Was bedeutet Reform in der Kirche?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche. Er war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. 25.10.2017 Foto: KNA

Nur der erste Schritt zur Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils? Eine Betrachtung zum Reformationsgedenken.

Von Gerhard Kardinal Müller

Als „Reformation“ bezeichnet in einer groß angelegten Studie der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Epoche zwischen 1490–1700, als deren Ergebnis die religiöse und politische Zersplitterung der abendländischen Christenheit vor uns steht. Je nach Standpunkt fällt die Bewertung dieser geschichtlichen Vorgänge unterschiedlich und gegensätzlich aus. Manche sehen ganz vom Inhalt des christlichen Glaubens ab und deuten die protestantische Reformation zusammen mit der katholischen Reform und Gegenreformation als Pluralisierungsprozess am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Im Sinne eines linearen Fortschrittsglaubens wird die historische Reformation zum Vorläufer und Ideengeber einer Entwicklung, die sich in der Aufklärung und Neuzeit vollendet. Was aber ist das Wesen der Neuzeit: Der Mensch ohne Gott oder der Mensch im freien Gegenüber zu Gott? Die Reformation führt demnach unter Absehung ihres eigentlichen religiösen Anliegens letztlich zu einer säkularen Weltsicht hin, in der die religiöse Option überhaupt und die christliche speziell selbst nur eine unter vielen ist.

Somit wäre die Reformation nur der erste Schritt zu einer Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils, die mit der eschatologischen Selbstoffenbarung Gottes ein für allemal in die Welt eingetreten ist. Die Reformatoren wollten dagegen nicht den Weg zu einer Entchristlichung der Gesellschaft und einer Entkirchlichung der Christengemeinde bahnen. Sie wollten die Erneuerung der Kirche gemäß dem Evangelium wie sie es verstanden. Damit traten sie zwar in einen Gegensatz zur katholischen Sicht auf Evangelium und Kirche, aber sie bildeten keine Koalition mit der beginnenden säkularen Kultur seit der Renaissance, wie sie kulturprotestantische Interpretation des historischen Ereignisses der protestantischen Reformation und der Revolution gegen die katholische Kirche es wollte.

Darum sind die alten konträren und polemischen Charakterisierungen einer evangelischen Kirche des Evangeliums, der Freiheit, des Gewissens, des Wortes gegenüber der katholischen Kirche des Gesetzes, des Gehorsams, der Autorität und der Sakramente, wie sie aus einer oberflächlichen Interpretation der Gerechtigkeit aus dem Glauben oder den Werken stammen, der Sache nach hinfällig.

Die Christen aller Konfessionen sind aber trotz aller Kontroversen, was Lehre, Leben und Verfassung der Kirche angeht, eins im Glauben an die endgültige und unüberholbare Selbstmitteilung Gottes in seinem Wort, dem Sohn des Vaters, der unser Fleisch angenommen und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten das Reich Gottes für immer aufgerichtet hat. Unter diesem Gesichtspunkt verbindet das gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft und der einzigen Heilsmittlerschaft Christi das katholische und das evangelische Christentum und trennt die Kirche nicht in eine vermeintlich mittelalterlich rückständige und eine vermeintlich der Moderne kompatible Form ihrer geschichtlichen Realisierung. Die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug der gekommenen und sich im kommenden Christus erfüllenden Gottesherrschaft kann durch die Mächte des Todes und des Bösen nicht überwältigt werden. So hat Jesus es seinen Jüngern mit Simon Petrus an der Spitze einst bei Cäsarea Philippi verheißen (vgl. Matthäus 16, 18). Wenn in Christus die Fülle der Zeiten gekommen ist, kann es über ihn hinaus nichts Neues geben, das ihn überholt oder das seine Botschaft veralten lässt. Die Kirche ist aber als der Leib Christi mit ihrem Haupt so eng verbunden, dass sie immer an seinem Leben Anteil hat und durch seinen Geist verlebendigt wird, so dass sie nie völlig von ihm abgetrennt werden kann, und sozusagen einer Neugeburt und Neustiftung bedürfte. „Denn Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben, um sie durch das Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen.“ (Epheser 5, 25f).

So wie die Ehe von Mann und Frau in Christus unauflösbar ist und trotz möglicher Krisen immer aus dem Quell der Liebe erneuert wird, so wendet sich Christus von der Kirche nicht ab trotz der Sünden und Verfehlungen ihrer Glieder. So wie der Ehemann mit seiner Frau ein Leib ist, so gilt auch von Christus, dem Haupt der Kirche, dass „er seinen eigenen Leib nicht hasst, sondern die Kirche nährt und pflegt, denn sie ist sein Leib“ (Epheser 5, 29). Reform bedeutet nicht Veränderung der von Christus seiner Kirche eingestifteten Lebensvollzüge in Martyria, Leiturgia und Diakonia, sondern die Erneuerung der Glieder des Leibes Christi im Leben, das vom Haupt auf den Leib seiner Kirche übergeht. Reform ist kein Weg zurück ad fontes im Sinne des Humanismus und der Renaissance mit dem Überlegenheitsdünkel derer, die die griechischen, hebräischen und lateinischen Urtexte der Bibel, der Kirchenväter und der heidnischen Autoren der Antike philologisch sich besser aneignen konnte als ihre Vorfahren auf den Lehrstühlen oder gar als das gemeine Volk. Erneuerung in Christus ist ein Weg nach vorn dem kommenden Herrn entgegen, damit wir wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegengehen und zum Herrn in den Hochzeitssaal eintreten dürfen (vgl. Matthäus 25, 10).

Reform im theologischen Sinn hat nichts mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters in grauer Vorzeit zu tun, das man wieder herstellen will. Auch jede Deutung der Kirchengeschichte nach dem Schema des Abfalls vom reinen Ursprung oder der bloß positiven Entfaltung nach vorne hin, scheitert am Glauben an die eschatologische Gegenwart des Heils in Christus und dem Wissen um die Dramatik von Welt- und Kirchengeschichte zwischen der civitas Dei und der civitas terrena. Christus ist das unvergängliche Licht Gottes in der Welt. Aber die Kirchengeschichte bewegt sich zwischen Licht und Schatten. „Die Kirche ,schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Korinther 11, 26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird …“ (Lumen Gentium 8) Auf die Frage der Gnostiker, was denn mit Christus unüberbietbar Neues gekommen sei, antwortete Irenäus von Lyon im zweiten Jahrhundert: „Er hat nur Neues gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte, um den Menschen zu erneuern und zu beleben“. Omnem novitatem attulit semetipsum afferens… quoniam novitas veniet innovatura et vivificatura hominem. (Adversus haer. IV, 34, 1)

Christus kann durch innerweltlichen Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Gesellschaftsordnung weder überboten noch eingeholt werden. Die Fülle des Heils und der Wahrheit ist allen Menschen in Christus von Gott seinem Vater für immer vermittelt worden. Im Heiligen Geist wird die Kirche zu einer immer tieferen Einsicht in die geoffenbarte Wahrheit eingeführt. Darum gibt es trotz der Fülle der Zeiten, die in Christus verwirklicht worden ist, einen gemeinschaftlichen und individuellen Fortschritt und eine jeweils andere Form der Inkulturation des Christentums und damit das Entstehen neuer christlicher Kulturformen. Er handelt sich – der inkarnatorischen und sakramentalen Präsenz der Wahrheit und des Heils gemäß – nicht um eine mechanische Weitergabe, sondern um eine lebendige Tradition der apostolischen Lehre, die lebt und geistiges und geistliches Leben weckt. Das kirchliche Lehramt hat darum weder eine konservative noch eine innovative Funktion je für sich. Im Zusammenwirken beider zeigen sich vielmehr die Treue zur Endgültigkeit der Offenbarung und das Wachstum der Kirche im lebendigen Glauben ihrer Glieder.

Das Zweite Vatikanische Konzil bringt dieses Spannungsgefüge auf den Begriff, wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum“ erklärt: „Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr ,eigenes Lehramt überliefert‘ (Irenäus von Lyon, Adv. haer. II,3,1)… Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Progressus; es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lukas 2, 19.51), durch die innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.“ (DV 7 und 8)

Nach der in den Worten Jesu begründeten katholischen Glaubensüberzeugung widerspricht eine Vielheit von entgegengesetzten Konfessionen der Einheit der Kirche in der geoffenbarten Wahrheit. Da die Kirche der Leib Christi ist, der von Christus selbst als Haupt dieses Leibes in den vielen Glieder zusammengehalten wird, kann es im Glauben und im sakramentalen Leben nur eine Kirche geben. Die Kirche ist ein „Geist und Leib“ und es gilt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Epheser 4, 4ff).

Auch Martin Luther, Huldrych Zwingli und Jean Calvin, die diese historische Epoche der Reformation wesentlich beeinflusst und auf den Weg gebracht haben und darum als „Reformatoren“ bezeichnet werden, wollten keineswegs die Einheit der Kirche zugunsten einer Vielzahl von Konfessionen aufgeben. Ihr Ziel war die Reform und Erneuerung der bestehenden und von Christus in der Geschichte gestifteten Kirche im Geiste ihres göttlichen Gründers und ihres lebendigen Hauptes. Ihre Methode war die Reinigung der Kirche Christi von dogmatischen Irrtümern, die eine das Heil gefährdende Praxis von Missständen und Missbräuchen hervorgebracht hätten. Nicht die Verbesserung des moralischen und geistlichen Lebens und die Modernisierung der menschlichen Einrichtungen der Kirche (Universitäten, Armenpflege, Auswahl und Ausbildung der geeigneten Kandidaten für das geistliche Amt) und der Kampf gegen die Verweltlichung der Kirche war Anlass zur Trennung der Anhänger Luthers, Zwinglis und Calvins von der Kirche um den Papst und die Bischöfe, sondern die Behauptung, die Kirche habe im Glauben schwer geirrt und habe durch ein falsches Sakramentenverständnis das Heil der Gläubigen in die größte Gefahr gebracht, bedeutete den Wendepunkt von einer Reform in der Kirche zur Reformation, die eine andere Kirche hervorbrachte.

Hier stehen wir an dem Punkt, an dem katholisches und protestantisches Verständnis von Reform der Kirche auseinandergehen. Wenn die Kirche von der Offenbarung abfallen kann und allein die Heilige Schrift das Kriterium für die rechte Lehre und Praxis ist, dann gilt es, die Kirche dem Wort Gottes gemäß zu reinigen und zu reformieren in Lehre, Leben und Verfassung. Wenn aber nach katholischer Lehre die Kirche nicht von der Offenbarung abfallen kann, dann kann es Reform nur geben in der Gestalt der Erneuerung und der Vertiefung. Protestantisch gibt es eine Reformation der Kirche, also eine tiefgreifende Umformung der Kirche nach Gottes Wort. Katholisch dagegen gibt es eine Reform in der Kirche, indem Papst und Bischöfe, Priester und Ordensleute und alle Laien in ihrem Leben aufgerufen sind, ihrer Berufung besser zu entsprechen. Weil die Reformatoren überzeugt waren, dass die Kirche mit dem Papst und den Bischöfe an der Spitze in der zentralen Lehre von der Erlösung und der Rechtfertigung des Sünders vom Evangelium Christi abweiche, kamen sie zur Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation und substanziellen Umformung der Kirche, die einer ganz anderen Kategorie von Reform angehört, wie sie bisher in der Kirche durchgeführt worden waren.

Es sei erinnert an Reformen in der katholischen Kirche wie zum Beispiel die karolingische Renaissance, die im wesentlichen eine Reform der theologischen Bildungseinrichtungen bedeutete. Die Gregorianische Reform zielte auf die Befreiung der Kirche aus dem Korsett der Feudalgesellschaft und des Eigenkirchenwesens. Ihre Ziele waren der Kampf gegen Simonie, Laieninvestitur und für den Priesterzölibat. Es gab die großen Klosterreformen (Gorze, Cluny, Hirsau, Windsheim, Melk) und die neu entstehenden Orden, die einem spezifischen Charisma entsprechen und eine Antwort auf besondere Herausforderungen angesichts von kirchlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen entsprechen. Es sind bekannt die Reformen der Studienordnungen und Seminarien nach dem Trienter Konzil. Wir kennen die Bischöfe, die dem Trienter Ideal des Hirten mit apostolischem Eifer entsprechen wollten (Kardinal Carlo Borromäus von Mailand, Erzbischof Toribio von Mongrovejo; Kardinal Gregorio Barbarigo von Padua).

In den großen Ordensgründungen des heiligen Dominikus und des heiligen Franziskus ging es um die Erneuerung der apostolischen Predigt, eine angemessene Seelsorge in der aufstrebenden Stadtkultur und für die akademischen Jugend wie auch um das Lebensideal der evangelischen Armut und Demut. Im 19. und 20. Jahrhundert hat die Kirche mit neuen Orden und der Entwicklung ihrer Sozialllehre großartige Beispiele ihrer Anpassungsfähigkeit ihrer Mentalität und Struktur gegeben.

Fortsetzung folgt

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Quelle

Ein Kommentar zu “Was bedeutet Reform in der Kirche?

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