DIE UNFEHLBARKEIT DES PAPSTES

Um bezüglich des scheinbar geheimnsiumwitterten Terminus‘ „ex cathedra“ nochmals die Mißverständnisse und teilweisen Falschdarstellungen und Verzerrungen gewisser Kreise zu korrigieren bzw. auszuräumen, seien hier Auszüge aus einer höchst aufschlußreichen vorkonziliaren Abhandlung von Monsignor van Noort dargelegt:

Die Unfehlbarkeit des Papstes

Die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes, als Ganzes betrachtet, wurde bereits gezeigt (siehe Nr. 79-99). Aufgrund dieser Tatsache muss der Primat des Papstes, da er sowohl die Lehr- als auch die Regierungsgewalt umfasst, ebenso das Privileg der Unfehlbarkeit einschließen. Wenn das Lehramt der Kirche nicht irren kann, und wenn der Papst selbst die volle Gewalt dieses Lehramtes besitzt, dann folgt daraus zwangsläufig, dass der Papst bei der Ausübung dieses Lehramtes vor Irrtum bewahrt wird. Mit anderen Worten: er ist unfehlbar. Dennoch ist die Angelegenheit so ernst, dass sie ex professo diskutiert werden muss.

I. Das katholische Dogma

Das katholische Dogma ist in den folgenden Worten des (1.) Vatikanischen Konzils dargelegt:

„Im treuen Anschluss also an die Überlieferung, wie Wir sie von der ersten Zeit des Christentums an überkommen haben, lehren Wir zur Ehre Gottes unsres Heilandes, zur Verherrlichung der katholischen Religion und zum Heil der christlichen Völker, unter Zustimmung des heiligen Konzils, und erklären es als von Gott geoffenbartes Dogma: Wenn der römische Papst „ex Cathedra“ spricht, – das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen Autorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist, – dann besitzt er kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen wurde, eben jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte. Deshalb lassen solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zu, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche. Wer sich aber vermessen sollte, was Gott verhüte, dieser Unserer Glaubensentscheidung zu widersprechen: der sei im Bann.“ [Hervorhebungen jeweils von mir]

II. Erklärung des Dogmas

1. Die Bedeutung der päpstlichen Unfehlbarkeit. Der Begriff der Unfehlbarkeit wurde früher in diesem Buch erläutert (siehe Nr. 77 und 79). Viele Nicht-Katholiken [und leider auch Katholiken; Hinzufügung von mir] aber haben noch verzerrte Vorstellungen über diese Angelegenheit. Es kann daher hilfreich sein, durch die Darlegung der folgenden Punkte einige Missverständnisse zu klären: (a) Der Papst wurde in seiner Lehrtätigkeit als unfehlbar erklärt, nicht in seinen anderen Aktivitäten. Es wäre also reine Schamlosigkeit, den Begriff der Unfehlbarkeit mit Makellosigkeit zu verwirren. Wie Unfehlbarkeit einen indirekten Einfluss auf die Regierungsgewalt der Kirche haben kann, wurde oben erläutert (siehe Nr. 91 und 93). (b) Das Privileg der Unfehlbarkeit des Papstes macht seinen Willen nicht zum ultimativen Maßstab der Wahrheit oder Güte. (c) Unfehlbarkeit ist nicht Allwissenheit. (d) Schließlich impliziert Unfehlbarkeit auch nicht Inspiration. Ein unfehlbares Dekret besitzt nicht die gleiche Art von Würde wie die Heilige Schrift.

2. Die effiziente Ursache der päpstlichen Unfehlbarkeit ist Gottes Beistand. Dieser Beistand wurde dem römischen Pontifex in der Person des hl. Petrus versprochen. Zu beachten ist jedoch, dass die Päpste in der Vorbereitung eines unfehlbaren Dekretes nicht die gewöhnlichen Mittel der Untersuchung, Forschung, Diskussion, Beratung oder Bedachtsamkeit vernachlässigen:

Die römischen Päpste ihrerseits – je nachdem wie es die Bedingungen der Zeiten und Umstände diktieren, rufen manchmal ökumenische Konzilien zusammen  oder sondieren den Geist der Kirche in der ganzen Welt, manchmal durch Regionalsynoden, oder manchmal auch durch die Verwendung anderer Hilfen, die  die göttliche Vorsehung zur Verfügung stellt – definierten mit der Hilfe Gottes als festzuhalten jene Dinge, die sie mit der Heiligen Schrift und mit der apostolischen Tradition in Einklang gefunden hatten.

3. Jene mit dem Privileg der Unfehlbarkeit ausgestattete Person, ist der jeweilig regierende römische Papst. Deshalb kann die gallikanische Theorie unmöglich mit der Definition des (1.) Vatikanischen Konzils zusammengehen. Die Gallikaner unterscheiden zwischen dem Stuhl [Petri] und seinem Inhaber. Demgemäß könnten die einzelnen Päpste irren, aber Gott würde es verhindern, dass im römischen Stuhl oder der römisch-katholischen Kirche „der Irrtum tiefe Wurzel schlägt“. Mit anderen Worten, Gott würde bewirken, dass ein Irrtum eines Papstes  schnell wieder behoben werden würde, entweder vom gleichen Papst oder zumindest von seinem Nachfolger. Offensichtlich ist diese Meinung weder vereinbar mit der Aussage des Konzils, dass es „der römische Papst“ ist, der unfehlbar ist, wenn er ex cathedra spricht, noch mit der notwendigen Schlussfolgerung desselben Konzils: „Deshalb lassen solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zu, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche.“

Die Gallikaner appellieren fälschlicherweise an jenes Epigramm Leos des Großen: „Stühle sind eine Sache, jene, die auf ihnen sitzen eine andere“ (Epistula 106.6). Mit dieser Aussage meinte Leo lediglich, dass die Rechte eines Stuhles nicht von der Heiligkeit der Inhaber abhängen: „Denn auch wenn die Inhaber von Stühlen sich von Zeit zu Zeit in ihren Verdiensten unterscheiden, so verbleiben doch die Rechte dieser Stühle“ (Epistula 119.3).

Zu beachten ist jedoch, dass nur der Papst persönlich die Unfehlbarkeit genießt; nicht andere Menschen, an welche er einen Anteil an seinem Lehramt delegiert. Auch wenn z.B. die römischen Kongregationen Organe des Papsttums sind, so sind sie nicht der Papst selbst. Der Grund für diese Einschränkung ist folgender: der Papst kann den göttlichen Beistand – der ihm persönlich versprochen ist – nicht veranlassen, um einen anderen Menschen damit zu begünstigen. Es sollte somit klar sein, was mit der Aussage gemeint ist, dass die Unfehlbarkeit ein persönliches Privileg ist. Sie ist insoweit persönlich, als dass sie zu jedem Papst individuell gehört und nicht auf andere Personen übertragen werden kann; sie ist nicht in jenem Sinne persönlich, dass sie zum Papst als Privatperson gehörte, etwa auf Grund seiner persönlichen Qualifikationen.

4. Der Umfang der päpstlichen Unfehlbarkeit ist genau der gleiche wie für die Kirche als Ganzes: „[er besitzt] jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte.“ Die Väter des (1.) Vatikanischen Konzils wollten mit jenen Worten NICHT die genauen Grenzen der päpstlichen Unfehlbarkeit abstecken: „eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten„, denn es war ihre Absicht, diesen Punkt später zu behandeln. Darum haben sie den Umfang seiner Unfehlbarkeit nur in einer allgemeinen Weise durch jene Formel angegeben, die in der Regel von den Theologen verwendet wird. Es war jedoch bewusste Absicht, dass sie folgende Formulierung verwendeten: „festzuhalten ist“ (tenendam) anstelle der Formulierung: „zu glauben ist“ (credendam). Sie verwendeten die erstere Formulierung, so dass es NICHT erscheine, als würden sie das Privileg der Unfehlbarkeit ausschließlich auf jene Wahrheiten beschränken, die als geoffenbart gelten.

5. Die Bedingungen für die päpstliche Unfehlbarkeit werden zusammengefasst in den Worten: „Wenn der römische Papst „ex Cathedra“ spricht“. Ein Thron (cathedra – Stuhl – Gerichtsbank) ist normalerweise ein Symbol der Autorität und insbesondere der Lehrautorität. Die geweihten Formeln: „ex cathedra sprechen“, oder „eine ex-cathedra-Definition“ waren an theologischen Schulen schon lange vor dem (1.) Vatikanischen Konzil in Gebrauch. Sie bezeichneten die volle Ausübung des päpstlichen Lehramtes. Das (1.) Vatikanum fügte jedoch diese präzise Erklärung hinzu: „das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen Autorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist“.

Wenn man bedenkt, was bereits in der Diskussion über das Objekt der Unfehlbarkeit erläutert wurde (siehe Nr. 85-96 ), so bedeutet „ex cathedra sprechen“ zwei Dinge: (a) der Papst macht tatsächlich Gebrauch von seinem päpstlichen Amt „als Hirte und Lehrer aller Christen“, (b) der Papst gebraucht seine päpstliche Autorität in seiner höchsten Gewalt. Diese beiden Tatsachen müssen klar und unbestritten kenntlich gemacht werden. Es macht aber keinen Unterschied, ob sie durch die Worte, die der Papst gebraucht, oder durch die Umstände des Falles kenntlich gemacht werden. Kurz gesagt, ist KEINE feste Formel und KEINE bestimmte Art von Feierlichkeit für eine ex-cathedra-Verkündigung erforderlich.

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Wenn der Papst lediglich als Privatperson oder als privater Theologe oder als weltlicher Souverän spricht, oder gerade als Ordinarius der Diözese Roms, oder eben als Metropolit der Provinz Rom, sollte er nicht als unfehlbar betrachtet werden. Er kann zum Beispiel als Privatperson seine privaten Ansichten äußern – politischer, wirtschaftlicher oder geistiger Art. Als privater Theologe könnte er ein Buch über einige Aspekte des geistlichen Lebens schreiben. Als weltlicher Souverän des Vatikanstaats könnte er Dekrete über Steuern oder eine Wirtschaftsreform erlassen…

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Was daher für eine unfehlbare Erklärung erforderlich ist, ist, dass der Papst tatsächlich als Papst agiert, d.h. „als Hirte und Lehrer aller Christen“, so dass seine Entscheidung auf die Weltkirche abzielt und für das Wohl der universellen Kirche gegeben wurde. Es ist  jedoch für das Dokument, welches  eine unfehlbare Entscheidung enthält, NICHT notwendig, dass es direkt an die universelle Kirche adressiert ist. Eine Entscheidung, die für die ganze Kirche bestimmt ist, kann zum Beispiel an die Bischöfe einer bestimmten Region adressiert sein, in der gerade ein verurteilter Irrtum floriert.

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Es kann nützlich sein, ein paar Punkte über rein theologische Meinungen hinzuzufügen – Meinungen in Bezug auf den Papst, wenn er nicht ex cathedra spricht. Alle Theologen geben zu, dass der Papst einen Fehler in Fragen des Glaubens und der Moral wie folgt begehen kann: entweder, indem er eine falsche Meinung in einer noch nicht definierten Angelegenheit äußert oder durch unschuldige Abweichung von einer bereits definierten Lehre. Die Theologen differieren jedoch bei der Frage, ob der Papst tatsächlich ein formeller Häretiker  durch stures Festhalten an einem Irrtum in einer bereits definierten Angelegenheit werden kann. Die wahrscheinlichere und respektvolle Meinung, vertreten von Suarez, Bellarmin und vielen anderen, besagt, dass, so wie Gott bis zu diesem Tag so etwas nicht passieren lassen hat, so wird Er auch niemals zulassen, dass ein Papst ein formeller und öffentlicher Häretiker wird. Dennoch, einige kompetente Theologen räumen ein, dass der Papst, wenn er nicht ex cathedra spricht, in formelle Häresie fallen könnte. Sie fügen hinzu, dass, sollte ein solcher Fall der öffentlichen Häresie eintreten, der Papst, sei es durch die Tat selbst oder zumindest durch eine spätere Entscheidung eines ökumenischen Konzils, durch göttliches Recht seine Jurisdiktion verlieren würde. Offenkundig kann niemand weiterhin das (sichtbare) Haupt der Kirche sein, wenn er aufgehört hat, auch nur ein Glied der Kirche zu sein.

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