ARMENIEN: HEILIGSPRECHUNG VON VÖLKERMORD-OPFERN

AFP4108285_Articolo

Völkermord-Gedenken: Heiligsprechung in Armenien – AFP

In einer ergreifenden Zeremonie wurden amDonnerstagnachmittag inEtschmiadzin, dem Sitz des armenisch-apostolischen Katholikos-PatriarchenKarekin II., die Opfer des Völkermords vor 100 Jahren kollektiv heiliggesprochen. Die Feier – die erste Heiligsprechung in der armenisch-apostolischen Kirche seit 500 Jahren – fand am Vorabend des 24. April statt, der den 100. Jahrestag des Beginns des Völkermords durch eine großangelegteVerhaftungsaktion der osmanischen Geheimpolizei unter armenischen Politikern, Journalisten, Geistlichen, Industriellen, Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern in Konstantinopel markiert.

Der Heiligsprechungsgottesdienst fand im Freien statt. An dem Gottesdienst nahmen die armenischen Bischöfe aus aller Welt sowie zehntausende Pilger – darunter viele ökumenische Gäste – teil. DieHeiligsprechungsfeier dauerte mehr als zwei Stunden. Um 19.15 Uhr Ortszeit ertönten, in Anlehnung an die Jahreszahl 1915, die Glocken inEtschmiadzin sowie in allen armenischen Kirchen weltweit zum Gedenken an den Völkermord. Kirchen anderer Konfessionen – darunter dieErlöserkathedrale in Moskau, der Notre-Dame-Kathedrale in Paris und der St.Patrick’sCathedral in New York – schlossen sich an. Es folgte ein Moment der Stille, bevor danndas VaterUnser gebetet wurde.Die armenische Kirche selbst beziffert die Zahl der neuen Heiligen nicht, wobei Historiker von bis zu 1,5 Millionen Opfern ausgehen. Kanonisiert würden alle Opfer, „die für ihren Glauben und ihre christliche Identität ihr Leben ließen“, sagte der für die ökumenischen Beziehungen der Kirche zuständige BischofHovakimManukyan am Mittwoch im Gespräch mit der deutschen katholischen NachrichtenagenturKNA. Es gebe auch Heilige unter denen, die den Völkermord überlebt hätten, wenn sie wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt wurden. Viele Armenier seien damals gezwungen worden, zum Islam zu konvertieren, besonders junge Mädchen, so der Bischof. In den letzten Jahren gibt es in der Türkei eine breite Bewegung, in deren Rahmen sich viele Menschen zum armenischen Erbe ihrer Vorfahren bekennen und zur christlichen Kirchen zurückkehren.

Weltweite Vertreter und Lanzen-Reliquie

An dem Heiligsprechungsgottesdienst nahmen zahlreiche kirchliche und staatliche Delegationen aus aller Welt teil. Nach Angaben des Leiters des offiziellen Koordinationskomitees für das 100-Jahr-Gedenken des Völkermords, Vigen Sarkissian, hatten sich kirchliche und staatliche Delegationen aus 60 Ländern in Armenien eingefunden. Bei dem Heiligsprechungsgottesdienst in Etschmiadzin waren u.a. Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II., der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. und der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, anwesend. Die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche wurde vom Metropoliten von St. Petersburg (und Kanzler des Moskauer Patriarchats), Warsonofij (Sudakow), geleitet.

In das liturgische Geschehen in Etschmiadzin waren die kostbarsten Reliquien der armenischen Kirche integriert: die Spitze der Heiligen Lanze („Geghard“), mit der Christus am Kreuz durchbohrt wurde (diese Reliquie wurde nach der Tradition im 1. Jahrhundert vom Apostel Thaddäus nach Armenien gebracht), die rechte Hand des Heiligen Gregors des Erleuchters, die rechte Hand des Heiligen Stephanus, des Erstmärtyrers der Christenheit, die rechte Hand der Heiligen Hripsime, aber auch das im Jahr 1256 von Toros Roslin, dem bedeutendsten armenischen Bibelillustrator des Mittelalters, geschriebene „Evangeliar von Zeytun“.

Bereits am Vorabend der Heiligsprechung hatte Karekin II. in der Kathedrale von Etschmiadzin am Mittwochabend eine feierliche Vigil zelebriert. Zuvor war vom Katholikos-Patriarchen aller Armenier der Grundstein für die Gedächtniskirche der Völkermord-Opfer gesegnet worden. Die Gedächtniskirche wird im Bereich des „Komitas-Pantheons“ errichtet, das dem Gedächtnis der „großen Gestalten Armeniens“ gewidmet ist. Der in Russland ansässige armenische Industrielle Samuel Karapetyan finanziert den Bau der Gedächtniskirche. Bei der Grundsteinlegung waren u.a. auch der armenische Präsident Serge Sarkissian und der Bürgermeister von Jerewan, Taron Margaryan, anwesend. Katholikos-Patriarch Karekin II. sagte, die neue Gedächtniskirche werde ein „Zeugnis der kulturellen und spirituellen Einheit der armenischen Nation“ sein.

Kirchen vereint gegen Völkermord

Zum Abschluss des „Globalen Forums gegen das Verbrechen des Völkermords“ hatten die Repräsentanten von 35 christlichen Kirchen aus aller Welt, unter ihnen auch der Wiener syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin, am Mittwoch in Jerewan eine Sieben-Punkte-Erklärung unter dem Titel „Kirchen gegen Völkermord – Das menschliche Leben ist ein Geschenk Gottes“ verabschiedet.

In der Erklärung wird u.a. betont, dass „Gewalt und Mord auf der Basis von nationaler, religiöser, rassischer Diskriminierung“ niemals irgendeine Rechtfertigung  haben können. Jeder Völkermord sei als „Manifestation des Bösen und der Sünde gegen die Menschlichkeit“ schärfstens zu verurteilen. Insbesondere sei die „ethnische und religiöse Gewalt“ im Nahen Osten zu verurteilen, die „schreckliche menschliche Verluste und die nicht wieder gut zu machende Zerstörung des spirituellen und kulturellen Erbes“ bewirkt hat. Um ähnliche Verbrechen in Zukunft zu vermeiden, sei es von größter Bedeutung, die Genozid-Verbrechen anzuerkennen und zu verurteilen, ihre Leugnung zurückzuweisen und das Streben nach Wiedergutmachung zu unterstützen.

Gedenken an heutige Märtyrer

Patriarch Tawadros II. hatte das Treffen der kirchlichen Repräsentanten beim „Globalen Forum gegen das Verbrechen des Völkermords“ mit dem Gedenken an die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten eröffnet, die im zerfallenen Staat Libyen den Mordorgien der IS-Terroristen zum Opfer gefallen sind.

Katholikos-Patriarch Karekin II. erinnerte im Anschluss daran, dass tausende armenische Kirchen, Klöster und Heiligtümer im Zug des Genozids in Anatolien und Westarmenien zerstört wurden, „in einem Versuch, alle Spuren der Verfolgten und ihrer Kultur, zu vernichten“. Heute sei es notwendig, auch im Hinblick auf den Genozid die Elemente des Bußsakraments – Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis, Sühne – anzuwenden, um in Zukunft eine Wiederholung von solch schrecklichen Verbrechen zu vermeiden.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. ersuchte am Mittwoch die Teilnehmer, im stillen Gedenken um die Rückkehr der beiden vor genau zwei Jahren entführten Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi zu beten. Die Christen der syrischen Tradition seien ebenso wie die Armenier den absurden Plänen der Jungtürken zum Opfer gefallen, betonte Mar Ignatius Aphrem II. In den Plänen der Jungtürken und in der Entführung der beiden Erzbischöfe von Aleppo ebenso wie in den Mordorgien gegen die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten in Libyen zeige sich der Wille, „Menschen nur deshalb zu töten, weil sie mutige Christen sind“.

(kap 23.04.2015 pr) – Quelle

Franziskus feiert Messe mit Armeniern zum Gedenken an Völkermord 1915

RV5617_Articolo

Messe mit armenischen Gläubigen im Petersdom – RV

Papst Franziskus hat an diesem Sonntag im Petersdom eine feierliche Messe mit Tausenden armenischen Gläubigen und den höchsten Würdenträgern der armenischen Kirche gefeiert. Anlass war der Beginn des Völkermordes an den armenischen Christen vor 100 Jahren durch das Osmanische Reich. Das Wort „Genozid“, Völkermord, benutzte der Papst ausdrücklich. In einer Ansprache zum Beginn der Messe bezeichnete er das Hinmetzeln der Armenier während des Ersten Weltkriegs öffentlich als „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Franziskus stellte den Genozid in eine Reihe mit der Judenvernichtung im Nationalsozialismus und mit der Hungersnot 1932/33 in der Ukraine, die der sowjetische Diktator Josef Stalin herbeigeführt hatte.

„Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“

„Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als ‚der erste Genozid des 20. Jahrhunderts‘ angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen“, sagte der Papst im Petersdom. Er berief sich mit dieser Formulierung auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 dieselben Worte gewählt hatte. Die Formulierung – in Anführungszeichen – steht in der schriftlichen Fassung der Grußworte in Anführungszeichen. Sie taucht ebenso in einer offiziellen Botschaft von Papst Franziskus an die armenischen Gläubigen von diesem Sonntag auf. Dieses Dokument wurde am Ende der Messe im lateinischen Ritus den beiden armenischen Oberhäuptern, dem katholischen armenischen Patriarchen und dem ebenfalls anwesenden armenischen Staatspräsidenten Sersch Asati Sargsjan übergeben.„Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem schrecklichen Massaker, das ein echtes Martyrium für euer Volk war, und in dem viele Unschuldige als Bekenner und Märtyrer im Namen Christi starben“, lauten die ersten Worte der päpstlichen Botschaft. „Es gibt noch heute keine armenische Familie, die in jenem Ereignis nicht jemanden seiner Lieben verloren hätte: es war wirklich das „Metz Yeghern“, das „Große Übel“, wie ihr diese Tragödie genannt habt.“ Franziskus würdigte den alten, starken und großen Glauben des armenischen Volkes. „Dieser Glaube hat euer Volk begleitet und gestützt auch im tragischen Ereignis vor hundert Jahren, das ´im Allgemeinen als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts definiert wird´“.

Einladung an die Türkei, den Genozid aufzuarbeiten

Der Völkermord an den christlichen Armeniern ist in der Türkei, der Erbin des Osmanischen Reiches, hundert Jahre später immer noch ein tabubesetztes Thema. Franziskus rief in seiner Botschaft indirekt auch die Türkei dazu auf, die Erinnerung an den Genozid zuzulassen. „Das Gedenken an das Vorgefallene zu begehen, ist nicht nur dem armenischen Volk und der Weltkirche aufgegeben, sondern der gesamten Menschheitsfamilie“, schreibt der Papst. Nur so könne die Mahnung, die aus dieser Tragödie kommt, „uns von der Gefahr befreien, in ähnliche Gräuel zurückzufallen, die Gott und die Menschenwürde beleidigen.“ Heute noch würden Konflikte mitunter in nicht zu rechtfertigende Gewalt ausarten, Gewalt, die durch die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Unterschiede noch geschürt werde. Franziskus erinnerte an Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. In seiner Botschaft schloss er einen Aufruf an die Staats- und Regierungschefs und die internationalen Organisationen an: Sie seien „dazu aufgerufen, sich solchen Verbrechen mit fester Verantwortung entgegenzustellen, ohne Zweideutigkeiten und Kompromissen nachzugeben.“ Der Papst verwies darauf, dass sein Vorgänger Benedikt XV. am 10. September 1915 versucht habe, den Völkermord an den Armeniern zu stoppen. „Er schrieb in dieser Angelegenheit an Sultan Mohammed V. und flehte ihn an, das Leben so vieler Unschuldiger zu verschonen“.

Die Wunden Jesu – Schlüssel einer möglichen Versöhnung

In seiner Predigt bei der Messe mit den Armeniern verwies der Papst freilich auch auf den Weg, den Jesus aus einer Verschlossenheit in den Wunden der Vergangenen weist: die Barmherzigkeit. Das Evangelium an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem Sonntag der Barmherzigkeit, stellt uns den ungläubigen Thomas vor, der nicht an die Auferstehung glauben will, solange er die Wunden Jesu nicht mit eigenen Händen berührt. „Die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit“, erläuterte Franziskus. Durch diese Wunden können Christen „wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen … wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen … bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit.“

Angesichts der „tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte“ fragten sich Menschen stets nach dem Warum, so der Papst vor den armenischen Gläubigen. „Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.”

Ein neuer Kirchenlehrer: Gregor von Narek

Einen Ehrenplatz in der Liturgie und im Gedenken nahm an diesem Sonntag der armenische Heilige Gregor von Narek ein. Franziskus erhob den Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer. Gregor „verstand es mehr als jeder andere, die Sensibilität eures Volkes auszudrücken“, schreibt der Papst in seiner Botschaft an die armenischen Christen. Der Heilige habe dem „Schreien“ einer in Sünde befangenen Menschheit eine Stimme gegeben, die dennoch vom Glanz der Liebe Gottes erleuchtet sei. Franziskus würdigte überdies die sehr weit zurückreichende Tradition der Kirche Armeniens. 301 habe der Heilige Gregor der Erleuchter Armenien zur Taufe geführt – „die erste Nation im Lauf der Jahrhunderte, die das Evangelium Christi annahm“. Das Christentum habe das armenische Volk „unauslöschlich“ geprägt, wobei in seiner Geschichte das Martyrium schon seit dem 5. Jahrhundert „einen herausragenden Platz“ einnimmt.

Armenischer Würdenträger nutzt Auftritt zu politischen Forderungen

Die stärksten Worte zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren fand – sichtlich aus eigener Betroffenheit – der armenische Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, Aram I. Der gebürtige Libanese ergriff am Ende der Messe im Petersdom das Wort. In erheblichen Abweichungen vom ursprünglichen Redetext und unter dem Applaus der armenischen Gläubigen sprach Aram vom Genozid als „unvergesslichem und unleugbarem Fakt der Geschichte, der in den Annalen moderner Geschichte und im gemeinsamen Bewusstsein tief verwurzelt“ sei. Er erinnerte an die eineinhalb Millionen Getöteten und Tausende armenischer Klöster und Einrichtungen, die von den Osmanen zerstört oder beschlagnahmt wurden und „immer noch konfisziert“ seien. Aram berief sich auf internationales Recht und forderte im Petersdom „Verurteilung, Anerkennung und Reparation“ für den Völkermord vor 100 Jahren. Er würdigte das Einschreiten des Heiligen Stuhles für die Armenier, namentlich den Brief von Benedikt XV. zur Beendigung der Massaker, und das Engagement in den darauf folgenden Jahrzehnten. „Wir schätzen diese Unterstützung des Vatikans und besonders eurer Heiligkeit sehr“, sagte Aram.

Papst Franziskus hatte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Verfolgung der Armenier als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut  inakzeptabel“, hieß es 2013 aus Ankara. Franziskus hatte sich in einem privaten Gespräch geäußert, das später publik wurde. Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord betrachtet.

(rv 12.04.2015 gs)

Radio Vatikan: Franziskus würdigt die Armenier als Märtyrer

Papst Franziskus hat die Armenier als bedeutsame Märtyrer des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Bei einer Begegnung mit dem armenischen Patriarchen Karekin II. an diesem Donnerstag im Vatikan ging der Papst auf die christlichen Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts ein, deren im Kontext des 2000-Jahr-Jubiläums gedacht wurde, und nannte dabei explizit die Leiden des armenischen Volkes. Karekin war mit einer armenischen Delegation zur einer Privataudienz in den Vatikan gekommen.

„In Wirklichkeit ist die Zahl der Jünger, die ihr Blut für Christus bei den tragischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts vergossen, sicher höher als die der Märtyrer der ersten Jahrhunderte. Und in diesem Martyrologium haben die Kinder der armenischen Nation einen Ehrenplatz. Das Mysterium des Kreuzes, Eure Heiligkeit, das der Erinnerung eures Volkes so teuer ist und das sich in den unzähligen wunderbaren Steinkreuzen in allen Ecken eures Landes zeigt, wurde von unzähligen eurer Kinder als direkte Teilhabe am Kelch der Passion erlebt. Ihr Zeugnis, das tragisch und teuer zugleich ist, darf nicht vergessen werden.“

Das Leid der Christen in den letzten Jahrzehnten habe einen „einzigartigen und unschätzbaren Beitrag“ auch zur Einheit der Christenheit geleistet, fuhr Franziskus fort. Wie in der frühen Kirche das Blut der Märtyrer „Samen für neue Christen“ war, so sei auch das Leid vieler Christen in jüngerer Zeit zur Quelle der Einheit geworden.

„Der Ökumenismus des Leides, des Martyriums, des Blutes ist ein mächtiger Aufruf dazu, auf dem Weg der Versöhnung der Kirchen weiterzugehen, mit Entschiedenheit und vertrauensvoller Hingabe gegenüber dem Wirken des Geistes. Auch aufgrund der Dankbarkeit, die wir dem Leid vieler unserer Geschwister schulden, spüren wir die Pflicht, diese Straße der Brüderlichkeit zu gehen. Ihr Leid war rettend, weil es mit der Passion Christi vereint war.“

Papst Franziskus dankte Patriarch Karekin II. an dieser Stelle für seinen Einsatz in der Ökumene und den „qualifizierten theologischen Beitrag“ der armenischen Kirche. Die Beziehungen zwischen katholischer und armenischer Kirche hätten sich in den vergangenen Jahren gefestigt, so Papst Franziskus weiter. Beigetragen dazu hätten u.a. die Reise seines Vorgängers Johannes Paul II. nach Armenien im Jahr 2001 und die vielen Besuche Karekins im Vatikan, darunter die Begegnung mit Benedikt XVI. im Jahr 2008 und der Besuch anlässlich Franziskus‘ offizieller Amtseinführung im vergangenen Jahr. Ein offizielles Instrument des theologischen Austausches zwischen katholischer und armenischer Kirche ist die in der vatikanischen Ostkirchenkongregation angesiedelte Dialogkommission, die sich um die Beziehungen zu den orthodoxen Ostkirchen kümmert.

„Beten wir füreinander“, so der Papst abschließend. Und er ging dann auf den Wunsch nach einer gemeinsamen Eucharistie ein, der in beiden Kirchen existiert: „Möge der Heilige Geist uns erleuchten und uns auf den so ersehnten Tag hinführen, an dem wir das eucharistische Mahl teilen können.“

Karekin würdigt Franziskus als „mutigen Hirten“

Patriarch Karekin würdigte Papst Franziskus in seiner Ansprache als „mutigen Hirten“, der sein Amt zum Wohl der katholischen Kirche mit „unermüdlicher Hingabe“ ausübe. Der Papst trage zu einer Stärkung des christlichen Glaubens in der Welt bei, vor allem sein Einsatz für die Armen und die Jugend trage ihm viel Zustimmung der Menschen zu, führte Karekin aus.

„Wir verurteilen jegliche Gewalt und jeden Krieg, der dem Willen Gottes entgegensteht“, so Karakin mit Blick auf den Syrienkrieg. Er berichtete dem Papst von der Lage im syrischen Dorf Kessab nahe der türkischen Grenze, in dem viele Armenier lebten. Aufgrund eines Angriffs hätten sie fliehen müssen, berichtete der Patriarch.

Weiter dankte Karekin dem ehemaligen Erzbischof von Buenos Aires und dem heutigen Papst für seinen bis heute währenden Einsatz für das armenische Volk. Dabei würdigte Karakin die „klare Stellungnahmen“ des Papstes. Für 2015 lud er ihn offiziell nach Etchmiadzin ein.

(rv 08.05.2014 pr)


Quelle: Radio Vatikan

Siehe auch:

DER VÖLKERMORD AN DEN CHRISTLICHEN ARMENIERN

Vor 99 Jahren begann der Völkermord an den christlichen Armeniern

Vor 99 Jahren, am 24. April 1915 verhafteten die türkischen Behörden in Istanbul die gesamte Führungsschicht des armenischen Volkes in der Hauptstadt des damaligen Osmanischen Reiches. Kulturschaffende, Freiberufler, Unternehmer, Politiker und Priester wurden gefangengenommen und umgebracht. Es sollte der Auftakt zum Völkermord an den Armeniern sein. Zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, der sich gegen das älteste christliche Volk der Welt richtete.

Die Armenier waren bereits zuvor Opfer kleinerer und größerer Verfolgungen geworden. 1895-1896 wurden bei den Massakern durch den „roten“ Sultan Abdul Hamid II. weit über 100.000 Christen getötet und ebenso viele zwangsislamisiert. Tatsächlich hatte die Verfolgung der Armenier im 20. Jahrhundert bereits mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges begonnen. An der Kaukasusfront waren die armenischen Soldaten der türkischen Armee entwaffnet und unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit ins Hinterland deportiert worden. Die osmanische Regierung zweifelte an der Loyalität der Christen im Kampf gegen das christliche Rußland. Der Großteil des armenischen Gebiets gehörte zum Osmanischen Reich, ein kleinerer Teil (Ostarmenien) zum Russischen Reich.

Lesen Sie den ganzen wichtigen Artikel von Giuseppe Nardi auf KATHOLISCHES.INFO!

Ergänzend dazu: Kopte neuer Papstsekretär: „Islam, eine Kultur des Todes“