manchmal von großer Dramatik, besonders wenn er unerwartet kommt oder noch junge Menschen ereilt, vor denen eine Zukunft voller Möglichkeiten lag. Der Heilige Vater sagte vor kurzem, dass in solchen Fällen „der Tod gleichsam ein schwarzes Loch im Leben der Familien ist, für das wir keine Erklärung finden“[3].

Aber vergessen wir nicht, dass, wie die Heilige Schrift feststellt, Gott den Tod nicht gemacht hat und keine Freude hat am Untergang der Lebenden[4]. Der Mensch wurde mit einer sterblichen Natur geschaffen, aber die göttliche Weisheit und Allmacht hatte ihm Unsterblichkeit verliehen, unter der Bedingung, dass unsere Stammeltern die Gebote Gottes achteten und ihnen gehorchten. Sie ließen sich jedoch durch den Versucher täuschen, und das Ergebnis liegt offen vor uns: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.[5]

Zu diesem Thema gibt es viele hilfreiche und tröstliche Gedanken unseres Vaters. Unter anderem schrieb er einmal: „Der Tod wird kommen, unerbittlich. Deshalb ist es leerer Wahn, unsere Existenz ausschließlich mit diesem irdischen Leben gleichzusetzen. Sieh doch, wie sehr viele Menschen darunter leiden: die einen, weil das Leben zu Ende geht und sie es hinter sich lassen müssen, die anderen, weil es nicht enden will und ihnen zur Last wird … Auf jeden Fall ist es abwegig, aus unserem Lebensweg das Lebensziel zu machen.

Man muss die Fesseln einer solchen, rein innerweltlichen Betrachtungsweise spren­gen und sich der kurzen Dauer der eigenen Existenz bewusst werden. Dazu bedarf es eines radikalen inneren Umschwungs: Sich vom eigenen Ich und von allen zeitlichen, egoistischen Motivationen ganz und gar loslösen und in Christus, der ewig ist, neu geboren werden.“[6]

Nur mit dem Blick des Glaubens auf den gekreuzigten Christus ist es uns möglich, dieses Geheimnis zu erahnen, das mehr Trost als Traurigkeit für uns bereithält. DerKatechismus der Katholischen Kirche sagt uns: »Durch Christus hat der christliche Tod einen positiven Sinn. „Für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21). „Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben“ (2 Tim 2,11). Das wesentlich Neue am christlichen Tod liegt darin: Durch die Taufe ist der Christ sakramental schon „mit Christus gestorben“, um aus einem neuen Leben zu leben. Wenn wir in der Gnade Christi sterben, vollendet der leibliche Tod dieses „Sterben mit Christus“ und vollzieht so endgültig unsere Eingliederung in ihn durch seine Erlösungstat.«[7] Folgender Satz der Mutter eines unserer Brüder, die den Tod vor Augen hatte, enthält, ohne theologisch ganz korrekt zu sein, einen Funken Wahrheit: Wie kann es sein, dass Christus mich nicht aufnimmt, wenn ich ihn doch viele Jahre lang täglich in der Heiligen Kommunion empfangen habe?

Die Sicherheit des Glaubens, zusammen mit der Hoffnung und der Liebe, macht es möglich, den Schleier der Traurigkeit und der Furcht wegzuziehen, durch den man nicht selten den letzten Schritt der irdischen Existenz betrachtet. Mehr noch, wie der Heimgang der Heiligen mit großer Klarheit zeigt, ist es dank des Glaubens möglich, den Tod in Frieden anzunehmen, eben weil man dem Herrn entgegen geht. „Hab keine Angst vor dem Tod. – Nimm ihn schon jetzt großmütig an … wann Gott will … wie Gott will … wo Gott will. – Sei ganz sicher: er kommt zu einer Zeit, an einem Ort und in einer Weise, wie es für dich am besten ist … gesandt von deinem Vater Gott. – Willkommen sei unser Bruder Tod!“[8]

Diese Überlegungen haben eine alte Tradition in der christlichen Lehre und im Leben. Sie sind keineswegs Ausdruck einer negativen Haltung und beabsichtigen auch nicht, eine irrationale Unruhe zu schüren, vielmehr rufen sie auf zu einer heiligen Furcht, die voll kindlichen Gottvertrauens ist. Sie schließen einen übernatürlichen und menschlichen Realitätssinn ein und sind ein klarer Ausfluss der christlichen Weisheit, die, vom Glauben gestützt, der Seele Ruhe und Vertrauen einflößt.

Unser Vater hat uns beigebracht, aus der Betrachtung dieses Augenblicks und ganz allgemein der Letzten Dinge praktische Konsequenzen zu ziehen. Ganz kalt sollten uns diese Dinge jedenfalls nicht lassen, sagte er einmal in einer Betrachtung für eine Gruppe seiner Söhne, die noch jung waren. “Ich möchte nicht, dass irgendjemand von euch stirbt. Lass sie noch auf der Erde, Herr, hol sie noch nicht! Sie sind doch noch jung, und hier unten hast du nur wenige Werkzeuge! Ich hoffe, Gott erhört mich … Aber der Tod kann in jedem Augenblick kommen.“[9] Und er fügte hinzu: „Die Betrachtung des Todes hilft uns wirklich zu einem objektiven Gewissensurteil. Sie ist ein gutes Hilfsmittel, um unseren aufbegehrenden Willen und den Stolz des Verstandes zu beherrschen. Liebe ihn, und sage Gott vertrauensvoll: Wie du willst, wann du willst, wo du willst.“[10]

Sicher ist die Tatsache des Todes härter zu verkraften, wenn es um geliebte Menschen wie Eltern, Kinder, Ehegatten, Geschwister … geht. Und doch „können wir im Licht der Auferstehung des Herrn, der nie auch nur einen von denen verlässt, die der Vater ihm anvertraut hat, dem Tod seinen ›Stachel‹ nehmen, wie der Apostel Paulus gesagt hat (1 Kor 15, 55); können wir ihn daran hindern, unser Leben zu vergiften, unsere Bindungen zu zerstören, uns in die finsterste Leere fallen zu lassen.“[11] Nichts ist gewisser, als dass Gott uns an seiner Seite haben möchte, damit wir ihn schauen wie er ist, und so glücklich sind. Stärken wir Tag für Tag diese Hoffnung in uns? Beten wir andächtig – wie unser Vater – das Gebet des Psalms: Vultum tuum, Dómine, requíram[12]; dein Angesicht, Herr, will ich suchen?

Wenn in einer christlichen Familie der Glaube tiefe Wurzeln geschlagen hat, dann werden solche von Schmerz gekennzeichneten Augenblicke zu einer Gelegenheit – und in der Tat kommt das oft vor –, die Bindungen der Familienmitglieder untereinander zu verstärken. „In diesem Glauben können wir einander trösten, im Wissen, dass der Herr den Tod ein für allemal überwunden hat. Unsere Angehörigen sind nicht in der Finsternis des Nichts verschwunden: Die Hoffnung versichert uns, dass sie in den guten und starken Händen Gottes sind. Die Liebe ist stärker als der Tod. Daher besteht der Weg darin, die Liebe wachsen zu lassen, sie zu festigen. Und die Liebe wird uns behüten bis zu dem Tag, an dem jede Träne abgewischt wird: »Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal« (Offb 21, 4).“[13]

Die christliche Sicht hält in der Tat das Gegengift für die Angst bereit, die die Menschen zu befallen pflegt, wenn sie die Vergänglichkeit des irdischen Lebens erfahren. Gleichzeitig ist nichts natürlicher – wie ich bereits sagte –, als dass uns der Tod geliebter Menschen schmerzt und wir Tränen vergießen, weil sie uns verlassen. Auch Jesus weinte um den verstorbenen Lazarus, den geliebten Freund, bevor er ihn auferweckte. Aber wir sollten den Schmerz nicht übertreiben, denn für einen konsequenten Christen heißt Sterben Hochzeit feiern. So drückte sich der hl. Josefmaria aus und erläuterte: „Wenn euch gesagt wird: ecce spónsus venit, exíte óbviam ei (Mt 25, 6) – komm, denn der Bräutigam kommt, um dich zu holen –, dann werden wir uns an die Fürsprache Mariens wenden. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt … Und dann wirst du in der Todesstunde sehen, welches Lächeln dich empfängt! Du wirst keine Angst haben, denn die Arme Mariens werden dich auffangen.“[14]

Wenn Gott eine Tochter oder einen Sohn von ihm in jungen Jahren zu sich rief, protestierte unser Vater in kindlicher Weise, denn er empfand tiefen Schmerz darüber; aber dann nahm er sofort den Willen Gottes an, der immer weiß, was gut für uns ist. Fiat, adimpleátur… betete er. „Es geschehe, es erfülle sich, gelobt und in Ewigkeit gepriesen sei der über alles gerechte und über alles liebenswerte Wille des Herrn! Amen. Amen.“[15] Und so erlangte er den Seelenfrieden wieder.

Alle diese Gedanken müssen wir immer mit der Betrachtung verbinden, dass die Allmacht Gottes uns das Leben zurückgeben wird: Vita mutátur, non tóllitur[16], das Leben wird gewandelt, nicht genommen. Die Gewissheit, Gott schon ganz nahe zu sein, und alle Hilfen, die wir in diesen Momenten von unserer Mutter, der Kirche, erhalten werden, wird uns zu folgender Überlegung führen: „Herr, ich glaube, dass ich auferstehen werde; ich glaube, dass mein Leib sich wieder mit meiner Seele verbinden wird, um ewig mit dir zu herrschen. Und das wird geschehen aufgrund deiner unendlichen Verdienste, durch die Fürsprache deiner Mutter und wegen der Vorliebe, die du für mich hast.“[17]

Meine Töchter und Söhne, bemühen wir uns, diese Sicherheit und Freude im Glauben an andere weiterzugeben. Beten wir jeden Tag für die, die ihre Seele Gott zurückgeben werden, damit sie sich der reichen Gnade öffnen, die Gott durch die Fürsprache seiner heiligen Mutter in diesen Augenblicken gewährt. Und beten wir weiter für die Heiligkeit aller Familien auf der Welt, damit die Ergebnisse der Synode sie ermutigen, in ungebrochener Treue zu den heilbringenden Plänen Gottes zu leben, die er selbst in den innersten Kern der Ehe und der Familie eingeschrieben hat.

Es ist mein Wunsch, dass ihr innehaltet bei der Betrachtung der Weisheit der heiligen Kirche, die das Hochfest Allerheiligen mit dem Gedenken an alle verstorbenen Gläubigen am folgenden Tag so eng verbunden hat. Verkostet die himmlische Freude, die die Liturgie dieses Monats – und eigentlich des ganzen Jahres – durchdringt.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Rom, 1. November 2015

P.S. In wenigen Tagen werde ich mich in der Klinik der Universität von Navarra einer Operation unterziehen. Ich werde sehr vereint mit Euch allen sein und hoffe, dass Ihr mich mit der Kraft Eures Gebetes unterstützt.


[1] 1 Kor 15, 31

[2] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 738

[3] Papst Franziskus, Ansprache bei einer Generalaudienz, 17.6.2015

[4] Weish 1, 13

[5] Röm 5, 12

[6] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 897

[7] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1010

[8] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 739

[9] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einer Betrachtung, 13.12.1948

[10] Ebd.

[11] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 17.6.2015

[12] Vgl. Ps 27, 8

[13] Papst Franziskus, Ansprache bei der Generalaudienz, 17.6.2015

[14] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einem Familientreffen, 23.6.1974

[15] Hl. Josefmaria, Im Feuer der Schmiede, Nr. 769

[16] Messbuch, Präfation von den Verstorbenen (I)

[17] Hl. Josefmaria, Aufzeichnungen aus einer Betrachtung, 13.12.1948

Titelfoto von GideoTsang (cc)

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