Die zwei Martyrien des Oscar Romero

Die Verehrung ist international groß: Oscar Romero

Er steht für die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Einsatz für Arme und Leidende aus dem Geist des Evangeliums. Und genau deswegen wurde er ermordet: Vor genau 100 Jahren wurde Oscar Arnulfo Romero geboren, der 1980 während der Feier einer Messe von einem Soldaten erschossen wurde.

Gefeiert wird aber nicht nur in seinem Heimatland El Salvador, sondern auch in Europa. Überhaupt war Romero seit seiner Ermordung immer schon über sein Land hinaus eine bedeutende Gestalt, auch vor seiner Seligsprechung 2015. Der Grund dafür sei sein klares, universell verstehbares Zeugnis, das er für die Frohe Botschaft abgelegt habe. Das sagt Erzbischof Vincenzo Paglia, Promotor im Heiligsprechungsprozess Romeros.

Feiern in London und in El Salvador

Konsequenterweise predigt Paglia bei einer großen Feier an diesem Samstag in London, bei der Romero geehrt wird. Und Romero wird in London nicht nur katholisch geehrt: Außer der Messe in der Kathedrale Southwark im Süden der Stadt wird es im September eine ökumenische Vesper im der Westminster Abbey geben, also der anglikanischen Kirche, die bereits 1998 eine Statue des katholischen Märtyrers zentral an ihrer Fassade angebracht hat. Neben Romero stehen dort auch Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe.

Das Zeugnis Oscar Romeros geht über El Salvador und über die katholische Kirche hinaus, so Paglia. „Es ist kein Zufall, dass am 24. März, also am Tag seines Martyriums, die Kirche alle zeitgenössischen Märtyrer feiert. Außerdem haben die Vereinten Nationen diesen Tag ausgewählt, um ihn als ‚Tag des Rechts auf Wahrheit und für die Würde der Opfer’ zu begehen.“ Heute an diesen Mann zu erinnern und ihn zu feiern sei wichtig besonders in der Welt heute, wo Leben immer mehr genommen und immer weniger geschenkt werde, so Paglia.

Widerstände

Romero stehe aber nicht nur für nationen- und konfessionsübergreifende Einheit. Es habe auch immer Widerstand gegen Romero gegeben, zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod, auch in der Kirche. Selbst sein eigenes Bistum und seine Nachfolger haben ihn als politischen Unruhestifter gesehen, das war mit Ursache für die lange Verzögerung der Seligsprechung. „Nicht nur bei ihm in seiner Heimat, sondern auch außerhalb hat es diese Widerstände gegeben, auch hier bei uns“, kommentiert Paglia. „Dieser Widerstand ist geboren als Reaktion auf das, was das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt und die lateinamerikanische Kirche sofort nach dem Konzil bekräftigt hat: Das Evangelium ist nicht indifferent. Das Evangelium ist nicht nur eine Devotion. Das Evangelium ändert die Welt und Romero hatte verstanden, dass man, um die Welt zu ändern – wie das Evangelium sagt – mit der Liebe für die Armen beginnen muss. Viele haben geglaubt, dass diese Option für die Armen eine politische Entscheidung gewesen sei, aus marxistischer Analyse heraus. Das war aber nicht so. Die Entscheidung für die Armen ist dieselbe Entscheidung, die Jesus getroffen hat.“

Widerstand gegen das Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil habe diese Option Jesu noch einmal deutlich in den Mittelpunkt gestellt, Romero sei in diesem Sinn auch ein Märtyrer für das Konzil. „Mich beeindruckt immer noch, mit welchen Worten Papst Paul VI. das Konzil beendet hat. Er stelle sich das Konzil vor wie den barmherzigen Samariter, der sich um den Mann am Straßenrand kümmert. Genau das hat Romero getan.“

Papst Franziskus unterstreiche genau diese Botschaft heute neu, so Erzbischof Paglia. Und er kenne auch die Opposition gegen Romero in der Kirche, bis heute. Deswegen habe der Papst vor Pilgern aus El Salvador ausdrücklich vom „Martyrium post mortem“, also quasi einem zweiten Martyrium an seinem Ruf und seiner Würde, gesprochen. „Eine solche Opposition richten heute auch einige gegen die Botschaft von Papst Franziskus.“

Die Frohe Botschaft will die Welt verändern

Die Frohe Botschaft lasse die Welt nicht, wie sie ist, betont Erzbischof Paglia noch einmal. Sie könne und dürfe nicht gleichgültig bleiben, im Gegenteil, sie verändere wie Welt. „Das Evangelium verlangt eine Entscheidung, verlangt an der Seite der Armen und Leidenden zu sein. Deswegen hat Papst Franziskus ja auch die Opposition ‚post mortem’ gegen Romero betont und an Jesu Worte angeschlossen: ‚Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen’.“

Am 23. Mai 2015 sprach Papst Franziskus Erzbischof Romero selig. Die letzte Zweifel, ob es eine politische Tat war und keine gegen Glaube und Kirche gerichtete, waren damit ausgeräumt. Wann es zur Heiligsprechung komme, darüber will sich Paglia nicht festlegen, aber wenn der Prozess gut verlaufe, dann könne es schon im kommenden Jahr soweit sein.

Hintergrund

Romero starb am 24. März 1980, erschossen am Altar auf Befehl der politisch Mächtigen. Seine Ermordung war ein Fanal im heraufziehenden Bürgerkrieg zwischen Sicherheitskräften, rechten Todesschwadronen und linken Guerillagruppen. Bis 1992 kamen rund 75.000 Menschen ums Leben.

Romero wusste um die Gefahr, denn er predigte noch unmittelbar vor seinem Tod: „Wer sich davor hütet, die Gefahren des Lebens auf sich zu nehmen, so wie es die Geschichte von uns verlangt, der wird sein Leben verlieren. Wer sich hingegen aus Liebe zu Christus in den Dienst der anderen stellt, der wird wie das Samenkorn, das stirbt, aber in Wirklichkeit lebt.“

In El Salvador gibt es zu Ehren Oscar Romeros eine nationale Pilgerreise, von der Kirche im Land organisiert. Unter der Überschrift „Camino de Monseñor Romero”, „Der Weg von Bischof Romero“, geht es ab diesem Freitag in der Hauptstadt San Salvador an der Bischofskirche los.

(rv 11.08.2017 ord)

Die besondere Beziehung, welche die Ehe der Getauften zum Geheimnis Gottes hat

ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
ZUR ERÖFFNUNG DES GERICHTSJAHRES
DER RÖMISCHEN ROTA

Donnerstag, 30. Januar 2003

1. Die feierliche Eröffnung des Gerichtsjahres der Römischen Rota gibt mir Gelegenheit, euch, geehrte Prälaten-Auditoren, Kirchenanwälte, Ehebandverteidiger, Offiziale und Anwälte, den Ausdruck meiner Wertschätzung und meiner Dankbarkeit für eure Arbeit zu erneuern. Dem Hochwürdigsten Herrn Dekan danke ich herzlich für die Empfindungen, die er im Namen aller bekundet hat, und für die Überlegungen, die er hinsichtlich der Natur und der Zielsetzungen eurer Arbeit dargelegt hat.

Die Tätigkeit eures Gerichts wurde von meinen verehrten Vorgängern immer hochgeschätzt. Sie versäumten nie herauszustellen, daß die Rechtspflege bei der Römischen Rota eine direkte Teilhabe an einem wichtigen Aspekt der Funktionen des Hirten der universalen Kirche ist.

Daraus ergibt sich im kirchlichen Bereich die besondere Bedeutung eurer Entscheidungen, die, wie ich in Pastor Bonus bekräftigt habe, einen sicheren und konkreten Bezugspunkt für die Rechtspflege in der Kirche bilden (vgl. Art. 126).

2. In Anbetracht der deutlichen Überzahl von an die Rota herangetragenen Ehenichtigkeitsverfahren hat der Hochwürdigste Herr Dekan die tiefgehende Krise hervorgehoben, in der Ehe und Familie sich derzeit befinden. Ein wichtiger Faktor, der aus dem Studium der Verfahren hervorgeht, ist die zwischen den Partnern festzustellende Verdunklung dessen, was beim Abschluß der christlichen Ehe deren Sakramentalität mit sich bringt, die heute in ihrer tiefsten Bedeutung, in dem ihr innewohnenden übernatürlichen Wert und in ihren positiven Auswirkungen auf das Eheleben sehr oft nicht beachtet wird.

In den vorhergehenden Jahren habe ich über die natürliche Dimension der Ehe gesprochen. Heute möchte ich eure Aufmerksamkeit auf die besondere Beziehung lenken, welche die Ehe der Getauften zum Geheimnis Gottes hat, eine Beziehung, die im neuen und endgültigen Bund in Christus die Würde des Sakramentes erhält.

Natürliche Dimension und Beziehung zu Gott sind nicht zwei nebeneinandergestellte Aspekte. Sie sind vielmehr so eng miteinander verwoben, wie es die Wahrheit über den Menschen und die Wahrheit über Gott sind. Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen. Darauf werde ich in diesem Kontext noch zurückkommen, weil auch die Perspektive der Gemeinschaft des Menschen mit Gott für die Tätigkeit der Richter, der Anwälte und aller in der Rechtspflege der Kirche Tätigen überaus nützlich, ja sogar notwendig ist.

3. Der Zusammenhang zwischen der Säkularisierung und der Krise von Ehe und Familie ist nur allzu offenkundig. Die Krise bezüglich des Sinnes für Gott und bezüglich des Sinnes für das moralische Gute und Böse ist so weit fortgeschritten, daß sie die Erkenntnis der Stützpfeiler der Ehe selbst und der auf ihr gründenden Familie verdunkelt. Zur tatsächlichen Wiedererlangung der Wahrheit in diesem Bereich ist es notwendig, die transzendente Dimension, die der vollen Wahrheit über die Ehe und die Familie innewohnt, wiederzufinden, indem jede Dichotomie überwunden wird, die darauf abzielt, die weltlichen von den religiösen Aspekten zu trennen, so als gäbe es zwei Ehen, eine weltliche und eine sakrale.

»Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27). Das Abbild Gottes findet sich auch in der Dualität Mann-Frau und in ihrer interpersonalen Gemeinschaft. Deshalb wohnt dem Wesen der Ehe die Transzendenz inne, schon von Anfang an, weil sie dem natürlichen Unterschied zwischen Mann und Frau in der Schöpfungsordnung innewohnt. Dadurch daß sie »ein Fleisch« sind (Gen 2, 24), haben Mann und Frau sowohl in ihrer gegenseitigen Hilfe als auch in ihrer Fruchtbarkeit an etwas Heiligem und Religiösem teil. Das hat mein Vorgänger Leo XIII., indem er sich auf das Eheverständnis der Völker in der Antike berief, in der Enzyklika Arcanum divinae sapientiae deutlich herausgestellt (10. Februar 1880, in Leonis XIII P. M. Acta, vol. II, S. 22). Diesbezüglich merkte er an, daß die Ehe »von Anfang an gleichsam eine Andeutung (adumbratio) der Menschwerdung des Wortes Gottes ist« (ebd.). Adam und Eva besaßen in ihrem Stand der ursprünglichen Schuldlosigkeit bereits das übernatürliche Geschenk der Gnade. Auf diese Weise wurde schon, noch bevor sich die Menschwerdung des Wortes geschichtlich ereignete, ihre heiligende Wirkung auf die Menschheit ausgegossen.

4. Leider droht als Auswirkung der Erbsünde das, was in der Beziehung zwischen Mann und Frau natürlich ist, in einer Weise gelebt zu werden, die dem Plan und dem Willen Gottes nicht entspricht, und die Abwendung von Gott impliziert an sich eine entsprechende Entmenschlichung aller familiären Beziehungen. Aber »als die Zeit erfüllt war«, hat Jesus den ursprünglichen Plan für die Ehe wiederhergestellt (vgl. Mt 19, 1-12), und so kann im Stande der erlösten Natur die Vereinigung zwischen dem Mann und der Frau nicht nur die ursprüngliche Heiligkeit wiedererlangen, indem sie sich von der Sünde befreit, sondern sie wird wirklich in das Geheimnis des Bundes Christi mit der Kirche eingefügt.

Der Brief des hl. Paulus an die Epheser bringt den Bericht der Genesis direkt mit diesem Geheimnis in Verbindung: »Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis;ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph 5, 31-32). Der innere Zusammenhang zwischen der am Anfang gestifteten Ehe und der Einheit des menschgewordenen Wortes mit der Kirche zeigt sich durch den Begriff des Sakraments in seiner ganzen Heilswirksamkeit. Das II. Vatikanische Konzil bringt diese Glaubenswahrheit aus der Sicht der Eheleute folgendermaßen zum Ausdruck: »Die christlichen Gatten bezeichnen das Geheimnis der Einheit und der fruchtbaren Liebe zwischen Christus und der Kirche und bekommen daran Anteil (vgl. Eph 5, 32). Sie fördern sich kraft des Sakramentes der Ehe gegenseitig zur Heiligung durch das eheliche Leben sowie in der Annahme und Erziehung der Kinder und haben so in ihrem Lebensstand und in ihrer Ordnung ihre eigene Gabe im Gottesvolk« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 11). Die Verflechtung zwischen der natürlichen Ordnung und der übernatürlichen Ordnung wird gleich danach vom Konzil auch in bezug auf die Familie hervorgehoben, die von der Ehe nicht zu trennen ist und als »Hauskirche« betrachtet wird (vgl. ebd.).

5. Das christliche Leben und Denken findet in dieser Wahrheit eine unerschöpfliche Quelle des Lichts. Die Sakramentalität der Ehe ist in der Tat ein fruchtbarer Weg, um in das Geheimnis der Beziehungen zwischen der menschlichen Natur und der Gnade einzudringen. In der Tatsache, daß dieselbe Ehe »des Anfangs« im Neuen Gesetz zum Zeichen und Werkzeug der Gnade Christi geworden ist, wird die konstituierende Transzendenz von allem offenbar, was zum Wesen der menschlichen Person gehört, insbesondere zu ihrer natürlichen Beziehungsdynamik entsprechend dem Unterschied und der Komplementarität zwischen Mann und Frau. Das Menschliche und das Göttliche sind auf wunderbare Weise miteinander verwoben.

Die heutige stark säkularisierte Mentalität neigt dazu, die menschlichen Werte der Institution der Familie zu bekräftigen, indem sie diese von den religösen Werten trennt und als völlig unabhängig von Gott erklärt. Unter dem Einfluß der von den Medien allzu oft aufgezeigten Lebensmodelle fragt sie sich: »Warum muß man seinem Ehepartner immer treu sein?« Diese Frage wird in kritischen Situationen zum existentiellen Zweifel. Die Eheprobleme können verschiedenster Art sein, aber alle sind letztlich auf ein Problem der Liebe zurückzuführen. Die oben angeführte Frage könnte man deshalb so stellen: Warum muß man den anderen immer lieben, auch wenn so viele scheinbar berechtigte Motive Anlaß gäben, ihn zu verlassen?

Es lassen sich mehrere Anworten geben, unter denen sicher das Wohl der Kinder und das Wohl der ganzen Gesellschaft großes Gewicht haben, aber die radikalste Antwort führt vor allem über die Anerkennung der Objektivität des Ehegatten-Seins, das – alsgegenseitiges Sich-Schenken betrachtet – von Gott selbst ermöglicht und bestätigt wurde. Der letzte Grund der Pflicht zur treuen Liebe ist deshalb kein anderer als derjenige, der die Basis des Bundes Gottes mit dem Menschen bildet: Gott ist treu! Um also die Treue des Herzens gegenüber dem eigenen Ehepartner möglich zu machen, auch in den schwierigsten Fällen, muß man sich an Gott wenden in der Gewißheit, von ihm Hilfe zu erlangen. Der Weg der gegenseitigen Treue führt zudem über die Offenheit gegenüber der Liebe Christi, die »alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält« (1 Kor 13, 7). In jeder Ehe wird das Geheimnis der Erlösung gegenwärtig, als Wirkung einer wirklichen Teilhabe am Kreuz des Erlösers, nach dem christlichen Paradoxon, das die Glückseligkeit an die Annahme des Leidens im Geist des Glaubens bindet.

6. Aus diesen Prinzipien können vielfache praktische Konsequenzen pastoraler, moralischer und rechtlicher Natur gezogen werden. Ich beschränke mich darauf, einige zu nennen, die mit eurer richterlichen Tätigkeit in besonderer Weise verknüpft sind.

Insbesondere dürft ihr nie vergessen, daß ihr in euren Händen jenes große Geheimnis haltet, von dem der hl. Paulus spricht (vgl.Eph 5, 32, sowohl wenn sich um ein Sakrament im engeren Sinn handelt, als auch wenn diese Ehe den heiligen Wesenscharakter des Anfangs in sich trägt und berufen ist, durch die Taufe der beiden Eheleute Sakrament zu werden. Die Betrachtung der Sakramentalität rückt die Transzendenz eurer Aufgabe ins Licht, den inneren Zusammenhang, der sie wirksam mit der Heilsökonomie verbindet. Der religiöse Sinn soll deshalb eure ganze Arbeit durchdringen. Von den wissenschaftlichen Studien über diese Materie bis hin zur täglichen Arbeit in der Rechtspflege gibt es in der Kirche keinen Platz für eine rein immanente und weltliche Sicht der Ehe, einfach weil diese Sicht weder in theologischer noch in rechtlicher Hinsicht wahr ist.

7. Unter diesem Blickwinkel ist es zum Beispiel notwendig, die dem Richter durch can. 1676 formell auferlegte Pflicht sehr ernst zu nehmen, aktiv die mögliche Gültigmachung der Ehe und die Wiederversöhnung zu fördern und anzustreben. Natürlich soll diese für die Ehe und Familie förderliche Haltung bereits vor der Inanspruchnahme des Gerichts bestehen. In der pastoralen Begleitung sind die Gewissen von der Wahrheit über die transzendente Pflicht der Treue geduldig zu erleuchten, die auf förderliche und anziehende Weise dargestellt werden soll. Beim Mitwirken zur positiven Überwindung der Ehekonflikte und bei der Hilfe für Gläubige in ungeregelten Ehesituationen ist es notwendig, eine Synergie zu schaffen, die alle in der Kirche miteinbezieht:die Seelsorger, die Juristen, die Experten in den psychologischen und psychiatrischen Wissenschaften sowie die übrigen Gläubigen, insbesondere die verheirateten und jene mit Lebenserfahrung. Alle müssen sich dessen bewußt werden, daß sie es mit einer heiligen Wirklichkeit und mit einer Frage, die das Heil der Seelen betrifft, zu tun haben!

8. Die Bedeutung der Sakramentalität der Ehe und der Notwendigkeit des Glaubens, um diese Dimension voll zu erkennen und zu leben, könnten auch zu manchen Mißverständnissen führen sowohl hinsichtlich der Zulassung zur Eheschließung als auch des Urteils über ihre Gültigkeit. Die Kirche verweigert die Feier der Eheschließung demjenigen nicht, der, wenn auch vom übernatürlichen Standpunkt aus ungenügend vorbereitet, »bene dispositus« ist, vorausgesetzt, er hat die rechte Absicht, entsprechend der natürlichen Wirklichkeit des Angelegtseins auf die Ehe zu heiraten. Denn man kann nicht neben der natürlichen Ehe ein anderes christliches Ehemodell mit besonderen übernatürlichen Eigenschaften gestalten.

Diese Wahrheit darf nicht vergessen werden, wenn die Ausschließung der Sakramentalität (vgl. can. 1101 Abs. 2) und der die sakramentale Würde bestimmende Irrtum (vgl. can. 1099) als eventuelle Nichtigkeitsgründe umschrieben werden. Für die beiden Tatbestände ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß eine Haltung der Eheschließenden, die nicht der übernatürlichen Dimension in der Ehe Rechnung trägt, diese nur ungültig machen kann, wenn sie deren Gültigkeit auf der natürlichen Ebene berührt, in die das sakramentale Zeichen eingegossen ist. Die katholische Kirche hat die Ehen zwischen Nichtgetauften immer anerkannt, die durch die Taufe der Eheleute christliches Sakrament werden, und sie hegt keine Zweifel hinsichtlich der Gültigkeit der Ehe eines Katholiken mit einer nichtgetauften Person, wenn sie mit der notwendigen Dispens gefeiert wird.

9. Zum Abschluß dieser Begegnung gehen meine Gedanken zu den Eheleuten und den Familien, um für sie den Schutz der Gottesmutter zu erbitten. Bei dieser Gelegenheit erneuere ich gern die Aufforderung, die ich schon im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae an sie gerichtet habe: »Eine Familie, die vereint betet, bleibt eins. Seit altersher wird der Rosenkranz in besonderer Weise als Gebet gepflegt, zu dem sich die Familie versammelt« (Nr. 41).

Euch allen, liebe Prälaten-Auditoren, Offizialen und Anwälte der Rota Romana, erteile ich von Herzen meinen Segen.

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Quelle

Belgien: Vatikan setzt Orden Ultimatum wegen Sterbehilfe

Euthanasie, eine Sache auf Leben und Tod

Der Vatikan hat die belgische Ordensgemeinschaft „Broeders van Liefde“ aufgefordert, in seinen psychiatrischen Kliniken unverzüglich die aktive Sterbehilfe zu unterlassen. Wie die katholische Nachrichten-Agentur KNA berichtet, muss die Gemeinschaft bis Ende August eine entsprechende Erklärung an den Vatikan schicken. Andernfalls drohten kirchenrechtliche Sanktionen oder die Aberkennung des Ordensstatus für die gesamte Gemeinschaft. Rene Stockman, der Generalobere des international aktiven Ordens, ermahnte seine Ordensbrüder in Belgien, „unter keinen Umständen aktive Sterbehilfe länger als Lösung für menschliches Leid“ zu praktizieren.

Ende April hatte die Kongregation „Broeders van Liefde“ bekannt gegeben, aktive Sterbehilfe nicht grundsätzlich auszuschließen. In einer Erklärung hieß es: „Wir nehmen das unerträgliche und aussichtslose Leiden und die Bitte um aktive Sterbehilfe von Patienten ernst.“

(kna 09.08.2017 jm)

Kolumbien will Frieden: „Zeitpunkt für Papstbesuch ist ideal“

Im Einsatz für den Frieden: Hochkommissiar Sergio Jaramillo (2. vl)

Wenn Papst Franziskus im September in das um Frieden ringende Kolumbien kommt, dann könnte der Zeitpunkt dafür nicht besser gewählt sein. Das sagt der Mann, der in Kolumbien auf Regierungsseite das Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen ausverhandelt hat. Hochkommissar Sergio Jaramillo äußerte sich vor Journalisten deutschsprachiger Medien, die auf Einladung des bischöflichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat vor der Papstreise Kolumbien besuchten. „Ich habe das Gefühl, dass es die Absicht des Vatikans und besonders des Papstes ist, in diesem einmaligen historischen Moment eine Friedensbotschaft abzusetzen, die über das Abkommen mit den FARC und die aktuelle politische Debatte hinausgeht“, sagte Jaramillo. „Mein Eindruck ist, der Papst will in diesem kritischen Moment des Lebens in Kolumbien zu einem tiefen Nachdenken über das einladen, was der Friede für alle ist.“

Abkommen nach fünf Jahrzehnten Gewalt

Das Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), der ältesten und größten Rebellenorganisation Lateinamerikas, war vergangenen August nach vierjährigen Verhandlungen in Havanna zustande gekommen. Es zog einen Schlussstrich unter mehr als 50 Jahre bewaffneten Konflikt mit den FARC und wird nun nach und nach umgesetzt, auch wenn die Bevölkerung bei einem Referendum im September das Friedensabkommen mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt hatte. Die katholische Kirche in Kolumbien, die großen Rückhalt in allen Teilen der Gesellschaft genießt, setzte sich auf beiden Seiten stark für die Friedensverhandlungen ein. Als es allerdings zum Referendum über das Abkommen kam, riet die Kirche ihren Gläubigen nicht zum „Ja“, sondern zu einer „Gewissensentscheidung“. Heute wäre es hilfreich, wenn die Kirche wieder mit einem eindeutigen „Ja“ für den Friedenskurs einstünde, sagt der Regierungsmann Jaramillo.

„Einerseits scheint mir, die Kirche hat eine extrem wichtige Rolle bei der Herstellung des Friedens in den Weiten des Landes gespielt. Jetzt mit dem Friedensprozess bewährt sich diese langjährige Arbeit. Beim Verhandlungsprozess selbst war die Kirche immer sehr gut informiert und zeigte viel Interesse. Dann aber wurde sie wegen der politischen Verwirrung nach der Volksabstimmung zögerlicher, so scheint mir. Und ich glaube, dass jetzt mit dem Papstbesuch ein guter Moment ist, dass die Kirche in Kolumbien sich wieder zu Gehör bringt und uns alle zum Frieden ermutigt.“

Papstbesuch soll auch Kirche zum Weitermachen ermutigen

Was die Umsetzung des Friedensabkommens betrifft, hat die Regierung – Jaramillo zufolge – die größere Verantwortung und auch größere Verpflichtungen als die Rebellen, „weil sie es ist, die es letztlich umsetzen muss“. Die Rebellen haben Ende Juni infolge des Abkommens alle Waffen abgegeben. Ihre Anliegen, darunter ganz zentral der Zugang zu Boden und lebenswürdige Bedingungen für Kleinbauern, wollen sie nun mit politischen Mitteln durchsetzen: Aus der FARC soll eine (Links-)Partei werden, so sieht es das Abkommen vor.

Viele Ex-Rebellen sind allerdings enttäuscht vom bisherigen Gang der Umsetzung und beschuldigen die Regierung, ihren Verpflichtungen nicht nachzukommen. Jaramillo weist das zurück, zugleich räumt er ein, die Umsetzung gehe langsam vonstatten und sei von einer Reihe anderer Probleme überlagert. „Die Herausforderungen sind sehr groß, wir brauchen nicht naiv zu sein. Was in Kolumbien vorging, war ja nicht nur ein Konflikt zwischen der Regierung und den FARC. Es gibt auch die Koka-Plantagen, den illegalen Raubbau von Mineralien, eine Reihe von Interessen, die der Umsetzung des Abkommens entgegenstehen.“ Es werde lange dauern, sagt der Hochkommissar, der übrigens in Heidelberg studierte, und verweist auf das Beispiel der deutschen Wiedervereinigung.

Ungewöhnliche Gesten für den Frieden aus dem Vatikan

Papst Franziskus hatte die Friedensverhandlungen für Kolumbien aufmerksam verfolgt, freilich ohne sich von Rom aus groß einzumischen. Dennoch markierte er sein Interesse an einem Abkommen mit ungewöhnlichen Gesten. Zum einen versprach er einen Besuch im Fall des Abschlusses eines Friedensvertrags, zum anderen empfing er im Dezember 2016 in Rom den amtierenden Premier Manuel Santos zusammen mit dessen Vorgänger Álvaro Uribe. Die beiden Politiker verfolgen sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit den FARC-Rebellen, der Konservative Uribe zeigte eine Politik der harten Hand. Sein ursprünglicher politischer Ziehsohn Santos schwenkte nach seiner Wahl zum Präsidenten radikal um und leitete die letztlich erfolgreichen Verhandlungen mit den Rebellen ein. Jaramillo sagt, er denke nicht, dass die Doppelaudienz beim Papst irgendwelche Auswirkungen auf Kolumbien hatte. „Uribe hat seine Position nicht geändert. Nicht einmal der Papst konnte da etwas erreichen. Warten wir ab, wie sich das jetzt auf den kommenden Wahlprozess auswirkt.“

Die nächste Wahl in Kolumbien findet im Frühjahr 2018 statt, ihr Ausgang ist ebenso offen wie das Schicksal des Friedensprozesses: Rund die Hälfte der Kolumbianer sehen das Abkommen mit den FARC-Rebellen kritisch, einige verdienen gut am Bürgerkrieg, andere können ihnen angetanes Unrecht einfach nicht verzeihen. Der Friedens-Hochkommissar der Regierung Santos ist dennoch zuversichtlich. „Der Prozess ist weit fortgeschritten“, sagt Sergio Jaramillo. „Ich glaube nicht, dass eine Rückkehr zum Status quo möglich wäre.“

Papst Franziskus besucht Kolumbien von 6. bis 11. September. Das Motto der Pasptreise lautet „Demos el primer paso“ – zu Deutsch: „Tun wir den ersten Schritt.“

(rv 08.08.2017 gs)

Zehntausende auf der Flucht aus Maduros Venezuela

Flüchtige Venzolaner werden im kolumbianischen Cúcuta versorgt

Die verheerende Lage in Venezuela sorgt für einen immensen Flüchtlingsstrom nach Kolumbien. „Eine Diaspora ohnegleichen“ nennen das die Migrationsverantwortlichen des lateinamerikanischen Bischofsrates Celam. Genaue Zahlen hat niemand in der Hand; klar ist aber, dass die Zustände in Maduros Venezuela, das gerade in die Diktatur abgleitet, nicht dazu angetan sind, den Exodus zu stoppen.

Sie fliehen vor dem Hunger, vor den Unruhen, vor der Gewalt – das sagt Pater Francesco Bortignon über die Migranten aus Venezuela im Interview mit Radio Vatikan. Der Italiener lebt seit 21 Jahren in Kolumbien, nahe an der Grenze im Nordwesten des Landes. Dort ist er als Pfarrer von Cúcuta und Leiter des lokalen Flüchtlingszentrums Casa de Paso tätig. „Die Lage an der Grenze ist wirklich schwierig und kompliziert; heute ist die Lage so, morgen wieder anders. Vor allem seit der Wahl des Verfassungskonvents in Venezuela hat sich die Lage verschärft.“

Wobei an dieser Grenze immer schon ein ziemliches Hin und Her geherrscht hat, sagt Pater Bortignon. „Die Lage ist vor zwei Jahren eskaliert, da wurden zwischen vier und fünf Millionen Kolumbianer, die in Venezuela lebten und arbeiteten, richtiggehend deportiert. Venezuela hat auch Leute verjagt, die schon seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren im Land lebten. Man hat ihnen die Papiere weggenommen und sie deportiert.“

Ironie des Schicksals: Jetzt, zwei Jahre nach dem Rauswurf der Kolumbianer, kommen viele Venezolaner selbst schutzsuchend nach Kolumbien. „Sie flüchten auch vor der extremen Gewalt durch bewaffnete Gruppen; das sind in der Regel Paramilitärs, die vom venezolanischen Staat unterstützt werden. In unserem Zentrum für Migranten sind im Lauf des letzten Jahres etwa 2.500 Menschen angekommen, aber für dieses Jahr, also für die letzten sechs Monate, hat niemand exakte Zahlen. Vor kurzem hat man hier in der Nähe die San-Antonio-Brücke wieder geöffnet: Da zogen dann täglich zwischen 25- und 30.000 Menschen drüber!“

Nicht alle Flüchtenden wollen in Kolumbien bleiben. „Es sieht jetzt so aus, als blieben höchstens fünf Prozent der Venezolaner hier in der Grenzregion. Die anderen wollen weiter ins Landesinnere oder in andere Länder wie Ecuador, Chile und Peru.“

Bortignon hört sich immer neue Geschichten an, die die Flüchtlinge aus Venezuela mitbringen. Geschichten von Hunger und von Unsicherheit. „Zum Beispiel dieser junge Mann, 24 oder 25 Jahre alt. Der erzählte mir, dass er zur Armee gehörte; er war in der Anti-Drogen-Abteilung, es war seine erste Erfahrung. Sein Team hatte einen großen Drogenhändler ausfindig gemacht; sie hatten ihn schon in ihre Gewalt gebracht, da kam auf einmal Befehl von oben, ihn wieder freizulassen. Ein paar Tage später habe man ihm dann angeboten, bei einer Flugreise als Aufpasser mitzufliegen. Er sagte Nein, weil er verstanden hatte, dass da Drogen transportiert wurden. In derselben Nacht rief ihn ein Freund an und sagte ihm: Hau ab, nimm die Beine in die Hand, du stehst schon auf der schwarzen Liste, die sind hinter dir her.“

Vor kurzem haben kirchliche Helfer einer Frau mit sechs Kindern zu einer Unterkunft verholfen, erzählt Pater Bortignon. „Kurz darauf musste die älteste Tochter zu einer Beerdigung eines Verwandten nach Venezuela – von da kam sie mit fünf Kindern einer anderen Schwester zurück. Und eine Woche später kam dann eine weitere Schwester, ebenfalls mit fünf Kindern.“ Familien-Nachzug auf Lateinamerikanisch.

„Wir helfen den Migranten auf zweierlei Weise. Im Migrantenzentrum bieten wir ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten; ein paar unserer Leute sorgen für psychologische und legale Hilfe. Dann gibt es eine andere Art von Hilfe, die unsere Pfarrei leistet, die schon seit dreißig Jahren ein Programm für Menschen in Schwierigkeiten hat. Wir haben zum Beispiel ein Schulprogramm, das sich um etwa 4.500 Kinder kümmert, und ein Büro, das dafür sorgt, dass jemand Zugang zu Gesundheitsleistungen und zum Schulwesen bekommt.“

(rv 07.08.2017 sk)

Papst Leo XIII. — Auszug aus der Enzyklika „Arcanum divinae sapientiae“ vom 10. Februar 1880

 

Über die christliche Ehe

Der geheimnisvolle Ratschluß der göttlichen Weisheit, welchen der Heiland der Menschen, Jesus Christus, auf Erden ausführen wollte, war darauf gerichtet, daß er, von Gott aus­gehend, die gewissermaßen altersschwache Welt durch sich und in sich wieder herstellte. Dies hat in einem herrlichen und erhabenen Worte der Apostel Paulus zusammengefaßt, indem er an die Epheser also schrieb: Das Geheimnis seines Ratschlusses . . . wiederherzustellen alles in Christo, was im Himmel und was auf Erden ist (Eph 1,9f.). In der Tat, als Christus den Auftrag, den der Vater ihm gegeben, zu erfüllen begann, hat er alsbald das Alte ausgetrieben und allen Dingen eine neue Form und Gestalt verliehen. Denn die Wunden, welche die Sünde des ersten Vaters dem menschlichen Geschlechte geschlagen, hat er geheilt; alle Men­schen, von Natur Kinder des Zornes, hat er zur Gnade bei Gott zurückgeführt; die da er­müdet waren durch fortdauernde Irrungen, hat er zum Lichte der Wahrheit geleitet; die befleckt von jeglicher Unreinheit, hat er zu aller Tugend erneuert; und denen, welche das Erbe der ewigen Seligkeit wieder erlangt haben, hat er die gewisse Hoffnung gegeben, daß selbst ihr Leib, sterblich und hinfällig, dermal einst der Unsterblichkeit und himmlischen Glorie teilhaftig sein werde. Damit aber solche außerordentliche Wohltaten so lange auf Erden währen, als Menschen da leben, hat er die Kirche eingesetzt als Stellvertreterin seines Amtes, und hat ihr, für die Zukunft sorgend, befohlen, zu ordnen, was in der menschlichen Gesellschaft gestört, herzustellen, was in Verfall geraten.

Übernatürliche Religion und natürliche Ordnung

Wenngleich nun diese göttliche Wiederherstellung, von der wir geredet, vorzugsweise und zunächst auf die Menschen sich bezog, welche in der übernatürlichen Gnadenordnung stehen, so hat sie doch auch in reichlichem Maße für die natürliche Ordnung kostbare und heilsame Früchte getragen; darum haben sowohl die einzelnen Menschen als die gesamte Gesellschaft des menschlichen Geschlechtes keine geringe Vervollkommnung in jeder Richtung hierdurch erreicht. Denn nachdem einmal die christliche Weltordnung begründet war, ward den einzel­nen Menschen das Glück zuteil, daß sie lernten und sich gewöhnten, unter der göttlichen Vorsehung zu ruhen und die Hoffnung auf himmlische Hilfe zu nähren, die nicht zuschan­den macht; hieraus aber gehen Starkmut, Mäßigung, Standhaftigkeit, Gleichmut in Seelen­ruhe und andere vorzügliche Tugenden und herrliche Taten hervor. Die häusliche und bür­gerliche Gesellschaft aber hat in wunderbarer Weise an Würde, Festigkeit und Ehrbarkeit gewonnen. Gerechter ist geworden und unverletzlicher die Autorität der Fürsten, williger und leichter der Gehorsam der Völker, inniger die Gemeinschaft der Bürger, sicherer die Rechte des Besitzes. Für alles, was nur immer in der bürgerlichen Gesellschaft als nützlich erachtet wird, hat die christliche Religion Rat gegeben und Fürsorge getroffen, so zwar, daß nach dem Zeugnisse des heiligen Augustinus es scheint, als hätte sie zum guten und glück­seligen Leben keine größeren Vorteile bieten können, wenn sie einzig nur dazu bestimmt gewesen wäre, die Bedürfnisse dieses irdischen Lebens zu befriedigen und sein Gedeihen zu ehren. Doch es ist nicht unsere Absicht, diese große Wahrheit nach ihren einzelnen Bezie­hungen darzulegen, sondern wir wollen sprechen über die häusliche Gemeinschaft, welche in der Ehe ihren Ausgangspunkt und ihre Grundlage hat.

Ursprung und Wesensmerkmale der Ehe

Allen ist wohlbekannt, welches der wahre Ursprung der Ehe ist. Denn wenngleich jene, die den christlichen Glauben tadeln, die ständige Lehre der Kirche über diesen Gegenstand anzuerkennen sich weigern, und schon lange die Überlieferung aller Völker, aller Jahrhunderte zu tilgen sich bestreben, so konnten sie dennoch die Macht und das Licht der Wahrheit weder auslöschen noch schwächen. Wir erwähnen nur, was allen bekannt und niemandem zweifelhaft ist: nachdem am sechsten Schöpfungstage Gott den Menschen gebildet aus dem Staub der Erde und in sein Angesicht gehaucht den Odem des Lebens, wollte er ihm eine Gefährtin zugesellen, die er der Seite des schlafenden Mannes selbst in wunderbarer Weise entnahm. Hierdurch beabsichtigte die höchste Vorsehung Gottes, daß jenes Ehepaar den natürlichen Ursprung aller Menschen bilde, aus welchem das Geschlecht hervorgehe und in ununterbrochenen Fortpflanzungen durch alle Zeiten erhalten werden sollte. Und es trug jene Verbindung von Mann und Weib, um desto eher den höchst weisen Ratschlüssen Gottes zu entsprechen, schon von jener Zeit an ganz besonders zwei, und zwar höchst edle Eigens­chaften an sich, ihr gewissermaßen tief eingeprägt und eingegraben, nämlich die Einheit und immerwährende Dauer. Dies hat, wie wir aus dem Evangelium ersehen, die göttliche Autorität Jesu Christi ausgesprochen und offenkundig bestätigt, indem er vor den Juden und Aposteln bezeugte, daß die Ehe ihrer Einsetzung entsprechend nur zwischen zweien statt­finden solle, dem Manne nämlich und dem Weibe, daß aus zweien gleichsam ein Fleisch würde, und daß das eheliche Band nach Gottes Willen so innig und fest geknüpft sei, daß es von keinem Menschen gelöst oder zerrissen werden könne. Er (der Mensch) wird seinem Weibe anhangen, und sie werden zwei sein in einem Fleische. Darum sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was darum Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen (Mt 19,5f.).

Doch diese Gestalt der Ehe, so ausgezeichnet und erhaben, verfiel allmählich bei den heid­nischen Völkern dem Verderben und Untergange; und selbst bei dem Geschlecht der Hebräer sehen wir sie gleichsam getrübt und verdunkelt. Denn bei diesen riß bezüglich der Frauen die allgemeine Gewohnheit ein, daß dem Manne erlaubt war, mehr als eine zu haben; nachher aber, da Moses wegen ihrer Herzenshärte (Mt 19,8) ihnen nachsichtig die Erlaubnis der Scheidung gegeben hatte, war der Weg gebahnt zur Trennung. Kaum glaublich aber dürfte es erscheinen, welches Verderben und welch gänzliche Entstellung der Ehe bei der heidnischen Gesellschaft eingetreten war; denn hier war sie preisgegeben den Wellen der Irrtümer eines jeden Volkes und ein Spielball der schändlichsten Lüste. Wir sehen, wie alle Völker mehr oder weniger den Begriff und wahren Ursprung der Ehe vergaßen; darum wurden an ver­schiedenen Orten Gesetze über die Ehe gegeben, wie sie das Staatswohl zu erheischen schien, nicht aber, wie sie die Natur verlangte. Feierliche Gebräuche, nach Willkür von den Gesetz­gebern bestimmt, hatten die Wirkung, daß ein Weib entweder den ehrbaren Namen einer Ehefrau oder den schmählichen einer Konkubine erhielt; ja so weit war man gekommen, daß die weltlichen Fürsten gesetzlich feststellten, wer eine Ehe eingehen dürfe und wer nicht, wobei die Gesetzgebung vielfach die Billigkeit verletzte und das Unrecht begünstigte. Außerdem waren Vielweiberei, Vielmännerei und Ehetrennung die Ursachen, daß das eheliche Band gar sehr gelockert wurde. Auch bezüglich der gegenseitigen Rechte und Pflichten der Eheleute war die höchste Verwirrung eingetreten, indem der Mann ein Eigentumsrecht über die Frau gewann und sie, häufig ohne gerechten Grund, verstieß, während er, seiner unbändigen und zügellosen Lust folgend, ungestraft in den öffentlichen Häusern und bei den Sklavinnen umherlaufen durfte, als ob die äußere Stellung die Sünde bedinge und nicht der Wille (Hieron. Op. I, col. 455). Indem so die Zügellosigkeit des Mannes überhand nahm, gab es nichts Unglücklicheres mehr als das Weib, das so sehr erniedrigt ward, daß es fast nur noch als ein Werkzeug betrachtet wurde, bestimmt zur Befriedigung der Lust, oder um Nachkommenschaft zu erhalten. Man schämte sich nicht, das Weib zur Ehe zu kaufen und zu verkaufen, gleich als wäre es eine leblose Sache (Arnob; adv. Gent., 4); dem Vater und Gatten war zuweilen das Recht gegeben, das Weib mit dem Tode zu bestrafen. Kinder, die solchen Ehen entsprossen, mußten notwendig entweder Staatseigentum werden oder der Sklaverei des Familienvaters verfallen (Dionysius v. Halik. II., 26,27); hatten doch die Gesetze diesem auch die Befugnis erteilt, die Ehen seiner Kinder nach Belieben zu schließen und zu trennen, ja sogar selbst das unmenschliche Recht über Leben und Tod an denselben zu üben.

Erneuerung der Ehe durch Christus

Doch gegen so viele Laster, so große Schmach, welche den Ehebund besudelten, ward endlich Hilfe und Heilung von Gott gebracht, indem Jesus Christus, welcher die Würde der mensch­lichen Natur erneuert und den mosaischen Gesetzen ihre Vollendung gegeben hat, der Ehe seine vorzügliche und nicht geringe Sorge widmete. Denn er hat die Hochzeit zu Kana in Galiläa durch seine Gegenwart geadelt und durch sein erstes Wunder ihr eine Bedeutung für immer gegeben (Jo 2); das ist auch die Ursache, warum schon von jenem Tage an die Ehen anfingen, von neuem einen gewissen Charakter der Heiligkeit zu tragen. Dann aber führte er die Ehe zurück auf den Adel ihres ersten Ursprunges, indem er sowohl die Gepflogenheit der Hebräer wegen des Mißbrauchs, mehrere Frauen zu haben, und der Erlaubnis der Scheidung tadelte, als auch ganz besonders dadurch, daß er das zu trennen verbot, was Gott selbst durch das Band einer immerwährenden Gemeinschaft verknüpft hatte. Darum setzte er, nach Widerlegung der Einwendungen, welche aus dem mosaischen Gesetz vorgebracht worden, in seiner Eigenschaft als oberster Gesetzgeber folgendes bezüglich der Eheleute fest: »Ich aber sage euch, wer immer sein Weib entläßt, ausgenommen wegen Ehebruches, und eine andere heiratet, der bricht die Ehe; und wer die Entlassene heiratet, der bricht die Ehe (Mt 19,9).« Was aber kraft göttlicher Autorität bezüglich des ehelichen Bundes verordnet und festgesetzt worden ist, das haben die Apostel als Verkündiger der göttlichen Gesetze vollständiger und ausführlicher uns überliefert und in ihren Schriften aufgezeichnet. Denn was immer unsere heiligen Väter, die Kirchenversammlungen und die Überlieferung der Gesamtkirche gelehrt haben (Trid. Sess. XXIV i. Vorwort), haben sie durch das apostolische Lehramt empfangen, daß nämlich Christus der Herr die Ehe zur Würde eines Sakramentes erhoben und zugleich bewirkt habe, daß die Eheleute durch die himmlische Gnade, welche seine Verdienste erwar­ben, behütet und gestärkt, die Heiligkeit in diesem ihrem Ehebunde erlangten; und daß er in diesem, den er in wunderbarer Weise nach dem Vorbilde der mystischen Ehe seiner selbst mit der Kirche gestaltet, die Liebe, wie sie der Natur entspricht, vervollkommnet (a. a. 0. 1. Kap. De reform.matr.) und die ihrem Wesen nach unteilbare Gemeinschaft von Mann und Weib durch das Band der göttlichen Liebe mächtiger geeint habe. »Ihr Männer«, spricht Paulus zu den Ephesern, »liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, sie zu heiligen … Die Männer sollen ihre Frauen lieben wie ihre Leiber …, denn niemand hat jemals sein Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus seine Kirche; denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und seinem Bein; darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und es werden zwei sein in einem Fleische. Es ist dies ein großes Sakrament, ich sage aber in Christus und in der Kirche (Eph 5,25ff.).« In ähnlicher Weise haben wir durch das apostolische Lehramt das Gebot des Herrn empfangen, daß die Einheit und fortwährende Festigkeit der Ehe, wie diese schon mit ihrem Ursprunge gegeben ist, heilig und für alle Zeit unverletzlich sei. »Denen, welche durch die Ehe verbunden sind«, sagt derselbe Paulus, »gebiete nicht ich, sondern der Herr, daß das Weib sich nicht vom Manne scheide; wenn sie aber geschieden ist, so bleibe sie ehelos oder versöhne sich mit ihrem Manne (I Kor 7,10f.).« Und wieder: »Das Weib ist gebunden an das Gesetz, solange ihr Mann lebt; ist aber ihr Mann entschlafen, dann ist sie frei (1Kor 7,39).« Aus diesen Ursachen ist die Ehe ein großes Sakrament (Eph 5,32), ehrbar in allem (Hebr 13,4), Gott wohlgefällig, keusch, ehrfurchtgebietend als Bild und Darstellung der erhabensten Dinge.

Höhere Ziele und Pflichten der Ehe

Doch mit dem Gesagten ist die Vervollkommnung und Vollendung, welche das Christentum der Ehe verliehen hat, noch nicht abgeschlossen. Denn der ehelichen Gemeinschaft ist erstens eine viel höhere und edlere Aufgabe vorgesetzt, als dies früher der Fall war; hat sie doch nach Gottes Gebot nicht bloß den Zweck der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes, sondern der Kirche eine Nachkommenschaft zu zeugen, Mitbürger der Heiligen und Haus­genossen Gottes (Eph 2,19), damit nämlich ein Volk zur Religion und Verehrung des wahren Gottes und unseres Heilandes Christi geboren und erzogen würde (Röm Katech 8. Kap.). An zweiter Stelle sind jedem der Eheteile seine Pflichten bestimmt, seine Rechte vollständig bezeichnet. Von der Gesinnung sollen sie nämlich immer durchdrungen sein, daß sie sich bewußt sind, ein Teil schulde dem andern die größte Liebe, standhafte Treue, emsigen und anhaltenden Beistand. Der Mann ist der Familie Oberer und das Haupt des Weibes, das jedoch, da es Fleisch ist von seinem Fleische und Bein von seinem Bein, ihm unterwürfig und gehorsam sein soll nicht wie eine Sklavin, sondern als Gefährtin, so daß der Gehorsam, den es leistet, nicht ohne Ehrbarkeit und Würde sei. Da aber beide, sowohl jener, der gebietet, wie dieses, welches gehorcht, ein Abbild, und zwar jener Christi, dieses der Kirche darstellen, so soll die göttliche Liebe sie beständig in ihrer Pflichterfüllung leiten. Denn der Mann ist das Haupt des Weibes, wie Christus das Haupt der Kirche ist … Aber wie die Kirche unter­worfen ist Christo, so auch die Frauen ihren Männern in allem (Eph 5,23f.). Was die Kinder betrifft, so müssen diese den Eltern untertan sein und gehorchen und ihnen Ehrerbietung er­zeigen um des Gewissens willen; und alle Sorgen und Gedanken der Eltern müssen hinwieder auf die Beschützung und ganz besonders auf die Erziehung ihrer Kinder zur Tugend gerich­tet sein. Väter, … erziehet sie [die Kinder] in der Lehre und Zucht des Herrn (Eph 6,4). Hieraus erhellt, daß die Pflichten der Eheleute nicht wenige und nicht geringe sind; den guten Eheleuten aber werden sie wegen der Kraft, die sie im Sakramente empfangen, nicht bloß erträglich, sondern auch angenehm.

Nachdem nun Christus die Ehe zu einer so hohen und erhabenen Würde erhoben hatte, hat er die ganze Ehegesetzgebung der Kirche übertragen und anvertraut. Und diese hat auch ihre Gewalt über die Ehen der Christen immer und überall geübt, und zwar so, daß dieselbe als eine ihr eigentümlich zukommende erschien, nicht durch Gunst der Menschen erworben, sondern von Gott durch den Willen ihres Stifters überkommen. Wie viele und welche wach­same Sorge aber die Kirche der Heilighaltung der Ehe zugewendet hat, damit diese unver­sehrt bleibe, ist so allbekannt, daß es keines Beweises bedarf …

Alte und neue Anfeindungen; Zivilehe

Doch bei den Bemühungen des Feindes des menschlichen Geschlechtes fehlt es nicht an solchen, welche, wie sie die übrigen Wohltaten der Erlösung undankbar zurückweisen, so auch die Wiederherstellung und Vollendung der Ehe entweder verachten oder in keiner Weise anerkennen. Schmählich haben einige in alter Zeit gefehlt, da sie die Ehe in dem einen oder anderen Punkte anfeindeten; aber viel verderblicher ist das frevelhafte Beginnen jener, welche in unseren Tagen das Wesen der Ehe, so vollkommen und vollendet nach allen ihren Verhältnissen und Beziehungen, lieber von Grund aus zerstören möchten. Die Ursache dieser Erscheinung liegt vorzugsweise darin, daß so viele Geister, befangen von den Vorurteilen einer falschen Philosophie und verderbter Gewohnheit, nichts lästiger finden als untergeben sein und gehorchen, und daher aufs heftigste dahin streben, daß nicht bloß die einzelnen, sondern auch die Familien und die gesamte menschliche Gesellschaft Gottes Oberherrlichkeit hochmütig verachte. Da nun aber sowohl die Familie wie die gesamte menschliche Gesell­schaft ihre Quelle und ihren Ursprung in der Ehe hat, so gestatten sie in keiner Weise, daß diese der Gerichtsbarkeit der Kirche unterstehe; vielmehr geht ihr Streben dahin, sie ihres heiligen Charakters gänzlich zu entkleiden und in den allerdings niederen Kreis jener Gegen­stände zu bannen, welche menschliche Autorität geordnet hat, und die nach dem bürger­lichen Recht der Völker verwaltet und gerichtet werden. Als notwendige Folge ergab sich hieraus, daß sie den weltlichen Fürsten alle Gerichtsbarkeit über die Ehe zuteilten, der Kirche vollständig absprachen; habe diese je eine Gewalt auf diesem Gebiete geübt, so sei dies ent­weder durch Gnade der Fürsten oder mit Unrecht geschehen. Nun aber, sagen sie, sei es Zeit, daß die Lenker der Staaten ihre Rechte mannhaft zurückfordern, und daran gehen, das Ehe­wesen ganz nach ihrem Gutdünken zu ordnen. Hieraus entstand die sogenannte Zivilehe; hieraus die Gesetze über die Ehehindernisse; hieraus die richterlichen Feststellungen über die Eheverträge, ob sie gültig abgeschlossen seien oder nicht. Wir sehen endlich, wie der katho­lischen Kirche in dieser Rechtssphäre jede Befugnis festzusetzen und zu entscheiden mit solchem Eifer entzogen worden ist, daß man gar keine Rücksicht nahm weder auf ihre gött­liche Vollmacht, noch auf die weisen Gesetze, unter denen die Völker so lange gelebt, welche mit der christlichen Weisheit zugleich das Licht der Gesittung empfangen hatten.

Natürliche Heiligkeit der Ehe

Aber dennoch können die Anhänger des Naturalismus und alle jene, welche unter dem Vor­geben, am meisten die Oberhoheit des Staates zu ehren, durch diese ihre verderblichen Lehren das ganze Staatswesen zu zerrütten streben, den Vorwurf, daß sie im Irrtum sind, nicht von sich abwälzen. Denn da die Ehe Gott zum Urheber hat, und schon von Anbeginn in gewissem Sinne ein Vorbild der Menschwerdung Jesu Christi war, darum kommt ihr ein heiliger und religiöser Charakter zu, nicht von außen her, sondern ihrem Ursprunge nach, nicht von Menschen empfangen, sondern von Natur gegeben. Darum konnten Innozenz III. (Cap. 8 de divort.) und Honorius III. (Cap. 11 de transact.), unsere Vorgänger, nicht mit Unrecht und nicht ohne Grund behaupten, bei Gläubigen und Ungläubigen bestehe das Sakrament der Ehe. Als Zeugen rufen wir auf die Denkmale der Vorzeit, die Sitten und Institutionen der Völker, die zu einer höheren Bildung gelangt waren und durch eine vor­züglichere Erkenntnis des Rechtes und der Billigkeit hervorragten; mit ihrer Grundanschau­ung war es, wie bekannt, von vorneherein gegeben, daß, wenn sie der Ehe gedachten, sie diese nicht anders denn als eine Sache betrachteten, welche mit Religion und Heiligkeit zu­sammenhängt. Deswegen pflegten häufig bei ihnen die Ehebündnisse mit religiösen Gebräu­chen, im Namen der Oberpriester und unter Mitwirkung der Priester gefeiert zu werden. Solche Macht übte auf die Gemüter, wiewohl sie die himmlische Lehre nicht kannten, die Natur der Sache, die Erinnerung an ihren Ursprung, das Bewußtsein des Menschengeschlech­tes! Da nun die Ehe ihrem Begriffe, ihrem Wesen nach und aus sich selbst etwas Heiliges ist, so ziemt es sich, daß sie geregelt und geordnet werde nicht durch die Befehle der Fürsten, sondern durch die göttliche Autorität der Kirche, der allein die Lehrgewalt über das Heilige zusteht. Sodann haben wir die Würde des Sakramentes ins Auge zu fassen, durch dessen Hinzutritt die Ehen der Christen den allerhöchsten Adel empfingen. Bezüglich der Sakramente aber Bestimmungen treffen und Gebote erlassen, gehört so recht eigentlich nach Christi Willen in das Gebiet der kirchlichen Rechte und Pflichten, daß es widersinnig wäre, auch nur den geringsten Teil ihrer Gewalt auf die weltlichen Regenten übertragen zu wollen …

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Quelle: SUMMA PONTIFICIA II – Lehren und Weisungen der Päpste durch zwei Jahrtausende – eine Dokumentation ausgewählt und herausgegeben von P. Amand Reuter O.M.I. 1978 Verlag Josef Kral, Abendsberg

Was diesen Weltkriegspapst und seine Botschaft des Friedens heute so aktuell macht

Papst Benedikt XV.

Er wollte die „furchtbare Schlächterei“ stoppen – und sein Friedensappell ist heute immer noch aktuell: Der Brief von Papst Benedikt XV. an die Regierungen des Ersten Weltkriegs war Auftakt einer neuen, wichtigen Rolle der Päpste als Autoritäten für den Frieden im blutigen 20. Jahrhundert – und darüber hinaus.

Daran hat der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) erinnert, Kardinal Gualtiero Bassetti.

In einem Artikel in L’Osservatore Romano äußert sich Bassetti über den Brief, den der damalige Pontifex am 1. August 1917 an die „Führer der kriegsführenden Völker“ schrieb.

Die Beschwörung eines sinnlosen Massakers, so Kardinal Bassetti, „wurde zu einer Art Schmerzensschrei gegen die moderne Kriegsführung und alle Formen brutalen Massenmordes, den eine nihilistische Moderne hervorgebracht hat“.

Tatsächlich hätten wenige Dokumente eines Papstes so sehr eine zeitgenössische Öffentlichkeit beeinflusst wie die Friedensnote Benedikts XV.

„Soll denn die zivilisierte Welt nur noch ein Leichenfeld sein?“ – Das ist die erschütternde Frage, die der Papst stellte, vor nunmehr genau 100 Jahren, am 1. August 1917. Seit drei Jahren floss bereits Blut. Benedikt warnte vor diesem „allgemeinen Wahnsinn“. Wie ein Vater rufe er „alle seine Kinder“, die er gleich liebe, zum Frieden auf, so der Papst.

Neben den Warnungen enthielt der Brief auch Vorschläge. Konkret schlug der damals 62 Jahre alte Benedikt vor, der mit bürgerlichem Namen Giacomo della Chiesa hieß, auf eroberte Gebiete ebenso zu verzichten wie Reparationszahlungen.

Wie seine frühreren Aufrufe zum Frieden blieb auch dieser Brief auf den ersten Blick erfolglos: Der Krieg ging weiter, und die Mächte verunglimpften den Papst.

Dennoch erwiesen sich die Worte des Papstes als „propethisch“, schreibt Kardinal Bassetti; einmal aufgrund seiner Verurteilung dieser Konflikte, in denen nicht nur Soldaten und Streitkräfte, „sondern Millionen unschuldiger Menschen“ starben.

Zweitens habe der Brief den Auftakt einer neuen Theologie des Friedens gegeben. Diese bereichere die Kirche, aber auch die Kultur des Westens, so Kardinal Bassetti weiter.

Mit der Enzyklika des Jahres 1920, Pacem Dei munus Pulcherrimum, habe Benedikt dann diesen Auftakt verstetigt, der sich auch in Pacem in terris von Johannes XXIII. zeige, und Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Ausarbeitung von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und die Würde des Menschen als Prinzipien des Evangeliums, so Kardinal Bassetti, seien Errungenschaften dieser Theologie.

„Frieden anzustreben ist nicht Ausdruck einer dekadenten Zivilisation mit labiler Identität“, so Kardinal Bassetti, sondern im Gegenteil sei das Ringen um Frieden „eine heroische Übung, die eines großen, unermüdlichen, täglichen Einsatzes bedarf“. Diese Macht sei nicht die einer Armee, sondern – wie Benedikt XV. geschrieben habe – „die moralische Macht des Gesetzes“.

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Quelle

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