Die Wallfahrt zum heiligen Haus von Nazareth

Loreto - Übertragung des Heiligen HausesWie der heilige Evangelist Lukas in seinem heiligen Evangelium uns erzählt, hatte die heilige Jungfrau ihr Haus zu Nazareth, einer kleinen, von den Juden verachteten Stadt in Galiläa, drei Tagreisen von Jerusalem. Sie lebte da in stiller Zurückgezogenheit, als ihr der Erzengel Gabri­el den himmlischen Gruß brachte und das Ge­heimnis der Menschwerdung ankündigte. – Nach der Rückkehr von der Flucht nach Aegypten wohnte sie mit dem heiligen Joseph und dem süßen Jesuskinde wieder darin; und diese hei­lige Familie blieb da, bis Jesus sein öffentliches Lehramt antrat. – Das kleine Haus zu Nazareth war also der stille Zeuge der Kindheit Jesu, des Sohnes Gottes, seiner Tugenden und seiner heiligen Unterhaltungen mit Maria, seiner ge­benedeiten Mutter, und dem heiligen Joseph, seinem Nährvater. In diesem kleinen, unschein­baren Haus geschahen, der Welt unbekannt, jene unaussprechlichen Geheimnisse der Ar­mut, der Demut, des Gehorsams und der Liebe, welche später die Grundlage des Evangeliums, des ganzen Christentums werden sollten. Jeder Stein dieses kleinen Hauses wurde geweiht und geheiligt durch den himmlischen Duft und Wohlgeruch, den Jesus, Maria und Joseph at­meten.

Kein Wunder, wenn die Apostel und die ersten Christen gegen dieses heilige Haus die tiefste Verehrung fühlten und hegten, wenn sie es bewachten, vor jeder Schädigung bewahrten und oft besuchten. Daß dies wirklich der Fall gewesen, bezeugt die Geschichte, und be­schreibt der heilige Hieronymus in einem Brief an die selige Eustochium. „Von den Tagen der Himmelfahrt Christi an, bezeugt ein alter Ge­schichtsschreiber, haben die Apostel wegen der Geheimnisse, welche in dieser Stadt ge­wirkt wurden, das Haus der allerseligsten Jung­frau Maria, in welchem sie, vom Engel begrüßt, Christus den Herrn empfing, zum heiligen Dien­ste geweiht.“ Seit dieser Zeit strömten ununter­brochen Pilger aus allen Gegenden des Abend- und Morgenlandes nach Nazareth, um dort das heilige Haus zu besuchen und zu verehren.

Die heilige Kaiserin Helena, Mutter Konstantinus, des ersten christlichen Kaisers, wallfahrtete ebenfalls hierher und ließ die präch­tige Kirche der Verkündigung erbauen. Inmit­ten dieser Kirche stand das Haus, wo die heilige Familie wohnte. – Noch ist unter dem Hochaltar die Grotte sichtbar, wo die heilige Jungfrau den Gruß des Engels empfing. Auf 17 Marmor­stufen steigt man in das unterirdische Gemach hinab, welches viereckig ausgemeißelt und zu einer Kapelle eingerichtet ist. Unweit des Marmoraltares sieht man zwei Säulen, die an der Stelle errichtet wurden, wo die heilige Jungfrau im Gebet kniete und wo der Engel sie begrüßte. Daß in einer solchen Grotte oder Höhle der Engel der allerseligsten Jungfrau erschien, darf nicht wunder nehmen. Die Häu­ser in Nazareth sind an einem Berg angebaut, der voll von der Natur gebildeten Höhlen ist. Diese Felsenhöhlen haben die Bewohner zu Zimmern und Kammern eingerichtet, was auch beim heiligen Haus der Fall war. Solange das Heilige Land unter der Herrschaft der Christen stand, wurde fort und fort das heilige Haus zu Nazareth von zahllosen Scharen Wallfahrer aus allen Ländern der Erde besucht. Nachdem aber das Heilige Land in die Gewalt der Osma­nen fiel, ließen die Wallfahrten nach, denn die Christen waren zu sehr den Plackereien und Verfolgungen der Ungläubigen ausgesetzt. Doch ließen sich viele Pilger nicht davon ab­schrecken und wallten zur heiligen Stätte, um dort zu beten und zu weinen. Endlich gelang es den Christen, das heilige Grab zu Jerusalem und die umliegenden heiligen Orte den Händen der Türken zu entreißen. Nazareth wurde zu einem Erzbistum erhoben, und es begannen die Züge der Wallfahrer zum heiligen Haus wieder von neuem. Könige und Fürsten, die tapfersten Ritter des Abendlandes fielen auf ihre Knie nieder in dem kleinen Hause, wo Maria mit ihrem süßesten Kinde einst geweilt hatte. Im Jahre 1251 am Fest Mariä Verkündigung un­ternahm auch der heilige König Ludwig von Akkon aus, umgeben von einer glänzeden Schar der tapfersten Ritter, eine Wallfahrt nach Naza­reth. Als er von weitem den heiligen Ort sah, stieg er vom Pferde, kniete eine Weile betend nieder, und ging dann zu Fuß an die Stelle, wo das größte Geheimnis sich ereignet hat. Nach­dem sein Beichtvater an dem Altare der Ver­kündigung die Messe gelesen, empfing der König die heilige Kommunion. Der päpstliche Legat, Odo von Tusculum, sang das Hochamt an dem Hochaltare und hielt eine „salbungsvol­le Anrede“. Dies war die letzte feierliche Wall­fahrt zum heiligen Hause. Bald nach der Abrei­se des Königs überschwemmten die wilden Scharen des Kalifen von Aegypten das ganze Land. – Die heiligen Stätten wurden verwüstet und entweiht und die Christen grausam be­drückt. Da, wo einst fromme Pilger beteten, hörte man das Geheul und die Verwünschun­gen der Ungläubigen.

Da geschah es, daß plötzlich das heilige Haus zu Nazareth verschwand. Gott wollte nicht zulassen, daß jenes Haus, welches Zeuge der erhabensten Wunder der Liebe gewesen, den schändlichen Entweihungen der Ungläubi­gen ausgesetzt bleibe; Er befahl seinen heiligen Engeln die heilige Stätte hinwegzuheben, und an einen andern Ort zu tragen, wo es jene Verehrung finden sollte, die ihm gebührt.

Im Jahre 1291 am 10. Mai unter dem Papste Nikolaus IV., als Nikolaus Frangipani Statthal­ter von Dalmatien war, und der fromme Bi­schof Alexander zu St. Georg die christliche Herde in Dalmatien weidete, gingen einige Bewohner am Ufer des Adriameeres sehr früh auf ihre Felder zur Arbeit. Da fanden sie nicht weit vom Meer an einem Ort, Raunizza ge­nannt, ein kleines, fremdes Gebäude an einer Stelle, wo niemals ein Haus oder eine Hütte gesehen wurde. Man eilte von allen Seiten herbei, und betrachtete das unbekannte Haus von kleinen roten und viereckigen miteinander verkitteten Steinen. Man erstaunt über die selt­same Bauart, über sein altes Aussehen; man kann sich nicht erklären, wie es ohne Funda­ment auf dem Boden stehen bleiben kann. Man öffnet endlich verwundert die einzige an der Seite angebrachte Türe, und sieht ein kleines Zimmer, das ein längliches Viereck bildete. Die Decke, worüber ein hölzernes Glocken­türmchen ist, ist blau gemalt, und mit goldenen Sternen belegt. Auf der rechten Seite der Türe befindet sich nur ein einziges schmales Fenster. Ihm gegenüber erhebt sich ein Altar von star­ken viereckigen Steinen, auf welchem ein Kru­zifix steht mit der Überschrift: „Jesus von Nazreth ein König der Juden.“ Auf der rechten Seite befindet sich die Statue der heiligen Jung­frau mit dem Jesuskinde auf dem Arm. Ihre Gesichter sind durch die Zeit und auch durch den Rauch der vor diesem heiligen Bilde ver­brannten Kerzen fast ganz schwarz. Das Haupt der Mutter Gottes ist mit einer Perlenkrone geschmückt, ihre Haare sind gescheitelt, ihr Leib mit einem vergoldeten Rock bekleidet, um ihre Mitte schlingt sich ein Gürtel, der bis zu den Füßen herabreicht; ein blauer Mantel bedeckt ihre Schultern. Das Jesuskind voll Größe und Majestät hat ebenfalls die Haare an der Stirne gescheitelt, es trägt Kleid und Gürtel wie die Nazaräer und hebt segnend die ersten Finger der rechten Hand, in der linken hält es die Weltkugel.

Links neben dem Altar sieht man einen klei­nen Schrank in der Mauer für die ärmlichen Hausgeräte. In ihm stehen einige kleine Gefä­ße, ähnlich jenen, deren sich die armen Land­leute um Nazareth beim Essen bedienen. End­lich ist dabei ein Herd, der 4 Fuß hoch ist. So war das kleine Haus beschaffen. Woher kam nun dieses unbekannte Haus, wer hat es ohne ein Fundament hiehergesetzt? So fragen sich alle, welche herumstehen. Niemand weiß Auf­schluß zu geben. Alles staunt! Siehe, da eilt plötzlich der Bischof Alexander aus St. Georg daher. Er lag seit drei Jahren an einer unheilba­ren Wassersucht darnieder und ist nun gesund. Alle, die ihn sehen, wundern sich. Er aber spricht: „Ich war in meinem Bette schon nahe am Tode, als man mich von der Ankunft dieses Hauses in Kenntnis setzte. Ich beschwor die heilige Jungfrau, mir soviel Kraft zu erwirken, daß ich selbst dieses wunderbare Haus besu­chen und darin ihren mächtigen Beistand anru­fen könnte, fest entschlossen, mich hieher brin­gen zu lassen, wenn ich nicht selbst hierher gehen könne. Siehe da erscheint mir die heilige Jungfrau, strahlend von Licht, und spricht zu mir: „Alexander, du hast zu mir gerufen, hier bin ich, um dir zu helfen. Wisse, daß das Haus, welches in diesem Lande erschien, eben das Haus ist, wo ich in Nazareth geboren ward, wo ich den Gruß des Engels empfing, wo das Wort in meinem Schoße Fleisch geworden. Du sollst der lebendige Beweis für die Wahrheit meiner Worte sein; sei gesund.“ Die heilige Jungfrau verschwand, und ich war gesund.“

Indes kommt die Nachricht von dem wun­derbaren Ereignis zu den Ohren des Statthalters von Dalmatien. Er eilt herbei, nimmt sorgfälti­gen Augenschein von dem Hause und sendet dann vier Kommissäre in das Heilige Land nach Nazareth, welche sich selbst mit Augen überzeugen und dann eidlich aussagen sollten, ob das Haus der heiligen Jungfrau wirklich in Nazareth verschwunden, ob der Grund davon noch vorhanden, ob seine Steine ebenso be­schaffen seien, wie die Steine des unbekannten Hauses, und ob die ganze Bauart dieselbe sei, so daß man nicht leugnen könne, daß das in Nazareth gebliebene Fundament und das eben bei Raunizza erschienene Haus ein und dassel­be Gebäude seien.

Die vier Kommissäre, gleich ausgezeichnet durch Wissenschaft und Tugend, reisten in das Heilige Land ab. Sie forschten dort sorgfältig bei den Christen in Nazareth nach, und vernah­men von denselben, daß das Haus der heiligen Jungfrau vor kurzer Zeit verschwunden sei, ohne daß man wisse, was daraus geworden. Man führt nun die Kommissäre auf den Platz, wo das Haus stand; diese sehen staunend den Grund des Hauses, messen seine Länge und Breite, untersuchen die Steine und die Bauart und berechnen die Zeit, welche seit dem Ver­schwinden des Hauses bis zu seiner Ankunft in Dalmatien verflossen sein konnte. Was sie ge­sehen und gehört, schreiben sie nieder, kehren kann wieder nach Dalmatien zurück, bringen ihr Zeugnis dem Statthalter und bekräftigen es mit einem Eid. Das Haus zu Raunizza bei der Stadt Tersato ist wirklich das heilige Haus von Nazareth! – Von dieser Stunde an wallfahrtet eine unzählbare Menge Menschen zu diesem Hause. Drei und ein halbes Jahr dauern diese Wallfahrerzüge, siehe da verschwindet das Haus wieder. Engel tragen es über das adriatische Meer in ein Lorbeerwäldchen im Gebiet von Recanati, welches einer Matrone mit Namen Lauretta, daher der Name Loretto – angehörte. Damals wohnte der heilige Nikolaus von Tolentino, ein gar treuer Diener der allerseligsten Jungfrau, zu Recanati. Er wurde auf eine wunderbare Weise von dem Dasein des heiligen Hauses im Lorbeerwäldchen benach­richtigt. Kaum hatte er davon geredet, als so­gleich Alles hinauseilt, um das Haus zu suchen und zu sehen. Das Heiligtum war im Innersten des Wäldchens verborgen, wo sich die Zweige am dichtesten und am höchsten gegen den Himmel streckten, nur zwei Meilen vom Meer entfernt. Nur wenige Fußsteige führten zu dem­selben und diese waren des dichten Gebüsches wegen schwer zugänglich und unsicher. Diebe legten den Pilgern häufig einen Hinterhalt und beraubten sie. Furcht befiel die ganze Umge­gend, die Pilger blieben aus und das heilige Haus stand verlassen da. –

Siehe da, nach acht Monaten trugen die En­gel das Haus von neuem auf eine liebliche Anhöhe bei Recanati etwa eine Meile vom Lorbeerwäldchen entfernt. Zwei Brüder waren die Besitzer dieser Gegend, wo das Haus stand, und erfreut über die Ehre des himmlischen Besuches beeiferten sie sich, die heilige Jung­frau auf alle mögliche Weise zu verehren. Aber bald darnach entspann sich zwischen den Brü­dern ein heftiger Streit über den Besitz des Heiligtums; da wurde das Haus durch die Hand Gottes wieder entrückt, und einen Bogenschuß weit fern von den streitenden Brüdern auf eine freundliche Anhöhe, mitten auf die Heerstrasse versetzt, wo es nun seit damals steht.

Der Papst Bonifaz VIII. hörte mit Staunen, was auf dem Gebiet von Recanati vorging. Sogleich befahl er dem dortigen Bischof, das heilige Haus unter seine besondere Obhut zu nehmen, und von neuem darüber Untersuchun­gen anzustellen. Es wurde im Jahre 1296 eine Gesandtschaft aus vierzehn Rittern nach Recanati gesandt, welche das heilige Haus von Loretto, so wurde es jetzt genannt, genau unter­suchten, und dann in das Heilige Land abrei­sten, um auch in Nazareth getreue Nachfor­schung zu halten. Nach genauer Untersuchung kehren sie zurück, und sagen eidlich aus, daß das Haus von Loretto wirklich das Heilige Haus von Nazareth sei. Ihr eidliches Zeugnis wird niedergeschrieben und in den Archiven der Stadt für die Nachwelt hinterlegt. – Seit dieser Zeit besuchten unzählige Andächtige die heilige Stätte. Mehrere Päpste, Pius VI., Pius VII., Gregor XVI. und Pius IX. erschienen hier, beteten und opferten. Kaiser, Könige und Fürsten kamen hieher und huldigten der Himmelskönigin. Männer welche die Kirche Gottes unter ihre größten Heiligen zählt, der hl. Ignatius von Loyola, der hl. Franz Borgias, der hl. Franz Xaver, der hl. Aloyisius, der hl. Franz Sales, der hl. Franz von Paul, der hl. Karl Borromäus knieten in dem kleinen Haus, ver­gossen Tränen der Andacht und weihten sich der Himmelskönigin. Da möchte sich bewahr­heiten, was einst der hl. Joseph von Cupertino in einem Gesicht schaute. Er sah die seligen Geister vom Himmel auf- und absteigen auf das Haus Loretto; die einen trugen Bitten zum Throne Gottes, die anderen brachten Gnaden hinunter an jene Gläubigen, welche innerhalb des hl. Hauses beteten. Man zählt jährlich über Hundertausend Pilger, welche das hl. Haus besuchen; in einem Monat, besonders im Mo­nat September, beläuft sich oft die Zahl auf 115’000. An feierlichen Liebfrauentagen wer­den bei 400 hl. Messen gelesen. Wunderbare Gebetserhörungen haben hier schon ohne Zahl stattgefunden, und haben bezeugt, daß Maria wirlich die fürbittende Allmacht am Throne Gottes ist!

Nach [Mgr Jean-Joseph] Gaume und [Mgr Augustin-Jean] Le Tourneur