Irak: Zehntausende auf der Flucht aus Mossul

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Auf der Flucht aus Mossul

Zehntausende von Menschen sind vor den Kämpfen der irakischen Armee gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) aus Mossul geflohen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) spricht von mehr als 45.700 Personen, darunter vielen Minderjährigen. Die vielen Kinder in den UNO-Auffanglagern seien oft völlig erschöpft und verängstigt, berichtet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. Der chaldäische Patriarch von Bagdad, Louis Raphael Sako I., beschreibt die Lage der Menschen im Interview mit Radio Vatikan als „tragisch“:

„Denn in den Zelten in der Wüste gibt es kein Licht und keinen Strom, es fehlen auch Wasser und Nahrungsmittel und alle Bedingungen eines würdigen Lebens. Es ist noch Winter, und in der Wüste ist es kalt, vor allem nachts. Die Leute haben Angst, dass sie nicht in ihre Häuser zurückkehren können, haben Angst vor Rache… Das ist eine wirklich schreckliche Situation des Wartens, ohne zu wissen, wann und wie dieser Krieg enden wird.“

Mossul gilt als eine der letzten großen Städte des Irak, in der sich IS-Kämpfer verschanzen. Die Geflohenen berichten von andauernden, schweren Kämpfen im Westteil der zur Hälfte befreiten Metropole: Dort liefern sich irakische Truppen Feuergefechte mit den Terroristen. Auch in Erbil, der nahegelegenen Hauptstadt der autonomen Kurdenprovinz, haben viele Flüchtlinge aus Mossul Aufnahme gefunden. Sie hätten teilweise nicht einmal ihre Dokumente bei sich, berichtet der chaldäische Erzbischof dieser anderen irakischen Stadt, Mashar Warda:

„Diese Familien erzählen von drei Bedingungen, die ihnen der Islamische Staat stellte: Entweder der Übertritt zum Islam, das Bezahlen einer Steuer, der Jizah, oder das Verlassen der Heimat ohne alles. Und viele sind also ohne alles geflohen, nahmen nur ihre Dokumente mit, die ihnen aber dann an den verschiedenen Checkpoints des IS abgenommen wurden, genau wie ihre Autos – sie mussten wirklich alles zurückgelassen.“

Patriarch Sako wie auch Erzbischof Warda hoffen auf einen Neuanfang für die Menschen im Irak nach der Befreiung des Landes vom IS. Sie setzen unbeirrt auf ein Verbleiben der Christen im Irak. Die Regierung vernachlässige diesen Aspekt, findet Erzbischof Warda. Gemeinsamer Neuaufbau, Versöhnung und sozialer Frieden seien in dem zerstörten Land jetzt ebenso wichtig wie Sicherheit, mahnt der Kirchenmann. Hier hätten gerade die Christen eine entscheidende Rolle.

„Wenn wir den Christen nicht die Bedingungen bieten, um bleiben zu können, und uns nur auf Worte beschränken, um sie zu überzeugen, werden noch mehr Menschen das Land verlassen. Das Problem ist, dass die irakische Regierung sich nicht so verhält, dass die Christen zum Bleiben ermutigt werden. Und wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass es eine Marginalisierung der Christen und der Jesiden gibt. Alle sind damit beschäftigt, Daesh (den IS) zu bekämpfen; das darf aber nicht bedeuten, alle anderen Bedürfnisse des Volkes zu vergessen! Die Regierung konzentriert sich aber nur darauf.“

Dabei würden die Christen im Irak durchaus auch von Muslimen geschätzt, so der Erzbischof weiter. Er verweist auf christliche Akteure im Mossuler Geschäftsleben und auf die vielen begehrten christlichen Schulen der Stadt. Dass viele Bürger sich daran erinnern, gibt Warda die Hoffnung, dass im Irak eines Tages doch wieder Normalität einkehren kann.

„Wir hoffen, dass nach dieser Phase eine Zeit des Wiederaufbaus all der Dörfer und Städte stattfinden kann und dass der Prozess der Versöhnung, auch der politischen Versöhnung, und ein neues Leben beginnen können.“

(rv 06.03.2017 pr)

Diese brutale Grausamkeit macht sprachlos

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Dramatische Stunden besonders für die Kinder auf der Flucht aus Mossul.

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet am 23. Oktober

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Die zweite Lesung der heutigen Liturgie unterbreitet uns die Mahnung des heiligen Paulus an Timotheus, seinen Mitarbeiter und geliebten Sohn, in der er an sein Leben als Apostel zurückdenkt, der ganz der Mission geweiht ist (vgl. 2 Tim 4,6-8.16-18). Da er nunmehr das Ende seines irdischen Weges nahen sieht, beschreibt er ihn in Bezug auf drei Zeiten: die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft.

Die Gegenwart deutet er mit der Metapher des Opfers: »Ich werde nunmehr geopfert« (V. 6). Was die Vergangenheit betrifft, verweist Paulus auf sein bisheriges Leben mit den Bildern des »guten Kampfes« und des »Laufs« eines Mannes, der konsequent seine Aufgaben erfüllt und seine Verantwortung wahrgenommen hat (vgl. V. 7); folglich vertraut er für die Zukunft auf die Anerkennung Gottes, der ein »gerechter Richter« ist (V. 8). Doch die Mission des Paulus war erfolgreich, gerecht und treu allein dank der Nähe und der Kraft des Herrn, der aus ihm einen Verkündiger des Evangeliums an alle Völker gemacht hat. In seinen Worten: »Der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören« (V. 17).

In dieser autobiographischen Erzählung des heiligen Paulus spiegelt sich die Kirche wider, besonders heute, am Weltmissionssonntag, dessen Thema lautet: »Missionarische Kirche, Zeugin der Barmherzigkeit.« In Paulus findet die christliche Gemeinde ihr Vorbild in der Überzeugung, dass es die Gegenwart des Herrn ist, welche die apos­tolische Arbeit und das Werk der Evangelisierung wirksam macht. Die Erfahrung des Völker­apostels ruft uns in Erinnerung, dass wir uns einerseits in den seelsorglichen und missionarischen Aktivitäten einsetzen müssen, als hinge das Ergebnis von unseren Kräften ab, verbunden mit dem Opfergeist des Athleten, der nicht einmal angesichts von Niederlagen aufgibt; andererseits jedoch im Wissen, dass der wahre Erfolg unserer Mission Geschenk der Gnade ist: es ist der Heilige Geist, der die Sendung der Kirche in der Welt wirksam macht.

Heute ist die Zeit der Mission und die Zeit des Mutes! Mut, um die unsicheren Schritte zu stärken, um wieder Geschmack an der Hingabe für das Evangelium zu finden, um neues Vertrauen in die Kraft zu gewinnen, die die Mission mit sich bringt. Es ist die Zeit des Mutes, auch wenn Mut haben nicht bedeutet, eine Erfolgsgarantie zu besitzen. Von uns ist Mut zum Kämpfen gefordert, nicht unbedingt um zu siegen; zur Verkündigung, nicht unbedingt um zu bekehren. Von uns wird der Mut gefordert, eine Alternative zur Welt zu sein, ohne aber polemisch oder aggressiv zu werden. Von uns wird der Mut gefordert, uns allen zu öffnen, ohne dabei je die Absolutheit und Einzigartigkeit Christi zu schmälern, des einzigen Erlösers aller Menschen. Von uns wird der Mut gefordert, dem Unglauben zu widerstehen, ohne arrogant zu werden. Von uns wird auch der Mut des Zöllners aus dem heutigen Evangelium gefordert, der es aus Demut nicht einmal wagte, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern sich an die Brust schlug und sprach: »Gott, sei mir Sünder gnädig!« Heute ist die Zeit des Mutes! Heute braucht man Mut!

Die Jungfrau Maria, Vorbild der Kirche »im Aufbruch« und dem Heiligen Geist fügsam, helfe uns, dass wir kraft unserer Taufe alle missionarische Jünger sind, um die Botschaft des Heiles der ganzen Menschheitsfamilie zu bringen.


Friedensappell von Papst Franziskus für den Irak

Beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz sagte der Heilige Vater:

In diesen dramatischen Stunden bin ich der gesamten Bevölkerung des Irak und vor allem den Einwohnern der Stadt Mossul nahe. Unsere Seelen sind von den abscheulichen Gewalttaten erschüttert, die seit zu langer Zeit gegen die unschuldigen Bürger begangen werden, seien es Muslime, Christen oder Angehörige anderer Ethnien und Religionen. Mit Schmerz erfüllt haben mich die Nachrichten von der kaltblütigen Ermordung zahlreicher Söhne und Töchter dieses geliebten Landes, darunter auch viele Kinder. Diese brutale Grausamkeit rührt uns zu Tränen und macht uns sprachlos. Meiner Solidaritätsbekundung schließt sich die Zusicherung meines Gebetsgedenkens an, auf dass der Irak, obwohl er hart getroffen ist, stark und fest in der Hoffnung bleibe, zu einer Zukunft der Sicherheit, der Aussöhnung und des Friedens gelangen zu können. Daher bitte ich euch alle, euch in Stille meinem Gebet anzuschließen. [Stille. Dann betete der Papst das »Gegrüßt seist du, Maria«]

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Quelle: Osservatore Romano 43/2016

Irak: Patriarch Sako besucht befreite Dörfer

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In den befreiten Dörfern: Patriarch Sako

Man kann es sich kaum vorstellen, was für einen Eindruck es machen muss, wenn man in einst blühende Dörfer kommt, die nach zwei Jahren Besetzung durch die Milizen des selbst ernannten Islamischen Staates nun geschändet und zerstört sind. „Trauer und Leid“, aber auch „große Hoffnung“: Das sind die Worte, mit denen der chaldäische Patriarch Louis Sako seine Gefühle beschreibt, nachdem er einst christliche Dörfer der Ninive-Ebene besucht hat, die erst vor kurzem durch die alliierten Truppen auf ihrem Vormarsch auf die IS-Hochburg Mossul befreit worden sind.

Sechs Dörfer, unter ihnen das einst 40.000 Bewohner zählende Karakosh, habe er besucht, erklärt der Patriarch im Interview mit Radio Vatikan: „Die Zerstörung ist sehr groß, ich denke, etwa dreißig Prozent sind zerstört. Auch die Kirchen sind verbrannt oder entweiht worden: Da sind Sprüche gegen Christen und so weiter. Aber die Kirchen stehen noch, und das ist wichtig. Auch die Straßen sind zerstört: Wir haben zwölf Stunden gebraucht, um hin und zurück zu kommen.“

Die Christen, die größtenteils in die irakische Kurdenmetropole Erbil geflohen sind und im Exil die Nachricht von der Befreiung ihrer Dörfer erhalten hatten, können eine Rückkehr in ihre Heimat kaum erwarten. Doch nun gehe die Arbeit erst los, sagt der Patriarch: „Das Problem ist, dass die Minen entfernt werden und die Ruinen freigelegt werden müssen, damit die Menschen dort hinkönnen und nachsehen, in welchem Zustand ihre Häuser sind, was geblieben ist, um eine Rückkehr zu planen. Doch jetzt ist das sehr schwierig, und auch gefährlich. Auch wir konnten uns nicht entfernen, denn die Minen sind so gut wie überall. Die Milizen haben auch Kilometer lange Tunnel gegraben, all das muss erst beseitigt werden.“ Er sei fassungslos, so der Patriarch, angesichts des logistischen und finanziellen Aufwandes, der hinter diesen ausgetüftelten Tunnelsystemen stecke.

Doch besondere Sorge mache ihm nun die Situation der Bewohner in der belagerten Stadt Mossul. „ Wir haben große Angst um Mossul. Es kann ein Massaker geben…“ Eine Begleiterscheinung des Sturms auf die IS-Hochburg: Tausende aus der Stadt geflohene Zivilisten könnten auf der Suche nach Obdach auch die Häuser in den christlichen Dörfern besetzen. „Und das stellt ein großes Problem dar. Wie soll man sie nachher wieder dazu bringen, die Häuser zu verlassen? Wir arbeiten daran, dass sie gleich in für sie bereitstehende Flüchtlingscamps ziehen können.“

Auf der Fahrt durch die zerstörten und nach wie vor gefährlichen Gebiete sei der Konvoi des Patriarchen auf kurdische, sunnitische und schiitische Befehlshaber der alliierten Streitkräfte getroffen, die den Besuch der Delegation begrüßt hätten. Sie selbst hätten dafür gesorgt, dass die Kreuze und Glocken der verwüsteten Kirchen schnellstmöglich wieder an ihren angestammten Platz kommen konnten, zeigt sich der Patriarch beeindruckt. Doch wichtig sei es nun, weitere konkrete Taten folgen zu lassen, damit das Jahr 2017, wie von den Kirchenführern im Irak erhofft, tatsächlich ein Jahr des Friedens und der Versöhnung für das Land werden könne.

(rv 29.10.2016 cs)