SCHICKSALSWAHL IN FRANKREICH AM 7. MAI 2017

24.04.2017

Macron und Le Pen kämpfen um Europa

Schicksalswahl in Frankreich

In Frankreich ringen nun der Polit-Jungstar Macron und Marine Le Pen um das Amt des Präsidenten. Der Erfolg der Rechtsaußen-Politikerin ist für viele ein Schock. Frankreichs Bischöfe appellieren nun an Verantwortung der Wähler.

Frankreich schickt den sozial-liberalen Europa-Freund Emmanuel Macron und die EU-feindliche Rechtspopulistin Marine Le Pen in die Stichwahl um das Präsidentenamt. Der politische Jungstar Macron gewann laut Hochrechnungen die erste historische Wahlrunde am Sonntag und verwies Le Pen auf Rang zwei. Die beiden brachten mit ihrem Erfolg das etablierte Parteiensystem in Frankreich zu Fall. Erstmals seit Jahrzehnten ist kein Kandidat der Sozialisten oder der bürgerlichen Rechten mehr in der Endrunde vertreten.

Damit stehen die Franzosen am 7. Mai vor einer Richtungsentscheidung über Europa. Nach allen Umfragen kann der frühere Wirtschaftsminister Macron die Chefin des rechtsextremen Front National klar schlagen. Der scheidende Präsident François Hollande gratulierte Macron. Andere Sozialisten und Konservative riefen zur Unterstützung des Mitte-Links-Kandidaten auf, um Marine Le Pen zu verhindern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wünschten Macron alles Gute und viel Glück für die Stichwahl.

Bestürzung über Erfolg der Rechten

Macron lag nach den Hochrechnungen der großen TV-Sender zwischen 23,8 und 23,9 Prozent Prozent, Le Pen bei 21,7 Prozent. Es zeichnete sich eine Wahlbeteiligung um die 80 Prozent ab – etwa so wie vor fünf Jahren. Das gute Ergebnis Le Pens ist für viele Franzosen und Europäer ein Schock. Politiker der französischen Mitte reagierten bestürzt auf das gute Abschneiden von Le Pen.

Macron will „Präsident des ganzen Volks von Frankreich“ werden und „Präsident der Patrioten angesichts der Bedrohung der Nationalisten“. Er wolle mit dem System brechen, „das unfähig sei, auf Probleme zu reagieren“, sagte der 39-Jährige am Abend. Die Franzosen hätten sich für eine „Erneuerung“ entschieden.

Macron will den Zugang zu Abtreibung erleichtern, um die Familienplanung für Paare zu verbessern. Ein wichtiges Thema ist für Macron die Debatte über aktive Sterbehilfe. Der 39-Jährige will sie neu anregen. Zudem kündigte er an, dass er einer Öffnung von künstlicher Befruchtung für gleichgeschlechtliche weibliche Paare positiv gegenübersteht. Emmanuel Macron sprach sich zudem vergangene Woche klar gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft aus.

Schon 2002 in der Stichwahl

Zum zweiten Mal seit 2002 steht die FN in der Stichwahl. Die Parteichefin will die Euro-Währung in Frankreich abschaffen und ihre Mitbürger über die EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen. Der entscheidende zweite Wahlgang am 7. Mai dürfte damit auch zu einer Abstimmung über Europa werden. Macron, Chef der politischen Bewegung „En Marche!“ (Auf dem Weg), hat sich im Wahlkampf für Europa stark gemacht.

Die Umfragen sehen im zweiten Wahlgang eine klare Sache: Macron lag am Sonntagabend zwischen 64 und 62 Prozent, Le Pen bei 36 bis 38 Prozent. Die 48-jährige FN-Chefin schnitt in der ersten Runde aber wesentlich besser ab als vor fünf Jahren, als sie im ersten Wahlgang 17,9 Prozent der Stimmen geholt hatte und ausgeschieden war. Le Pen sprach am Abend von einem „historischen Ergebnis“. „Es ist Zeit, das französische Volk von den arroganten Eliten zu befreien, die ihm sein Verhalten vorschreiben wollen.“ Sie sprach von einer Entscheidung zwischen der „totalen Deregulierung ohne Grenzen und ohne Schutz“ und „Grenzen, die unsere Jobs schützen, unsere Kaufkraft, unsere Sicherheit, unsere nationale Identität“.

Der Front National vertritt bei den Themen Gleichstellung, Abtreibung und Leihmutterschaft äußerst konservative Ansichten. Die „Familie“ ist ein wiederkehrender Begriff im Parteiprogramm. Le Pen spricht sich gegen aktive Sterbehilfe und eine Legalisierung von Leihmutterschaft aus. Auch das Abtreibungsgesetz will sie nicht verändern. Zudem möchte die 48-Jährige die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare durch eine „bessere“ eingetragene Partnerschaft ersetzen.

(Fast) alle empfehlen Macron

Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon erreichte laut Hochrechnungen etwa 19,2 Prozent. Sein konservativer Widersacher François Fillon erreichte demnach 19,8 bis 20 Prozent. Fillon kündigte an, in der Stichwahl für Macron zu stimmen. „Die Enthaltung entspricht nicht meinen Genen, vor allem wenn eine extremistische Partei sich der Macht nähert“, sagte er am Sonntagabend. Mélenchon gab keine Empfehlung für die Stichwahl ab.

Frankreichs Sozialisten scheiterten im ersten Wahlgang und stellten sich ebenfalls hinter Macron. „Ich bin dabei gescheitert, das Desaster, das sich angekündigt hatte, zu verhindern. Ich übernehme dafür die volle Verantwortung“, sagte der sozialistische Kandidat Benoît Hamon. Die „Auslöschung der Linken durch die extreme Rechte“ sei eine schwere Wahlniederlage. Premier Bernard Cazeneuve sagte, es gehe darum, die Front National (FN) zu schlagen und ihr „unheilvolles Programm eines Rückschritts Frankreichs und der Spaltung der Franzosen“ zu verhindern.

Macron war unter Hollande Wirtschaftsminister; sein Parteibuch bei den Sozialisten hat der 39-jährige Polit-Jungstar aber schon lange abgegeben. Er profilierte sich früh als liberaler Gegenspieler von Le Pen. Er tritt für eine enge Partnerschaft mit Deutschland ein. Frankreich ist nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Paris und Berlin bilden seit Jahrzehnten in der EU ein Tandem, ohne das nur wenig geht.

Gabriel setzt auf Macron

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel begrüßte das Abschneiden von Macron. „Ich bin sicher, er wird der neue französische Präsident“, sagte der SPD-Politiker. „Er war der einzige proeuropäische Kandidat, der sich nicht versteckt hat hinter Vorurteilen gegenüber Europa.“

Etwa 47 Millionen Franzosen waren zur Wahl des Nachfolgers von Präsident François Hollande aufgerufen. Insgesamt wollten elf Kandidaten den Sozialisten beerben. Hollande hatte sich nicht mehr für eine weitere Amtszeit beworben. Der Wahlkampf war geprägt von Skandalen und überraschenden Wendungen. Der Antiterrorkampf spielte insbesondere im Finale eine größere Rolle. Frankreich wird seit Anfang 2015 von einer beispiellosen Serie islamistischer Anschläge erschüttert.

Appell von Frankreichs Bischöfen

Die katholischen Bischöfe in Frankreich appellieren nach dem ersten Wahlgang an die Verantwortung der Wähler. Im Zentrum müsse die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft und den gemeinsamen Idealen stehen, heißt es in einer am Sonntagabend veröffentlichten Erklärung der Französischen Bischofskonferenz. Dabei sollten religiöse Themen einen Platz haben und die Religion eine Rolle spielen. Weiter schreiben die Bischöfe: „Die Würde unserer Gesellschaft spiegelt sich im Respekt vor ihren schwächsten Mitgliedern wider, von deren Lebensanfang bis zu deren natürlichem Lebensende.“

Die Bischöfe äußerten sich nicht ausdrücklich zu einem der beiden Kandidaten, benannten stattdessen Kriterien für eine „gerechtere und brüderlichere Gesellschaft“, in der jeder Einzelne seinen Platz finden könne. So fordern sie mehr Unterstützung für Familien. Mit Blick auf Flüchtlinge und Migranten heißt es: „Wenn einige Länder Millionen Flüchtlinge aufnehmen, wie kann unser Staat vor der Aufgabe zurückweichen, einige zehntausend Betroffene aufzunehmen und zu integrieren?“

Der Wille zur Solidarität dürfe allerdings nicht an den nationalen Grenzen aufhören, betonen die Bischöfe. Hier sei auch die EU gefragt. Sie müsse sich zudem stärker in den Herkunftsländern der Migranten engagieren, um den Menschen dort neue Perspektiven zu bieten. Davon abgesehen gelte es, die europäische Einigung weiter zu unterstützen, ohne dabei die historischen und kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Nationen zu ignorieren.

(dpa, KNA, dr)

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Homilie von Bischof Vitus Huonder am Ostersonntag 2017

Brüder und Schwestern im Herrn,

wir können dieses Osterfest nicht ohne tiefen Schmerz über die Verfolgung vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern in verschiedenen Ländern und Gegenden der Welt begehen. Ihnen möchte ich diese Besinnung und mein Gebet widmen.

Am 28. Oktober 1965 verkündete das Zweite Vatikanische Konzil feierlich die Erklärung Nostra Aetate. Sie betrifft das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Da lesen wir: „In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht“ (1). Dies ist der Beginn der Erklärung. Von daher kommt die Bezeichnung des Dokuments Nostra Aetate – „In unserer Zeit“.

Das Schreiben Nostra Aetate erhielt beim Schlussvotum die meisten Gegenstimmen aller Dokumente. Es waren 2221 Ja-Stimmen zu 88 Nein-Stimmen bei einer ungültigen Einlage. Das fällt umso mehr auf, als die Konzilsväter, trotz der Zerrissenheit in zwei Parteien, die Konzilsdokumente möglichst einstimmig zu verabschieden suchten. Dies geschah vor allem aus Respekt gegenüber dem Papst und zur Wahrung der Einheit der Kirche. Auf diesem Hintergrund betrachtet, fallen 88 Nein-Stimmen ins Gewicht.

Nostra Aetate geht kurz auf die verschiedenen Religionen ein. Es nennt ausdrücklich den Hinduismus (2), den Buddhismus (2), die Muslim (3) und das jüdische Volk (4), in eben dieser Reihenfolge. Die positive Haltung der Kirche zu den Religionen kommt in der Aussage zum Ausdruck: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heiligt ist“ (2). Das ist wohl eine der stärksten, aber auch umstrittensten Aussagen dieses Dokuments.

Nun, wie beurteilen wir das Dokument heute? Es ist ein sehr optimistisches Schreiben. Es weckte große Hoffnungen in den interreligiösen Dialog. Es führte aber auch zu einer gewissen religiösen Gleichgültigkeit dem christlichen Heilsgeheimnis und der göttlichen Offenbarung gegenüber. Es rief unter Christen Spaltungen und Auseinandersetzungen hervor. Es wurde von vielen sogar als Verrat am christlichen Glauben betrachtet. Heute, nach den vielen Gewalttaten an Christen, setzt dem Dialog gegenüber Nüchternheit ein. Ist Dialog überhaupt möglich? Wie kommt es für unsere christlichen Brüder und Schwestern in vielen Teilen der Welt trotz Dialog, trotz Nostra Aetate, zu diesem schrecklichen Leiden?

Anderseits hat Nostra Aetate auch versucht, das christliche Proprium in Erinnerung zu rufen. Deshalb darf man die Erklärung nicht als Verrat am christlichen Glauben bezeichnen. Es ist freundlich. Es ist friedfertig. Es ist offen. Es ist gutgläubig, wohlwollend, „spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von grosser Tragweite sind“, wie Papst Benedikt XVI., dessen 90. Geburtstag wir heute feiern, einmal gesagt hat (Gesammelte Schriften, 7/1, S. 8). Aber man muss auch anerkennen: Nostra Aetate ruft die Sendung der Kirche klar in Erinnerung. Viele Väter trugen sich vielleicht mit dem Gedanken, Nostra Aetate könnte für den Auftrag der Kirche Verständnis wecken und ihrem Wirken den Weg öffnen. Rückt es doch deutlich die Bedeutung unseres Herrn für das Heil jedes Menschen ins Licht. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist […] Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‘der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“ (2). Das ist eine zentrale Aussage von Nostra Aetate, ähnlich wie die Worte aus der Apostelgeschichte der heutigen Lesung: „Von ihm (Jesus) bezeugen die Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43). Eben das Osterfest, welches uns zur Mitte unseres Glaubens führt, zum auferstandenen Herrn, gibt uns von neuem die Gelegenheit, uns über die Verkündigung dieses Glaubens Rechenschaft zu geben, vor allem da wir nach Jahren der Erfahrung feststellen müssen, dass der interreligiöse Dialog nicht das gebracht hat, was man erwartete, vor allem nicht die Bereitschaft zum Hören, nicht Ruhe, nicht Frieden. Aufs ganze gesehen ist die Lebensgefahr für Christen heute größer denn je.

Das Osterevangelium schließt mit den Worten: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Wir müssen es von neuem lernen, nämlich zu sehen und zu glauben – und den Glauben zu verkünden. Wir müssen es von neuem lernen, die Einzigartigkeit unseres Glaubens, der im auferstandenen Herrn das zentrale Glaubensgeheimnis birgt, zu erkennen und davon nicht abzuweichen. Amen.

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Das Verhältnis von Kirche und Staat

Kardinal Gerhard Müller (Links), Msgr. Stanisław Gądecki (Mitte), Pater Federico Lombardi (Rechts) / Foto: E. Bartkiewicz

Vortrag von Gerhard Kardinal Müller bei der Konferenz
„Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre
Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“
— Volltext

Zum Anlaß des 90. Geburtstages des Papstes emeritus Benedikt XVI. fand am Mittwoch, dem 19. April 2017, in Warschau eine internationale Konferenz zum Thema „Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“ statt. Organisiert wurde die Tagung von der polnischen Bischofskonferenz, von der Vatikanstiftung „Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ und vom Unterhaus (Sejm) des polnischen Parlaments. Zu den Sprechern gehörte auch der deutsche Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Müller, dessen Vortrag wir im Folgenden dokumentieren.

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Gerhard Kardinal Müller

Das Verhältnis von Kirche und Staat begleitet als Thema der Theologie und der Staatsphilosophie die 2000-jährige Geschichte des Christentums in allen Ländern rund um den Globus. Es geht dabei nicht nur um Abgrenzung von Zuständigkeiten und Ansprüchen, sondern vielmehr um die gemeinsame Verantwortung gegenüber dem Menschen und der Gesellschaft, zu deren Förderung  Staat und Kirche da sein wollen.

Die anthropologische Basis der Beziehung von Kirche und Staat

Nur im Licht der Bestimmung von Wesen, Weg und Ziel des Menschen können das je Eigenständige von staatlicher Macht und kirchlicher Autorität und die Beziehung zueinander präziser erfasst werden. Wichtig ist auch die Festlegung der Grenzen menschlicher Autorität. Denn der Mensch ist zwar ein ens politicum aber auch ens metaphysicum. Der Mensch ist nicht um des Staates willen da, sondern der Staat um des Menschen willen. Alles, was über die äußere Ordnung der Polis hinausgeht, nämlich: die Moral und Philosophie, die Wissenschaft und Kultur, kann äußerlich vom Staat gefördert werden, überschreitet aber wesentlich den Staat. Denn der Mensch als ein Wesen des Geistes und des Gewissen, überschreitet in Vernunft und Willen die Welt und wird unmittelbar zum Sein und seinen Gründen in der Wahrheit und Gutheit, die mit dem Sein koexistent sind. Das ist das anthropologische Grundgesetz: Der Mensch ist niemals Mittel zum Zweck, sondern er bewegt sich frei und bewusst auf  den Grund des Seins zu. Der Mensch ist in seiner Selbst- und Welttranszendenz eine auf Gott hin offenes Wesen. Eine anthropologische Fundamental-Reflexion führt weiter als die Schlagworte und Stereotypen aus den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts mit dem liberalen Laizismus und aus dem 20. Jahrhundert mit den totalitären Ansprüchen der politischen Ideologien des Imperialismus, des Rassismus, des Chauvinismus und des Kommunismus. Diese Systeme waren nicht einfache Diktaturen, in denen die rohe Gewalt das Prinzip der Herrschaft ist. Sie versuchten sich an einer Neudefinition und Neuerschaffung des Menschen als homo sovieticus, als Herrenmensch aufgrund der Rasse oder des Besitzes.

Die Grenze der öffentlichen Gewalt, die das eigentliche Prinzip des demokratischen Rechtsstaates ist gegenüber den Ansprüchen auf absolute Verfügungsgewalt der Obrigkeitsstaaten, ist die unveräußerliche und unverletzliche Würde des Menschen. Und die positive Bestimmung des Staates und damit seine wahre Souveränität besteht in der Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwohl aller seiner Bürger. Ihr Maß ist die Gerechtigkeit und Recht und damit die Garantie der bürgerlichen Freiheit als materielle Voraussetzung der personalen Freiheit, sich im Gewissen an der Wahrheit und der Liebe Maß zu nehmen.

Am Ursprung des ganzen Thematik steht die denkwürdige Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, die ihn hinsichtlich des Kirche-Staat-Verhältnisses in eine tödliche Falle locken wollten. Sie fragten ihn, den Juden als Angehörigen eines der römischen Fremdherrschaft unterworfenen, aber in die römische Herrschaft legal eingegliederten Volkes, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Die Anerkennung der Steuerpflicht war gleichbedeutend mit der Anerkennung des römischen Kaisers als legitimen Herrschers eines Volkes, das sich als Gottes Volk und Eigentum verstand. Dahinter verbirgt sich der Konflikt zwischen der Anerkennung von menschlicher und göttlicher Autorität. Es geht nicht um den Wechsel der Herrschaft bei der Annexion oder Abtretung der Provinz eines Reiches an ein anderes Reich, so wie etwa Friedrich II. von Preußen der Kaiserin Maria Theresia in den drei schlesischen Kriegen, freilich um den Preis von Hunderttausenden von Menschenleben, die Provinz Schlesien abgenommen hat.

Es stellt sich in der entscheiden Auseinandersetzung des Sohnes Gottes mit seinen Widersachern die Frage, wem der Mensch mehr gehorchen muss: Gott oder den Menschen? Was auf dem Spiel steht ist – säkular gesprochen – die Gewissens- und Religionsfreiheit und – metaphysisch gedacht – die umfassende Verantwortung des Menschen vor Gott als Schöpfer der Welt, als Ursprung der Wahrheit und als Garant des ewigen Heils.

Jesus lässt sich den Denar mit dem Bild und der Aufschrift des Kaisers zeigen. Darin ist in der Form von Steuern die hoheitliche Autorität des Staates anerkannt und seine gesamte ökonomische und administrative Zuständigkeit für die Gesellschaft symbolisiert. Jeder künftigen Theorie des Kirche-Staat-Verhältnisses liegt nun das Wort Jesu zugrunde: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt 22,21).

Die Fragesteller zeigten sich keineswegs zufrieden, weil Jesus ihnen nicht in die Falle ging, aber auch weil die absolute Neuheit der Antwort nicht mit ihren vertrauten Kategorien des Ausschlusses und der Konfrontation nicht zu fassen war. Was ist das Neue und Zukunftsweisende  in der Antwort Jesu?

Jesus legitimiert die politische Gewalt und begrenzt  zugleich ihre Zuständigkeit auf die Regelung der materiellen Lebensgrundlagen. Wir sagen mit der späteren Tradition, dass der Staat überhaupt, unabhängig von der Frage nach der Staatsform, nicht religiös-theokratisch oder offenbarungstheologisch, sondern naturrechtlich begründet ist. Das schließt eine unmittelbare Autorisierung staatlicher Autorität durch Gott aus, so dass positive Gesetze und Regierungsmaßnahmen oder Gerichtsurteile nicht Ausdruck des Willens Gottes sein können. Sie haben nur soweit Autorität wie menschliche fehlbare Kompetenz reicht. Positive Gesetze und Entscheidungen müssen nur der Würde und den Grundrechten des Menschen entsprechen, wie sie seiner geist-leiblichen Natur und seiner welthaften, geschichtlichen und sozialen Daseinsform entsprechen.

Ein Absolutheitsanspruch des Staates auf den Menschen in seinem sittlichen Gewissen und seiner personalen Transzendenz auf die Wahrheit und Gott widerspricht der Würde des Menschen. Sowohl der altrömische Kaiserkult und jede andere antike und moderne Form von Vergötzung des Staates ist grundsätzlich als unsittlich abzulehnen. Denn die metaphysische und ethische Vernunft sagt uns, dass niemals Menschen die absolute Verfügung über andere Menschen beanspruchen können. Auch christliche Herrscher in der Vergangenheit oder heute Christen, die in einer Demokratie ein öffentliches Amt in der Regierung, im Parlament  oder der Rechtsprechung bekleiden, können nicht Gehorsam von den Bürgern ihrer eigenen oder einer anderen Religion verlangen im Namen Gottes, dem sie sich mit dem übernatürlichen Glauben in Verstand und Freiheit ganz überantworten, sondern nur in Namen des sittlichen Grundgesetzes und der positiven Normen und Gesetze, die legitim und notwendig für alle Bürger gleichermaßen gelten.

Ist der „Kaiser“, d.h. die staatliche Autorität, auf die Regelung des Irdischen eingeschränkt, so kann das Reich und die Herrschaft Gottes den Menschen in seinem ganzen inneren und äußeren Sein umfassen. Universale Gottorientierung und konkrete Weltverantwortung bedingen sich einander wenigstens nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Das Reich Gottes ist nicht von der Welt und ihrer Art, sondern es ist Gott in uns, der sich als Ursprung unseres Daseins und als Ziel unserer höchsten Berufung geoffenbart hat, nämlich in seinem Fleisch gewordenen Wort und dem in unser Herz eingegossenen Heiligen Geist.

Der umfassende Anspruch  Gottes auf den Menschen, insofern er sich in Christus als Weg, Wahrheit und Leben für jeden Menschen ohne Ausnahme offenbart hat, ist nicht identisch mit der Autorität seiner Kirche, aber er will durch ihre Botschaft und ihr Leben in der Welt und der Gesellschaft bekannt und ursprünglich verwirklicht werden. Darum  beschränkt sich die Sendung der Kirche nicht auf religiös-spirituelle Angebote und sozial-karitative Initiativen. Ihr Apostolat besteht in der Verkündigung des universalen Heilswillens Gottes, der den Menschen zur Anteilhabe an seiner Wahrheit und seiner Güte beruft im ewigen Leben.

Zugleich ist die Kirche „Zeichen und Schutz der Transzendenz der Person“ (Gaudium et spes 76) gegenüber jedem politischen, religiös und ideologisch verbrämten Totalitätsanspruch von Menschen über Menschen. Nur wo Gott herrscht, wird der Mensch frei, weil allen Seins mächtige Gott durch die Schöpfung, Erlösung und Vollendung des Menschen nichts gewinnt und verliert. Darum bedeutet die Offenbarung seiner Wahrheit und die Mitteilung seiner Gnade immer Erhöhung und Vollendung des Menschen. Endliche Ursachen begrenzen sich und konkurrieren miteinander. Wo Gottes Unendlichkeit und des Menschen Endlichkeit aufeinandertreffen, wird der Mensch nicht gedemütigt, eingeschüchtert und unterdrückt, sondern erhoben zur „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21), dort wird das Sterbliche und Vergängliche von der Unsterblichkeit und der Unvergänglichkeit bekleidet, wird der Tod vom Leben verschlungen. ( 1 Kor 15,55).

Um des irdischen und ewigen Heils des Menschen Willens arbeiten die Christen und die Kirche mit allen Menschen guten Willens in einer pluralistischen Gesellschaft zusammen und leisten ihren Beitrag zum Funktionieren der legitimen staatlichen Einrichtungen. Die Kooperation der Kirche mit dem Staat muss aber immer auch kritisch und in richtiger Distanz betrachtet werden. Denn die Kirche des gekreuzigten und auferstandenen Herrn „setzt ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch ihre Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt wird“. (Gaudium et spes 76). Diese Einsicht des II. Vatikanischen Konzils hatte Papst Benedikt in seiner Rede in Freiburg i. Br. bei seiner Deutschland-Reise 2011 aufgegriffen und damit nur  vorweggenommen, was Papst Franziskus als geistigen Neokolonialismus zurückweist, wenn Entwicklungshilfegelder der EU oder der USA an arme und notleidende Ländern z.B. an die Übernahme der Genderideologie oder die innereuropäischen Hilfen an die menschenrechtswidrige Frühsexualisierung von Kindern gebunden wird. In diesem Zusammenhang ist auch der totalitäre Zugriff auf den Menschen zu nennen und zu bekämpfen, wenn in die Keimbahn und das Leben und die leibliche Integrität der ungeborenen Menschen eingegriffen wird, bei dem Organhandel, bei der neuen Welle der Versklavung von Millionen Menschen, von der Propagierung des assistierten Selbstmordes und generell der gezielten De-Christianisierung und damit Entmenschlichung der westlichen Welt. Über eine allgemeine und theoretische Begründung des Verhältnisses eines säkularen Staates und der Kirche in ihrer übernatürlichen Heilsendung hinaus, fällt der Kirche die prophetische Rolle der Anwältin der Menschenwürde zu , die dem Menschen wesenhaft zukommt von ersten Augenblick der Empfängnis angefangen bis zu seinem letzten Atemzug beim Sterben.

Die Kirche als Anwältin der Menschwürde im säkularen Staat von heute

Bereits Papst Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ eine eigene Charta der Menschenrechte vorgelegt und übertrifft dabei die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch den deutlichen Akzent, der mit der christlichen Durchdringung der Fragestellung gegeben ist: Der Mensch als Person ist Ausgangspunkt seiner Würde. Damit überwindet die Kirche gerade den horizontalen Begründungsrahmen, der sich jederzeit schnell ändern und anderen Interessen unterworfen werden kann, und führt die Diskussion auf den eigentlichen Kern: Mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet, hat die Person Rechte und Pflichten, die ihr von Natur aus eigen sind. Die Menschenrechte sind nicht in diesen oder jenen subjektiven Bedürfnissen begründet, sondern in der geistig-leiblichen Natur des Menschen. Der unbedingte Respekt von der Person, vor Leib und Leben des Mitmenschen muss von allen als gemeinsame Grundlage des Handelns akzeptiert werden. Dann gibt es eine echte Chance, dass Ungleichheiten bei der Partizipation an den Ressourcen der Erde verschwinden und die für alle Menschen gültige Freiheit zum tragenden Element aller sozialen Ordnungen wird:

„Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muss das Prinzip zugrunde liegen, dass jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Wie sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise veräußert werden.“ (Pacem in terris, Nr. 9)

Die Grundidee der Menschenrechte entspricht nicht nur zutiefst dem biblisch-christlichen Verständnis des Menschen, sondern ist die Wurzel, von der alle Initiativen für eine Wertschätzung des menschlichen Lebens ausgehen. Durch die Kirche werden diese Grundlagen hinein in die moderne Welt übersetzt. Unterschiede der ethnischen Herkunft, der politischen Zugehörigkeit oder der kulturellen Identität dürfen nicht zu einer Barriere zwischen den Menschen werden. Jede Form der Ausgrenzung widerspricht dem von der Kirche klar formulierten Person-Begriff.

Die Kirche kann über diese religiösen, nationalen und ideologischen Grenzen hinweg zur Ausbildung eines vorgesetzlichen Konsensus über die Würde und die Rechte des Menschen aktiv beitragen. Die christliche Verantwortung für die Menschenrechte wird deutlich in der Information und der öffentlichen Bewusstseinsbildung in allen Fragen, die das menschliche Leben in seiner Unantastbarkeit betrifft – Einflussnahme auf gesetzliche Regelungen zum Lebensschutz, international agierende kirchliche Hilfsorganisationen, deren Beitrag in den Sofortmaßnahmen und den langfristigen Prozessen nicht nur beschränkt bleiben auf die  materielle Hilfe. Das Engagement der Kirche in Gebieten der Armut, wo die einfachsten Lebensgrundlagen nicht vorhanden sind, hilft den Betroffenen ihren Wert als Menschen wieder oder vielleicht zum ersten mal wahrzunehmen.

Die Ausgestaltung der Menschenrechte auf der Grundlage der Würde der Person ist zutiefst mit der Lehre der Kirche verbunden. So hat das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ eine eigene Interpretation von Menschenrechten vertreten:

„Kraft des ihr anvertrauten Evangeliums verkündet also die Kirche die Rechte des Menschen, und sie anerkennt und schätzt die Dynamik der Gegenwart, die diese Rechte überall fördert. Freilich muss diese Bewegung vom Geist des Evangeliums erfüllt und gegen jede Art falscher Autonomie geschützt werden. Wir sind nämlich der Versuchung ausgesetzt, unsere persönlichen Rechte nur dann für voll gewahrt zu halten, wenn wir jeder Norm des göttlichen Gesetzes ledig wären. Auf diesem Wege aber geht die Würde der menschlichen Person, statt gewahr zu werden, eher verloren.“ (GS 41)

Menschenrechte sind also keine von der Gemeinschaft einiger Staaten konstruierten Regeln – auch wenn sie diese in eine „statutenhafte“ Form bringen – sondern nur entschlüsselbar und dauerhaft als verbindliche Norm der Gesellschaft vorangestellt, wenn sie mit Gott in Verbindung gebracht werden. Menschenrechte, die auf dem Gestus einer politischen Ideologie beruhen, sind zeitlich begrenzt, weil sie jederzeit von den Machthabern auch anders interpretiert und umgesetzt werden können. Eine Verankerung in Gott enthebt sie dem Zugriff und der Beliebigkeit des Menschen. Insofern finden Menschenrechte nur dann eine umfassende Anwendung, wenn der Mensch selbst im Mittelpunkt steht.  Nur wo eine höhere Instanz anerkannt wird, ist der Mensch nicht mehr dem Menschen ausgeliefert oder gefangen im Goldenen Käfig eines „Paradieses auf Erden“, das sich nach allen Erfahrungen als Hölle auf Erden erwiesen hat. Philosophisch gesagt: Gott ist Grund der Würde des Menschen und der Grant seiner Freiheit für  das Tun des Guten und das Meiden des Bösen.

Das Konzil will mit Nachdruck die Achtung vor dem Menschen einschärfen und formuliert eindrucksvoll: „Alle müssen ihren Nächsten ohne Ausnahme als ein ´anderes Ich´ ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens bedacht.“ (GS 26)

Was aus der Passage aus „Gaudium et Spes“ für eine christliche Erfassung von Menschenrechten folgt, kann an einigen Texten von Johannes Paul II. erörtert werden:

„Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage einer richtigen Auffassung vom Menschen möglich … Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus.“ (Centesimus Annus 46)

Die modernen Verfassungen, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs  und den ungeheuren Gräueltaten der totalitären Staaten entstanden sind, verankern die Grundrechte, die der Demokratie eine solide rechtsstaatliche Grundlage in der Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.

„Unter den vorrangigsten Rechten sind zu erwähnen: das Recht auf Leben, zu dem wesentlich das Recht gehört, nach der Zeugung im Mutterschoß heranzuwachsen; das Recht, in einer geeinten Familie und in einem sittlichen Milieu zu leben, das für die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geeignet ist; das Recht seinen Verstand und seine Freiheit in der Suche und Erkenntnis der Wahrheit zur Reife zu bringen; das Recht an der Arbeit zur Erschließung der Güter der Erde teilzunehmen und daraus den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen; das Recht auf freie Gründung einer Familie und auf Empfang und Erziehung der Kinder….“ (Centesimus Annus 47)

Es geht nicht um abstrakte Modelle, mit denen man das Verhältnis von Kirche und Staat theoretisch beschreiben kann, sondern es geht um die Zukunft unserer Völker in den Nationen und Staaten und vor allem um die Zukunft des Projektes „Europa“. Nicht die ökonomischen Interessen halten die europäischen Bürger in der Schicksalsgemeinschaft zusammen und schon gar nicht eine agnostisch-atheistische Ideologie, die sich als Staatsphilosophie etablieren will in den europäischen Institutionen. Sie ist zum Untergang verurteilt und wird viele Menschen mit sich in den Abgrund der Frustration und Desillusion reißen.

Die metaphysische Grundfrage ist, ob es mit dem Grund des Seins und seiner Repräsentationen in den konkreten Dingen Nichts ist, dem wir verzweifelt einen Sinn zuschreiben müssen, oder ob der Grund des Seins Vernunft ist?

Das ist unsere Überzeugung, dass im Ganzen der Welt, der Geschichte, der Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen sich die schöpferische Vernunft ihres Gottes und Schöpfers manifestiert. Nicht der Geist, der stetes verneint, sondern der Spiritus Creator bejaht und trägt alles.

In seiner Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 bezeichnete Papst Benedikt XVI. das religiös-kulturelle Erbe des Christentums in Verbindung mit dem Vernunftdenken der Griechen und dem Rechtsdenken Roms als die Quelle für die Gestaltung der Saaten und besonders Europas.

„Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden… Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechtes gesetzt, die zu verteidigen uns in unsere historischen Stunde aufgegeben ist.“

Das kulturelle Erbe des Christentums ist die beste Versicherung gegen neu aufkommende totalitäre Ideologien, die die Menschenwürde bedrohen und eines rechtsstaatliche Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft zerstören würden.

Die Sendung der Kirche besteht darin, dass der Mensch am Ende alles Gott übereignet, von dem er alles empfangen, damit Christus als Alpha und Omega von Welt und Mensch erkannt wird. Die Rolle der Kirche innerhalb und überhalb der Staatlichen Ordnung umschreibt das II. Vatikanische Konzil in seiner großangelegten Pastoral Konstitution über die Kirche in der Welt von heute so:“ Während sie selbst der Welt hilft oder von dieser vieles empfängt, strebt die Kirche nach dem einen Ziel, nach der Ankunft des Reiches Gottes und der Verwirklichung des Heils der ganzen Menschheit. Alles aber, was das Volk Gottes in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft der Menschenfamilie an Gutem mitteilen kann, kommt letztlich daher, dass die Kirche das ‚allumfassende Sakrament des Heils‘ ist, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht.“ (Gaudium et spes 45).

(Mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der polnischen Bischofskonferenz)

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Schönborn: Christentums-Sicht Ratzingers gibt Freiheit

Kardinal Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Kardinal Christoph Schönborn gab am Wochenende ein ausführliches TV-Interview für italienischen Fernsehsender TV2000 zur Person und zum Denken Benedikts XVI.

Kardinal Christoph Schönborn hat Benedikt XVI. zu dessen 90. Geburtstag für sein Lebenswerk gedankt. „Ich möchte ihm nur ein großes und demütiges Danke für sein gesamtes Werk sagen: als Theologe, als Kardinal, als Präfekt und als Papst“, sagte Schönborn am Wochenende in einem ausführlichen Interview dem katholischen italienischen Fernsehsender TV2000. Benedikt XVI. wurde am Ostersonntag 90 Jahre alt.

Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Benedikt XVI. habe in seiner Predigt zum Pontifikatsbeginn im April 2005 gesagt, das Christentum bestehe nicht in einer Moral, sondern in der Freundschaft zu Jesus. Diese einfache und demütige Freundschaft atme aus allen seinen Schriften und Predigten, und diese Sicht gebe ihm Freiheit.

Entschieden wies Schönborn die Bezeichnung Kardinal Joseph Ratzingers als „Panzerkardinal“ zurück, die während seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation von Kritikern in Umlauf gebracht wurde. Dies sei die aller unzutreffendste Bezeichnung für Ratzinger. Der Konzilstheologe Ratzinger sei alles andere als ein Panzerkardinal. Vielmehr sei er eine sanftmütige Person mit einem feinen, nie sarkastischen Humor und einer schönen Ironie, berichtete Schönborn. Er verwies darauf, dass Ratzinger auch ein Mann sei, der auch Tiere sehr liebe, etwa Katzen.

Der Wiener Erzbischof betonte die Kontinuität zwischen Franziskus und seinen beiden Vorgängern Benedikt XVI. und Johannes Paul II. Alle drei hätten einen ausgeprägten Sinn für Volksfrömmigkeit und die Herausforderungen der modernen Welt gehabt, auch wenn sie unterschiedliche Akzente gesetzt hätten. In ihrer Frömmigkeit seien sich Franziskus und Benedikt XVI. denkbar nahe. Der bayerische Katholizismus, der sehr stark in der Volksfrömmigkeit gründe, und die Frömmigkeit von Franziskus ähnelten sich stark.

Spekulationen, Benedikt XVI. sei von einflussreichen Lobbygruppen im Vatikan zum Rücktritt genötigt worden, bezeichnete Schönborn als „lächerlich“. Ratzinger sei ein freier Mann und nicht auf äußeren Druck hin zurückgetreten.

Zugleich widersprach der Kardinal Auffassungen, Benedikt XVI. hätte nach seinem Rücktritt wieder auf den Status eines Kardinals zurückgestuft werden müssen. Diese Ansicht teil er nicht. Wenn der Bischof von Rom zurücktrete, bleibe er emeritierter Bischof von Rom, so der Kardinal.

Der Ratzinger-Schüler Schönborn erinnerte auch daran, wie er 1972 den damaligen Theologie-Professor Joseph Ratzinger als Doktorand in Regensburg kennenlernte. Als Ratzinger dann Erzbischof von München-Freising geworden sei, sei er zu seinem „Adoptivsohn“ geworden, so Schönborn.

erstellt von: red/kap
19.04.2017
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Tradition und Katholizismus in Einheit mit dem Heiligen Stuhl

PMT-Hauptversammlung 2004 in Augsburg, Pontifikalamt mit Bischof Rifan

Vortrag bei der Jahrestagung von

Pro Missa Tridentina

am 8. Mai 2004 in Augsburg

von Bischof Fernando Rifan

Sehr geehrte Damen und Herren Vorstände der Vereinigung „Pro Missa Tridentina“, ganz besonders Frau Monika Rheinschmitt und Prof. Dr. Wolfgang Waldstein, die mich zu meiner großen Freude zu diesem Treffen eingeladen haben.

Hochwürdigste Priester, sehr geehrte Mitglieder von „Pro Missa Tridentina“, teure Brüder und Freunde der traditionellen Liturgie, meine Damen und meine Herren,

zuerst möchte ich mich für die liebenswürdige Einladung von „Pro Missa Tridentina“, in Person der verehrten Frau Monika Rheinschmitt, bedanken und für die damit verbundene Möglichkeit und Freude, hier zu sein und gemeinsam mit Ihnen die heilige Messe zu feiern und an dieser Tagung teilzunehmen. Ich danke ganz besonders Seiner Exzellenz, dem Diözesanbischof von Augsburg, Dr. Viktor Joseph Dammertz, der liebenswürdigerweise uns erlaubte, ein Pontifikalamt zu zelebrieren. Ich bedanke mich für Ihre Anwesenheit und im Voraus für Ihre Achtung und Ihre Geduld.

Einführung

Ich bin Dom Fernando Arias Rifan, Titularbischof von Cedamusa, Apostolischer Personal-Administrator von São João Maria Vianney, von Campos, Rio de Janeiro, Brasilien, zum Bischof geweiht am 18. August 2002 durch seine Eminenz Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kongregation für den Klerus. Nominiert durch den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II., als Bischof Koadjutor seiner Exzellenz Dom Licinio Rangel. Nach dessen Tod am 16. Dezember vergangenen Jahres wurde ich automatisch, entsprechend dem kanonischen Recht, sein Nachfolger, also Apostolischer Administrator.

Unsere Apostolische Personal-Administratur Hl. Johannes Maria Vianney ist eine offizielle kirchliche Jurisdiktion innerhalb der katholischen Kirche, errichtet durch das Dekret „Animarum bonum“ der Kongregation für die Bischöfe am 18. Januar 2002, unter Berücksichtigung der Anordnung des Höchsten Pontifex in handschriftlicher Ausfertigung „Ecclesiae unitas“ in Verbindung mit den liturgischen Formen der Römischen Liturgie, die der letzten liturgischen Reform von 1969 vorausgingen.

Um Ihnen ein besseres Verständnis dafür zu ermöglichen, wie sich alles entwickelte, möchte ich Ihnen etwas aus unserer Geschichte erzählen.

Unsere kleine Geschichte innerhalb der Kirchengeschichte

Die katholische Kirche auf unserer Erde ist kämpferisch, da sie sich immer im Streit befindet mit den Feinden Gottes und der Seelen, innen wie außen, gegen Sünden und Häresien.

Hervorgegangen aus den römischen Verfolgungen der drei ersten Jahrhunderte, mußte die Kirche stets gegen die großen trinitarischen und christologischen Häresien ankämpfen.

Selbst auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Christenheit, der Epoche der großen Heiligen, fehlten nicht die großen Häresien, die eine intensive Wachsamkeit seitens der Kirche erforderten. Als Ergebnis der Dekadenz der Sitten in der Renaissance ist der Verfall der Moral zu sehen, der alle Ebenen des christlichen Universums getroffen hat, vom einfachen Volk bis in die höchsten Hierarchien. Es entstand der Protestantismus, eine Pseudo-Reform, die verheerende Schäden anrichtete im christlichen Volk und noch heute anrichtet, hauptsächlich in Irrtümern über das Priestertum, die Eucharistie und den Opfercharakter der heiligen Messe. Die wirkliche Reform wurde von der Kirche durch das Konzil von Trient bewirkt sowie durch den Eifer der Heiligen, wie z.B. des heiligen Ignatius mit der Gesellschaft Jesu, des heiligen Karl Borromäus mit der Gründung von Seminaren, des heiligen Pius V. mit der Festlegung der Liturgie.

Ende des 18. Jahrhunderts kam die Französische Revolution mit der Verkündung der Menschenrechte unabhängig von den Gottesrechten, es kamen der Laizismus der Staaten und die modernen Freiheiten, es kam eine starke Kirchenverfolgung.

Im 19. Jahrhundert kam die Vorherrschaft des Liberalismus, der durch das kirchliche Lehramt verurteilt wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam der Modernismus als Zusammenfassung aller Häresien in die Kirche und wurde verurteilt durch den heiligen Pius X.

Im sozialen Bereich entstand der Kommunismus, Ergebnis der marxistischen Philosophie, Zerstörer der christlichen Gesellschaft und großer Verfolger der Kirche.

Zwei Weltkriege forderten die stärkere Laisierung und Entchristlichung der Gesellschaft.

Und viele Irrtümer, die durch die Kirche bereits verurteilt waren, fanden ihre Wiedereinführung in die christlichen Reihen. Der heilige Vater Pius XII. erneuerte die Verurteilung dieser Irrtümer in verschiedenen Enzykliken, besonders in „Humani Generis“ und im liturgischen Bereich in „Mediator Dei“ (1947).

1948 wurde Dom Antonio de Castro Mayer zum Bischof von Campos ernannt, Professor, Doktor der Theologie, Abschluß an der Universität Gregoriana in Rom, treu dem kirchlichen Lehramt ergeben. Dom Antonio, vor allem bekannt durch seine Predigten, Artikel und insbesondere wegen seiner brillanten Pastoral-Briefe, alarmierte unaufhörlich seine Priester und Diözesanen wegen der aktuellen Irrtümer, die bereits durch die Kirche verurteilt und schon überall eingedrungen sind. In diesem Geist der Treue zur Kirche formte er seine Priester.

Er nahm von 1962 bis 1965 am II. Vatikanischen Konzil teil und versuchte, seinen Priestern und Gläubigen die legitime Interpretation des „Aggiornamento“ zu geben, die durch Papst Johannes XXIII. gewünscht wurde, als Warnung gegen diejenigen, die sich das Konzil zunutze machen, um den Modernismus und in seinem Gefolge die Häresien wieder zu beleben, wie sie durch den Papst Paul VI. als „Selbstzerstörung der Kirche“ aufgedeckt wurden.

Nach dem Konzil folgte die große noch nie dagewesene Krise innerhalb der Kirche: mit Glaubensabfällen in großem Ausmaß seitens der Priester und Ordensleute, mit der Entheiligung der Liturgie, Laisierung des Klerus, Rückgang der Berufungen, Verweltlichung der Seminare, irendische Ökumene, religiöser Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen), usw.

Wie sagte Papst Johannes Paul II: „Es wurden diejenigen Ideen ausgestreut, die am ausdrücklichsten der offenbarten und immer gelehrten Wahrheit entgegenstanden: wahre Häresien auf den Feldern der Dogmatik und der Moral wurden verbreitet … selbst die Liturgie wurde vergewaltigt“ (Diskurs auf dem Kongreß der Missionen, 6. Februar 1981).

Inmitten der allgemeinen Krise suchte Dom Antonio seine Diözese in der wahren katholischen Lehre zu erhalten durch die Bildung der Priester und die Anleitung der Gläubigen.

Nach dem Konzil wurden einige Änderungen in der Liturgie der heiligen Messe eingeführt, welche von Dom Antonio folgsam akzeptiert und in der Diözese übernommen wurden. Aber es gab Anzeichen dafür, daß die liturgische Reform nicht gut verlief und Unzufriedenheit verursachte.

Kardinal Antonelli, Mitglied der Päpstlichen Kommission für die Liturgische Reform, gesteht ein, daß die Reform durch „Personen, vorgerückt auf den vorgegebenen Wegen der Erneuerungen …“ vorbereitet worden ist, lieblos und ohne jegliche Verehrung dessen, was uns überliefert wurde.“ (Card. Ferdinando Antonelli e gli sviluppu della riforma liturgica dal 1948 al 1970 Studia Anselmiana Roma).

Im Jahre 1969 kam der Novus Ordo Missae des Papstes Paul VI., der nicht wenig Bestürzung bei vielen Katholiken verursachte, einschließlich wichtiger Persönlichkeiten wie einiger Kardinäle der Römischen Kurie.

Gleichermaßen bestürzt schrieb Dom Antonio an Papst Paul VI., um seine Gewissenskonflikte bezüglich der Akzeptanz der neuen Messe darzulegen. Hier ein Auszug aus seinem Brief: „Ich habe mit Aufmerksamkeit den „Novus Ordo Missae“ geprüft, … nun, nach viel Gebet und Reflexion, erachte ich es als meine Pflicht als Priester und Bischof, Eurer Heiligkeit meine Gewissensqual aufzuzeigen und in Ehrfurcht und kindlichem Vertrauen, die ich dem Stellvertreter Jesu Christi schulde, eine Bitte vorzubringen. Ich erfülle somit eine dringende Gewissenspflicht, demütig und in ehrerbietiger Weise Eure Heiligkeit anzuflehen, Sie möge die Güte haben, uns zu ermächtigen, weiterhin den „Ordo Missae“ des heiligen Pius V. zu gebrauchen, dessen Wirksamkeit für die Ausbreitung der heiligen Kirche und für den Eifer der Priester und Gläubigen durch Eure Heiligkeit mit großem Nachdruck in Erinnerung gerufen wird.“ (Brief vom 12. September 1969).

Auf diese Weise, obwohl Dom Antonio niemals jemanden hierzu verpflichtete – es gab Priester, welche die Neue Messe übernahmen – wurde in der Mehrheit der Pfarreien in der Diözese von Campos offiziell die traditionelle heilige Messe nach dem heiligen Pius V. sowie die gesamte traditionelle apostolische Ausrichtung bewahrt.

1981 wurde Dom Antonio auf dem Bichofssitz von Campos ersetzt. Die auf ihn folgenden Bischöfe hatten nicht seine Ausrichtung. Nachdem sie von ihren Pfarreien wegversetzt worden waren mit der Folge, daß Tausende von Gläubigen die Wiederherstellung der traditionellen heiligen Messe und der traditionellen Ausrichtung wünschten, erkannten die „Priester von Campos“ die Notwendigkeit, für diese Gläubigen zu sorgen und ihnen in neuen Kirchen und neuen Kapellen die Sakramente zu spenden. So wurde die Priestergemeinschaft vom hl. Johannes Maria Vianney gegründet.

Und ohne jegliche Absicht, ein Schisma in der Kirche zu begründen, beantragten die Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X., einen ihrer Priester, Dom Licinio Rangel, zum Bischof zu weihen, um für die traditionsverbundenen Gläubigen zu sorgen als ein Bischof ohne Jurisdiktion, nur versehen mit der Gewalt des Amtes und ohne Absicht, eine parallele Diözese zu errichten (1991). Es war klar, daß diese Notsituation nicht ewig andauern konnte. Alle ersehnten die Rückkehr zur Normalität.

Zum Jubiläum des Jahres 2000 nahmen die „Priester von Campos“ teil an der Pilgerfahrt des Heiligen Jahres nach Rom, gemeinsam mit der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Zu diesem Zeitpunkt begann Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kleruskongregation, mit der Genehmigung und dem Segen des Heiligen Vaters, Papst Johannes Paul II., das Gespräch mit dem Ziel einer juristischen Regulierung der Situation der betroffenen traditionsverbundenen Priester und Gläubigen.

Die Priester der Priestergemeinschaft vom heiligen Johannes Maria Vianney schrieben einen Brief an den Heiligen Vater, in dem sie um Akzeptanz und Anerkennung als Katholiken baten. Der Papst antwortete, daß er ihnen wohlwollend Gehör schenken wolle. Am 18. Januar 2002, wurde die Personal-Administratur Heiliger Johannes Maria Vianney errichtet, mit eigenem Bischof und Priestern, mit Personal-Jurisdiktion über die Gläubigen und mit dem Recht auf die traditionelle heilige Messe als eigener Ritus (die offizielle Verwirklichung der Bitte von Dom Antonio de Castro Mayer war hiermit erreicht). Alle Zensuren und Strafen, die sie möglicherweise in der Vergangenheit auf sich gezogen hatten, wurden aufgehoben. Auf diese Weise wurde die rechtliche Stellung innerhalb der katholischen Kirche geregelt, die kanonischen Befugnisse wurden wieder zuerkannt und ihre kirchlichen Realität mit ihren charakteristischen Eigentümlichkeiten respektiert.

Gründe für die Übereinkunft mit dem Heiligen Stuhl

Wie bereits erwähnt im Zusammenhang mit dem handgeschriebenen Brief „Ecclesiae unitas“ des Heiligen Vaters Papst Johannes Paul II. vom 25. Dezember 2001 und durch das Dekret „Animarum bonum“ der heiligen Kongregation für die Bischöfe vom 18. Januar 2002 schuf der Heilige Stuhl die Apostolische Personal-Administratur Hl. Johannes Maria Vianney, um den Katholiken den tridentinischen Ritus mit eigenem Bischof, Priestern, Pfarreien und eigenem Seminar zu ermöglichen und die der traditionellen Liturgie des lateinischen Ritus verbundenen Gläubigen zu achten.

Es war ein historisches Ereignis und von großer Wichtigkeit für die katholische Kirche.

Es war nicht im eigentlichen Sinne eine Übereinkunft, wie man sagte und wie ich es noch erklären werde.

Beachten wir den juristischen Aspekt zum Zeitpunkt, als unsere Bitte gewahrt wurde, so können wir sagen, es gab eine juristische Genehmigung von Seiten des Heiligen Stuhls.

Beachtet man aber die Verhandlungen und Gespräche für sich selbst, so gab es keine eigentliche Übereinkunft, sondern es gab eine Absprache.

Allein das Wort „Übereinkunft“, welches in den vorhergehenden Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl gebraucht wurde, erachten wir unter den gegenwärtigen Umständen als wenig geeignet.

Einmal, weil es keine Übereinkunft gibt mit einem Höherrangigen der kirchlichen Hierarchie und noch weniger mit dem Papst: ihm schuldet man Folgsamkeit und Gehorsam nach den Regeln der Kirche und zweitens, weil „ Übereinkunft „ Konzessionen und Austausch beinhaltet, die es in der Realität nicht gegeben hat.

Der Begriff, welcher das, was es gab, besser ausdruckt ist: „Absprache“.

In Wahrheit wurden wir zu Beginn der Gespräche als Negativ-Part erachtet, als Zerrbild (Karikatur): die „Priester von Campos“, „Traditionalisten“, also als jene, die absolut weder den Papst noch das 2. Vatikanische Konzil noch den Wert des Novus Ordo Missae, die Messe von Papst Paul VI., anerkannten. Deshalb war es notwendig, unsere wahre Position zu verdeutlichen, die, einmal „verstanden“, wie sie ist, unsere Anerkennung und Genehmigung als Katholiken, in vollständiger Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl, erlaubte. Also, es gab eine „Absprache“, und mit ihr eine juristische Regelung.

Warum suchen wir diese Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl? Folgendermaßen antwortete Dom Licinio Rangel der internationalen Zeitschrift „30 Tage“: „Es war unsere Liebe zu Rom und zum Papst, unser katholisches Gefühl, als Frucht der Bildung, die wir durch Dom Antonio de Castro Mayer erhalten haben. Er veranlaßte uns, immer die Einheit mit der Hierarchie der heiligen Kirche zu wünschen. Immer hatten wir die Gewißheit, daß unsere Position des Widerstandes „für“ die Tradition und die konsequente Situation der Ausführung, eng am notwendigen Thema sein sollte, den zeitlichen Umständen entsprechend, immer die Ursprünge der Krise anzeigend, gerechtfertigter Widerstand im Interesse der Seelen, ohne irgendeine Intention zum Schisma. Als Beweis sei angeführt, daß ich nach dem Tode des Dom Antonio de Castro Mayer vor zehn Jahren und als ich das Bischofsamt erhielt, erklärte, daß die Zustände sich andern müßten, und ich würde dem Papst mein Bischofsamt zur Verfügung stellen, sofern er es Wünsche, so daß er darüber verfügen könne. Nichts also, kein Bruch mit der Kirche. Immer ersehnten wir eine Regulierung und eine Anerkennung. Die Möglichkeit hierzu ergab sich nach unserer Pilgerfahrt nach Rom zum Jubiläum des Jahres 2000, als der Heilige Vater Dario Kardinal Castrillon Hoyos ernannte, in seinem Namen die Gespräche im Hinblick auf unsere Regulierung vorzubereiten. Die Gespräche dauerten das ganze Jahr 2001 hindurch, und Gott sei Dank wurde ein guter Schluß erreicht mit unserer vollständigen kanonischen Anerkennung im Schoß der Heiligen Kirche.“

Die Notwendigkeit einer Anerkennung

Eines, was uns am meisten bewegte, die Anerkennung und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl zu akzeptieren, war das vertiefte Studium einiger sicherer katholischer Wahrheiten. z.B.: Alle Katholiken müssen geeint sein unter der Hierarchie der Kirche. Übrigens ist es ein Dogma des katholischen Glaubens: „Wir erklären, sagen und definieren, daß es absolut notwendig ist zur Rettung aller Menschen, sich dem römischen Pontifex unterzuordnen“ (Bonifatius VIII., Bulle Unam Sanctam, Dz-Sh 875).

Und das Lehramt der Kirche (Leo XIII. Enzyklika Satis Cognitum) lehrt uns, daß die Einheit der Herrschaft oder der Regierung ebenso notwendig ist wie die Einheit des Glaubens.

Folglich ist das Getrenntsein von der Hierarchie gleichermaßen als körperliche Trennung zu verstehen, etwas Unnormales, etwas zeitlich Befristetes, das es notwendig macht, diesen Zustand zu beenden.

So waren die Gedanken des Dom Marcel Lefebvre, als er während der mit dem Heiligen Stuhl geführten Gespräche im Jahre 1988, an Kardinal Ratzinger schrieb:

„Ich konnte die Arbeiten der beauftragten Kommission begleiten, um eine akzeptable Lösung für die Probleme, um die wir uns sorgen, vorzubereiten. Es scheint, daß wir Dank der Gnade Gottes auf dem richtigen Weg sind für eine Übereinkunft, mit der wir glücklich sein werden.“ (Brief vom 15.04.1988  cf. Fideliter,  le dossier complet).

Gefahr des Schismas in diesem Zustand der Trennung

Die Priester der Priestergemeinschaft von Campos unter Dom Licinio schrieben nach reifer Überlegung am 5. Juni 2001 offiziell an den Superior der Priesterbruderschaft St. Pius X., Dom Bernard Fellay, mit welchem sie zusammen die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl führten, und listeten 28 ernste Grinde auf über die Notwendigkeit einer Anerkennung und warnten ihn vor der zu erwartenden Gefahr des Verbleibens in diesem unnormalen Stand der Trennung: „Man muß berücksichtigen … daß die derzeitige Trennung der traditionellen Katholiken in Bezug auf die Hierarchie, provoziert durch die Krise der Kirche, etwas Abnormales ist, was nur gelegentlich und vorübergehend sein darf, und daß es folglich unser ernsthaftes Anliegen sein muß, nach einer Regulierung und Einheit zu streben, anstatt sich mit einer Situation zu begnügen, welche die negativen Auswirkungen dieser abnormalen Trennung schon inmitten der traditionsverbundenen Gläubigen spürbar werden läßt. Diese negativen Auswirkungen rufen einen Geist der allgemeinen und systematischen Kritik hervor, einen Geist der Unabhängigkeit, ein Sich-Zufrieden-Geben mit der Abnormalität der Situation und ein Gefühl, persönlich im Besitz der Einen Wahrheit zu sein; die Gefahr, die von dieser Trennung im Verlauf der Zeit ausgeht, auch wenn sie nicht das Bekenntnis zu irgendeinem theoretischen Schisma bedeutet, ist das Entstehen eines schismatischen Geistes, wenn man das Fehlen einer einheitlichen Struktur als gegeben betrachtet“.

(Unglücklicherweise wurde dieser Brief nicht beantwortet)

Die Beispiele für diesen Geist, die wir aus traditionsverbundenen Kreisen kennen, brachten uns dazu, über diese Gefahr, die in einer gewohnheitsmäßigen oder systematischen Trennung liegt, nachzudenken: Die Radikalen wandeln sich zu Sedisvakantisten, zu Schismatikern oder sogar zu Apostaten.

Der Heilige Thomas von Aquin sagt: „Es seien genannt Schismatiker diejenigen, die es ablehnen, sich dem Höchsten Pontifex unterzuordnen und jene, die es ablehnen, in Gemeinschaft mit den Gliedern der Kirche und ihren Menschen zu leben“ (2a-2ae, q. 39, art. 1).

Der berühmte spanische Theologe Francisco Suarez lehrt, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, zum Schismatiker zu werden: „ohne zu verneinen, daß der Papst das Oberhaupt der Kirche ist, was an sich schon Häresie wäre, es genügt schon sich so zu verhalten, als wäre er es nicht: dies ist die übliche Methode.“ (De Charitate, disp. 12, sect. I, n.2, t. XII, p. 733, in Opera Omnia).

Dies lehrt das Lehramt der Kirche: „In einem gefährlichen Irrtum befinden sich also jene, die meinen, sie könnten Christus als Haupt der Kirche verehren, ohne seinem Stellvertreter auf Erden die Treue zu wahren. Denn wer das sichtbare Haupt außer acht läßt und die sichtbaren Bande der Einheit zerreißt, der entstellt den mystischen Leib des Erlösers zu solcher Unkenntlichkeit, daß er von denen nicht mehr gesehen noch gefunden werden kann, die den sicheren Hort des ewigen Heiles suchen.“ (Pius XII., Enzyklica Mystici Corporis).

„Wozu dient es in Wahrheit, das katholische Dogma des Primates des glückseligen Petrus und aller seiner Nachfolger, die Verbreitung von so vielen Erklärungen zum katholischen Glauben und des Gehorsams gegenüber dem Apostolischen Stuhl, wenn deren Taten offensichtlich deren Worten widersprechen? Kann es sein, daß die Rebellion nicht weniger entschuldbar ist, desto mehr, als man die Pflicht zum Gehorsam anerkennt?….jener, der dies verneint, ist Ketzer; jener der im Gegensatz hierzu dies anerkennt aber hartnäckig es ablehnt zu gehorchen, ist würdig des Bannfluchs“ (Papst Pius IX., Enzyklika Quae in Patriarchatu, 1/9/1868, n. 23 u. 24).

Worin bestand die Unregelmäßigkeit der Situation?

Die erste Unregelmäßigkeit war die Weihe eines Bischofs und dessen Einsetzung gegen den Willen des Papstes. Folglich wäre es notwendig gewesen, bei der ersten passenden Gelegenheit aus dieser irregulären Situation wieder herauszukommen, denn es gab die schwerwiegende Gefahr der Weiterentwicklung von einem Zustand der bloßen Trennung hin zu einem realen Schisma.

So sagte Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Ad Apostolorum Principis“: „Keine Autorität, außer es wäre der Höchste Hirte, keine Person oder Versammlung von Priestern oder Laien kann sich das Recht der Bischofsnominierung anmaßen. Niemand kann rechtmäßigerweise die Bischöfliche Weihe erteilen, ohne die Gewißheit eines päpstlichen Mandats zu haben. Eine solche Weihe gegen göttliches und menschliches Recht, ist ein äusserst schwerwiegender Anschlag auf die Einheit der Kirche selbst und wird bestraft mit der Exkommunikation“.

Darüber hinaus beginnen mit der Zeit Fälle aufzutreten, für welche die „Schlüsselgewalt“ notwendig ist, die ein Bischof ohne Jurisdiktion nicht besitzt, z.B. die Erklärung der Annullierung von Ehen, die Laisierung von Diakonen, die Dispens von Wahlen usw. Wenn jemand solche Vollmachten für sich beanspruchte, käme das einer Ersetzung der Hierarchie gleich, der Bildung einer Parallelkirche, was tatsächlich ein Schisma wäre.

In unserem Fall strebte Dom Licinio Rangel, in einer außerordentlichen Situation zum Bischof geweiht, um für diejenigen Gläubigen zu sorgen, die der traditionellen Liturgie verbunden waren immer die Normalisierung der irregulären Situation an, in der wir uns befanden, denn er war sich bewußt, daß es für einen Katholiken normal ist, mit der Kirche vereint und ihrer Hierarchie unterstellt zu sein. Sobald der Heilige Stuhl uns die Möglichkeit der Regulierung angeboten hatte, bestätigte Dom Licinio: „Der Notstand soll beendet werden!“. Und er tat alles dafür, daß die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl zu einem guten Ergebnis führten, trotz des Drucks, den diejenigen ausübten, die weiterhin am Rande verbleiben wollten.

Der Kampf für die heilige Messe im traditionellen Ritus

Während vieler Jahre kämpften und litten wir für den Erhalt der traditionellen heiligen Messe. Und jetzt, Gott sei Dank, gewahrte uns der Heilige Vater wie einen Siegespreis für diesen Kampf das offizielle Recht, in unserer Administratur die vom heiligen Pius V. kodifizierte traditionelle heilige Messe sowie alle Sakramente, die vollständige Liturgie und die traditionelle Disziplin beizubehalten.

Die Gründung der Apostolischen Administratur zeigt aller Welt, daß es möglich ist, die traditionelle Liturgie zu bewahren, in voller Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater, dem Papst. Es ist nicht notwendig, die Gemeinschaft mit ihm aufzubrechen. Desweiteren ist beachtenswert, daß die Bitte von Dom Antonio de Castro Mayer, der den Papst um die Erlaubnis gebeten hatte, die Feier der traditionellen Messe fortführen zu dürfen, letztlich erfüllt wurde.

So bewahren wir mit dem Segen des Heiligen Vaters, des Papstes, die tridentinische heilige Messe, da sie den authentischen Reichtum der heiligen katholischen Kirche in sich trägt, eine Liturgie, die viele Seelen heiligte, die heilige Messe, welche schon die Heiligen mitfeierten, die heilige Messe, die in aller Klarheit und ohne Zweideutigkeiten die eucharistischen Dogmen ausdrückt, die ein authentisches Glaubensbekenntnis begründen, als Symbol unserer katholischen Identität, ein wahrhaftiges theologisches und geistliches Erbe der Kirche, das es zu bewahren gilt.

Wie Kardinal Dario Castrillon Hoyos, der Präfekt der Kongregation für den Klerus, es gut ausgedrückt hat: „Gerade der alte Ritus der heiligen Messe hilft vielen Menschen, den Sinn für das Geheimnis lebendig zu erhalten. Der heilige Ritus mit seiner Offenheit für das Geheimnis hilft uns, mit unseren Sinnen einzudringen in das Innere des göttlichen Geheimnisses. Die Würde eines Ritus’, der die Kirche während so vieler Jahre begleitete, rechtfertigt sehr wohl, daß eine besondere Gruppe von Gläubigen die Wertschätzung dieses Ritus erhalten will, und die Kirche, vertreten durch die Stimme des Höchsten Pontifex, verstand dies, als sie darum bat, die Türen für seine Zelebration zu öffnen… Wir feiern einen schonen Ritus, einen Ritus, der viele zu Heiligen gemacht hat, eine schöne heilige Messe, welche die Gewölbe vieler Kathedralen erfüllt und welche ihre geheimnisvollen Klänge in den kleinen Kapellen der ganzen Welt erklingen läßt _“ (Auszüge aus der Predigt während der heiligen Messe des heiligen Pius V., von Kardinal Dario Castrillon Hoyos, zelebriert in Chartres, am 4. Juni 2001).

Das Gleiche sagte Papst Johannes Paul II. in Bezug auf die traditionelle heilige Messe, als er sie als Vorbild der Ehrfurcht und Demut für alle Zelebranten der Welt vorgegeben hat:

„Das Volk Gottes hat das Bedürfnis, in uns Priestern und Diakonen ein Verhalten zu sehen, voll Ehrfurcht und Würde und fähig, ihnen zu helfen, in die unsichtbaren Dinge einzudringen, auch mit wenigen Worten und Erklärungen. Im Missale Romanum vom heiligen Pius V. finden wir wunderschöne Gebete, mit denen der Priester die tiefsten Gefühle der Demut und Ehrfurcht im Angesicht der heiligen Geheimnisse ausdrücken kann: sie offenbaren das innerste Wesen der ganzen Liturgie“ (Johannes Paul II., Botschaft an die Vollversammlung der Kongregation für den Göttlichen Kult und der Sakramentenordnung, über das Thema „Vertiefung des liturgischen Lebens im Volk Gottes, vom 21.9.2001).

Aber: Lieben, Verteidigen und Bewahren der traditionellen heiligen Messe bedeutet nicht, die Neue Messe an sich als häretisch, sakrilegisch, sündhaft oder unrechtmäßig zu erachten. Das wäre gegen das Dogma der Unfehlbarkeit der Kirche.

Wir sagen in unserer Erklärung, daß wir die Gültigkeit des Novo Ordo Missae, erlassen durch Papst Paul VI., immer dann anerkennen, wenn sie richtig und in der Intention zelebriert wird, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen.

Übrigens war dies die Lehre von Dom Antonio de Castro Meyer und auch von Dom Marcel Lefebvre, der in seiner Grundsatzerklärung, die von ihm geprüft und unterzeichnet worden ist, erklärte:

„Wir erklären außerdem, die Gültigkeit des Meßopfers und der Sakramente anzuerkennen, die mit der Intention das vollbringen, was die Kirche vollbringt und nach den Riten zelebriert werden, die in den von den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten offiziellen Ausgaben des römischen Meßbuches und den Ritualen für die Sakramente enthalten sind.“ (Fideliter, le dossier complet).

Weshalb machten wir die Einschränkung „vorausgesetzt, es wird korrekt und mit der Absicht zelebriert, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen“?

Darum, weil klar ist, daß der Priester, wenn er die Messe in der Absicht zelebriert, nur eine Mahlfeier abzuhalten oder eine einfache Zusammenkunft mit einem Bericht über das Herrenmahl ohne die Absicht, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen, dann die Gültigkeit dieser Messe beeinträchtigt sein wird.

Und darüber hinaus sind gerade diejenigen Messen beklagenswert, in denen „die Liturgie verletzt wurde“, wie Papst Johannes Paul II. sagte (Diskurs auf dem Kongreß der Missionen, 6. Februar 1981), oder in denen „die Liturgie verkommt zu einer Show’, in der man versucht, die Religion interessant zu gestalten mit Hilfe von modernen Dummheiten – von vorübergehenden Erfolgen einer Gruppe liturgischer Macher“, wie Kardinal Ratzinger kritisiert (Vorwort des Buchs „La Reforme Liturgique“, von Msgr. Klaus Gamber, S. 6). Und vor allem, wie Kardinal Eduardo Gagnon, Präsident des päpstlichen Komitees für die internationalen Eucharistischen Kongresse, sagte, „man kann unterdessen nicht ignorieren, daß die (liturgische) Reform die Ursache war für viele Mißbräuche, und sie führte in gewisser Weise zum Schwinden der dem Heiligen gegenüber geschuldeten Ehrfurcht. Diese Tatsache muß bedauerlicherweise eingestanden werden und entschuldigt einen Großteil der Leute, die sich von unserer Kirche oder aus ihrer alten Pfarrgemeinschaft entfernt haben“ (…) („Integrismo e Conservatismo“ Interview mit Kardinal Gagnon, „Offerten Zeitung  Römisches“, Nov./Dez. 1993, S. 35)

Es ist offensichtlich, daß die Kirche eine große Krise durchlebt. Dies ist einer der Gründe, weshalb wir die traditionelle heilige Messe bewahren. Wie Joseph Kardinal Ratzinger, derzeitiger Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, richtigerweise sagte: „Die kirchliche Krise, in der wir uns heute befinden, ist größtenteils bedingt vom Zusammenbruch der Liturgie“ (Kard. Ratzinger La mia vita, pag. 113).

Darum, zu unserer größeren Ruhe und Sicherheit, bewahren wir in unserer Apostolischen Administration in aller Liebe und Ergebenheit und mit der Berechtigung, die uns der Heilige Vater und Papst gewährte, die Liturgie und die traditionelle liturgische Ordnung als eigenen Ritus, diesen großen Schatz der Kirche, als authentisches Bekenntnis des katholischen Glaubens, in vollkommener Gemeinschaft mit dem Stuhl des Petrus. Und dasselbe machen die Damen und Herren hier. Ich möchte „Pro Missa Tridentina“ loben und alle Katholiken, die lieben und sich bemühen, alles zu tun, damit die traditionelle Liturgie und der Heilige Vater geliebt werden. Und der Heilige Vater beruhigt uns, indem er sagt, daß es legitim ist, der traditionellen Liturgie des Römischen Ritus anzuhängen.

Folglich, wie ich in meinem ersten Pastoralbrief schrieb, bewahren wir die Tradition und die traditionelle Liturgie, in Einheit mit der Hierarchie und mit dem lebendigen Lehramt der Kirche, und nicht in Gegenposition zu ihnen. Die Gründung unserer Apostolischen Administratur demonstriert uns, daß dies vollkommen möglich ist. Es ist möglich katholisch und traditionell zu sein, in völliger Einheit mit dem Heiligen Stuhl.

Schluß

Lieben wir die heilige Messe als Zentrum unseres katholischen Lebens, als Ausdrucksform unseres Glaubens und als unser Bekenntnis zum Herrn und seiner Heiligen Kirche.

Lieben wir die traditionelle Heilige Messe, diesen großen Schatz der heiligen Kirche, dieses klare Bekenntnis unseres katholischen Glaubens, in Einheit mit der Hierarchie und dem lebendigen Lehramt der Kirche.

Lieben wir den Heiligen Vater, den Papst, und beten wir immer für ihn.

Beten wir dafür, daß Gott die Feinde seiner Kirche besiegt: „Ut inimicos Sanctae Ecclesiae humiliare digneris, te rogamos, audi nos“ (Allerheiligen-Litanei).

Fahren wir fort im vereinten Gebet, daß alles sein möge zur größeren Verherrlichung Gottes, zum Triumph der heiligen Kirche und zur Errettung unserer Seelen. Daß Unsere Liebe Frau, Mutter der Kirche, uns beschützen möge in ihrem Unbefleckten Herzen.

Übersetzung aus dem Portugiesischen durch Roland Grund

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Quelle

DIE „VEREINIGUNG VOM HL. JOHANNES MARIA VIANNEY“

SCHREIBEN VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DEN BRASILIANISCHEN BISCHOF MSGR. LICINIO RANGEL
UND AN DIE „VEREINIGUNG VOM
HL. JOHANNES MARIA VIANNEY“

Dem Ehrwürdigen Bruder
LICINIO RANGEL
und den geliebten Söhnen der
»Vereinigung vom hl. Johannes Maria Vianney« von Campos in Brasilien 

Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk, das uns der Herr, Hirt und Haupt des Mystischen Leibes, gewährt; zugleich erfordert sie aber die entschlossene Antwort jedes ihrer Glieder, die der eindringlichen Bitte des Erlösers entsprechen soll: »Ut omnes unum sint sicut tu Pater in me et ego in te ut et ipsi in nobis unum sint ut mundus credat quia tu me misisti – Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast« (Joh 17, 21).

Mit großer Freude haben Wir Euren Brief vom vergangenen 15. August erhalten, mit dem die gesamte Vereinigung ihr katholisches Glaubensbekenntnis erneuert und ihre volle Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri bekundet hat; in ihm anerkennt sie deren »Primat und Leitungsgewalt über die Universalkirche, über die Hirten und Gläubigen« und erklärt weiterhin, daß »wir um nichts auf dieser Welt von dem Felsen, auf den Jesus Christus seine Kirche gegründet hat, abrücken wollen«.

Mit tiefer pastoraler Freude haben Wir Kenntnis erhalten von Eurem Wunsch, bei der Verkündigung des katholischen Glaubens und der katholischen Lehre mit dem Stuhl Petri zusammenzuarbeiten, im Einsatz zu Ehren der heiligen Kirche – die sich als »signum inter nationes« (Jes 11, 12) erhebt – und im Kampf gegen diejenigen, die vergebens versuchen, das Schiff Petri zu erschüttern, denn »die Mächte der Unterwelt werden sie [die Kirche] nicht überwältigen« (Mt 16, 18 ).

Laßt uns dem dreieinigen Herrn für diese guten Absichten danken!

In Erwägung all dessen und im Hinblick auf die Ehre Gottes, das Wohl der heiligen Kirche und das oberste Gesetz, nämlich das »salus animarum« (das Seelenheil – vgl. can. 1752 CIC), kommen Wir gerne Eurer Bitte nach, in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen zu werden, und anerkennen kirchenrechtlich Eure Zugehörigkeit zu ihr.

Wir teilen Dir zugleich mit, Ehrwürdiger Bruder, daß gegenwärtig das gesetzgeberische Dokument ausgearbeitet wird, das die Rechtsform der Anerkennung Eurer kirchlichen Einrichtung feststellen und die Achtung Eurer Eigenheiten bestätigen wird.

Mit diesem Dokument wird Eure Vereinigung kirchenrechtlich als Apostolische Personaladministratur errichtet, die dem Apostolischen Stuhl direkt unterstellt sein und ihr Territorium in der Diözese Campos haben wird. Die Jurisdiktion wird dabei zusammen mit der des Ortsordinarius ausgeübt. Die Leitung der Vereinigung wird Dir, Ehrwürdiger Bruder, anvertraut, und Deine Nachfolge wird gewährleistet.

Weiterhin wird der Apostolischen Administratur die Befugnis bestätigt, die Eucharistie und das Stundengebet nach dem Römischem Ritus zu feiern und nach der von meinem Vorgänger Pius V. vorgeschriebenen liturgischen Ordnung mit den von seinen Nachfolgern bis zum sel. Johannes XXIII. eingeführten Anpassungen.

Mit tiefempfundener Freude erklären Wir daher, daß Wir zur Widerherstellung der vollen Gemeinschaft die Aufhebung der Beugestrafe aussprechen, die laut can. 1382 CIC gegen Dich, Ehrwürdiger Bruder, verhängt worden war, sowie die Aufhebung aller Beugestrafen und die Dispens von allen Irregularitäten, in die andere Mitglieder der Vereinigung verfallen sind.

Das bedeutsame Datum der Unterzeichnung Deines Briefes, nämlich das Hochfest der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel, ist uns nicht entgangen. Ihr, der heiligen Mutter Gottes, sowie der Kirche empfehlen Wir diesen Rechtsakt mit dem Wunsch – der zum Gebet wird – eines immer einträchtigeren Miteinanders zwischen Klerus und Gläubigen Eurer Vereinigung und der geliebten Diözese Campos im Hinblick auf einen verstärkten und wahrhaft missionarischen Einsatz der heiligen Kirche.

Allen Mitgliedern der Vereinigung vom hl. Johannes Maria Vianney erteilen Wir von ganzem Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 25.Dezember, dem Hochfest der Geburt des Herrn im Jahr 2001, dem 24. Jahr Unseres Pontifikats 

IOANNES PAULUS PP. II

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Quelle

Siehe dazu auch:

Papst bei Generalaudienz: Christen sollen staunen können

Ein Plädoyer für die Kunst des Staunens machte der Papst bei seiner Generalaudienz

Der Kern des christlichen Glaubens ist die Auferstehung Jesu. Christen bräuchten die Fähigkeit zum Staunen, denn das Christentum ist Gnade und Überraschung, erinnerte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz.In seiner 19. Katechese zum Thema der christlichen Hoffnung und im Licht des eben begangenen Osterfestes wolle er über den Auferstandenen sprechen, so wie ihn der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther beschreibe, leitete Franziskus seine Ausführungen auf dem Petersplatz ein.

Die Auferstehung sei der Reihenfolge nach das letzte Argument, das Paulus in seinem Brief an die junge Gemeinde behandele, doch es sei möglicherweise das wichtigste des gesamten Schreibens. „Alles fußt in der Tat auf dieser Annahme“, betonte der Papst.

Die christliche Botschaft erwachse nicht aus den Gedanken eines Weisen, sondern trete von außen an die Menschheit heran. „Das Christentum hat von hier aus seinen Ursprung. Es ist keine Ideologie, kein philosophisches System, sondern ein Weg des Glaubens, der von einem Ereignis ausgeht, das die ersten Jünger bezeugen. Paulus fasst es auf diese Weise zusammen: Jesus ist für unsere Sünden gestorben, er wurde begraben und am dritten Tag ist er auferstanden und Petrus und den Zwölf erschienen. Das ist die Tatsache. Jesus lebt. Das ist der Kern der christlichen Botschaft.”

Paulus wolle das Unerhörte des Ostergeheimnisses deutlich machen, wenn er hervorhebe, dass Christus für uns nicht nur gestorben sei, so der Papst. Denn wenn alles mit dem Tod Jesu geendet hätte, wäre das zwar ein Beispiel höchster Hingabe gewesen, doch als tragfähiges Fundament für den Glauben hätte das nicht genügt. Vielmehr drehe sich alles um die Auferstehung Jesu. Zur Untermauerung dieses historischen Ereignisses liefert Paulus eine Liste von Zeugen, die das Ereignis weiter verkünden könnten – er selbst sei der unwürdigste all dieser Zeugen, eine „Missgeburt“, wie er sich selbst nennt.

„Paulus benutzt diesen Ausdruck, weil seine persönliche Geschichte dramatisch ist. Er war kein unschuldiger Ministrant, nicht wahr? Er hat die Kirche verfolgt, war stolz auf seine Überzeugungen; er fühlte sich als Mann, der angekommen ist, mit einer sehr klaren Idee davon, was sein Leben und seine Pflicht sei. Aber in diesem perfekten Leben passiert eines Tages etwas vollkommen Unvorhersehbares: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus auf der Straße nach Damaskus.“

Und hier, so führte der Papst weiter aus, werde der Verfolger zum Apostel, denn er habe den auferstandenen Jesus gesehen – die Grundlage des Glaubens der Kirche, wie auch unseres eigenen Glaubens.

„Wie schön ist es, zu denken, dass das Christentum im Kern genau das ist. Es ist nicht so sehr unsere Suche nach Gott – eine Suche, die in Wahrheit so zögerlich ist – sondern vielmehr die Suche von Gott nach uns. Das Christentum ist Gnade, Überraschung, und aus diesem Grund setzt es ein Herz voraus, das fähig zum Staunen ist.“

Auch wenn wir Sünder seien – und das seien wir alle, erinnerte der Papst – und unsere guten Vorsätze nicht eingehalten oder viele Misserfolge gesammelt hätten, könnten wir am Ostermorgen das tun, was auch die Menschen taten, von denen das Evangelium spricht: „Zum Grab des Christus gehen, den großen Fels verrückt zu sehen und zu denken, dass Gott für mich, für uns alle, eine unerwartete Zukunft Wirklichkeit werden lässt. Hier ist das Glück, hier ist die Freude und das Leben, wo alle dachten, dass es nur Traurigkeit, Niederlage und Schatten gebe. Gott lässt seine schönsten Blumen inmitten der unwirtlichsten Felsen wachsen.“

(rv 19.04.2017 cs)