JOHANNES PAUL II. AN DIE TEILNEHMER DES 8. INTERNATIONALEN MARIOLOGISCHEN KOLLOQUIUMS

Karol_Wojtyla

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Mit Freude empfange ich euch heute anläßlich des 8. Internationalen Mariologischen Kolloquiums, das unter dem Thema »Ludwig Maria Grignion de Montfort: trinitarische Spiritualität in Gemeinschaft mit Maria« steht. Euch alle, die Organisatoren, Referenten und Teilnehmer, grüße ich von Herzen. Insbesondere danke ich dem Bischof von Luçon, Msgr. François Garnier, für die herzlichen Worte, die er im Namen aller an mich gerichtet hat.

Das heutige Treffen erinnert an jene Begegnung zwischen meinem verehrten Vorgänger Klemens XI. und dem bretonischen Missionar Grignion de Montfort im Jahr 1706 hier in Rom. Montfort war gekommen, um den Nachfolger Petri um Erleuchtung und Trost für den von ihm eingeschlagenen apostolischen Weg zu bitten. Voller Dankbarkeit denke ich ferner an die Wallfahrt zum Grab dieses großen Heiligen in Saint-Laurent- sur-Sèvre, die mir die göttliche Vorsehung am 19. September 1996 ermöglichte.

Der hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort ist für mich eine bedeutende Bezugsperson, die mich in wichtigen Augenblicken meines Lebens erleuchtet hat. Während meiner Zeit als geheimer Seminarist in der Krakauer Solvay-Fabrik riet mein Beichtvater mir zum Studium der Schrift Die vollkommene Hingabe an Jesus durch die Weihe an Maria. Mehrmals und mit großem spirituellen Gewinn las ich dieses wertvolle asketische Büchlein mit dem blauen, sodabefleckten Umschlag. Montfort bringt die Mutter Christi mit dem trinitarischen Geheimnis in Verbindung. Hierdurch machte er mir verständlich, daß die Jungfrau – dem Willen des Vaters gemäß – dem Heilsplan angehört, da sie die Mutter des fleischgewordenen Wortes ist, das durch das Wirken des Heiligen Geistes von ihr empfangen wurde. Marias Mitwirken am Werk der Erneuerung der Gläubigen steht keineswegs im Gegensatz zu Christus, sondern es geht von ihm aus und steht in seinem Dienst. Die Rolle Marias im Heilsplan ist stets christozentrischer Natur und bezieht sich demnach unmittelbar auf die sich in Christus vollziehende Mittlerschaft. Damals erkannte ich, daß ich die Mutter des Herrn nicht aus meinem Leben ausschließen konnte, ohne den Willen des dreifaltigen Gottes zu mißachten, der die großen Geheimnisse der Heilsgeschichte mit dem verantwortungsvollen und treuen Mitwirken der demütigen Magd aus Nazaret »beginnen und vollenden« wollte.

Ich möchte dem Herrn nun dafür danken, daß ich all jenes erfahren konnte, was auch ihr in euren Gesprächen vertieft habt, nämlich, daß der Gläubige zum eigentlichen Mittelpunkt des trinitarischen Geheimnisses Eingang findet, wenn er Maria in sein Leben in Christus und im Heiligen Geist aufnimmt.

2. Liebe Brüder und Schwestern, während eures Symposiums habt ihr euch mit der trinitarischen Spiritualität in Gemeinschaft mit Maria, einem charakteristischen Aspekt der Lehre Montforts, befaßt. Montfort vertritt keine Theologie, die ohne Auswirkungen auf das konkrete Leben bliebe, und ebensowenig ein Christentum »per Prokura«, d.h. ohne persönliche Übernahme jener Pflichten, die uns in der Taufe übertragen wurden. Im Gegenteil, er lädt uns zu einer intensiv gelebten Spiritualität ein und spornt uns an zu einer freiwillig und bewußt gewählten Hingabe an Christus und – durch ihn – an den Heiligen Geist und den Vater. In diesem Lichte wird verständlich, wie sich durch die Beziehung zu Maria die Erneuerung des Taufversprechens vervollkommnet, denn sie ist das Geschöpf, das »Christus am ähnlichsten ist« (Die vollkommene Hingabe an Jesus durch die Weihe an Maria, aus: Das Goldene Buch, Freiburg/Schweiz, Kanisius Verlag).

Ja, die Dreifaltigkeit ist Ausgangspunkt und Ziel der gesamten von Montfort gelehrten christozentrischen und marianischen Spiritualität. In diesem Zusammenhang fällt auf, wie beharrlich er das Wirken der drei göttlichen Personen gegenüber Maria betont. »Gott Vater hat der Welt seinen eingeborenen Sohn nur durch Maria geschenkt «, und er »will sich bis zum Ende der Welt durch Maria Kinder zeugen« (ebd., 16 und 29). Gott Sohn »ist Mensch geworden um unseres Heiles willen, aber in Maria und durch Maria«, und er »will durch seine liebe Mutter täglich neu gebildet werden und gleichsam in seinen Gliedern wieder Fleisch annehmen« (ebd., 16 und 31). Der Heilige Geist »hat seiner treuen Braut Maria seine unaussprechlich großen Gaben anvertraut«, und er »will sich in ihr und durch sie seine Auserwählten bilden« (ebd., 25 und 34).

3. Maria vereint somit in sich die Liebe und das Wirken der trinitarischen Personen, und Montfort stellt sie in ihrer Beziehung untereinander dar: »Maria ist ganz auf Gott hingeordnet; ich könnte sie bezeichnen als die lebendige Gottbezogenheit, denn Maria existiert nur in ihrer Ausrichtung auf Gott« (ebd., 225). Daher führt die Allerseligste zur Dreifaltigkeit. Wenn wir jeden Tag »Totus tuus« sprechen und in Gemeinschaft mit ihr leben, gelangen wir voll Vertrauen und grenzenloser Liebe zur Erfahrung des Vaters (vgl. ebd., 169 und 215), zu fügsamer Annahme des Wirkens des Geistes (vgl. ebd., 258) und zur Verwandlung unserer selbst dem Bild Christi entsprechend (vgl. ebd., 218–221).

Es kommt vor, daß in der Katechese und auch in den Andachtsübungen der trinitarische und christologische Charakter, der ihnen wesentlich innewohnt, nicht ausdrücklich hervorgehoben wird (vgl. Apostolisches Schreiben Marialis cultus, 25). Bei Grignion de Montfort hingegen sind die an Maria gerichteten Gebete vom trinitarischen Glauben durchdrungen: Sei gegrüßt Maria, liebreichste Tochter des ewigen Vaters, wundervolle Mutter des Sohnes, treue Braut des Heiligen Geistes, erhabener Tempel der allerheiligsten Dreifaltigkeit (vgl. Anleitungen für das Rosenkranzgebet, 15). Ähnliches findet sich in dem an die drei göttlichen Personen gerichteten »brennenden Gebet«, das sich in die Endzeit der Kirche hineinversetzt: In ihm wird Maria als Berg Gottes (vgl. ebd. 25) betrachtet, als Stätte der Heiligkeit, die zu Gott erhebt und in Christus verwandelt.

Möge jeder Christ sich jenen Lobpreis zu eigen machen, den Montfort in seinem Magnificat Maria in den Mund legt: »Verehrt und gelobt sei der eine und wahre Gott! Im Universum erklinge es und überall singe man: Gelobt sei der ewige Vater, gelobt sei das anbetungswürdige Wort! Gleiches Lob dem Heiligen Geist, der sie mit seiner Liebe in einem göttlichen Bund vereint« (vgl. Gesang 85,6).

Die heilige Jungfrau möge einem jeden von euch stets beistehen, damit ihr eure Berufung gemeinsam mit ihr, unserer Mutter und unserem Vorbild, leben könnt. Von Herzen erteile ich euch meinen besonderen Apostolischen Segen.

(Freitag, 13. Oktober 2000)

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Siehe ebenfalls:

JOHANNES PAUL II. IM HEILIGTUM DER WUNDERBAREN MEDAILLE

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Gegrüßt seist du, Maria!

Gebet zur Muttergottes in der Kapelle der Wunderbaren Medaille
an der Rue du Bac am 31. Mai 1980

Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unse­res Todes. Amen.

O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen!

Das ist das Gebet, das du, Maria, hier an diesem Ort vor nunmehr einhundert­fünfzig Jahren der hl. Katharina Labouré eingegeben hast; und diese Anrufung, die dann in die Medaille eingeprägt wurde, wird nun von so vielen Gläubigen in die ganze Welt getragen und verkündet!

Am heutigen Tag, an dem die Kirche das Fest deines Besuches bei Elisabeth feiert, als Gottes Sohn bereits in deinem Schoß Fleisch angenommen hatte, soll unser erstes Gebet dich loben und preisen. Du bist gebenedeit, unter allen Frauen! Selig, die du geglaubt hast! Wunderbares hat der Allmächtige an dir vollbracht! Das Wunder deiner göttlichen Mutterschaft! Und daher das Wun­der deiner unbefleckten Empfängnis! Das Wunder deines „Fiat“! Du warst so eng mit dem ganzen Werk unseres Erlösers verbunden; dein Herz wurde durch­bohrt an der Seite seines Herzens. Und nun, in der Herrlichkeit deines Sohnes, hörst du nicht auf für uns arme Sünder einzutreten. Du wachst über die Kirche, deren Mutter du bist. Du wachst über jedes deiner Kinder. Du erhältst von Gott für uns alle Gnaden, die die Lichtstrahlen symbolisieren, die von deinen geöff­neten Händen ausgehen. Unter der einzigen Bedingung, daß wir den Mut ha­ben, dich darum zu bitten, daß wir uns dir mit dem Vertrauen, der Kühnheit und der Unbefangenheit eines Kindes nähern. Und so führst du uns unaufhör­lich zu deinem göttlichen Sohn.

Und an diesem gesegneten Ort möchte ich selbst dir heute erneut das Ver­trauen aussprechen, die ganz tiefe Zuneigung, die du mir stets gnädig ge­schenkt hast. „Totus tuus.“ Ich komme als Pilgernach all denen, die seit einhun­dertfünfzig Jahren in diese Kapelle gekommen sind, wie das ganze christliche Volk, das sich hier Tag für Tag drängt, um dir seine Freude, sein Vertrauen, sei­ne inständige Bitte auszusprechen. Ich komme wie der selige Maximilian Kol­be: vor seiner Missionsreise nach Japan, vor genau fünfzig Jahren, kam er hier­her, um deine besondere Hilfe zu erbitten für die Verbreitung seiner „Heer­schar der Unbefleckten“, wie er sie später nannte, und um unter deinem Schutz sein wunderbares Werk geistlicher Erneuerung auszuführen, ehe er sein Leben für seine Brüder hingab. Christus verlangt heute von seiner Kirche ein großes Werk geistlicher Erneuerung. Und ich, demütiger Nachfolger des Petrus, kom­me, um dir dieses große Werk anzuvertrauen, wie ich es in Jasna Gora, bei Un­serer Lieben Frau in Guadalupe, in Knock, in Pompeji, in Ephesus getan habe und wie ich es im kommenden Jahr in Lourdes tun werde.

Wir weihen dir unsere Kräfte und unsere Bereitschaft, dem Heilsplan zu die­nen, den dein Sohn ausgeführt hat. Wir bitten dich, daß durch den Heiligen Geist im ganzen christlichen Volk der Glaube sich vertiefen und festigen möge, daß die Gemeinschaft sich über alle Keime der Spaltung hinweg setze und daß in allen, die entmutigt sind, die Hoffnung neu auflebe. Wir bitten dich beson­ders für dieses französische Volk, für die Kirche in Frankreich, für ihre Hirten, für die gottgeweihten Seelen, für die Familienväter und -mütter, für die Kinder und Jugendlichen, für die Männer und Frauen des dritten Lebensalters. Wir bitten dich für alle, die an einem besonderen physischen oder moralischen Ge­brechen leiden, die die Versuchung der Untreue kennenlernen, die in einem Klima des Unglaubens vom Zweifel erschüttert werden; wir bitten auch für jene, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Wir vertrauen dir das Apostolat der Laien an, den Dienst der Priester, das Zeugnis der Ordensfrauen. Wir bitten dich, daß der Anruf zum Priester- und Ordensberuf weithin gehört

und befolgt werde zur Ehre Gottes und für die Lebensfähigkeit der Kirche in diesem Land und in den Ländern, die immer noch missionarische Hilfe er­warten.

Wir empfehlen dir ganz besonders die große Zahl der Töchter der Liebe, deren Mutterhaus hier ist, und die im Geiste ihres Gründers, des hl. Vinzenz von Paul, und der hl. Louise de Marillac zum Dienst an der Kirche und an den Ar­men in allen Schichten und in allen Ländern so bereit sind. Wir bitten dich für jene, die in diesem Hause wohnen und die im Herzen dieser fieberhaft-hekti­schen Großstadt alle Pilger aufnehmen, die um den Wert des Schweigens und des Gebetes wissen.

Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unse­res Todes. Amen.

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Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls – 21 – Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt nach Frankreich – 30. Mai bis 2. Juni 1980

Siehe auch: