Kardinal Stanislaw Dziwisz zu: Johannes Paul II. und Fatima und „Russlandweihe“

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Ein Auszug aus dem Buch von Kardinal Stanislaw Dziwisz:
Mein Leben mit dem Papst – Johannes Paul II. wie er wirklich war:

Der Fall der Mauer

Jetzt kommen wir in „das unglaubliche Jahr 1989″.

Johannes Paul II. hatte sich das nicht erwartet. Ja, ge­wiss, er war der Auffassung, dass jenes „System“ früher oder später zum Scheitern verurteilt sein würde, da es sozial ungerecht und ökonomisch nicht effizient war. Doch die Sowjetunion war immer noch eine geopoliti­sche, mit Atomwaffen ausgerüstete Weltmacht. Da der Heilige Vater sich nicht als Prophet sah, wie er im Scherz zu sagen pflegte, erwartete er nicht, dass es zu einem so schnellen Zusammenbruch des Kommunismus kommen würde. Vor allem hatte er nicht damit gerech­net, dass die Befreiung in so kurzer Zeit ohne Blutver­gießen erfolgen könnte.

Was am meisten überraschte, war die Art und Weise, wie sich alles vollzog. Abgesehen von den Vorgängen in Rumänien – dort allerdings wegen einer internen Begleichung von Rechnungen an der Macht befindlicher kommunisti­scher Gruppen – handelte es sich um eine friedliche Revo­lution. Sie brach fast gleichzeitig in allen Hauptstädten des Ostblocks aus: in Ost-Berlin, Budapest, Warschau, Prag, Sofia, Bukarest und in gewissem Maße auch in Mos­kau.

Es schien also sehr unwahrscheinlich – im Gegensatz zur oberflächlichen Deutung, die damals jemand glaubhaft zu machen versuchte -, dass der „neue“ Kreml des Michail Gorbatschow jenseits seiner unbestrittenen Verdienste diese Wende gelenkt und auf die Gleise der Gewaltlosig­keit, eines Übergangs ohne Blutvergießen geführt hat. Ur­sächlich war hingegen der Druck seitens der Volksmassen, die vom nicht unterdrückbaren Freiheitsdurst motiviert waren. Sie hatten mittlerweile jede Hoffnung auf diejeni­gen aufgegeben, die das Paradies auf Erden versprochen hatten.

Der Heilige Vater betrachtete sie als eine der größten Revolutionen der Geschichte. Da er sie in der Dimension des Glaubens interpretierte, sah er sie als ein Eingreifen Gottes, als eine Gnade. Für ihn stand der Zusammen­bruch des Kommunismus und die Befreiung der Natio­nen vom Joch des marxistischen Totalitarismus zwei­felsfrei im Zusammenhang mit den Offenbarungen von Fatima. Die Welt und in besonderer Weise Russland soll­ten der Gottesmutter anvertraut werden, worum sie selbst den Papst und die Kirche gebeten hatte: „Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren, und es wird Friede sein; wenn nicht, dann wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten …“, so hieß es in den ersten beiden Teilen der Offenbarungen. Deshalb hatte Johannes Paul II. am 25. März 1984 auf dem Petersplatz vor der Statue der Gottesmutter, die eigens von Fatima gebracht worden war, geistlich ver­eint mit allen Bischöfen der Welt, den Akt der Weihe an Maria vollzogen, ohne Russland ausdrücklich zu nen­nen, aber deutlich auf jene Nationen anspielend, die „dessen in besonderer Weise bedürfen“.

Auf diesem Wege war der Wunsch der Gottesmutter erfüllt worden. Von dem Zeitpunkt an waren die ersten Auflösungserscheinungen in der kommunistischen Welt festzustellen.

Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die vie­ler Bischöfe aus den Ländern des Ostens.

Man muss die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen.

Tatsächlich ist der Untergang des Kommunismus auf das Scheitern seiner politischen und ideologischen Konzeption, seines Sozialsystems und vor allem seiner Planwirtschaft zurückzuführen. Aber es ist gleichwohl wahr, dass es sich noch vorher – wie Karol Wojtyta das in seiner Enzyklika Centesimus annus schrieb – um ein Scheitern geistlichen Ranges handelte. Es war auf die dem Himmel trotzende Annahme zurückzuführen, eine neue Welt und einen neuen Menschen schaffen zu können, indem man Gott in dieser Welt und im Gewissen des Menschen auslöschte.

Eine erste aufsehenerregende Bestätigung erfolgte nicht ein­mal einen Monat nach dem Fall der Mauer. 70 Jahre nach der Oktoberrevolution kam zum ersten Mal ein Präsident und zugleich Parteisekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in den Vatikan. Begleitet war er – eine leichte Ironie der Geschichte – nicht von Kosaken, die ihre Pferde an den Brunnen des Petersplatzes hätten tränken müssen, son­dern von der Bürde einer ideologischen Niederlage.

Es war das Ende eines langen dramatischen Konflikts zwi­schen der größten religiösen Institution der Welt und der größten Versuchung, die es in der gesamten Geschichte ge­geben hat, den Menschen das atheistische „Credo“ aufzu­zwingen.

Mehr oder weniger vollzog sich die allererste Begegnung zwischen dem Papst und Gorbatschow, während sie einen langen Händedruck austauschten, in folgender Weise:

Johannes Paul: „Willkommen. Ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen.“ (in russischer Sprache)

Gorbatschow: „Aber wir hatten bereits mehrfach Kontakt …“ (er bezog sich auf seinen Briefwechsel mit dem Papst) Johannes Paul II.: „Ja, ja, auf dem Papier. Aber wir müssen noch miteinander sprechen.“ (Da er nicht die Worte fand, sprach er auf Italienisch, und der Dolmetscher übersetzte.) An dem Punkt traten sie in die Privatbibliothek und setz­ten sich an den Schreibtisch einander gegenüber.

Johannes Paul: „Herr Präsident, ich habe diese Begegnung durch Gebet vorbereitet …“

Die Antwort von Gorbatschow darauf teilte der Papst weni­ge Wochen später in einem Flugzeug im Gespräch Journa­listen mit: „Mein Gesprächspartner war sehr angetan hin­sichtlich des Gebetes des Papstes. Er sagte mir, das Gebet sei sicherlich ein Zeichen der Ordnung, der geistlichen Werte und dass wir solche Werte sehr brauchen …“

Dadurch wird verständlich, weshalb das eine historische Begegnung war, eines der großen Zeichen des Wandels der Geschichte. Gorbatschow unterstützte nicht nur die Bedeutung der geistlichen Dimension in der menschli­chen Person und ihres positiven Einflusses auf das zivi­le Leben, sondern zeigte sich in besonderer Weise an den päpstlichen Dokumenten bezüglich der Soziallehre der Kirche interessiert.

Der Präsident der Sowjetunion bekräftigte im Bezug auf die Situation in seinem Land mit voller Überzeugung, dass man nicht so weitermachen könne wie bisher. Nach meinem Eindruck dachte Gorbatschow jedoch in diesem Augenblick nicht an tiefgreifende Veränderungen, wie sie sich dann in der ehemaligen UdSSR vollzogen. Er meinte eher äußerliche Änderungen im Bezug auf Transparenz und Freiheit, die der Perestrojka eigen waren, mit anderen Worten: ein Kommunismus mit menschlichem Antlitz. Aber er dachte nicht daran, den Marxismus von innen her zu verändern …

Wenn der Besuch des Führers der Sowjetunion im Vatikan schon seine Bedeutung an sich hatte, so waren gleichzei­tig seine Worte von Bedeutung: „All das, was in Osteuropa in diesen letzten Jahren geschehen ist, wäre nicht möglich gewesen ohne die Präsenz dieses Papstes, ohne die große Rolle, die er auch in politischer Hinsicht auf der Weltbüh­ne zu spielen wusste.“

Das war eine ausdrückliche Anerkennung für Johannes Paul II. Doch ohne daran zu denken oder vielleicht ohne es eingestehen zu wollen, war das auch eine Anerken­nung für die Kirchen (nicht nur die katholische), die mit ihrem Schmerz, mit ihrem Martyrium und dann mit ihrem Widerstand gegen den Staatsatheismus die Hoff­nung von Millionen von Männern und Frauen genährt hatten, wieder die Freiheit zurückzuerlangen.

Indem der Papst dem Weg folgte, der von ganzen Völkern beschritten worden war, machte er sich ideell auf den glei­chen „Pilgerweg zur Freiheit“. Zunächst reiste er in die Tschechoslowakei, das kommunistische Land, das wahr­scheinlich hinsichtlich der christlichen Botschaft am ver­schlossensten war und Johannes Paul II. gegenüber am feindlichsten gesinnt war.

Präsident Vaclav Havel konnte bei der Begrüßung des Hei­ligen Vaters die außerordentliche historische Bedeutung dieses Besuches nicht besser zum Ausdruck bringen, als er von einem „Wunder“ sprach. Sechs Monate vorher befand sich Havel, der als Staatsfeind verhaftet worden war, noch im Gefängnis. Jetzt hingegen richtete er seinen Willkom­mensgruß an den ersten slawischen Papst, an den ersten Papst, der seinen Fuß auf den Boden dieses Landes setzte. Diese „Wunder“, so könnte man sagen, hatte ebenfalls im Petersdom begonnen, als Agnes von Böhmen am 12. November des Vorjahres heiliggesprochen wurde. Zu dem Anlass waren aus der Heimat und dem Ausland mindestens 10.000 Tschechoslowaken angereist. Sie ent­deckten, dass sie vereint stark waren und keine Angst mehr hatten. Der Papst sagte ihnen: „Eure Pilgerreise darf heute nicht enden. Sie muss weitergehen …“ Und diese Pilgerreise ging weiter, bis sie in die „Samtene Re­volution“ einmündete in den zehn Tagen, die die tsche­choslowakische Geschichte veränderten. Das war fast wie ein zweiter „Prager Frühling“.

Das Diktat von Jalta war aufgehoben, Europa nicht mehr zweigeteilt. Den Eisernen Vorhang gab es nicht mehr. Auch der Kalte Krieg war beendet. Indes aber kamen die immensen Schäden ans Licht, die durch so viele Jahre Marxismus verursacht worden waren.

Es war wirklich eine „menschliche Katastrophe“, wie ge­sagt wurde. Die Menschen, die einen so langen Winter des Totalitarismus überstanden hatten, schienen fast unfähig, sich bewusst zu werden, dass sie endlich frei waren. Wäh­rend im Osten das schwer lastende „Erbe“ des Kommunis­mus fortdauerte, kam vom Westen her das „Modell“ einer säkularisierten‘ Gesellschaft, die vom Konsumismus, vor allem aber von einem praktischen Materialismus verseucht war, der eine Tabula rasa für die Werte des Men­schen und des Lebens geschaffen hatte.

Als Johannes Paul II. im Juni 1991 nach Polen zurück­kehrte, konnte er endlich den Übergang vom Totalitaris­mus zur Demokratie begrüßen. Zur gleichen Zeit musste er erfahren, wie schwer es für diejenigen war, die lange Zeit der Freiheit beraubt gewesen waren, jetzt vernünftigen Gebrauch davon zu machen. Im Übrigen hatte, wie sein Nachfolger in Krakau, Kardinal Franciszek Macharski, bemerkte, auch die Kirche zu „lernen“, ihre eigene Sen­dung zu erfüllen und sich dabei nicht mehr täglich mit einem diktatorischen Regime auseinandersetzen zu müs­sen, sondern in einer Situation der Freiheit und des kultu­rellen und politischen Pluralismus zu leben.

Als Thema für seine Predigten wählte der Heilige Vater den Dekalog und das Gebot der Liebe, das heißt, geistli­che Erneuerung als unabdingbare Voraussetzung für jede Veränderung, für jedes soziale Engagement. Die moralische Dimension als Fundament jeder Demokratie. Am Schluss sagte er vertraulich im Gespräch: „Nicht von allen sind diese Ansprachen gut aufgenommen worden.“ Was aber den Papst am meisten schmerzte, geschah zwei Jahre später, als die ehemaligen Kommunisten in Polen die Wahlen gewannen. Nachdem die Menschen die Freiheit wiedererlangt hatten, hatten sie – demokra­tisch – die marxistische Linke gewählt. Diese Wahl war keine Option für den Marxismus, sondern eine kritische Haltung gegenüber dem kapitalistischen Regime und der freien Markwirtschaft. Viele Menschen, die auf die­ses neue Lebenssystem nicht vorbereitet waren, hatten darunter gelitten und große Opfer auf sich nehmen müs­sen. So hatten vor allem sehr unbedarfte Leute begon­nen zu sagen, es sei ihnen vorher besser gegangen.

Ja, fast alle ehemaligen kommunistischen Länder durch­lebten eine schwierige Zeit. Sie war unvermeidlich schwer, da es eine Phase des Übergangs und der Neuordnung war. Doch das war eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen durfte. Es war eine einzigartige Chance, den Lauf der Geschichte und die Beziehungen zwischen den Natio­nen zu verändern und endlich die schlimmen Kapitel zu beenden, die von zwei totalitären Systemen geschrieben worden waren, die nacheinander versucht hatten, die Frei­heit und den christlichen Geist Europas abzuwürgen.

Es konnte deshalb kein symbolkräftigeres Bild geben als die Anwesenheit von Johannes Paul II. und Bundeskanzler Kohl am 23. Juni 1996 am Brandenburger Tor in Berlin. Ein Tor – daran erinnerte der Papst -, das von zwei deut­schen Diktaturen „besetzt“ worden war, zuerst von den Nazis und dann von den Kommunisten, die es sogar in eine Mauer „umgewandelt“ hatten. Aber jetzt war es „Zeugnis der Tatsache, dass die Menschen sich vom Joch der Unterdrückung befreit haben, indem sie es zerbrochen haben …“

Der Heilige Vater erlebte diesen Moment mit tiefer inne­rer Bewegung, mit starker Leidenschaft. Doch er be­merkte auch – ich muss sagen mit ein wenig Bitterkeit -, dass viele Menschen in Europa nicht verstanden, was es bedeutete, dass ein Papst durch dieses Denkmal schritt, das an den Triumph Hitlers erinnerte – und dies nicht, weil er Wojtyla war, sondern weil er ein Papst war! Dann die Bedeutung der Seligsprechungen der Opfer der Vernichtungslager gerade in dem Stadion, wo in Anwesenheit Hitlers die Olympischen Spiele abgehalten worden waren.

Dieses Durchschreiten des Brandenburger Tores bedeu­tete für Johannes Paul II. das Ende, das definitive Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Feierlichkeiten in jenem Stadion waren die sichtbare Besiegelung des Sieges Got­tes in der fürchterlichen Schlacht gegen das Böse.

Doch der Kapitalismus hat nicht gesiegt!

Seit dem Fall der Mauer war kaum ein halbes Jahr vergan­gen, als der Papst in Mexiko in einer Ansprache vor Unter­nehmern den Wandel in Mittel- und Osteuropa kommen­tierte. Er sagte, auch wenn der „reale Sozialismus“ am Ende sei, das sei nicht der Sieg des kapitalistischen Systems. In der Welt sei die Armut geblieben, wie sie vorher war, und es gebe weiter die gleichen schlimmen Missstände in der Ver­teilung der Ressourcen. Das sei vor allem in der Dritten Welt auch eine Folge der Auswirkungen, die durch eine bestimm­te Art des ungezügelten Liberalismus hervorgerufen wür­den, der sich um das Gemeinwohl nicht kümmere.
Das war eine mutige, aber zu der Zeit, als noch manches unklar war, eine einwandfreie Analyse. Im Westen gab es jedoch Kommentatoren, die diese Rede als „skandalös“ bezeichneten. Jemand ging so weit und schrieb Johannes Paul IL eine gewisse „Nostalgie“ nach dem Kommunismus zu.

Sie verstanden nicht, oder sehr viel wahrscheinlicher: Sie wollten nicht verstehen. Der Heilige Vater hatte die Geschichte in theologischen und moralischen Begriffen interpretiert, nicht in politischen und wirtschaftlichen. Deshalb war er von seiner Warte aus in der Lage gewe­sen, intuitiv zu verstehen, dass man nach dem Scheitern des Marxismus auf keinen Fall eine neue Sozialordnung ausschließlich auf einem System aufbauen könne, das den Menschen als Instrument betrachtet, als einfaches Rädchen im Getriebe der Produktionsmaschine.

Es war also vor allem notwendig, das Personsein des arbeitenden Menschen neu ins Blickfeld zu rücken. Erst dann kann man an ein auf Solidarität und Mitbestim­mung basierendes Modell wirtschaftlicher Entwicklung denken. Solange nämlich die Arbeiter nicht an den Ent­scheidungen und an der Verteilung der Gewinne des Unternehmens teilhaben, wird es nie sozialen Frieden geben und auch keinen echten nationalen Fortschritt.

Tatsache ist jedoch, dass Johannes Paul H. in den ersten zehn Jahren seines Pontifikats als eingefleischter Anti­kommunist eingeschätzt wurde, während man ihn jetzt als Antikapitalisten, ja als kommunistenfreundlich hinstellte. Das könnte ein Grund dafür sein, weshalb eine demagogi­sche oder zumindest irrige Interpretation seiner Sozialleh­re und, allgemeiner gesehen, seines Humanismus lange Bestand hatte.

Nicht zuletzt dank seiner Erfahrungen in Polen und sei­ner philosophischen Überlegungen hatte Karol Wojtyla in das päpstliche Lehramt ein Verständnis vom Men­schen und der Geschichte hineingetragen, das sich nicht irgendeinem kulturellen oder politischen System ver­dankte. Tatsächlich hatte er positive Aspekte sowohl im Marxismus wie auch im Kapitalismus anerkannt, aber er hatte auch deren gravierende Mängel aufgezeigt. In beiden Systemen war, unabhängig von der Tatsache, ob die Produktionsmittel kollektiviert sind oder sich in pri­vater Hand befinden, nie vorgesehen, dass in den wirt­schaftlichen und Politischen Prozessen der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte.

Unterm Strich war Wojtyla kein parteiischer Mensch. Um es ganz frank und frei zusagen, er war weder ein Mann Moskaus noch Washingtons. Er war ein Mann Gottes, immer offen für alle. Er war ein freier Mann und hat sich durch politische Entscheidungen nie vereinnah­men lassen.

Genau das wäre der Ausgangspunkt, um den tiefen Sinn dessen zu verstehen, was das „politische“ Profil dieses Pontifikats ausmachte. „Politisch“ in dem Sinne verstanden, wie Johannes Paul II. die Soziallehre der Kirche inter­pretierte und aktualisierte, indem er zur Beschreibung sozioökonomischer Phänomene moralische Kategorien heranzog.

Auf diese Weise, wie es der Heilige Vater vor allem in seiner Enzyklika Centesimus Annus tat, gelang es ihm, ein Gesellschaftsmodell aufzuzeigen, in dem es möglich ist, Gerechtigkeit und Solidarität, Rechte und Pflichten der Personen, Ethik sowie soziales und politisches Enga­gement miteinander zu verbinden.

All das jedoch, ohne sich je in die technischen Entschei­dungen einzumischen, in die Art und Weise, wie das dann realisiert wird, in welcher Weise es gemacht wird. Sonst würde nämlich die Kirche ihr eigenes Terrain überschreiten, das in ihrer pastoralen Sendung und einer kritischen Reflexion der „Konformität“ sozialer Prozesse mit den vom Schöpfer vorgezeichneten Spuren besteht.

Nicht umsonst sagte Papst Wojtyla einmal, die Kirche dürfe sich von keiner Ideologie oder politischen Strömung das „Banner der Gerechtigkeit“ abnehmen lassen. Sie ist eine der ersten Forderungen, die vom Evangelium erhoben werden, und bildet den Kern der kirchlichen Soziallehre. Der Diskurs über die Gerechtigkeit öffnet konsequenter­weise das Gespräch über die Rechte, die Rechte jedes Men­schen, der in seiner Würde und Freiheit geschützt und ver­teidigt werden muss. Aber es geht auch um die Rechte jedes Volkes, das als Nation in seiner Souveränität und Unabhängigkeit zu respektieren ist, wenngleich es sich in den Kreislauf der Solidarität mit allen anderen Völkern, die die Weltgemeinschaft bilden, eingliedern muss.

Hier machte sich Johannes Paul II. – als „natürlich christliches“ Ideal – jene menschlichen Grundwerte wie­der zu eigen, die lange Zeit ausschließlich von der Auf­klärung und der Französischen Revolution beansprucht worden waren. Auf diese Weise wurden die Menschen­rechte wieder zum festen Bestandteil der christlichen Lehre und fanden ihr einheitliches ethisches Funda­ment wieder, das ihre Unteilbarkeit und Universalität untermauert und verbürgt.

Das war nicht mit der Absicht verbunden, die Distanzie­rung von der Welt wiederherzustellen, sondern im Gegenteil, um dem Menschen zu dienen und ihn in sei­nen Grundrechten zu unterstützen, beim Recht auf Leben angefangen.

Bei dem Thema muss man unbedingt auf einen Aspekt hinweisen, der vielleicht weniger verstanden worden ist, aber hinsichtlich des Pontifikats von Johannes Paul II. sicher am meisten diskutiert und kritisiert wurde. Damit meine ich das Verständnis von Kirche als „soziale Kraft“ beziehungsweise, dass die Kirche, die in der Gesellschaft im Dienste des Gemeinwohls wirkt, ein Element sozialer Erneuerung von großer Tragweite darstellen kann. Dies ist ihr möglich allein aufgrund ihrer Sendung, der Inkarnation des Evangeliums, als Zeugnis der Botschaft Christi. Dabei geht es nicht darum, die Gesellschaft zu­rückzuerobern, sie zu unterwerfen und so die Unterschie­de zu verwischen, die sich mittlerweile für immer in der Rollenverteilung zwischen Kirche und Staat herausgebil­det haben.

Ich möchte daran erinnern, dass mehr oder weniger alle Systeme, nicht nur die totalitären, immer wieder den Versuch unternommen haben, die Religion auszugren­zen, zumindest sie in die Kirchenräume zu verbannen oder für politische Ziele zu instrumentalisieren. Ich möchte ferner daran erinnern, dass über lange Zeit nicht nur im sogenannten Sowjetreich die öffentlichen Plätze ausschließlich der Linken, ja dem Kommunismus gehör­ten. Und Worte, die man aus dem Munde Jesu gehört hatte, christliche Worte wie „Frieden“ waren absolutes Privileg bestimmter Bewegungen und Parteien gewor­den.

Nun, Johannes Paul II. hat sich all dem widersetzt. Er hat Nein gesagt! Und er ist auf die Straßen und Plätze gegangen, um diese „Räume“ nicht den anderen zu überlassen.

Die Kirche ist da, wo der Mensch ist. Sie versucht Beglei­ter zu sein auf dem Weg des Menschen und der Gesell­schaft, aber immer mit der moralischen Ebene als Aus­gangspunkt. Sie darf nie direkt Politik betreiben! Das moralische Urteil hingegen ist eine vollständig legitime Pflicht der Kirche, auch im sozialen und politischen Bereich. Es sind dann die gläubigen Laien, die sich im öffentlichen Leben, in besonderer Weise in der Politik engagieren sollen.

Es kommt an diesem Punkt eine große Rede von Johannes Paul II. in Erinnerung die – leider – nie ausreichend gewürdigt worden ist. Es handelt sich um die Ansprache, die er im Oktober 1988 vor dem Europaparlament in Straßburg hielt, als er jede Versuchung einer Rückkehr zum früheren religiösen Integralismus auslöschte. Er ge­stand ein, dass die Grenze zwischen dem, was Gott gehört, und dem, was des Kaisers ist, zu oft überschritten worden ist, auch von christlicher Seite.

Aber da gibt es vor allem einen Passus, den neu zu lesen sich lohnt. Er hilft nämlich, das Konzept vom Laien, das Wojtyla hatte, besser zu verstehen und damit die Unter­scheidung die für ihn zwischen dem zeitlichen und dem geistlichen Bereich existieren muss. So wie man besser die Art und Weise verstehen wird, wie dieser Papst, der das alte Modell der Kirche, das von rigiden Abschottungen geprägt war, überwunden hat und dafür ein anderes hat sichtbar werden lassen, das in der Lage ist, den Heraus­forderungen der Moderne und einer pluralistischen Gesell­schaft zu begegnen und sie deshalb anzunehmen.

„Die lateinische Christenheit des Mittelalters – um nur sie zu erwähnen – ist der integralistischen Versuchung nicht immer entgangen, aus der irdischen Gesellschaft diejeni­gen auszuschließen, die nicht den wahren Glauben be­kannten – und dies, obwohl die lateinische Christenheit der damaligen Zeit unter Wiederaufnahme der großen aristotelischen Tradition die Idee vom Staat als natürliche Größe entwickelt hatte. Der religiöse Integralismus ohne Unterscheidung zwischen dem Bereich des Glaubens und dem des bürgerlichen Lebens, der heute noch in anderen Gegenden praktiziert wird, erscheint mit dem eigentlichen Genius Europas, so, wie ihn die christliche Botschaft ge­formt hat, unvereinbar.“

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Quelle: Buch: Stanislaw Dziwisz: Mein Leben mit dem Papst – Johannes Paul II. wie er wirklich war – ISBN 978-3-7462-2346-9 – St. Benno-Verlag GmbH: www.st-benno.de

DER FATIMA-PAPST

Papstattentat_1981

(Zitat aus KATH.NET 13. Oktober 2013,  Fatima – Das größte Wunder unserer Zeit:)

[…]

Der Fatima-Papst

Erst mit Johannes Paul II., dem Mann der Vorsehung, erfüllte sich der zweite Teil der Prophezeiung. Dass der Türke Mehmet Ali Agca ausgerechnet am Fatima-Tag, dem 13. Mai 1981, zwischen 17.17 und 17.19 Uhr ein Attentat auf den Wojtyla-Papst verübte, war für ihn kein Zufall. Es war ein Wunder der Gottesmutter, dass er überlebt hatte. Von den drei Kugeln, die an diesem Nachmittag abgefeuert wurden, trafen zwei den Polen. Die erste war in seinen Unterleib eingedrungen, hatte den Dickdarm durchbohrt und den Dünndarm an mehreren Stellen verletzt, bevor sie in den Papst-Jeep gefallen war. Die zweite, die offenbar die Halsschlagader treffen sollte, hatte zuerst seinen rechten Ellenbogen gestreift und den Zeigefinger seiner rechten Hand gebrochen, bevor sie zwei amerikanische Pilgerinnen verletzte. Mit schmerzverzerrten Gesicht, mit einem Gebet an die Gottesmutter auf den Lippen („Jesus, Maria, meine Mutter“), brachte ihn sein Fahrer zur nächstgelegenen Ambulanzstation, von wo aus er in die Gemelli-Klinik gefahren wurde. Kaum war er dort eingetroffen, verlor er bereits das Bewusstsein. Die Ärzte, die ihn operierten, gestanden später, dass sie nicht daran geglaubt hätten, dass er überleben würde. Sie baten seinen Sekretär, Msgr. (heute Kardinal) Stanislaus Dziwisz, ihm die Krankensalbung zu spenden. Die Operation dauerte fast fünfeinhalb Stunden. Zwar mussten 25 Zentimeter seines Darms entfernt werden, doch die Ärzte konnten aufatmen. Kein lebenswichtiges Organ oder die Wirbelsäule waren betroffen.

„Warum sind Sie nicht gestorben?“, fragte der Attentäter Ali Agca immer wieder, als Johannes Paul II. ihn am 27. Dezember 1983 in seiner kahlen Zelle im Gefängnis von Rebibbia besuchte: „Ich weiß, dass ich richtig gezielt habe. Ich weiß, dass es ein zerstörerisches, todbringendes Geschoss war. Warum sind Sie denn nicht gestorben?“ Ein Zeuge dieser Begegnung war der heutige Kardinal Stanislaus Dziwisz, damals der persönliche Sekretär des polnischen Papstes. Er notierte später in seinen Erinnerungen: „Mein Eindruck war der (…), dass Ali Agca in Angst war. Er hatte Angst vor der Tatsache, dass da Kräfte am Werk gewesen waren, die stärker waren als er. Ja, er hatte wirklich genau gezielt, aber das Opfer lebte. Er war deshalb wegen der Existenz solcher Kräfte verängstigt, zumal er auch entdeckt hatte, dass es nicht nur eine Fatima gab, die Tochter Mohammeds war, sondern auch jene Frau, die er ‚Göttin von Fatima‘ nannte. Er fürchtete, wie er selbst berichtet hat, dass diese so mächtige Göttin ihm zürnen und ihn vernichten würde. Das ganze Gespräch drehte sich nur um dieses Thema.“

Tatsächlich war Johannes Paul II. zu diesem Zeitpunkt längst zu der Einsicht gelangt, dass es kein Zufall war, dass er noch lebte, und dass sich das Attentat ausgerechnet am 13. Mai ereignet hatte. Immer sicherer galt es ihm, dass es eine Vorsehung gibt, eine „mütterliche Hand“ (mano materna), die einen so treffsicheren Schützen, ja einen professionellen Killer wie Ali Agca, sein Ziel verfehlen ließ, ja die Kugel an ihm vorbei gelenkt hatte.
Als er sich schließlich am 18. Juli 1981 von Franjo Kardinal Seper, dem damaligen Präfekten der Glaubenslehrekongregation (und Amtsvorgänger Joseph Kardinal Ratzingers) die Fatima-Akte aus dem Archiv holen und ins Krankenhaus bringen ließ, wo er sich gerade eines zweiten Eingriffs unterzog, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Denn als er die beiden versiegelten Umschläge, den Originaltext von Schwester Lucia in portugiesischer Sprache und die italienische Übersetzung, öffnete, da erkannte er sich wieder in der Vision der Kinder:

„Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist: ‚etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen‘ und einen in Weiß gekleideten Bischof – ‚wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war‘. Wir sahen verschiedene andere Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen einen steilen Berg hinaufsteigen, auf dessen Gipfel sich ein großes Kreuz befand aus rohen Stämmen wie aus Korkeiche mit Rinde. Bevor er dort ankam, ging der Heilige Vater durch eine große Stadt, die halb zerstört war und halb zitternd mit wankendem Schritt, von Schmerz und Sorge gedrückt, betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete. Am Berg angekommen, kniete er zu Füßen des großen Kreuzes nieder. Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen.“
Während die Welt noch rätselte, wer hinter dem Attentat stand – der KGB, ein verrückter Einzeltäter oder islamistische Extremisten – ließ Johannes Paul II. diese Frage völlig gleichgültig: „Das interessiert mich nicht, denn es ist der Teufel gewesen, der das getan hatte“, erklärte er später, „der Teufel kann auf tausend verschiedene Arten Verschwörungen anzetteln, und ich habe an keiner dieser Methoden das geringste Interesse.“ Viel mehr wollte er wissen, was Gott ihm mit diesem Zeichen, mit seiner Rettung vor dem sicheren Tod, denn sagen wollte. Und schließlich fand er seine Antwort. Die Vision der Kinder, so war er sicher, spiegelte auch seinen persönlichen Lebensweg wider, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Greuel des Holocaust, die er erlebt hatte, die Expansion des Kommunismus und den Krieg der gottlosen Ideologien gegen die Kirche und den christlichen Glauben. Doch in der gleichen Botschaft, so deutete er den Text, zeigte die Gottesmutter den Ausweg aus der Krise auf: „Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.“

Die Weltweihe

Am Jahrestag des Attentates, dem 13. Mai 1982, reiste der polnische Papst zum ersten Mal nach Fatima, um der Gottesmutter für seine Errettung zu danken. Schon vorher hatte er die Kugel, die seinen Körper durchdrungen hatte, in die Krone der Gnadenstatue des Erscheinungsortes einarbeiten lassen. Als er in einer feierlichen Zeremonie die ganze Welt der Gottesmutter weihen wollte, korrigierte ihn Schwester Lucia, die eigens zu diesem Anlass ihr Klausurkloster in Coimbra verlassen durfte: Das müsse schon in Einklang mit der gesamten Weltkirche geschehen, so hatte es ihr Maria in einer späteren Vision offenbart.

Also bereitete Papst Johannes Paul II. jetzt diesen Weiheakt vor. Am 8. Dezember 1983 schickte er Briefe an alle Bischöfe der Weltkirche, einschließlich jene der orthodoxen Kirchen, in denen er sie dazu einlud, mit ihm gemeinsam am Festtag Mariä Verkündigung, dem 25. März 1984, eine Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens zu vollziehen. Zu diesem Zweck ließ er eigens das Gnadenbild von Fatima nach Rom einfliegen, wo es die Nacht in seiner Privatkapelle verbrachte. Am nächsten Morgen wurde die Statue vor dem Petersdom aufgestellt, wo Johannes Paul II. zum Abschluss eines fast zweistündigen Pontifikalamtes die Weiheformel sprach. Zeitgleich vollzogen Hunderte Bischöfe in aller Welt mit ihren Gemeinden denselben Ritus. „Vom Atomkrieg, von unberechenbarer Selbstzerstörung, von jeder Art des Krieges, bewahre uns!“, betete er anschließend. „Ist Russland jetzt geweiht?“, ließ er über seinen Apostolischen Nuntius bei Schwester Lucia nachfragen. Sie bejahte. „Jetzt warten wir auf das Wunder“, meinte der Nuntius. „Gott wird sein Wort halten“, versprach sie.

Gott hielt sein Wort. Nicht einmal ein Jahr nach der Weltweihe, am 11. März 1985, wurde Michail Gorbatschow neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er kündigte an, dass fortan ein neuer Wind in Rußland wehen würde, sprach von „Glasnost“, Offenheit, und „Perestroika“, Umgestaltung. Bereits im Dezember 1985 traf er US-Präsident Ronald Reagan, der noch zwei Jahre zuvor die UdSSR als „Reich des Bösen“ bezeichnet hatte, in Genf. Es sollte das erste von insgesamt acht Gipfeltreffen sein, auf denen eine breit angelegte nukleare und konventionelle Abrüstung beschlossen wurde. Plötzlich war von „Entspannung“ im bislang so angespannten Verhältnis der beiden Machtblöcke zueinander die Rede, kündigte ein Tauwetter das Ende der politischen Eiszeit und den nahenden Frühling an.

Jetzt schöpften auch die Landsleute des polnischen Papstes, deren Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ bislang unterdrückt worden war, neue Hoffnung. Die dritte Polenreise Johannes Pauls II. 1987 stand im Zeichen des wieder gewonnenen Optimismus. Und noch einmal setzte der Papst auf Maria, als er das Jahr 1987/88, angesetzt als 2000-Jahrfeier der Geburt der Gottesmutter, zum „Marianischen Jahr“ erklärte. Durch Satellitenschaltungen mit Hunderttausenden von Pilgern in 16 Marienheiligtümern der Welt verbunden, live übertragen in 22 Länder, eröffnete Johannes Paul II. die Feierlichkeiten mit einem Rosenkranzgebet in der römischen Basilika S. Maria Maggiore. Dann vertraute er der „Mutter der Christen“ „in besonderer Weise die Völker an, die ihren … tausendsten Jahrestag ihrer Bindung an das Evangelium feiern“ – gemeint waren Russland und die Ukraine, deren Christen in diesem Jahr der Taufe der Kiewer Rus im Jahre 988 gedachten. Auch der neue Generalsekretär würdigte dieses Jubiläum. So bat Michail Gorbatschow den russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und fünf Metropoliten (Erzbischöfe) zu sich in den Kreml, um ihnen die Verabschiedung eines neuen Gesetzes anzukündigen, das erstmals in der Sowjetunion die Religionsfreiheit garantierte. Endlich durften im ganzen Land wieder Kirchenglocken läuten, was unter den Kommunisten bislang verboten war. Über 4000 bislang zwangsweise geschlossene Kirchen durften wieder zu religiösen Zwecken genutzt werden. Auch das berühmte Kiewer Höhlenkloster und andere bedeutende Klöster im ganzen Land gab Gorbatschow der Kirche zurück. Zur Tausendjahrfeier der Bekehrung Russlands wurde sogar eine hochrangige Vatikan-Delegation eingeladen. Als ein Jahr später die Menschen erst in Polen, dann in Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien auf die Straße gingen, um gegen die kommunistischen Machthaber zu demonstrieren, war es Gorbatschow, der entschied, sie gewähren zu lassen. Die Folge war, dass die Mauer fiel, die bislang nicht nur die beiden deutschen Staaten, sondern ganz Europa geteilt hatte. Am 1. Dezember 1989 besuchte der Russe als erster Generalsekretär der KPdSU den Papst. „Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Begegnung von der göttlichen Vorsehung vorbereitet wurde“, begrüßte ihn Johannes Paul II. So pilgerte er noch einmal am 13. Mai 1991 nach Fatima, um der Madonna zu danken, „dass Du Völker in die Freiheit geführt hast“. Dieses Mal nahm auch der russische Botschafter an der Zeremonie teil, als der Papst seine Weltweihe, „die söhnliche Anvertrauung der menschlichen Rasse an Dich“, wiederholte. Noch ehe das Jahr zuende ging, war die Sowjetunion Geschichte.

Das größte Wunder unserer Zeit

In den folgenden beiden Jahrzehnten, ja bis auf den heutigen Tag, erlebte Russland eine beispiellose Renaissance des Glaubens, eine Wiedererweckung seiner Kirche, eine Rechristianisierung in unglaublichen Dimensionen. Schon 1990 zog die erste Prozession seit der Machtergreifung der Kommunisten durch Moskaus Straßen. Seitdem finden Taufen und kirchliche Hochzeitsfeiern wieder in aller Öffentlichkeit statt, Ostern und Weihnachten wurden zu arbeitsfreien Feiertagen erklärt, nationale Heilige aus der Vergessenheit geholt und in vom landesweiten Fernsehen übertragenen Festgottesdiensten geehrt. Vertreter der Kirche nahmen wieder am öffentlichen Leben teil. Auch eigene Kindergärten und Schulen durfte die russisch-orthodoxe Kirche wieder unterhalten.

Was dann auf den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 folgte, ist vielleicht das größte Wunder unserer Zeit. Die Zahlen jedenfalls sprechen eine deutliche Sprache. Während die Zahl der praktizierenden Christen im Westen abnahm (die der Katholiken im wiedervereinigten Deutschland etwa schrumpfte von 28,2 Millionen in 1991 auf 24,4 Millionen in 2011), verdoppelte sie sich in Russland von unter 50 Millionen (1990) auf über 113 Millionen (2012). Bei einer Umfrage im Jahr 2000 bezeichneten sich 82 % der Russen als „orthodoxe Christen“. Die Zahl der Gemeinden stieg (von 1990 bis 2011) von 3451 auf 30.142, die der Diözesen von 38 auf 160, die der Klöster von 18 auf 788, die der theologischen Lehrstühle von 5 auf 200. Die orthodoxe Kirche hat im neuen Russland eine unüberhörbare Stimme, ja sie formte die neue Identität des Landes und verlieh ihm die Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht allen Versuchungen des materialistischen Westens zu erliegen. Gewiss kann man von einer „Bekehrung Russlands“ sprechen, ganz wie es die Gottesmutter in Fatima prophezeit hatte. Der Welt wurde, trotz regionaler Konflikte, eine „Zeit des Friedens“ geschenkt. Seit der Ära Gorbatschow gehört das Schreckensszenario eines Atomkrieges zwischen West und Ost der Vergangenheit an, ebenso das Wettrüsten der Blöcke. In Europa herrscht Frieden, sind nahezu alle Grenzen offen, lässt sich fast in die meisten Länder ungehindert reisen. Das Versprechen von Fatima hat sich erfüllt.

Keiner sah das so klar wie der Mann der Vorsehung, Papst Johannes Paul II. So vertraute er dem italienischen Journalisten Vittorio Messori, der das Interviewbuch „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ herausgab, als sein ganz persönliches Resümee der Ereignisse an:
„Und was ist über die drei portugiesischen Kinder aus Fatima zu sagen, die unerwartet und kurz vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution hörten: ‚Russland wird umkehren’ und ‚Am Ende wird mein Herz triumphieren’…? Sie könnten derartige Aussagen unmöglich erfunden haben. Sie kannten sich weder in der Geschichte noch in der Geographie aus, und noch weniger wussten sie über Sozialbewegungen oder Ideologieentwicklung. Und doch ist genau das eingetreten, was sie angekündigt hatten. Vielleicht ist der Papst auch aus diesem Grund aus einem ‚fernen Land’ gerufen worden; vielleicht hat das Attentat auf dem Petersplatz gerade am 13. Mai 1981, dem Jahrestag der ersten Erscheinung von Fatima, stattfinden müssen, damit alles durchsichtiger und verständlicher würde, damit die Stimme Gottes, die in die Menschengeschichte in ‚Zeichen der Zeit’ spricht, einfacher zu hören und zu verstehen sein würde.“
Warten wir ab, welches Wunder geschieht, wenn Papst Franziskus am heutigen Sonntag erneut die sturmumpeitschte Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens weiht.

Michael Hesemann ist Historiker und Autor des Bestsellers „Das Fatima-Geheimnis

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Quelle

PATER PIO: „DER ATHEISMUS VERDIRBT DEN MENSCHEN“

Pater Pio: "Der Atheismus zerstört den Menschen"

 

DER ATHEISMUS VERDIRBT DEN MENSCHEN

„ER BEWIRKT DIE SICH AUSBREITENDE UNGERECHTIGKEIT UND DEN MISSBRAUCH DER MACHT; WIR SIND BEIM KOMPROMISS MIT DEM ATHEISTISCHEN MATERIALISMUS ANGELANGT, DEM LEUGNER DER GOTTESRECHTE. DIES IST DAS IN FATIMA ANGEKÜNDIGTE STRAFGERICHT […] ALLE PRIESTER, DIE DIE MÖGLICHKEIT EINES DIALOGS MIT DEN LEUGNERN GOTTES UND MIT DEN LUZIFERISCHEN MÄCHTEN DER WELT UNTERSTÜTZEN, SIND VERRÜCKT GEWORDEN, HABEN DEN GLAUBEN VERLOREN, GLAUBEN NICHT MEHR AN DAS EVANGELIUM! INDEM SIE SO HANDELN, VERRATEN SIE DAS WORT GOTTES, DA CHRISTUS NUR DEN MENSCHEN MIT HERZ EIN BÜNDNIS ZU BRINGEN GEKOMMEN IST, ABER ER VERBAND SICH NICHT MIT DEN MENSCHEN, DIE GIERIG SIND NACH MACHT UND HERRSCHAFT ÜBER DIE BRÜDER […] DIE HERDE ZERSTREUT SICH, WENN DIE HIRTEN SICH MIT DEN FEINDEN DER WAHRHEIT CHRISTI ZUSAMMENSCHLIESSEN. SÄMTLICHE FORMEN VON MACHT, DIE TAUB SIND GEGENÜBER DER AUTORITÄT GOTTES, SIND REISSENDE WÖLFE, DIE DIE PASSION CHRISTI ERNEUERN UND BEWIRKEN, DASS DIE MADONNA TRÄNEN VERGIESST“.

(PATER PIO VON PIETRELCINA)

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Siehe auch: ParadiseLost

Papst Leo XIII.: QUOD APOSTOLICI MUNERIS – 28. Dezember 1878

Wie es Unser Apostolisches Amt 1 von Uns forderte, haben Wir alsbald zu Beginn Unseres Pontifikates nicht unterlassen, durch ein Rundschreiben 2, das Wir an Euch, Ehrwürdige Brüder, richteten, hinzuweisen auf die tod­bringende Seuche, welche die innersten Glieder der menschlichen Gesellschaft durchdringt und ihr die äußerste Gefahr bereitet ; zugleich haben Wir auch auf die höchst wirksamen Heilmittel hingewiesen, durch welche sie wieder Rettung erlangen und den gewaltigen Gefahren, die ihr drohen, entfliehen kann. Aber die Übel,  welche Wir damals beklagten, sind seit kurzem derart gewachsen, daß Wir wieder an Euch Unsere Worte zu richten Uns genötigt sehen, da der Prophet Uns gewissermaßen in die Ohren ruft : Rufe, höre nicht auf, wie eine Posaune erhebe deine Stimme3. Ihr seht gewiß leicht ein, Ehrwürdige Brüder, daß Wir von der Partei jener Menschen reden, welche mit verschiedenen und fast barbarischen Namen Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten genannt werden und über die ganze Erde verbreitet sind und, durch ein verwerfliches Bündnis in engster Gemeinschaft mit­einander stehend, nicht länger mehr durch das Dunkel verborgener Zusammenkünfte sich zu schützen suchen, sondern öffentlich und keck hervortreten, um ihren schon längst gehegten Plan, die Grundlagen jedweder bürger­lichen Gesellschaft umzustoßen, zur Ausführung zu bringen. Es sind jene nämlich, welche, wie das Wort Gottes sagt, das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und die Würde lästern 4. Nichts von all dem, was nach göttlichem und menschlichem Rechte zur Wohlfahrt und zum Schmucke des Lebens weise geordnet ist, lassen sie unberührt, noch unverletzt. Den höheren Gewalten, denen nach der Lehre des Apostels jede Seele untertan sein soll, und die von Gott das Recht zu gebieten zu Lehen empfangen, verweigern sie den Gehorsam und verkünden eine vollständige Gleichheit aller Menschen­rechte und Pflichten. — Die auf der Natur beruhende Vereinigung zwischen Mann und Weib, selbst barbarischen Völkern heilig, entwürdigen sie, und das Band derselben, auf dem die häusliche Gesellschaft vorzugsweise ruht, lockern sie oder geben es sogar der Wollust preis. ­Hingerissen endlich von der Gier nach den gegenwärtigen Gütern, welche die Wurzel aller Übel ist, und sich ihr ergebend, sind einige vom Glauben abgewichen 5 – bekämpfen sie das durch das Naturgesetz geheiligte Eigentumsrecht, und indem sie den Bedürfnissen aller Menschen zu dienen und ihren Wünschen zu entsprechen scheinen, suchen sie durch unsäglichen Frevel zu rauben und als Gemeingut zu erklären, was immer auf Grund rechtmäßiger Erbschaft, oder durch geistige und körperliche Arbeit oder durch Sparsamkeit erworben wurde. Und diese ungeheuerlichen Irrtümer verkünden sie in ihren Versammlungen, ver­breiten sie durch Schriften, werfen sie durch eine Flut von Tagesblättern unter die Menge. Hiedurch erregten sie einen solchen Haß unter dem aufrührerischen Volke gegen die ehrwürdige Majestät und Gewalt der Herrscher, daß verbrecherische Verräter jede Zurückhaltung ab­warfen und in kurzer Zeit mehr als einmal in gottlosem Wagnis gegen das Staatsoberhaupt selbst die Waffen kehrten.

Diese Verwegenheit gewissenloser Menschen aber, welche von Tag zu Tag die bürgerliche Gesellschaft mit immer größerem Verderben bedroht und alle Gemüter mit Furcht und Angst erfüllt, hat ihren Grund und Ursprung in jenen giftträchtigen Lehren, welche vordem einem bösen Samen gleich unter die Völker ausgestreut wurden und nun zu ihrer Zeit solch todbringende Früchte getragen haben. Denn Ihr wißt wohl, Ehrwürdige Brüder, daß der erbitterte Kampf, der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts von den Neuerern gegen die katholische Kirche begonnen wurde, und der bis jetzt immer heftiger entbrannte, keinen andern Zweck hat, als daß nach Ablehnung jeder Offenbarung und Zerstörung jeder über­natürlichen Ordnung die Erfindungen der Vernunft allein oder vielmehr deren Verirrungen zur Herrschaft gelangen. Dieser Irrtum, der mit Unrecht seinen Namen von der Vernunft herleitet, hat, wie von selbst, nicht bloß die Gemüter sehr vieler Menschen, sondern auch die bürger­liche Gesellschaft weithin durchdrungen, da er dem von Natur aus den Menschen angeborenen Trieb nach Aus­zeichnung schmeichelt und denselben reizt, und den Begierden jeder Art die Zügel schießen läßt. Daher hat man einer neuen und selbst für die Heiden unerhörten Gottlosigkeit sich schuldig gemacht, indem man Staats­wesen gründete ohne jede Rücksicht auf Gott und die von ihm gesetzte Ordnung ; die öffentliche Autorität, so lehrt man, habe weder ihren Ursprung, noch ihre Majestät, noch ihre Befehlsgewalt von Gott, sondern vielmehr von der Volksmasse, welche, jeder göttlichen Satzung ledig, nur jenen Gesetzen zu unterstehen sich herbeiließ, die sie selbst nach Gutdünken gegeben hatte. — Nachdem man die übernatürlichen Glaubenswahr­heiten als vernunftwidrig bekämpft und verworfen, wird der Urheber und Erlöser des menschlichen Geschlechtes selbst nach und nach in steigendem Maße aus den Hoch- und Mittelschulen und aus allen öffentlichen Be­reichen des menschlichen Lebens verbannt. — Da man endlich die Belohnungen und Strafen des ewigen Lebens vergessen hat, so beschränkt sich das glühende Ver­langen nach Glück auf den engen Kreis dieses irdischen Lebens. — Indem nun solche Lehre überallhin verbreitet wurde, und allenthalben diese wilde Zügellosigkeit im Denken und Handeln ins Leben trat, ist es nicht zu verwundern, daß Leute aus dem niedersten Stande, ihrer armen Wohnung oder Werkstätte überdrüssig, über die Paläste und Güter der Reicheren herzufallen verlangen ; ebenso ist es nicht zu wundern, daß im öffentlichen und häuslichen Leben keine Sicherheit mehr besteht, und das menschliche Geschlecht bereits am Rande des Ver­derben angelangt ist.

Die obersten Hirten der Kirche aber, denen die Pflicht obliegt, die Herde des Herrn vor den Nachstellungen der Feinde zu schützen, waren beizeiten bemüht, der Gefahr vorzubeugen und für das Heil der Gläubigen Sorge zu tragen. Sobald nämlich die geheimen Gesell­schaften sich zu bilden begannen, in deren Schoße schon die Keime der erwähnten Irrtümer gehegt wurden, haben die Römischen Päpste Klemens XII. und Benedikt XIV. es nicht unterlassen, die gottlosen Pläne der Geheimbünde aufzudecken und die Gläubigen der ganzen Welt auf das Verderben aufmerksam zu machen, das im Verbor­genen vorbereitet wurde. Nachdem aber von jenen, welche des Namens von Philosophen sich rühmten, eine zügellose Freiheit dem Menschen zugesprochen worden war, und man ein sogenanntes neues Recht dem natür­lichen und göttlichen Gesetze gegenüber auszudenken und festzusetzen begonnen hatte, hat Papst Pius VI. höchstseligen Andenkens alsbald den schlechten Geist und das Irrige dieser Lehren in öffentlichen Kundgebungen dargetan und zugleich mit Apostolischer Weitsicht das Unheil vorausgesagt, welches über das unselig getäuschte Volk hereinbrechen würde. — Trotzdem wurde in keiner wirksamen Weise Vorsorge getroffen, um eine täglich zu­nehmende Verbreitung dieser verkehrten Lehren unter den Völkern und ihr Eindringen in die öffentliche Ordnung der Staaten zu verhindern. Daher haben die Päpste Pius VII. und Leo XII. die Geheimbünde mit dem Banne belegt, und erneut die Gesellschaft vor der Gefahr gewarnt, die von ihnen her drohte. Allen endlich ist es bekannt, mit welch‘ gewichtigen Worten, welcher Seelenstärke und Standhaftigkeit Unser ruhmreicher Vorgänger Pius IX. höchstseligen Andenkens in den Ansprachen, die er hielt, oder durch Rundschreiben, welche er an die Bischöfe der ganzen Welt richtete, sowohl gegen das verderbliche Beginnen dieser Bünde, als namentlich auch gegen die bereits aus denselben hervorgehende Pest des Sozialismus ins Feld gezogen ist.

Zu beklagen ist es aber, daß jene, denen die Sorge für das Gemeinwohl obliegt, von dem Trug gottloser Menschen umstrickt und durch ihre Drohungen allzusehr erschreckt, gegen die Kirche stets eine mißtrauische oder sogar feindselige Haltung eingenommen haben. Sie sahen leider nicht ein, daß die Versuche der Geheimbünde scheitern müßten, wenn die Lehre der katholischen Kirche und die Oberhoheit der Römischen Päpste sowohl bei den Staatslenkern als bei den Völkern immer die gebührende Achtung gefunden hätte. Denn die Kirche des lebendigen Gottes, welche eine Säule und Grundfeste der Wahrheit6 ist, verkündet jene Lehren und Vorschriften, durch welche ganz besonders das Wohl und die Ruhe der Gesellschaft gewahrt und die Giftpflanze des Sozialismus mit der Wurzel ausgerottet wird.

Wenngleich aber die Sozialisten das Evangelium mißbrauchen und, um die Unbesonnenen leichter zu täuschen, dasselbe in ihrem Sinne zu deuten pflegen, so besteht doch zwischen ihren schlechten Grundsätzen und der reinen Lehre Christi ein Unterschied, wie er nicht größer gedacht werden kann. Denn was hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit gemein? Oder wie kann sich Licht zu Finsternis gesellen ? 7 Jene hören nicht auf, wie Wir bereits erwähnten, immerfort zu erklären, alle Menschen seien von Natur aus untereinander gleich, und behaupten daher, weder sei man der Majestät Hoch­achtung und Ehrfurcht, noch den Gesetzen Gehorsam schuldig, sie seien denn von ihnen selbst nach ihrem Gutdünken erlassen. — Dagegen besteht nach der Lehre des Evangeliums die Gleichheit der Menschen darin, daß alle dieselbe Natur empfangen haben, zu derselben hocherhabenen Würde der Kinder Gottes berufen sind, daß ein und dasselbe Ziel allen bestimmt ist, und alle nach demselben Gesetze gerichtet werden, um Lohn oder Strafe nach Verdienst zu empfangen. Doch auch die Ungleichheit im Recht und in der Gewalt rührt von dem Urheber der Natur selbst her, von welchem alle Vater­schaft im Himmel und auf Erden stammt 8. Die Herzen der Herren und Untertanen aber sind nach katholischer Lehre und Vorschrift durch wechselseitige Rechte und Pflichten so untereinander verbunden, daß die Herrschsucht gemäßigt und die Pflicht des Gehorsams erleichtert, befestigt und in höchster Weise geadelt wird.

In der Tat prägt die Kirche dem untergebenen Volke beständig das Apostolische Wort ein : Es gibt keine Gewalt, außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes, und die sich widersetzen, ziehen sich selbst Verdammnis zu9. Und wiederum gebietet er, untertan zu sein, nicht nur um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen ; allen zu geben, was ihnen gebührt, Steuer wem Steuer, Zoll wem Zoll, Ehrfurcht wem Ehrfurcht, Ehre wem Ehre gebührt10. Hat doch der, der alles schuf und alles lenkt, in seiner weisen Vorsehung es so geordnet, daß das Unterste durch das Mittlere, das Mittlere durch das Höchste zu seinen entsprechenden Zielen gelange. Wie er darum selbst im himmlischen Reiche unter den Chören der Engel einen Unterschied wollte, und die einen den andern untergeordnet hat, wie er auch in der Kirche mannigfaltige Weihestufen und einen Unterschied der Ämter eingesetzt hat, daß nicht alle Apostel seien, nicht alle Lehrer, nicht alle Hirten 11, so hat er auch in der bürgerlichen Gesellschaft mehrere Stände begründet, in Würde, Rechten, Gewalt verschieden, damit so der Staat wie die Kirche ein Leib sei, der viele Glieder in sich schließt, von denen eines edler ist als das andere, die aber alle einander notwendig und für das gemeinsame Wohl besorgt sind.

Damit jedoch die Führer der Völker die ihnen zu­stehende Gewalt zur Auferbauung und nicht zur Zer­störung gebrauchen, mahnt die katholische Kirche in höchst geeigneter Weise, daß auch den Fürsten die Strenge des höchsten Richters bevorstehe, und ruft im Namen Gottes mit den Worten der göttlichen Weisheit allen zu : Neiget eure Ohren, die ihr der Völker Menge beherrschet und euch gefallet in den Scharen der Nationen ; denn von dem Herrn ist euch die Herrschaft gegeben und die Macht von dem Allerhöchsten, der eure Werke untersucht und eure Gedanken erforscht . . . Denn das strengste Gericht ergeht über jene, die anderen vorstehen . . . Denn Gott wird niemands Person aus­nehmen, noch irgend eine Größe scheuen ; weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat, und auf gleiche Weise sorget für alle. Den Starken aber steht eine höhere Strafe bevor 12. Wenn es jedoch zuweilen vorkommt, daß die öffentliche Gewalt von den Herrschern ohne Überlegung und über das Maß geübt wird, so duldet die Lehre der katholischen Kirche nicht, daß man auf eigene Faust gegen sie sich erhebe, damit Ruhe und Ordnung nicht noch mehr gestört wer­den, und die Gesellschaft dadurch noch in höherem Maße Schaden leide. Und wenn es dahin gekommen ist, daß keine andere Hoffnung auf Rettung erscheint, so lehrt sie, durch das Verdienst christlicher Geduld und inständiges Gebet zu Gott die Abhilfe zu beschleunigen. — Wenn jedoch die Satzungen der Gesetzgeber und Fürsten etwas bestimmen oder befehlen, was dem göttlichen oder natür­lichen Gesetze widerspricht, so gemahnen Uns Pflicht und Würde des christlichen Namens, sowie der Aposto­lische Ausspruch, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen 13.

Die segensvolle Macht der Kirche nun, welche ihren Einfluß auf die zweckmäßige Ordnung der Regierung und Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft ausübt, macht sich notwendig auch in der häuslichen Gesellschaft geltend und fühlbar, die eines jeden Staates und Reiches Ursprung ist. Denn Ihr wißt, Ehrwürdige Brüder, daß das wahre Wesen dieser Gesellschaft nach den unverletzlichen Gesetzen des Naturrechtes vor allem auf dem unlösbaren Bunde von Mann und Weib ruht, und in den wechsel­seitigen Pflichten und Rechten zwischen Eltern und Kindern, Herren und Dienern seine Vollendung findet. Ihr wißt gleichfalls, daß diese Gesellschaft durch die Lehren des Sozialismus nahezu aufgelöst wird ; denn nach Verlust jener Festigkeit, welche der religiöse Ehebund ihr verleiht, müssen folgerichtig auch wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder, so die Pflichten der Kinder gegen die Eltern im höchsten Maße gelockert werden. Dagegen ist zu sagen, daß ehrwürdig in jeder Hinsicht die Ehe ist 14, welche schon mit Beginn der Welt Gott selbst zur Fortpflanzung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes eingesetzt und als unauflöslich begründet hat, die nach der Lehre der Kirche fester und heiliger geworden ist durch Christus, der ihr die Würde eines Sakramentes verlieh und wollte, daß sie ein Abbild seiner Verbindung mit der Kirche sei. Daher ist nach der Mahnung des Apostels 15, wie Christus Haupt der Kirche, so der Mann Haupt des Weibes ; und wie die Kirche Christus untergeben ist, der sie mit keuschester und immerwährender Liebe liebt, so ziemt es sich, daß auch die Frauen ihren Männern unterworfen seien, die sie hin­wieder mit treuer und standhafter Hingebung zu lieben haben. Ebenso hat die Kirche die Gewalt des Vaters und Herrn so geordnet, daß sie stark genug ist, um Söhne und Diener im Gehorsam zu halten, ohne jedoch das Maß zu überschreiten. Denn nach katholischer Lehre geht auf Eltern und Herren die Hoheit des himmlischen Vaters und Herrn über, die daher von ihm nicht bloß ihren Ursprung und ihre Kraft hat, sondern ebenso auch Wesen und Eigenschaften empfängt. Daher mahnt der Apostel die Kinder, ihren Eltern gehorchen im Herrn, Vater und Mutter zu ehren, welches das erste Gebot ist im Zeichen der Verheißung 16Den Eltern aber gebietet er : Und ihr, Väter, erbittert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie in der Lehre und Zucht des Herrn 17. Wiederum aber wird den Dienern und Herren durch denselben Apostel das göttliche Gebot verkündet, und zwar, daß jene gehorchen den leiblichen Herren wie Christus . . ., in der Ein­fachheit ihres Herzens dienend gleichsam dem Herrn. Diese aber sollen ablassen von Drohungen, da sie wissen, daß ein Herr aller im Himmel und bei ihm kein Ansehen der Personen ist 18. — Würde all dies sorgfältig von all denen, die es angeht, nach dem Gebote des göttlichen Willens beobachtet, so würde wahrhaftig jede Familie gewissermaßen ein Abbild der himmlischen Hausgemeinschaft darstellen, und es wür­den die herrlichen Segnungen, die hieraus erwachsen, nicht auf die Mauern des Hauses sich beschränken, sondern auf die Staaten selbst in reichlichem Maße übergehen. Es hat aber die katholische Weisheit, gestützt auf die Vorschriften des natürlichen und göttlichen Gesetzes, für den öffentlichen wie häuslichen Frieden in wohlbedachter Weise Vorsorge getroffen auch durch das, was sie fest­hält und lehrt in Hinsicht auf das Eigentumsrecht und die Verteilung der Güter, welche zum Leben notwendig und nützlich sind. Denn während die Sozialisten das Eigentumsrecht als eine menschliche der natürlichen Gleichheit der Menschen widersprechende Erfindung ausgeben, und in ihrem eifrigen Streben nach Güterge­meinschaft meinen, es sei keineswegs die Armut gleich­mütig zu tragen, und man könne die Besitztümer und Rechte der Reicheren ungestraft verletzen, hält die Kirche eine Ungleichheit unter den Menschen, die von Natur aus hinsichtlich der Kräfte des Körpers und Geistes ver­schieden sind, auch in Bezug auf den Besitz von Gütern für weit ratsamer und nützlicher. Sie gebietet auch, daß das Recht des Eigentums und Besitzes, das in der Natur selbst gründet, einem jeden gegenüber unantastbar und unverletzlich sei. Denn sie weiß, daß Diebstahl und Raub von Gott, dem Urheber und Schirmer alles Rechtes, derart verboten wurde, daß es nicht einmal erlaubt ist, Fremdes zu begehren, und Diebe und Räuber ebenso wie Ehebrecher und Götzendiener von dem Himmel-reiche ausgeschlossen werden. — Doch vernachlässigt sie nicht die Sorge für die Armen, noch vergißt sie, wie eine liebende Mutter sich ihrer in ihren Bedürfnissen anzunehmen. Vielmehr umfaßt sie dieselben in mütter­licher Liebe. Und wohl wissend, daß sie die Person Christi selbst darstellen, der als ihm selbst erwiesene Wohltat ansieht, was auch dem geringsten Armen von irgend jemand gegeben wird, hält sie dieselben hoch in Ehren. Wo immer sie kann, eilt sie ihnen zu Hilfe. Sie sorgt dafür, daß überall auf Erden Häuser und Her­bergen errichtet werden, wo sie Aufnahme, Nahrung und Pflege finden. Und sie nimmt dieselben unter ihren Schutz. Sie schärft den Reichen die schwere Pflicht ein, den Armen von ihrem Überflusse mitzuteilen, und droht ihnen mit dem göttlichen Gericht, das sie zu ewigen Strafen verdammt, wenn sie den Dürftigen in ihren Nöten nicht beispringen. Endlich erhebt und tröstet sie ganz besonders die Gemüter der Armen, indem sie ihnen teils das Beispiel Christi vorhält, der, da er reich war, um unsertwillen arm geworden ist 19teils dessen Worte in Erin­nerung bringt, durch welche er die Armen selig pries und in ihnen die Hoffnung auf die Belohnungen der ewigen Seligkeit weckte. Wer sollte aber nicht einsehen, daß auf diese Weise der uralte Gegensatz zwischen Arm und Reich am besten ausgeglichen wird ? Die Natur der Sache selbst und die Ereignisse sagen Uns mit aller Deutlichkeit : verwirft man diese Lösung oder vernach­lässigt man sie, dann muß eins von beiden folgenden eintreten. Entweder gleitet wohl der größte Teil des Menschengeschlechtes in den höchst unwürdigen Zustand der Sklaverei zurück, der lange bei den Heiden bestand, oder die menschliche Gesellschaft wird unablässig von Wirren gepeinigt, von Raub und Gewalttat bedroht, wie dies zu unserem Bedauern auch in neuester Zeit geschehen ist.

Angesichts dieser Lage, Ehrwürdige Brüder, haben Wir, da Uns die Regierung der ganzen Kirche obliegt, schon bei Beginn Unseres Pontifikates Fürsten und Völker, die von einem wütenden Sturme umhergeworfen werden, auf den schützenden Hafen hingewiesen, in dem sie sich bergen können ; und durch die äußerste Gefahr, die bevorsteht, bewogen, erheben Wir jetzt wiederum vor ihnen Unsere Apostolische Stimme, und bei ihrem eigenen und der Gesellschaft Heile bitten Wir sie aber­mals und beschwören sie, daß sie die Kirche, die so herrliche Verdienste um die Wohlfahrt der Reiche hat, als Lehrerin anerkennen und anhören mögen. Sie mögen die volle Überzeugung gewinnen, daß das Wohl des Staates und der Religion so verbunden sind, daß, was dieser entzogen wird, in demselben Maße der Unter­tanentreue und Majestät der Obrigkeit abgeht. Und wenn sie einsehen, daß zur Abwehr der Pest des Sozia­lismus die Kirche Gottes eine so große Macht besitzt, wie sie weder menschlichen Gesetzen noch den Verboten der Behörden noch den Massen der Soldaten zukommt, so mögen sie endlich der Kirche jene Stellung und Frei­heit wiedergeben, in der sie ihren so höchst heilsamen Einfluß zum Besten der ganzen Gesellschaft geltend machen kann.

Ihr aber, Ehrwürdige Brüder, die Ihr Quelle und Wesen der bevorstehenden Übel erkennt, trachtet mit allem Eifer und Aufgebot der Seele dahin, daß die katho­lische Lehre allen Gemütern eingepflanzt werde und da tiefe Wurzeln schlage. Bestrebet Euch, daß schon von zarter Jugend an alle sich gewöhnen, Gott in kind­licher Liebe anzuhangen und ihn zu fürchten, der Majestät der Machthaber und der Gesetze Gehorsam zu leisten, die Begierden zu beherrschen und die Ordnung, welche Gott sowohl in der bürgerlichen als in der häuslichen Gesell­schaft begründet hat, sorgfältig zu wahren. Außerdem traget Sorge dafür, daß die Söhne der katholischen Kirche weder diesem abzulehnenden Bunde beitreten, noch in irgend einer Weise ihn zu begünstigen wagen ; vielmehr sollen sie durch musterhaftes Verhalten und eine in allem lobenswerte Lebensweise zeigen, wie gut und glücklich es stünde um die menschliche Gesellschaft, wenn alle ihre Glieder durch Rechtschaffenheit und Tugend sich auszeichneten. — Da endlich die Anhänger des Sozialismus besonders unter jener Menschenklasse sich finden, welche ein Handwerk treiben oder um Lohn arbeiten, und die etwa, der Mühen überdrüssig, durch Hoffnung auf Reich­tum und Verheißung von Gütern sehr leicht angelockt werden, so scheint es zweckmäßig, die Handwerker- und Arbeiter-Vereine zu fördern, die unter dem Schutze der Religion alle ihre Mitglieder zur Zufriedenheit mit ihrem Lose und Geduld in der Arbeit anhalten, und zu einem ruhigen und friedsamen Leben anleiten.

Unsern und Euren Bemühungen aber, Ehrwürdige Brüder, möge jener seine Gnade verleihen, dem Wir den Beginn wie die Vollendung alles Guten zuschreiben müssen. Zum Vertrauen auf seine allgegenwärtige Hilfe ermahnt Uns übrigens der Festgedanke dieser Tage selbst, an denen wir das Jahresgedächtnis der Geburt des Herrn feiern. Denn das neue Heil, welches der neugeborene Erlöser der bereits altersschwachen und am Rande des Verderbens angekommenen Welt gebracht hat, läßt er auch uns erhoffen, und auch uns hat er jenen Frieden verheißen, den er damals den Menschen durch die Engel versprochen hat. Denn noch ist die Hand des Herrn nicht verkürzt, daß er nicht helfen könnte, nicht taub sein Ohr, daß er nicht hören könnte 20. Indem Wir daher in diesen glückseligen Tagen Euch, ehrwürdige Brüder, und den Gläubigen Euerer Kirchen allen Segen und alle Freude wünschen, bitten Wir inständig den Geber alles Guten, daß wiederum erscheine die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes 21, der uns aus der Gewalt unseres erbittertsten Feindes befreit und zur erhabenen Würde seiner Söhne erhoben hat. Und damit Unsere Wünsche eher und vollkommener erhört werden, wendet Euch mit Uns in eifrigem Gebete zu Gott, Ehrwürdige Brüder, und flehet die allerseligste und unbefleckt empfangene Jungfrau Maria, sowie ihren Bräutigam, den heiligen Josef, und die seligen Apostel Petrus und Paulus, auf deren Fürbitte Wir ganz besonders vertrauen, um ihren Beistand an. Unterdessen erteilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gnaden in herzlichster Liebe Euch, Ehrwürdige Brüder, und Eurem gesamten Klerus und allen gläubigen Völkern den Apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 28. Dezember 1878, im ersten Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST LEO XIII.

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1 Leo XIII., Rundschreiben an alle Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen. ASS XI (1878) 369-376.

2 Leo XIII., Rundschreiben Inscrutabili Dei consilio, ASS x (1890) 585-592.

3 Is. LVIII 1.

4 JUD., Epist. 8.

5 I Tim. VI 10.

6 I Tim. III 15.

7 II Kor. VI 14.

8 Eph. III 15.

9 Röm. XIII 1-2.

10. Röm. XIII 5, 7.

11. I Kor. XII 29.

12. Weisheit VI 2-4, 6-9.

13. Apg. v. 29.

14. Hebr. XIII 4.

15. Eph. v. 23.

16. Epf.  VI 1-2.

17. Eph. VI 4.

18. Eph. VI 5-7.

19. II Kor. VIII 9.

20. Is. LIX 1.

21. Tit. III 4.

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(Quelle: MENSCH UND GEMEINSCHAFT IN CHRISTLICHER SCHAU – Dokumente – Herausgegeben von Dr. EMIL MARTY unter Mitwirkung von Josef Schafer und Anton Rohrbasser – Verlag der Paulusdruckerei Freiburg in der Schweiz, 1945)

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Siehe auch:

 

Vortrag von S.E. Erzbischof Marcel Lefebvre vom 27.10.1985 in Ecône (Auszug)

… Der wesentlichste Punkt aber, der gefährlichste Punkt am Konzil, der letzten Endes sein Hauptgegenstand war, gewollt von den Modernisten wie Kardinal Bea und Kardinal Willebrands, war die Religionsfreiheit, und jenes Sekretariat für die Einheit der Christen wurde kurz vor dem Konzil gegründet, um nicht durch die übrigen römischen Kongregationen gestört zu werden, die noch traditionell gesinnt waren. Dieses Sekretariat für die Einheit der Christen ist gegründet worden, um den Text über die Religions­freiheit besser durchzubringen, denn das war das Entscheidende und war übrigens von den Freimaurern verlangt worden, offiziell verlangt von den B’nai B’rith in New York, die, vergessen wir das nicht, den Kommunismus  in Rußland eingeleitet haben. Lesen Sie die Bücher von Léon de Poncin.1 Sie finden darin, daß die B’nai B’rith in den letzten Tagen des kaiserlichen Rußland im Jahr 1917 die sowjetische Revolution finanziert haben und da­mit den Zaren und alle Vertreter des orthodoxen, des christlichen Glaubens massakrieren ließen, um den Staat, der christlich war, wenn auch schisma­tisch, aus Hass gegen das Christentum zu beseitigen.

Das ist das Werk der B’nai B’rith, dieser jüdischen Freimaurersek­te, die nur Juden vorbehalten ist. Poncin schreibt, daß es damals 120’000 waren. Vor kurzem las ich in einer Veröffentlichung, daß sie jetzt eine hal­be Million Mitglieder zählen. Sie sind überall. Sie sind es, die auf der Welt  kommandieren, denn diese Juden haben alle Banken in der Hand. Diese Ju­den sind im Besitz aller bedeutenden Geschäfte der Welt. Sie kommandie­ren übrigens ebenso in der UdSSR wie in Amerika und überall auf der gan­zen Welt.

Und sie verteilen die Medaillen für Religionsfreiheit. Sie verleihen einen Orden für Religionsfreiheit. Der Präsident Alfonsin von Argentini­en2, der vor einigen Monaten offiziell im Weißen Haus und von den B’nai B’rith in New York empfangen wurde, ist durch diese Freimaurer mit dem Orden für Religionsfreiheit ausgezeichnet worden, weil er ein Regime mit Kultfreiheit und Religionsfreiheit eingeführt hat.

Mit ihnen hat Kardinal Bea offizielle Verbindungen angeknüpft. Das ist kein Geheimnis; es steht in den New Yorker Zeitungen. Es ist keine Er­findung von mir: „Kardinal Bea ist angekommen und wurde an diesem und jenem Ort, in diesem und jenem Hotel von den B’nai B’rith empfangen. Es fanden Zusammenkünfte statt hier und dort…“

Warum sind sie für die Religionsfreiheit? Weil die Freimaurer es nicht ertragen können, dass die katholische Kirche behauptet, die einzige Wahrheit, die allein wahre Religion zu sein. Sie werden das nie ertragen  können. Sie haben es nie ertragen, sie werden es nie ertragen.

Solange die Kirche behauptete, dass sie die einzig wahre sei und dass alle Menschen sich zur katholischen Religion bekehren müssen, um geret­tet zu werden, herrschte Krieg auf Leben und Tod gegen die katholische Kirche. Seit dem Zeitpunkt aber, da man die Religionsfreiheit anerkannt hat und somit auch, dass alle Religionen geeignet sind, Mittel zum Heil zu sein, gab es kein Problem mehr. Das hat das Sekretariat für die Einheit der Christen den Freimaurern versprochen. Und diese hatten das Spiel gewon­nen. Das Schema ist fünfmal zurückgewiesen worden. Fünfmal sind sie zum Angriff angetreten und sie haben durchgebracht, was sie durchbringen wollten. Zum Schluß waren es zweihundertfünfzig Väter, die dagegen wa­ren, und das war genau die Zahl der Väter vom „Coetus internationalis Pat­rum“. Der Papst war ungehalten darüber, dass es zweihundertfünfzig Väter gab, die gegen die Annahme des Schemas der Erklärung über die Religi­onsfreiheit waren. Er ließ einige Worte anfügen: „Dieser Text widerspricht in nichts der katholischen Tradition; man muss die Wahrheit in der katholi­schen Kirche suchen. Die Religionsfreiheit tut der traditionellen katholi­schen Lehre von der sittlichen Pflicht des Menschen und der Vereinigun­gen hinsichtlich der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi kei­nerlei Eintrag.“

Das war eine Scheinkonzession gegenüber der Wahrhaftigkeit der katholischen Kirche. Der Papst ließ diese beiden kleinen Sätze anfügen, obwohl sie mit dem ganzen Text über die Religionsfreiheit in Widerspruch stehen. Und er nahm das auf sich, um zu versuchen, auch jene zum Nach­geben zu bringen, die sich diesem Dekret widersetzten. Daraufhin sagte leider eine gewisse Anzahl von denen, die dagegen waren: „Ah, jetzt nach­dem der Papst gesagt hat, dass in diesem Dekret nichts der Tradition Zu­widerlaufendes steht, können wir dafür stimmen.“ Ich sagte: „Aber man stimmt doch nicht für ein widersprüchliches Dekret, das ist absurd!“ „Oh, das macht nichts, nachdem der Papst das gesagt hat… “ Und so gab es, wenn ich mich recht erinnere, nur siebzig oder achtzig Gegenstimmen. Die Zahl der Opponenten war beträchtlich gesunken.

Daher kommt also das schwere Unheil, denn aus dieser Religions­freiheit ist der Ökumenismus hervorgegangen, und der Ökumenismus hat das ganze Leben der Kirche vergiftet. Man fasste den Entschluss, alles im Licht des Ökumenismus zu ändern: vor allem die Liturgie, aber in gewisser Weise auch die Verfassung der Kirche mit jenen Bischofskonferenzen. Man begann die Kirche zu demokratisieren und sogar den Status des Pries­ters zu ändern, den Priestern mehr Freiheit zu lassen, ihnen zu erlauben zu heiraten. Das alles wurde unternommen, um sich den Protestanten anzunä­hern, um keine Schwierigkeiten mehr mit den Feinden der Kirche zu ha­ben. Und deshalb können wir in diesem Punkt nicht nachgeben.

Warum sollen wir aber dann Beziehungen zu Rom unterhalten, wenn es keinen Weg mehr gibt, sich zu verständigen? Weil man immer hoffen muss, doch einen Einfluss auf Rom zustande zu bringen und jene in Rom, welche die Verantwortung tragen, zum gesunden Menschenverstand und zum Glaubenssinn zurückzuführen, ihnen zu sagen: „Aber ihr geht seit  dem Konzil einen falschen Weg! Kehrt zur Tradition zurück, und ihr werdet sehen, dass die Kirche wieder in Ordnung kommt […]. Das gelingt euch nicht mit allen jenen Reformen, die ihr durchgeführt habt, mit der Re­form der Ordenskongregationen, mit der Reform aller Konstitutionen in li­beralem Sinn, im Sinn einer Verminderung der Autorität, einer Abschwä­chung des Ordenslebens, im Sinn von mehr Freiheit. Das alles hat einen verheerenden Einfluss gehabt. Daher das Aufhören der Berufungen, daher der beträchtliche Rückgang der kontemplativen Orden“

(S.E. Erzbischof Marcel Lefebvre).

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1 „Christianisme et Francmaçonerie“ und „La Francmaçonerie d’après ses documents“ beides erschienen bei Diffusion de la Pensée Française, Chiré-en-Montreuil, F-86190 Vouillé, 1975.

2 Raul Alfonsin, geb. 1927, aus wohlhabender Familie, spanischer Herkunft, Jurist und erfolgreicher Politiker mit guten internationalen Kontakten. Wurde dem linken Parteiflügel zugerechnet, 1983 zum Vorsitzenden der „Uniön Civica Radical“ (UCR) und zum Staatspräsidenten gewählt und kündigte Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der Militärjunta an.

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Quelle: Kleine Informationsschrift zu Ökumenismus, Freimaurerei und Antichrist sowie Worte von S.E. Erzbischof Marcel Lefebvre, 12 Seiten A4 geheftet – Priesterbruderschaft, St. Pius X., Priorat St. Karl Borromäus, Staatsstr. 87, 9463 Oberriet (CH), Tel. 071 / 761 27 26 – CHF 1.50 / Euro 1.20