Pfeifen im Walde: Vatikan hofft auf Frieden in Syrien

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Kardinal Pietro Parolin

Der Vatikan drängt auf einen neuen Anlauf zu einem Waffenstillstand für Syrien. Gleichzeitig soll der sogenannte „Islamische Staat“ bekämpft und beseitigt werden, damit die geflohenen Christen in ihre Heimat zurückkehren können. Das sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin auf einer Syrien-Konferenz in Rom an diesem Wochenende.

„Hoffen wir, dass sich die Lage in die richtige Richtung bewegt, so dass vor allem ein Waffenstillstand erreicht wird, dann ein Ende des Kriegs und schließlich eine Lösung auf dem Verhandlungstisch! Das ist das Hauptanliegen des Heiligen Stuhls: dass sich die streitenden Parteien wirklich zusammensetzen und gemeinsam um einen Ausweg bemühen. Darauf hoffen wir. Und wir hoffen auch, dass die neue Weltlage, die sich durch die Wahl des neuen Präsidenten in den USA ergeben hat, das begünstigen wird.“

Parolin führt das nicht weiter aus. Ein militärisches Eingreifen der USA in den Syrienkrieg wünscht sich der Vatikan nicht. Als US-Präsident Barack Obama vor drei Jahren einmal laut über diese Option nachdachte, organisierte Papst Franziskus prompt einen Tag des Fastens und Betens für den Frieden in Syrien und auch im Irak. Dabei wurde ziemlich deutlich, dass er gegen ein US-Eingreifen auf dem syrischen Kriegsschauplatz war. Kirchenleute in Syrien betonen immer wieder, die Syrer müssten ohne die Beteiligung ausländischer Mächte – etwa Russlands, Saudi-Arabiens oder des Iran – selbst einen Frieden für ihr Land finden.

„Natürlich hoffen wir, dass eine umfassende Lösung auch für die Christen eine Lösung mit sich bringt“, so Parolin weiter: Sie sollen auf vollgültige Weise Bürger ihrer Heimat und ihres Staates sein dürfen und mitmachen dürfen beim Wiederaufbau ihrer Gesellschaft, zusammen mit den anderen Bürgern. Sie sollen sich als Teil ihrer Gesellschaft fühlen dürfen.“

Der Regierungschef des Vatikans und engste Mitarbeiter des Papstes äußerte sich auf einer dreitägigen Konferenz mit dem Titel „Damaskus, Prisma der Hoffnung“. Mit dieser Konferenz feierte das Päpstliche Ostkircheninstitut „Orientale“ sein hundertjähriges Bestehen. Das mit der „Hoffnung“ im Titel der Konferenz hat etwas vom Pfeifen im Walde, das wurde in den Vorträgen und Gesprächen immer deutlicher. Kardinal Leonardo Sandri, Präfekt der Kongregation für die Ostkirchen, dachte vor allem an die verzweifelte Lage der in Ost-Aleppo eingeschlossenen 250.000 Menschen.

„Leider erfüllen uns alle Nachrichten, die von dort kommen, mit Schaudern und Angst. Wir teilen den furchtbaren Schmerz unserer Geschwister in Aleppo und im ganzen Nahen Osten. Das Panorama ist negativ und düster; trotzdem setzen wir auf Frieden, auf Verständigung, Dialog, auf ein Auskommen aller Menschen und Religionen. Mögen vor allem die Christen immer für eine Art Gleichgewicht in dieser Region sorgen.“

Auch die Christen im Heiligen Land sind solidarisch mit ihren Glaubensgeschwistern in Syrien und dem Irak. Das betonte der neue Apostolische Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, der Franziskaner Pierbattista Pizzaballa. „Es gibt bei uns nicht einen Christen, der nicht von seinen Geschwistern in Syrien und im Irak spricht. Diese Solidarität zu sehen, ist etwas sehr Schönes. Sie ist auch konkret, mit Kollekten und Gebetswachen. Unsere Christen bewundern das Zeugnis, das die Christen in Syrien und im Irak geben; das ermutigt sie dazu, trotz ihrer eigenen vielen Probleme im Heiligen Land nach vorn zu blicken.“

Schon klar: Das Desaster in Syrien und dem Irak hat den ewigen Palästina-Konflikt in der öffentlichen Aufmerksamkeit nach hinten rutschen lassen. Pizzaballa sagt: „Wie im ganzen Nahen Osten gibt es auch im Heiligen Land – in Israel und Palästina – im Moment mehr Extremismus. Und das ist beunruhigend, weil das nicht mehr nur Episoden sind wie früher, sondern weil dahinter immer mehr eine Ideologie zum Vorschein kommt, die uns allmählich beunruhigt. Ich glaube allerdings, dass man diese Lage noch in den Griff bekommen kann. Anders als im Rest des Nahen Ostens – da ist sie längst außer Kontrolle…“

(rv 14.11.2016 sk)

Parolin über Trump: „Warten wir ab, welche Entscheidungen er treffen wird“

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Donald J. Trump (Photo: 2016) / Wikimedia Commons – Michael Vadon, CC BY-SA 4.0

Kardinalstaatssekretär über mögliche Gesprächspunkte mit dem 45. Präsident der USA: Frieden, Religionsfreiheit, Engagement der Katholiken, Schutz der sozial Schwächsten

„Warten wir ab, um zu sehen, welche Entscheidungen Donald Trump während seiner Amtszeit treffen wird. Geben wir ihm die Zeit, um zu beginnen.“ Dies erklärte der Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am Donnerstag gegenüber den Medien mit Blick auf das Projekt des neugewählten US-Präsidenten Donald Trump, eine Trennmauer entlang der Grenze zu Mexiko zu bauen um die illegale Einwanderung zu stoppen. Laut Trump sei sie eine ‪„Plage“ der amerikanischen Gesellschaft.

Der italienische Purpurträger sprach am Rande der Pressekonferenz in der Generalkurie des Jesuitenordens in Rom zur Vorstellung des Buches von Pater Antonio Spadaro ‪„Nei tuoi occhi è la mia parola“ (‪„In deinen Augen ist mein Wort“).

Kardinal Parolin wurde von den Journalisten an die Worte des Papstes erinnert, die er während der sogenannten ‪„fliegenden Pressekonferenz“ am Ende seiner Mexiko-Reise gesagt hatte, dass‪ ein Mensch, der nur daran denke, Mauern zu bauen und nicht Brücken, nicht christlich sei. ‪„Dieser Mensch ist kein Christ, wenn er das so sagt. Man muss aber sehen, ob er das wirklich so gesagt hat, nicht wahr?“, hatte Papst Franziskus noch hinzugefügt.

‪„Vom Prinzip (des Papstes) her sind wir alle einig“, sagte Parolin, ‪„aber warten wir ab. Es geht jetzt darum zu sehen, welche Entscheidungen er während seiner Amtszeit treffen wird. Geben wir ihm mindestens einige Tage… geben wir ihm die Zeit, um zu beginnen.“

Der Kardinalstaatssekretär bekräftigte weiter seine Bemerkungen vom Mittwoch über den Sieg Donald Trumps. ‪„Wir hoffen, dass diese Wahl, über die sowohl positive Erwägungen als Befürchtungen ausgedrückt wurden, zum Frieden verhelfen möge“, erklärte Parolin. ‪„Heute brauchen wird dies. Es ist notwendig, dass sich die amerikanische Führung immer mehr dafür einsetze, um Wege des Dialogs und der Verhandlung zu suchen und die vielen Konflikte zu lösen, die die Welt zerreißen.“

Laut Parolin, gebe es schon Gesprächspunkte mit dem Vatikan, insbesondere der Friede, der eine der Grundthemen sein solle. Weiter gebe es auch interne Themen, wie die Religionsfreiheit, den Einsatz der Katholiken, sowie die Aufmerksamkeit für die sozial Schwächsten.

Was dagegen die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und China betrifft, war der Kardinalstaatssekretär sehr zurückhaltend. ‪„Wir arbeiten daran. Wir hoffen, dass dieser Tag kommen wird, aber die Zeiten kann ich nicht vorhersehen“, sagte er den Journalisten.

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Quelle

Auch der Vatikan gratuliert Trump – und mahnt zur Einheit

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Der Vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin

Auch der Heilige Stuhl hat Donald Trump zu seiner Wahl zum US-Präsidenten gratuliert. „Wir nehmen die Wahl des amerikanischen Volkes mit Respekt zur Kenntnis“, erklärte der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin an diesem Mittwoch in einer ersten Reaktion. Er lobte die hohe Wahlbeteiligung. „Und dann gratulieren wir dem neuen Präsidenten in der Hoffnung, dass sein Dienst Früchte tragen wird.“ Parolin versprach Trump Gebet „für seinen Dienst an seinem Land, aber auch am Wohlergehen und Frieden in der Welt“ und rief zur Einheit auf. Es sei wichtig, „dass alle zusammenarbeiten, um die von großen Schwierigkeiten und Konflikten geprägte Weltlage zu ändern“.

(rv 09.11.2016 sk)

Solidaritätsbesuch in der Ukraine: Parolin traf Poroschenko

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Solidaritätsbesuch in der Ukraine: Parolin traf Poroschenko

Im Rahmen seines fünftägigen Besuchs in der Ukraine hat der vatikanische Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Kiew getroffen. Kardinal Parolin habe dem ukrainischen Präsidenten den Reisezweck erläutert: es gehe ihm darum, die Solidarität des Heiligen Stuhls zu bekunden, hieß es im Redemanuskript Parolins. Dies sei auch der Grund, weshalb Papst Franziskus ihn extra in die Ukraine geschickt habe, um bei dem mehrtätigen Besuch mit den politischen und religiösen Verantwortlichen zusammenzutreffen. Es gehe auch um konkrete Umsetzung der Hilfe, die durch die von Franziskus angeregte europaweite Spende vom 24. April zustande gekommen ist.

Mit dieser habe der Papst den Ukrainern seine Nähe bekundet und mit Parolins Besuch auch „in besonderer Weise unterstrichen“, sagt im Gespräch mit Radio Vatikan das Oberhaupt der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.

„Es war für uns sehr wichtig, dass Kardinal Parolin hier bei uns von einem ,vergessenen Krieg´ gesprochen hat. Ich selber bezeichne diese Situation seit einem Jahr so. Als der Papst die Sonderkollekte ankündigte, waren ja viele in Westeuropa überrascht, weil sie dachten, dass der Krieg vorbei sei. Dem ist leider nicht so.“

Es herrschten im Übrigen sehr viele Konflikte auf der Welt, die in Europa in Vergessenheit geraten und die weiterhin im Gange seien, fügt Großerzbischof Schewtschuk an. Seine Heimat erlebe derzeit eine schwierige Wiederaufbauphase, die auch von der katholischen Kirche mitgetragen werde, fügt er an. Dennoch dürfe man die Zahlen nicht übersehen: Millionen Binnenflüchtlinge und über 9.000 Kriegstote in zwei Jahren Krieg im Donbas.

„Ich hoffe, dass der Besuch von Kardinal Parolin auch die diplomatischen Beziehungen fördern kann, um den Konflikt in unserem Land ein Ende zu bereiten. … Diese persönliche Geste des Papstes – also die Sendung des Kardinalstaatssekretärs – ist nicht eine abstrakte Hilfe, sondern es zeigt, wie ein Vater seine Kinder liebt und diese Kinder sind die Menschen in der Ukraine. Dieses Gefühl der Nähe ist mehr wert als jegliche materielle oder finanzielle Hilfe und andererseits zeigt der Papst, dass er für ein schnelles Ende des Krieges eintritt.“

Dies seien auch die Worte von Kardinalstaatssekretär Parolin vor dem Rat der ukrainischen Kirchen in der südöstlichen Stadt Saporischja vor wenigen Tagen gewesen. Die fünftägige Reise Parolins endet am Montag. Neben Saporischja und Kiew steht auch die westukrainische Metropole Lemberg auf dem Reiseprogramm.

(rv 18.06.2016 mg)

Kurienreform: Parolin möchte „Beispiel ständiger Umkehr sein“

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Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der „Zweite Mann“ im Vatikan, hat zum ersten Mal ein längeres persönliches Interview gegeben. Gegenüber Radio Vatikan spricht der 61 Jahre alte aus Norditalien stammende Kardinal unter anderem über seine Berufung, seine Sicht auf Priesteramt und Zölibat, über die Kurienreform und über den Auftrag an die Gläubigen aller Religionen, Gewalt im Namen Gottes abzulehnen. Das Gespräch führte der italienische Rogationsistenpater und Journalist Vito Magno. Erste Frage: Kann man gleichzeitig Diplomat und Priester sein?

„Ich denke schon, sonst wäre ich nicht hier und hätte auch nicht hinnehmen können, in einem so besonderen Ambiente des Lebens der Kirche zu wirken. In den Jahren der Priesterausbildung hatte ich ganz andere Vorstellungen über mein zukünftiges Amt. Ich dachte, als Priester würde ich in der Pfarrei oder im Seminar arbeiten. Tatsächlich war ich einige Jahre Kaplan, bis eines Tages zu meiner Überraschung die Dinge einen anderen Verlauf nahmen. Mein Bischof wurde darum gebeten, mich für den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhles freizustellen. Ich habe das nie als unvereinbar mit dem priesterlichen Dienst empfunden. Vor allem habe ich mich immer bemüht, auch in besonders dichten Arbeitszeiten Priester zu sein. Und ich habe mir immer vorgenommen, die Diplomatie als Priester zu leben. So habe ich bei mehreren Gelegenheiten bemerkt, dass ich in dieser Rolle auch einmal ein Wort sagen konnte, wo andere keine Stimme hatten, das zu tun; ein Wort, das die Dinge vielleicht nicht verändert hat, aber das in dem Moment wichtig war zu sagen. Natürlich sind die Wege, anderen zu helfen, vielfältig, aber auch im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhles kann man das Evangelium verkünden und mit seinen Werten die Gesellschaft tränken.“

Vor seiner (Rück-)Berufung in den Vatikan war der damalige Erzbischof Parolin als Nuntius in Venezuela tätig. „Den christlichen Gemeinschaften zu begegnen, für sie die Eucharistie zu feiern, Sakramente zu spenden, undsoweiter, das waren die schönsten Momente“, erinnert sich Kardinalstaatssekretär. „Ich denke mit innerer Bewegung daran zurück und trauere diesen Momenten ein wenig nach.“ Sein heutiges Amt an der Spitze des vatikanischen Staatsekretariats empfinde er zugleich als Geschenk und Verantwortung, fuhr Parolin fort.

Kurienreform: Der Staatssekretär muss Vorbild sein und Umkehr leben

„Es ist wirklich eine große Gabe des Herrn, dem Nachfolger Petri nahe zu sein in der Aufgabe, die Geschwister im Glauben zu stärken und sie in der Einheit der Kirche vereint zu halten, aber ich erlebe das auch als große Verantwortung, damit ich dazu in der Lage sein kann, einen möglichst kompetenten und wirksamen Beitrag zu leisten, in diesem so schwierigen und komplexen Augenblick, den die ganze Menschheit erlebt. Außerdem besteht Papst Franziskus sehr auf der missionarischen Dimension der Kirche und auf der Notwendigkeit, ihre Strukturen zu reformieren, beginnend bei der römischen Kurie, damit sie die Transparenz Jesu wird, und so begreife ich die Aufgabe als Staatssekretär als einen besonderen und dringenden Aufruf, ein glaubwürdiger Zeuge zu sein und eine beständige und aufrichtige Haltung der Umkehr einzunehmen. Überdies möchte ich gerne dazu fähig sein, nach dem Vorbild des Papstes, immer, auch in ganz bürokratischen Fragen, das annehmende und barmherzige Antlitz der hierarchischen Kirche zu zeigen.“

Viele Menschen auf seinem Weg seien ihm Vorbild gewesen, sagte Parolin. „Wie sehr wir das gute Beispiel brauchen! Weniger Worte und mehr gutes Beispiel!“ Er nannte seine Herkunftsfamilie, Vater, Mutter und Geschwister, bei denen er einen tiefen Glauben und ein wahrhaft christliches Leben, „einen Alltag, durchtränkt mit biblischen Werten“ erlebt habe. Trotz aller Grenzen, die es in jeder menschlichen Erfahrung gebe: „Der Herr hat mir wirklich eine schöne Familie gegeben. Zum Zweiten danke ich meinem Pfarrer, einem Priester, der in mir den Wunsch entstehen ließ, so zu sein wie er.“ Irgendwelche „besonderen Zeichen“ seiner Berufung wollte Parolin nicht vermelden: „Ich fühle mich da ganz normal. Meine Geschichte ist die eines Jungen, den der Herr in ganz normalen und geläufigen Lebensumständen gerufen hat, und der die Gnade hatte, in seinem Umfeld auf Menschen zu treffen, die es verstanden, ihm zu helfen und den Samen der Berufung wachsen und reifen zu lassen.“

„Berufung und Sendung des Priesters ändern sich nie“

Die Priesterweihe empfing Pietro Parolin in der Kathedrale von Vicenza im April 1980. In den 36 Jahren seither hätten sich „soziologisch viele Dinge verändert“, so der Kardinal, und sei es „logisch“, dass auch von Seite der Priester „eine Anstrengung zur Anpassung an die neuen Lebensbedingungen nicht fehlen darf“. Schon Papst Johannes XXIII. habe seinerzeit von „Verheutigung“ gesprochen.

„Ich glaube aber, dass die Berufung und die Sendung eines Priesters immer dieselben bleiben: den Menschen Gott bringen und die Menschen zu Gott bringen. Und nicht zu irgendeinem Gott, sondern zum Gott Jesu Christi, zum Gott der Frohen Botschaft. Das ist ein Auftrag, der sich nicht ändert in den Situationen und historischen Umständen. Ein Auftrag, der heute noch dringender wird, wo sich der Horizont des Glaubens zu verdunkeln scheint und unsere Welt sich immer mehr zu säkularisieren droht. Der Priester muss ein Mann Gottes sein, ein glaubwürdiges und möglichst leuchtendes Zeichen Seiner Gegenwart der Liebe und des Heils in der Welt, eine Brücke, die die Begegnung mit dem erlaubt, der allein dem Leben Sinn und volle Bedeutung geben kann, dem, der die tiefsten Fragen beantworten kann und der lehrt, sich für alle einzusetzen, besonders für die Armen und die Verlassenen.“

Ein solches Priesterbild müsste auch in den heutigen Seminarien vermittelt werden, fuhr Parolin fort. Die Ausbildung dort hätte die zukünftigen Priester darauf vorzubereiten, „die Armen zu evangelisieren und sich von den Armen evangelisieren zu lassen. Und das kann man nicht tun, wenn man nicht die Augen offen hält für ihre Lebensbedingungen, und wenn nicht diese Lebensbedingungen, die oft folge der Ungerechtigkeit sind, uns nicht beständig das Herz verletzen. Die größte Gefahr scheint mir da die Gleichgültigkeit zu sein, Frucht der Gewöhnung. Als Priester müssen wir uns von jedem Leiden ansprechen lassen, von jedem Schmerz, jeder Armut, materiell oder geistlich.“

Grund für Missbrauch: „Nicht Zölibat, sondern affektive Unreife“

Angesprochen auf den Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Priester und den Zölibat, der in diesem Zusammenhang oft kritisch hinterfragt wird, räumte Parolin ein, die priesterliche Ehelosigkeit sei heutzutage schwieriger als in früheren Zeiten. „Dennoch ist und bleibt der Zölibat ein großes Geschenk, das der Herr der Kirche gemacht hat, für das wir tief dankbar sein müssen, und sicherlich ist nicht der Zölibat als solcher Ursache des Missbrauchs durch Priester. Ursachen sind die Unreife und Schwäche der Menschen, ihre Arglist, ihre mangelnde Ausbildung. Eine der ersten Anstrengungen ist eine ernste und wirksame Erziehung der Affekte, von der Familie über die Schule bis zum Seminar; es geht um die Ausreifung der Liebe, die ein Geschenk ist und ganz gelebt werden kann sowohl in Form der Ehe als auch in Form des Zölibats.“

Auf die Frage nach Barmherzigkeit und Religion sagte Kardinal Parolin, Barmherzigkeit als Haltung könnte und müsste auch in anderen Religionen ein Echo finden. „Die Gedanken gehen zum schrecklichen Phänomen der Rechtfertigung von Hass und Gewalt im Namen Gottes. Es gibt Spielraum, mehr noch, es gibt eine Pflicht der Gläubigen aller Religionen, , diese Entartung der Religion zu bekämpfen und konkret, allein und vor allem gemeinsam zu beugen, dass Gott Barmherzigkeit und Liebe ist.“

Zum Schluss des Gesprächs stellt der Journalist dem Kardinalstaatssekretär eine sehr persönliche Frage nach dem Grund seines beständigen Lächelns; in der Tat sieht man Pietro Parolin auf nahezu jedem Foto freundlich. „Abgesehen von meinem Charakter, der die Dinge vereinfacht“, sagt der Kardinal, „fühle ich, dass mein Leben in den Händen des Herrn ist, dass er meine Geschichte und die der Welt lenkt, hin zu Frieden und Heil, dass er mich mag und, um es mit Manzoni zu sagen, niemals eine Freude nimmt, außer um eine größere vorzubereiten. Und dann spüre ich die Unterstützung so viele Menschen im Gebet. Und so würde ich gerne voranschreiten in den Jahren, die mir bleiben, bis zur Begegnung von Angesicht zu Angesicht.“

(rv 09.01.2015 gs)