Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel V

Die Kapelle

 

Werden in Massen kommen

Nicht zum ersten Mal sollte von außen eine Anregung an Antonie herangetragen werden. In diesem Fall war es eine verwitwete Bäuerin aus Wangen, Cäcilia Geyer. Sie genoss in ihrem Umfeld den Ruf einer nüchternen und doch sehr frommen Frau. Auch sie gehörte zu den Betern vor der Lourdesgrotte in Wigratzbad. Am Allerseelentag 1937 kam sie auf Antonie zu und meinte, man müsste vor der Grotte eine gedeckte Halle errichten, um die Beter vor den Launen der Witterung zu schützen. Sie selber wolle einen ansehnlichen Beitrag dazu leisten. Weder sie noch Antonie ahnten, dass es ein bitterer Weg werden und dass am Ende sogar eine Kapelle das Ergebnis sein würde.

Antonie reagierte zunächst zögernd. Aber die Frau ließ nicht locker und sprach noch zweimal bei ihr vor. Daraufhin rang sich Antonie dazu durch, beim Bauamt in Lindau um eine Genehmigung vorzusprechen. Es wurde ein hartes Ringen. Erst beim zweiten Mal zeigten sich die Beamten ein wenig aufgeschlossen, nicht ohne sie mit herben Vorwürfen zu überschütten. Die Grotte sei ohne behördliche Genehmigung erbaut worden. In der Gegend existierten genug Kapellen. Das Dritte Reich habe für solche Vorhaben kein Verständnis.

„Aber wenn Sie wollen“, meinte der Beamte, „erstellen Sie einen Plan.“ Das ließ sich Antonie nicht zweimal sagen. Sie besorgte einen entsprechenden Entwurf mit dem Ergebnis, dass er abgewiesen wurde. Das sei bereits ein kultureller Bau, für den das Landesbauamt in Kempten zuständig sei. Man wollte sie offensichtlich abwimmeln. Für Antonie war es jedoch eine neue Herausforderung.

An dieser Stelle muss noch einmal auf die einfache Bäuerin Cäcilia Geyer zurückgegriffen werden. In einem Brief, den sie an die Familie Rädler in schlichten, zum Teil unbeholfenen Worten geschrieben hat, berichtet sie dieser von einem Erlebnis, das Licht auf die Entstehung des späteren Kapellenbaus wirft.

Es war am 22. Februar 1938. Sie stand früh auf, um in der Stadtpfarrkirche an der hl. Messe teilzunehmen. Nach einem kurzen Gebet zur Gottesmutter glaubte sie ein leises Rauschen zu hören. Vor ihren Augen bildete sich eine Lichtwolke. Aus dieser trat die Unbefleckte Empfängnis heraus, wie sie in Wigratzbad verehrt wurde. Die Frau sah sich plötzlich in die Grotte versetzt. Die „Erscheinung“ trat bis an den Betschemel Antonies heraus. Da fragte die ungebildete Bäuerin mehrmals, ob die Gottesmutter wolle, dass man hier baue. Die Antwort war jedes Mal „Ja“. Die schlichte Frau fasste nach. Ob sie in Wigratzbad bleiben wolle. Daraufhin zeigte Maria auf einen Platz, auf dem später die Gnadenkapelle stehen sollte und sagte: „Baut mir hier eine Kapelle! Sage es den Leuten!“ Frau Geyer äußerte Bedenken. Antonie dürfe ja nicht einmal einen Vorbau vor der Grotte errichten. Die Antwort war: „Die Kapelle kommt zustande. Ich führe dem, der die Erlaubnis zu geben hat, selbst die Hand und schreibe das ‚Ja‘ selbst hin. Lass alles seinen Weg gehen! Ich werde der höllischen Schlange den Kopf zertreten. Ich kann die zerschmettern, die gegen diese Sache sind. Die Menschen werden in Massen kommen und ich werde die Gnaden in Strömen über sie ausgießen. Betet viel, betet noch viel mehr! Der hl. Josef der hl. Antonius und die Armen Seelen werden helfen!“

Bei diesen Worten hätten sich die Statuen der beiden Heiligen zustimmend durch eine Drehung der Madonna zugewandt. Diese befahl nun der Frau: „Gehe jetzt hin und bete meinen göttlichen Sohn an im heiligen Sakrament! Bete ihn fromm und gläubig an!“ Verstört meinte die Bäuerin, wo sie denn hingehen solle. Zu dieser Zeit sei nirgendwo das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Da habe die „Erscheinung“ auf jene Stelle verwiesen, die sie vorher für den Bau auserwählt hatte. Nun stand dort eine Kapelle so groß wie eine Kirche. Sie sei eingetreten und habe auf dem Hochaltar eine Monstranz gesehen, heller leuchtend als die Sonne. Die Strahlen hätten das ganze Land überflutet, so weit das Auge reichte, über ein Meer von weißen, roten und gelben Rosen.

Die Frau kniete nieder, betete ein Vaterunser und kehrte in die Grotte zurück. Aber die „Erscheinung“ habe ihr ein zweites und ein drittes Mal befohlen, ihren göttlichen Sohn auf dem Altar anzubeten. Dann die abschließenden Worte: „Danke für die besondere Gnade, die du heute empfangen hast. Du musst besonders viel beten. Bete viel, bete gut! Bete besonders viel für die Armen Seelen. Sie haben eine große Macht.“

Daraufhin sei sie verschwunden, die Wolke habe sich aufgelöst, nur die Grotte hätte sie noch gesehen, ganz mit Schmutz beworfen. Dann sei alles vorbei gewesen.

Von welcher Qualität dieses Erlebnis war, soll hier nicht beurteilt werden. Erstaunlich ist nur, dass sich die ,Yision“ voll erfüllt hat. Vier Tage nach dem Erlebnis der Cäcilia Geyer tauchte plötzlich in Wigratzbad ein Beamter vom Landesbauamt in Kempten auf, Regierungsassessor Wölfl, ein Protestant. Er sollte alles überprüfen und lehnte das Gesuch ab. Aber zu Antonies großem Erstaunen meinte er, sie solle doch eine schöne Kapelle bauen und zeigte auf den Platz, den vier Tage vorher die „Erscheinung“ gegenüber der einfachen Bäuerin für den Bau bestimmt hatte. Auf die geäußerten Zweifel, ob das von der Behörde genehmigt werde, antwortete er: „Die Behörde, die zu bestimmen hat, sind wir.“ Und ging auf den spontanen Vorschlag Antonies ein, selber den Plan zu entwerfen. Der Weg aber, der noch zu gehen war, blieb dornenreich.

Herr im Elend

Zwei Wochen nach dem Besuch des Beamten aus Kempten betete Antonie mit vielen Menschen vor der Grotte. Da erlebte sie in ihrem Inneren die Gegenwart Mariens und hörte klar die Worte: „Hole den Herrn im Elend in Matrei. Ich will, dass Jesus in seinem Leiden auch hier geliebt und verherrlicht wird. Jesus im Elend wird aus dem Elend retten.“ Antonie blieb keine Zeit, Fragen zu stellen. Die Gottesmutter hatte sich zurückgezogen.

Mit dem Wort Matrei konnte sie nichts anfangen, so sehr sie auch darüber nachdachte. Sie betete bis zum Abend weiter. Als danach alle Beter den Heimweg angetreten hatten, kam ein Mädchen aus Opfenbach auf sie zu. Wie zufällig zeigte sie ihr ein Pilgerbüchlein vom Gnadenort Matrei am Brenner, wo seit Jahrhunderten ein Gnadenbild des „Herrn im Elend“ verehrt wird. Man staunt über das feine und zielstrebige Wirken Mariens. Es scheint, als ob sie möglichst viele Menschen einbezogen haben wollte für das, was sie vorhatte. Antonie strahlte. Sie schlug dem Mädchen vor, sofort eine Wallfahrt zum angegebenen Ort zu machen. Es war der Botin jedoch nicht möglich, mitzufahren.

In diesem Augenblick hörten sie vor der Grotte einen gewaltigen Lärm, als würde dort ein schwerer Lastwagen vor-beirollen, aber nichts war zu sehen. Nur das Mädchen entdeckte mit Entsetzen, dass ihr Fahrrad völlig zertrümmert und nicht mehr zu gebrauchen war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Antonie ahnte den Urheber: „Es war die Hölle!“ sagte sie.

Was in dieser Zeit in Wigratzbad abgelaufen ist, ist von großer Bedeutung für ein volles Verständnis dieser Stätte. Es ist eine Botschaft an die ganze Welt. Maria verbindet ihren Titel vom „Sieg“ mit dem sühnenden Leiden ihres Sohnes. Ganz gezielt. Das kann gar nicht ernst genug genommen werden.

Antonie spürte das. Mit dem Nachteilzug fuhr sie nach Innsbruck und weiter nach Matrei. In der dortigen Pfarrkir-che entdeckte sie auf dem Hochaltar das Gnadenbild. Sie betete lange davor. Dann suchte sie den Pfarrer auf und erzählte ihm, was sie in der Grotte von Wigratzbad erlebt hatte. Das Standbild konnte er ihr natürlich nicht geben, aber er nannte ihr einen Künstler, der ihr eine genaue Kopie anfertigen würde. Aber der war mit Aufträgen eingedeckt.

Wie schon oft, schaltete Antonie erst einmal einen neuen heroischen Akt davor: das Opfer. In dem Schwesternhaus, in dem sie übernachtete, erfuhr sie von der kleinen Wallfahrtskirche „Maria Waldrast“ hoch oben auf dem Berg in 2000 Meter Höhe. Sie hätte gern die Nacht vor dem leidenden Jesus in der Kirche verbracht, aber man erlaubte es ihr nicht. Dafür wollte sie am nächsten Tag auf den Berg pilgern, obwohl der Geistliche und die Schwestern ihr dringend davon abrieten, weil die Absturzgefahr wegen des vielen Schnees noch groß sei. Antonie ließ sich dennoch nicht entmutigen. Sie wagte den Aufstieg, aber sie brauchte eine Führung. Und wer bot sich an? Ein elfjähriger Junge.

Der Weg war voller Gefahren. Aber sie kamen oben heil an, beteten in der Kirche den Rosenkranz. Dann jedoch war der Junge, ein Kind noch, am Ende seiner Kräfte. Antonie gab ihm etwas Geld, damit er sich im Gasthaus bei einer warmen Mahlzeit erholen konnte. Sie aber blieb bei der eisigen Kälte noch oben, betete, bis die Zeit sie zwang, den Heimweg anzutreten, um noch vor der Dunkelheit unten zu sein. Sie kam mit leerem Magen an, aber überglücklich. Sie setzte auf die Gottesmutter.

Wieder in Bregenz angekommen, suchte sie das Kloster der Kapuziner auf, um ein Almosen abzugeben. Dort erfuhr sie von dem Bildschnitzer Franz Albertani. Dieser hatte durch die neue Zeit des Nationalsozialismus, die angebrochen war, alle Aufträge verloren. Für seine sechsköpfige Familie erwies sich Antonie als Rettungsanker. Seine Arbeiten gefielen ihr weit besser als die des Künstlers in Matrei. Sie luden wirklich zum Beten ein. Der Mann erwies sich als eigentliches Geschenk der Wallfahrt, die Antonie unternommen hatte. Zunächst aber brauchte sie etwa tausend Mark. Und wieder staunt man über das Eingreifen der göttlichen Vorsehung.

Daheim warteten nämlich zwei Frauen auf sie. Sie hatten mit einem schweren Anliegen im Herzen die Grotte besucht und verrieten, dass sie bereit seien, zu Ehren der Gottesmutter ein größeres Werk zu stiften. Antonie erzählte von ihrer Reise nach Matrei. Sofort erklärte sich eine der Damen bereit, die Kosten für die Statue zu übernehmen. Am nächsten Morgen händigte der Ehemann ihr die ersten 400 Mark aus, die Antonie sofort nach Bregenz brachte.

Das Standbild, in das Albertani seine ganze Seele hineingearbeitet hatte, wurde zunächst im Schuppen der Familie aufgestellt und verehrt. Ganze Nächte wurde davor gebetet. In der späteren Kapelle fand es seinen Platz in der Unterkirche.

Neues Denken

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Statue des „Herrn im Elend“ nicht unwichtig. Um das Jahr 1210 lebte auf dem Schloss Aufenstein Ritter Heinrich III. Er war nicht nur das Vorbild eines ritterlichen Menschen, sondern hatte dazu auch noch eine tiefe Beziehung zum Leiden und Sterben Jesu. Deshalb brach er eines Tages ins Heilige Land auf, um in der Kirche des heiligen Grabes zu beten. Dort sah er ein Standbild des leidenden Erlösers. Es zeigte Ihn nicht in aufrechter, sondern in liegender Haltung und war deshalb besonders eindrucksvoll. Der Ritter war davon sehr betroffen. Er ließ ein möglichst getreues Abbild machen und nahm es mit auf das Schiff. Unterwegs erhob sich ein gewaltiger Sturm und brachte alle in Gefahr. Ritter und Mannschaft flehten vor dem Standbild. Und alsbald legte sich der Sturm. Sie kamen glücklich im Hafen an.

In der Schlosskapelle von Aufenstein fand es bald breite Verehrung. Deshalb bat er die geistliche Obrigkeit, ob es nicht in der Pfarrkirche aufgestellt werden könnte, um es noch breiteren Schichten zugänglich zu machen. Die Kirche wurde zum Wallfahrtsort. Ein Dorn im Auge eines Ritters, der eine entgegengesetzte Einstellung hatte. Er hasste Standbilder und Wallfahrten. So ließ er es über Druck und Bestechung vom Küster der Kirche nachts in den Fluss werfen. Aber am anderen Morgen befand es sich wieder unversehrt an seiner Stelle in der Kirche. Ein zweiter Versuch endete ebenso. Beim dritten wollte der Ritter von Raspenbühl selber dabei sein. Aber am Morgen befand sich das Standbild abermals an seinem Platz in der Kirche. Beide Männer erschraken zutiefst und der Ritter wurde vom Gegner zum Verehrer des Bildes.

Antonie, in langen Gebeten erleuchtet, hat die Bedeutung des Bildes für Wigratzbad so verstanden:

„Als Jesus vor seinem Leiden am Ölberg betete, hat ihm der Vater alle Sünden der Welt gezeigt, die er zu sühnen hatte, aber auch alle Leiden, die er, um der Gerechtigkeit willen, als Genugtuung erdulden sollte. Jesus sah sich selbst, wie er mit seinen Augen die Sünden der Augen, mit seinen Ohren die Sünden der Ohren, mit seinem Munde die Sünden der Zunge und Unmäßigkeit, mit seinem dornengekrönten Haupt alle Sünden des Eigensinns, des Eigenwillens, der Selbstherrlichkeit, mit seinen Händen die Sünden der Hände, mit seinen Füßen alle sündigen Schritte, mit seinem Herzen allen Mangel an Liebe und alle ungeordneten Leidenschaften, mit den Wunden, verursacht durch die Geißelung, die Sünden des Leibes, mit den schrecklichen inneren Leiden die Sünden des Geistes sühnen sollte. Er sah sich – wie die Statue es darstellt – versenkt in die tiefsten Tiefen aller Leiden und bot sich dem Vater in seinem Elend als Sühne an, um uns aus unserem Elend zu erretten. Darum ist er nicht als Toter, sondern als Lebender dargestellt.

Durch seinen Tod am Kreuze hat Jesus in Maria den Satan besiegt, sie vorwegnehmend vor der Erbsünde bewahrt, damit sie als Makellose im Namen der Menschheit ganz eins mit ihm leidend ihn und sich selbst in ihm und mit ihm und durch ihn dem Vater opfernd den Satan in der Menschheit besiegen konnte. Der Sieg ist errungen, aber er muss von jedem Einzelnen für sich und für andere gewollt werden durch Gebet, Empfang der Sakramente und durch Werke der Liebe.“

Die Betrachtung kurz zusammengefasst könnte heißen: Sieg der Sühne. Das ernst genommen, müsste ein neues Denken unter Christen einleiten, die in 2000 Jahren nicht der Versuchung widerstanden haben, ihren höchsten Werten und Idealen oft weltliche Inhalte zu geben oder sie sich aufdrängen zu lassen, wie es seit dem Jahre 1968 im Übermaß geschehen ist. Wir erleben es Tag für Tag. Die Auswirkungen sind verheerend – für Milliarden von Menschen. Der „Sieg der Sühne“ ist die Wurzel der christlichen Verkündigung und das, was das Christentum – neben der Feindesliebe – von allen anderen Religionen haushoch unterscheidet. Den Feind zu lieben erfordert oft schon einen heroischen Akt, für ihn zu sühnen übersteigt alles menschliche Vorstellungsvermögen – es kann nur göttlichen Ursprungs sein.

Gottes große Wege sind mit Opfern und mit Leiden gepflastert. Das sollte Antonie in des Wortes wahrster Bedeutung erfahren. Zunächst schien alles recht glücklich zu laufen. Der protestantische Regierungsassessor machte sich mit Sorgfalt an die Arbeit. Aber dann stand die Bewilligung durch die Behörden aus.

Die Bewilligung

In Wigratzbad wurde derweil wie vor jeder Hürde viel gebetet. Antonie ging mit gutem Beispiel voran. Sie fastete oft drei Tage bei Brot und Wasser oder aß überhaupt nichts. Sie pilgerte von Bregenz barfuß nach Maria Bildstein und verbrachte dort die Nacht in der Kirche. Ein andermal fuhr sie nach Bregenz ins Kloster Mehrerau, um dort die ganze Nacht zu beten und von 3 Uhr früh an den hl. Messen beizuwohnen. Um 7 Uhr kehrte sie heim, um den ganzen Tag hindurch schwer zu arbeiten. Sie machte sogar eine Pilgerfahrt zu ihrem Namenspatron, zur Kirche in Egg im Kanton Zürich.

32mal musste sie im Bauamt in Lindau vorsprechen und wurde immer wieder abgewiesen. Beim 33. Mal endlich klappte es. Man ließ sie zwar den ganzen Vormittag vor der Türe stehen, weil sie sich weigerte, mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Gegen Mittag durfte sie jedoch eintreten und konnte die Baubewilligung in Empfang nehmen. Voll innerer Freude eilte sie damit in die Pfarrkirche, um sich vor dem Marienaltar zu bedanken. Aber dann geschah etwas, was mit menschlicher Logik kaum zu verstehen war. Sie erhielt den inneren Befehl, den Plan sofort zu zerreißen. Er sei ungeeignet, die Kapelle zu klein. Alles, so schien es, war umsonst gewesen, alle Gebete, alle Bußübungen, alle Mühen, alle Arbeit.

Antonie gehorchte. Die Welt der Mystik hat ihre eigenen Gesetze. In einer inneren Schau bekam sie jedoch jene Kapelle zu sehen, die später erbaut wurde. Der eigentliche Kreuzweg, den sie in Verbindung mit der Entstehung eines Heiligtums gehen sollte, der sollte erst beginnen. Und der Widersacher Gottes ihr auf diesem Wege sein hässliches Gesicht zeigen.

Daheim machte sie sich an die Zeichnung der Kapelle, wie sie ihr in der inneren Schau gezeigt worden war. Mit der Skizze fuhr sie sofort in das Landesbauamt in Kempten und bat um Entschuldigung, dass sie den Herren so viel Arbeit zugemutet hatte. Die Reaktion war verständlich. Der Assessor war außer sich. Antonie ließ alle Vorwürfe über sich ergehen. Im Gedächtnis hatte sie die Verheißung der Gottesmutter, sie würde demjenigen, der den Bau zu genehmigen hätte, selber die Hand führen.

Nach und nach beruhigten sich die Männer und Assessor Wölfl zeigte sich bereit, den neuen Entwurf zu überprüfen, den er recht brauchbar fand. Aber der neue Plan musste den ganzen Behördenweg durchlaufen. Als erster ging der Bürgermeister von Opfenbach auf die Barrikaden. Als Antonie ihm den Plan übergab, wäre er um ein Haar ihr gegenüber handgreiflich geworden. Zunächst einmal ließ er sich Zeit, dann rief er den Gemeinderat zusammen, schwor diesen auf seine Linie ein und bekam ein vollzähliges „Nein“ gegen das Projekt.

Dabei ließ er es nicht bewenden. Er wandte sich in einem Brief an die höhere Instanz, das Bezirksamt, stellte Antonie als fanatische Gegnerin des Nationalsozialismus dar, die in Wigratzbad ein Zentrum gegen die neue Zeit aufbaue und mit ihrer religiösen Grundeinstellung weite Teile der Bevölkerung infiziere. In Opfenbach existierten bereits drei Kapellen, es bestehe kein Bedürfnis für eine weitere. Neben den Behörden stachelte er auch die höheren Parteiinstanzen gegen den Bau auf.

Die bitterste Erfahrung jedoch sollte Antonie mit ihrem eigenen Seelsorger machen. Er hieß Hermann Rädler und war ein Jahr zuvor Pfarrer der Gemeinde Wohmbrechts geworden. Bei seiner Einführung hatte er sich von der Sturmabteilung (SA) begleiten lassen. Bei seiner ersten Ansprache sagte er: „Ich nehme Besitz von dieser Pfarrei im Namen des gottbegnadeten Führers Adolf Hitler!“ Er wurde ein tödlicher Feind Antonies und der Kapelle.

Diese Gegner erreichten, dass Vertreter der Behörden und der Partei vor Ort eine Sitzung einberiefen, um sich dem Bau in den Weg zu stellen. Alle Bemühungen um eine Bewilligung schienen fortan aussichtslos. Gegen solche Mächte als hilflose Frau anzugehen, musste bedeuten, dem eigenen tragischen Untergang den Weg zu ebnen.

Aber das sind rein menschliche Überlegungen. Antonie hatte längst in einer anderen Welt Wurzeln geschlagen. Auf die setzte sie. Der beim Künstler Albertani in Bregenz in Auftrag gegebene „Herr im Elend“ war noch nicht ganz fertig. Antonie störte das nicht. Sie wagte die erste Wallfahrt zum Herrn, ließ vor Ort einen Pater aus Mehrerau kommen, das Standbild zu segnen, schmückte es mit Blumen und Kerzen. Mit ausgespannten Armen betete sie einen Psalter, die Familie schloss sich an. Beim Abschied bat sie alle, dies neun Tage fortzusetzen. Sie selbst wollte es in der Grotte tun.

Acht Tage später, es war der 17. Juni 1938, wurde Antonie ins Bauamt nach Lindau gerufen und ihr gegen 12 Uhr, beim Ave-Läuten, die Bewilligung zum Bau der Kapelle von einem gewissen Regierungsrat Dr. Widmann ausgehändigt. Der Bürgermeister von Opfenbach wurde übergangen. Das schien sehr entgegenkommend, aber es stand eine perfide Absicht dahinter. Denn die Bewilligung wurde mit der Auflage verknüpft, das Geld für den Rohbau und eine Notbausumme, insgesamt 14 500 Mark, innerhalb von drei Tagen auf einer Bank zu hinterlegen und den Depotschein auf dem Amt vorzuzeigen.

Voll innerer Dankbarkeit brachte Antonie das Geld tatsächlich zusammen, trug es zur Grotte und legte es der Got-tesmutter zu Füßen. Sie betete bis in die tiefe Nacht hinein. Da kroch zu ihrem Entsetzen eine dicke schwarze Schlange, etwa anderthalb Meter lang, auf die Altardecke, züngelte und schien nach dem Geld schnappen zu wollen.

Die Beterin sah darin ein Zeichen. Sie durchschaute den Plan ihrer Gegner. Hätte sie das Geld bei der Bank hinterlegt, es wäre verloren gewesen. Also suchte sie in der Frühe den Baumeister (Ruß) direkt auf und übergab ihm die Summe mit der Bitte, sofort das notwendige Material einzukaufen und ihr die Quittungen zu geben. Diese brachte sie zum Amt.

Die Reaktion der Beamten war die übliche. Man beschimpfte sie und verbot ihr, mit dem Bau zu beginnen. Aber der Baumeister und jene Männer, die die Pläne erarbeitet hatten, setzten sich durch. Sie kamen persönlich nach Wigratzbad, um den Platz zu bestimmen. Eltern und Geschwister willigten ein, den väterlichen Grundbesitz für die Kapelle abzutreten. Antonie nahm die Gelegenheit wahr, eine weitere Idee durchzusetzen. Unter der Kapelle schwebte ihr eine Art Krypta vor. Das war im Plan nicht vorgesehen. Da der Vorgesetzte in Urlaub war, konnten die Herren in eigener Vollmacht entscheiden und schickten den Plan für die Unterkirche nach. Am 1. Juli 1938 wurde mit dem Erdaushub begonnen. Eine Bitte an den Ortspfarrer, bei der Grundsteinlegung die Weihe vorzunehmen, schlug dieser aus. Er wolle damit nichts zu tun haben. Er sei gegen den Bau.

Schwarz gekleidet

Manch eine hier geschilderte Einzelheit mag überflüssig oder gar ermüdend erscheinen. Es wird dennoch über sie berichtet, um darzulegen, dass Gottes große Werke nicht im Scheinwerferlicht irdischer Stars entstehen, sondern in mühsamer, teils qualvoller Kleinarbeit. Die Menschwerdung Gottes erfolgte in einem Stall, in bitterer Kälte, setzte sich fort in der Flucht durch Wüstensand nach Ägypten. Gott war auf dieser Erde als Mensch von Anfang an ein Verfolgter. Und hat seine große Mission unscheinbar in einer Werkstatt vorbereitet. Warum soll es einer Jüngerin besser ergehen als dem Meister. Am eigenen Leibe musste sie es erfahren, mehrere leidvolle Jahre standen ihr bevor, meistens am Rande des Todes stehend.

Am Ringen um die Entstehung einer Kapelle in Wigratzbad zeigt sich, wie unablässig hier auf Erden Himmel und Hölle miteinander kämpfen. Es geht immer um den Menschen, am Ende um das Heil von Milliarden von Menschen. Und es ist der graue Alltag, in dem Gott sich immer wieder offenbart, nicht in Triumphzügen und unter Fanfarenklängen.

Als in Wigratzbad die Fundamente für eine Anbetungsstätte gelegt wurden, ließ Hitler unter großen Opfern den sog. Westwall bauen, der Deutschland angeblich gegen Frankreich schützen sollte. Ein Täuschungsmanöver. Es war Hitler, der Frankreich überrollte, sich ganz Europa unterwarf und die Herrschaft über den ganzen Erdball im Auge hatte.

Um jeden Baustein musste Antonie kämpfen, um jede Arbeitskraft werben und fand oft unerwartet Helfer, wie jenen Offizier, der einen Waggon mit Zement nach Wigratzbad abkommandierte. Nicht selten wusste man am Abend nicht, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Dann hat Antonie durchgebetet. Am nächsten Tag konnte es weitergehen.

Während der Arbeiten wollten Architekten den Plan so umfunktionieren, dass die Kapelle schnell in ein Heim für die Hitlerjugend umgestaltet werden konnte. Es sollten keine Altäre hinein. Aber die schwache Frau erwies sich als starke Frau. Sie setzte sich durch – zwei Altäre in der Krypta, drei Marmoraltäre und Kommunionbank aus schlesischem Marmor, Kirchenfenster mit Bildern von La Salette, vom Pfarrer v. Ars und von Bruder Konrad aus Altötting. Antonie stellte ihre Gegner oft vor vollendete Tatsachen. Ende November stand der Bau.

Die materiellen Sorgen entpuppten sich als nichts im Vergleich zu den geistigen Schwierigkeiten, die jetzt auf sie warteten. Und es waren wohl die bittersten. Es ging um den Segen der Kirche.

Sie fuhr nach Augsburg, um dem Bischof ihr Anliegen vorzutragen. Der Oberhirte konnte sie nicht empfangen. Dann reiste sie ihm nach Kempten nach, wo er sie anlässlich einer Firmung empfangen wollte. Das Gespräch dauerte kaum vier Minuten. Sie versuchte es ein drittes Mal. Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle entließ sie mit seinem Segen. Inzwischen war die Krypta fertig geworden. Noch einmal bat sie schriftlich um die kirchliche Weihe. Sie wurde an den Ortspfarrer von Wohmbrechts verwiesen, sollte sich seinen Anordnungen fügen. Dieser weigerte sich und verwies sie an den zuständigen Dekan. Der versprach die Weihe für den 8. Dezember.

Jedoch die Gegner schliefen nicht. Unter ihnen waren auch Seelsorger der Umgebung, die das Pilgern ihrer Gläubigen zur Grotte nach Wigratzbad mit gemischten Gefühlen beobachteten. Einige gingen zu offenen Angriffen über. Der Stadtpfarrer von Wangen kam am Fest Allerheiligen in allen Gottesdiensten auf sie zu sprechen, nannte den Bau Einfall eines hysterischen, überspannten Menschen, Ausgeburt einer überhitzten Fantasie. Das Projekt habe keine Zukunft. Antonie war bei diesen Predigten auch noch anwesend. Sie schwieg. Ihr Hauptfeind, der Pfarrer von Wohmbrechts, erreichte unterdessen, gestützt auf unwahrhaftige Darstellungen, dass das Ordinariat in Augsburg seine Zusage zurücknahm. Die große Beterin von Wigratzbad ahnte davon nichts.

Ahnungslos suchte sie Ende November den Dekan auf, der teilte ihr mit, dass Ortspfarrer Rädler nun doch die Weihe selbst vornehmen wolle. Der empfing sie mit Beschimpfungen und stellte den Sinn des Betens überhaupt in Frage: „Hätte es eine Wirkung, wäre die Welt längst eine andere, wo doch Männer und Frauen in den Klöstern so viel und ständig beten.“ An die Weihe sei vorerst nicht zu denken. Antonie mit einer inzwischen vom Geist des Gebetes durchdrungenen Seele war es, als würde man ihr das Herz aus dem Leibe reißen.

Der Himmel ließ sie jedoch nicht allein. Während des Gebetes in der Grotte erschien ihr die Mutter des Herrn, ganz in Schwarz gekleidet. Tränen rollten über ihre Wangen. Verstört fragte Antonie nach dem Grund, verstand jedoch die Antwort nicht. Doch dann erhellte sich das Gesicht Marias. Ihre Augen leuchteten. Sie wirkte mütterlich gütig, war aber von himmlischer Majestät. Sie trat ganz nahe an Antonie heran. „Leg‘ deine Hand in meine“, sagte sie, „und bete: Jungfrau, mächtig bei Gott, bitte für mich!“ Dann zog sie sich in die Ewigkeit zurück. Mit diesen Worten flößte sie der so umstrittenen Frau aus Wigratzbad eine große Zuversicht ein. Die brauchte sie. Denn die Leiden, die bereits wie eine dunkle Wolke heraufzogen, waren unvorstellbar. Sie sollten sich über sechs Jahre hinziehen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

3 Kommentare zu “Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

  1. Eine wahrhaft tapfere Frau. Sehr schön Herr Schenker, dass Sie das hier veröffentlichen. In früheren Jahren war ich oft in Wigratzbad, aber über diese Entstehung wusste ich kaum etwas. Ich bin schwer beeindruckt.

  2. Pingback: Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen | POSchenker

  3. Vergelts Gott ewiglich lieber Herr Poschenker! Möge der Herr Sie für jedes abgetippte Wort Reichlich Segnen! Ich freue mich das ich über Unsere Mutter vom Sieg mehr erfahren kann.

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