DAS EWIGE SCHICKSAL DER ABGETRIEBENEN KINDER (Folge 12)

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William Holman Hunt – The Triumph of the Innocents

GRUNDSÄTZLICHES

  1. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. (1 Tim 2, 4-6)
  2. Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird (Joh 3,16-17)
  3. Der Mensch ist ganz Mensch (Leib und Seele) von der Empfängnis an.
    1. Pius IX.: Bulle: Ineffabilis Deus
    2. Siehe: Immaculata-Dogma und Person-Beginn
  4. GOTT erschafft jede SEELE neu, aus dem Nichts.
    1. Die Kirche lehrt, daß jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen ist [Vgl. Pius XII., Enz. ,,Humani generis“ 1950: DS 3896; SPF 8.]- sie wird nicht von den Eltern ,,hervorgebracht“ – und daß sie unsterblich ist [Vgl. 5. K. im Lateran 1513: DS 1440.]: sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen. (KKK 366)
  5. Alles, was Gott erschafft, ist SEHR GUT.
    1. („Und Gott sah alles an, was er gemacht/erschaffen hatte; und siehe da, es war sehr gut.“) (1 Mose 31)
    2. Gott ist allwissend. Er weiß und kennt alles, auch das Noch-nicht-Geschehene.
      1. Psalm 139
      2. GOTT erschafft ALLES zu Seiner EHRE
  6. GOTT IST DIE VOLLKOMMENE LIEBE UND GERECHTIGKEIT, vollkommene Liebe in Gerechtigkeit und vollkommene Gerechtigkeit in Liebe.
    1. DEUS CARITAS EST
    2. GOTT hat die GANZE WELT (alle Menschen) ERLÖST
      1. „Denn durch Dein Heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst.“ (Kreuzweg)
      2. Es gibt keine Vorherbestimmung = Prädestination (zur ewigen Gnade oder ewigen Verdammnis).
    3. Alle Menschen werden zur Einheit mit Christus gerufen, der das Licht der Welt ist: Von ihm kommen wir, durch ihn leben wir, zu ihm streben wir hin. (Lumen gentium, 3)
    4. GOTT würde keine Seele erschaffen, von der Er wüsste, dass sie ohne eigene, persönliche Schuld von Ihm für alle Ewigkeit getrennt wäre.
    5. Es gibt keinen EWIGEN „Limbus puerorum“ (kein „Zwischen Himmel und Hölle“); denn nach dem Jüngsten Gericht gibt es nur noch HIMMEL und HÖLLE, und IM HIMMEL gibt es für niemanden einen Ausschluss von der Anschauung Gottes.
    6. Die Lehre vom „Limbus puerorum“ ist/war ein theologisches Verlegenheitskonstrukt.
    7. ALLE GEBOTE GOTTES können immer nur für jene Menschen gelten, die von ihnen (hinreichende) Kenntnis und Erkenntnis haben und zu deren Beobachtung/Erfüllung fähig sind.
      1. Wenn ein Mensch – ohne eigene Schuld – von bestimmten Geboten/Pflichten nichts weiß, rechnet ihm GOTT deren Nichtbeobachtung nicht an.
      2. ALLE ungeborenen, vor der Geburt gestorbenen oder getöteten/abgetriebenen Kinder kommen für alle Ewigkeit in den Himmel, zur „Anschauung Gottes“.
      3. Da JEDE SEELE jeden Entwicklungsstand potentiell in sich birgt und von Natur her zu GOTT hinstrebt, wird sie [die Seele des abgetriebenen, ungeborenen, ermordeten Kindes], wenn sie durch den Tod zur übernatürlichen Wirklichkeit, d.h. in Gegenwart von JESUS CHRISTUS  erwacht, ganz ohne jeglichen Zweifel und Widerstand an IHN, GOTT, DEN ERLÖSER UND RETTER, GLAUBEN UND IHN ÜBER ALLES LIEBEN.
  7. DARUM GILT (für mich weiterhin):
    «Wären wir alle unschuldig wie Kinder, wie (noch) unwissende und unvermögende Kleinkinder, dann bräuchten wir um unser ewiges Seelenheil keine Bedenken zu haben. Wir kämen alle (schließlich) in den Himmel. Und effektiv: ALLE Menschen, ALLE, auch die Ungetauften, also auch alle Heidenkinder, die gezeugt und empfangen werden, die nicht geboren oder geboren werden, die sterben oder getötet werden, ohne zum Vernunftalter (und damit zur Fähigkeit des Sündigens, zur Auflehnung wider Gott) gelangt zu sein, sie ALLE sind notwendigerweise in Christus Erlöste und wie die Unschuldigen Kindlein von Bethlehem in Christus Geheiligte und Heilige. Und sie genießen ALLE die ewige Glückseligkeit. Um ihr Heil müssen wir also nicht fürchten.»
    (Siehe: http://gloria.tv/?media=368471)

Paul O. Schenker

Papst Johannes Paul II. zu: TOD – HIMMEL – FEGEFEUER – HÖLLE

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Aus „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“:

28

GIBT ES DAS EWIGE LEBEN NOCH?

In der Kirche dieser letzten Jahre ist die Zahl der Worte stark angewachsen: Es scheint so, als habe man in den letzten zwanzig Jahren auf allen Ebenen der Kirche mehr »Dokumente« produziert als in den zwanzig vorherge­henden Jahrhunderten.

Und doch haben viele den Eindruck, als verschweige diese so redselige Kirche das Wesentliche: das ewige Leben. Heiliger Vater, existieren Paradies, Fegefeuer und Hölle noch? Warum geben so viele Kirchenleute unablässig Erklärungen über die Aktualität ab und sprechen fast nie von der Ewigkeit, jener endgültigen Einheit mit Gott, die, wenn man den Glauben ernst nimmt, doch die Berufung, das Schicksal und das letzte Ziel des Menschen ist?

Schlagen Sie bitte das VII. Kapitel der Konzilskonstitu­tion »Lumen gentium« auf, wo der endzeitliche Charak­ter der auf Erden pilgernden Kirche und auch ihre Ein­heit mit der himmlischen Kirche behandelt wird. Ihre Frage zielt nicht auf die Einheit der pilgernden Kirche mit der himmlischen Kirche, sondern auf das Band zwi­schen Eschatologie und irdischer Kirche. Diesbezüglich heben Sie hervor, daß dieser Aspekt in gewisser Weise verlorengegangen ist, und ich muß zugeben, daß Sie hier nicht ganz unrecht haben.

Erinnern wir uns daran, daß bis in nicht allzuweit zurückliegende Zeiten die Letzten Dinge — Tod, Gericht, Hölle, Paradies und Fegefeuer — in Predigten bei Ein­kehrtagen und Gemeindemissionen einen feststehenden Punkt des Meditationsprogramms darstellten und daß die Prediger sehr wirksam und eindrucksvoll davon sprechen konnten. Wie groß ist die Zahl der Menschen, die von diesen Predigten und Gedanken über die letzten Dinge zur Umkehr und Beichte geführt wurden!

Außerdem muß man zugestehen, daß dieser Pastoralstil zutiefst personalistisch war: »Erinnere dich, daß du am Ende mit deinem ganzen Leben vor Gott erscheinen mußt, daß du vor seinem Gericht die Verantwortung für all deine Taten tragen mußt, daß nicht nur über deine Taten und Worte, sondern auch über deine geheimsten Gedanken gerichtet wird.« Wir können sagen, daß sol­che Predigten, die mit dem Inhalt der Offenbarung im Alten und Neuen Testament völlig in Einklang standen, zutiefst in die innere Welt des Menschen eindrangen. Sie rüttelten das Gewissen wach, sie warfen den Menschen auf die Knie und führten ihn zum Gitter des Beicht­stuhls; sie hatten eine zutiefst heilbringende Wirkung.

Der Mensch ist frei, und deshalb ist er verantwortlich. Seine Verantwortung ist persönlich und sozial; es ist eine Verantwortung vor Gott. Es ist die Verantwortung, in der seine Größe liegt. Ich verstehe, worin Ihre Befürch­tung besteht: Sie fürchten, daß der Verlust dieser katechetischen, kerygmatischen und homiletischen Inhalte eine Gefahr für diese elementare Größe des Menschen darstellt. Man kann sich tatsächlich fragen, ob die Kirche ohne diese Botschaft noch in der Lage wäre, Heldentum und Heilige hervorzubringen. Ich spreche nicht so sehr von jenen »Großen«, die seliggesprochen werden, son­dern, im Sinne des Wortes des ersten christlichen Schrift­tums, von den »alltäglichen« Heiligen.

Es ist bedeutungsvoll, daß uns das Konzil auch an die all­gemeine Berufung zur Heiligkeit in der Kirche erinnert. Diese Berufung ist universal, das heißt, sie geht alle Getauften, alle Christen an. Sie ist immer sehr persön­lich und an die Arbeit und den Beruf gebunden. Es ist die Rechenschaft, die der Mensch darüber ablegen muß, ob er seine Talente gut oder schlecht genutzt hat. Wir wissen, daß die Worte Jesu an den Mann, der sein Geld, seine »Talente«, vergraben hatte, sehr streng und ent­schieden sind (vgl. Mt 25,25-30).

Man kann sagen, daß noch in der jüngsten katecheti­schen und kerygmatischen Tradition der Kirche eine regelrecht individuelle Eschatologie vorherrschte, die sich an einer im übrigen tief in der göttlichen Offenba­rung verwurzelten Dimension ausrichtete. Die Perspek­tive, die das Konzil vorschlägt, ist die einer Eschatologie der Kirche und der Welt.

Der Titel des VII. Kapitels von »Lumen gentium« lautet »Der endzeitliche Charakter der pilgernden Kirche«. Ich empfehle es zur erneuten Lektüre, da es genau diese Absicht enthüllt. Hier ist sein Anfang:

»Die Kirche, zu der wir alle in Christus Jesus berufen werden und in der wir mit der Gnade Gottes die Heilig­keit erlangen, wird erst in der himmlischen Herrlichkeit vollendet werden, wenn die Zeit der allgemeinen Wie­derherstellung kommt (Apg 3,21). Dann wird mit dem Menschengeschlecht auch die ganze Welt, die mit dem Menschen innigst verbunden ist und durch ihn ihrem Ziele entgegengeht, vollkommen in Christus erneuert werden . . .

Christus hat, von der Erde erhöht, alle an sich gezogen (vgl. Joh 12,32). Auferstanden von den Toten (vgl. Röm 6,9), hat er seinen lebendig machenden Geist den Jün­gern mitgeteilt und durch ihn seinen Leib, die Kirche, zum allumfassenden Heilssakrament gemacht. Zur Rechten des Vaters sitzend, wirkt er beständig in der Welt, um die Menschen zur Kirche zu führen und durch sie enger mit sich zu verbinden, um sie mit seinem eige­nen Leib und Blut zu ernähren und sie seines verherr­lichten Lebens teilhaftig zu machen. Die Wiederherstel­lung also, die uns verheißen ist und die wir erwarten, hat in Christus schon begonnen, nimmt ihren Fortgang in der Sendung des Heiligen Geistes und geht durch ihn weiter in der Kirche, in der wir durch den Glauben auch über den Sinn unseres zeitlichen Lebens belehrt werden, bis wir das vom Vater uns in dieser Welt übertragene Werk mit der Hoffnung auf die künftigen Güter zu Ende führen und unser Heil wirken (vgl. Phil 2,12). Das Ende der Zeiten ist also bereits zu uns gekommen (vgl. 1 Kor 10,11), und die Erneuerung der Welt ist unwiderruflich schon begründet und wird in dieser Weltzeit in gewisser Weise wirklich vorausgenommen. Denn die Kirche ist schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommen Heiligkeit ausgezeichnet. Bis es aber einen neuen Himmel und eine neue Erde gibt, in denen die Gerechtigkeit wohnt (vgl. 2 Petr 3,13), trägt die pil­gernde Kirche in ihren Sakramenten und Einrichtungen, die noch zu dieser Weltzeit gehören, die Gestalt dieser Welt, die vergeht, und zählt selbst so zu der Schöpfung, die bis jetzt noch seufzt und in Wehen liegt und die Offenbarung der Kinder Gottes erwartet (vgl. Röm 8,19-22)« (Nr. 48).

Wir müssen zugeben, daß diese eschatologische Sicht in der traditionellen Predigt nur sehr schwach vorhanden war. Und doch ist es eine ursprüngliche, biblische Sicht­weise. Der gesamte, oben wiedergegebene Abschnitt aus einem Konzilstext besteht in Wahrheit aus Zitaten aus dem Evangelium, aus den Apostelbriefen und aus der Offenbarung. Die traditionelle Eschatologie, bei der es um die sogenannten Letzten Dinge ging, wurde vom Konzil in dieser wesentlich biblischen Ausrichtung nie­dergeschrieben. Wie ich bereits hervorgehoben habe, ist die Eschatologie zutiefst anthropologisch, doch im Lichte des Neuen Testamentes orientiert sie sich vor allem an Christus und am Heiligen Geist, und in gewis­sem Sinne ist sie auch kosmisch.

Man kann sich fragen, ob der Mensch mit seinem indivi­duellen Leben, seiner Verantwortung, seinem Schicksal, seiner persönlichen eschatologischen Zukunft, seinem Paradies oder seiner Hölle oder seinem Fegefeuer nicht damit endet, daß er sich in dieser kosmischen Dimension verirrt. Da es für Ihre Frage gute Gründe gibt, muß sie mit einem aufrichtigen »Ja« beantwortet werden: Der Mensch hat sich in gewissem Maße verirrt; die Prediger, die Katecheten, die Erzieher haben sich verirrt und auch den Mut verloren, »mit der Hölle zu drohen«. Und viel­leicht haben selbst die, die ihnen zuhören, keine Angst mehr davor.

Der Mensch der heutigen Gesellschaft ist für die Letzten Dinge in der Tat wenig empfänglich. Auf der einen Seite fördern Säkularisation und Säkularismus diese Unemp­fänglichkeit, deren Ergebnis schließlich ein nur am Genuß irdischer Freuden ausgerichtetes Konsumverhal­ten ist. Andererseits haben hierzu auch die zeitlichen Höllen unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts ihren Beitrag geleistet. Kann denn der Mensch nach den Erfahrungen der Konzentrationslager, Gulags und Bom­benangriffe, gar nicht zu reden von Naturkatastrophen, etwas noch Schlimmeres auf Erden erwarten – noch mehr Demütigungen, noch mehr Verachtung und Ver­zweiflung? Mit einem Wort: mit einer Hölle rechnen? Die Eschatologie ist daher dem heutigen Menschen eher fremd geworden, vor allem in unserer Gesellschaft. Das heißt jedoch noch nicht, daß ihm auch der Glaube an Gott als Höchster Gerechtigkeit, daß ihm das Warten auf »Jemanden« fremd geworden ist, der am Ende die Wahrheit über das Gute und das Böse der menschlichen Taten zu sagen weiß und das Gute zu belohnen und das Böse zu bestrafen vermag. Kein anderer als er wird dazu in der Lage sein. Die Menschen haben sich ein Bewußt­sein davon bewahrt. Die Schrecken unseres Jahrhun­derts haben es nicht auszulöschen vermocht: ». . . dem Menschen (ist) bestimmt, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt« (vgl. Hebr. 9,27).

Dieses Bewußtsein stellt überdies in einem gewissen Sinn einen gemeinsamen Nenner aller monotheistischen Religionen dar, aber auch für andere. Wenn das Konzil von der eschatologischen Natur der pilgernden Kirche spricht, so stützt es sich auch auf dieses Bewußtsein. Der Gott als gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, ist in der Tat der Gott von Abraham, Isaak, Moses und auch von Christus, der sein Sohn ist. Dieser Gott ist vor allem Liebe. Nicht nur Barmherzig­keit, sondern Liebe. Nicht nur der Vater des verlorenen Sohns, sondern der Vater, »der seinen Sohn hingibt, damit der Mensch nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (vgl. Joh 3,16).

Diese Wahrheit über Gott, die uns das Evangelium ver­kündet, entscheidet über einen gewissen Wandel in der eschatologischen Anschauungsweise. Vor allem ist die Eschatologie nicht das, was noch geschehen muß, was erst nach dem irdischen Leben eintreten wird. Die Eschatologie hat bereits mit der Herabkunft Christi begonnen. Ein eschatologisches Ereignis war vor allem sein Erlösungstod und seine Auferstehung. Dies ist der Anfang »eines neuen Himmels und einer neuen Erde« (vgl. Apg 21,1). Die Zukunft von uns allen ist über den Tod hinaus an die Aussage gebunden: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten.« Und dann an: »Ich glaube an die Vergebung der Sünden und an das ewige Leben.« Dies ist die christozentrische Eschatologie.

In Christus hat Gott der Welt offenbart: ». . . er will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (1 Tim 2,4). Dieser Satz des ersten Briefs an Timotheus ist aufgrund der Anschauung und der Verkündigung der letzten Dinge außerordentlich wichtig. Wenn aber dies Gottes Wunsch ist, wenn Gott dafür seinen Sohn hingibt, der seinerseits durch den Hei­ligen Geist in der Kirche wirkt, kann der Mensch dann verdammt, kann er von Gott abgewiesen werden?

Die Frage der Hölle hat von Origines bis in unsere Zeit ­bis hin zu Michail Bulgakow und Hans Urs von Bal­thasar — schon immer die großen Denker der Kirche beunruhigt. In Wahrheit hatten die ersten Konzile die Theorie der sogenannten finalen Apokatastasis zurück­gewiesen, der zufolge die Welt nach ihrer Zerstörung wiederhergestellt wird und alle Geschöpfe gerettet wer­den. Diese Theorie schaffte indirekt die Hölle ab. Doch das Problem besteht immer noch. Kann Gott, der den Menschen so sehr geliebt hat, zulassen, daß der Mensch ihn so sehr ablehnt, daß er zu ewigen Qualen verdammt werden muß?

Wie dem auch sei, die Worte Christi sind eindeutig. Im Matthäusevangelium spricht er klar von denen, die die ewige Strafe erhalten werden (vgl. 25,46). Wer wird zu ihnen gehören? Die Kirche hat sich hierüber niemals geäußert. Es ist ein wirklich unergründliches Geheimnis zwischen der Heiligkeit Gottes und dem Gewissen der Menschen. Das Schweigen der Kirche ist damit die ein­zig angemessene Haltung der Christen. Obwohl er von Judas, dem Verräter, sagt: »Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre« (Mt 26,24), darf diese Erklärung mit Sicherheit nicht im Sinne der ewigen Verdammnis aufgefaßt werden.

Zugleich gibt es etwas im moralischen Gewissen des Menschen, das auf den Verlust dieser Aussicht reagiert: Ist denn der Gott, der die Liebe ist, nicht auch endgül­tige Gerechtigkeit? Kann er diese furchtbaren Verbre­chen annehmen, können sie unbestraft bleiben? Ist denn die endgültige Strafe nicht in gewisser Weise notwendig, damit das moralische Gleichgewicht in der so verworre­nen Menschheitsgeschichte hergestellt werden kann? Ist eine Hölle denn in gewissem Sinne nicht »die letzte Ret­tung« für das moralische Gewissen des Menschen?

Die Heilige Schrift kennt auch den Begriff »reinigendes Feuer«. Die Ostkirche hat ihn angenommen, weil er bib­lisch ist, während sie die katholische Lehre vom Fege­feuer nicht übernommen hat.

Ein sehr überzeugendes Argument für das Fegefeuer haben mir neben der Bulle von Benedikt XII. aus dem 14. Jahrhundert die mystischen Werke des hl. Johannes vom Kreuz gegeben. »Die lebendige Flamme der Liebe«, von der er spricht, ist vor allem eine reinigende Flamme. Die mystischen Nächte, die dieser große Kir­chenlehrer aus eigener Erfahrung beschreibt, entspre­chen in gewissem Sinne dem Fegefeuer. Gott läßt den Menschen das innere Fegefeuer all seiner sinnlichen und geistigen Natur durchleben, um ihn zur göttlichen Ein­heit zu führen. Wir stehen hier nicht vor einem einfachen Gericht. Wir stellen uns der Macht der Liebe selbst.

Es ist vor allem die Liebe, die richten muß. Gott, der die Liebe ist, richtet durch die Liebe. Es ist die Liebe, die vom Menschen Reinigung verlangt, bevor er zu jener Einheit mit Gott reifen kann, die seine endgültige Beru­fung und seine Bestimmung ist.

Vielleicht reicht dies aus. Im Osten wie im Westen haben viele Theologen, auch zeitgenössische, ihre Studien der Eschatologie, den Letzten Dingen gewidmet. Die Kirche hat von ihrem eschatologischen Bewußtsein nicht abge­lassen. Sie hat nicht aufgehört, die Menschen zum ewi­gen Leben zu führen. Müßte sie davon ablassen, so würde sie aufhören, ihrer eigenen Berufung und dem von ihr mit Gott in Jesus Christus geschlossenen Neuen Bund treu zu sein.

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Quelle: Johannes Paul II – Die Schwelle der Hoffnung überschreiten – herausgegeben von Vittorio Messori – Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg

Prälat Robert Mäder: SATANS HÖLLE

Dem Geheimnis der satanischen Sünde muss das Geheimnis der satanischen Strafe entsprechen. Weil die Sünde Satans im Naturalismus besteht, im Protest gegen den Himmel als Reich der Gnade, muss die Strafe Satans im absoluten Gegen­satz zum Himmel bestehen. Der Gegensatz zum Himmel aber ist die Hölle. Der Gegensatz zum Reich der göttlichen Gnade ist das Reich des göttlichen Zornes.

Die Heilige Schrift berichtet uns über die grosse Exkom­munikation, die Ausscheidung Satans und seines Anhangs aus der Gemeinschaft der Engel, aus der Region der Lichtwelt in die Region der Finsternis und der Unterwelt: «Es gab eine Schlacht im Himmel. Michael und seine Engel kämpften ge­gen den Drachen. Und der Drache mit seinen Engeln kämpfte. Sie richteten aber nichts aus und ihr Platz im Himmel ging verloren. Und der grosse Drache, die alte Schlange, die Teufel heisst und Satan, die alle Welt verführt, wurde hinabgewor­fen, zur Erde. Und mit ihr gestürzt wurden seine Engel» (Offb. 12, 7 ff.).

Die Höllenfahrt der Teufel aus der Gottesnähe in die Got­tesfeme vollzieht sich in zwei Stationen. Die erste Station der Höllenfahrt ist für viele vorerst der Sturz in die Luft­region. Der heilige Paulus spricht von einer Welt, die unter dem Einfluss des Fürsten steht, der Macht hat in dieser Luft (Eph. 2, 2). Dieser Aufenthalt hat provisorischen Charakter. Die bösen Geister haben hier noch eine gewisse Bewegungs­freiheit. Sie tragen die Hölle in sich, aber sie können als Ver­sucher und Quäler den Erdkreis durchschweifen.

Die Schlussstation des Engelsturzes ist die eigentliche Hölle. Irgend ein Ort der Unterwelt, wo der Satan wie in einem Zentralgefängnis festgehalten wird (Jud. 1, 6). Endgül­tig ist dieser Aufenthalt Satans mit dem Weltgericht. Seine Ewigkeit ist begründet in der Natur des Satanismus. Wenn wir in unserer humanitären Sentimentalität uns an diesem Ewigkeitscharakter der Strafe stossen, so kommt das daher, dass wir immer wieder vergessen, was Satanismus ist. Die Hölle Satans ist deswegen von immerwährender Dauer, weil Satan das so will.

Die Sünde Satans hat etwas Definitives. Was er will, das will er ganz und für immer. Einmal gegen Gott bleibt er gegen Gott. Einmal prinzipieller Gegner der Gnade, will er für alle Zukunft prinzipiell nichts von Gnade wissen. Satanis­mus ist ewige Sünde. Im Bösen verstockt ist Satan unfähig zu jener Gesinnungsänderung, die wir als Reue bezeichnen. Wo aber keine Sinnesänderung, kann auch von keiner Am­nestie die Rede sein. Die Logik des Satanismus verlangt die Ewigkeit der Höllenstrafe.

Was ist die Hölle Satans? Absolute Gottferne. Vollkom­mene Gottlosigkeit. Die Hölle Satans ist die Ewigkeit ohne Gott. Um das zu verstehen, müssen wir bedenken, dass Satan der Natur nach blieb, was er war. Der Teufel ist Luzifer und Luzifer ist ein Engel. Ein gefallener Engel gewiss, aber immer­hin ein Engel. Der Sündenfall hat wohl die Qualität des En­gels verändert, aber nicht sein Wesen. Es gehört aber zum Wesen des intelligenten Geschöpfes, naturnotwendig immer wieder zurückzustreben zu dem, von dem es ausgegangen. Zu Gott.

Dieser Naturdrang zu Gott lebt auch im Satan trotz seines Abfalls von Gott weiter. Und das macht das Wesenhafte seiner Hölle aus. Das namenlose Unglücklichsein, das ent­steht, wenn die Natur eines Wesens in unzerstörbarem Drang nach dem strebt, von dem der Wille in seiner verstockten Bosheit sich beständig abkehrt. Engel sein und gleichzeitig Teufel, ist eine unerträgliche Höllenqual.

Was ist die Hölle Satans? Ewiges Gefesseltsein in einem Gefängnis (Jud. 1, 6). Das Nichtmehrbesitzen der Handlungs­fähigkeit und Bewegungsfreiheit. Erinnern wir uns wiederum: Luzifer war nach St. Thomas Führer. Chef jener Hierarchie von himmlischen Geistern, denen die Sorge für das materielle Universum anvertraut war. Ein Geist von riesenhafter Akti­vität. Und der ist nun in der Hölle, ein sozusagen an Händen und Füssen Gebundener. In Ewigkeit. Aktivist sein, handeln wollen, handeln müssen, und das aus Naturnotwendigkeit, und nicht mehr handeln und sich bewegen können — das ist eine Hölle. Das ist die Hölle Satans.

Damit in Zusammhang ist ein anderes. Satans Ehrgeiz ist die Gestaltung eines unermesslichen Reiches von satani­schen Geistern und satanisierten Menschen, die seinen Inspi­rationen gehorchen. Solange die Weltgeschichte läuft, kann er diesen Ehrgeiz einigermassen befriedigen. Am Tage des Weltgerichtes, der ein Tag der Entlarvung Satans sein wird, wird es allen Teufeln und Verdammten offenbar werden, dass sie belogen und vergewaltigt wurden und Satan sie nur zu seiner selbstsüchtigen Reichspolitik missbrauchte. Alle Ge­folgschaft wird damit aufhören. Alle Getreuen werden in wü­tendem Hass ihn verfluchen und verfolgen. Satan wird allein sein. Satan der Weltherrscher ist der Einsame geworden. Der Verlassene. Die ganze unendlich lange Ewigkeit allein. Das ist eine Hölle.

Und diese Hölle ist Qual. Christus, der es weiss, spricht von einem ewigen Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden ist (Matth. 25, 41). Luzifer wollte nichts von einem geschenkten Himmel wissen. Er suchte als Na­turalist seine ganze Seligkeit in seinem ureigenen Wesen und in seinem selbst geschaffenen Reich. In dem, was er selber war und in dem, was er selber hatte. Und nun ist er ganz arm ge­worden. Die Schöpfung, die er missbrauchte, bietet ihm nichts mehr. Nichts als den rasenden Schmerz. Die geheimnis­volle Feuerqual. Auch das ist Logik der Gerechtigkeit. Der Naturalismus machte, Gott zum Trotz, die Natur zum Him­mel, zum Himmel ohne Gott und nun wird die Natur ihm zur Hölle. Die Hölle ist die Widerlegung des Naturalismus. Es gibt schlussendlich keinen Himmel im Universum als den Himmel der Gnade.

Was folgt daraus? Die Hölle ist, was man auch immer gegen sie vorbringen mag, der Ort der Gerechtigkeit. Die Ge­rechtigkeit verlangt: Jedem das Seine! Jeder bekommt, was er will. In gewissem Sinne liegt also etwas Wahres in der libera­len Phrase: yeder soll nach seiner Façon «selig» werden. Wer den Himmel will, wird den Himmel bekommen. Wer den Himmel nicht will, wird den Himmel nicht bekommen. Er muss also, weil es neben dem Himmel in der Ewigkeit nur noch eine Hölle gibt, in diese kommen. Schliesslich hat dann jeder das Seine. Der Christ und der Satan.

Die Weltgeschichte ist ein Mysterienspiel, dessen Verfas­ser Gott ist und dessen Spieler die Engel und die Menschen. Das Thema ist «Natur ohne Gnade oder Natur mit Gnade». So sehr es uns oft reizt, vorschnell und mit Kritik über den Verfasser herzufallen, die Gerechtigkeit verlangt, mit dem Urteil zurückzuhalten bis zum Schlusse des Dramas «Welt­geschichte». Der Schlussakt ist das Weltgericht.

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Quelle: Robert Mäder: Der Heilige Geist – Der dämonische Geist, Verlag St. Michael, Goldach (Schweiz), 1969

EWIGE VERDAMMNIS ? – II.

Eleison Kommentare Nummer CCCVI (306), 25. Mai, 2013

Gewiß ist es müßig zu behaupten, daß wir Menschen das Geheimnis ergründen können, welches hinter der Verdammnis auch nur einer einzigen Seele steht, geschweige denn hinter der Verdammnis der Mehrheit der lebenden und sterbenden Menschen. Trotzdem können wir auf Aussagen zurückgreifen, welche uns verstehen helfen, daß dieses Thema ein Geheimnis jenseits unserer menschlichen Erkenntnisfähigkeit birgt.

Der Schlüssel zu diesem Geheimnis liegt gewiß in der unendlichen Größe bzw. Unbegrenztheit von Gott begründet. Wenn Gott unendlich ist, so ist seine Beleidigung ein Vergehen, welches auf eine gewisse Weise ebenfalls grenzenlos ist. Ein endliches Menschenwesen kann jedoch nur dadurch auf unendliche Weise leiden, daß dieses Leiden zeitlich keine Grenze bzw. kein Ende hat. Auf diese Weise entsteht dann ein gewisses Verhältnis zwischen einem schweren Vergehen gegen Gott und einer ewigen Strafe.

In abstrakter Hinsicht fällt das Begreifen der Unendlichkeit bzw. Grenzenlosigkeit Gottes uns nicht allzu schwer. Denn wir sind von lauter Wirkungen umgeben, welche alle eine Ursache erfordern. Doch so wie eine schier endlose Aneinanderreihung von Kettengliedern nicht ohne Deckenhaken aufgehängt sein kann, so kann auch eine Verkettung von Ursachen nicht unendlich weitergehen. Deshalb muß eine Erstursache existieren, welche wir Gott nennen. Wenn nun diese Erstursache wiederum zusammengesetzt wäre bzw. aus mehreren Teilen bestünde, so müßte jemand oder etwas, welches diese Zusammensetzung durchgeführt hat, vor der Erstursache gekommen sein – und das ist schlicht unmöglich. Daher kann Gott nicht zusammengesetzt, sondern nur einfache und reine Existenz sein. Eine solche Existenz ist allerdings durch sich selber bzw. an sich unbegrenzt. Deshalb hätte jede Begrenzung von Gottes Wesen diesem von einem Begrenzer auferlegt werden müssen, welcher vor Gott existiert haben müßte – erneut unmöglich. Aus diesem Grund unterliegt die Erstursache als Wesen keiner Begrenzung, und Gott ist somit eine unendliche Existenz.

In konkreter Hinsicht begreift unser Verstand allerdings die Unendlichkeit Gottes nicht so leicht. Unser menschlicher Verstand arbeitet den ganzen Tag lang mit begrenzten bzw. endlichen Geschöpfen und aus diesen heraus. Wir denken nur dann vom Unendlichen, wenn wir unser Herz und unseren Verstand zu Gott erheben. Üblicherweise resultiert daraus auch eine gewisse Schwierigkeit mit dem Beten, weil wir eine grenzenlose Güte uns nur vorstellen können, indem wir an eine begrenzte Güte denken und dann diese Grenze uns wegdenken. Zum Beispiel ist Gott so schön wie ein Sonnenuntergang – nur noch unendlich schöner.

Aus dem Gesagten folgt: je stärker wir in unser Alltagsleben eintauchen, desto schwerer fällt unserem Verstand und Herzen das Erfassen, wer oder was dieser Gott ist, welcher hinter all diesen begrenzten Wesen steht, die unser Alltagsleben ausmachen. Und umgekehrt gilt: je mehr wir unseren Verstand und Herz dem Verstehen und Lieben der unbegrenzten Güte widmen, welche notwendigerweise hinter all den begrenzten guten Dingen in unserem Alltag steht, desto leichter fällt uns der Zugang zum Geheimnis von Gottes unendlicher Güte und zum entsprechenden Geheimnis der Undankbarkeit von so vielen seiner menschlichen Geschöpfe.

Um also dem Geheimnis der Verdammnis von Seelen ein bißchen näherzukommen – ohne es auch nur im entferntesten ergründen zu können –, brauchen wir nur dem Beispiel des Hl. Dominik zu folgen, und zu beten. Dieses Beten bedeutet nicht, daß ich mir vormache, daß Gott recht hat, wo er eigentlich unrecht hat. Es bedeutet im Gegenteil, daß ich jener Wahrheit näher komme, daß er recht hat und ich – unrecht !

Die Exerzitien des Hl. Ignatius von Loyola helfen erheblich dabei, Herz und Verstand Gott zuzuwenden. Ein Heiliger betete einmal in dieselbe Richtung: „O Liebe, Du wirst nicht geliebt. Würdest Du doch nur geliebt werden. Gib, daß ich Dich so liebe, wie Du geliebt werden solltest, und dann tue mit mir, was immer Du willst.“

Kyrie eleison.