Papstpredigt: Dass Lateinamerika der „Kontinent der Hoffnung“ werde

N.S. de Guadalupe, Mexico

Predigt von Papst Franziskus in der Petersbasilika
zum Fest der Muttergottes von Guadalupe

Arbeitsübersetzung des auf spanisch gehaltenen Textes

„Es segne uns Gott. Alle Welt fürchte und ehre ihn. Die Völker sollen dir danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle. Die Nationen sollen sich freuen und jubeln. Denn du richtest den Erdkreis gerecht. Du richtest die Völker nach Recht und regierst die Nationen auf Erden. Es segne uns Gott. Alle Welt fürchte und ehre ihn.“ (Aus Psalm 67)

Dieses Gebet des Psalmisten, die Bitte um Vergebung und Segen der Völker und Nationen und gleichzeitig ein fröhlicher Lobgesang, drückt den geistlichen Sinn dieser Messfeier aus. Es sind die Völker und Nationen unserer großen lateinamerikanischen Heimat, die heute mit Dankbarkeit und Freude das Fest ihrer Patronin feiern, unserer lieben Frau von Guadalupe, deren Verehrung sich von Alaska bis nach Patagonien erstreckt. Und vom Erzengel Gabriel und der heiligen Elisabeth bis zu uns heute erklingt unser kindliches Gebet: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir…“.

An diesem Festtag der Jungfrau von Guadalupe denken wir voller Dank an ihren Besuch und ihre mütterliche Begleitung, wir singen mit ihr das Magnifikat, und wir vertrauen ihr das Leben unserer Völker und die ‚Kontinentale Mission‘ der Kirche an.

Als sie dem heiligen Juan Diego in Tepeyac erschien, zeigte sie sich als die allezeit jungfräuliche Mutter des wahren Gottes und erschien dort auch ein weiteres Mal. Sie kam voll Sorge, um auch die neuen amerikanischen Völker zu umarmen, in einem dramatischen Werden. Es war wie „ein großes Zeichen, das am Himmel erschien … Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, mit dem Mond unter ihren Füßen“ (Offb 12:1), die in sich die kulturelle und religiöse Symbolik der indigenen Völker aufnahm und ihren Sohn den neuen, zerrissenen Völkern ankündigte und schenkte.

Viele sprangen voll Freude und Hoffnung vor der Erscheinung und vor dem Geschenk des Sohnes und der vollkommenen Jüngerin des Herrn, die die „große Missionarin wurde, die das Evangelium in unser Amerika brachte“ (Dokument von Aparecida). Der Sohn der allerheiligsten Maria, unbefleckt empfangen, zeigt sich also gleich am Anfang der Geschichte der neuen Völker als „der wahre Gott, dank dessen wir leben“, als die Frohe Botschaft von der Würde der Kindschaft aller Bewohner des Kontinents. Niemand ist mehr Knecht, sondern alle sind wir Kinder desselben Vaters und einander Geschwister.

Die heilige Mutter Gottes hat dieses Volk aber nicht nur besuchen wollen, sondern wollte auch bei ihm bleiben. Sie hat auf geheimnisvolle Weise ihr Bild auf dem Umhang ihres Boten hinterlassen, damit sie sichtbar bleibe. Der Umhang wurde so zum Symbol des Bundes zwischen Maria und diesem Volk, dem sie so Seele und Zärtlichkeit schenkt. Auf ihre Fürsprache begann der christliche Glaube zum reichsten Schatz der Seele der amerikanischen Völker zu werden, dessen wertvollste Perle Jesus Christus ist: ein Erbe, das sich zeigt und bis heute in der Taufe so vieler Menschen, im Glauben, in der Hoffnung und der Nächstenliebe weitergegeben wird, im Reichtum der Volksfrömmigkeit und in diesem amerikanischen Ethos, das sich im Wissen um die Würde des Menschen, der Leidenschaft für die Gerechtigkeit, der Solidarität mit den Ärmsten und Leidenden, der Hoffnung manchmal wider alle Hoffnung zeigt.

Deswegen können wir hier und heute das Lob Gottes für die Wunder, die er im Leben der lateinamerikanischen Völker gewirkt hat, fortführen. Gott hat, seinem Stil entsprechend, diese Dinge den Klugen und Gebildeten verborgen, den Kleinsten und Demütigen, den Einfachen im Herzen aber offenbart (Mt 11:25). In den Wundern, die der Herr in Maria vollbracht hat, erkennt sie die Art und Weise ihres Sohnes, in der Geschichte des Heils der Welt zu handeln. Die Urteile der Welt niederreißend und die Götzen der Macht zerstörend, den Reichtum, den Erfolg auf alle Kosten, die völlige Unabhängigkeit, den Hochmut und den säkularisierten Messianismus, der von Gott weg führt, bekennt der Lobgesang Mariens, dass Gott will, dass die Ideologien und die weltlichen Mächte umgedreht werden. Er erhöht die Niedrigen, er kommt den Armen und Kleinen zu Hilfe, er schenkt denen, die sich seiner Barmherzigkeit von Generation zu Generation anvertrauen, Segen und Hoffnung, während er die Reichen erniedrigt, die Mächtigen und die Herrscher von ihren Thronen stürzt.

Das „Magnificat“ führt uns so zu den Seligpreisungen, es ist die Zusammenfassung und Vorwegnahme der Frohen Botschaft. In seinem Licht fühlen wir uns angetrieben zu bitten, dass die Zukunft Lateinamerikas für die Armen und die Leidenden gemacht wird, für die Demütigen, für diejenigen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, für die Barmherzigen, für die, die reinen Herzens sind, für die Friedensstifter, für die um des Namens Christi willen Verfolgten, „denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5:1-11). Möge die Gnade alle umfassen, die heute vom götzenhaften System der Wegwerfgesellschaft zu Sklaven gemacht werden, zu Objekten der Ausbeutung oder einfach zu Verlorenen!

Wir bitten darum, damit Lateinamerika der „Kontinent der Hoffnung“ werde und damit sich für den Kontinent neue Modelle der Entwicklung erschließe, welche die christliche Tradition und den Fortschritt, die Gerechtigkeit und Gleichheit mit der Versöhnung vereinen, den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt mit der menschlichen Weisheit. Das furchtbare Leiden mit der hoffnungsvollen Freude. Man kann diese Hoffnung nur mit einer großen Menge Wahrheit und Liebe bewahren, dem Fundament der Wirklichkeit, den revolutionären Antrieben eines authentischen neuen Lebens.

Legen wir diese Wirklichkeit und diese Bitten auf den Altar als eine dankbare Gabe an Gott. Bitten wir um seine Vergebung und vertrauen wir auf seine Barmherzigkeit, feiern wir das Opfer und den österlichen Sieg unseres Herrn Jesus Christus. Er ist er einziger Herr, der „Befreier“ aus all unserer Sklaverei und unserem Elend, das aus der Sünde kommt. Er ist der grosse Eckstein der Geschichte – dabei war er der Verworfene. Er ruft uns, das wahre Leben zu leben, ein menschlicheres Leben, ein Zusammenleben als Brüder und Schwestern, die Türen der neuen Erde und des neuen Himmels bereits jetzt geöffnet. Wir bitten die heiligste Jungfrau Maria, wie sie in Guadalupe erschienen ist – die Mutter Gottes, die Königin, meine Herrin, die junge Frau, „meine Kleine“, wie sie der heilige Juan Diego nennt, und all die anderen liebevollen Namen, unter denen wir uns in der Volksfrömmigkeit an sie wenden – dass sie unsere Völker weiterhin begleite, helfe und beschütze.

Möge sie alle Kinder an der Hand führen, die in dieser irdischen Pilgerfahrt der Begegnung mit ihrem Sohn Jesus Christus entgegengehen, unserem Herrn, anwesend in der Kirche, in den Sakramenten und vor allem in der Eucharistie, anwesend im Schatz seiner Worte und seiner Lehre, anwesend im heiligen Volk Gottes, in den Leidenden und denen, die demütigen Herzens sind. Und wenn dieses so wagemutige Programm uns erschreckt oder die weltliche Kleinkariertheit uns bedroht: Möge sie uns erneut zum Herzen sprechen und mit ihrer mütterlichen Stimme sagen: Wovor hast du Angst? Bin ich denn nicht hier, deine Mutter?

(rv 12.12.2014 ord)