Humanae Vitae – ein Plädoyer für die Ehe Auszug aus „Paul VI. – Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs“

Papst Paul VI. 1977

Eine neue Diskussion ist entbrannt über Humanae Vitae – während gleichzeitig ihr Autor, Papst Paul VI. auf dem Weg zur Heiligsprechung ist. In seinem 2014 erschienen Buch „Paul VI. – Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs“ widmet der bekannte Vatikanist und Historiker Ulrich Nersinger der Enzyklika ein Kapitel, das CNA Deutsch hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Patrimonium-Verlags veröffentlicht.

Die Latinisten des Papstes versehen für gewöhnlich ihre Arbeit ohne allzu große Aufregung. Die Ansprachen, Schreiben, Ernennungsdekrete und kirchliche Verfügungen, die sie in die Sprache Ciceros, die auch die Sprache der Kirche ist, zu übersetzen haben, stellen für sie keine unüberwindbaren Anforderungen dar. Die Texte übersetzen sie routiniert und zügig. Grammatik und Syntax beherrschen sie perfekt, und sie sind geschickt darin, neue lateinische Vokabeln aus der Taufe zu heben. Im Sommer des Jahres 1968 aber verlangt man von ihnen die Tugend der Geduld. Unter den Latinisten des Vatikans befindet sich der Augustiner-Chorherrenabt Karl Egger, ein Südtiroler, der den Papst seit den Dreißiger Jahren persönlich kennt. Die Arbeit an der Enzyklika, die in diesen Tagen auszufertigen ist, ist an sich kein Problem. Doch der  Ordensmann fragt sich, ob ein entscheidender Passus des Apostolischen Schreibens schon feststeht. Denn definitiven Text kennt er noch nicht, doch er weiß bereits, wie ersten beiden Worte der Enzyklika lauten: „Humanae Vitae“.

Seit einigen Jahrzehnten hat sich die katholische Kirche mit der künstlichen Empfängnisverhütung auseinanderzusetzen. Am letzten Tag des Jahres 1930 hat ihr Papst Pius XI. (1922-1939) durch sein Rundschreiben Casti Connubii eine unmissverständliche Absage erteilt; sein unmittelbarer Nachfolger, Pius XII.  bekräftigt diese Entscheidung im Oktober 1951 in einer berühmt gewordenen Ansprache an katholische Hebammen. Papst Johannes XXIII. muss sich in seinem Pontifikat mit einer neuen Entwicklung, der sogenannten „Antibabypille“, auseinandersetzten. 1963 beruft er eine sechsköpfige Studienkommission ein; Papst Paul VI. stockt dieses Gremium auf und ergänzt es durch weitere Experten und katholische Ehepaare. Das Konzil will die heikle Frage selbst behandeln, doch der Pontifex sieht sich in die Pflicht genommen. So müssen die Väter der Kirchenversammlung feststellen: „Bestimmte Fragen, die noch anderer sorgfältiger Untersuchungen bedürfen, sind auf Anordnung des Heiligen Vaters der Kommission für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit übergeben worden, damit, nachdem diese Kommission ihre Aufgabe erfüllt hat, der Papst eine Entscheidung treffe. Bei diesem Stand der Doktrin des Lehramtes beabsichtigt das Konzil nicht, konkrete Lösungen unmittelbar vorzulegen.“

Im Juni 1965 kommt die vom Papst eingesetzte Kommission zu dem Mehrheitsbeschluss, Paul VI. zu empfehlen, den Gläubigen unter bestimmten Voraussetzungen die Nutzung künstlicher Verhütungsmittel zu erlauben. Der Papst beauftragt nun zusätzlich Bischöfe und Theologen mit der Behandlung der Problematik. Kardinäle, Bischöfe, Professoren und die Medien versuchen nun,  Einfluss auf den Pontifex zu nehmen. Am 25. Juli 1968 erfolgt die Veröffentlichung der Enzyklika Humanae Vitae über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlischen Lebens“. Der Papst verbleibt in der Tradition der Kirche:  „Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der ‚Liebe ist, von ihm, dem Vater, ’nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt’. Weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, dass sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschließlich ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden, um mit Gott zusammenzuwirken bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens.Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen Gnadenzeichens, und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche zum Ausdruck.“

Über Wesen und die  Zielsetzung des ehelichen Aktes sagt der Papst: „Jene Akte, die eine intime und keusche Vereinigung der Gatten darstellen und die das menschliche Leben weitertragen, sind, wie das letzte Konzil betont hat, ‚zu achten und zu ehren’; sie bleiben auch sittlich erlaubt bei vorauszusehender Unfruchtbarkeit, wenn deren Ursache keineswegs im Willen der Gatten liegt; denn die Bestimmung dieser Akte, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken, bleibt bestehen. Wie die Erfahrung lehrt, geht tatsächlich nicht aus jedem ehelichen Verkehr neues Leben hervor. Gott hat ja die natürlichen Gesetze und Zeiten der Fruchtbarkeit in seiner Weisheit so gefügt, dass diese schon von selbst Abstände in der Aufeinanderfolge der Geburten schaffen. Indem die Kirche die Menschen zur Beobachtung des von ihr in beständiger Lehre ausgelegten natürlichen Sittengesetzes anhält, lehrt sie nun, dass ‚jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss’.“

Körperliche Vereinigung und Fortpflanzung gehören für den Papst zusammen: „Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“

Dass sich nun säkulare Stimmen gegen die Entscheidung aus dem Vatikan wenden – von der Titulierung „Pillen-Paul“ durch eine deutsche Boulevardzeitung bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen – , hat der Papst geahnt. Die Tatsache aber, dass katholische Bischofskonferenzen öffentlich in Opposition zum Heiligen Stuhl treten, schmerzt den Pontifex. Die Erklärungen von Königstein (Deutschland), Maria Trost (Österreich) und Solothurn (Schweiz) liest er mit ungläubigem Kopfschütteln. Persönlich enttäuscht sah er sich von Kardinälen Julius Döpfner und Franz König, denen er in der Vergangenheit eine hohe Wertschätzung entgegengebracht hat. Tröstend empfindet er das Memorandum, das ihm Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau und spätere Johannes Paul II., mit der Bitte gesandt hat, an der bisherigen Lehre der Kirche zur Empfängnissverhütung festzuhalten; dankbar ist er, dass sich der Bischof von Vittorio Veneto (Norditalien), Monsignore Albino Luciani, der ihm als Johannes Paul I. auf dem Stuhl des heiligen Petrus nachfolgen sollte, an seine Seite stellte – ein Bischof, der bis zum Entscheid des Papstes Formen der Verhütung nicht generell negativ gegenüberstand.

Im dritten Millennium findet eine Neubesinnung auf Humanae Vitae statt. 2008 hält der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, der Wiener Kardinal Christoph Schönborn  im Abendsmahlsaal in Jerusalem bei der Gemeinschaftstagung der Bischöfe Europas eine bemerkenswerte Predigt: „Wir Bischöfe, verschlossen hinter den Türen wegen der Angst, nicht wegen der Angst vor den Hebräern, sondern wegen der Presse, und auch wegen des Unverständnisses unserer Gläubigen. Wir hatten nicht den Mut! In Österreich hatten wir „Die Mariatroster Erklärung“ – wie in Deutschland „Die Königsteiner Erklärung“. Das hat den Sinn des Lebens im Volke Gottes geschwächt, dies hat entmutigt, sich für das Leben zu öffnen. Wie dann die Welle der Abtreibung gekommen ist, war die Kirche geschwächt, da sie nicht gelernt hatte, diesen Mut des Widerstands, den wir in Krakau gesehen haben, den Papst Johannes Paul II. während seines ganzen Pontifikates gezeigt hat, diesen Mut, JA zu sagen zu Gott, zu Jesus, auch um den Preis der Verachtung. Wir waren hinter den verschlossenen Türen, aus Angst. Ich denke, auch wenn wir damals nicht Bischöfe waren, so müssen wir diese Sünde des europäischen Episkopats bereuen, des Episkopats, der nicht den Mut hatte, Paul VI. mit Kraft zu unterstützen, denn heute tragen wir alle in unseren Kirchen und in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.“

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera sagte Papst Franziskus im Jahre 2014 über Paul VI. und Humanae Vitae: „Seine Genialität war prophetisch, er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen… Die Frage ist nicht, ob man die Lehre ändert, sondern, ob man in die Tiefe geht und dafür sorgt, dass die Pastoral die einzelnen Lebenslagen und das, wozu die Menschen jeweils imstande sind, berücksichtigt.“

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Quelle

JOHANNES PAUL II. ZUM HOCHFEST DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS

totus-tuus

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES
DER VERKÜNDIGUNG DES DOGMAS
VON DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS MARIENS

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Sel. Jungfrau Maria
Mittwoch, 8. Dezember 2004

 

1. »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1,28).

Mit diesen Worten des Erzengels Gabriel wenden wir uns mehrmals am Tag an die Jungfrau Maria. Wir wiederholen sie heute am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria mit besonders großer Freude, weil wir des 8. Dezember 1854 gedenken, an dem der selige Pius IX. dieses wunderbare Dogma des katholischen Glaubens in dieser vatikanischen Basilika verkündet hat.

Ich grüße herzlich alle, die heute hier versammelt sind, insbesondere die Vertreter der Nationalen Mariologischen Gesellschaften, die am Internationalen Marianisch-mariologischen Kongreß teilgenommen haben, der von der Päpstlichen Marianischen Akademie veranstaltet wurde.

Ferner grüße ich euch, liebe anwesende Brüder und Schwestern, die ihr gekommen seid, um die Unbefleckte Jungfrau in kindlicher Liebe zu verehren. Allen voran grüße ich Kardinal Camillo Ruini und erneuere meine herzlichsten Glückwünsche zu seinem Priesterjubiläum, wobei ich ihm meinen aufrichtigen Dank für den Dienst ausspreche, den er mit großmütiger Hingabe für die Kirche als mein Generalvikar für die Diözese Rom und als Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz geleistet hat und weiterhin leistet.

2. Wie tief ist das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis, das uns die heutige Liturgie vorstellt! Ein Geheimnis, das die Kontemplation der Gläubigen immer wieder anregt und das Nachdenken der Theologen inspiriert. Das Thema des zuvor erwähnten Kongresses – »Maria von Nazaret nimmt den Sohn Gottes in die Geschichte auf« – ermöglichte eine Vertiefung der Lehre von Marias Unbefleckter Empfängnis als Voraussetzung für die Aufnahme des Wortes Gottes in ihrem jungfräulichen Schoß, des Erlösers des Menschengeschlechtes, der von ihr Fleisch angenommen hat.

»Voll der Gnade«, »κεχαριτωµευη«: Nach dem griechischen Original des Lukasevangeliums wendet sich der Engel mit diesem Beinamen an Maria. Es ist der Name, mit dem Gott die Jungfrau durch seinen Boten bezeichnen wollte. So hat er sie von Ewigkeit her, »ab aeterno«, erdacht und gesehen.

3. In dem soeben verkündeten Hymnus des Briefes an die Epheser preist der Apostel Gott, den Vater, denn er hat »uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« (1,3). Mit welch außerordentlichem Segen hat Gott am Anfang der Zeit Maria bedacht! Du bist wirklich mehr gesegnet als alle anderen Frauen, Maria (vgl. Lk 1,42)!

Gott, der Vater, hat sie in Christus vor der Erschaffung der Welt erwählt, damit sie heilig und untadelig lebe vor Gott; er hat sie aus Liebe im voraus dazu bestimmt, Erstlingsfrucht der Gotteskindschaft zu werden durch Jesus Christus« (vgl. Eph 1,4–5).

4. Marias Vorausbestimmung wie auch die eines jeden von uns bezieht sich auf die Vorausbestimmung des Sohnes. Christus ist jener »Nachwuchs«, der gemäß dem Buch Genesis die alte Schlange »am Kopf trifft« (vgl. Gen 3,15); er ist das »fehlerfreie« Lamm (vgl. Ex 12,5; 1 Petr 1,19), das geopfert wurde, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen.

Im Hinblick auf seinen Erlösungstod wurde seine Mutter Maria vor der Erbsünde und vor jeder anderen Sünde bewahrt. Im Sieg des neuen Adam ist auch der Sieg der neuen Eva, der Mutter der Erlösten, enthalten. So ist die Immaculata Zeichen der Hoffnung für alle Lebenden, die den Satan durch das Blut des Lammes besiegt haben (vgl. Offb 12,11).

5. Wir betrachten heute die demütige junge Frau von Nazaret, die heilig und untadelig vor Gott in der »Liebe« lebte (vgl. Eph 1,4), deren Ursprung der Dreifaltige Gott selbst ist.

Welch erhabenes Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit ist die Unbefleckte Empfängnis der Mutter des Erlösers! In der Bulle Ineffabilis Deus weist Pius IX. darauf hin, daß Gott, der Allmächtige, »durch ein und denselben Ratschluß die Herkunft Marias und die Fleischwerdung der göttlichen Weisheit« festgesetzt hat (Pii IX Pontificis Maximi Acta, Pars prima, S. 559).

Das »Ja« der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels verbindet sich mit unserem konkreten irdischen Dasein, in demütigem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, die Menschheit nicht vor der Geschichte, sondern in der Geschichte zu retten. Denn die »neue Eva« hat, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt, in einzigartiger Weise das Wirken Christi als vollkommener Mittler und Erlöser erfahren. Als erste von ihrem Sohn Erlöste hat sie in Fülle an seiner Heiligkeit teil; sie ist bereits das, was die ganze Kirche zu sein wünscht und hofft. Sie ist die eschatologische Ikone der Kirche.

6. Die Immaculata, die Anfang der Kirche, der makellosen Braut Christi, ist (vgl. Präfation), geht dem Volk Gottes immer den »Pilgerweg des Glaubens« ins Himmelreich voran (vgl. Lumen gentium, 58; Redemptoris Mater, 2).

In der Unbefleckten Empfängnis Mariens sieht die Kirche, wie sich, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, bereits die österliche Gnade der Erlösung abzeichnet.

Im Ereignis der Menschwerdung findet sie den Sohn und die Mutter untrennbar miteinander verbunden: denjenigen, »der ihr Herr und Haupt ist, und diejenige, die durch das erste ›Fiat‹ des Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und Mutter darstellt« (Redemptoris Mater, 1).

7. Dir, Unbefleckte Jungfrau, die du von Gott über alle anderen Geschöpfe hinaus als Fürsprecherin der Gnade und als Vorbild der Heiligkeit für sein Volk vorherbestimmt bist, vertraue ich heute erneut in besonderer Weise die ganze Kirche an.

Führe du ihre Kinder auf dem Pilgerweg des Glaubens, und mache sie dem Wort Gottes immer gehorsamer und treuer.

Begleite du jeden Christen auf dem Weg der Umkehr und der Heiligkeit, im Kampf gegen die Sünde und in der Suche nach der wahren Schönheit, die immer Abglanz und Widerschein der göttlichen Schönheit ist.

Erwirke du allen Völkern Frieden und Heil. Der Ewige Vater, der dich als Unbefleckte Mutter des Erlösers gewollt hat, erneuere auch in unserer Zeit durch dich die Wunder seiner barmherzigen Liebe. Amen.

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Quelle

Siehe dazu auch:

Krieg und Frieden: Die Päpste und der Islam

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Papst Benedikt XVI. (2006) / Wikimedia Commons – Giuseppe Ruggirello, CC BY-SA 3.0

Neues Buch von Vatikanist Ulrich Nersinger

Kaum ein Thema steht zurzeit im Fokus der Medien wie der Umgang der westlichen Gesellschaft mit dem Islam. Die anhaltende muslimische Flüchtlingswelle hat vor dem Hintergrund des jüngst in Europa eingezogenen IS-Terrorismus und der weltweiten Politisierung des Islam neue Ängste geschürt und viele Fragen aufgeworfen. Sie betreffen das zukünftige Zusammenleben mit einer fremden Kultur und Religion, die eine extrem starke Identität besitzt und in Europa auf ein zunehmendes religiöses Analphabetentum trifft. Was wird mit den eigenen christlichen Wurzeln und Traditionen, fragen sich viele Gläubige? Wie sollen sich die beiden Weltreligionen im Hinblick auf einen Gewalt predigenden Islam begegnen? Auf welcher Basis überhaupt kann heute ein Dialog stattfinden?

Der bekannte Theologe und Vatikanexperte Ulrich Nersinger hat sich in seinem neuen Buch dem komplexen Thema gewidmet. Anstatt mit schnellen Antworten vorzupreschen – zu denen sich der Autor auch nicht autorisiert fühlt – bietet er eine Rückschau auf die lange Geschichte der Beziehung zwischen Papsttum und Islam. Der Titel des Buches „Krieg und Frieden“ trifft dieses Verhältnis der beiden Weltreligionen sehr gut. Denn es ist eine bekannte Tatsache, dass das Verhältnis bis zum 19. Jh. von kriegerischen Auseinandersetzungen und Gewalt geprägt war, angefangen mit den Kreuzzügen als Reaktion des Kirchenoberhauptes auf die muslimischen Eroberungen und Verwüstungen im Heiligen Land bis zum Zurückdrängen der türkischen Invasion in Europa in der Schlacht von Lepanto und Wien.

Der Autor versucht anhand von ausgewählten Ereignissen und Anekdoten diese Beziehungen aus der Sicht der Kirche aufzuzeigen. Er erläutert, wie es überhaupt dazu kam, dass der Nachfolger Petri zum Schwert griff und warum seine Kriegszüge mit dem augustinischen „bellum iustum“ (gerechter Krieg) begründet wurden. Erst im 19. Jahrhundert bahnte sich Frieden zwischen Christen und Muslimen an, der in einer respektvollen Annäherung beider Seiten bestand. Bahnbrechend war hierbei die Geste des Vizekönigs von Ägypten, Mehmet Ali, der dem Papst Gregor XVI. (1831-1846) kostbaren Alabaster zum Wiederaufbau der 1823 abgebrannten Paulusbasilika zum Geschenk machte.

Auftakt zu einem theologischen Dialog jedoch gab erst das Zweite Vatikanische Konzil. Hier machte die katholische Kirche den ersten Schritt. Man spricht von einer kopernikanischen Wende. In Nostra Aetate erklärt die Kirche nun offiziell, die Muslime primär und „mit Hochachtung“ als Partner in der Anbetung des „alleinigen Gottes“ zu betrachten, „des lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, des Schöpfers des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“ Der Konzilstext schließt mit einem Aufruf, vergangene Feindschaften zwischen Christen und Muslimen „beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“ Es entstand 1964 zunächst das allgemeine Sekretariat für Nichtchristen und zehn Jahre später die Päpstliche Kommission für religiöse Beziehungen zu den Muslimen. Seitdem sind Grußbotschaften der Päpste an die Muslime zur Regel geworden, das Weltgebetstreffen in Assisi (seit 1986) und verschiedene Friedensinitiativen haben die „universelle Brüderlichkeit“ gefördert. Seit 1960 unterhält der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen zu den meisten islamisch regierten Staaten (Ausnahme sind Afghanistan, Saudi Arabien, Libyen, Jemen).

Mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 und der zunehmenden weltweiten Islamisierung hat sich das friedliche Panorama jedoch schlagartig geändert. Christen gehören heute zu der am meisten verfolgten Religionsgruppe. Die Politisierung des Islam, die Verknüpfung der Religion mit einem neuen Herrschaftsanspruch, der eine Konvivenz mit Nichtmuslimen ausschließt, hat die Gemüter im Westen verunsichert und einen Schatten auf den Dialog geworfen. Dass ein emotionsfreies theologisches Gespräch über den Koran schwierig ist, zeigte die erste Reaktion der islamischen Welt auf die Regensburger Rede von Benedikt XVI. über den Widersinn von Glaubensverbreitung durch das Schwert im Jahr 2006. Sein benutztes Zitat von dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos wurde (absichtlich) falsch aufgenommen. Einige Monate später unterzeichneten 38 muslimische Imame und Großmuftis – allerdings ohne Vertreter der maßgeblichen Zentren islamischer Gelehrsamkeit Kairo, Medina und Mekka – einen Brief an den Papst, in dem sie auf das Zitat ausführlich eingingen und einen Beitrag zu einem sachlichen Dialog lieferten.

In jedem Fall hatte der Papst einen wichtigen Stein ins Rollen gebracht: Die Diskussion um die Rolle von Gewalt im Koran. Heute mehr denn je sind die Muslime aufgerufen, eine kritische Bestandsaufnahme der zahlreichen Suren, die Gewalt zum Thema haben, vorzunehmen und diese im Sinne der Gewaltablehnung neu auszulegen, bzw. sich davon zu befreien. Die Schwierigkeit eines religiösen Dialogs besteht auch darin, dass es für die Muslime kein verbindliches Lehramt gibt. Das Meinungsspektrum islamischer Gelehrsamkeit und Rechtsauffassung ist weit, wenn auch die Auslegungen der Al-Azhar-Universität in Kairo unter den Sunniten, das heißt die Mehrheit der Muslime, großen Respekt genießen.

Nersinger bietet weder Prognosen noch Rezepte für die Zukunft. Er hält an der Wichtigkeit der Bemühungen um einen friedlichen Dialog fest, gerade im Hinblick auf die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland integriert werden müssen. Dabei sollen allerdings nicht zugunsten einer falschen Irenik die eigenen christlichen Überzeugungen und Standpunkte abgeschwächt werden.

Die Wahl des Abschlusszitats lässt dennoch durchblicken, dass der Autor nicht sehr optimistisch in die nähere Zukunft blickt. Er führt die Worte von Papst Franziskus zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit an, mit denen er vor dem Missbrauch der Gastfreundschaft warnt – nach Geheimdienstinformationen sei selbst der Vatikan im Visier der IS-Terrormiliz: „Die Gastfreundschaft kommt in der Freiheit des Aufnehmens zum Vorschein, doch sie wird zu etwas Dunklem, wenn eine Invasion durch Gewalt ausgeübt wird. (…) Die Öffnung der Tür erfordert daher über ein Vertrauen hinaus auch Achtsamkeit.“

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11. APRIL 2016  ISLAM

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Ulrich Nersinger: Krieg und Frieden: Die Päpste und der Islam
Taschenbuch, 126 Seiten
2016 Bernardus Verlag
ISBN 978-3-8107-0245-6
Preis 15.30 EUR