Die Hebammen des Papstes

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Fassade der Kirche des hl. Rochus am Lungotevere in Rom

Blick auf Rom durchs Schlüsselloch

Ein besonderer Ort des »verschwundenen Roms« (»Roma sparita«) ist sicherlich das Krankenhaus St. Rochus in der Nähe des alten Hafens. Es wurde im 16. Jahrhundert neben der gleichnamigen Kirche auf Initiative der Rochus-Bruderschaft erbaut und war für die Pestkranken bestimmt. Die von den Bootsführern und Gastwirten am Lungotevere unterhaltene Einrichtung fiel zwischen 1934 und 1938 den Sanierungsarbeiten in der Gegend um das Augustusmausoleum zum Opfer und verschwand. Unter den zahlreichen wohltätigen Institutionen aus der Zeit des Kirchen- staates gebührt dem Krankenhaus ein besonderes Gedenken, weil es für die Geschichte der Frauen in der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat. Denn etwa 100 Jahre nach der Gründung wurde hier 1616 dank des Weitblicks von Kardinal Antonio Maria Salviati eine Frauenabteilung eingerichtet. Der Kardinal hatte in seinem Testament verfügt, dass ein Teil seiner Hinterlassenschaft für den Bau eines neuen Flügels verwendet werden sollte. Dort sollten arme Frauen, verarmte Adlige und Wöchnerinnen (einschließlich der Unverheirateten und Witwen) behandelt werden. Unter Papst Klemens XIV. wurde daraus 1770 die erste auf Geburtshilfe spezialisierte Einrichtung Roms.

Es gab dort eine besondere Abteilung für die »Verborgenen« (Celate), das heißt Frauen, die aufgrund verschiedenster Wechselfälle ihres Lebens eine »illegitime« Schwangerschaft austrugen und anonym bleiben wollten. Die Kinder wurden nach der Geburt sofort in das »Wohltätige Haus der Ausgesetzten« bei der Kirche Santo Spirito in Sassia gebracht. Wollte eine Mutter ihr Baby dann doch zu sich nehmen, kennzeichnete sie es, um es wiederzuerkennen.

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Miniatur des hl. Rochus, der sein Pestgeschwür zeigt.

In einem großen Raum über der Sakristei der Kirche prägten andere Frauen die Geschichte dieses Ortes. Es war der 13. November 1789, ein Montag, als der junge Francesco Asdrubali, ein neuer Stern am Himmel der Heilkunst, zum ersten Mal die Schwelle dieses Raumes überschritt. Er hatte seine Ausbildung an der römischen Universität La Sapienza abgeschlossen und sich dann in Paris weiter in Geburtshilfe spezialisiert. Er hielt den ersten Kurs für die Hebammen Roms und begründete damit die »Hebammenschule« unter der Ägide von Papst Pius VI. Braschi. Den Kurs besuchen konnten christliche und jüdische Römerinnen und auch Fremde, sofern sie verheiratet, verwitwet oder schon etwas älter waren. Unverheiratete junge Frauen waren dagegen nicht zugelassen. Diese Initiative bemühte sich, einem alten Handwerk Ordnung und Professionalität zu verleihen. Bis zu jenem Zeitpunkt mussten Hebammen, um eine Lizenz zu erhalten, nur moralischen und spirituellen Anforderungen genügen, die vom Pfarrer bestätigt wurden, und sie mussten zeigen, dass sie in der Lage sind, einem Neugeborenen im Fall der Lebensgefahr korrekt die Taufe zu spenden, damit wenigstens seine Seele gerettet würde.

Eine Studie über die römischen Hebammen des 19. Jahrhunderts allerdings zeigt, dass nur eine Minderheit von ihnen ein Diplom an dieser Schule erworben hatte. Abschreckend wirkten wahrscheinlich die Kosten der zweijährigen Ausbildung. Die vom Staat verlangte Gebühr in Höhe eines Monatsgehalts für die Anmeldung des Gewerbes hielt manche hiervon ab. Die lange Tradition dieses Berufs bewirkte schließlich, dass man sich das Vertrauen der Bevölkerung nicht durch ein Diplom erwarb, sondern durch Erfahrung, die häufig von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Allerdings hatten einige der bekanntesten Hebammen wenig vertrauenerweckende Beinamen wie »die Fleischerin«. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen gesellschaftlichen Aufstieg der Hebammen. Damals strömte ein neues Bürgertum in die Hauptstadt Rom und Töchter von Angestellten, Freiberuflern oder aus dem verarmten niederen Adel sowie aus französischen oder englischen, in der Stadt ansässigen Familien wählten diesen Beruf. Sie hatten eine höhere Bildung und kamen aus gesellschaftlich höher gestellten Schichten als die Pionierinnen von St. Rochus. Stolz trugen sie ihren weißen Kittel und die typische Ledertasche und öffneten so den Weg in die Moderne.

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Menschliches und Göttliches zutiefst vereint

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Antonio Bresciani; Die heilige Margareta von Cortona als Büßerin; auch der Hund, der bei ihrer Bekehrung dabei war, ist rechts unten im Bild zu sehen

Margareta von Cortona – die Heilige des Monats

Nach einer Kindheit, die aufgrund eines langen Konflikts mit ihrer Stiefmutter alles andere als einfach war, verliebt sich Margareta von Cortona in einen jungen Adligen aus Cortona, der ihre Liebe erwidert: Arsenio Dal Monte. Sie wurden Eltern eines Sohnes, und da die beiden nie geheiratet haben, endet der verschwenderische Lebensstil, an den sich Margareta während des neunjährigen Zusammenlebens gewöhnt hatte, abrupt an jenem Tage, an dem Arsenio bei einem Jagdunfall ums Leben kommt.

Dieses Ereignis stellt den Anfang von Margaretas Bekehrung dar. Die von allen verachtete und der Hexerei beschuldigte Frau will ins Haus ihres Vaters zurückkehren, wird aber mit harten Worten abgewiesen. Nachdem sie zunächst in Cortona im Hause zweier großherziger Frauen unterkommt, die sie mit den Minderbrüdern des Franziskanerklosters bekannt machen, wird ihr gestattet, der Regel des Dritten Ordens der Franziskaner zu folgen und in einer Zelle unweit des Klosters im Stile einer Einsiedlerin zu leben. Sie wird dreizehn Jahre lang dort leben, in unablässigem Gebet und Buße und gefestigt durch Ekstasen und Offenbarungen, die Christus ihr zuteil werden lässt. Ihr in tiefer Kontemplation verbrachtes Leben hindert sie aber keineswegs daran, sich den Bedürftigsten der Bedürftigen und den Kranken zu widmen. Dieses Engagement führt schließlich zur Gründung des Hospitals »Santa Maria Misericordia«.

1288 zieht Margareta in eine noch viel kältere, engere und abgeschiedenere Zelle auf dem Festungsberg von Cortona, die in der Nähe einer den heiligen Basilius, Aegidius und Katharina geweihten Kirche liegt, die sie hatte erbauen lassen. Auf diese Weise entzieht sie sich der geistlichen Leitung der Franziskaner und vertraut sich einem Priester, Ser Badia Venturi, an, der sie bis zu ihrem Tod betreuen wird.

Über Margareta von Cortona ist viel geschrieben worden. Macht man sich aber auf die Suche nach den Eigenarten der spirituellen Erfahrung dieser so besonderen und ursprünglichen Heiligen, so muss man in der Lebensbeschreibung nachschauen, die von ihrem Beichtvater, Fra Giunta, verfasst wurde. Dieser Bericht ist jedoch kein historisches Werk im engen Sinne. Seine Absicht besteht nicht nur darin, eine Geschichte zur Erbauung der Gläubigen zu erzählen, sondern auch, Margareta als Vorbild aufzuzeigen, das für den heutigen Leser aktualisiert und nachgeahmt werden kann. Eine Reise des Wissens und des Bewusstseins.

Die Vorstellung, der zufolge die Reue und die Liebe verschiedene Stufen durchlaufen, ist in der Geschichte der Spiritualität keineswegs neu: Schon Augustinus und Bernhard von Clairvaux hatten sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Fra Giunta vermittelt sie uns, wobei er drei wichtige Stufen auf Margaretas Weg der Askese ausmacht.

Auf der ersten Stufe öffnet ihr die allzu lange ignorierte Lieblosigkeit die Augen und erfüllt eine Offenbarungsfunktion: Die Seele erahnt den Miss­klang der Sünde, die als Beleidigung Gottes verstanden wird. Die Unwichtigkeit ihres Hier und Jetzt und das fehlende Zugehörigkeitsgefühl schlagen in ihr eine Wunde, die sie dazu zwingt, das Leid anzunehmen. Die Liebe spiegelt ein neues Licht wider, das auf ihr Leben fällt und sie erkennen lässt, dass die Sünde ein negativer Wert ist, insofern sie Gottesferne bedeutet.

Die zweite Stufe dagegen wird durch einen typischen Ausdruck charakterisiert, der auf eine wichtige mystische Erfahrung verweist: die compassio sui, die Nachsicht mit der Seele. Der Schmerz überwältigt sie wie ein Zersetzungsfaktor, und die Seele entdeckt, dass sie arm und bedürftig ist, dass es ihr traurigerweise an jedwedem dauerhaften Gut ermangelt. Jesus hatte ihr gesagt: »Ohne mich kannst du nichts tun.« Das ist eine Art zu sagen, dass er erst, nachdem man die Illusion und die Unsicherheit aller menschlichen Vorhaben erkannt hat, zur einzig möglichen Quelle der Erlösung werden kann.

Die dritte Stufe ist jene, die ein Engel als ein heftiges Begehren definiert, das den Geist vertikal erhebt, und zwar Geist verstanden nicht als Intellekt, sondern als der höchste Teil der Seele. Und da das Verlangen niemals gestillt wird, setzt es seine Suche so lange fort, bis alles in die vollständige Gemeinschaft mit Gott einmündet.

Margaretas Martyrium kreist um die für die spätmittelalterliche Spiritualität typische zentrale Rolle, die die leidende Menschheit spielt. Im Übrigen macht sie ihre spirituelle Erfahrung im Bannkreis des Franziskanerordens: eine Hinwendung zum armen, gedemütigten und verhöhnten Christus, die ein unmittelbares Erbe des Heiligen von Assisi ist. Eine dynamische Meditation, bei der Margareta im Hinblick auf die Einwohner von Cortona eine ganz präzise Aufgabe hat: Sich selbst zu einem Spiegel zu machen, in dem sich die Sünder und die Ungläubigen widerspiegeln können, um zu verstehen, dass es eine göttliche und heilbringende Barmherzigkeit gibt. Jedermann soll in ihr gestochen klar und scharf den Kalvarienberg erkennen. Dazu berufen, die Aufgabe zu erfüllen, ihre Stadt zur Versöhnung und zum Frieden zu ermahnen, wird ihre Stadt für sie zu Ort und Gelegenheit, das Leiden des gekreuzigten Christus zu erleben. Und so wird es Margareta ein Bedürfnis, herumzuirren und sein Martyrium zu verkünden.

Durch ihre so menschliche, zugleich aber so sehr von Göttlichem durchdrungene Geschichte wird den Gläubigen nicht nur die Erfahrung der Ekstase zur Nachahmung empfohlen, sondern vielmehr auch die Gelegenheit, in Christus jenen Schwerpunkt zu finden, der es ermöglicht, die Leiden und die vielen Widrigkeiten, die uns im Leben widerfahren, geduldig zu ertragen.

Ein hervorragendes Beispiel dafür, dass wir, wenn wir den schwersten Weg einschlagen und zulassen, dass die Heilung unserer Wunden ihren natürlichen Verlauf nimmt, schließlich bewusst und geduldig soweit gelangen, die Liebe Gottes voll und ganz zu erfassen. Wie in der Brandung, die in ihrem Rückstrom den Schmutz mit sich fortreißt.

Wer ist Gaia de Beaumont

Die einer adeligen Familie entstammende Römerin ist die Verfasserin mehrerer Romane, die sich teils mit ihrer Familiengeschichte, teils mit Persönlichkeiten der US-amerikanischen Intellektuellenschicht der 1930er-Jahre befassen. Hier einige ihrer Titel: Care cose (1997), La bambinona (2001), I bambini beneducati (2016).

Von Gaia de Beaumont (Orig. ital. in O.R., Monatsbeilage »Frauen- Kirche- Welt«, Februar 2017)

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Hier blüht die Ökumene

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Papst Franziskus und Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse beim ökumenischen Gottesdienst im November 2015

Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Rom

Eine lutherische Bastion mitten im Bistum des Papstes hat, sollte man meinen, einen schweren Stand. Aber das war einmal. Die um die Christuskirche gescharte Gemeinde hat sich in Rom längst Ansehen erworben – weil sie ökumenisch orientiert ist und dies auch im Gedenkjahr der Reformation 2017 zum Ausdruck bringt.

»Wir, Lutheraner und Katholiken, müssen einander um Verzeihung bitten für den Skandal der Teilung. Nun ist es Zeit für die versöhnte Verschiedenheit. Bitten wir heute um diese Gnade der versöhnten Verschiedenheit im Herrn…« So sagte Papst Franziskus am 15. November 2015 sinngemäß in seiner Predigt in der voll besetzten evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Worte also mit einem deutlich ökumenischen Akzent – bei einem Kirchenbesuch, der schon als solcher ein ökumenisches Ereignis war.

Durch den Besuch des Heiligen Vaters geriet erneut nicht nur die Christuskirche und die dazugehörige Gemeinde ins Blickfeld, sondern ganz generell die Rolle der kleinen lutherischen Minderheit in der Hauptstadt des katholischen Glaubens. Dieses Interesse ist gerade jetzt, im Jahr 2017, gewissermaßen aktuell. Dazu der Pfarrer, Dr. Jens-Martin Kruse, in einem Gespräch mit unserer Zeitung: »Denn wir erinnern uns ja an zwei entscheidende Ereignisse: An den Beginn der Reformation vor 500 Jahren und an den ers­ten evangelischen Gottesdienst in Rom 1817, mit dem die Geschichte unserer Gemeinde anfing.«

Anfänge auf dem Kapitol

So ist es in der Tat. Begonnen hatte alles im Zeichen des preußischen Adlers. Nicht ein Geistlicher, sondern der preußische Legationsrat und spätere Gesandte beim Heiligen Stuhl, Christian Josias von Bunsen, war der spiritus rector beim Entstehen der evangelischen Gemeinde in Rom. In seiner Wohnung fand 1817 ein Gottesdienst zum Gedenken an Luthers Reformation statt. Wenig später schickte der preußische König einen fest besoldeten Prediger, Heinrich Schmieder, an den Tiber. Seinen ersten Gottesdienst hielt er am 27. Juni 1819. Als der Diplomat Bunsen dann zum Gesandten aufrückte, richtete er eine Kapelle im Erdgeschoss des von ihm bewohnten Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol ein. Und dieser Palast, in dem man die Gesandtschaft etablierte, blieb für knapp 100 Jahre der geistliche Mittelpunkt für die evangelischen Deutschen in Rom.

 

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Das Kircheninnere mit Apsismosaik.

Verstärkt wurde diese Rolle noch, als nahebei das Deutsche Archäologische Institut entstand sowie (zum Forum hin) ein kleines evangelisches Krankenhaus. Die protestantische Gemeinde existierte also im Bannkreis der preußischen Gesandtschaft, weshalb sie der Papst tolerierte.

Probleme gab es allerdings bei Beerdigungen. Erst seit kurzem nämlich hatten die nichtkatholischen Christen das Recht, ihre Toten neben der Cestius-Pyramide an der Stadtmauer beizusetzen. Dies musste im Morgengrauen geschehen, um ja nicht die katholischen Bürger zu erzürnen. Auf dem Cestius-Friedhof (heute offiziell »nicht-katholischer Friedhof« genannt) ruhen viele evangelische Gläubige aus Deutschland. So etwa Goethes Sohn August, der ebenfalls 1830 verstorbene schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger und der Maler Hans von Marées.

 

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Christus zwischen Petrus und Paulus: Statuen von Reinhold Felderhoff

Als 1870 der Kirchenstaat eingenommen und Rom kurz darauf die Hauptstadt des geeinten Italien wurde, zog in der Metropole Gewissens- und Kultfreiheit ein. Fortan entstanden mehrere nicht-katholische Kirchen am Tiber. Die Waldenser, also die italienischen Protestanten, konnten sogar zwei Gotteshäuser in der früher vom Papst regierten Stadt bauen. Die evangelischen Deutschen hingegen mussten weiter mit der Botschaftskapelle auf dem Kapitol vorlieb nehmen.

Freilich, protestantische Gruppen in Deutschland warben emsig für Kirchenbauten in der Diaspora. 1899 schließlich erwarb die evangelische Gemeinde Roms ein Grundstück zu diesem Zweck in der Via Toscana nahe der berühmten Via Veneto, im ehemaligen Gartengelände der Villa Ludovisi.

Und Kaiser Wilhelm II., obgleich zunächst aus politischen Gründen Gegner des ganzen Projekts, beauftragte seinen Architekten Franz Schwechten mit dem Plan für die Christuskirche. Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch die Bauarbeiten. Deshalb konnte man die unter anderem mit Mosaiken und einem Taufbecken von Bertel Thorvaldsen geschmückte Kultstätte erst 1922 einweihen. Sie ist, wie eine von der Gemeinde publizierte Broschüre betont, »ein seltenes, wichtiges Zeugnis der späten wilhelminischen Baukunst«.

Somit hatte die deutsche evangelische Gemeinde nun auf Dauer ihr Zentrum. Über ein interessantes Ereignis aus der folgenden Zeit berichtet der schriftliche Kirchenführer: Anlässlich der Trauerfeier für die 1930 in Rom verstorbene schwedische Königin Viktoria – einer gebürtigen Prinzessin von Baden, die sich oft in Italien aufhielt und der deutschen evangelischen Gemeinde Roms angehörte – »kamen Fürstlichkeiten aus vielen Ländern in die Christuskirche; neben dem italienischen Königspaar fehlte auch der ›Duce‹, Benito Mussolini, nicht.«

Weitere Etappen? Während des Zweiten Weltkriegs herrschten schwierige Verhältnisse für die Protestanten in der Ewigen Stadt; dann gab es in der Nachkriegszeit durch die Wiedereröffnung deutscher Institutionen in Rom neue Mitglieder und neue Impulse für die Gemeinde, die 1956 mit 563 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte.

 

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Außenansicht der zwischen 1910 und 1922 erbauten Christuskirche

Unterdessen wurde die Gemeinde Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI); konstant blieb außerdem die enge Bindung an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die auch den Pfarrer für die Christuskirche ernennt. Da sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen verbesserte, wuchs auch das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinde am Tiber. »Ökumene« wurde fortan zum Schlüsselbegriff für die interkonfessionellen Beziehungen – und damit auch für die Beziehungen zwischen den in Rom lebenden Lutheranern und dem Vatikan. So kam es zu einem wahrhaft historischen Ereignis: Am 3. Advent 1983 besuchte Johannes Paul II. die Christuskirche. Zum ersten Mal predigte ein Papst in einem evangelischen Gotteshaus, oder, wie Italiens Zeitungen salbungsvoll schrieben, »in einem Tempel Martin Luthers«. Der mit dem Vatikan genau abgestimmte Wortgottesdienst war geprägt von ökumenischem Geist, vom deutlichen Wunsch nach Verständigung und Versöhnung.

Viele positive Signale

Seit August 2008 amtiert der dynamische Hanseat Dr. Jens-Martin Kruse als Pfarrer der Christuskirche. Er war also der Gastgeber, als mit Benedikt XVI. am 14. März 2010 abermals ein Pontifex diese Kultstätte besuchte und dort predigte. Ein Ereignis, das Kruse höchst positiv bewertet: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst mit uns zu feiern, dann bedeutet das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Logisch daher, dass auch der Besuch von Franziskus 2015 den Pastor und seine Gemeinde mit Genugtuung erfüllte.

Zwar sieht Pfarrer Kruse durchaus, dass sich in manchen theologischen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten mehr bewegen könnte. Aber, so betont er, hinter die »gelebte und gefeierte Ökumene« könne niemand zurück. Die theologischen Fragen würden sich dann Schritt um Schritt klären lassen. Und die Klage über eine »ökumenische Eiszeit«? In diese Klage stimmt der Pastor absolut nicht ein. »Denn es gibt in Sachen Ökumene viele positive Signale auf beiden Seiten. Dabei muss man allerdings lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.«

Gewiss, die lutherische Gemeinde Rom ist – mit derzeit rund 500 Beitrag zahlenden Mitgliedern – sehr klein. Vor allem wegen der hohen Fluktuation, was besagt: So manche »Kurzzeit-Römer« ziehen nach ein paar Jahren wieder fort. Aber die Gemeinde ist erstaunlich vital. Von den allgemeinen Gottesdiensten abgesehen, gibt es Kindergottesdienste, eine Konfirmandengruppe, den Chor, einen »Frauenverein«, Gesprächskreise und den alljährlichen Weihnachtsbasar. Bei mehreren Aktivitäten spielt die Ökumene eine wichtige Rolle. Was auch daran liegt, dass der Gemeinde etliche Ehepaare mit Partnern unterschiedlicher Konfession angehören. »Fast jedes Mitglied«, heißt es im Pfarramt, »verfügt über ökumenische Kontakte in der eigenen Familie, am Wohnort oder am Arbeitsplatz.« Dies und der Standort Rom mit seinen unzähligen katholischen Institutionen bedingt fast schon automatisch eine ökumenische Orientierung. Zu den einschlägigen Veranstaltungen zählt z. B. jedes Jahr in der Karwoche ein ökumenischer Kreuzweg, dessen Stationen die verschiedenen Gotteshäuser rund um die Christuskirche verbinden. Im gleichen Kontext steht die Teilnahme, gemeinsam mit Katholiken, an der jährlichen Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 

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Blick in den Garten der Christuskirche.

Besonders engagiert ist Pfarrer Kruse jetzt bei einem umfangreichen Programm, das sowohl an den Beginn der Reformation als auch an die Entstehung der römischen Gemeinde erinnert und daher »1517-1817-2017« heißt. Konkret handelt es sich um eine Reihe von meist auf Luther bezogenen Veranstaltungen. Mit Gottesdiensten, Workshops, Konzerten sowie Vorträgen prominenter Experten aus der evangelischen und katholischen Kirche. Am 18. Januar z. B. predigte hier Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Chris­ten. Überhaupt ist das ehrgeizige Programm geprägt vom ökumenischen Geist. Einem Geist, der zweifellos die ganze um die Christuskirche gescharte Gemeinde erfüllt. Wie formuliert es doch gleich Pfarrer Kruse? »Bei uns in Rom blüht und gedeiht die Ökumene.«

Von Bernhard Hülsebusch

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Quelle Osservatore Romano 6/2017

Sozialeinsatz für Projekte des Salesianerordens

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Wien. 18 junge Frauen und Männer aus Österreich beginnen in den kommenden Tagen und Wochen einen Sozialeinsatz im Rahmen der Hilfsorganisation »Jugend Eine Welt« und der Salesianer Don Boscos. Einsatzländer sind aktuell Äthiopien, Ecuador, Ghana, Indien, Kolumbien und Malawi. In Jugendzentren der Salesianer Don Boscos, Schulen und Straßenkinderprojekten arbeiten sie für ein Jahr unterstützend in der Lehrtätigkeit, Freizeitbetreuung und offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ein halbes Jahr haben sich die Freiwilligen auf ihren Dienst vorbereitet.

Seit 1997 haben mehr als 420 Österreicher ein Volontariat mit »Jugend Eine Welt« geleistet. Zu Jahresbeginn 2013 wurde die Durchführung des Volontariatsprogramms an den Verein »Volontariat bewegt« übertragen. Dahinter stehen aber nach wie vor »Jugend Eine Welt« sowie die Salesianer Don Boscos. Die Einsätze werden durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit sowie von kirchlichen und privaten Initiativen unterstützt.

(Infos: www.volontariat.at)

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Eine Regel kann es nicht geben

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Bischof Stefan Oster:
Kommunion wird für Wiederverheiratete eine Ausnahme bleiben

Passau (DT/KNA) Der Passauer Bischof Stefan Oster geht davon aus, dass der Sakramentenempfang für wiederverheiratete geschiedene Katholiken auch künftig nicht die Regel, sondern Ausnahme bleiben wird. Papst Franziskus habe in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ einen „anspruchsvollen Weg“ vorgezeichnet, sagte Oster am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur in Passau. „Die Priester haben die Aufgabe, die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“, zitierte Oster aus dem Schreiben. Der Passauer Bischof fügte hinzu, die Beichte sei der geeignete Weg, sich in rechter Weise für den Kommunionempfang zu disponieren. Dabei komme es dem Priester zu, die Lossprechung von den Sünden zu erteilen, „sofern der Beichtende diese bekennt und bereut“. Das heiße aber auch, dass es „keinen automatischen Anspruch auf die Absolution“ gebe. Ein Seelsorger könne nach einem längeren Prozess des Begleitens auch zum Ergebnis kommen, dass ein Empfang der Sakramente nicht möglich sei.

„Echte Unterscheidung sucht nach einem Ergebnis und setzt es nicht schon voraus“, betonte Oster. Er hoffe aber, dass der Priester mit dem betroffenen Gläubigen gemeinsam zum Ergebnis finde. Der Bischof räumte ein, dass „jetzt schon nicht so selten“ betroffene Katholiken in eigener Verantwortung die Kommunion empfingen. Dies könne aber nach Lehre der Kirche und „einem strengen Wort des Apostels Paulus“ bei fehlender Disposition schädlich für den Empfänger sein. Es sei auch Aufgabe der Verkündigung und Begleitung, diesen Schaden für den Gläubigen nach Möglichkeit zu verhindern. Außerdem habe die Kirche die Verantwortung, „die Glaubenswahrheiten über die Sakramente Ehe und Eucharistie nicht zu verdunkeln“.

Oster hatte sich bereits am 20. Juli 2016, vier Monate nach Veröffentlichung von „Amoris laetitia“, schriftlich mit „Orientierungslinien“ an die Seelsorger seines Bistums gewandt. „Verbindliche, allgemeine Vorgaben für die seelsorgliche Praxis der Begleitung des Einzelfalls könne es jedoch nicht geben, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. „Jeder Fall zeigt sich anders.“ Im Nachgang zu seinem Schreiben findet sich ein vom Passauer Offizial Claus Bittner formulierter Katalog mit Fragen. Sie sollen der Gewissenserforschung von Personen dienen, die „in irregulären Verhältnissen“ leben und in der Begleitung durch einen Priester die Zulassung zur Kommunion erbitten. Dabei geht es unter anderem um die Umstände, die zum Scheitern der Erst-Ehe geführt haben und wie die Verantwortung gegenüber dem früheren Partner und eventuell gemeinsamen Kindern wahrgenommen wird.

Der Bittsteller soll sich außerdem fragen, was er mit seinem aktuellen Partner tut, „um neuen Brüchen und Problemen vorzubeugen“, und ob er Verzeihung und Barmherzigkeit leben könne, „die er selbst für sich von der Kirche erbittet“.

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Quelle (Die Tagespost – 10. Februar 2017)

Pilgerströme aus dem Libanon kommen zum Jubiläum nach Fatima

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Wien/Beirut. Das Fatima-Jahr wird auch bei den Maroniten groß gefeiert. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums wird das Marienheiligtum Fatima am 24. Juni einen »Tag für den Libanon« feiern, zu dem große Pilgerströme aus dem Zedernstaat in Portugal erwartet werden. Beim Gottesdienst in der Marienbasilika mit Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Raï wollen die katholischen Patriarchen aus dem Nahen Osten die Weihe Libanons an Maria erneuern, wie die Stiftung »Pro Oriente« berichtete.

Die im Libanon beheimatete maronitische Kirche begeht 2017 als »Jahr des Martyriums und der Märtyrer«, das zahlreiche spirituelle und kulturelle Veranstaltungen umfassen soll. Auftakt des Jahres war der 9. Februar, Fest des heiligen Eremiten Maron, der als Begründer der maronitischen Tradition angesehen wird. Das Gedenkjahr wird bis zum Fest des ersten maronitischen Patriarchen am 2. März 2018 dauern. Kardinal Raï betonte in einer Botschaft die »Aktualität und Opportunität« des Themas angesichts der Tatsache, dass die Kirche heute an vielen Orten, vor allem im Nahen Osten, der Verfolgung ausgesetzt sei.

Bei ihrem letzten Monatstreffen am 1. Februar hat die Versammlung der maronitischen Bischöfe ein neues Wahlrecht für den Libanon eingefordert, das eine gerechte Repräsentation aller sozialen und religiösen Komponenten der libanesischen Gesellschaft garantiert. In einer gemeinsamen Verlautbarung unterstrichen die Bischöfe die Notwendigkeit »der Beschleunigung der Debatte über das neue Wahlrecht«.

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Eine eigene Votivmesse von der Heiligen Familie?

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Wahrscheinlich genügt die Messe in besonderen Anliegen
„Für die Familien“

Pater Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Frage zu einer bestimmten Votivmesse.

Frage: Unter den Votivmessen der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika gibt es keine „Von der Heiligen Familie“. Meine Frage lautet nun: Darf man nach den Regeln für Votivmessen die Präsidialgebete vom Fest der Heiligen Familie nehmen, um zu anderer Zeit eine solche Votivmesse zu feiern? Ich nehme an, dass das nicht der Fall ist. Doch angesichts der Bedeutung, die die Familie in der heutigen Zeit in der Kirche besitzt, stelle ich noch eine weitere Frage: Wie müsste man vorgehen, wenn man eine Votivmesse von der Heiligen Familie vorschlagen wollte, und wo müsste man den Vorschlag einreichen? – A.B., Kemerovo, Russland

Pater Edward McNamara: Ich denke, man könnte das Problem lösen, indem man sich dafür entscheidet, unter den „Messen in besonderen Anliegen“ die Messe „Für die Familien“ (Nr. 43) zu feiern. In den Präsidialgebeten dieser Messe wird die Heilige Familie ausdrücklich erwähnt:

Eröffnungsvers: „Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot, und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde“ (Eph 6,2-3).

Tagesgebet: „Gütiger Gott, du hast die Familie zur Grundlage der menschlichen Gesellschaft gemacht. Das Beispiel der Heiligen Familie stärke in uns die Liebe und den Gehorsam, auf denen jede Gemeinschaft ruht, damit wir in der ewigen Freude deine Hausgenossen werden. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.“

Gabengebet: „Herr, unser Gott, wir bringen das Opfer der Versöhnung dar. Erhöre unser Gebet und erhalte unsere Familien in deiner Gnade und in deinem Frieden. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.“

Kommunionvers: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: Ich vergesse dich nicht.“ (Jes 49,15).

Schlussgebet: „Gott, unser Vater, du hast uns mit dem Brot des Himmels gestärkt. Bleibe bei uns mit deiner Gnade, damit wir das Vorbild der Heiligen Familie nachahmen und nach der Mühsal dieses Lebens in ihrer Gemeinschaft das Erbe erlangen, das du deinen Kindern bereitet hast. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.“

Ich würde sagen, dass diese neue Messe in besonderen Anliegen es unnötig macht, die Präsidialgebete vom Fest der Heiligen Familie zu entlehnen und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weswegen diese Möglichkeit nicht ausdrücklich vorgesehen ist.

In der außerordentlichen Form hatte man die Möglichkeit, die Gebete vom Fest der Heiligen Familie für eine Votivmesse zu verwenden, aber das damalige Messbuch enthielt auch keine Messe wie die oben erwähnte.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel https://zenit.org/articles/liturgy-q-a-masses-for-the-holy-family/

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Quelle