Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

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Kapitel III

Die Grotte – Maria vom Sieg

 

„Beginne mit dem Bau!”

Der Rückzug ins Elternhaus veränderte Antonies Leben nur äußerlich. Der Vater übertrug ihr im Hause und im Ge­schäft, was sie zu leisten vermochte. Das und die Erinnerung an den fluchtartigen Rückzug aus Lindau konnten in ihr nicht eine tiefe Sehnsucht nach Einsamkeit und Gebet auslöschen. Eines Tages trat sie an ihren Vater heran und machte ihm fol­genden Vorschlag:

„Vater, ich muss einen einsamen Ort haben, wo ich unge­stört beten kann. Der Weg in die Pfarrkirche ist zu weit. Du weißt um die Notwendigkeit des Gebetes gerade jetzt. Erlau­be mir, auf unserem Grund eine Lourdesgrotte zu bauen! Es soll unser Dank sein für meine wunderbare Rettung. Ich bin überzeugt, dass jener geheimnisvolle Radfahrer in der Nacht in Lindau mein Schutzengel war.“

Der Vater stimmte zu, aber die Familie äußerte Bedenken. Sie befürchtete, dass Antonie mit diesem Bau erneut ihre Geg­ner auf sich aufmerksam machen würde und ihr Leben da­mit wieder in Gefahr geriete.

Antonie überlegte und wartete einen Monat ab. Das zeigt, dass sie in keiner Weise unbedacht war und einfach sponta­nen Neigungen folgte. Sie vertraute sich ihrem seinerzeitigen Seelenführer an. Es war Georg Weiß (1901-1977), der damali­ge Pfarrverweser von Ratzenried, ein sehr vergeistigter, ganz marianischer Priester. Und es ist bemerkenswert, wie er da­rauf einging. Er unternahm seinerseits eine Wallfahrt nach Altötting, betete, fastete, rutschte auf den Knien, das Buß­kreuz auf den Schultern, um die Gnadenkapelle, bis er über den Vorschlag volle innere Klarheit und Sicherheit gewonnen hatte. Die Antwort, die er für Antonie mitbrachte, als er wie­der daheim war, zeigt ein für Wigratzbad bezeichnendes Phä­nomen. Er sagte zu ihr: „Beginne sofort mit dem Bau, oder ich ziehe mich von deiner Leitung zurück!“ Das war beinahe wie ein Befehl. Es zeigt aber auch, dass der Himmel in Wi­gratzbad keine einsame Einzelgängerin auf einen dornenrei­chen Weg berufen hat. Mehrere Menschen erhielten beinahe unerklärliche Anstöße, ihr zu helfen oder ihr beratend zur Seite zu stehen. Antonie war zwar der menschliche Brenn­punkt, aber daneben tauchten immer wieder Personen auf, denen bei der Entstehung eines noch „fiktiven“ Gnadenortes eine ergänzende Rolle zugefallen war.

Die Antwort, die ihr Georg Weiß gab, muss sie sehr glück­lich gemacht haben. Der Geistliche hat übrigens das Aufblü­hen der Gnadenstätte noch miterlebt. Der Bau wurde sofort in Angriff genommen. Nun aber kamen neue Probleme auf, die es zu lösen galt.

Antonies leiblicher Bruder Martin begann die nötigen Stei­ne aus dem nahe gelegenen Fluss, der Laiblach, zu heben und auf den Bauplatz zu karren. Da ließ ein gewaltiges Unwetter den Fluss anschwellen; er trat über die Ufer, vernichtete die Ernte und riss eine eiserne Brücke hinweg, über den die Stei­ne transportiert wurden.

Dann kam ein weiteres Unglück hinzu. Die sechs Metz­gergehilfen und Stallknechte des Hauses, die ab und zu bei den Bauarbeiten mitgeholfen hatten, streikten. Für eine sol­che Arbeit seien sie nicht angestellt worden. Der Bau einer Grotte sei nicht ihre Sache. Sie verließen am gleichen Tag das Haus, ohne die Kündigungsfrist abzuwarten. Die Familie stand mit der ganzen Arbeit allein da.

Das wahre Motiv der Streikenden war jedoch ein anderes. Es überrascht, wie schnell der eigentlich erst geplante Bau der Grotte bereits Antonies Gegner auf den Plan gerufen hatte. Sie streuten in der ganzen Umgebung ein niederträchtiges Gerücht, das eigentlich ihr moralisches Ende hätte sein können. Sie habe – so hieß es – in Lindau von drei Herren 50 000 Mark für den Bau einer Kapelle bekommen. Das Geld habe sie je­doch vertan oder ins Geschäft gesteckt. Mit dem Bau einer Grotte wolle sie nur ihr Gewissen beruhigen. Außerdem hätte sie sündigen Umgang gehabt – in der Sprache von heute wür­de es heißen, sie hätte sexuelle Beziehungen gehabt, die nicht ohne Folgen geblieben seien. Um das Kind abtreiben zu lassen, sei sie zum Schein auf eine Wallfahrt ins Ausland gegangen. Nun erkühne sie sich, hier ein Heiligtum der Unbefleckten Empfängnis zu errichten.

Zu allem Leid kam hinzu, dass ihr Bruder Martin sich im kühlen Wasser erkältet hatte. Der Arzt stellte eine galoppieren­de Kehlkopfschwindsucht fest. Der Hals schwoll an, er konn­te kein Wort mehr reden, nur etwas Flüssigkeit zu sich neh­men, auch das Augenlicht erlosch. Der Arzt meinte, innerhalb von zwei Wochen könnte der Tod eintreten. Martins Frau er­wartete ihr erstes Kind. Die Trauer im ganzen Hause war groß und Antonie musste als Blitzableiter herhalten. Eigensinnig habe sie den Bau der Grotte erzwingen wollen.

Was lag für Antonie näher, als sich in dieser Situation an je­ne Mutter zu wenden, die ihr vor einem Jahrzehnt gesagt hatte: „Komm und diene mir!“, zu der sie ein so inniges Verhältnis besaß. Im Garten betete sie vor einem Bild der Unbefleckten eine Nacht hindurch auf Kieselsteinen kniend, bis die Knie bluteten. „Ich wollte ja nur deine Ehre fördern“, flehte sie, „ich wollte helfen, Sünder zu bekehren, das Vaterland zu retten.“

Es soll schon 4 Uhr in der Frühe gewesen sein, als sie das Haus wieder betrat. Leise klopfte sie an die Tür des kranken Bruders. Die Schwägerin machte auf und erzählte, Martin hätte sie vor einer halben Stunde gerufen, was er vorher gar nicht konnte. Eine Stunde später verlangte er zu essen und zu trinken. Die Geschwulst hatte sich zurückgebildet. Gegen 7 Uhr war auch das Fieber weg.

„Siehst du, was die Mutter Gottes kann“, meinte Antonie lächelnd zu ihrem Bruder. „Du hast recht“, antwortete dieser. „Wenn ich wieder gesund bin, hole ich noch die letzten Stei­ne aus der Laiblach heraus. Ich fürchte mich nicht.“ Als der Arzt, Dr. Frewitz, aus Bregenz kam, zeigte er sich überrascht und machte dann eine Bemerkung, die in diesen Mauern nicht das erste Mal fallen sollte: „Das ist ein wirkliches Wunder! Das ist nur in diesem Hause möglich.“ Es war der unerschüt­terliche Glaube einer jungen Frau, der das alles bewirkte.

Das Standbild

Das Material zum Bau kam zusammen, und der Steinmetz­meister Thronsberg von Wangen begann mit dem Aufbau. Was noch fehlte, war das entsprechende Standbild der Unbe­fleckten Empfängnis von Lourdes. Die Entdeckung dieses Bil­des für Wigratzbad zeigt das Ineinandergreifen verschiede­ner Lebensschicksale, die auf ein Ziel ausgerichtet waren: die Entstehung einer großen Gebetsstätte.

Am 31. Mai 1936 erhielt Antonie in einer inneren Erfah­rung in der hl. Messe, während der Wandlung, und zwar in der kurzen Pause zwischen den Erhebungen der Hostie und des Kelches, einen Hinweis. Sie hörte die Worte: „1,50 Meter. Hole mich!“ Sie konnte damit zunächst nichts anfangen, gab aber dem Steinmetz den Auftrag, eine entsprechende Nische vorzubereiten.

Eine Woche später schickte der Vater sie in einer geschäft­lichen Angelegenheit mit dem Fahrrad nach Wasserburg. Es war ein unfreundlicher, regnerischer Tag, sie wäre lieber daheim geblieben, aber der Vater drängte. In Wasserburg traf sie die gesuchten Leute nicht an und machte sich auf den Heim­weg. Sie hatte den Ort jedoch noch nicht ganz verlassen, da war ihr, als zupfe sie jemand am Mantel und sage ihr: „Steig ab. Hier hole mich!“

Sie stieg ab und schaute sich um. Es war niemand zu sehen, außer einem Mann, der in einem Wiesengraben arbeitete. Deshalb wollte sie weiterfahren, aber das Fahrrad bremste und war nicht in Gang zu bringen. Da erinnerte sie sich an ihre Zeit in Lindau, als sie dort an den Bau einer Grotte dachte, was ihr eine Frau erzählt hatte. Verwandte in Wasserburg wür­den eine große Statue im Hause haben, die für eine Lourdes­grotte bestimmt sei. Das Standbild würde jedes Jahr bei der Fronleichnamsprozession vor das Haus gestellt werden.

So fragte sie den Mann im Graben, ob hier irgendwo eine große Statue der Madonna stehe. Der Angesprochene konn­te ihr das Haus sofort zeigen. Die Familie hieß Hagen. Man nahm sie freundlich auf und sie konnte ihr Anliegen vorbrin­gen. Als man die Tür zur Kammer öffnete, in der die Statue stand, durchfuhr Antonie ein Schauer. Es war genau das Stand­bild, das ihr während der hl. Messe gezeigt worden war: 1,50 Meter groß! Dann erfuhr sie aus dem Munde des Sohnes die Geschichte der Statue.

Der Vater sei ein sehr frommer Mann gewesen. Mehrfach hätte er Lourdes besucht. Nach der letzten Pilgerreise erzähl­te er daheim, er habe auf geheimnisvolle Weise den Auftrag erhalten, in seiner Heimat eine Marienstätte zu errichten. Der Plan wurde ausgearbeitet. Die Grotte sollte in Naturgröße auf­gebaut werden. Gleichzeitig verfasste er eine Broschüre, 188 Seiten, in der er von zwei seiner Wallfahrten nach Lourdes berichtete und die Vorzüge der Andacht zur Unbefleckten Empfängnis schilderte. Ein Gebets- und Liederteil wurde beigefügt. Der Erlös der Schrift sollte den Bau finanzieren. Hin­zu kam eine Spende von 20 000 Mark von einem protestan­tischen Christen.

300 Fuhren Steine waren schon beisammen, die Behörden hatten bereits die Baugenehmigung erteilt. Da widersetzte sich der damalige Pfarrer von Wasserburg dem Vorhaben, erhob bei den Behörden Einspruch und erreichte, dass die Geneh­migung zurückgezogen wurde. Der vorgesehene Platz wurde später für ein Strandbad verwendet. Vater Hagen starb bald darauf an einem Herzschlag, wahrscheinlich aus Kummer über den gescheiterten Plan.

Vor seinem Tode hatte der Mann bei einem italienischen Künstler eine Marmorstatue der Unbefleckten Empfängnis in Auftrag gegeben. Dieser fertigte aber zunächst ein Modell an, und dieses hat die Familie Hagen als Andenken aufbewahrt und verehrt.

Als Antonie ihre Bitte vortrug, das Standbild zu erwerben, stieß sie auf entschiedenen Widerstand der Familie. Sechs­mal fuhr sie hin, sechsmal unternahm sie den Versuch, die Fa­milie umzustimmen, bot ihr sogar einen kostbaren Brillant­schmuck an. Vergeblich. Daraufhin vertraute sie alles der Got­tesmutter an: „Nun übergebe ich dir die Sache. Wenn du willst, dass diese Statue nach Wigratzbad kommt und hier verehrt wird, dann sorge nun du dafür! Ich habe getan, was in mei­nen Kräften lag.“

Einweihung

Trotz der enttäuschenden Absagen überkam sie plötzlich ein gewaltiges Vertrauen. Sie unternahm etwas, was die Fa­milie als Wahnsinn bezeichnete. Sie ging am Sonntag zum Pfarrer von Wohmbrechts und bat ihn, von der Kanzel zu ver­künden, dass am nächsten Sonntag, am Rosenkranzfest, die Grotte eingeweiht werde. „Entwerfen Sie bitte ein Programm für die Feier!“ bat sie ihn. Und der stimmte seltsamerweise zu. Nicht nur das. Er zeigte sich begeistert: „Das muss feierlich gemacht werden. Ich lade die ganze Gemeinde ein. Die Kom­munionkinder erscheinen in weißen Kleidern. Der Kirchen­chor wird singen. Ich freue mich selbst darauf.“

Im Hauptgottesdienst am Sonntag wurde die Weihe an­gekündigt. Antonies Mutter und die Schwägerin, die in der Kirche anwesend waren, trauten ihren Ohren nicht. Daheim überschütteten sie die Tochter mit heftigsten Vorwürfen: „Du lässt die Weihe verkünden und hast noch keine Statue für die Grotte. Man sagt immer, du spinnst. Nun glauben wir es bald selber.“ Sie sollten schon am nächsten Tag eines Besseren be­lehrt werden.

Am Montagmorgen half Antonie beim Einkochen von Äp­feln. Da klingelte das Telefon und die Schwägerin nahm ab. Sie traute ihren Ohren kaum. Angerufen hatte Frau Hagen, die Besitzerin jenes Standbildes, das Antonie so dringend erbeten hatte: „Holt die Statue sofort ab. Mein verstorbener Mann lässt mir keine Ruhe mehr. Ich kann nicht mehr schlafen. Tag und Nacht drängt er mich ohne Unterlass, ich soll die Statue her­geben. Ich habe genug. Holt sie ab und zwar sofort!“

Noch am gleichen Nachmittag holte Antonie die Mariensta­tue ab. Der Frau übergab sie einen kostbaren Brillantschmuck. Er war dem Vater einmal als Pfand für eine Geldanleihe hin­terlegt und nie eingelöst worden. Er hatte ihn Antonie zum Geschenk gemacht. Jetzt gab sie ihn weiter. Die Madonna war ihr unendlich viel mehr wert.

Daheim wurde das Standbild der Gottesmutter in ein Meer von Blumen gestellt und bis zum Sonntag von der ganzen Fa­milie verehrt. Mit ausgebreiteten Armen haben alle den Ro­senkranz gebetet.

In feierlicher Prozession wurde die Statue am Rosenkranz­sonntag 1936 aus dem Hause der Familie zur Grotte hinaufge­tragen. Den Gesang gestaltete der Kirchenchor von Primiswei­ler, die Festpredigt hielt Pfarrer Bernhard von Maria Thann, die Weihe vollzog Ortspfarrer Basch, und eine große Schar von Menschen war dabei, wie sie Wigratzbad noch nie gesehen hatte. Diese festliche Umrahmung für die Weihe einer Grotte auf privatem Boden muss erstaunen. Hier kündigte sich be­reits Größeres an. Eine Gebetsstätte, die einmal über den gan­zen deutschsprachigen Raum und darüber hinaus über Eu­ropa ausstrahlen sollte, zeichnete sich am Horizont ab.

Es galt nun, sie mit Leben zu füllen. Antonie nahm vor der Statue ihre nächtlichen Anbetungsstunden wieder auf. Wäh­rend eine ganze Nation im politischen Rausch versank – wo­für die Olympiade in Berlin ein Beispiel bot – gelobten eini­ge Mädchen, täglich an dieser Grotte den Rosenkranz zu be­ten. Jeden Samstagabend kam die Gruppe zusammen, oft die Nacht hindurch, bis es Zeit wurde, zur Frühmesse nach Wan­gen zu wandern. Man wollte vor allem die Arbeit der Pries­ter in dieser schweren Zeit unterstützen. Man betete auch in der Hoffnung, dass hier einmal die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste verehrt werde.

Und das Ganze blieb nicht nur Frauensache. Am Sonntag­abend fanden sich Männer ein, um die Nacht hindurch zu be­ten. Unter ihnen war der Landwirt Krug aus Kisslegg, dessen Tochter Maria sich nach dem Zweiten Weltkrieg Antonie an­schloss und in ihre Dienste trat. 25 Jahre hat sie entscheidend am Aufbau der Stätte mitgewirkt.

Erzbischof Josef Stimpfle sagte einmal gegenüber dem Ver­fasser, für ihn sei Wigratzbad ein Beispiel dafür, was das Gebet und das Opfer einiger weniger bewirken könne, wenn dahin­ter der Geist totaler Hingabe an die Sache stehe. Die Entwick­lung um die Grotte ist tatsächlich eine Bestätigung dafür. Immer häufiger erzählten Leute, dass ihre Gebete erhört wurden, andere sprachen von außerordentlichen Gnaden, die sie empfangen hätten. Das machte im Volke die Runde. Im­mer mehr Leute kamen, um vor der Grotte ihr Herz auszu­schütten, erst aus der näheren Umgebung, dann aber auch aus der weiteren. Sehr bald zeigte sich, dass man ein bescheide­nes Dach über der Stätte errichten musste, um die Pilger – das waren sie bereits – vor der Witterung zu schützen.

Es ist wie bei einem Arzt, der ein besonderes Charisma hat, Menschen zu heilen. Das spricht sich wie ein Lauffeuer hrum, auch heute noch. In Wigratzbad war eine geheimnis­volle Kraft am Werke, weit mehr als ein Arzt. Das sollte bald eine weitere Bestätigung finden.

Engelchöre

Es war ein paar Tage nach dem Fest Mariä Empfängnis. Um die Mittagszeit drängte es Antonie zur Grotte und einen schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Beim dritten Geheim­nis, „der für uns mit Dornen gekrönt worden ist“, hörte sie auf einmal ein Rauschen, das immer stärker wurde. Es hörte sich an, als käme es von unzähligen Flügelschlägen. Die jun ge Frau schaute zum Standbild, sah aber nichts. Dann hob ein Gesang an, der immer mächtiger wurde und schließlich gewaltig und wuchtig wurde, als würden unzählige himmli­sche Heerscharen um die Grotte versammelt in wundervol­len Akkorden zusammenstimmen. Sie sangen alle: „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Um die fünfzig Mal hörte Antonie die Worte und begann schließlich unwill­kürlich mitzusingen. Wieder schaute sie auf die Statue, aber es hatte sich nichts verändert. Allerdings hatte sie den Ein­druck, als würde Maria lächeln. Dann hob das Singen wieder an, wurde aber allmählich schwächer und verstummte schließ­lich. Antonie kniete auf ihrem Betschemel und wusste nicht, wie ihr war. Sie war wie gebannt. Plötzlich fiel ihr ein, dass man daheim wohl auf sie wartete.

Tatsächlich empfing die Mutter sie mit bitteren Vorwürfen. „Ich war in der Grotte“, antwortete die Tochter, „dort habe ich ein Erlebnis gehabt. Ich war wie gebannt, ich konnte nicht weg.“ Aber wie so oft stieß die Tochter damit bei ihrer eigenen Mutter auf kein Verständnis. „Immer hast du so eigenartige Sachen im Kopf. Du meinst, du wärest etwas Besonderes. Du bist ein dummes Mädchen, hast Grillen im Kopf, sonst nichts.“ Immerhin hatte die Mutter schon einiges mit ihr erlebt, was sie hätte nachdenklich machen müssen. Aber warum soll es Mystikern anders ergehen als ihrem Meister, der in Nazareth lange von Verwandten verkannt und abgelehnt wurde. Anto­nie schwieg, das Beste, was sie tun konnte, ging früh zu Bett, aber ihr Herz zersprang fast vor Freude.

Es ist nicht zu übersehen, dass Antonie bei ihren entschei­denden Erlebnissen instinktiv den Rat mystisch erfahrener Priester gesucht hat. So war es auch in diesem Fall. Ein paar Wochen nach ihrem Erlebnis in der Grotte erfuhr sie von ei­nem sehr vergeistigten Priester. Es war Pfarrer Norbert Feiel, der damals die Gemeinde Eglofs betreute, drei Wegstunden von Wigratzbad entfernt. Er war selber ein von den Nazis Ver­folgter. Eine Zeitlang verbrachte er im Gefängnis, weil er die Gemeinde aufgefordert hatte, nicht mit „Heil Hitler“, sondern weiterhin mit „Grüß Gott“ und „Gelobt sei Jesus Christus“ zu grüßen. Ein ehemaliger Mitarbeiter, B. Dobler, schilderte ihn später als einen Mann mit großem Wissen, als einen unge­wöhnlichen Pädagogen und Menschenkenner. Die hl. Messe hat er stets in tiefer Ergriffenheit gefeiert und eine besonde­re Verehrung für die kleine Theresia von Lisieux gehabt, die, so wird vermutet, ihm auch erschienen sein soll.

Bei diesem nüchternen, aber doch sehr gläubigen Priester suchte Antonie Rat und ein Urteil über ihre innere Erfahrung. Sie sollte nicht enttäuscht werden.

„Ein Teufelsspuk ist es sicher nicht gewesen“, meinte er im Sinne theologischer Logik, „denn dieser wird sich nie mit einer solchen Formulierung anfreunden: Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg. Was Sie erlebten, war eine gottgewollte Be­gegnung. Gott hat sie mit der Gnade verbunden, Engelchöre zu senden, die der gottfernen, sinkenden Welt andeuten, Maria wolle hier als Siegerin über Welt und Teufel thronen, Siege­rin heißen und sein und als solche große Gnaden in und um dieses Heiligtum verknüpfen und den Menschen schenken. Schon im Uranfang, an der Wiege des Menschengeschlechtes, hat der Schöpfer Maria als Siegerin verheißen, die der hölli­schen Schlange den Kopf zertreten werde. Maria will also, um es Ihnen kurz zu sagen, an diesem Ort genannt werden, wie Sie es gehört haben: ,Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg‘.“

Im Anschluss machte er einen Vorschlag, der beinahe ver­messen hätte erscheinen können, der aber aus dem Leben großer, heiligmäßiger Persönlichkeiten nicht unbekannt ist. Damit sie ganz sicher gehe, solle sie die Gottesmutter in die­sem jungen Heiligtum bitten, binnen acht Tagen drei große Gebetserhörungen zu gewähren. Er wolle das als Zeichen von ihr. Sollte es eintreten, möge sie ihm berichten. Wenn sich nichts ereigne, brauchte sie gar nicht erst zu kommen.

Und was geschah? Daheim steuerte sie gleich auf die Grot­te zu. Sie wollte den Auftrag des Priesters an die Gottesmutter sofort weitergeben. Vor der Grotte traf sie auf den ehemaligen Bürgermeister von Wangen, Geray, und seine Frau. Tränen­überströmt erzählten sie, ihr einziger Sohn sei von der Ge­heimen Staatspolizei abgeholt worden. Seit Wochen hätten sie nichts von ihm gehört. Sie wüssten nicht, ob er überhaupt noch lebe oder wo er gefangen gehalten werde. Antonie trös­tete und forderte sie auf, mit ihr den Psalter, also drei Rosen­kränze zu beten. Nach jedem Zehner fügten sie hinzu „Unbe­fleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“

Schon am nächsten Tag fand sich das Paar wieder ein. Das Gebet war umgehend erhört worden. Am Abend sei der Sohn heimgekommen. Er war in einem Stall eingesperrt gewesen und plötzlich freigelassen worden. Man könne nicht genug danken, beteuerten sie.

Antonie erbat eine schriftliche Erklärung über den Vor­gang, die ihr auch gegeben wurde. Außerdem brachte das Paar eine Reliquie mit und hing sie in der Grotte als Votivgeschenk mit der Inschrift auf: „Unser Dank an die Mutter Gottes, weil sie uns so schnell und wunderbar erhört hat!“ Bei dieser Er­hörung sollte es nicht bleiben.

Schon am anderen Tag kam eine Frau Stadelmann von Scheidegg mit zwei Nachbarinnen zu Antonie. Sie waren auf dem Heimweg vom Krankenhaus Hoyren in Lindau. Dort lag ihr Mann im Sterben, Leberkrebs im letzten Stadium. Zwei Ärzte und die Krankenschwester hatten die Ehefrau kom­men lassen, um ihr mitzuteilen, dass der Mann den nächsten Tag wahrscheinlich nicht überleben werde. Die Schmerzen seien unerträglich. Weinend baten die Frauen, Antonie mö­ge doch für ihn beten: „Wir hätten den Vater noch so bitter notwendig.“

„Bei Gott ist nichts unmöglich“, antwortete Antonie und forderte die Frauen ebenfalls auf, sofort mit ihr drei Rosenkränze zu beten, mit dem Einschub „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Noch am gleichen Abend er­reichte Antonie ein Anruf, aus Hoyren sei eine Nachricht ge­kommen, dem Mann würde es besser gehen. Zu der Zeit, da in Wigratzbad gebetet wurde, seien Fieber und Schmerz gewi­chen. Er habe sich erholt und wenn die Besserung anhalte, könnte er am nächsten Tag entlassen werden. Das geschah auch. Zur Überwachung begleitete ihn eine Krankenschwester.

Auch in diesem Fall erbat Antonie eine schriftliche Erklä­rung und legte sie zu den Akten.

Noch in der gleichen Woche rief eine verzweifelte Frau aus Opfenbach an. Die Mutter, eine Frau Milz, liege im Sterben. Sie bat dringend, Antonie möge ihr doch Wasser aus der Si­ckerquelle in Wigratzbad bringen. Sie wolle sofort aufbrechen und Antonie entgegenkommen. Auf halbem Wege trafen sie zusammen. Mit der Flasche eilte die Tochter an das Sterbe­bett der Mutter und reichte ihr das Wasser. Die Kranke trank sie ganz leer. Daraufhin erholte sie sich zusehends und konn­te am nächsten Tag aufstehen. Alle sprachen von einem Wun­der. Das war nun Fall drei.

Bald danach kam eine Frau aus Wigratzbad selber. Rönt­genaufnahmen hätten bei ihrem Mann Magenkrebs im letzten Stadium erkannt. Eine Operation erschien den Ärzten sinnlos. Der Mann war zum Skelett abgemagert. Antonie sollte für ihn beten. Aber die machte es der Bittstellerin nicht zu leicht. „Schicken Sie mir am Samstagabend Ihre beiden Töchter. Wir werden die Nacht hindurch beten.“ Aber das war für die Frau zu viel des Guten. Dazu würden ihre Kinder kaum be­reit sein. Antonie gab nicht nach: „Wenn ich durchhalte, wer­den auch sie durchhalten. Wenn es ernst ist, dann müsst ihr eben beten.“ Und sie beteten, die ganze Nacht hindurch, zur „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“. Am darauf fol­genden Mittag, es war Sonntag, verlangte der todkranke Mann zu essen, aß mit großem Appetit und spürte keine Schmer­zen mehr. Bei der Röntgenaufnahme stellte man eine völlige Heilung fest. Der Mann lebte danach noch 18 Jahre. Antonie hatte eine weitere schriftliche Erklärung in der Hand.

Die Stätte wird groß werden

Mit diesen Dokumenten machte sie sich eine Woche spä­ter auf den Weg nach Eglofs. Pfarrer Norbert Feiel zeigte sich tief betroffen und betete mit Antonie das „Magnificat“. Dann sagte er zu Antonie ein paar Worte, die man heute als pro­phetisch bezeichnen kann:

„Liebes Marienkind! Diese Stätte wird groß werden. Es wird ein Gnadenort erster Güte werden und bleiben. Bleiben Sie de­mütig! Dienen Sie Maria mit noch größerem Eifer! Ich werde bald sterben und den Triumph Mariens über ihre Feinde, die so zahlreich in unserem Lande geworden sind, nicht mehr er­leben. Ich werde aber vom Himmel aus dieses Heiligtum seg­nen. Meine Füße tragen mich nicht mehr hin zu dieser Stätte, wo ich gerne den Boden küssen wollte aus Ehrfurcht vor der göttlichen Heimsuchung, die dort stattfand. Ich werde eine Predigt halten über Maria vom Sieg und diese Ihnen zuschi­cken. Beten Sie den Rosenkranz immer mit großer Andacht. Dann wird Maria bald die engen Wände sprengen.“

Die Predigt hat er tatsächlich am 23. Mai 1937 in Bühl, das zur Pfarrei Eglofs gehört, gehalten. Darin sagte er u.a.: „Im Allgäu ist ein mutiges Mädchen, das zusammen mit Männern und Frauen, jungen Männern und jungen Frauen, stundenlang vor einer Lourdesgrotte den Rosenkranz betet mit der Anru­fung: 0 Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns! Einzig mit dieser Waffe des Gebetes wollen sie die Welt über­winden.“ Mit diesen Worten schloss er auch die Predigt.

Ein hochsensibler Priester war ein großes Wagnis einge­gangen. Er hatte den Himmel herausgefordert und drei Zei­chen erbeten. Das erinnert an Lourdes, wo der zuständige Seelsorger über die Seherin Bernadette ebenfalls einen Beweis haben wollte. Die Madonna sollte im Februar in der Grotte einen Rosenstrauch erblühen lassen. Statt der Rosen bekam er eine Quelle. Maria lässt sich ihr Handeln nicht vorschrei­ben. Der Geistliche in Eglofs war vorsichtiger, er erbat nur Zeichen, die Art überließ er dem Himmel. Und er erhielt in der Tat Beweise für den übernatürlichen Ursprung der Visio­nen von Antonie Rädler, auch für den Wunsch des Himmels, Maria an dieser Stätte als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ zu verehren.

Der Sieg Jesu am Kreuze, das war der Sühnetod. Auch in Wigratzbad spielt der Gedanke an Sühne von Anfang an ei­ne entscheidende Rolle. Maria fordert zur Sühne für die ei­genen und für die Verfehlungen und Verirrungen anderer auf. Sühne für andere. Das ist ihr großer Sieg in einer Zeit, die sich darin überschlägt, sich und die eigene Schuld ständig zu rechtfertigen, Sünde nicht mehr als Sünde zu beteichnen, son­dern als Tugend, als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit, Sünde als Freiheit. Diese Freiheit hat den Sünder, einsam ge­macht, einsamer denn je, und muss am Ende seinen geistigen Tod bedeuten. Das ist die große Botschaft von Wigratzbad.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe ferner:

5 Kommentare zu “Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

  1. Gelobt sei der Eucharistische Jesus, die Quelle der Ewigen Liebe durch das Unbefleckte Siebenfach durchbohrte Herz Mariä, dem ersten Tabernakel!

    Ave lieber Herr Poschenker!

    Ich habe eine Frage, haben Sie mehr Artikel über Wigratzbad aus dem Buch Sieg der Sühne? Leider ist es nirgendswo mehr zu bekommen, deshalb freue ich mich sehr, das Sie etwas darüber veröffentlichen!
    Vergelts Gott Ewiglich, möge die Unbefleckt Empfangene Mutter vom Sieg, Sie unter ihren Fürsorglichen Mantel nehmen.

    In Liebe zu Jesus Maria und Josef Grüße ich Sie Herzlich + + + + +

  2. Ja, geschätzter „Damian“, ich werde gerne – nach und nach – noch weitere Kapitel aus diesem Buch hier in meinem Blog veröffentlichen!

  3. Herzlichen Dank dafür lieber Herr Schenker, dass Sie mit diesem
    Beitrag an Wigratzbad und Frl.
    Antonie erinnern.
    Ein wahrer Gnadenort, bestätigt
    durch die Anwesenheit unserer
    allerseligsten Mutter und zahlreiche
    Wunder.

  4. Pingback: Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen | POSchenker

  5. Einmal war ich in Wigratzbad bei einem Vortrag, doch ich wusste nichts von dieser Angelegenheit. Es lohnt sich, diese Botschaften zu studieren.

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