PAPST PAUL VI. ZUR SELIGSPRECHUNG DES PRIESTERS LIBORIUS WAGNER

Wir müssen der verehrungswürdigen Kirche von Würzburg unsere herzliche Mitfreude zum Ausdruck bringen. Denn ihre jahrhundertealte religiöse Überlieferung wird durch die Seligsprechung dieses ihres Sohnes Liborius Wagner geehrt, der ihr als Märtyrer des katholischen Glaubens zur Verehrung und Nachahmung vorgestellt wird. Wir selbst sind von Freude über diese Verherrlichung erfüllt und haben den Wunsch, daß sie sich fruchtbar auswirken möge für die Erneuerung des christlichen Glaubens, und zwar nicht nur für die Diözese, aus der Liborius hervorgegangen ist, sondern ebenso für die gesamte heilige katholische Kirche.

Liborius-Wagner-BildDer Verlauf seines kurzen Lebens, das auf dieser Erde erlosch, um sich durch seinen schmerzvollen und glorreichen Tod im Himmel fortzusetzen, ist in jedem Abschnitt sehr bedeutungsvoll und verdient es, jetzt im Lichte der heutigen Verherrlichung unter seinen verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet zu werden für eine neue Erwägung des geschichtlichen und geistlichen Rahmens, in dem es sich abspielte.

Viele bedeutungsvolle Umstände im Leben des seligen Liborius legen uns ernste und fruchtbare Überlegungen nahe. Ist seine Herkunft aus einer guten und vorbidlichen protestantischen Familie nicht schon für uns ein Grund achtungsvoller Wertschätzung des religiösen und christlichen Erbes, das sich bei der deutschen Bevölkerung trotz aller aufwühlenden Veränderungen dieser stürmischen Zeit erhalten hat? Und die Hinwendung von Liborius zum katholischen Glauben, dem diese Gebiete durch so viele Jahrhunderte mit so hochbedeutsamer und reicher Blüte christlichen Lebens und menschlicher Kultur angehörten, ist dies für uns alle nicht ein Grund zu geschichtlicher Überlegung und zur Hoffnung für die Wiederherstellung der vollkommenen Einheit der Kirche, die immer ersehnt ist? Und muß diese Einheit, die sich von Christus ableitet und auf Christus ausgerichtet ist, nicht leiden unter der jetzt bestehenden Trennung, und darf man nicht hoffen, daß diese Trennung ihre glückliche Wiedervereinigung finde in dem einen und einzigen Glauben sowie einer neuen lebendigen Liebe?

Es möge uns gestattet sein, bei dieser Gelegenheit an die christlichen Brüder, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl leben, ein ehrerbietiges und herzliches Grußwort zu richten, und zwar im Namen des seligen Liborius, der uns allen den Wunsch nach einem Ökumenismus im Herzen zu bekräftigen scheint, der die Eintracht und den Frieden erneuert. Er, der selige Liborius, ist ein Beispiel, ist ein Märtyrer, den wir freilich nicht feiern wollen als eine «gezielte Glaubenskundgebung», nämlich um aus seinem Martyrium einen Grund zur Polemik und zur Anklage zu machen, wohl aber als ein Zeugnis des Beispiels für alle und der Einladung zur Versöhnung und zum Geiste der Brüderlichkeit.

Die Tatsache, daß Liborius Schüler einer hochangesehenen Schule war und dann sein junges Leben dem Priestertum und der Seelsorge weihte, wieviel Anregungen konnten wir hieraus schöpfen, um der ganzen Kulturwelt unsere Wertschätzung und unsere Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß eine Übereinstimmung zwischen wissenschaftlichem Denken und christlichem Glauben nicht nur möglich, sondern immer auch notwendig ist! Und wie gern möchten wir hier in diesem Augenblick ein wenig länger verweilen, um einen väterlichen und mitbrüderlichen Gruß an die Priester und Ordensleute zu richten, die auch heute noch ihr Leben Christus und der Kirche vollständig und für immer weihen! In besonderer Weise möchten wir sie nicht nur auf das leuchtende Beispiel des seligen Liborius Wagner hinweisen, sondern auf sie ebenso die geheimnisvolle und stärkende Kraft seines Schutzes herabrufen!

Und im Vertrauen, daß wir alle den neuen Seligen als Beispiel christlicher Stärke und Schützer unseres christlichen Glaubens in steter Treue zur Kirche Christi haben dürfen, segnen wir den Oberhirten der Diözese Würzburg und alle anderen anwesenden deutschen Bischöfe sowie die Vertreter der staatlichen Behörden und alle Gläubigen, die dieser erhebenden liturgischen Feier beiwohnen.

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Quelle: Seligsprechung des Priesters Liborius Wagner – 24. März 1974

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Siehe dazu auch:

Prälat Prof. Dr. Georg May: DER GLAUBE – SÜNDEN GEGEN DEN GLAUBEN

Predigt vom 17.11.2013

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

An den vergangenen Sonntagen haben wir uns Gedanken gemacht über den Glauben. Der Glaube ist eine so reichhaltige Wirklichkeit, dass man ihn von verschiedenen Seiten ansehen kann. Eine Defi­nition des Glaubens gibt der Brief an die Hebräer. Im 11. Kapitel im 1. Vers heißt es: „Der Glaube ist die Überzeugung von dem, was man nicht sieht; die Zuversicht auf das, was man erhofft.“ Der Glau­be ist sicher eine Hingabe an Gott, eine Übergabe an Christus, aber auch ein Fürwahrhalten.

In der jüngsten Zeit sind Irrlehrer aufgetreten, die das Fürwahrhalten aus dem Glauben entfernen wollen. Das ist eine schwere Verirrung. Der Glaube richtet sich auf das, was Gott in seiner Offenba­rung den Menschen zur Nachachtung vermittelt hat. Die Wahrheiten des Glaubens, die uns zum Für­wahrhalten dargeboten werden, sind das Lebensgesetz des Volkes Gottes und seiner Glieder. Gegen diese Wahrheiten kann man sich verfehlen. Es gibt Sünden gegen den Glauben. Das soll das Thema unserer heutigen Überlegungen sein. Die Sünden gegen den Glauben können Unterlassungssünden oder Begehungssünden sein. Unterlassungssünden liegen vor, wenn man sich um den Glauben nicht kümmert, wenn man schuldhaft unwissend ist in Glaubensdingen, oder wenn man es unterlässt, den Glaubensakt zu erwecken, wenn es notwendig ist, z.B. beim Glaubensbekenntnis, beim Sakramentenempfang. Die Begehungssünden richten sich gegen den Glauben als Handlung und als Anlage, und zwar gegen den Glauben, wie er in Satzwahrheiten ausgedrückt wird. Man kann den Glauben verlet­zen durch zu wenig und durch zu viel. Wir werden gleich die Fälle, in denen der Glaube durch zu we­nig verletzt wird, näher ins Auge fassen.

Zunächst einmal die Frage: Kann man auch zu viel glauben? Soweit sich der Glaube auf Gott rich­tet, ist ein Zuviel unmöglich. Man kann Gott nicht zu viel glauben. Aber es gibt eine Leichtgläubigkeit, d.h. eine Verfehlung in der Hinsicht, dass man für Glaubenswahrheiten hält, was keine Glaubens­wahrheiten sind. Leichtgläubigkeit ist heute nicht selten. Denken Sie an die vielen Menschen, die Er­scheinungen, Visionen, außergewöhnlichen Ereignissen und angeblichen Wundern nachjagen. Dieses heute oft feststellbare Haschen nach Privatoffenbarungen ist regelmäßig Leichtgläubigkeit und damit Missbrauch des Heiligen zur Sensation. Die Kirche will uns nicht bloß den Wunderglauben lehren, sie will auch dem Wunderaberglauben wehren. An dieser Stelle ein Wort zum Aberglauben. Aberglauben ist die „quasireligiöse Hinwendung“ zu irgendwelchen numinosen, unpersönlichen Mächten und Kräf­ten. Sie tritt auf in Form der Wahrsagerei, der Zauberei und des Wahnglaubens. Die Wahrsagerei hat ihre Wurzel in dem angeborenen Triebe des Menschen, die Zukunft zu enthüllen. Sie ist außeror­dentlich häufig. Es gibt Hunderte und Tausende, die mit diesen Lügengeweben der Wahrsagerei ihr Brot verdienen. Die Zauberei entspringt dem Verlangen nach müheloser, gottähnlicher Meisterung der Naturgewalten. Man meint sich irgendwelcher Kräfte bedienen zu können, um Wirkungen her­vorzurufen, die mit natürlichen Mitteln nicht zu erreichen sind. Der Wahn oder der religiöse Wahn drückt sich aus in Erlebnissen des Aaserwähltseins oder des Verfolgtseins oder des Berufenseins. Jeg­licher Aberglaube ist eine Trübung des hellen Gottesglaubens. Eine Trübung des Glaubens an die Heiligkeit, die Allmacht und die Vorsehung Gottes. Oft ist er gegen den Glauben als solchen gerichtet. Er verführt zur Tatenlosigkeit, weil man sich eben von irgendwelchen geheimen Mächten Unter­stützung oder Ersatz der eigenen Leistung erhofft. „Ihr sollt euch nicht an Zauberer wenden!“ heißt es 3. Buch Moses. Mit dem Schwinden der Religiosität breitet sich unwiderstehlich der Aberglaube aus. „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub‘ ins Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“, hat Emanuel Geibel gedichtet.

Nun aber zu den Sünden gegen den Glauben. Die erste Sünde ist der Unglaube, also die Leugnung des Christentums als solchen, der volle Gegensatz zum christlichen Dogma: Heidentum, Judentum, Islam und die modernen atheistischen und unchristlichen Systeme. Der Unglaube ist die Sünde des alten Heidentums, das falsche Götter an die Stelle des wahren Gottes setzte. Aber auch die Sünde jener neuheidnischen Weltauffassungen, die alle Religionen und jede Gottheit leugnen, die die Welt mit Gott ineins setzen — das Universum, das All ist angeblich Gott: Pantheismus, Materialismus, abso­luter Skeptizismus. Die Heiden von heute sind nicht mehr wie die Heiden vor Christus jungfräulicher Boden, der auf die Saat des Wortes Gottes wartet. Sie sind wie Schutthaufen an den Rändern der Großstadt: in sich verkehrt, verschüttet, verbogen. Auch jene religiöse Entwicklungslehre, die alle religiösen Begriffe und Dogmen dem geschichtlichen Wechsel unterwirft — wie es ja weitgehend im Protestantismus der Fall ist —, also auch diese religiöse Entwicklungslehre ist eine Preisgabe des wah­ren Gottesglaubens. Keine Dogmen zugestehen, die immer gelten, heißt die christliche Religion ver­nichten. Zum Glauben — im christlichen Sinne — gehört mindestens die Anerkennung Jesu als des ab­soluten Wahrheitslehrers und Gottessohnes. Deswegen ist derjenige, der die Gottheit Christi leugnet, als Ungläubiger anzusehen. Die Gottheit Christi wird geleugnet — ich sage es mit Schmerz — von vie­len evangelischen Theologen; aber auch von einem katholischen, nämlich von Hans Küng. Das kirch­liche Gesetzbuch bezeichnet die Ablehnung des christlichen ‚Glaubens im Ganzen und auch die Ab­lehnung Christi als wahren Gottes als „Apostasie“, als Abfall. Der Glaube ist eine Gnade; der Unglaube ist eine unentschuldbare Sünde. Gott gibt jedem Menschen die hinreichende Gnade, zum Glauben zu kommen und im Glauben zu verharren. Den Glauben verliert niemand, es sei denn, er schüttelt ihn ab. Häufig — vielleicht in den meisten Fällen — ist es die Sittenlehre, die zum Abwerfen des Glaubens verführt. Wenn das Einmaleins und der Lehrsatz des Pythagoras die gleichen Forderun­gen an das sittliche Leben stellen würden wie die Glaubenssätze, sie würden genauso ungläubig aufge­nommen werden wie diese.

Die zweite Sünde gegen den Glauben ist die Häresie. Das ist ein griechisches Wort und heißt so viel wie „Auswahl“. Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung von Wahrheiten, die kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glauben sind, oder auch den Zwei­fel an einer solchen Glaubenswahrheit. Der Sündencharakter der Häresie besteht in der Auswahl: Man wählt sich aus dem christlichen Glaubenssystem etwas aus. Man mischt die Irrlehre in den christlichen Glauben. Das ist das Merkmal der zahllosen Sekten. Sie berufen sich alle auf die Heilige Schrift, aber keine von ihnen hat die ganze Heilige Schrift. Jede dieser Sekten hat ihre Lieblingstexte, auf die sie sich stützt, und vernachlässigt die anderen. Der große Theologe Joseph Lortz — der ja bei uns in Mainz gewirkt hat —, hat ein zweibändiges Werk über die Reformation in Deutschland geschrieben. In diesem Buche untersucht er auch den Glauben Luthers. Es sagt: „Luther war kein ‹Vollhörer› der Hei­ligen Schrift.“ Er hat die Schrift nur in Auswahl gelesen und gelten lassen in dem, was ihm entsprach. Und anderes hat er beiseitegelassen. „Er war kein Vollhörer“, sagt Joseph Lortz. Die Kirche hat im­mer die Preisgabe einer Wahrheit — also eines Dogmas — als Irrlehre und Irrglaube bezeichnet. Die Heilige Schrift spricht deutlich davon: „Aus unserer Mitte sind sie hervorgegangen, aber sie gehörten nicht zu uns. Hätten sie zu uns gehört, dann wären sie bei uns geblieben. So aber sollte offenbar wer­den, dass sie uns nicht angehörten.“ Die Kirche hat immer mit Schmerz und mit Trauer Menschen angesehen, die bei ihr waren, die sich dann von ihr gelöst haben durch Abfall zur Sekte.

Auch der freiwillige Glaubenszweifel hebt die Tugend des Glaubens auf, denn der Glaube ist nun einmal ein festes, zweifelloses Fürwahrhalten. Vorausgesetzt für den sündhaften Zweifel ist, dass man den Widerspruch des Denkens zur objektiven Norm und Pflicht des Glaubens subjektiv erkennt. We­sentlich verschieden vom Zweifel sind Schwierigkeiten im Glauben oder Versuchungen gegen den Glauben. Schwierigkeiten im Glauben sind normal, denn der Glaube verlangt von uns die Annahme von Wahrheiten, die eben nicht auf der Straße liegen. „Tausend Schwierigkeiten“, sagt der englische Kardinal Newman, „tausend Schwierigkeiten machen nicht einen einzigen Zweifel aus.“ Auch Versu­chungen gegen den Glauben sind kein Glaubenszweifel. Der böse Feind weiß, wo er die Gläubigen packen muss. Und er greift sie an, indem er sie versucht. Das Erste Vatikanische Konzil hat den Satz aufgestellt, dass es „für einen Christen, der einmal den Glauben angenommen hat mit Herz und Ver­stand, keinen objektiven Grund geben kann, keinen gerechten Grund geben kann, den Glauben zu ändern oder in Zweifel zu ziehen.“ Wer zweifelt, meine lieben Freunde, der verliert. „Unsere Zweifel sind unsere Verräter“, heißt es bei Shakespeare. Man fasst dieses Zweifeln gewöhnlich unter dem Namen „Skepsis“. Skepsis ist die Ansicht, dass die Wahrheit unerkennbar ist; man ist skeptisch. Ein sicheres Kriterium, um eine wahre Vorstellung von einer falschen erkennbar zu machen, ein sicheres Kriterium, so sagt der Skeptiker, gibt es nicht. Aber vergessen Sie nicht, der Satz „Nichts ist mit Ge­wissheit erkennbar“ gerät mit sich selbst in Widerspruch, denn wer diesen Satz vertritt, nimmt ja zu­mindest an, dass dieser Satz zutreffend ist — also die absolute Skepsis hebt sich selbst auf. Die Skepsis im Glauben macht die Seelen welk und alt. Sie weiß keine Antwort zu geben, sie bringt die Menschen um die Seligkeit des Glaubens.

Eine weitere Verfehlung ist der Indifferentismus, also die Gleichgültigkeit im Glauben. Sie kann praktisch oder theoretisch sein. Praktische Gleichgültigkeit liegt vor, wenn man träge ist in der Übung des Glaubens, im Gebet, im Besuch des Gottesdienstes. Oder auch gleichgültig gegen die Wahrheit des Glaubens, gegen die Interessen der Kirche, gegen das Heil der Seelen und die Ehre Gottes und seines Reiches. Solche Gleichgültigkeit ist — wie Sie wissen — außerordentlich häufig. Es fehlt an Le­bendigkeit des Glaubens, es fehlt an Ernst gegenüber den Verpflichtungen des Glaubens. Quellen der Indifferenz (des Indifferentismus) sind religiöse Unwissenheit, Vorurteile gegen die Kirche, weltlicher Sinn, Vernachlässigung der religiösen Übungen. Die Folge ist der allmähliche Verlust des Glaubens. Der theoretische Indifferentismus besteht darin, dass man sagt „alle religiösen Bekenntnisse sind gleich wahr oder auch gleich falsch“. Oder der Glaube habe für das sittliche Leben und das ewige Heil keine Bedeutung; Hauptsache dass man „etwas“ glaubt. Ja, meine lieben Freunde, wozu ist denn Gott vom Himmel herabgestiegen, wenn es gleichgültig ist, was man glaubt? Der theoretische Indifferen­tismus steht dem völligen Unglauben nahe. Schon im Alten Bunde war die religiöse Gleichgültigkeit bekannt. Denken Sie an den Propheten Elias, der das Volk fragte: „Wie lange wollt ihr auf beiden Seiten hinken? Wer ist der wahre Gott: der Gott Israels oder Baal?“. Das Christentum hat sich von Anfang an gegen Unentschiedenheit und Rückversicherung im Glauben gewehrt. „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“, sagt der Herr. Und Paulus fragt: „Was hat das Licht mit der Finsternis zu tun? Wie verträgt sich Gottes Tempel mit Götzenbildern?“ Im letzten Buch der Heiligen Schrift — in der Apokalypse — heißt es: „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch warm. Wärest du doch kalt oder warm, aber weil du lau bist, will ich dich ausspucken aus meinem Munde!“ Der Laue, das ist der Skeptiker, das ist der Indifferente. Der Apostel von Berlin, Karl Sonnenschein, hat einmal in seinen sonntäglichen Notizen geschrieben: „Was ist größere Gefahr: Sekte, Freimaurertum, Apathie? Die Apathie ist es. Wahnsinnige Gleichgültigkeit gegen die religiösen Dinge.“ So Karl Sonnenschein.

Die Sünde gegen den Glauben ist deswegen besonders gravierend, weil eben mit ihr das ganze Ge­bäude des Christen einstürzt, denn der Glaube ist die Tragkraft seines Lebens. Und deswegen heißt es bei Markus: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“ Und bei Johannes: „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet.“ Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Saloniki: „Alle jene werden dem Gericht verfallen, die der Wahrheit keinen Glauben schenken.“ Und an die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Der Zorn Gottes kommt über die Kinder des Unglaubens.“ Dieser Lehre entsprechend hat die Kirche, seit ältesten Zeiten, nach außen kundgegebene Häresie und Apostasie mit dem Aus­schluss aus ihrer Gnadengemeinschaft beantwortet — mit der Exkommunikation. „Einen ketzerischen Menschen weise zurecht und meide ihn, wenn du ihn zurechtgewiesen hast.“ „Wenn einer zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, nehmt ihn nicht in euer Haus auf und bietet ihm keinen Gruß.“

Die innere Betrachtung der Sünde des Unglaubens zeigt ihre sittliche Verwerflichkeit. Es handelt sich ja um die Preisgabe eines göttlichen Gutes, nämlich der höchsten Wahrheit. Es wird auch die Sünde deswegen so schwer, weil sie sich abwendet von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit Gottes. Es geht ja nicht um Menschen. Es geht beim Unglauben um Gott. Die Sünde verletzt die Autorität Got­tes, die gebietende Macht des Schöpfers über die Menschenseele, und damit auch die Ehre Gottes.

Der Unglaube ist sodann eine Verfehlung gegen die wahre Selbstliebe: ein Herabsinken der Seele in Finsternis, aus der sie sich durch den Glauben erhoben hatte. Die Sünde steht auch im Gegensatz zu der kirchlichen Gemeinschaft, weil sie sich absondert. Sie zerreißt das Einheitsband der Kirche, das ja der Glaube ist. Und sie gefährdet die übernatürliche Heilswahrheit bei anderen, denn sie kann anste­ckend wirken, diese Sünde, sie kann ansteckend wirken. Und deswegen hat die Kirche auch immer mit ihren Waffen gegen sie gekämpft. Sie kennen alle den Kampfbegriff gegen die Kirche, das Wort „In­quisition“. Wenn es in Mainz einen Kenner der Inquisition gibt, dann bin ich das. Ich habe mich als Kirchenrechtler mit dieser Frage ausgiebig beschäftigt und habe, was mir erreichbar war, gelesen. Erst vor einigen Jahren hat Hermann Heimpel, in Göttingen, Protokolle einer Inquisition veröffentlicht ­ich habe sie besprochen. Die Inquisition, meine lieben Freunde, ist aus dem Grundsatz der Einheit von Staat und Kirche entstanden. Die Feinde der Kirche galten gleichzeitig als Feinde des Staates, und darum erfolgte ihre Bestrafung durch den Staat. Es gab Irrlehren, die gemeingefährlich für Kirche und Staat waren, Irrlehren, die den Bestand von Kirche und Staat infrage stellten. Ihre Vertreter waren die Anarchisten der damaligen Zeit. Ignaz Döllinger — also der Mann, der später mit der Kirche gebro­chen hat —, Ignaz Döllinger hat einmal geschrieben: „Die Katharer“ — also diese Sekte, die in Süd­frankreich und in Nordspanien sich ausbreitete — „die Katharer griffen Ehe, Familie und Eigentum an. Hätten sie gesiegt: ein allgemeiner Umsturz, ein Zurücksinken in die Barbarei und heidnische Zuchtlo­sigkeit wäre die Folge gewesen.“ So Ignaz Döllinger. Es war allgemeine Überzeugung, dass hartnäcki­ge Ketzer den Tod verdienen. Wenn man über andere relativ geringfügigere Vergehen wie Zauberei oder Brandstiftung die Todesstrafe verhängte, dann erst recht über die Ketzerei. Die hartnäckige Ket­zerei wurde als das schlimmste Vergehen angesehen. Und deswegen hat — man höre und staune — Kai­ser Friedrich II. — Kaiser Friedrich II.! — die Gesetze gegen die Ketzer erlassen, die den Feuertod fest­setzten. 1224, 1231 und 1238 hat Kaiser Friedrich die Gesetze über die Bestrafung der Ketzer erlassen. Seitdem wurde der Feuertod für den hartnäckigen Ketzer festgesetzt. Der Bestrafung ging die Untersuchung voraus. Das lateinische Wort dafür ist „inquisitio“. Inquisition heißt „Untersu­chung“. Der sie vornahm, musste im Recht und in der Theologie bewandert sein. Deswegen wurde sie mit Vorliebe den Dominikanern übertragen, denn das war der gebildetste Orden der damaligen Zeit. Die Aufgabe der Inquisitoren war, zu untersuchen, ob jemand ein Ketzer sei. Wenn das festgestellt wurde, hat man ihn zum Widerruf zu bringen versucht. Deswegen die gelehrten Männer. Sie haben ihn mit Gründen, mit Glaubensgründen, mit Verstandesgründen, zu widerlegen versucht. Und das ist in vielen, in sehr vielen Fällen gelungen. Und die so Wiedergewonnenen wurden entlassen. Die hart­näckigen Ketzer dagegen wurden als solche verurteilt. Es gab viele Urteile, die nur auf Gefängnis lau­teten, zeitweiliges Gefängnis: ein Jahr, zwei Jahre oder noch weniger. Es gab aber auch solche, die, weil sie hartnäckig und gemeingefährlich waren, der weltlichen Gewalt zur Bestrafung am Leben überwiesen wurden. Ich habe die Protokolle, die sich erhalten sind, gelesen. Sie zeigen, mit welcher Leidenschaft die kirchlichen Inquisitoren darum rangen, die Ketzer zu bekehren, und in wie vielen Fällen es ihnen auch gelungen ist. Deswegen lauteten die meisten Urteile auf Freispruch oder zeitwei­lige Haft. Die Übergabe an den weltlichen Arm zur Todesstrafe war selten. Die darüber verbreiteten Lügen sind keine Wahrheit. Man will hier der Kirche etwas auswischen. Die Inquisition wurde auch in protestantischen Staaten geübt. Man denke an die furchtbaren Verfolgungen der Katholiken in Eng­land. Jahrhundertelang wurden dort Menschen wegen ihres Glaubens hingerichtet, bis ins 19. Jahr­hundert. Und in Irland war es ebenso und in Frankreich während der Revolution. Diese Verfolgungen haben zahlreichere und grausamere Urteile gegen die Gläubigen zu verantworten als alle Urteile der Inquisition im Mittelalter.

Meine lieben Freunde, wir wollen uns am heutigen Tage besinnen, welcher Schatz unser Glaube ist. Gott verloren, d.h. alles verloren. Ohne Gott, alles Spott. Für uns muss gelten: Erstens: Verwerfe den Irrtum, aber liebe die Irrenden. Wir müssen für unseren Glauben stehen und dürfen ihn nicht verbie­gen. Aber wer ihn nicht teilt, hat Anspruch auf unsere ungeheuchelte Liebe. Die Liebe drängt uns, den Irrenden die Wahrheit zu bringen. Zweitens: Halte, was du hast. Meide die Gefahren für den Glauben. Stärke deinen Glauben, vertiefe deinen Glauben, lebe deinen Glauben, betätige deinen Glauben: im Gebet, im Gottesdienst, im Handeln aus dem Glauben. Drittens: Wache über die dir Anvertrauten. Versorge sie mit Schriften, die den Glauben aufbauen. Zeige ihnen, dass unser Glaube begründet ist, dass die Vernunft ihm nicht widerspricht. Suche in Glaubensgesprächen die Fragen zu beantworten, die andere haben, die Schwierigkeiten zu lösen, unter denen sie leiden. Ich sage, meine lieben Freunde, mit Victor Hugo: „Zu glauben ist schwierig, nicht zu glauben ist unmöglich.“

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Quelle: Glaubenswahrheit.org