„Es ist möglich, rein zu leben!“ Ansprache von Papst Paul VI. in Nettuno am 14. September 1969

Paul VI. in Nettuno - Maria Goretti

Die Reliquien der heiligen Maria Goretti befinden sich in der Krypta des Marienheiligtums in Nettuno, südlich von Rom am Strand des Tyrrhenischen Meeres gelegen. Der moderne Bau wurde 1969 eingeweiht; die frühere Kirche, anstelle eines alten Kirchleins anfangs des 20. Jahrhunderts erbaut, war vom Meer unterspült 1967 abgebrochen worden. Die Gebeine der Märtyrin sind in einer wächsernen Figur unter dem Zelebrationsaltar der Krypta eingelassen. – Am 14. September 1969 war Papst Paul VI. nach Nettuno gepilgert, hatte am Reliquienschrein der jungen Heiligen gebetet und dann an die versammelte Menge der Gläubigen eine Ansprache gehalten. (Entnommen dem Buch: F. Ciomei/S. Sconocchia, Die hl. Maria Goretti in den Pontinischen Sümpfen, Nettuno 1980; vgl. auch V. Ruef, Die wahre Geschichte von der hl. Maria Goretti. Jestetten. 12. Auflage 1993).

Was kündet das Heiligtum von Nettuno?

„Ehrwürdige Brüder, liebe Söhne und Töchter. Es ist für uns ein großer Trost, diesen Abend in eurem Kreis zu verbringen…
Da ein Heiligtum eine besondere Verehrung ausdrückt, fragen wir uns: Welches ist diese besondere Verehrung? Welches ist die Bezeichnung, die die Kirche hervorhebt, in der wir jetzt versammelt sind? Welches ist der Wert, den wir hier hervorheben, bewundern und möglicherweise mit uns nehmen wollen, um unser Leben durch ihn beeinflussen zu lassen?
Wir wissen es: es ist die Unschuld und die Reinheit.
Wir sprechen diese Worte mit großer Vertraulichkeit, weil sie hier üblich sind; sagen wir, sie gehören zur religiösen Sprache unserer gewöhnlichen Konversation. Für jene, welche dem Evangelium folgen, für jene, die den Umgang mit dem Kirchenvolk pflegen, für jene, die wissen, was sich für einen Christen gehört, sind diese Worte angemessen und willkommen. Aber ist es auch in der Welt so?
Spricht man heute noch von der Reinheit? Von der Ehrbarkeit im Lebenswandel? Weiß man noch etwas davon, was diese Tugend erfordert und was sie mit sich bringt? Oder gibt es da ein gewisses Misstrauen und manchmal auch Gelächter und Spott, wenn man von dieser Tugend redet? Keuschheit ist keine Modetugend, es ist keine Tugend, die in der modernen Gesellschaft verehrt wird, im Gegenteil, die allgemeine gesellschaftliche Richtung ist dagegen… Laster hat es zwar immer gegeben, aber heute gibt es eine besondere Absicht, diese Tugend verächtlich zu machen, heute ist gewissermaßen das Gegenteil das gewöhnliche Thema der Darbietungen und Schauspiele.
Was soll aus unseren jungen Leuten, unseren Kindern und Mädchen, unserer neuen Generation, werden, die ständig unter diesem Druck stehen? Die systematische Versuchung verbirgt sich in der Suggestion der Formen, in Bildern und wertfreier Ungeniertheit, um an die menschlichen Schwächen heranzukommen, bis zum Verzicht auf die eigene Verteidigung und auf die eigenen Tugenden.

Das Zeugnis des Blutes

Wir verehren hier die Reinheit, aber unter welchem Gesichtspunkt? Wir verehren sie unter einem besonderen, sagen wir dramatischen Gesichtspunkt. Es ist eine Blutgeschichte, die wir hier verehren: ein Zeugnis.
Wie nennt man dieses Zeugnis? Ihr wisst es: es heißt Martyrium. Das Martyrium wird auf diese tragische Weise erduldet: mit dem Blut. Wollten wir ein farbiges Bild dieser Szene, dieses Begriffes haben, so müssten wir uns die weiße und rote Farbe vorstellen. Dies sagt auch der berühmte Gesang des „Te DEUM“, wo von den Märtyrern gesagt wird: „Te martyrum candidus laudat exercitus“ – das weiße Heer der Märtyrer…
Und so können wir sehen und verstehen, wie hier der Wert der Reinheit bestätigt, bezeugt und der Welt gezeigt wird, mit dem Blutzeugnis, einem Zeugnis, das sagen will: Ich lege alles auf die Waage. Auf die eine Seite diesen Wert, die Reinheit; auf die andere Seite das Leben. Was ist wertvoller? Die Antwort des Märtyrers ist: Der Wert der christlichen Tugend ist so groß, so überragend, so GÖTTlich, so verpflichtend, dass ich ihn meinem (irdischen) Leben vorziehe.
Dieses Zeugnis abzulegen, diese Bevorzugung auszudrücken, heißt ein Martyrium erdulden. Märtyrer ist jener, der sagt: Es gibt Werte (wie den Glauben, die Wahrheit, die Kirche oder die Treue zu den Tugenden), die über jedem menschlichen Begriff stehen; sie sind unermesslich. Und da könnte man sich fragen, was denn das menschliche Leben ist, wenn es in sich Werte enthält, die höher sind als das Leben selbst.
Wir sind – so sagt es der hl. Paulus – zerbrechliche Gefäße, die unschätzbaren Wert enthalten. Ein Christ trägt in sich wertvolle Schätze, die kostbarer sind als das Gefäß, das sie enthält: die GÖTTliche Gnade, die Gegenwart GOTTES, die Vereinigung, den Verbindung mit GOTT, der die Tugend ist, das Geschenk des HL. GEISTES, das uns besser macht, das uns heilig macht. Eine dieser Verbindungen besteht in der Reinheit.

Reinheit als Harmonie zwischen Leib und Seele

Die Reinheit ist nichts anderes als das Gleichgewicht, die Harmonie zwischen Körper und Geist, zwischen Leib und Seele, zwischen Vernunft und Instinkt, zwischen Wille und Leidenschaft. Das reine Herz, der reine Christ hat diese Hierarchie in sich; an höchster Stelle steht die GÖTTliche Gnade. Ich werde alles verlieren, aber nicht die GÖTTliche Gnade, die ja das Leben ist!
In uns ist auch jene andere Seite, über die man sprechen könnte, aber sie ist allgemein bekannt und leider haben sie auch alle erlebt: die Störungen, die wir in uns tragen. Wir sind unvollkommene Geschöpfe. Die Erbsünde hat unsere Psychologie gestört, sie machte unseren Leib widerspenstig gegen unseren Geist. Wir hätten herrliche, bevorzugte Wesen sein sollen, wie es die GOTTESmutter war: Darum verehren wir sie so sehr und sagen zu ihr „Tota pulchra es, Maria“ – Ganz schön bist Du, Maria! Wir hingegen, auch wenn wir gut sind, auch wenn wir versuchen, treu zu sein, auch wenn wir das große Glück hatten, die Taufe zu empfangen, sind doch unvollkommene Wesen; in uns sind Triebe, die der Vernunft nicht gehorchen; und oft… beherrschen die niederen Triebe den Verstand.
Seid auf der Hut: Das Erwachen der Triebe, der Leidenschaften, der Reiz der Begierde siegen leider oft über die Weisheit, über den Geist, über die Urteilsfähigkeit. Und da müssen wir uns bemühen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Man darf die Herrschaft über sich nicht verlieren. Der Geist muss durch den Glauben und die GÖTTliche Lehre erleuchtet werden, die sagt: Man muss befehlen! Wem? Sich selbst! Das heißt, viele Erregungen, Versuchungen und Triebe in uns zu beherrschen, sie ins Gleichgewicht zu bringen, damit unser Leben seine Kraft, seine Stärke und seine Tugend zurückerhält.

Maria Goretti kämpfte und siegte

Da fragen wir uns also: Wie hat das Maria Goretti gemacht? Kannte sie all dies, von dem wir sprechen? Bestimmt kannte sie es. Wenn die Kinder gut erzogen sind, schenkt ihnen GOTT so viele dieser Schätze, dass sie besser und braver sind als wir. Der HERR sagt uns: „Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3). Das Kind bewahrt gewöhnlich die Unschuld seiner Seele; es kennt den Wert des Guten und Bösen oft besser als die Erwachsenen.
Da kommt uns natürlich der Gedanke: Hat sich Maria Goretti bewusst der Versuchung widersetzt? Bis zu welchem Grad? Ihr kennt die Geschichte dieses Mädchens, dessen Stärke bis zum Heldentum anstieg. Ein Heldentum bedeutet Duell, einen Kampf. Die Geschichte von Maria Goretti ist wirklich ein Kampf, und ihr Ende ist herrlich und dramatisch. Da ist ein schwaches Wesen: Wie kann sich ein zwölfjähriges Kind gegen eine brutale Gewalttätigkeit wehren? Wie kann es der Überwältigung eines Missetäters standhalten, der es anfällt und erdrückt?
Trotzdem – auf der einen Seite steht eine Stärke (ein moralischer Wert – die Tapferkeit), auf der anderen eine Kraft (ein physischer Wert). Tapferkeit und Kraft bekämpfen sich. Wer siegt? Wenn man auf die Szene blickt, würde man sagen, die Kraft habe gewonnen. Aber wer besser hinschaut, muss sagen: die Tapferkeit hat gesiegt.
Also: Die Schwachheit dieses Mädchens hat die Kraft des Unmenschen besiegt. Die Gewalttätigkeit wurde von einem unbewaffneten, einfachen, bescheidenen Kind zurückgestoßen und besiegt, das ihr nichts anderes entgegenzusetzen hatte als sein reines Gewissen und den Wunsch, seinen christlichen Idealen treu zu bleiben. Maria Goretti hat gesiegt.
Wenn wir in dieses Heiligtum kommen, um Maria Goretti zu verehren, feiern wir an diesen Sieg der christlicher Tapferkeit über alle Versuchungen und feindlichen Kräfte, die den christlichen Namen und die christlichen Tugenden bedrohen.

Reinheit und Tapferkeit gehören zusammen

Die christliche Tugend ist wertvoller als alles andere. Und schaut: Die christliche Tugend der Reinheit ist möglich! Warum sagen wir das mit lauter Stimme? Weil sich die ganze öffentliche Meinung, vor allem unter der Jugend, überzeugen will, dass dies unmöglich sei. Man muss doch nachgeben; alle geben nach, warum ich nicht?
Und da kommt man fast auf den Gedanken, die Reinheit sei ein schöner Traum, vielleicht ein Traum der Engel, kein Traum der Menschen.
Aber was sagt uns Maria Goretti mit ihrem Martyrium, mit ihrer Einfachheit? Dieses Mädchen des Volkes, dieses bescheidene Bauernmädchen, was sagt sie uns? Es ist möglich, sich ehrlich, rein, frei und stark zu erhalten! Und vor allem ihr, Jugendliche, macht uns keine Vorwürfe, wenn wir euch sagen, es sei möglich, tapfer zu sein. Ihr würdet es vorziehen, wenn wir sagen würden: Es ist ja nicht möglich; seid schwach, lasst euch besiegen, seid Menschen, die dem Druck der äußeren Welt und der inneren Schwäche nachgeben. Aber wir sagen:
Es ist auch heute möglich, rein zu leben. Reinheit und Tapferkeit gehören zusammen! Die Tapferkeit muss man aber üben! Sich zu verteidigen, ist nicht selbstverständlich. Ein persönliches Wollen ist notwendig, und dieses Wollen kostet etwas! Maria Goretti lehrt uns, dass man widerstehen und leiden muss. Man muss die Schwierigkeiten, die uns schwächen, bewusst und energisch bekämpfen. Man muss sich vorbereiten, man muss sich wappnen, man muss kämpfen…
Besonders in diesen Jahren und in dieser Atmosphäre, in der wir leben, verlangt das Leben vom konsequenten Christen, der die geistigen und moralischen Werte wirklich festhalten will, viele Anstrengungen. Und diese Anstrengungen heißen Demütigungen, Verzichte, Selbstbeherrschung, freudige und offene Ausübung der Tugenden. Wir wollen stark sein, auch wenn der Hohn und das Gelächter der anderen uns versuchen will, dass wir es ihnen gleich tun, das heißt schwach und besiegt wie sie zu sein. Man muss stark sein, um Opfer bringen zu können, um keusch zu bleiben für das Leben, das uns von GOTT bestimmt wurde: das zukünftige Leben.
Es soll ein Versprechen sein: Wir wollen nicht vom Grabe dieses heiligen Mädchens, das sein Blut geopfert hat, um eine wahre Christin zu sein, um ein Beispiel der Tugend und der CHRISTUS-Treue zu geben, weggehen, ohne uns zu verpflichten, wie sie wahrhaft christlich zu leben, rein und tapfer!“

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Quelle (Freundeskreis Maria Goretti)

Siehe ferner:

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. AN DIE BOTSCHAFTERIN DER NIEDERLANDE

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Johannes Paul II. ist am 2. April 2005 gestorben.

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN FRAU Monique Patricia Antoinette Frank,
BOTSCHAFTERIN DES KÖNIGREICHS DER NIEDERLANDE*

Samstag, 22. Januar 2005

 

Frau Botschafterin!

1. Es ist mir eine Freude, Eure Exzellenz anläßlich der Übergabe des Beglaubigungsschreibens zu empfangen, mit dem Sie als außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin des Königreichs der Niederlande beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden.

Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie mir die freundliche Botschaft Ihrer Majestät Königin Beatrix übermittelt haben, und bitte Sie, Ihrer Majestät dafür meine besten Wünsche für ihre Person, für die königliche Familie sowie für das ganze niederländische Volk auszusprechen.

2. Jeden Tag erinnern die Nachrichten aus der Welt uns alle an die dringende Notwendigkeit, eine friedliche Zukunft für die Menschen aufzubauen; zur Erreichung dieses Ziels muß eine solide internationale Ordnung geschaffen werden, die vor allem durch eine bessere Verteilung der Ressourcen auf internationaler Ebene und durch eine aktive Entwicklungshilfepolitik gewährleistet wird.

Wie Sie soeben angemerkt haben, Frau Botschafterin, sieht sich auch Ihr Land in jüngster Zeit neuen Spannungen ausgesetzt, die sich aus dem raschen Wandel in unseren Gesellschaften ergeben, in einer Welt, die sich der kulturellen Vielfalt immer mehr öffnet. Auch hier wird die Notwendigkeit und Dringlichkeit eines vertieften Dialogs zwischen den verschiedenen Gruppen im Lande erkennbar, damit alle lernen, einander kennenzulernen und zu respektieren. Diese Offenheit gegenüber den Mitmenschen ist unentbehrlich, um die Grenzen zwischen den jeweiligen Gruppen zu überwinden, wie ich schon in meiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstags am 1. Januar 2001 erwähnt habe: »Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen« (Nr. 7).

Unter dieser Bedingung wird es möglich sein, friedliche Beziehungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften herzustellen, damit alle zusammen das gemeinsame Haus der Nation aufbauen.

3. Zur Gewährleistung eines maßgeblichen Beitrags der katholischen Kirche zu diesem Prozeß, der in vielerlei Hinsicht einer »neuen politischen Kultur« den Weg ebnet (vgl. Botschaft zur Feier des Weltfriedenstags am 1. Januar 2005, 10), habe ich vor gut drei Jahren erneut die Initiative ergriffen und die Vertreter der großen Weltreligionen in Assisi versammelt, um vereint unseren gemeinsamen Willen zum Frieden zu bekunden; ich habe sie aufgerufen, einen tiefgehenden Dialog zwischen allen Religionen zu fördern. Vor allem habe ich sie gebeten, unbedingt davon Abstand zu nehmen, den Rückgriff auf Gewalt durch religiöse Beweggründe zu rechtfertigen, sondern ihn vielmehr ausdrücklich zu verurteilen.

Seither bemüht sich der Heilige Stuhl um die Förderung eines aufrichtigen interreligiösen Dialogs auf allen Ebenen, wobei die Christen aufgefordert sind, in allen Gesellschaften, in denen sie leben, im gleichen Geist zu handeln, nämlich als Bauleute des Friedens und des Dialogs, vor allem im Verhältnis zu den Gläubigen der anderen Religionen, mit denen sie zusammenleben. Ich weiß, daß die katholische Kirche in den Niederlanden sich vor kurzem durch die Stimme ihrer Bischöfe in diesem Sinne geäußert hat, und ich versichere sie bei dieser Gelegenheit meiner vollen Unterstützung.

4. Exzellenz, Sie betonten die wichtige Rolle ihres Landes im Kampf gegen den Hunger und die Armut in der Welt und sein Engagement für die Entwicklung und die gesundheitliche Betreuung von Völkern, die in besonderem Maße dem Drama der Pandemien ausgesetzt sind; darunter ist besonders Aids zu nennen, das sich in Afrika rapide ausbreitet und dort schon unzählige Opfer gefordert hat.

Wie Sie wissen, hält der Heilige Stuhl zur verantwortungsvollen Bekämpfung dieser Krankheit in erster Linie eine Verstärkung der Vorbeugung für nötig, vor allem durch eine Erziehung zur Achtung des heiligen Charakters des Lebens und zu einem rechten Umgang mit der Sexualität, der Keuschheit und Treue voraussetzt.

Auf meine Anregung hin hat sich auch die Kirche zugunsten der Opfer mobilisiert, vor allem um ihnen den Zugang zur erforderlichen medizinischen Versorgung und zu den notwendigen Medikamenten durch zahlreiche Behandlungszentren zu sichern.

Die Niederlande haben vor kurzem den Vorsitz in der Europäischen Union übernommen, zu einer Zeit, da die Union neue Länder in ihren Kreis aufgenommen hat und weitere neue Beitritte vorbereitet werden. Der Heilige Stuhl hat das »Projekt Europa« stets aufmerksam verfolgt und unterstützt es als konstruktiven Beitrag zum Frieden sowohl auf dem Kontinent selbst als auch andernorts, denn er betrachtet es als ein Modell der Zusammenarbeit für andere Regionen der Welt. Wie ich in meiner jüngsten Botschaft zum Weltfriedenstag 2005 eindringlich gefordert habe (vgl. Nr. 10), sind die Regierungen der Europäischen Union aufgerufen, gemeinsam neue Initiativen zur Entwicklungshilfe zu entwickeln, und zwar vor allem in Afrika, unserem Nachbarkontinent, der durch die geschichtlichen Verbindungen Europa so nahe steht; dies kann durch die Ausarbeitung von Abkommen echter Zusammenarbeit und Partnerschaft verwirklicht werden.

5. Seit mehreren Jahren folgt die niederländische Gesellschaft, die vom Phänomen der Säkularisierung geprägt ist, einer neuen Politik im Bereich der Gesetzgebung über den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens. Der Heilige Stuhl hat es seither nicht an klaren Stellungnahmen fehlen lassen und die Katholiken der Niederlande aufgefordert, immer entschlossener zu bezeugen, daß sie an der uneingeschränkten Achtung des Menschen von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod festhalten.

Erneut fordere ich die Autoritäten und das medizinische Personal sowie alle im Erziehungswesen tätigen Personen auf, die Tragweite dieser Fragen und demzufolge die Bedeutung der von ihnen getroffenen Entscheidungen zu erwägen, damit eine Gesellschaft aufgebaut werden kann, die den Menschen und ihrer Würde gegenüber immer mehr Aufmerksamkeit entgegenbringt.

Die Jugendlichen Ihres Landes, die seit mehreren Generationen das Glück haben, innerhalb der Europäischen Union in Frieden zu leben, und die berechtigterweise nach Entwicklung und Wohlergehen streben, benötigen zur Übernahme ihrer künftigen Verantwortung eine solide Erziehung, die ihre Persönlichkeit zur Entfaltung und Ganzheitlichkeit führt und ihr »Inneres« stärkt, um mit dem schönen Wort des Apostels Paulus zu sprechen (vgl. Eph 3,16). Vor allem aber sollen sie dadurch in einer immer kosmopolitischer und multikultureller werdenden Gesellschaft für die Begegnung mit den Mitmenschen offen werden.

Die katholische Kirche hat seit jeher der Jugend ihre Aufmerksamkeit gewidmet, und sie wird sich auch in Zukunft um eine ganzheitliche Erziehung der Jugendlichen bemühen. Außerdem ist sie bereit, ihren Anteil beizutragen zu den Anstrengungen, die die ganze Nation mit Sicherheit in diesem Sinne unternehmen wird.

6. Ich freue mich, Exzellenz, durch Sie die katholische Gemeinschaft der Niederlande und ihre Hirten grüßen zu können. Mir ist bekannt, daß sie sich aktiv für das Leben des Landes einsetzt, die gesellschaftlichen Entwicklungen aufmerksam verfolgt und entschlossen ist, einen umfassenden Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten durch ihr Zeugnis für das, was sie glaubt und hofft, und durch ihre Bemühung, gemäß dem vom Herrn erhaltenen Liebesgebot zu leben.

Ich ermutige die katholische Kirche der Niederlande besonders zur täglichen Pflege des Dialogs zwischen den Einzelpersonen und den Gruppen in der Gesellschaft, vor allem in den großen städtischen Ballungszentren, wo die Komplexität der zwischenmenschlichen Beziehungen zu großer Einsamkeit führen kann.

Außerdem fordere ich sie auf, sich vorbehaltlos in den Dienst der Schwächsten zu stellen, die in den modernen, von wirtschaftlichem und sozialem Konkurrenzdenken geprägten Gesellschaften oft ausgegrenzt werden.

7. Frau Botschafterin, heute beginnen Sie Ihr hohes Amt als Vertreterin Ihres Landes beim Heiligen Stuhl. Nehmen Sie dazu meine herzlichen Wünsche für ein gutes Gelingen entgegen, und seien Sie sicher, daß Sie bei meinen Mitarbeitern stets Verständnis und die nötige Unterstützung finden werden!

Auf Ihre Exzellenz, Ihre Familie und Ihre Mitarbeiter sowie auf alle Ihre Landsleute rufe ich von ganzem Herzen die Fülle des göttlichen Segens herab.


*L’Osservatore Romano n. 7 p. 8.

© Copyright 2005 – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle

ÜBER DIE ZEITGEMÄSSE ERNEUERUNG DES ORDENSLEBENS

DEKRET
PERFECTAE CARITATIS
ÜBER DIE ZEITGEMÄSSE ERNEUERUNG DES ORDENSLEBENS

 

1. Die Heilige Synode hat bereits in der Konstitution, die mit den Worten „Das Licht der Völker“ beginnt, dargelegt, daß das Streben nach vollkommener Liebe auf dem Weg der evangelischen Räte in Lehre und Leben des göttlichen Meisters seinen Ursprung hat und wie ein leuchtendes Zeichen des Himmelreiches erscheint. Sie möchte nun von der Lebensordnung der Institute handeln, in denen Keuschheit, Armut und Gehorsam gelobt werden, und für deren zeitbedingte Erfordernisse Vorsorge treffen.

Von Anfang an gab es in der Kirche Männer und Frauen, die durch die Befolgung der evangelischen Räte Christus in größerer Freiheit nachzufolgen und ihn ausdrücklicher nachzuahmen verlangten und die – jeder auf seine Weise – ein Leben führten, das Gott geweiht war. Viele wählten unter dem Antrieb des Heiligen Geistes ein Einsiedlerleben, andere gaben den Anstoß zu religiösen Gemeinschaften, die von der Kirche kraft ihrer Vollmacht gern unterstützt und bestätigt wurden. So erwuchs nach göttlichem Ratschluß eine wunderbare Vielfalt von Ordensgemeinschaften, die sehr dazu beitrug, daß die Kirche nicht nur zu jedem guten Werk gerüstet (vgl. 2 Tim 3,17) und für den Dienst am Aufbau des Leibes Christi (vgl. Eph 4,12) bereit ist, sondern auch mit den mannigfachen Gnadengaben ihrer Kinder wie eine Braut für ihren Mann geschmückt dasteht (vgl. Offb 21,2) und die vielgestaltige Weisheit Gottes kundtut (vgl. Eph 3,10).

Inmitten der Vielfalt von Gnadengaben weihen sich alle, die von Gott zum Leben der evangelischen Räte berufen werden und dieses aufrichtig geloben, in besonderer Weise dem Herrn, indem sie Christus nachfolgen, der selbst jungfräulich und arm gelebt (vgl. Mt 8,20; Lk 9,58) und durch seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,8) die Menschen erlöst und geheiligt hat. Von der Liebe gedrängt, die der Heilige Geist in ihre Herzen ausgegossen hat (vgl. Röm 5,5), leben sie mehr und mehr für Christus und seinen Leib, die Kirche (vgl. Kol 1,24). Je inniger sie also durch solche Selbsthingabe, die das ganze Leben umfaßt, mit Christus vereinigt werden, desto reicher wird das Leben der Kirche und desto fruchtbarer deren Apostolat.

Damit aber der besondere Wert eines durch die Verpflichtung auf die evangelischen Räte geweihten Lebens und dessen notwendige Aufgabe der Kirche in der gegenwärtigen Zeit zu größerem Nutzen gereiche, erläßt diese Heilige Synode die folgenden Bestimmungen. Sie berücksichtigen aber nur die allgemeinen Grundsätze einer zeitgemäßen Erneuerung der Ordensgemeinschaften sowie – unter Wahrung ihrer jeweiligen Eigenart – der Gesellschaften des gemeinsamen Lebens ohne Gelübde und der Weltinstitute. Die besonderen Richtlinien für ihre rechte Auslegung und Anwendung sind nach dem Konzil von der zuständigen Autorität zu erlassen.

Erneuerung und Anpassung

2. Zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens heißt: ständige Rückkehr zu den Quellen jedes christlichen Lebens und zum Geist des Ursprungs der einzelnen Institute, zugleich aber deren Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse. Diese Erneuerung ist unter dem Antrieb des Heiligen Geistes und unter der Führung der Kirche nach folgenden Grundsätzen zu verwirklichen:

a) Letzte Norm des Ordenslebens ist die im Evangelium dargelegte Nachfolge Christi. Sie hat allen Instituten als oberste Regel zu gelten.

b) Es ist der Kirche zum Nutzen, daß die Institute ihre Eigenart und ihre besondere Aufgabe haben. Darum sind der Geist und die eigentlichen Absichten der Gründer wie auch die gesunden Überlieferungen, die zusammen das Erbe jedes Institutes ausmachen, treu zu erforschen und zu bewahren.

c) Alle Institute sollen am Leben der Kirche teilnehmen und sich entsprechend ihrem besonderen Charakter deren Erneuerungsbestrebungen – auf biblischem, liturgischem, dogmatischem, pastoralem, ökumenischem, missionarischem und sozialem Gebiet – zu eigen machen und sie nach Kräften fördern.

d) Die Institute sollen dafür sorgen, daß ihre Mitglieder die Lebensverhältnisse der Menschen, die Zeitlage sowie die Erfordernisse der Kirche wirklich kennen, damit sie die heutige Welt im Licht des Glaubens richtig beurteilen und den Menschen mit lebendigem apostolischem Eifer wirksamer helfen können.

e) Da das Ordensleben durch die Verpflichtung auf die evangelischen Räte vor allem anderen auf die Nachfolge Christi und die Vereinigung mit Gott abzielt, ist ernst zu bedenken, daß auch die besten Anpassungen an die Erfordernisse unserer Zeit ohne geistliche Erneuerung unwirksam bleiben; diese hat darum auch bei aller Förderung äußerer Werke immer das Wesentliche zu sein.

3. Lebensweise, Gebet und Arbeit müssen den körperlichen und seelischen Voraussetzungen der Menschen von heute, aber auch – soweit die Eigenart des Instituts es verlangt – den Erfordernissen des Apostolats, den Ansprüchen der Kultur, der sozialen und wirtschaftlichen Umwelt entsprechen. Das gilt überall, vor allem in den Missionsgebieten. Nach denselben Kriterien ist auch die Art und Weise der Leitung in den Instituten zu überprüfen. Darum sind die Konstitutionen, die „Direktorien“, die Gebräuchebücher, Gebetbücher, Zeremonienbücher und dergleichen entsprechend durchzusehen und nach Ausscheiden veralteter Bestimmungen mit den Dokumenten dieser Heiligen Synode in Einklang zu bringen.

4. Zur wirksamen Erneuerung und echten Anpassung ist die Zusammenarbeit aller Mitglieder eines Instituts unerläßlich. Richtlinien für die zeitgemäße Erneuerung festzusetzen, Vorschriften zu erlassen und hinreichende, kluge Erprobung zu gestatten ist jedoch einzig Sache der rechtmäßigen Autoritäten, vor allem der Generalkapitel, unbeschadet der Gutheißung durch den Heiligen Stuhl oder die Ortsordinarien, wo es die Rechtsnormen erfordern. Die Obern jedoch sollen in dem, was die Belange des ganzen Instituts betrifft, ihre Untergebenen in geeigneter Weise befragen und hören. Um Wünsche und Vorschläge für die zeitgemäße Erneuerung der Nonnenklöster zu erlangen, können auch Sitzungen der Föderationen oder andere rechtmäßige Zusammenkünfte einberufen werden. Alle sollen sich indes bewußt bleiben, daß die Erneuerung mehr von einer gewissenhaften Beobachtung der Regel und der Konstitutionen als von einer Vermehrung der Vorschriften zu erhoffen ist.

Gemeinsame Merkmale aller Formen religiösen Lebens

5. Die Mitglieder aller Institute sollen sich bewußt bleiben, daß sie durch ihr Gelöbnis der evangelischen Räte vor allem einem göttlichen Ruf geantwortet haben und dadurch nicht nur der Sünde gestorben sind (vgl. Röm 6,1), sondern auch der Welt entsagt haben, um Gott allein zu leben; denn sie haben ihr ganzes Leben seinem Dienst überantwortet. Das begründet gleichsam eine besondere Weihe, die zutiefst in der Taufweihe wurzelt und diese voller zum Ausdruck bringt. Da aber diese Selbsthingabe von der Kirche angenommen wurde, sollen sie sich auch zu deren Dienst verpflichtet wissen. Solches Übereignetsein an Gott muß sie immer mehr zu praktischer Tugend drängen, besonders zu Demut und Gehorsam, Tapferkeit und Keuschheit, die ihnen Anteil geben an Christi Erniedrigung (vgl. Phil 2,7) und zugleich an dessen Leben im Geist (vgl. Röm 8,1-13). Die Ordensleute sollen also, treu ihren Gelübden, alles um Christi willen aufgeben (vgl. Mk 10,28) und ihm nachfolgen (vgl. Mt 19,21): Er muß für sie das „Eine Notwendige“ sein (vgl. Lk 10,42). Aufsein Wort hörend (vgl. Lk 10,39), sollen sie um seine Sache besorgt sein (vgl. 1 Kor 7,32). Darum müssen die Mitglieder aller Institute, da sie zuerst und einzig Gott suchen, die Kontemplation, durch die sie ihm im Geist und im Herzen anhangen, mit apostolischer Liebe verbinden, die sie dem Erlösungswerk zugesellt und zur Ausbreitung des Reiches Gottes drängt.

Primat des geistlichen Lebens

6. Wer sich auf die evangelischen Räte verpflichtet, muß vor allem Gott, der uns zuvor geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10), suchen und lieben und sich in allen Lebensumständen bemühen, ein mit Christus verborgenes Leben (vgl. Kol 3,3) zu führen. Daraus fließt die Nächstenliebe zum Heil der Welt und zum Aufbau der Kirche und erhält neuen Antrieb. Diese Liebe beseelt und leitet auch selbst wieder die Verwirklichung der evangelischen Räte. Darum müssen die Mitglieder der Institute den Geist des Gebetes und das Gebet selbst aus den echten Quellen der christlichen Frömmigkeit schöpfen und mit beharrlichem Eifer pflegen. Täglich sollen sie die Heilige Schrift zur Hand nehmen, um durch Lesung und Betrachtung des Gotteswortes „die überragende Erkenntnis Jesu Christi“ (Phil 3,8) zu gewinnen. Im Geist der Kirche sollen sie die heilige Liturgie, zumal das heilige Mysterium der Eucharistie, mit innerer und äußerer Anteilnahme feiern und aus diesem überreichen Quell ihr geistliches Leben nähren. So werden sie, am Tisch des göttlichen Wortes und des heiligen Altares gespeist, Christi Glieder brüderlich lieben, den Hirten in Hochachtung und Liebe begegnen, mehr und mehr mit der Kirche leben und fühlen und sich deren Sendung ganz überantworten.

Das kontemplative Leben

7. Die gänzlich auf die Kontemplation hingeordneten Institute, deren Mitglieder in Einsamkeit und Schweigen, anhaltendem Gebet und hochherziger Buße für Gott allein da sind, nehmen – mag die Notwendigkeit zum tätigen Apostolat noch so sehr drängen – im mystischen Leib Christi, dessen „Glieder nicht alle den gleichen Dienst verrichten“ (Röm 12,4), immer eine hervorragende Stelle ein. Sie bringen Gott ein erhabenes Lobopfer dar und schenken dem Volk Gottes durch überreiche Früchte der Heiligkeit Licht, eifern es durch ihr Beispiel an und lassen es in geheimnisvoller apostolischer Fruchtbarkeit wachsen. So sind sie eine Zier der Kirche und verströmen himmlische Gnaden. Allerdings muß ihre Lebensweise nach den genannten Grundsätzen und Richtlinien zeitgemäßer Erneuerung überprüft werden, jedoch unter ehrfürchtiger Wahrung ihrer Trennung von der Welt und der dem kontemplativen Leben eigenen Übungen.

Das aktive Leben

8. Zahlreich sind in der Kirche die Kleriker- und Laieninstitute, die sich mannigfachen apostolischen Aufgaben widmen. Ihre Gaben sind verschieden gemäß der ihnen verliehenen Gnade. Wer die Gabe hat zu dienen, der diene; zu lehren, der lehre; zu mahnen, der ermahne; wer spendet, tue es schlichten Sinnes; wer Barmherzigkeit übt, tue es in Freudigkeit (vgl. Röm 12,5-8). „Vielfältig sind die Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist“ (1 Kor 12,4). In diesen Instituten gehören die apostolische und die caritative Tätigkeit zum eigentlichen Wesen des Ordenslebens. Sie ist ihnen als ihr heiliger Dienst und als ihr Liebeswerk von der Kirche anvertraut und in deren Namen auszuüben. Das ganze Ordensleben der Mitglieder muß darum von apostolischem Geist durchdrungen und alle apostolische Arbeit vom Ordensgeist geprägt sein. Damit also die Mitglieder in erster Linie ihrer Berufung zur Christusnachfolge entsprechen und Christus selbst in seinen Gliedern dienen, muß ihre apostolische Arbeit aus einer tiefen Verbundenheit mit ihm hervorgehen. So wird die Gottes- und Nächstenliebe selbst gefördert. Deshalb müssen diese Institute ihre Lebensart und ihr Brauchtum auf das von ihnen geübte Apostolat einstellen. Das Ordensleben mit apostolischer Zielsetzung ist jedoch vielgestaltig. Seine zeitgemäße Erneuerung hat darum diese Unterschiede zu berücksichtigen, und das Leben der Mitglieder im Dienst Christi muß in den einzelnen Instituten von den ihnen eigenen und entsprechenden Mitteln getragen sein.

Das monastische und klösterliche Leben

9. Die ehrwürdige Einrichtung des monastischen Lebens, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte um Kirche und menschliche Gesellschaft hervorragende Verdienste erworben hat, soll im Osten und Westen in ihrem echten Geist treu bewahrt werden und von Tag zu Tag heller erstrahlen. Vornehmste Aufgabe der Mönche ist der demütig-hohe Dienst vor der göttlichen Majestät innerhalb des klösterlichen Bereichs, ob sie sich nun in Verborgenheit ganz der Gottesverehrung weihen oder nach ihrer Satzung eine apostolische oder caritative Arbeit übernommen haben. Unter Wahrung ihrer jeweiligen Eigenart sollen sie die alten, dem Wohl des Nächsten dienenden Überlieferungen erneuern und sie den gegenwärtigen Bedürfnissen der Menschen so anpassen, daß ihre Klöster gleichsam Pflanzstätten zur Auferbauung des christlichen Volkes werden. Ebenso sollen jene Orden, die aufgrund ihrer Regel oder ihrer Satzungen die apostolische Tätigkeit eng mit Chordienst und monastischem Brauchtum verbinden, ihre Lebensweise so auf die Erfordernisse ihres Apostolats abstimmen, daß sie ihre Lebensform, die dem besonderen Wohl der Kirche dienen soll, treu bewahren.

Das religiöse Laienleben

10. Das Ordensleben der Laien, der Männer wie der Frauen, verwirklicht in vollwertiger Weise den Stand der Verpflichtung auf die evangelischen Räte. Es dient dem Seelsorgsauftrag der Kirche in Jugenderziehung, Krankenpflege und anderen Diensten. Darum schätzt die Heilige Synode es hoch ein, bestärkt die Mitglieder in ihrer Berufung und fordert sie zur Anpassung ihrer Lebensweise an die heutigen Verhältnisse auf. Die Heilige Synode erklärt, es stehe nichts im Wege, daß in Brüdergemeinschaften nach Ermessen des Generalkapitels einige Mitglieder für den priesterlichen Dienst in den eigenen Häusern die heiligen Weihen empfangen. Der Laiencharakter des Institutes bleibt dabei unangetastet.

11. Obwohl die Weltinstitute keine Ordensgemeinschaften sind, erfordern sie dennoch eine wahre und vollkommene, von der Kirche gutgeheißene Verpflichtung zu einem Leben nach den evangelischen Räten in der Welt. Diese Verpflichtung verleiht den in der Welt lebenden Männern und Frauen, Laien und Klerikern, eine Weihe. Darum müssen auch sie das Streben nach Ganzhingabe an Gott in vollkommener Liebe als ihre wichtigste Aufgabe betrachten; die Institute ihrerseits müssen den ihnen eigenen und besonderen Weltcharakter bewahren, damit sie dem Apostolat in der Welt und gleichsam von der Welt her, das der Grund für ihre Entstehung war, überall wirksam gerecht zu werden vermögen. Doch sollen sie wohl wissen, daß sie sich einer so schweren Aufgabe nur unterziehen können, wenn ihre Mitglieder im religiösen und im profanen Bereich sorgfältig geschult werden; nur so werden sie im wahren Sinn zum Sauerteig der Welt, zur Stärkung und zum Wachstum des Leibes Christi. Ihre Vorgesetzten sollen also ernstlich für die Unterweisung, zumal für die geistliche, und ebenso für die Weiterbildung Sorge tragen.

Die drei religiösen Gelübde:

a) Keuschheit

12. Die Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,12), zu der die Ordensleute sich verpflichten, soll von ihnen als überaus hohe Gnadengabe angesehen werden. Sie macht das Herz des Menschen in einzigartiger Weise für eine größere Liebe zu Gott und zu allen Menschen frei (vgl. 1Kor 7,32-35). Darum ist sie ein besonderes Zeichen für die himmlischen Güter und für die Ordensleute ein vorzügliches Mittel, sich mit Eifer dem göttlichen Dienst und den Werken des Apostolats zu widmen. So rufen sie allen Christgläubigen jenen wunderbaren Ehebund in Erinnerung, den Gott begründet hat und der erst in der kommenden Welt ganz offenbar wird, den Ehebund der Kirche mit Christus, ihrem einzigen Bräutigam.

Die Ordensleute sollen also treu zu ihrem Gelöbnis stehen, den Worten des Herrn Glauben schenken, auf Gottes Hilfe vertrauen und sich nicht auf die eigenen Kräfte verlassen, Abtötung üben und die Sinne beherrschen. Auch die natürlichen Hilfen, die der seelischen und körperlichen Gesundheit dienen, sollen sie nicht außer acht lassen. So werden sie nicht durch irrige Meinungen, völlige Enthaltsamkeit sei unmöglich oder stehe der menschlichen Entfaltung entgegen, beeindruckt und werden alles, was die Keuschheit gefährdet, gleichsam instinktiv von sich weisen. Dazu sollen alle, zumal die Obern, bedenken, daß die Keuschheit sicherer bewahrt wird, wenn in der Gemeinschaft wahre Liebe herrscht und alle miteinander verbindet.

Die Beobachtung vollkommener Enthaltsamkeit rührt sehr unmittelbar an tiefere Neigungen der menschlichen Natur. Darum dürfen Kandidaten nur nach wirklich ausreichender Prüfung und nach Erlangung der erforderlichen psychologischen und affektiven Reife zum Gelöbnis der Keuschheit hinzutreten und zugelassen werden. Man soll sie nicht nur auf die Gefahren für die Keuschheit aufmerksam machen, sondern sie anleiten, die gottgewollte Ehelosigkeit zum Wohl der Gesamtperson innerlich zu übernehmen.

b) Armut

13. Die freiwillige Armut um der Nachfolge Christi willen, als deren Zeichen sie heute besonders geschätzt wird, sollen die Ordensleute mit liebendem Eifer pflegen und gegebenenfalls auch in neuen Formen üben. Sie ist Anteil an Christi Armut, der unseretwegen arm wurde, da er doch reich war, damit wir durch seine Entbehrung reich würden (vgl. 2 Kor 8,9; Mt 8,20). Die Ordensarmut beschränkt sich nicht auf die Abhängigkeit von den Obern im Gebrauch der Dinge. Die Mitglieder müssen tatsächlich und in der Gesinnung arm sein, da sie ihr Besitztum im Himmel haben (vgl. Mt6,20). Alle sollen sich – jeder in seiner Aufgabe – dem allgemeinen Gesetz der Arbeit verpflichtet wissen. Im Erwerb aber dessen, was zu ihrem Lebensunterhalt und für ihre Aufgaben notwendig ist, sollen sie alle unangebrachte Sorge von sich weisen und sich der Vorsehung des himmlischen Vaters anheimgeben (vgl. Mt 6,25).

Ordensgenossenschaften können in ihren Konstitutionen den Mitgliedern den Verzicht auf ihr schon erworbenes oder noch anfallendes Erbe erlauben. Auch die Institute als ganze sollen danach trachten, ein gleichsam kollektives Zeugnis der Armut abzulegen, so wie es in ihrer Umwelt angebracht ist, und von ihrem eigenen Besitz gern etwas beitragen für andere Erfordernisse der Kirche und für den Unterhalt der Armen, die alle Ordensleute im Herzen Christi lieben sollen (vgl. Mt 19,21; 25,34-46;Jak 2,15-16; 1 Joh 3,17). Die Ordensprovinzen und die einzelnen Häuser sollen sich gegenseitig materiell aushelfen, indem jene, die mehr haben, diejenigen, die Not leiden, unterstützen. Obschon die Institute, unbeschadet der Regeln und Konstitutionen, das Recht auf Besitz alles dessen haben, was für ihr Leben und ihre Arbeiten notwendig ist, sollen sie doch allen Schein von Luxus, von ungeordnetem Gewinnstreben und von Güteranhäufung vermeiden.

c) Gehorsam

14. Im Gelöbnis des Gehorsams bringen die Ordensleute die volle Hingabe ihres Willens gleichsam als Opfer ihrer selbst Gott dar. Dadurch werden sie fester und sicherer dem göttlichen Heilswillen geeint. Unter der Anregung des Heiligen Geistes unterstellen sie sich im Glauben den Obern, die Gottes Stelle vertreten, nach dem Beispiel Jesu Christi, der in die Welt kam, um den Willen des Vaters zu erfüllen (vgl. Joh 4,34; 5,30; Hebr 10,7; Ps 39,9), und in der Annahme der Knechtsgestalt (Phil 2,7) aus seinem Leiden Gehorsam erlernte (vgl. Hebr 5,8). Durch die Obern werden sie zum Dienst an allen Brüdern in Christus bestellt, wie auch Christus selbst im Gehorsam gegen den Vater den Brüdern diente und sein Leben als Lösepreis für viele dahingab (vgl. Mt 20,28; Joh 10,14-18). So sind sie dem Dienst der Kirche enger verbunden und streben danach, zum Vollmaß der Fülle Christi (vgl. Eph 4,13) zu gelangen.

Die Untergebenen sollen also im Geist des Glaubens und der Liebe zum Willen Gottes gemäß der Regel und den Konstitutionen den Obern demütig Gehorsam leisten, und zwar so, daß sie in der Ausführung dessen, was angeordnet ist, und in der Erfüllung der ihnen anvertrauten Aufgaben die eigene Verstandes- und Willenskraft einsetzen und die Gaben, die ihnen Natur und Gnade verliehen haben, gebrauchen, im Wissen, daß sie damit zur Auferbauung des Leibes Christi nach Gottes Absicht beitragen. So führt der Ordensgehorsam, weit entfernt, die Würde der menschlichen Person zu mindern, diese durch die größer gewordene Freiheit der Kinder Gottes zu ihrer Reife.

Die Obern aber, die für die ihnen anvertrauten Seelen Rechenschaft ablegen müssen (vgl. Hebr13,17), sollen in der Erfüllung ihres Amtes auf den Willen Gottes horchen und ihre Autorität im Geist des Dienstes an den Brüdern ausüben, so daß sie Gottes Liebe zu jenen zum Ausdruck bringen. Sie sollen ihre Untergebenen als Kinder Gottes und in Achtung vor der menschlichen Person leiten und deren freiwillige Unterordnung fördern. Darum sollen sie ihnen besonders die geschuldete Freiheit in bezug auf die Beichte und die Gewissensleitung lassen. Sie sollen ihre Untergebenen dahin führen, daß sie bei der Durchführung des ihnen Aufgetragenen und bei der Inangriffnahme neuer Aufgaben in aktivem und verantwortlichem Gehorsam mitarbeiten. Sie sollen sie deshalb auch bereitwillig anhören und ihr Mitplanen zum Wohl des Instituts und der Kirche fördern, bei voller Wahrung freilich ihres Rechtes, zu entscheiden und anzuordnen, was zu tun ist.

Die Kapitel und Räte sollen das ihnen für die Leitung anvertraute Amt gewissenhaft ausüben und je auf ihre Weise die sorgende Teilnahme aller Mitglieder am Wohl des ganzen Instituts zum Ausdruck bringen.

Das Gemeinschaftsleben

15. Das Leben in Gemeinschaft nach dem Beispiel der Urkirche, in der die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele war (vgl. Apg 4,32), soll, genährt durch die Lehre des Evangeliums, durch die heilige Liturgie, vor allem die Eucharistie, in Gebet und Gemeinsamkeit des Geistes beharrlich gepflegt werden (vgl. Apg 2,42). Die Ordensleute sollen als Glieder Christi im brüderlichen Umgang einander mit Achtung zuvorkommen (vgl. Röm 12,10); einer trage des anderen Last (vgl. Gal 6,2). Denn durch die Liebe Gottes, die durch den Heiligen Geist in den Herzen ausgegossen ist (vgl. Röm 5,5), erfreut sich eine Gemeinschaft, die wie eine wahre Familie im Namen des Herrn beisammen ist, seiner Gegenwart (vgl. Mt 18,20). Die Liebe aber ist die Erfüllung des Gesetzes (vgl. Röm 13,10) und das Band der Vollkommenheit (vgl. Kol 3,14); in ihr wissen wir, daß wir aus dem Tod in das Leben hinübergeschritten sind (vgl. 1 Joh 3,14). Ja die Einheit der Brüder macht das Kommen Christi offenbar (vgl. Joh 13,35; 17,21), und es geht von ihr eine große apostolische Kraft aus.

Damit aber das brüderliche Band unter den Mitgliedern noch inniger werde, sollen diejenigen, die man als Konversen, Kooperatoren oder ähnlich bezeichnet, eng mit dem Leben und Arbeiten der Gemeinschaft verbunden werden. In Frauengemeinschaften ist dafür zu sorgen, daß man zu einem einzigen Stand von Schwestern kommt, außer wenn die Umstände es wirklich anders nahelegen. In dem Fall soll aber nur jener Unterschied unter den Mitgliedern erhalten bleiben, den die Verschiedenheit andersgearteter Arbeiten erfordert, in denen die Schwestern aufgrund besonderer göttlicher Berufung oder besonderer Eignung tätig sind.

Mönchsklöster und andere Männergemeinschaften, die keine reinen Laieninstitute sind, können entsprechend ihrer Eigenart und nach ihren Konstitutionen Kleriker und Laien aufnehmen, in gleicher Weise, mit den gleichen Rechten und Pflichten, abgesehen von denen, die sich aus den heiligen Weihen ergeben.

Die Klausur der Nonnen

16. Die päpstliche Klausur der Nonnen des rein beschaulichen Lebens soll nicht angetastet werden. Sie ist aber den zeitbedingten und örtlichen Umständen anzupassen; dabei sind überlebte Gebräuche abzuschaffen, wozu aber die Wünsche der Klöster selbst gehört werden sollen. Die übrigen Nonnen aber, die sich nach ihren Satzungen äußeren Apostolatswerken widmen, sollen von der päpstlichen Klausur ausgenommen sein, damit sie die ihnen anvertrauten apostolischen Aufgaben besser erfüllen können; die Klausur aber bleibt bestehen; sie ist von den Konstitutionen festzulegen.

Das Ordensgewand

17. Das Ordensgewand als Zeichen der Weihe sei einfach und schlicht, arm und zugleich schicklich, dazu den gesundheitlichen Erfordernissen, den Umständen von Zeit und Ort sowie den Erfordernissen des Dienstes angepaßt. Ein Gewand, das diesen Richtlinien nicht entspricht, muß geändert werden. Das gilt sowohl für Männer wie für Frauen.

Die Erneuerung der religiösen Ausbildung

18. Die zeitgemäße Erneuerung der Institute hängt wesentlich von der Ausbildung der Mitglieder ab. Daher sollen auch die Nichtkleriker und die Ordensfrauen nicht unmittelbar nach dem Noviziat mit apostolischen Arbeiten beschäftigt werden; vielmehr ist ihre religiöse und apostolische, ihre theoretische und praktische Ausbildung, auch durch Erwerb der entsprechenden Zeugnisse, in geeigneten Häusern angemessen weiterzuführen.

Die Anpassung des Ordenslebens an die Erfordernisse unserer Zeit darf sich nicht in Äußerlichkeiten erschöpfen. Damit diejenigen, die nach ihrer Zielsetzung sich äußeren Apostolatswerken widmen, ihrer Aufgabe wirklich gewachsen sind, sollen sie entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten und ihrer Veranlagung in geeigneter Form über die Gepflogenheiten, das Denken und Empfinden der heutigen Gesellschaft unterwiesen werden. Die Ausbildung soll so sein, daß ihre einzelnen Elemente aufeinander abgestimmt sind und dadurch das Leben der Mitglieder einheitlich gestaltet wird.

Diese selbst sollen sich aber ihr ganzes Leben hindurch ernsthaft um die geistliche, wissensmäßige und praktische Weiterbildung bemühen; die Obern sollen ihnen dazu nach Kräften Gelegenheit, Hilfsmittel und Zeit geben. Die Obern haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß diejenigen, denen die Ausbildung obliegt, die geistlichen Leiter und Lehrkräfte, aufs sorgfältigste ausgewählt und gründlich vorbereitet werden.

19. Bei Gründungen neuer Institute soll man ernstlich prüfen, ob diese nötig oder wenigstens von wirklichem Nutzen und ob sie entwicklungsfähig sind, damit nicht voreilig unzweckmäßige oder kaum lebensfähige Institute entstehen. In den Missionsgebieten möge man mit besonderer Sorge solche Formen des Ordenslebens fördern und pflegen, die dem Charakter und den Sitten der Bewohner des Landes wie auch den örtlichen Gebräuchen und Lebensbedingungen Rechnung tragen.

Die Werke der Institute

20. Die Institute sollen ihre eigenen Arbeiten beibehalten und durchführen, sie aber den zeitbedingten und örtlichen Bedürfnissen durch Anwendung geeigneter, auch neuer Mittel anpassen. Dabei sollen sie auf den Nutzen der Gesamtkirche und der Diözesen schauen. Tätigkeiten, die dem Geist und der wahren Eigenart des Instituts heute kaum mehr entsprechen, sind aufzugeben. Die Ordensinstitute sollen ihren missionarischen Geist bewahren und entsprechend ihrer Eigenart den heutigen Erfordernissen anpassen, damit das Evangelium bei allen Völkern wirksamer verkündet werde.

Institute und Klöster im Niedergang

21. Instituten und Klöstern, die nach Rücksprache mit den zuständigen Ortsordinarien und nach dem Urteil des Heiligen Stuhles kein fruchtbares Wirken mehr erhoffen lassen, soll die weitere Aufnahme von Novizen verwehrt werden; soweit möglich, sind sie mit einem anderen, lebenskräftigeren Institut oder Kloster, das ihnen nach Zielsetzung und Geist nahesteht, zu vereinigen.

Die Föderation der Ordensleute

22. Wo es angebracht erscheint, sollen Institute und Klöster eigenen Rechts, die irgendwie zur gleichen Ordensfamilie gehören, mit Gutheißung des Heiligen Stuhles Föderationen untereinander anstreben oder Zusammenschlüsse, wenn sie nahezu gleiche Satzungen haben und ihre Gebräuche vom selben Geist beseelt sind – zumal wenn ihre Mitgliederzahl sehr gering ist -, oder Arbeitsgemeinschaften, wenn sie sich den gleichen oder ähnlichen äußeren Aufgaben widmen.

23. Die vom Heiligen Stuhl errichteten Konferenzen oder Räte der Höheren Obern, die zur besseren Verwirklichung des Zieles der einzelnen Institute, zum wirksameren Einvernehmen hinsichtlich des Wohles der Kirche, zur gerechteren Verteilung der Mitarbeiter im Evangelium in einem bestimmten Gebiet sowie zur Behandlung gemeinsamer Belange der Ordensleute sehr dienlich sein können, sind zu fördern. In der Ausübung des Apostolats ist auf entsprechende Abstimmung und Zusammenarbeit mit den Bischofskonferenzen zu achten. Ähnliche Obernkonferenzen können auch für die Weltinstitute errichtet werden.

Die Wahl der Berufungen

24. Priester und christliche Erzieher sollen sich ernstlich darum bemühen, daß die Ordensberufe, sorgfältig und gewissenhaft ausgewählt, ein neues Wachstum erfahren, das den Erfordernissen der Kirche voll entspricht. Auch bei der regelmäßigen Verkündigung ist öfter auf die evangelischen Räte und den Eintritt in den Ordensstand hinzuweisen. Die Eltern sollen eine Berufung ihrer Kinder zum Ordensleben durch eine christliche Erziehung pflegen und schützen. Die Institute haben das Recht, ihre Gemeinschaft bekannt zu machen, um Berufe zu fördern und Kandidaten zu suchen; das soll jedoch mit der notwendigen Klugheit und unter Wahrung der Richtlinien des Heiligen Stuhles und der Ortsordinarien geschehen. Die Ordensleute aber sollen sich bewußt sein, daß das Beispiel ihres eigenen Lebens die beste Empfehlung ihres Instituts und eine Einladung zum Ordensleben ist.

Schlusswort

25. Die Institute, für die diese Normen einer zeitgemäßen Erneuerung aufgestellt sind, mögen bereiten Herzens ihrer göttlichen Berufung und ihrer Aufgabe in der Kirche zur gegenwärtigen Stunde entsprechen. Die Heilige Synode schätzt ihren Stand des jungfräulichen, armen und gehorsamen Lebens, dessen Vorbild Christus der Herr selbst ist, und setzt eine große Hoffnung auf die Fruchtbarkeit ihrer verborgenen und offenkundigen Werke. So mögen alle Ordensleute durch die Reinheit des Glaubens, durch Liebe zu Gott und zum Nächsten, durch die liebende Hinneigung zum Kreuz und die Hoffnung auf die künftige Herrlichkeit Christi frohe Botschaft in der ganzen Welt verbreiten, auf daß ihr Zeugnis allen kund und unser Vater im Himmel verherrlicht werde (Mt 5,16). So werden sie auf die Fürsprache der gütigen Gottesmutter und Jungfrau Maria, „deren Leben für alle eine Lehre ist“ 1, täglich wachsen und reichere Frucht des Heiles bringen.

28. Oktober 1965


Anmerkungen:

1) Ambrosius, De Virginitate II 2,15.

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Quelle

DAS GEHEIMNIS VON PORTIUNCULA

Von Pater Eugen Mederlet OFM

Das Leben des heiligen Franziskus ist ein Kunst­werk Gottes, vergleichbar mit dem Johannes-Evangelium, wo jedes Wort und jedes Ereignis wun­derbare Zusammenmhänge, welche die ganze Schöpfung weben, dem Ohr des Jüngers kundtun. Franziskus hat die Ereignisse und Erfahrungen sei­nes Lebens kaum in Worten gedeu­tet. Die Wunder seines Herzens sind fast wortlos geschehen, wie eben das Leben geschieht. Um sie zu deuten, müßten wir in derselben Anbetung knien, in der sie ihm geschehen sind.

Die Sendung, die Franziskus vom Kreuze her erhielt: „Siehe, mein Haus zerfällt, geh‘, bau es wieder auf.“, ist ein göttliches Offenbarungswort, in dem das ganze Geheimnis des heili­gen Franziskus enthalten ist. Dieses Geheimnis empfängt er in San Damiano noch verschlossen wie die Knospe einer kostbaren Blüte. Im Kirchlein von Portiuncula wird sich ihm die Blüte erschließen.

Der Name „Portiuncula“ bedeutet „das kleine Teilchen“, „die kleine Portion“. Die Legende sagt, ein Pil­ger habe Erde vom Heiligen Land mitgebracht und mit dieser Erde eine Fläche im Wald vor Assisi umstreut, so weit die Erde ausreichte. Diese Fläche habe er Maria geweiht und ihr darauf eine Kapelle gebaut: „ein Teilchen“ des Heiligen Landes nach Italien gebracht; oder „ein Teilchen“ Erde Maria geweiht. Es mag beides bedeuten. Es sprach sich im Volk herum, die Engel sängen dort das Marienlob, man habe es oft gehört. Die Kirche war Eigentum der Benediktiner-Abtei von Monte Subasio und diente wohl vor Zeiten als Einsiedelei, in der solche Mönche lebten, die „wohlgerüstet aus der Reihe der Brüder herausgetreten waren und den Einzelkampf in der Wüste aufgenommen haben“ (vgl. Regel des heiligen Benedikt, Kap. 1). Zur Zeit des heiligen Franziskus waren diese Einsiedeleien schon lan­ge nicht mehr bewohnt. An verborge­nen Orten Umbriens gab es aber da und dort noch eine zerfallene Kapel­le, ein Häuschen, eine Höhle. Man­che dieser Orte erbat sich später der heilige Franziskus von der zuständi­gen Abtei als einsamen Ort des Ge­betes. Ein solcher Ort war die kleine Kirche von Portiuncula.

Sie war verlassen und von nieman­dem betreut. Wie sie der Heilige Got­tes so verfallen sah, wurde er von frommem Mitleid gerührt, und weil er glühende Verehrung für die Mutter aller Güte hegte, nahm er daselbst seinen dauernden Aufenthalt (1 Cel. 21). Die zerfallene Kirche, die nach Maria genannt ist, gewann der Heili­ge vor allen anderen lieb; sie befahl er den Brüdern in besonderer Ehrfurcht zu halten. Er erzählte, ihm sei von Gott geoffenbart worden, daß die seli­ge Jungfrau unter den anderen ihr zu Ehren auf der Welt erbauten Kirchen diese Kirche mit besonderer Liebe lie­be, daher liebte sie auch der Heilige mehr als alle anderen (2 Cel. 18-19).

Wir wollen versuchen, einen Ein­blick in das Geheimnis der eigenarti­gen Verbundenheit des heiligen Franziskus mit diesem Marien-Hei­ligtum zu gewinnen.

Eines Tages — es war am Fest des heiligen Apostels Matthias im Jahre 1209 — wurde in eben dieser Kirche das Evangelium verlesen, wie der Herr seine Jünger zum Predigen aus­sandte, und der Heilige Gottes war zugegen. Wie er die Worte des Evan­geliums vernommen hatte, bat er gleich nach Beendigung der Meßfeier inständig den Priester, ihm das Evan­gelium auszulegen. Dieser erklärte ihm alles der Reihe nach. Als der heilige Franziskus hörte, daß die Jünger Christi nicht Gold noch Sil­ber noch Geld besitzen, noch Beutel, noch Reisetasche, noch Brot, noch einen Stab auf den Weg mitnehmen, noch Schuhe, noch zwei Röcke haben dürfen, sondern nur das Reich Gottes und Buße predigen sollen, frohlockte er sogleich im Geiste Gottes und sprach: „Das ist, was ich will, das ist, was ich suche, das verlange ich aus Herzensgrund zu tun. (1 Cel. 22, vgl. Mt 10,5-16)

Die Sendung, die in San Damiano bis in seinen Lebensgrund eingesenkt wurde, steigt hier in Portiuncula aus dem geheimnisvollen Dunkel in die Klarheit und nimmt von ihm völlig Besitz. Jetzt weiß er es in hellem Licht: Er soll nicht nur Häuser aus Stein aufbauen; die lebendige Kirche Jesu soll er zur Reinheit und Kraft zurückführen, in der sie die Apostel gegründet haben. Darum muß er selbst so leben wie die Apostel. „Das ist, was ich will!“ Was er schon im­mer „aus Herzensgrund“ suchte, er­hält jetzt die Gestalt der verheißenen Braut. Er hat sie gefunden, „adeliger und schöner als ihr je eine gesehen habt“ (3 Gef. 7). Es ist die Braut Christi, die Kirche. Jesus vertraut ihm sein Größtes und Heiligstes an: die Kirche, Seine Braut. Haus, Stadt, Jerusalem, Zion, Kirche, es sind al­les Namen der Braut (vgl. Offb 21,2). Franziskus soll sie so lieben, wie Christus sie geliebt hat: in ihren Sünden und Wunden. „Siehe, sie zer­fällt.“ Dieses Wort ruft die ganze Seele des heiligen Franziskus an. Christus lebt in ihm Sein Leben als Bräutigam und nimmt ihn ganz zu Sich ans Kreuz. Jesus verwundet ihn mit der Wunde Seiner eigenen Liebe; er soll es „sehen“, mit welchem Aus­satz die Braut, die ganze verlorene Schöpfung, geschlagen ist, welche Wunden sie im Leibe Christi auf­reißt und mit welcher Liebe ihr Bräu­tigam in ihre Armut hinabsteigt, um ihren Aussatz zu küssen und sie zu dem Adel zurückzuführen, in dem Franziskus sie in jener Braut-Vision geschaut hatte. Darum mußte Franziskus die Aussätzigen küssen. Er mußte bereit sein, das zu werden, was er von Kindheit an so entschie­den von sich weggestoßen hatte: aus­sätzig. Er muß in die gleiche Armut hinabsteigen wie Christus am Kreuz und in die gleiche Kreuzigung des Fleisches, damit er in der keuschen Liebe Christi die Braut lieben kann; sein Fleisch darf daran nicht den geringsten Anteil haben. Nur wenn Franziskus gekreuzigt ist, kann Jesus ihm offenbaren, was Er selber getan hat, um Seine Braut rein und makellos darzustellen (vgl. Eph 5,27). „Von dieser Stunde an durchbohrte das Mitleid mit dem Gekreuzigten seine heilige Seele. Hier werden sei­nem Herzen die Male des verehrungs­würdigen Leidens tief eingedrückt“ (2 Cel. 10-11). Er empfängt es aus dem Herzen Jesu, sich ganz zu ver­zehren, um die Braut heimzuführen ins Brautgemach am Kreuz und sie wieder aufzurichten in ihrer vollen­deten Schönheit. Die Liebe zu Chri­stus wird seine Liebe zur Kirche.

Alsogleich löst er die Schuhe von den Füßen, legt den Stab aus der Hand und vertauscht den Ledergürtel mit einem Strick. Darauf richtet er sich den Habit in Form des Kreuzes zurecht, damit er in ihm alle teufli­schen Trugbilder abwehre; er macht ihn aus dem rauhesten Stoff, um in ihm das Fleisch mit seinen Lastern und Sünden zu kreuzigen; er macht ihn schließlich recht armselig und schmucklos, daß er der Welt in keiner Weise begehrenswert erscheinen kön­ne (1 Cel. 22). Er wird mit seinen Brüdern zufrieden sein mit einem Habit, einem Strick und den Hosen. „Mehr wollen wir nicht haben.“ (Schriften S. 214)

Hier entdeckt er die Armut als Geheimnis der Brautschaft. Er kann die Kirche nur dann in die Arme Christi, des Gekreuzigten, zurück­führen, wenn er so arm ist wie der Bräutigam selber. Die Armut ist das Brautgeheimnis; darum wird er entflammt von der Liebe zur Armut. Er will ihr „aus ganzer Seele anhangen und um des Namens unse­res Herrn Jesu Christi willen auf immer nichts anderes unter dem Himmel zu haben trachten“ als die heilige Armut (Schriften S. 165). Um die Braut, die Kirche, aus der Sünde zu retten, steigt er mit Christus im­mer tiefer hinab in Armut und Schmerz. Er will nichts mehr ken­nen als Jesus, den in Sehnsucht nach Seiner Braut Gekreuzigten (vgl. 1 Kor 2,2). Darum darf er nichts für sich haben, auch nicht sich selbst, und nichts darf er an der Braut begehren. Nicht er hat die Braut; er ist der Freund des Bräutigams (Joh 3,29), der die Braut suchen und schmücken und in die Arme Jesu zurückführen muß.

Das ist die Wunde, die er in San Damiano aus dem Herzen des Gekreuzigten empfangen hat; jetzt, in Portiuncula, erhält sie ihren Na­men; sie heißt: Liebe zur Kirche, der von Gott so schmerzlich und glühend geliebten Braut. Diese Liebe des hei­ligen Franziskus zur Kirche ist nicht verschieden von seiner Liebe zu Chri­stus und zum Vater; sie ist diese Liebe selber, die Liebe des Heiligen Geistes aus dem Einen Herzen Got­tes.

So kommen wir hier auf die Spur seiner besonderen Hinneigung zum Kirchlein von Portiuncula: Hier emp­fing er die Offenbarung des Braut­geheimnisses, und hier ist der Ur­sprung der franziskanischen Armut.

Aber Franziskus erlebt die Bedeu­tung von Portiuncula noch tiefer. Daß Maria „diese Kirche mit besonderer Liebe liebte“ (2 Cel. 19), wäre schon Grund genug, daß auch „der Heilige sie mehr liebte als alle anderen“ (2 Cel. 19). Aber es ist kein Zweifel, daß sein reines Herz den Zusammenhang erfaßte: Maria ist selber die Braut. Das ganze Geheimnis der Kirche geht von ihr aus, weil es in ihr enthalten ist.

Sie umfing er mit unsagbarer Lie­be; er widmete ihr Lobpreisungen, an sie richtete er Bittgebete, ihr weihte er Herzensanmutungen, so zahlreich und so innig, wie sie eine menschliche Zunge gar nicht auszusprechen ver­möchte… Er bestellte sie zur Schutz­herrin des Ordens und vertraute ih­rem Schutzmantel seine Söhne an. (2 Cel. 198)

Portiuncula wurde für immer zur Heimat des Ordens. Hier hat Franziskus zuerst gewohnt mit sei­nen ersten zwei Gefährten (3 Gef. 32), nicht weit vom Heim der Aussätzigen. Wenn er diese „christli­chen Brüder“ (Spiegel 104) gepflegt hatte, kam er wieder nach Portiun­cula zum Gebet. Und als er dann nach dem Vorbild der Apostel auf der Straße der Armut ging, kehrte er doch immer wieder in diese Heimat zurück. Hier sammelten sich die Gefährten um ihn; von hier aus sand­te er sie zu zweien auf ihre ersten Missionsfahrten, und hier trafen sich alle wieder. Als Franziskus mit den ersten elf Gefährten aus Rom zu­rückkam, erkannte er, daß das apo­stolische Wanderleben Orte der Sammlung braucht. Der Abt von Monte Subasio übergab ihm und sei­nen Brüdern Portiuncula als ersten dieser Orte. Franziskus wollte kein Eigentum; so wurde vereinbart, daß die Brüder jedes Jahr dem Abt ein Körbchen voll Fische als Zins brin­gen sollten (L.a.8).

Portiuncula sollte als Spiegel des Ordens in Demut und höchster Ar­mut gehütet bleiben… Hier sollten die Brüder in allem die strengste Zucht bewahren. Franziskus selbst rief sie von überall her dorthin und verlang­te, daß sie Gott in Wahrheit hingege­ben und in jeder Hinsicht vollkom­men seien. Allen Weltleuten war un­ter allen Umständen jeder Zutritt verschlossen. Der Heilige wollte nicht, daß die Brüder den Erzählungen der Weltleute lauschten, damit sie nicht in der Betrachtung himmlischer Din­ge gestört und in niedrige Händel gezogen würden. Keinem war es dort erlaubt, müßige Worte zu sprechen. Ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, waren sie an dem Ort mit dem Lobe Gottes beschäftigt. Wunderbaren Duft verbreitete ihr engelgleiches Leben.
(2 Cel. 18-19)

Franziskus sagte oft: Seht zu, mei­ne Söhne, daß ihr diesen Ort niemals verlaßt: Wenn ihr auf der einen Seite hinausgetrieben werdet, geht auf der anderen wieder hinein; denn dieser Ort ist wahrhaft heilig und eine Wohn­stätte Gottes. Hier hat uns der Aller­höchste vermehrt, als wir noch weni­ge waren; hier hat Er mit dem Lichte Seiner Weisheit die Herzen Seiner Armen erleuchtet, hier hat Er mit dem Feuer Seiner Liebe unseren Wil­len entzündet. Hier erhält jeder, der demütigen Herzens bittet, was er be­gehrt, und wer hier fehlt, wird schwe­rer bestraft. Deshalb, meine Söhne, haltet aller Ehre würdig den Ort der Wohnung Gottes und preist hier Gott aus eurem ganzen Herzen mit Jubel und Lobgesang! (1 Cel. 106)

Das Brautgeheimnis von Portiuncula wird uns noch tiefer enthüllt im Portiuncula-Ablaß.

Es wird erzählt: In einer Winternacht war Franziskus von heftigsten Versuchungen gegen die Keuschheit befallen. Wir wissen von vielen solchen Versuchungen des Heiligen; hier in Portiuncula erkennen wir ihren Sinn. Die Versuchung war so heftig, so andauernd, daß Franziskus in die kalte Nacht hinaustrat, sich nackt auszog, sich in die Dornen eines Rosenstrauches warf und sich hin und her wälzte. So wurde er der Versuchung Herr. Auf diesen Sieg der Treue erschienen ihm zwei Engel, die ihn einluden, mit ihnen zur Portiuncula-Kapelle zu kommen, durch deren kleine Fensterchen hel­les Licht strahlte. Als er eintrat, sah er über dem Altar Christus und Ma­ria, umgeben von den Chören der Engel. Er wirft sich nieder auf die Knie, und Jesus bietet ihm an, er könne einen Wunsch aussprechen und diesen Maria übergeben. Was Franziskus nun erbittet, wird jeden enttäuschen, der es nicht auf dem Goldgrund des Brautgeheimnisses schaut. Er erfleht, daß jeder, der das Kirchlein von Portiuncula gläubig betritt, Nachlaß aller Sünden und Sündenstrafen erhalte. Das ist in der Kirchensprache ein „vollkommener Ablaß“. Und Maria nimmt die Bitte auf und bringt sie in ihrem eigenen bräutlichen Herzen Jesus dar. Jesus gewährt sie ihr mit dem Hinweis an Franziskus, diesen Ablaß von sei­nem Stellvertreter auf Erden, dem Papst, bestätigen zu lassen. Papst Honorius weilte zu der Zeit in Perugia und gewährte den Ablaß (vgl. Luciano Canonici, La Porziuncola nei piu antichi documenti francescani, S. 87 ff.).

Was ist hier geschehen? Und zu­erst: Was bedeutet jene Versuchung und jener Sieg in den Dornen des Rosenstrauches? Als Franziskus in die Zelle zurückkehrte, hatte der Rosenstrauch alle Dornen verloren und stand statt dessen mitten im Winter voller Blüten. Noch heute wächst hier — und nur hier — die „Rosa canina assisiensis“ — ohne Dor­nen.

Franziskus soll die Kirche aus der Sünde zur bräutlichen Blüte zurück­führen; herrlich, „ohne Flecken oder Runzeln oder dergleichen, heilig und makellos soll sie sein“ (Eph 5,27). Wie kann er diesen Auftrag ausfüh­ren, wenn er nicht selber auch in den heftigsten Versuchungen sich rein bewahrt, wenn er mit dem kleinsten Schatten des Begehrens die ihm an­vertraute Braut verletzt?

In diesem „nichts begehren“ aber ist die höchste Liebe verborgen. Es ist die Wiederherstellung des Para­dieses, wo in der Liebe von Mann und Frau nichts, gar nichts war, dessen sie sich schämen mußten; nichts ist in ihnen als die aus dem Herzen Gottes ihnen zuströmende gott­menschlich-gewordene Liebe. Fran­ziskus hat in den Dornen die Nackt­heit wiedergefunden. Aber jetzt ist es die Nacktheit des Gekreuzigten.

Im Leben des heiligen Franziskus stehen alle die harten Züchtigungen seines Leibes und seines Gemütes im Dienste dieser Liebe. So erklären sich die über das Maß eines einzelnen Menschen weit hinausgehende Hef­tigkeit und Häufigkeit der Versu­chungen zur Unkeuschheit. Wenn es der Schlange gelingen könnte, die­sen Erwählten zu verführen, dann würde ihm die Braut entzogen, er hätte keine Vollmacht mehr, sie zu heiligen.

Wir können nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn Franziskus versagt hätte. Darum hat der Teufel so gewütet. Er ist der Hasser und Vernichter der Vermählung Gottes mit der Schöpfung.

Ist Luzifer nicht am Geheimnis Marias, die das Kind in ihrem Schoß trägt, zum feuerroten Drachen ge­worden (Offb 12,1 ff.)? Gott hat im Paradies die Urfeindschaft zwischen der Schlange und der das Kind gebä­renden Frau aufgedeckt (Gen 3,15). In dieser Urfeindschaft wütet der Teufel gegen den aus allen anderen auserwählten Brautführer Franzis­kus. Es sind weltgeschichtliche Schlachten, die dieser in seinem Fleisch mit dem Teufel austrägt und gewinnt. Er ist der Drachentöter, der die Jungfrau befreit. Er weiß, aus welcher Gefahr er sie retten muß. Immer wieder klingt es in seinen Schriften wie ein Schrei aus seinem Herzen: „Hassen sollen wir unseren Leib mit seinen Lastern und Sün­den, weil er fleischlich leben und uns dadurch die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und das ewige Leben rauben und sich selbst mit allem in die Hölle stürzen will; denn durch unsere Schuld sind wir abscheulich, elend und dem Guten zuwider, zum Bösen aber bereit“ (Schriften 193, vgl. Röm 7,15-18).

Es sind die Tränen Jesu über Jerusalem, die in den wunden Augen des heiligen Franziskus blutig wer­den: „Wenn du doch heute erkennen würdest, was dir zum Frieden dient“ (Lk 19,42)! Hier! Hier, im Kirchlein von Portiuncula sollen die Menschen erkennen und umkehren! Wenn Franziskus unzählige Menschen durch alle Jahrhunderte hindurch zum christlichen Leben führt, ist es die Frucht seines Büßens und Weinens.

Nun wird auch klar, warum bei Franziskus das Wort „Reinheit“ und die Ermahnung, stets reinen Her­zens zu Gott zu beten, so leuchtend ist, so tief gefüllt mit Kraft und Innigkeit. Bruder Ägidius, einer sei­ner vertrautesten Gefährten, sagt: „Keuschheit nenne ich, alle Sinne für die Gnade Gottes bewahren“ (Ägidius S. 76). Nichts darf in den Sinnen des Leibes und der Seele verbleiben als nur die Liebe des Bräutigams zu seiner Braut und der Braut zu ihrem gekreuzigten Herrn und Gott.

Daß seine Keuschheit der Heili­gung der Braut geweiht ist, leuchtet in folgender Begebenheit auf:

Als er infolge des Fastens seinen Weg nicht weitergehen konnte, brachte ihm eine Mutter mit ihrer Tochter, einer gottgeweihten Jungfrau, Brot und Wein.

Kaum hatte der Heilige gespeist und sich ein wenig gestärkt, erquickte er seinerseits mit dem Worte Gottes Mutter und Tochter. Und während er ihnen predigte, schaute er keiner ins Antlitz. Als die Frauen wieder fortge­gangen waren, sagte sein Gefährte zu ihm: Bruder, warum hast du die heiligmäßige Jungfrau nicht angese­hen, da sie doch mit solcher Ergebenheit zu dir kam? Der Vater antwortete ihm: Wer müßte sich nicht scheuen, eine Braut Christi anzublic­ken? (2 Cel. 114).

Dazu erzählte er ein Gleichnis: Ein sehr mächtiger König schickt nach­einander zwei Boten zur Königin. Der erste kehrt zurück und überbringt nur ihre Worte mit seinen Worten. Er hatte die Augen eines Weisen im Kopf die nirgendwo umherschweifen. Da kehrt der andere zurück, und nach einem kurzen Bericht erzählt er eine lange Geschichte über die Schönheit der Herrin: Fürwahr, Herr, ich habe eine wunderschöne Frau gesehen. Glücklich, wer sich ihrer freuen darf! Doch darauf der König:

Nichtsnutziger Knecht! Auf meine Braut hast du deine schamlosen Au­gen geheftet! Klar, daß du die Sache, die du so ganz genau dir angeschaut hast, auch gern kaufen möchtest. Darauf läßt er den ersten zurück­rufen und spricht: Was hast du für eine Ansicht von der Königin? Nur die beste, denn schweigsam hörte sie zu und antwortete scharfsinnig. Hat sie nichts von körperlicher Anmut an sich? Dies zu prüfen ist deine Sache; die meine war nur, Worte zu über­bringen. Da fällt der König das Ur­teil: Du hast züchtige Augen, umsomehr einen keuschen Körper. Bleib im Haus als Kammerdiener! Der aber soll mir aus dem Hause gehen, damit er nicht das Brautgemach beflecke! (2 Cel. 113)

Wie selbstverständlich geht aus dem heißen Kampf um die Braut die Bitte von Portiuncula hervor. Es soll hier ein Ort der Wiederherstellung aller Heiligkeit sein. Franziskus sieht „Nachlaß von Sünde und Strafe“ nicht juristisch-materiell; er sieht den Schmerz des an seiner Kirche ver­wundeten Gottessohnes, er sieht Blut und Wasser aus der Herzwunde des Bräutigams hervorquellen, der seine im Aussatz der Sünde entstellte Braut im Wasserbad der Taufe rein-wäscht und sie mit dem Hochzeits­wein seines Blutes tränkt (vgl. Hil­degard von Bingen, Scivias, S. 192 ff.).

Und diese Braut ist ihm, Fran­ziskus, anvertraut. Er hat in San Damiano die Herzwunde des Bräuti­gams empfangen. Dort ist er zur Kreuzigung geweiht worden, zu al­len Wunden der Geißelung und Dornenkrönung, bis zur Verlassen­heit am Kreuz. Hier in Portiuncula, wo er die Keuschheit in der Opferung seines Leibes gerettet hat, hier im Ursprung der franziskanischen Ar­mut und jungfräulichen Liebe, hier im Heiligtum der Braut soll die Kir­che den Gnadenschatz öffnen: das ist die kühne Bitte des kleinen, armen Franziskus. Und Maria, die Braut, die Mutter der Kirche, nimmt diese Bitte in ihr Herz und öffnet den Schatz.

Es ist von tiefster Bedeutung, daß sie, Maria, die demütige Bitte des heiligen Franziskus vorträgt. Maria umfaßt ja die ganze Brautschaft. Als sich das Wort Gottes mit ihr ver­mählte, hat sie in ihrem magdlichen Ja-Wort die ganze Schöpfung mit-vermählt. Jede bräutliche Zustim­mung in der Kirche ist umfangen vom Brautwort im Herzen Marias: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ Wenn schon Eva in ihrem Nein die ganze Schöpfung sündig machen konnte, weil sie als „Mutter aller Lebendi­gen“ die Verantwortung für alle trug, dann vermag Maria noch mehr: Ma­ria, die Mutter nicht nur aller Leben­digen, sondern die Mutter des Le­bens selbst, weiht mit ihrem Ja-Wort die Schöpfung aufs neue der Ver­mählung.

Sie, Maria, die Ur-Kirche, nimmt die Bitte des Brautführers auf und trägt sie dem Bräutigam vor. Laß die Kirche hier heilig werden, wie ich dir heilig vermählt bin! Es ist die Lehre der Kirche, daß ein Ablaß immer so weit wirkt, als der Empfangende in Bekehrung und Reue für die Liebe Gottes offen ist. Darum ist der „voll­kommene Ablaß“ das Angebot der vollkommmenen Liebe. Hier in Portiucula sollen sich die Herzen endlich zur Umkehr bewegen lassen, damit sie diese Liebe empfangen kön­nen. Die Kirche soll hier so heilig werden, daß endlich die Hochzeit des Lammes mit der vollendeten Braut gefeiert werden kann Die Fülle der Heiligkeit der Immaculata soll ge­schichtlich in der Kirche Wirklich­keit werden. So reicht die Bitte des heiligen Franziskus bis in die Voll­endung der Zeit. „Der Geist und die Braut rufen: Komm! Und wer es hört, rufe: Komm! Wer dürstet, komme, und wer will, empfange Wasser des Lebens umsonst“ (Offb 22,17). In der Tat, in welchem Marienheiligtum wurde so tief das Geheimnmis der keuschen Brautschaft enthüllt?

 

Pater Martin Ramm, FSSP: DAS GEWISSEN

Um nach der Ordnung Gottes zu leben, muss man sie kennen. Weil aber Gott will, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4), hat er sie mit Vernunft begabt, damit sie ihn und seine Ordnung mit Sicherheit wahrnehmen und sie zum Maßstab für ihr Handeln machen können. So hat er sein Gesetz gleichsam eingeschrieben in ihre Herzen, „wovon ihr Gewissen Zeugnis gibt“ (Röm 2, 15). Ganz ähnlich, wie die Schwalbe ein Gesetz in sich hat, welches sie lehrt, ihr Nest zu bauen, und wie die Biene von Natur aus die Wabe zu formen weiß, ist das Gewissen untrennbar verbunden mit der menschlichen Natur. Es ist Teilhabe am ewigen göttlichen Gesetz, was sehr schön ausgedrückt wird im lateinischen Wort für ‚Gewissen‘, denn conscientia bedeutet wörtlich ‚Mit-Wissen‘.
Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass das im Gewissen wahrgenommene natürliche Sittengesetz dem Menschen nicht von außen auferlegt wird, sondern zutiefst seiner Natur entspricht.
Aufgabe des Gewissens ist es, dem Menschen eine sichere und klare Auskunft über die sittliche Qualität seines Handelns zu geben und ihm zu helfen, sich seiner Bestimmung entsprechend bewusst und frei auf sein ewiges Ziel hin auszurichten. So sagt der ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ [= KKK]: „Das Gewissen ist ein Urteil der Vernunft, in welchem der Mensch erkennt, ob eine konkrete Handlung, die er beabsichtigt, gerade ausführt oder schon getan hat, sittlich gut oder schlecht ist.“ (KKK 1778)

In seiner Bezogenheit auf das ewige göttliche Gesetz gleicht das Gewissen einem Kompass. Aufgrund einer physikalischen Einwirkung zeigt ein funktionstüchtiger Kompass stets in Richtung Norden. Dabei ist der Kompass auf den Nordpol angewiesen und nicht der Nordpol auf den Kompass. Jedenfalls wird niemand ernsthaft behaupten, der Kompass sei ‚autonom‘ [von ‚auto-nomos‘ = ’sich-selbst-Gesetz‘], denn er selber ist nicht die Norm, sondern das Instrument, auf das der Seemann sich verlassen muss, um sicher den Hafen zu finden. Ebenso unsinnig und unbrauchbar wie ein vom Nordpol ‚emanzipierter‘ Kompass wäre ein von Gott emanzipiertes ‚autonomes‘ Gewissen, denn das Gewissen erhält seine Verbindlichkeit gerade aus der Annahme, dass es mit dem ewigen göttlichen Gesetz übereinstimmt. So ist es leicht zu verstehen, warum das Gewissen nicht als ‚objektive und höchste‘, sondern nur als ’subjektive und nächste‘ Norm der Moralität bezeichnet werden kann.
Die Lehre vom ‚autonomen Gewissen‘ gehört zu den folgenschwersten Irrtümern unserer Zeit. Sie wird von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika ‚Veritatis splendor‚ vom 6. Juni 1993 über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre klar und deutlich zurückgewiesen.

Geprägt von dieser falschen Lehre ist nicht zuletzt die tragische ‚Königsteiner Erklärung‚ vom 30. August 1968, in welcher die damaligen deutschen Bischöfe die in der Enzyklika ‚Humane vitae‚ vom 25. Juli 1968 von Papst Paul VI. verbindlich vorgelegte Lehre über die rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens relativierten, weil sie fürchteten, „die Bereitschaft zur kirchlichen Mitverantwortung und die Bildung eines selbständigen Gewissens“ (ebd. Nr. 16) könnten Schaden leiden. Ganz ähnlich haben sich zur gleichen Zeit die österreichischen Bischöfe in ihrer ‚Mariatroster Erklärung‚ geäußert.
Es bleibt zu hoffen, dass diese traurigen Manifeste bischöflicher Kapitulation vor dem Zeitgeist eines Tages formell widerrufen werden.
In einer Ansprache an die Teilnehmer eines internationalen Kongresses für Moraltheologie im November 1988 sagte in diesem Zusammenhang Papst Johannes Paul II.: „Während dieser Jahre wurde im Anschluss an die Bekämpfung von ‚Humanae vitae‘ auch die christliche Lehre vom moralischen Gewissen in Frage gestellt und der Gedanke eines Gewissens angenommen, das sich selbst die sittliche Norm schafft. Auf diese Weise wurde das Band des Gehorsams gegen den heiligen Willen des Schöpfers radikal zerschnitten, in dem gerade die Würde des Menschen besteht.“ (‚Osservatore Romano‘, 13.11.1988)

Wenn hier auch nicht alle Fragen im Kontext der Lehre vom Gewissen behandelt werden können, so bleibt doch ein Wort zur Gewissensbildung zu sagen; denn obwohl jeder Mensch ein Gewissen hat, funktioniert es doch nicht bei allen gleich gut. Wo man nämlich gewohnheitsmäßig gegen das Gewissen handelt, wird seine Stimme immer leiser wahrgenommen. Das Gewissen kann abgestumpft werden und gleichsam ‚einrosten‘. Es ist ähnlich wie bei manchen Höhlentieren, deren Augen verkümmern, weil sie niemals benutzt werden.
Damit das Gewissen gut funktioniert, muss man es bilden, denn nur ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahr [vgl. KKK 1783].
Eine zuverlässige Hilfe zur Gewissensbildung finden wir im Lehr- und Hirtenamt der Kirche; denn Jesus Christus hat seine Kirche nicht nur mit Lehrautorität ausgestattet, sondern ihr auch den sicheren Beistand des Heiligen Geistes verheißen, der ihr in Glaubens-und Sittenfragen das Charisma der Unfehlbarkeit verleiht. Dieses Charisma besitzt sie sowohl in ihrer gewöhnlichen Lehrverkündigung als auch bei feierlichen Verlautbarungen des Papstes oder eines allgemeinen Konzils. Wenn also die Kirche eine Lehre in Glaubens- und Sittenfragen unter Berufung auf diesen Beistand und kraft ihrer Autorität als verbindlich und sicher vorlegt, dürfen wir die volle Gewissheit haben, dass sie unfehlbar wahr ist.

Dabei kann die Lehre der Kirche, die das göttliche Gesetz erklärt, auch niemals in wirklichem Widerspruch zur menschlichen Vernunft stehen, denn: „Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“ (Benedikt XVI., ‚Regensburger Rede‚ vom 12. September 2006) Wer immer sich die Mühe macht, die Lehre der Kirche wirklich verstehen zu wollen und tiefer in sie einzudringen, wird sie in jedem einzelnen Punkt völlig vernünftig begründet finden. So schrieb Papst Paul VI. in seiner Enzyklika ,Humanae [=
HV]: „ Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“ (HV 12) Im Kontrast dazu gilt das Sprichwort, dass niemand so blind ist wie der, der nicht sehen will.
Es ist traurig, wenn selbst kirchliche Vertreter, deren Pflicht es eigentlich wäre, die Lehre der Kirche eingehend zu studieren und sie den Menschen zu erklären, dazu weder willens noch fähig sind.

Die folgenden Ausführungen stehen treu zur Lehre der katholischen Kirche. Sie möchten helfen, das Gewissen zu bilden, damit die Wahrheit angenommen und das Leben entsprechend ausgerichtet werden kann; denn nur so sind Glück und wahre Freiheit zu finden.

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Quelle: P. Martin Ramm FSSP: Was ist Keuschheit? – Hilfen zur Gewissensbildung im 6. Gebot. 2. Auflage, Thalwil 2011.

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