Papstmeditation für Priester: Teil 2 in voller Länge

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2. Meditation — Santa Maria Maggiore, 2. Juni 2016

Jubiläum der Priester: Papst Franziskus hält am Herz-Jesu-Fest 2016 einen Einkehrtag in drei Teilen für Priester und Seminaristen. Hier die zweite Meditation – gehalten in der Papstbasilika Santa Maria Maggiore – in amtlicher deutscher Übersetzung aus dem Vatikan.

 

ZWEITE MEDITATION

Das Sammelbecken für die Barmherzigkeit

Das Sammelbecken für die Barmherzigkeit ist unsere Sünde. Doch häufig kommt es vor, dass unsere Sünde wie ein Sieb ist, wie ein durchlöcherter Krug, aus dem die Gnade in kurzer Zeit abfließt: »Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten« (Jer 2,13). Daher ergibt sich die Notwendigkeit, die der Herr dem Petrus verdeutlicht, »siebzigmal siebenmal« zu vergeben. Gott wird nicht müde zu vergeben, auch wenn er sieht, dass es seiner Gnade anscheinend nicht gelingt, starke Wurzeln im Erdreich unseres Herzens zu schlagen; wenn er sieht, dass die Straße hart und steinig ist und voller Unkraut. Er sät immer wieder neu seine Barmherzigkeit und seine Vergebung aus.

Neu erschaffene Herzen

Dennoch können wir bei dieser Barmherzigkeit Gottes, die immer „größer ist als unser Sündenbewusstsein“, einen weiteren Schritt tun. Der Herr wird nicht nur nicht müde, uns zu vergeben, sondern er erneuert auch den „Schlauch“, in dem wir seine Vergebung empfangen. Für den neuen Wein seiner Barmherzigkeit benutzt er einen neuen Schlauch, damit dieser sich nicht wie ein geflicktes Kleid oder wie ein alter Schlauch verhält (vgl. Mt 9, 16-17). Und dieser Schlauch ist seine Barmherzigkeit selbst: seine Barmherzigkeit, insofern sie in uns selbst erfahren wird und insofern wir sie in die Tat umsetzen, wenn wir den anderen helfen. Das Herz, das Barmherzigkeit empfangen hat, ist nicht ein geflicktes Herz, sondern ein neues, neu erschaffenes Herz. Das, von dem David sagt: »Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!« (Ps 51 [50], 12). Dieses neue, neu erschaffene Herz ist ein guter Behälter. Die Liturgie bringt das innere Empfinden der Kirche zum Ausdruck, wenn sie uns jenes schöne Gebet sprechen lässt: »Allmächtiger Gott, du hast den Menschen wunderbar nach deinem Bild erschaffen und noch wunderbarer erneuert und erlöst« (vgl. Osternacht, Gebet nach der ersten Lesung). Diese zweite Schöpfung ist also noch wunderbarer als die erste. Es ist ein Herz, das weiß, dass es dank der Verschmelzung seiner Erbärmlichkeit mit der Vergebung Gottes neu erschaffen worden ist, und darum ist es „ein Herz, das Barmherzigkeit empfangen hat und Barmherzigkeit schenkt“. Und so erfährt es die Wohltaten der Gnade auf seiner Wunde und seiner Sünde und spürt, dass die Barmherzigkeit seine Schuld aussöhnt, seine Trockenheit mit Liebe überflutet und seine Hoffnung neu entflammt. Wenn es darum dem vergibt, der ihm etwas schuldet, und sich gleichzeitig und mit ein und derselben Gnade derer erbarmt, die wie er Sünder sind, dann verwurzelt sich diese Barmherzigkeit in einem guten Boden, in dem das Wasser nicht verrinnt, sondern Leben spendet. Bei der Übung dieser Barmherzigkeit, die das Böse des anderen wiedergutmacht, kann niemand besser zu dessen Heilung beitragen als derjenige, der die Erfahrung lebendig hält, in Bezug auf das gleiche Böse selbst Barmherzigkeit empfangen zu haben. Wir sehen, dass unter den in der Suchtbekämpfung Tätigen diejenigen, die sich selbst von der Abhängigkeit befreit haben, gewöhnlich die sind, welche die anderen am besten verstehen, ihnen helfen und sie zu fordern wissen. Und der beste Beichtvater ist gewöhnlich der, der selbst am besten beichtet. Fast alle großen Heiligen waren [zuvor] große Sünder, oder sie waren sich wie die kleine heilige Theresia bewusst, dass sie es nur dank der zuvorkommenden Gnade nicht gewesen sind.

Das wirkliche Gefäß für die Barmherzigkeit ist also die Barmherzigkeit selbst, die jeder empfangen hat und die sein Herz neu geschaffen hat – das ist der „neue Schlauch“, von dem Jesus spricht (vgl. Lk 5,37), der „sanierte Brunnen“.

So betreten wir den Bereich des Geheimnisses des Sohnes – Jesus –, der die fleischgewordene Barmherzigkeit des Vaters ist. Das endgültige Bild des Sammelbeckens für die Barmherzigkeit finden wir mittels der Wundmale des auferstandenen Herrn. Dieser Abdruck der durch Gott gesühnten Sünde kann nicht völlig ausheilen, er entzündet sich aber auch nicht: Es ist eine Narbe, nicht eine eitrige Wunde. In jener den Narben eigenen „Sensibilität“, die uns ohne starken Schmerz an die Wunde erinnert und an die Heilung, ohne dass wir die Verletzlichkeit vergessen – dort hat die göttliche Barmherzigkeit ihren Sitz. In der Sensibilität des auferstandenen Christus, der seine Wundmale behält, und zwar nicht nur an den Füßen und den Händen, sondern an seinem Herzen, das ein verwundetes Herz ist, finden wir den rechten Sinn der Sünde und der Gnade. Wenn wir das verwundete Herz des Herrn betrachten, spiegeln wir uns in Ihm. Unser Herz und das seine sind einander ähnlich, da beide verwundet und auferstanden sind. Wir wissen aber, dass sein Herz lauter Liebe war und verwundet wurde, weil es bereit war, sich verletzen zu lassen; das unsere war hingegen lauter Verwundung, die geheilt wurde, weil es bereit war, sich lieben zu lassen.

Unsere Heiligen haben die Barmherzigkeit empfangen

Es kann uns gut tun, auf andere zu schauen, die sich ihr Herz durch die Barmherzigkeit haben neu erschaffen lassen, und zu sehen, in welchem „Sammelbecken“ sie die Barmherzigkeit empfangen haben.

Paulus empfängt sie in dem harten und unflexiblen Behälter seines vom Gesetz geprägten Urteils. Seine Härte im Urteil trieb ihn dazu, ein Verfolger zu sein. Die Barmherzigkeit verwandelt ihn so, dass er einer wird, der sich auf die Suche nach den Fernsten begibt – nach denen mit der heidnischen Mentalität – und zugleich der Verständnisvollste und Barmherzigste gegenüber denen ist, die so sind, wie er war. Paulus wünschte sich, als verflucht zu gelten, wenn er nur die Seinen retten könnte. Sein Urteil festigt sich, indem er „nicht einmal über sich selbst urteilt“, sondern sich von einem Gott rechtfertigen lässt, der größer ist als sein Gewissen, und indem er sich auf Jesus Christus beruft, der ein treuer Fürsprecher ist und von dessen Liebe nichts und niemand ihn trennen kann. Paulus hat eine ausgesprochen radikale Auffassung von der bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes: Sie überwindet die grundlegende Verwundung, durch die wir zwei Gesetzen unterliegen (dem des Fleisches und dem des Geistes). In dieser Radikalität drückt sich ein Geist aus, der ein feines Empfinden für die Absolutheit der Wahrheit hat und gerade dort verletzt ist, wo das Gesetz und das Licht zur Falle werden. Der berühmte „Stachel“, von dem der Herr ihn nicht befreit, ist das Sammelbecken, in dem Paulus die Barmherzigkeit Gottes empfängt (vgl. 2 Kor 12,7).

Petrus empfängt die Barmherzigkeit in seiner Anmaßung eines vernünftigen Mannes. Er war vernünftig mit dem soliden und erprobten gesunden Menschenverstand eines Fischers, der aus Erfahrung weiß, wann man fischen kann und wann nicht. Es ist die Vernunft dessen, der, wenn er beim Gang über das Wasser und angesichts des wunderbaren Fischfangs in Begeisterung gerät und zu sehr auf sich selber schaut, den Einzigen um Hilfe zu bitten weiß, der ihn retten kann. Dieser Petrus ist in der tiefsten Wunde geheilt worden, die man haben kann: derjenigen, den Freund zu verleugnen. Vielleicht steht die Zurechtweisung des Paulus, als er ihm seine Heuchelei vorwirft, damit im Zusammenhang. Es mag so scheinen, als habe Paulus das Gefühl gehabt, der Schlimmste gewesen zu sein, bevor er Christus kannte; Petrus aber hatte Christus verleugnet, nachdem er ihn gekannt hatte… Doch die Tatsache, gerade darin geheilt worden zu sein, verwandelte Petrus in einen barmherzigen Hirten, in einen tragfähigen Felsen, auf den man immer bauen kann, denn es ist ein schwacher Fels, der geheilt wurde, nicht ein Fels, der in seiner Kraft den Schwächeren stolpern lässt. Petrus ist der Jünger, den der Herr im Evangelium am meisten korrigiert. Er korrigiert ihn ständig, bis zu diesem letzten »Was geht das dich an? Du aber folge mir nach!« (Joh 21,22). Die Überlieferung erzählt, dass der Herr ihm erneut erscheint, als Petrus gerade aus Rom flieht. Das Zeichen des kopfunter gekreuzigten Petrus ist vielleicht das vielsagendste für diesen „Behälter“ in Form eines Dickschädels, der sich, um Barmherzigkeit zu empfangen, nach unten begibt, sogar als er das erhabenste Zeugnis für seine Liebe zum Herrn ablegt. Petrus will sein Leben nicht beenden mit den Worten: „Ich habe die Lektion gelernt“, sondern indem er sagt: „Da mein Kopf es nie lernen wird, bringe ich ihn nach unten.“ Über allem die Füße, die der Herr gewaschen hatte. Diese Füße sind für Petrus das Sammelbecken, über das er die Barmherzigkeit seines Freundes und Herrn empfängt.

Johannes wird in seinem Hochmut, dem Übel durch Feuer abhelfen zu wollen, geheilt und ist am Ende derjenige, der schreibt: „meine Kinder…“. Er erscheint als einer jener guten Großväter, die nur von der Liebe sprechen – er, der der „Donnersohn“ gewesen war (vgl.  Mk 3,17).

Augustinus wird in seiner Wehmut geheilt, erst spät zur Begegnung gelangt zu sein – »Spät habe ich dich geliebt« –, und findet jenen kreativen Weg, die verlorene Zeit aufzufüllen, indem er seine „Bekenntnisse“ schreibt.

Franziskus empfängt in vielen Momenten seines Lebens von Mal zu Mal mehr Barmherzigkeit. Vielleicht wird das endgültige Sammelbecken dafür, das zu echten Wundmalen wurde, nicht so sehr das Küssen des Aussätzigen, die Heirat mit Frau Armut und das Empfinden eines jeden Geschöpfes als Schwester oder Bruder gewesen sein, sondern vielmehr die Pflicht, den Orden, den er gegründet hatte, in barmherzigem Schweigen zu hüten. Franziskus sieht, dass seine Brüder sich voneinander trennen, und das unter dem Banner der Armut selbst. Der Dämon lässt uns miteinander in Streit geraten, indem wir die heiligsten Dinge verteidigen, jedoch in „schlechter Gesinnung“.

Ignatius wird in seiner Eitelkeit geheilt, und wenn dies das Gefäß war, können wir erahnen, wie groß die Ehrsucht war, die in ein solches Streben nach der größeren Ehre Gottes verwandelt wurde.

Im Tagebuch eines Landpfarrers stellt Bernanos uns das Leben eines Dorfpfarrers vor Augen, indem er sich von dem Leben des heiligen Pfarrers von Ars inspirieren lässt. Es gibt dort zwei sehr schöne Abschnitte, welche die innersten Gedanken des Priesters in der letzten Zeit seiner unerwarteten Krankheit wiedergeben: »Während der letzten Wochen und Monate, die Gott mir noch lassen wird, solange ich die Aufgabe eines Pfarrers erfüllen kann, werde ich versuchen, […] weniger Sorge um die Zukunft [zu] haben; ich werde nur für die Gegenwart arbeiten. Solche Art Arbeit scheint mir auf mich zugeschnitten zu sein […] Denn nur im Kleinen habe ich Erfolg, und nachdem ich so oft von Unsicherheit heimgesucht wurde, muss ich erkennen, dass ich in den kleinen Freuden den Sieg davontrage.« Ein winziges Gefäß für die Barmherzigkeit; es hat etwas mit den kleinen Freuden unseres pastoralen Lebens zu tun, dort, wo wir die endlose Barmherzigkeit des himmlischen Vaters empfangen und in kleinen Gesten ausüben können.

In dem anderen Abschnitt heißt es: »Es ist vorbei. Diese Art von Misstrauen, das ich gegen mich, gegen meine Person hegte, verflüchtigt sich, glaube ich, für immer. Dieser Kampf ist zu Ende. Ich verstehe ihn nicht mehr. Ich bin mit mir selbst versöhnt, mit dieser armen sterblichen Hülle. Sich zu hassen ist leichter, als man glaubt. Die Gnade besteht darin, sich zu vergessen. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, demütig sich selbst zu lieben als irgendeines der leidenden Glieder Jesu Christi.« Das ist das Gefäß: „demütig sich selbst zu lieben als irgendeines der leidenden Glieder Jesu Christi“. Es ist ein gewöhnliches Gefäß wie ein alter Krug, den wir uns als Leihgabe von den Ärmsten erbitten können.

Der Pfarrer Brochero, der argentinische Selige, der bald heiliggesprochen wird, „ließ sein Herz von der Barmherzigkeit Gottes bearbeiten“. Sein Sammelbecken war am Ende sein eigener aussätziger Leib. Er, der sich erträumte, „im Galopp“ zu sterben, beim Durchwaten irgendeines Gebirgsflusses, auf dem Weg, um einem Kranken die Krankensalbung zu spenden. Eine seiner letzten Aussagen war: »Es gibt keine vollkommene Herrlichkeit in diesem Leben.« – »Ich bin sehr einverstanden mit dem, was er [der Herr] in Bezug auf mein Sehvermögen mit mir gemacht hat, und ich danke ihm sehr dafür. Als ich imstande war, der Menschheit zu dienen, hat er alle meine Sinne unversehrt und kraftvoll bewahrt. Heute, da ich nicht mehr kann, hat er mir einen der leiblichen Sinne genommen. In dieser Welt gibt es keine vollkommene Herrlichkeit, und wir sind voller Erbärmlichkeiten.« Oft bleiben unsere Dinge auf halbem Wege liegen, und darum ist es immer eine Gnade, aus sich selbst herauszugehen. Es wird uns gewährt, „die Dinge loszulassen“, damit der Herr sie segnet und vollendet. Wir müssen nicht allzu besorgt sein. Das erlaubt uns, uns für die Leiden und die Freuden unserer Mitmenschen zu öffnen. Kardinal Van Thuan sagte einmal, im Kerker habe ihn der Herr gelehrt zu unterscheiden zwischen „den Werken Gottes“, denen er sich in seinem Leben als Priester und Bischof gewidmet hatte, als er in Freiheit war, und Gott selbst, dem er sich widmete, während er gefangen war (vgl. Van Thuan, Fünf Brote und zwei Fische, Turin 1997).

Maria als Gefäß und Quelle der Barmherzigkeit

Wenn wir auf der Suche nach Gefäßen für die Barmherzigkeit über die Leiter der Heiligen aufsteigen, kommen wir zur Muttergottes. Sie ist das einfache und vollkommene Gefäß für das Empfangen und das Austeilen der Barmherzigkeit. Ihr freies „Ja“ zur Gnade ist das Gegenbild zu der Sünde, die den verlorenen Sohn ins Nichts führte. Sie trägt eine Barmherzigkeit in sich, die zugleich in hohem Maß die ihre, in hohem Maß die unserer Seele und in hohem Maß die der Kirche ist. Wie das Magnificat bekräftigt, weiß sie sich in ihrer Kleinheit gütig angeschaut und weiß zu schauen, wie die Barmherzigkeit Gottes alle Generationen erreicht. Sie versteht die Werke zu sehen, welche diese Barmherzigkeit entfaltet, und fühlt sich zusammen mit ganz Israel von dieser Barmherzigkeit „angenommen“. Sie bewahrt das Gedächtnis und die Verheißung der unendlichen Barmherzigkeit Gottes gegenüber seinem Volk. Ihr Magnificat ist das eines unversehrten, nicht „durchlöcherten“ Herzens, das die Geschichte und jeden Menschen mit seiner mütterlichen Barmherzigkeit betrachtet.

In jenem mit Maria allein verbrachten Moment, der mir vom mexikanischen Volk geschenkt wurde – da ich den Blick auf die Gottesmutter, die Jungfrau von Guadalupe richtete und mich von ihr anschauen ließ –, habe ich für euch, liebe Priester, zu ihr gebetet, dass ihr gute Priester sein sollt. Und in der Ansprache an die Bischöfe habe ich zu ihnen gesagt, dass ich lange über das Geheimnis nachgedacht habe, das in Marias Blick liegt, über seine Zärtlichkeit und seine Freundlichkeit, die uns Mut machen, uns von der Barmherzigkeit Gottes erreichen zu lassen. Ich möchte euch jetzt an einige „Aspekte“ des Blickes der Gottesmutter erinnern: in welcher Weise Maria schaut – und speziell auf ihre Priester schaut –, denn durch uns möchte sie auf ihr Volk schauen.

Maria schaut in einer Weise auf uns, dass man sich in ihrem Schoß geborgen fühlt. Sie lehrt uns, dass »die einzige Kraft, die fähig ist, das Herz der Menschen zu gewinnen, die Zärtlichkeit Gottes ist. Das, was begeistert und anzieht, was nachgiebig macht und überwältigt, was öffnet und Fesseln löst, ist nicht die Kraft der Mittel oder die Härte des Gesetzes, sondern die allmächtige Schwachheit der göttlichen Liebe, das heißt die unwiderstehliche Kraft seiner Sanftmut und die unwiderrufliche Verheißung seiner Barmherzigkeit« (Ansprache an die Bischöfe Mexikos, 13. Februar 2016). Das, was eure Leute in den Augen Marias zu finden hoffen, ist ein »Schoß, in dem die immer noch verwaisten und verstoßenen Menschen eine Sicherheit, ein Zuhause suchen« (ebd.). Und das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie sie schaut: Der Raum, den ihre Augen öffnen, ist der eines Schoßes, nicht der eines Gerichtes oder einer „professionellen“ Beratungsstelle. Wenn ihr gelegentlich merkt, dass euer Blick hart geworden ist, dass ihr, wenn ihr zu den Leuten kommt, Überdruss empfindet oder gar nichts empfindet, dann schaut wieder auf Maria, betrachtet sie mit den Augen der Geringsten aus eurem Volk, die um einen Schoß betteln, und sie wird euren Blick von jedem „grauen Star“ läutern, der verhindert, Christus in den Menschen zu sehen; sie wird euch von jeder Kurzsichtigkeit heilen, die die Bedürfnisse der Leute – welche die Bedürfnisse des menschgewordenen Herrn sind – lästig erscheinen lässt, und von jeder Alterssichtigkeit, der die Einzelheiten entgehen, das „Kleingedruckte“, wo die wichtigen Dinge des Lebens der Kirche und der Familie auf dem Spiel stehen.

Eine andere „Art und Weise, wie Maria schaut“, steht im Zusammenhang mit einem Gewebe: Maria schaut „webend“, indem sie sieht, wie sie alles, was euer Volk ihr bringt, zum Guten zusammenfügen kann. Zu den mexikanischen Bischöfen habe ich gesagt: »In den Mantel der mexikanischen Seele hat Gott mit dem Faden der mestizischen Spuren eures Volkes das Antlitz seiner Erscheinung in der „Morenita” eingewebt« (ebd.). Ein geistlicher Lehrer weist darauf hin, dass das, was über Maria im besonderen Sinn ausgesagt wird, für die Kirche im umfassenden und für jede glaubende Seele im einzelnen Sinn zutrifft (vgl. Isaak von Stella, Serm. 51: PL 194, 1863). Wenn wir sehen, wie Gott das Antlitz und die Gestalt der Guadalupana in die Tilma [als Umhang getragene Baumwolldecke] von Juan Diego eingeflochten hat, können wir im Gebet betrachten, wie er unsere Seele und das Leben der Kirche gewebt hat. Es wird gesagt, dass man nicht sehen kann, wie das Bild „gemalt“ wurde. Es ist, als sei es gedruckt. Mir gefällt der Gedanke, dass das Wunder nicht nur darin bestand, „das Bild zu drucken oder mit einem Pinsel zu malen“, sondern, dass „der ganze Umhang neu geschaffen wurde“, von oben bis unten verwandelt, und dass jeder Faden – jene Fäden, welche die Frauen von klein an zu verweben lernen; und für die feinsten Kleidungsstücke bedienen sie sich des Herzstücks der Maguey-Pflanze (aus dessen Blättern sie die Fäden gewinnen) –, dass also jeder Faden an seinem Platz verwandelt wurde und dabei jene Nuancen annahm, die an dem ihnen bestimmten Ort hervortreten. Und mit den anderen, auf die gleiche Weise verwandelten Fäden verwebt, lassen sie das Angesicht der Muttergottes und ihre ganze Gestalt erscheinen sowie alles, was sie umgibt. Dasselbe tut die Barmherzigkeit: Sie „malt“ uns nicht von außen das Gesicht eines guten Menschen auf, sie macht für uns nicht den Photoshop, sondern mit ebendiesen Fäden unserer Erbärmlichkeiten und unserer Sünden, die mit väterlicher Liebe verflochten werden, „webt“ sie uns so, dass unsere Seele sich erneuert und ihr wahres Bild, das Bild Jesu, zurückgewinnt. Seid also Priester, »die fähig sind, diese Freiheit Gottes nachzuahmen, indem ihr das Ärmlich-Bescheidene wählt, um die Majestät seines Antlitzes sichtbar zu machen; fähig, diese göttliche Geduld nachzuahmen, indem ihr mit dem feinen Faden der Menschheit, der ihr begegnet, jenen neuen Menschen webt, den euer Land erwartet. Lasst euch nicht von dem nutzlosen Streben leiten, das Volk „auszutauschen”, als hätte die Liebe Gottes nicht  genügend Kraft, um es zu verwandeln« (Ansprache an die Bischöfe Mexikos, 13. Februar 2016).

Die dritte Art und Weise ist die der Aufmerksamkeit: Maria schaut aufmerksam, sie widmet sich uneingeschränkt und lässt sich ganz auf den Menschen ein, den sie vor sich hat, wie eine Mutter, wenn sie ganz Ohr ist für ihr kleines Kind, das ihr etwas erzählt. »Wie die schöne Überlieferung von Guadalupe lehrt, bewahrt die „Morenita” die Blicke derer, die sie betrachten, spiegelt das Gesicht derer wider, die ihr begegnen. Es ist notwendig zu lernen, dass es in jedem von denen, die uns auf der Suche nach Gott anschauen, etwas Unwiederholbares gibt. Unsere Aufgabe ist es, für diese Blicke nicht undurchdringlich zu werden. Jeden von ihnen in uns zu hüten, in unserem Herzen zu bewahren und zu schützen. Nur eine Kirche, die fähig ist, das Gesicht der Menschen, die an ihre Tür klopfen, zu hüten und zu schützen, ist fähig, ihnen von Gott zu sprechen. Wenn wir nicht ihre Leiden enträtseln, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht bemerken, können wir ihnen nichts bieten. Der Reichtum, den wir besitzen, fließt nur, wenn wir der Zaghaftigkeit derer, die betteln, entgegengehen und ebendiese Begegnung sich in unserem Hirtenherzen vollzieht« (ebd.). Euren Bischöfen habe ich gesagt, dass sie auf euch, ihre Priester, aufpassen sollen: »Lasst nicht zu, dass sie der Einsamkeit und der Verlassenheit ausgesetzt sind, eine Beute der Weltlichkeit, die das Herz verschlingt« (ebd.). Die Welt beobachtet uns aufmerksam, aber um uns zu „verschlingen“, um uns in Verbraucher zu verwandeln… Wir alle haben es nötig, aufmerksam betrachtet zu werden, mit einem Interesse, sagen wir, das keine Gegenleistung erwartet. »Seid aufmerksam«, sagte ich zu ihnen, »und lernt, [die Blicke eurer Priester] zu deuten, um euch mit ihnen zu freuen, wenn sie die Befriedigung empfinden zu erzählen, „was sie getan und gelehrt“ haben (Mk 6,30), und auch um euch nicht zurückzuziehen, wenn sie sich ein wenig gedemütigt fühlen und nicht anders können, als weinen, weil sie den Herrn verleugnet haben (vgl. Lk 22,61-62), und auch […], um in Gemeinschaft mit Christus Unterstützung zu bieten, wenn jemand, der schon niedergeschlagen ist, mit Judas in die Nacht hinausgeht (vgl. Joh 13,30). Möge es in diesen Situationen, liebe Bischöfe, niemals an eurer Väterlichkeit gegenüber euren Priestern fehlen! Ermutigt sie zur Gemeinschaft untereinander, lasst sie ihre Gaben vervollkommnen, bezieht sie in die großen Angelegenheiten ein, denn das Herz des Apostels wurde nicht für kleine Dinge geschaffen« (ebd.).

Und schließlich schaut Maria „vollständig“, indem sie alles zusammen im Blick hat: unsere Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie hat keinen aufgesplitterten Blick: Die Barmherzigkeit versteht die Gesamtheit zu sehen und erfasst, was am nötigsten ist. Wie Maria in Kana fähig ist, im Voraus Mitleid zu empfinden für das, was der Mangel an Wein beim Hochzeitsfest verursachen wird, und Jesus bittet, Abhilfe zu schaffen, ohne dass jemand es bemerkt, so können wir unser gesamtes Priesterleben sehen, als sei Maria ihm mit ihrer „Barmherzigkeit zuvorgekommen“; und da sie unsere Mängel voraussah, hat sie für alles gesorgt, was wir haben. Wenn es in unserem Leben ein wenig „guten Wein“ gibt, dann nicht aufgrund unserer Verdienste, sondern dank ihrer „zuvorgekommenen Barmherzigkeit“. Diese besingt sie schon im Magnificat: Denn der Herr hat gütig „auf ihre Niedrigkeit geschaut“ und „(seines Bundes) der Barmherzigkeit gedacht“, eines Erbarmens, das sich „von Generation zu Generation“ auf die Armen und die Unterdrückten erstreckt (Lk 1,46-55). Die Interpretation, die Maria vollzieht, ist eine Interpretation der Geschichte als Barmherzigkeit.

Wir können mit dem Gebet des Salve Regina schließen, in dessen Anrufungen der Geist des Magnificat widerhallt. Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung. Ihre barmherzigen Augen betrachten wir als das beste Gefäß der Barmherzigkeit in dem Sinn, dass wir uns in ihnen an ihrem milden und guten Blick laben können, nach dem wir dürsten, wie man nur nach einem Blick dürsten kann. Diese barmherzigen Augen sind es auch, die uns die Werke der Barmherzigkeit Gottes in der Geschichte der Menschen sehen und in ihren Gesichtern Jesus entdecken lassen. In Maria finden wir das gelobte Land – das von unserem Herrn errichtete Reich der Barmherzigkeit –, das schon in diesem Leben nach jedem Exil kommt, in das uns die Sünde treibt. Von ihr an die Hand genommen und unter ihrem Blick können wir froh die Größe des Herrn besingen. Wir können ihm sagen: Meine Seele besingt dich, Herr, weil du gütig auf die Niedrigkeit und Kleinheit deines Knechtes geschaut hast. Ich Glücklicher, dass mir verziehen wurde! Deine Barmherzigkeit, die du allen deinen Heiligen und deinem ganzen gläubigen Volk erwiesen hast, hat auch mich erreicht. Ich habe mich verirrt, indem ich mir selber folgte, wegen des Hochmuts meines Herzens, doch ich habe auf keinem Thron gesessen, Herr, und meine einzige „Erhöhung“ besteht darin, dass deine Mutter mich in den Arm nehmen, mich mit ihrem Mantel bedecken und mich nah an ihrem Herzen halten möge. Ich wünsche mir, von dir geliebt zu werden wie einer der Niedrigsten deines Volkes und mit deinem Brot die zu sättigen, die hungern nach dir. Gedenke, Herr, deines Bundes der Barmherzigkeit mit deinen Kindern, den Priestern und deinem Volk. Dass wir mit Maria Zeichen und Sakrament deiner Barmherzigkeit sein mögen.

 

Den ersten Teil der Papstmeditation für Priester können Sie hier nachlesen, den dritten Teil hier.

(rv 02.06.2016 rv)

2 Kommentare zu “Papstmeditation für Priester: Teil 2 in voller Länge

  1. Pingback: Papstmeditation für Priester: Teil 3 in voller Länge | POSchenker

  2. Pingback: PAPSTEXERZITIEN FÜR PRIESTER: Teil 1 in voller Länge | POSchenker

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