Gerhard Kardinal Müller — Predigt beim Begegnungstag im Gedenken an Pater Werenfried van Straaten am 26. Januar 2019 im Hohen Dom zu Köln

Timotheus (= Furcht Gottes) [Bischof und Märtyrer] war bereits Christ und stand wegen seiner Frömmigkeit in hohem Ansehen, als der heilige Apostel Paulus nach Lystra in Kleinasien kam.

(Gedenktag der heiligen Timotheus und Titus)

Nur für den privaten Gebrauch! Es gilt das gesprochene Wort.

Die Kirche gedenkt heute zweier bedeutender Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, die eng mit dem missionarischen Wirken des Völkerapostels verbunden sind. Für alle Zukunft stellen sie exemplarisch die universale Sendung der Kirche Christi dar -sowohl ihrer Hirten als auch aller Gläubigen.

In den beiden Briefen des hl. Paulus an die Thessalonicher und in seinem Zweiten Brief an die Korinther, in den Briefen an die Philipper, die Kolosser und Philemon firmiert Timotheus als Mitverfasser auf der Augenhöhe des Apostels. Er ist Teilhaber an seiner apostolischen Vollmacht und Sendung.

Der Heidenchrist Titus begleitete Paulus zum Apostelkonzil in Jerusalem (Gal 2,-10) und wurde von ihm als einer seiner engsten Mitarbeiter oft zu wichtigen Aufgaben herangezogen.

An diese beiden Mit-Apostel und Hirten der Kirche sind die drei Pastoralbriefe des Apostels gerichtet, die unseren Blick aber schon lenken in die Zeit nach der apostolischen Gründung der Kirche. Es ist die Zeit der Kirche, die bis zur Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten dauern wird.

In der Phase der Gründung der Kirche vor und nach Ostern treffen wir  zunächst auf die  Zwölf Jünger, die vom irdischen Jesus erwählt und vom auferstandenen Herrn zu Seinen bevollmächtigten Zeugen berufen wurden. Er hatte  sie  zu  Seinen  Boten  gemacht,  damit sie in Seiner Autorität das Evangelium verkünden und im Namen des  Vaters  und  des Sohnes und des Heiligen Geistes die zum Glauben Gekommenen taufen und ihnen die Sakramente des Heils reichen. Dazu kommen noch die andere beauftragte 72 Jünger. An Wirksamkeit überragt alle der vom  auferstandenen  Christus  unmittelbar  autorisierte Apostel Paulus, der mit den Zwölf  Aposteln in einer Reihe steht und der mit Petrus das    Duo der Apostelfürsten darstellt.

Aber die Zeit der apostolischen Gründung der jungen Kirche ging mit dem Tod der ersten Apostel zu Ende. Doch der Auftrag Jesus bleibt: allen Menschen die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkünden und ihnen Anteil zu geben an der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott in Gnade und Wahrheit.

Denn es ist der heilige Wille Gottes, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1Tim 2,4), wie Paulus im 1. Brief an Timotheus schreibt. Und dieser universale Heilswille Gottes wird historisch-konkret und auf menschliche Weise mit Worten und Zeichen-Handlungen verwirklicht durch den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich Christus Jesus, seinen Sohn Jesus, der unser Menschsein angenommen hat (1Tim 2,5). Die Kirche mit ihren Hirten und allen Gläubigen ist nicht selbst Mittlerin wie Christus, aber sie wird von Christus, dem Licht der Völker, in den Dienst seiner Heilsvermittlung genommen. Sie „ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott, wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ (Lumen gentium 1).

Dazu bedarf es aber weiterhin der Mitarbeit von Menschen, denen Jesus Anteil an seiner messianischen Weihe und Sendung gibt. „Jene göttliche Sendung, die Christus seinen Aposteln anvertraut hat, wird bis zum Ende der Welt dauern… Aus diesem Grunde trugen die Apostel in dieser hierarchisch geordneten Gesellschaft Sorge für die Bestellung von Nachfolgern.“ (Lumen gentium 20).

Nach dem Tod der ersten Apostel sind dies ihre langjährigen Mitarbeiter, die wiederum andere geeignete Kandidaten durch das Weihegebet  und  die  sakramentale Handauflegung (1Tim 1, 6) zu „Arbeitern im Weinberg des Herrn“ (Lk 10,2) bestellen. Es sind dies die uns bekannten Bischöfe, Presbyter und Diakone, deren Amt im Prinzip und in ersten Umrissen erkennbar wird und zwar an der Schwelle zur Zeit nach den Aposteln.

Diesen Prozess der Ausgestaltung und Profilbildung des geistlichen Amtes können wir nachverfolgen in der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas, aber auch in den Briefen an die Apostelschüler Timotheus und Titus und in anderen Schriften des Neuen Testaments.

Wie können wir denn Wesen und Auftrag dieses apostolischen Amtes in der Kirche richtig erfassen? Gewiss wären wir auf dem falschen Gleis und Bahnhof, wollten wir hier an bürokratischen Kategorien und politischen Mustern anknüpfen. Der persönliche Gesandte Jesu ist kein Funktionär oder -biblisch gesprochen- der Mietling, dem an den Schafen nichts liegt, der sich schnell in Sicherheit bringt, bevor der Wolf auch sein Leben bedroht. Er darf auch nicht der faule Knecht sein, dem die Bequemlichkeit näherliegt, als mit den anvertrauten Talenten zu arbeiten.

Unser Maßstab ist Christis. Jesus ist gekommen, um mit seinem Leben als Lösegeld uns aus der Sklaverei der Gottverlassenheit und der Menschenverachtung freizukaufen. Und so wie er liebevoll sich um uns kümmert wie der gute Hirte sich seiner Schafe annimmt, so sollen sich die Apostel und ihre Nachfolger sich selbst als „Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes betrachten“ (1 Kor 4,1). Paulus und Timotheus können von sich sagen: „Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ (2 Kor 5,20).

Wenn wir Christen heute nicht mehr in der Zeit der Apostel leben, so bleibt doch die Kirche selbst apostolisch und missionarisch.

Das ist aber nicht politisch gemeint als Expansion irgendeines Machtanspruches oder als Zwangsbeglückung durch elitäre Ideologen, die immer besser wissen, was für das Volk gut ist als die Menschen selbst.

Wenn wir Zeugnis geben von der Frohen Botschaft der Liebe Gottes zu allen Menschen und wenn wir in jedem Armen, Verfolgten, Verachteten, Unterdrückten Christus selbst erkennen und ihm in unseren Brüdern und Schwestern dienen, dann sind wir missionarisch und apostolische Kirche. Wir gehen unseren Weg in der Nachfolge Jesu, des gekreuzigten und auferstanden Herrn.

Zum Zeugnis für Christus und zum Leiden mit ihm sind alle Christen aufgerufen. Jeder Getaufte ist gemäß seiner Stellung in der Kirche und seinen besonderen Charismen und natürlichen Fähigkeiten berufen und befähigt im Heiligen Geist, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten.

Ein leuchtendes und motivierendes Beispiel hat uns P. Werenfried von Straaten gegeben.

In Wort und vor allem in der Tat war er ein Mitarbeiter Gottes, der Sein Reich der Wahrheit und Liebe in dieser Welt ausbreiten will.

Dabei können wir uns nicht allein auf die Sendung Christi berufen, sondern wir müssen auch unsere natürliche Intelligenz einsetzen. So wenig ein Christ die Hände in den Schoß legen darf, so wenig darf er auch die Gottesgabe des Verstandes einrosten lassen.

P. Werenfried verdiente sich den Ehrennamen des „Speckpaters“, als er für die 14 Millionen heimatlos gewordenen Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland nicht Geld sammelte, für das man nichts kaufen konnte, sondern -wegen der Haltbarkeit- Speck und ähnliche Lebensmittel. Das ist praktische Intelligenz. Und so ging er immer vor im Dienst des Reiches Gottes. Wenn die heimatvertreiben Katholiken in der Diaspora keine Kirche hatten, um sich zu versammeln, brachte er die Kirche zu ihnen. Auf dem Deck eines Lastwagens oder in Zelten konnte man die Heilige Messe feiern, predigen, bei dieser Gelegenheit die Beichte hören und Seelsorgsgespräche führen mit allen, die Trost, Hilfe und Zuspruch brauchten.

Die Kirche ist in Not, wo Christen verfolgt und benachteiligt werden wie damals und heute in kommunistischen Ländern oder auch in nicht wenigen Staaten, die eine traditionelle Religion oder eine modische Ideologie zum alleinigen Kriterium erheben und als Mittel einer absoluten Herrschaft von Menschen über Menschen missbrauchen. So wird das fundamentale Menschenrecht auf Religions- und Gewissensfreiheit mit den Füßen getreten.

Und die Kirche ist in Not, wenn Christen ihren Brüdern und Schwestern nicht zu Hilfe kommen und sich für sie schämen.

Hier ist das Zeugnis für Christus und zugleich die praktische Intelligenz unserer konkreten Hilfe gefragt.

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (1 Tim 1,6)

Was der Völkerapostel seinem Schüler Timotheus zuruft, ist sein Vermächtnis bis heute an jeden Bischof und Priester, an die Ordensleute Religionslehrer, Caritasmitarbeiter, an die Eltern und an alle Gläubigen jeglichen Berufes und Standes: „Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen!“ (1Tim 1,7f).

Und so es sagte schon Paulus von sich selbst, wenn an die Christen in Rom schreibt:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt.“ (Röm 1,16).

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