Die Hebammen des Papstes

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Fassade der Kirche des hl. Rochus am Lungotevere in Rom

Blick auf Rom durchs Schlüsselloch

Ein besonderer Ort des »verschwundenen Roms« (»Roma sparita«) ist sicherlich das Krankenhaus St. Rochus in der Nähe des alten Hafens. Es wurde im 16. Jahrhundert neben der gleichnamigen Kirche auf Initiative der Rochus-Bruderschaft erbaut und war für die Pestkranken bestimmt. Die von den Bootsführern und Gastwirten am Lungotevere unterhaltene Einrichtung fiel zwischen 1934 und 1938 den Sanierungsarbeiten in der Gegend um das Augustusmausoleum zum Opfer und verschwand. Unter den zahlreichen wohltätigen Institutionen aus der Zeit des Kirchen- staates gebührt dem Krankenhaus ein besonderes Gedenken, weil es für die Geschichte der Frauen in der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat. Denn etwa 100 Jahre nach der Gründung wurde hier 1616 dank des Weitblicks von Kardinal Antonio Maria Salviati eine Frauenabteilung eingerichtet. Der Kardinal hatte in seinem Testament verfügt, dass ein Teil seiner Hinterlassenschaft für den Bau eines neuen Flügels verwendet werden sollte. Dort sollten arme Frauen, verarmte Adlige und Wöchnerinnen (einschließlich der Unverheirateten und Witwen) behandelt werden. Unter Papst Klemens XIV. wurde daraus 1770 die erste auf Geburtshilfe spezialisierte Einrichtung Roms.

Es gab dort eine besondere Abteilung für die »Verborgenen« (Celate), das heißt Frauen, die aufgrund verschiedenster Wechselfälle ihres Lebens eine »illegitime« Schwangerschaft austrugen und anonym bleiben wollten. Die Kinder wurden nach der Geburt sofort in das »Wohltätige Haus der Ausgesetzten« bei der Kirche Santo Spirito in Sassia gebracht. Wollte eine Mutter ihr Baby dann doch zu sich nehmen, kennzeichnete sie es, um es wiederzuerkennen.

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Miniatur des hl. Rochus, der sein Pestgeschwür zeigt.

In einem großen Raum über der Sakristei der Kirche prägten andere Frauen die Geschichte dieses Ortes. Es war der 13. November 1789, ein Montag, als der junge Francesco Asdrubali, ein neuer Stern am Himmel der Heilkunst, zum ersten Mal die Schwelle dieses Raumes überschritt. Er hatte seine Ausbildung an der römischen Universität La Sapienza abgeschlossen und sich dann in Paris weiter in Geburtshilfe spezialisiert. Er hielt den ersten Kurs für die Hebammen Roms und begründete damit die »Hebammenschule« unter der Ägide von Papst Pius VI. Braschi. Den Kurs besuchen konnten christliche und jüdische Römerinnen und auch Fremde, sofern sie verheiratet, verwitwet oder schon etwas älter waren. Unverheiratete junge Frauen waren dagegen nicht zugelassen. Diese Initiative bemühte sich, einem alten Handwerk Ordnung und Professionalität zu verleihen. Bis zu jenem Zeitpunkt mussten Hebammen, um eine Lizenz zu erhalten, nur moralischen und spirituellen Anforderungen genügen, die vom Pfarrer bestätigt wurden, und sie mussten zeigen, dass sie in der Lage sind, einem Neugeborenen im Fall der Lebensgefahr korrekt die Taufe zu spenden, damit wenigstens seine Seele gerettet würde.

Eine Studie über die römischen Hebammen des 19. Jahrhunderts allerdings zeigt, dass nur eine Minderheit von ihnen ein Diplom an dieser Schule erworben hatte. Abschreckend wirkten wahrscheinlich die Kosten der zweijährigen Ausbildung. Die vom Staat verlangte Gebühr in Höhe eines Monatsgehalts für die Anmeldung des Gewerbes hielt manche hiervon ab. Die lange Tradition dieses Berufs bewirkte schließlich, dass man sich das Vertrauen der Bevölkerung nicht durch ein Diplom erwarb, sondern durch Erfahrung, die häufig von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Allerdings hatten einige der bekanntesten Hebammen wenig vertrauenerweckende Beinamen wie »die Fleischerin«. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es einen gesellschaftlichen Aufstieg der Hebammen. Damals strömte ein neues Bürgertum in die Hauptstadt Rom und Töchter von Angestellten, Freiberuflern oder aus dem verarmten niederen Adel sowie aus französischen oder englischen, in der Stadt ansässigen Familien wählten diesen Beruf. Sie hatten eine höhere Bildung und kamen aus gesellschaftlich höher gestellten Schichten als die Pionierinnen von St. Rochus. Stolz trugen sie ihren weißen Kittel und die typische Ledertasche und öffneten so den Weg in die Moderne.

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017